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Leselupe.de > Erzählungen
Pedro oder leben, aber wo?
Eingestellt am 03. 09. 2009 18:07


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schmidt.karl
Hobbydichter
Registriert: Sep 2009

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Pedro oder leben, aber wo?

Mehrere Wochen lang war Pedro unterwegs gewesen; gerüstet mit den letzten Dingen, die noch zu ihm gehörten.
Er lief in den Arbeitsschuhen aus braunem Leder, die er auf den Feldern des amerikanischen Südens getragen hatte. An seiner Brust klebte ein weißes Hemd. Zusammen mit einer roten Badehose hatte er es in einem schmuddeligen Einkaufshaus an der mexikanischen Grenze erstanden. Mittlerweile war das Hemd verfleckt, sein von vornherein schon nicht lupenreines Weiß beinahe in ein mattes Grau übergegangen, die Hose klebrig und ausgebleicht, eher orange als rot gefärbt.
Erschöpft ließ Pedro sich auf einem spitzen Felsvorsprung nieder und es kam ihm vor als würden tausend Nädelchen in seinen Rücken pieken.
Die Reise hatte an seinen Kräften gezehrt. Niemals zuvor war er für solch einen langen Zeitraum alleine unterwegs gewesen – noch dazu ohne jemals mehr als einen Tag zu rasten. Denn: Reisen - damit kannte er sich nicht wirklich aus. Lediglich Flugreisen zu den Orten, an denen er arbeitete – meist in den U.S.A. - hatte er bereits unternommen. Und ein einziges Mal: Ein einziges Mal war er alleine mit seinen Eltern - die Geschwister waren zu Hause geblieben - in den Ferien an der Küste gewesen; für drei Tage in einem kleinem miefigen Hotel.
Die Insel, auf der er sich jetzt befand, war von Vulkangestein übersät. Wo er auch hinsah: schwarze Steine – größere und kleinere – Brocken und Geröll. Zwischen ihnen Grasfetzen und exotische Blumen, wie leuchtende Farbtupfer auf einem ansonsten düsteren Gemälde, von Zeit zu Zeit von einem schwachen Wind bewegt.
Un über jeden Windstoß dieser Art war Pedro froh, denn während die Sonne brannte, umgab ihn stickige Luft und jeder Luftzug ließ ihn aufatmen; die beklemmende Schwüle, die sich allmählich auf sein Gemüt niederschlug, vergessen. Wer weiß, wie er es hätte aushalten sollen, wenn dieser Wind nicht gewesen wäre, wenn er nicht den Ausblick auf das sanft wogende Meer gehabt hätte und wenn er an diesem Ort gewesen wäre, ohne sich seiner Sache sicher zu sein. Der Horizont schien weit entfernt und der für Pedro greifbare Raum gab sich unendlich groß, doch trotzdem kein einziges Schiff auf dem Wasser zu erkennen.
Er kletterte den Felsvorprung, der auf den einzigen Berg der Insel zustrebte, ein StĂĽck hinauf.
Langsam lief ein Kamelion an ihm vorbei und setzte sich auf den Rand einer der kleinen Aushöhlungen des Felsvorsprungs, die das Meer über Jahrtausende hatte entstehen lassen und die Pedro jetzt, aufgrund ihrer spitzen Kanten, quälten. Pedro schaute genauer hin: Das Tier, eben noch ruhig und scheinbar gelassen, flitzte plötzlich los, streifte eines der Grasbüschel und verschwand binnen weniger Sekunden in einer Gesteinsnische.
Wie diesem Kamelion war es Pedro in den letzten Wochen ergangen. Von Texas aus hatte er die Mitte und den Süden des amerikanischen Kontinents durchquert, dabei immer wieder mehr oder weniger kleine Städte passiert und sich stets den jeweiligen Gegebenheiten angepasst, um niemandem aufzufallen. So war er zwar langsam, dafür aber fast unversehrt an sein Ziel gelangt, wo es, obwohl der Herbst bereits begonnen hatte, kaum kühler wurde. Bei diesem Wetter würden die Vögel, die sich in großen Scharen unten auf einem Gesteinsplateau am Wasser gesammelt hatten, wohl kaum davonfliegen.
Für Pedro bedeutete das, dass er noch länger an diesem Ort würde bleiben müssen, um sich sein größtes Anliegen selbst zu erfüllen.
Nachdem er dies gedachte hatte, dachte er nichts mehr Bestimmtes. Langsam überkam ihn ein sanfter Schwindel, seine Muskeln entspannten sich, sein Atem begann gleichmäßiger zu gehen und seine Gedanken verflüchtigten sich.
Er träumte von vergangenen Zeiten, von seiner Ankunft in Amerika und seiner Arbeit auf den Plantagen; von schier endlosen Tagen, die er inmitten schneeweißer Baumwollpflanzen verbracht hatte, davon, dass er dieses Land, dass er weder geliebt noch gehasst hatte, schon nach sehr kurzer Zeit unfreiwillig hatte verlassen müssen.
Jetzt, im Traum, kehrten Pedros Erinnerungen an den bisher entscheidendsten Tag in seinem Leben zurĂĽck.
Es war an einem schwülen Samstagabend geschehen. Den freien Nachmittag hatte er in seinem kleinen Appartement verbracht. Er hatte getrunken und auch etwas geraucht; sich dann am Telefon erbittert mit Emanuela gestritten. Emanuela, das war sein ältere Schwester, die in Mexiko geblieben war. Sie rief ihn andauernd an und wenn sie das tat, sprach sie stets über Verpflichtungen, darüber, dass er mehr Geld zu den Verwandten nach Hause schicken solle und sie öfters besuchen müsse. Pedro konnte das nicht verstehen: Wie sollte er gleichzeitig mehr Geld verdienen und öfters die eigene Familie besuchen?
Da ihm also Emmanuelas Anschuldigungen als eigentlich grundlos erschienen, scherte er sich kaum mehr um sie, doch an diesem Nachmittag war es besonders schlimm gewesen. Als Verräter, Gauner und schlussendlich einen Fremden hatte sie ihn bezeichnet.
Kurz darauf war Pedro in das BĂĽro seines Chefs bestellt worden.
Ein dĂĽsteres Zimmer, das, aufgrund seiner groĂźen surrenden Klimaanlage, relativ kĂĽhl temperiert war.
Wilson war schnell auf den Punkt gekommen.
„Ramirez, Sie wissen warum ich Sie hier her bestellt habe?“
„Nein Sir... “ -
„Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie es sind, der in letzter Zeit des öfteren Eigentum der Firma verschwinden lässt.“
„Aber Sir, ich ... war ... es nicht. Ich bin ... mir sicher, dass sich alles ... aufklären wird“, hatte Pedro gestottert.
„Aufklären, aufklären - nichts muss sich aufklären. Ihre Kündigung ist bereits ausgestellt, die Anzeige gemacht. Verschwinden Sie nach Hause und warten Sie dort auf die Polizei oder begeben Sie sich sofort auf das Revier.“
Pedro, sonst ein ruhigerer Mensch, war daraufhin wütend geworden und der kleine schmächtige Wilson hatte geahnt, dass ihm eine körperliche Auseinandersetzung mit seinem Mitarbeiter bevorstand: „Mr. Ramirez, ich meine … Sir, Sie wollen doch nicht... Ich meine, ist Ihnen nicht gut? Sie scheinen mir nicht ganz bei Sinnen zu sein. Kann ich...?“
Das Letzte, was er gesehen hatte, waren Pedros leerer Gesichtsausdruck und
die Hände des Mexikaners, die ihn, Wilson, packten und seinen schmalen Hals würgten, bevor sein nach Luft schnappender Körper umgestoßen wurde. Er fiel auf einen großen Metallschreibtisch; Blut lief seinen kahlen Hinterkopf hinunter, während seine Augen sich schlossen. Er atmete nicht mehr.
Pedro ergriff die Flucht, rannte nach Hause und nahm mit was er noch mitnehmen konnte.


Er wachte auf; mittlerweile war er nass geschwitzt. Sein RĂĽcken schmerzte von den scharfen Kanten des Felsvorsprungs.
Noch während er aufstand und sich nach allen Seiten streckte, flossen die letzten Züge seines Traums vor ihm dahin, wurden stetig ungenauer und zerrannen gänzlich: Eine warme Spätsommernacht, ein einsamer Highway, wilde Hunde, die sich kabbelten, die schöne Zeitungsverkäuferin, mit der er sich vorgestern unterhalten hatte und dann - seine Mutter.
Was hatte das zu bedeuten? Eine Mutter, die in einem Traum am Ende einer Reise auftaucht, während der Pedro ihr nicht einmal begegnet war. Noch dazu eine krebskranke Mutter, ihrer selbst nicht mehr mächtig und – sollte sie überhaupt noch leben - an ein steriles Bett gefesselt.
Sicher, sie hatten bis kurz vor der Reise noch Kontakt zueinander gehabt. Trotzdem konnte er sich nicht sicher sein, dass sie noch lebte, denn der Kontakt war nie direkt gewesen, immer indirekt, immer ĂĽber Emanuela oder Pablo oder Juan oder... - wie sie alle hieĂźen.
Familienkonstellation: Die Mutter an der Spitze, Pedro der Sündenbock. Einerseits der Fremde, der Ganove, derjenige, der die Verwandten verlassen hatte. Andererseits, der Versorger und der Schuftende, der doch bitte etwas mehr Geld nach Hause schicken solle für Mutters Therapie, für das Gut, für das ganze unsägliche, widerliche, stinkende Getier.
Pedro spĂĽrte das dringende BedĂĽrfnis sich zu waschen; alles von sich zu nehmen - die Schuld, das Verbrechen, die Gedanken an seine Mutter.
Kopfüber stürzte er sich ins Meer, sprang auf und ab; versuchte Wut, Trauer und Leid im Wasser zu ertränken.
Es war ein aussichtsloser Kampf, denn wie sollte er siegreich ĂĽber das Wasser sein? Er konnte es formen, wie es ihm gefiel, doch wenn er mit seinen Armen, Beinen oder auch seinem Kopf wieder zurĂĽckwich, nahm es seine alte Erscheinung wieder an.
Ähnlich stand es um Pedros Familie: Sobald sich eine Lücke auftat, sobald etwas mehr Raum für Pedro entstand, wurden seine Hoffnungen von den übrigen Verwandten wieder zunichte gemacht, wurde das familiäre Gebilde erneuert.
So kam es, dass er sich beruhigte. Es wĂĽrde ihm nichts nĂĽtzen zurĂĽckzukehren, noch weitere Gedanken an die Familie zu verschwenden.
Er beschloss zu den Vögeln zu gehen, die etwa dreißig Schritte entfernt von ihm saßen. Sie waren rot gefiedert und hochgewachsen - fast wie Flamingos, aber kräftiger, mit dickeren Beinen und – wie Pedro fand – schöner. Ihre Augen schimmerten hellblau; ihre Flügel wirkten majestätisch, aufgrund der enormen Spannweite.
Pedro beobachtete sie sehr lange. So lange, dass er verstand, wie sie miteinander kommunizierten, dass ihm Streitigkeiten und Grüppchenbildungen auffielen, und dass er bemerkte, was für wunderbare Schattentheaterspiele durch ihre Bewegungen entstanden wären, wenn das Gestein nicht tiefschwarz gewesen wäre.
Er beschloss auf eine kleinere Gruppe von ihnen, die sich von den anderen Tieren entfernt und in einem Halbkreis aufgestellt hatten, zuzugehen. Sehr vorsichtig und fast lautlos näherte er sich den Vögeln an. Nach kurzem Zögern setze er sich bedächtig in ihre Mitte.
„Guten Tag“, sagte er zu ihnen. „Darf ich mich zu euch gesellen? Ich fühle mich einsam und weiß nicht wohin. Ihr wollt gar nicht wissen, wie lange ich unterwegs war, um bei euch zu sein.“ Keiner der Vögel reagierte auf seine Ansprache.
„Könnt ihr mich nicht verstehen?“, fragte er behutsam. „Keine Angst. Ich möchte nur ein bisschen mit euch ruhen. Ich habe nichts, was ich euch geben könnte außer meiner Gesellschaft, denn ich bin vor allem weggelaufen. Ein Flüchtling des Lebens sozusagen. Möchtet ihr auch fort? Ihr steht so weit abseits von den anderen.“
Er hielt kurz inne, strich sich seine langen lockigen Haare aus dem Gesicht und begann so ruhig zu sprechen, dass er nahezu flüsterte. „Ist es war, dass ihr bald fliegt? Stimmt es, dass ihr diesen Ort verlassen werdet?“, fragte er.
Einer der Vögel begann sich ganz langsam zu bewegen. Pedro streckte seinen rechten Arm aus und bot dem Tier seine Hand an. Es neigte seinen Hals nach unten und legte seinen Kopf sanft auf Pedros Handfläche. Dieser war nun sichtlich berührt. Er holte tief Luft, ein schwaches Zittern durchfuhr ihn.
„Ich war noch nicht fertig. Stimmt es, dass einige von euch, wenn ihr euch auf euren Weg macht, gar nicht in einen anderen Erdteil fliegen, sondern...?“ -
Ein lautes Rattern, wie das eines Schiffsmotors, durchbrach die Stille. Die Vögel schreckten auf und liefen wild durcheinander. Tatsächlich näherte sich ein großes Motorboot der Insel. Pedro stand nun alleine auf dem Plateau.
Das Schiff war nur noch wenige Bootslängen entfernt, doch sein Fahrer noch nicht zu erkennen.
Wenig später wurde ein Anker vom Heck aus ins Meer geworfen. Das Boot kam zum Stillstand und ein kleiner schmächiger Mann mstieg aus und betrat ein paar Meter von Pedro entfernt die Insel.
Pedro musterte ihn bis ins kleinste Detail, erschrak, konnte seinen Augen kaum trauen und schrie auf.
Der Mann schien ebenso entsetzt und hielt reglos inne.


Mehrere Minuten lang blickten die beiden sich an.
Wilson ergriff zuerst das Wort: „Pedro, Sie hier? Sie müssen wochenlang vor der Polizei geflohen sein. Wie ist es Ihnen während Ihrer Reise ergangen?“
Pedro machte keine Anstalten auf Wilsons Fragen zu antworten. Er war sich noch nicht ganz sicher, ob es wirklich sein ehemaliger Arbeitgeber war, der in diesem Moment zu ihm sprach; hatte außerdem davor Angst, dass dieser sich an ihm rächen könnte.
„Nun reden Sie schon. Ich möchte Ihnen nichts antun“, schien Wilson Pedros Gedanken zu erahnen. „Sehen Sie nicht, dass ich gänzlich unbewaffnet und zudem deutlich schwächer bin als Sie.“
Wahrlich, Wilsons Schwäche war Pedro sofort aufgefallen. Die Wangen des schmächtigen Mannes waren tief eingefallen, seine Haut äußerst blass und seine Knie aufgeschürft. Sein Stand schien Pedro äußerst unsicher.
Angestrengt versuchte Wilson mehr über seinen vermeintlichen Mörder zu erfahren: „Im Ernst, Pedro: Sprechen Sie doch bitte mit mir. Weshalb sind Sie hier? Ich meine, jeder, der sich an solch einen Ort begibt, hat etwas Bestimmtes vor. Sie schweigen noch immer. Reden Sie, reden Sie, so reden Sie doch!“
„Mit den Vögeln. Nur mit den Vögeln“, antwortete Pedro, der inzwischen zitterte.
„Vögel? Sie meinen die rot gefiederten dort unten auf dem Plateau? Bald müssten sie fortfliegen. Ist es nicht schon fast zu spät für sie?“ Wilson war nun wirklich interessiert.
„Ja, noch immer zu heiß. Noch immer muss ich warten, um zu verschwinden.“
„Wohin? Wohin wollen Sie Pedro?“
„Mit den Vögeln - davon.“
„An welchen Ort, meinte ich? Wo könnte man den Menschen ferner, da sich selbst näher, sein als hier?\"
Pedro zitterte jetzt stärker. Er begann mit langen Atempausen zwischen den Worten zu reden: „Vögel... Verschwinden... Schwerkraft...\", er holte tief Luft. „Hoffnung...und dann... Rot.“
Eine lange Pause.
Wilson war irritiert und dachte darüber nach, was zu tun sein. Er bot Pedro an, dass er ihm Schlaftabletten oder auch Beruhigungsmittel aus seinem Boot besorgen könne.
Pedro wägte ab und ließ seinen Blick dabei zu Wilsons Motorboot schweifen, das leicht auf den ruhigen Wellen des tiefblauen Wasser schaukelte. Er beschloss nicht zu antworten.
Wilson ĂĽberlegte derweil.
Die Sonne sank von Zeit zu Zeit tiefer, war bereits zur Hälfte im Meer versunken; die Insel deshalb nur noch schwach beleuchtet und die Nacht nahe.
Einige Minuten später, als er sich seiner Worte sicher war, sprach Wilson Pedro erneut an:
„`Hoffnung und dann Rot` sagten Sie, Pedro. Das beschäftigt mich. Es hofft nur der, der unglücklich ist, der leidet, trauert oder gar unheilbar krank ist. Niemand, der vollends glücklich ist, hofft. Sie leiden Pedro.
Sie leiden und Sie hoffen auf ein bestimmtes Rot. Nehmen wir Rot als die Liebe:
Lösen sich alles Unglück, alles Leid, alle Trauer und alle Krankheit in der Liebe auf?
Steht die Liebe, ob die eines anderen Menschen oder eines vermeintlichen Gottes, am Ende allen Hoffens?
Ist sie denn die einzige, die unsere Hoffnungen erfüllen kann – der Welt Gewissen?
Ich bezweifle das.
Was ich wissen will: Wohin wollen Sie fliehen? An welchen Ort, der ferner noch als der hiesige ist?
Er kann nicht greifbar sein. Das auf gar keinen Fall.
Denn das Glück: Nirgendwo anders zu entdecken als in der eigenen Seele oder einem individuellen Lebenssinn; einem bestimmten Motto – Liebe oder Hass, Glauben oder Unglauben - Veränderung, Geschwindigkeit oder Langsamkeit.
Folglich: Ein solcher Ort nicht existent.“
Pedro war verblüfft von Wilsons Äußerungen. Niemals hätte er gedacht, dass sein Chef ihm einmal etwas Derartiges sagen würde. Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort; beobachtete noch einmal das Verhalten der Vögel.
„Ich weiße es … weiß es nicht genau, Mr. Wilson. Nur hoffen … hoffen kann ich – auf das Rot“, stammelte er. \"Ich bin nicht mehr dazu in der Lage, auf ihre Fragen zu antworten. Vielleicht ist es der Inhalt eines Traums, den ich an diesem Ort zu finde suche. Vielleicht auch nur ein unbestimmter Ort, von dem ich träume. Was ich da träume oder nicht träume, spielt keine Rolle mehr.\"
„Aber ich möchte es wissen. Kein wahrer Grund? Wollen Sie wirklich für nichts sterben, Pedro?“
Wilson war geduldig. Er wartete bis die Sonne hinterm Horizont verschwunden war; wartete bis es dunkel wurde. Das Wasser war inzwischen unruhiger geworden, weshalb sich das Boot schneller hob und senkte. Wenn er sich noch diese Nacht auf den Weg machen wollte, wĂĽrde er bald fahren mĂĽssen. Er sah ein, dass es keine Antwort geben wĂĽrde.
Nur eine letzte Frage wollte er noch stellen. So wandte er sch zu Pedro und fragte:„Wiegt denn allein die Welt, wiegt ein Traum, genug für einen Selbstmord?“
AnschlieĂźend verlieĂź Wilson die Insel, nicht ahnend, dass es fĂĽr Pedro kein Selbstmord war.
Schon wenig später, als Pedro das Boot nur noch als verschwommenen Lichtstreifen in der Ferne erkennen konnte, war er sich nicht mehr sicher, wer vor ein paar Minuten zu ihm gesprochen hatte.
Er wusste, dass diese Gedanken keinen Sinn mehr hatten und ging deshalb zielstrebig in Richtung des Plateaus.


Im Morgengrauen: Pedro hatte die ganze Nacht in derselben Position verbracht - auf dem Rücken liegend, inmitten der Vögel, die Arme und Beine weit von sich gestreckt. Auch jetzt lag er in dieser Haltung auf den flachen Steinen am Wasser.
Keine einzige Minute hatte er geschlafen; stattdessen mit weit geöffneten Augen in die Sterne geschaut und angestrengt nachgedacht. Wilsons Fragen gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Ein Sinn in seinem Leben, etwas, fĂĽr das er fĂĽr eine Zeit lang leben konnte? - Gar nicht auszudenken.
Denn: Sein Innenleben, war im Zustand eines alten, renovierungsbedürftigen Hauses: Einige lichte Stellen in ihm, in Räumen, deren Lampen nicht mehr hell leuchteten, aber noch sporadisch funktionierten; spröde Parkettböden, deren Holz langsam zerbröckelte; Flure: verwinkelt und weitläufig; Fensterscheiben: dünn und gebrechlich, so dreckig, dass man nicht mehr aus ihnen hinausschauen konnte, ohne den eigenen Blick verschwommen zu wissen.
Von Liebe und Gott nicht anzufangen. Das eigene Bild der Welt gebrochen.


Vormittags: Inzwischen war die Sonne am Horizont empor gestiegen. Schwach fielen ihre ersten Strahlen auf die verlassene Insel, die ein dĂĽnner, milchiger Nebel umhĂĽllte.
Es war der erste kältere Morgen seit Pedros Ankunft. Zeit zum Aufbruch.
Noch einmal sprang er ins Wasser, jetzt bereits komplett entkleidet; schwamm ein paar Runden, tauchte so tief ihm möglich war, versuchte mehrmals länger als er es aushalten konnte unter Wasser zu bleiben, doch es ging nicht.
Müde taumelte er aus dem Wasser heraus, warf sich wütend auf die Klippen, immer und immer wieder und zog sich ein paar größere Schürfwunden zu.


Mittags/Zeitsprung ins Jetzt: Pedro verzweifelt. Er geht ein letztes Mal zu den Vögeln.
Nackt legt er sich in ihre Mitte, macht sich selbst so klein, wie es nur geht.
Er sieht der Sonne entgegen. Ihr gleiĂźendes Licht blendet ihn.
Dann endlich steigen die Tiere empor. Der Nebel verschwindet; der Himmel über Pedro plötzlich ein einziges rotes Meer, dessen Wellen synchron zueinander hin und her schwappen - nach links, nach rechts, nach oben, nach unten - Geraden, Kurven, Diagonalen formen sie. Aus der Tiefe dieses tierischen Ozeans dröhnen Geräusche – Geräusche, die Pedro fremd sind. Keine menschlichen Stimmen oder Laute – kaum zu beschreiben.
Seine Muskeln zucken, seine Augen rollen, sein Atem beschwerlich.
Er fĂĽhlt sich nicht einsam, eher wie der erste Mensch in einer anderen Welt, der auf seine Nachkommen wartet.
Gedanken schieĂźen ihm durch den Kopf. Sie spielen ein wildes Katz-und-Maus-Spiel, verirren sich und tauchen dann wieder auf.
Der letzte Entschluss: Sollte er aufwachen, wird er davonlaufen.

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