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Auf einer Sonnenblume saß ein kleiner Marienkäfer mit Namen Paule. Gern betrachtete er die große weite Welt von hier oben und grübelte lang vor sich hin. Ein kleiner Seufzer entrang sich seiner und er stütze sein schwarzes Köpfchen auf die Hand. Die Sonne lachte vom Himmel und wärmte seine schönen Flügel. Er breitete sie aus, um soviel Wärme wie nur möglich zu speichern.
Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn aufhorchen. Er drehte sich um und sah ein paar Flügel auf sich zukommen. Das Brummen wurde immer lauter, Paule kniff die Augen zusammen. Dann konnte er den Marienkäfer erkennen, der auf seine Sonnenblume zusteuerte. Es war Jule, seine beste Freundin. Er freute sich sehr, sie zu sehen und machte Platz für ihre Landung. In das Brummen mischte sich eine leiser Schrei, der immer lauter wurde. Jule fing an zu wackeln und ging in einen unruhigen Landeanflug über. Die Beine strampelten wild und sie ruderte mit den Armen.
„Geh weg, Paule. Ich komme“, schrie sie dem Marienkäfer zu. Paule ging schnell zum Rad der Sonnenblume, um Jule genügend Platz zu lassen. Sie ist zu schnell, dachte er sich. Aber wie sollte er ihr helfen? Jule streckte die Beine nach vorne, um so abbremsen zu können und klappte ihre Flügel ein. Sie landete unsanft auf der Blume, kam ins straucheln und purzelte ein paar Schritte. Auf dem Rücken liegend strampelte sie mit den Beinen, da sie es nicht schaffte, sich umzudrehen.
„Paule, so hilf mir doch“, jammerte sie und streckte ihre Arme aus. Paule lief schnell zu ihr. Mühsam stemmte er sich gegen seine Beine und rollte sie herum. Ganz verschwitzt schaute er sie an. Jule kniff die Augen zusammen und blickte grimmig.
„Was denn Paule, bin ich zu schwer für dich?“ wollte sie wissen und tippte mit einem Fuß wartend auf den Boden.
„Och, Jule“, meinte Paule unbestimmt und versuchte sich aus der missligen Lage zu retten. „Du bist nicht schwer. Rank und schlank bist du und deine Flügel leuchten feuerrot.“ Jule schaute ihn noch einige Sekunden an und nickte dann zufrieden.
„Vor allem hast schöne schwarze Punkte“, sagte er traurig hinterher. Er blickte auf Jules Flügel. Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter und schaute seine Flügel an. Dort war noch gar kein Punkt zu sehen, warum Paule auch so unglücklich war.
„Paule, du wirst auch noch deine Punkte bekommen.“
„Ja, das sagt du jeden Tag. Bisher hab ich nicht einen einzigen und du hast zwei.“
„Bist du da jetzt böse auf mich, Paule?“
Der Marienkäfer schüttelte den Kopf. Er wollte nicht neidisch sein auf seine beste Freundin.
„Nein Jule, tut mir leid. Aber wie hast du sie bekommen?“ wollte er gern wissen. Doch Jule schüttelte nur den Kopf. Das wusste auch sie nicht, sie waren irgendwann einfach da gewesen.
Traurig ließ er den Kopf hängen und setzte sich wieder auf die Blüten der Sonnenblume. Jule nahm neben ihm ebenfalls Platz. Schweigend verbrachten sie den Tag und schauten der Sonne bei ihrer Wanderung zu.
Als die Dämmerung hereinbrach, legte Jule ihren Kopf auf die Schulter von Paule.
„Vielleicht kann dir ja der alte Bertl helfen?“ sagte sie auf einmal und schaute ihn dabei an.
„Wie kommst du darauf? Ich weiß gar nicht genau, wo der verschrobene Einsiedler eigentlich genau lebt. Den hat schon lang keiner mehr gesehen.“
„Kann ja sein“, meinte Jule unbestimmt, „aber ich habe gehört, das er alles weiß. Vielleicht auch, woher die Punkte kommen.“
„Ach, wirklich?“
Das brachte Paule doch zum grübeln und er sann eine Weile nach.
„Ich weiß auch, wo er wohnt.“ Das gab dann den Ausschlag für Paule.
„Kommst du mit?“ fragte er schüchtern. Jule fing breit an zu grinsen. „Na klar. Ich begleite dich gern.“
Hand in Hand starteten sie von der Sonnenblume und flogen im Dämmerlicht Richtung Norden. Eine Weile brauchten sie und hatten schon Angst, den Hügel nicht mehr zu finden.
„Da“, rief Jule und zeigte auf einen kleinen Erdhügel. Dieser war kaum im Dämmerlicht zu erkennen. Paule ließ ihre Hand los und landete sicher vor dem Hügel. Jule hingegen legte genau dieselbe Bruchlandung wie auf der Sonnenblume hin. Paule kniete vor ihr nieder. „Alles in Ordnung?“, fragte Paule besorgt.
„Ja, ist alles gut. Hilf mir lieber hoch.“ Dies tat er auch und sie liefen anschließend zu ihrem Ziel. Aus der Luft sah der Erdhügel gar nicht so groß aus. Aber jetzt überragte er die beiden Marienkäfer bei weitem. Dunkel und furchteinflößend wirkt er wie ein Grab. Paules Flügel begannen vor Angst zu zittern, so dass ein leises Summen zu hören war. Jule drehte sich zu ihm um. Schmunzelnd blickte sie auf seine Flügel.
„Na, etwa Angst, Paule?“ fragte sie vergnügt. Dieser hielt seine Flügel fest und schüttelte den Kopf. Er wollte nicht, das Jule dachte, er sei ein Angsthase. Um ihr seinen Mut zu beweisen machte er den ersten Schritt auf den Hügel zu.
„Hallo?“ rief er in die Stille hinein. Seine Stimme sollte kräftig klingen, doch war sie eher etwas weinerlich. Als keiner antwortete, drehte Paule sich um.
„Scheint keiner da zu sein“, sagte er und wollte gerade gehen als ihn Jule am Arm festhielt.
„Na nun warte doch mal. Vielleicht ist er auf der anderen Seite. Komm.“
Sie ging voran und hatte schon fest den Hügel umrundet, als Paule ihr folgte.
„Du kannst gar nicht wissen, ob er etwas über die Punkte weiß. Außerdem dürften wir gar nicht hier sein. Wenn das Mama hört bekomm ich Hausarrest. Und du auch“, wollte er sie zur Umkehr überreden. Jule blieb stehe, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Wenn du soviel Angst hast, dann geh doch zu Mama! Ich werde das Geheimnis lüften.“
Sie stampfte mit den kleinen Füßen auf und ging weiter. Paule zuckte die Schultern und folgte ihr.
„Warte Jule, ich komme mit.“ Er konnte sie doch nicht allein gehen lassen. Einer musste sie doch beschützen. Er schaute sich um. Die Gegend wurde immer unheimlich. Äste lagen überall verstreut, so dass sie über diese klettern mussten. Abgefressene Blumenstängel lagen auf dem Boden. Wer beschützt mich eigentlich, fragte sich Paule.
„Jule, vielleicht weiß er gar nichts“, rief Paule als eine laute Stimme ihn innehalten ließ.
„Ich weiß alles, Paule“ tönte es aus dem Unterholz. Gelbe Augen blickten ihn an, ein Schnaufen wie von einer Eisenbahn war zu hören. Schnellen Schrittes kam Jemand auf ihn zu, immer größer werden. Paule verschlug es die Sprache, er wollte weg rennen. Doch er kam ins stolpern und viel hin. Jule kam angerannt und wollte ihm hoch helfen, als ein Schatten über sie fiel.
„Wo willst du denn hin, Paule?“ fragte der riesige Marienkäfer vor ihm. So einen großen hatte er noch nie gesehen.
„Ich..., ich...., ich...“, stammelte er und bekam kein Wort heraus. Jule blickte den großen Marienkäfer finster an.
„Wir such den Einsiedler Bertl. Bist du das?“
Schweigend betrachtete er Jule und Paule. Er setzte sich auf den Boden und wirkte gleich nicht mehr so furchteinflößend. Sein grimmiges Gesicht wurde etwas sanfter. Die beiden Marienkäfer fassten ein wenig Vertrauen und richteten sich auf.
„Ja, ich bin Bertl“, sagte er ruhig. „Was führt euch soweit hinaus, das ihr gegen die Verbote eurer Eltern verstoßt?“
„Woher weißt du das?“ wollte Jule wissen. „Ich weiß alles“, antwortete Bertl. Jule schaute Paule freudig an.
„Siehst du, ich habe doch gesagt, das er alles weiß.“ Paule nickte ihr zu und schaute Bertl an.
„Kannst du mir sagen, warum ich keine Punkte habe?“
Dabei zeigte Paule auf seine unbefleckten roten Flügel. Unruhig wartete er auf eine Antwort und hoffte inständig, eine zu bekommen.
„Ja, das weiß ich Paule“, antwortete ihm Bertl. Hoffnung keimte in Paule auf und er stellte sich schnell auf.
„Paule, schwarze Punkte musst du dir verdienen. Sie werden dir nicht geschenkt.“
Ungläubig schaute er den großen Marienkäfer an.
„Und wie verdiene ich sie mir?“
„Indem du anderen hilfst. Hilf bei der Futtersuche oder deine Mutter im Haushalt. Pass mit auf die kleinen Marienkäfer auf. Sei ein Freund für diejenigen, die keine haben.“
Paule überlegte eine Weile. Ja, das war gut.
„Das werde ich machen“, sagte er zuversichtlich und schüttelte Bertl die Hand.
„Danke schön.“
Er drehte sich um und wollte mit Jule wieder zum Himmel aufsteigen, als ihn Bertl zurück rief.
„Aber Paule, denk daran. Du darfst nichts aus Eigennutz tun.“
Paule winkte ab. Er wusste ja nun bescheid und startete mit Jule in den nächtlichen Himmel.
Fortan wollte Paule jeden Tag mindestens eine gute Tat vollbringen. Er half seiner Mutter beim Haushalt. Der Müll wurde entsorgt, er fing kleine Blattläuse zum Abendbrot. Sogar mit Thorben, den keiner in der Marienkäferschule mochte, spielte er ein wenig. Die Straße wurde von ihm gefegt, der Zaun gestrichen und der Rasen gemäht.
Nach vielen, vielen Wochen stellte er sich wieder vor den Spiegel. Immer noch kein Punkt. Aber wieso nicht? Er tat mehr als alle anderen Marienkäfer. Er machte sogar seine Hausaufgabe regelmäßig. Und trotzdem bekam er keinen Punkt. Jule hatte bereits ihren dritten auf den roten Flügeln.
Schmollend saß er auf der Sonnenblume und döste in der wärmenden Sonne vor sich hin.
„Ist das gemein!“ sagte er lauthals und warf ein Stöckchen hinab. Da sah er unter ihm Jule vorbei fliegen. Sie landete, wie immer mit einer Bruchlandung, vor dem Stängel der Blume und schaute zu ihm auf. Paule wollte gerade etwas zu ihr sagen, als er einen riesigen schwarzen Schatten auf Jule zurenne sah.
„Jule, pass auf“, schrie er hinunter. Aber Jule war wieder auf den Rücken gefallen und konnte sich nicht umdrehen. Der Schatten kam näher und Paule erkannte das riesige Ungeheuer. Es war ein Hund, der mit der Nase schnüffelnd auf den kleinen Marienkäfer zugerannt kam.
„Jule, so steh doch auf“, schrie er wieder. Er hatte doch selber solche Angst. Aber seine beste Freundin war in höchster Gefahr. Paule stand auf und sprang von der Sonnenblume. Seine Flügel breiteten sich aus und er flog brummend zu Jule hinab. Er landete genau vor ihr. Der Hund war immer näher gekommen. Nur noch wenige Meter und er hätte die beiden erreicht.
Schnell griff er nach Jules wild zappelnden Händen. „Was ist denn los, Paule? Hilf mir lieber“, beschwerte sich seine Freundin.
„Ein Hund kommt da vorne. Er ist gleich da.“
Jule verengte den Hals, konnte aber nichts erkennen. Aber ein Geräusch ließ sie innehalten. Schnüffelnd bahnte sich etwas seinen Weg. Und dieses Geräusch kam immer näher.
„Ah, Paule. Hilf mir hoch. Da kommt ein Hund“, schrie Jule auf einmal.
„Hab ich doch gesagt“, sagte Paule leicht genervt und drehte Jule um. Da war aber plötzlich der Hund direkt vor ihnen. Er blieb stehen, schaute beide an und bleckte die Zähne. Jule zitterte vor Angst und versuchte fortzufliegen. Doch sie bekam ihre Flügel nicht unter Kontrolle, die Angst war zu groß.
Paule schaute sich um und ergriff einen kleinen Stock. Mit diesem stellte er sich mutig zwischen Jule und dem Hund.
„Verschwinde, du Ungeheuer“, schrie er dem Hund entgegen. Dieser zeigte sich wenig beeindruckt und kam näher.
„Renn weg, Jule“, sagte Paule. „Ich halte ihn auf.“
Der Hund schnappte nach dem Marienkäfer, wollte das lästige Insekt verschlingen. Paule brachte sich mit einem Sprung außer Reichweite. Jule stand auf und rannte zu der Sonnenblume. Dort lugte sie am Stängel vorbei. Mit zitternden Knien beobachtete sie, wie sich ihr Freund versuchte zu verteidigen.
Paule konnte immer wieder den riesigen Gebiss des Hundes entkommen. Mit dem Stock schlug er auf das Maul ein, aber ohne Schaden anzurichten. Das Monster drängte den Marienkäfer in die Enge. Paule schaute sich mit gehetztem Blick um und sah keinen Ausweg mehr. Es half nichts, er musste in den Angriff übergehen.
Mit pochendem Herzen kam er dem Hund entgegen. Die ausgestreckte Hand mit dem Stock voran, lief er so schnell ihn seine Beinchen tragen konnten.
„Hau ab, du Ungeheuer“, schrie er und rammte dem Tier den Stock in die Nase. Der Hund blieb augenblicklich stehen, kam sogar ins straucheln und fiel hin. Mit der Pfote versuchte er, den Stock aus der sehr empfindlichen Nase zu ziehen. Als es ihm nicht gelang, stand er auf und ergriff jaulend die Flucht.
„Komm ja nicht wieder, du Monster“, rief ihm Paule mit drohender Faust hinterher. Als der Hund außer Sichtweite war, setzte sich Paule auf den Boden. Sein ganzer Körper zitterte und auch seine Flügel gaben wieder dieses ängstliche Summen von sich. Jule rannte auf ihn zu und umarmte ihn so stürmisch, das beide umfielen.
„Du warst so mutig. Oh, du bist mein Held“, sagte sie vergnügt und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Da errötete der kleine Marienkäfer und seine Backen hatten bald die Farbe seiner Flügel angenommen.
„Ach was, Jule, das war doch gar nichts“, wollte er sein Handeln abtun, doch Jule ließ nicht mit sich reden.
„Wie du die Bestie verjagt hast. Zum Angriff bist du übergegangen, ganz mutig und wie ein Held aus den Büchern. Wenn ich das allen erzähle. Mann, das bist du berühmt.“
Paule musste verlegen lächeln. Soviel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt. Er stand wieder auf und half Jule auf die Füße. Als er sich umdrehte stockte Jule der Atem.
„Paule, oh Paule ist das schön“, sagte sie und viel ihm weinend um den Hals. Paule wusste gar nicht, was seine Freundin hatte und wollte sie schon trösten, als diese ihn lächelnd ansah.
„Komm mit, ich zeig dir was.“
Sie nahm ihn an die Hand und beide flogen zu einem kleinen See. Am Ufer gelandet, wobei Jule beinahe in das Wasser gefallen wäre, drehte sie Paule um. Dieser mochte seinen Augen nicht trauen.
„Aber wie...“, mehr konnte er nicht sagen. Er bewunderte nur sein Spiegelbild. Denn auf seinen roten Flügeln hatte sich ein schöner schwarzer Punkt gebildet. Lang starrte er auf den Punkt und schaute dann Jule an. Tränen standen ihm in den Augen, die er gar nicht verbergen mochte, denn es waren Tränen der Freude.
„Aber wie ist...“, setzte Paule erneut an.
„Erinnerst du dich an den Einsiedler Bertl?“ unterbrach ihn Jule. Er nickte nur.
„Er meinte, ich müsse eine gute Tat vollbringen.“
Belehrend hob Jule ihren Finger.
„Nein, Paule. Er sagte, du solltest es nicht aus Eigennutz tun.“
„Ja und?“
Jule verzog ihr Gesicht zu einer Schnute.
„Ach, Paule, verstehst du wirklich nicht? Wenn du deiner Mama geholfen hast oder den Rasen gemäht, dann nur, um einen schwarzen Punkt zu bekommen.“
„Aus Eigennutz?“ fragte Paule vorsichtig. Jule nickte.
„Und nun hast du mich gerettet. Das war keine Eigennutz. Du hast es getan, weil ich in Gefahr schwebte. Weil du mich magst?“
Jule schaute ihn treu mit ihren großen Augen an. Paule wurde ganz verlegen und nickte.
„Siehst du, wenn du etwas machst und das Uneigennützig, wird dies irgendwann belohnt.“
Paule verstand nun die Worte des Einsiedlers und umarmte Jule.
Gemeinsam flogen sie zum Himmel und der Sonne entgegen. Paule wollte allen seinen ersten schwarzen Punkt zeigen.
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Auch die Ewigkeit besteht aus Augenblicken.
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