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Leselupe.de > Kurzprosa
Paranoide Schizophrenie
Eingestellt am 10. 07. 2012 13:00


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leselampe
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Registriert: May 2012

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Weihnachten. 2. Weihnachtsfeiertag wie immer bei meiner Großmutter. Nach dem Tod meines Großvaters ist sie in eine kleinere Wohnung umgezogen, mit einem beneidenswerten Ausblick über das ganze Tal.
Meine Oma ist der zufriedenste Mensch den ich kenne. Am Geld kann´s nicht liegen. Sie bekommt ungefähr 600 Mark Rente. Davon gibt sie jedes Jahr zu verschiedenen Geburtstagen und Weihnachtsfeiern mindestens 1000 Mark für Geschenke her. Wie macht sie das bloß?

An diesem Tag der GROSSE STREIT. Meine Mutter schreit meine Oma an, meinen Vater und rennt dann aus dem Haus. Meine Oma hat sie beleidigt, das hab sogar ich mitgekriegt, verstanden nicht, aber ihre Worte waren nicht sehr fein. Es ging um den Bürgermeister der kleinen Stadt, in der wir leben und wie meine Mutter um ihn herum geschwänzelt ist. Angeblich. Nicht dass ich es beurteilen könnte. Ich bin 10. Meine Mutter hat meinen Vater nie betrogen und er sie auch nicht. Aber vielleicht ein kleiner Flirt? Das ist schon möglich.
Meine Oma ist einfach und herzlich, ziemlich füllig, sehr großzügig, und manchmal hat sie ein fürchterlich großes Maul. Oder Goschn. Das ist keine Beleidigung, so spricht sie selbst.

So ein Geschrei habe ich noch nie erlebt. Es dauert lange, viele Minuten, meine Mutter kann sich gar nicht mehr beruhigen, und dass mein Vater nichts sagt, keinen Ton um sich auf ihre Seite zu stellen, macht die Sache nicht besser. Er ist das einzige leibliche Kind meiner Oma. Das eine Mal von den zwei Malen, die ich meinen Vater weinen sehe, ist auf ihrer Beerdigung.
Auf jeden Fall stellt sich mein Vater nicht vor meine Mutter. Hätte er machen sollen.
Meine Mutter taucht an diesem Abend nicht mehr auf und auch die nächsten drei Tage und Nächte nicht. Sie ist einfach weg. Keine Ahnung wo sie war, wo sie geschlafen hat (Hotel?).

Dieser 2. Weihnachtstag VOR dem Großen Streit ist das letzte Mal das ich meine Mutter gesehen habe. Nicht wirklich - sie kommt nach drei Tagen wieder – aber doch wahr. Der Mensch, der nach drei Tagen wieder in unserem Reihenhaus auftaucht, hat nichts mit meiner Mutter zu tun. Immerhin kenne ich sie seit 10 Jahren und 8 Monaten + 9 Monate.
Dieser Mensch sieht aus wie meine Mutter und hat ihre Klamotten an. Das ist es dann aber auch schon. Ihre Stimme ist anders. Sie weint oder schreit, sobald sie meinen Vater sieht, was ziemlich häufig passiert, da er Weihnachten seinen Jahresurlaub nimmt und immer zu Hause ist. Mit uns spricht sie gar nicht. Stunden. Tagelang. Stumm.
Immer diese Schallplatte, wenn sie die noch einmal hört, drehe ich durch. Seit einer Woche läuft dieses Lied bei uns in voller Lautstärke, immer wieder, stundenlang dasselbe Lied.
Irgendwann geht meine Mutter zur Kur für einige Wochen. Ich schreibe ihr. Es ist der letzte Versuch von etwas Normalem – zur Kur kann schließlich jeder. Danach wird es aber nicht besser. Die Kur hat nichts gebracht.
Sie muss ins Krankenhaus in die nächste Stadt, wieder einige Wochen. Der Mensch, der dann nach hause kommt, sieht nicht einmal mehr so aus wie meine Mutter. Zwei Jahre später nochmal das gleiche in einer anderen Stadt. Meine Erinnerung ist durcheinander- einmal kommt sie 10 Kilo leichter wieder, einmal 15 Kilo schwerer als vorher. Sie ist unglaublich dünn und fürchterlich dick und teigig. Sie redet auch schwammig verzerrt. Sie liegt wochenlang auf dem Sofa. Sie starrt ins Leere. Wer kocht und wäscht? Eine Weile meine Oma, später meine Schwester, sie ist ja älter. Sie ist 12, als alles beginnt.

Meine Mutter muss jetzt immer Medikamente nehmen, zum Wachwerden zum Einschlafen gegen die Angst gegen die Depression gegen das Durchdrehen gegen das Geschrei gegen die Traurigkeit. Viele verschiedene Medikamente.
Es gibt noch eine Frau in unserer kleinen Stadt, die hat zur gleichen Zeit die gleiche Krankheit. Sie ist kaum noch zu erkennen mit ihren 30 Kilo Übergewicht und ihrem schleppenden Gang und diesem abwesenden Gesichtsausdruck. Irgendwann ist sie gestorben. Meine Mutter hat immer gesagt, sie sei daran gestorben, dass ihre Familie sie im Stich gelassen hat. Ich weiß nicht – kann man daran sterben?

Meine Mutter hat ein Buch geschrieben, eine Art Tagebuch. Sie will das gerne herausbringen. Sie hat auch gedichtet – diese lustigen Stammtischgedichte und schwere düstere Depressionsgedichte
Dieses Buch also über sich und uns, sie will immer, dass ich es lese weil sie möchte, dass ich es gut finde. Die letzten Sätze sind ich hasse mich ich hasse mich ich hasse mich. Dick unterstrichen und durchgestrichen und wieder unterstrichen.

Ich erzähle das dem Arzt, der mitten in der Nacht in unserem Flur steht, und er sagt irgendwas, was wohl beruhigend sein soll, mich aber noch mehr aufregt- was war das noch? So in die Richtung, dass kranke Menschen so was schon mal schreiben, aber man solle es nicht ernst nehmen.
Wie kann ich das nicht ernst nehmen, dass meine Mutter schreibt, sie hasse sich? Was macht der überhaupt um diese Zeit in unserem Haus? Ein Krankenwagen kommt und bringt meine Mutter weg in die zweite Stadt.
Diagnose: Paranoide Schizophrenie.



Version vom 10. 07. 2012 13:00
Version vom 11. 07. 2012 14:20

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