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Leselupe.de > Erzählungen
Pietät
Eingestellt am 12. 09. 2007 22:14


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Raniero
Textablader
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Pietät

Als Roland Schlussmacher, ein Mann in den sogenannten besten Jahren, an einem Samstagmorgen beim Frühstück die letzte Seite der Tageszeitung aufschlug, wäre ihm fast die volle Kaffeetasse aus der Hand gefallen.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Auf dieser Seite befanden sich die Todesanzeigen, und Roland war einer von denen, auch wenn er es anderen gegenüber niemals zugeben würde, die solche Anzeigen mit besonderem Vergnügen lasen. Warum das so war, wusste er selbst nicht zu erklären, und manchmal sagte er sich:
‚Vielleicht bin ich sogar ein Fall für die Couch, aber auf der anderen Seite bin ich sicher nicht der Einzige, der gerne Todesanzeigen liest.’
Mit der Couch meinte er die Psychiatrie; früher hätte er Klapsmühle gesagt, aber nun fand er diesen Ausdruck nicht mehr zeitgemäß.
Heute morgen jedoch bereitete Roland das Studium seiner Lieblingslektüre kein Vergnügen, im Gegenteil. Mitten auf dieser schönen Seite fand er eine riesige Werbeanzeige eines Beerdigungsinstitutes, wunderschön eingerahmt zwar von ebensolch wunderschönen Traueranzeigen, doch die Werbung selbst ließ ihm die Haare zu Berge stehen.
So las er denn mit steigendem Entsetzen:

Unser Institut ‚Würdiger Heimgang’, der Branchenführer im Lande, feiert in der nächsten Woche sein einhundertjähriges Firmenjubiläum. Entsprechend unserem Slogan ‚Hundert Jahre im Dienst der Trauernden’ haben wir uns entschieden, unser bisheriges Leistungsangebot umfangreich und vor allem marktgerecht zu verbessern.
Aus diesem Grunde feiern wir an diesem Wochenende unser goldenes Jubiläum mit einer tollen Superparty rund um die Kapelle auf dem Westfriedhof.
Kommen Sie zu uns und erfahren Sie aus erster Hand alles über unsere hauseigene Playbackkarte, Geldzurückgarantien, Frühbucherrabatte, Do it yourself Methoden und vieles andere mehr.
Außerdem bieten wir:
für die Technikfreaks unter Ihnen: Die ultramoderne Feuerbestattung.
für die Modebewussten: Neuste Accessoires für’s Jenseits.
Für die Geizistgeilfans: Das absolute Sparangebot nach dem bewährten System: Wie man mit eig’ner Muskelkraft, sich das schönste Grab verschafft.
Ein Fest für die ganze Familie erwartet Sie:
Für die Kleinen: Das ultimative Detektivspiel ‚Wer liegt wo?’ auf den anonymen Grabstätten
Für die Jugend: Onkel Toms Gräberralley
Für die Erwachsenen: Der große Pietätenbasar ‚Vom Trauerflor zum Supersargdekor
Und zum würdigen Abschluss der Veranstaltung noch ein ganz besonderes Schmankerl für alle Tanzwütigen: Abtanzen bis zur Geisterstunde in der hauseigenen Gruftothek, Gruftis aller Länder, wir zählen auf Sie!
Versäumen Sie nicht diese Chance und kommen Sie zu uns:
Auf zum ‚Würdigen Heimgang’, Ihrem maßgeschneiderten Grabstättendiscounter
Blass vor Entsetzen, gepaart mit einer enormen Portion Wut, warf Roland Schlussmacher die Zeitung zu Boden.
Eine derartige Unverschämtheit, bar jeder notwendigen Pietät, war ihm noch nie untergekommen, der ganze Morgen war ihm dadurch regelrecht verdorben.
Roland hatte nämlich noch ein weiteres Hobby, welches mit dem Studium der Todesanzeigen in einem gewissen Zusammenhang stand; er machte in seiner Freizeit gern Friedhofsbesuche.
In der Hoffnung, in seinem nun schon leicht fortgeschrittenen Alter doch noch die Frau für’s Leben zu finden, schienen ihm diese Besuche die besten Voraus-setzungen dafür zu bieten, und so wie andere Zeitgenossen in seinem Alter ihr Glück über Heiratsanzeigen oder auf dem Tanzboden versuchten, zog er die Friedhöfe vor.
Ziel dieser Unternehmungen waren selbstredend nicht die Dauerbewohner dieser Areale, sondern die weiblichen Besucher, vornehmlich die noch nicht allzu verwelkten, die es ihm in dieser Hinsicht angetan hatten.
Hierbei stach ihm seit einiger Zeit eine etwas dralle Brünette ins Auge, der er schon des Öfteren auf dem Westfriedhof begegnet war, mit der er jedoch leider noch kein Wort gewechselt hatte.
Durch vorsichtige Erkundigungen bei anderen Friedhofsbesuchern wusste er inzwischen ihr Alter, wie sie hieß, wo sie wohnte und dass sie seit ein paar Monaten Witwe war, und durch eigene Beobachtung hatte er herausgefunden, zu welchen Zeiten sie vorzugsweise ihre Besuche machte, was will man mehr.
Samstags beispielsweise pflegte sie sich in den Mittagstunden dort aufzuhalten, und wie zufällig fand sich Roland ebenfalls an diesen Tagen zur entsprechenden Zeit dort ein.
Heute war Sonnabend, und Roland hatte sich schon richtig auf den Besuch gefreut, doch nachdem ihm diese blöde Werbung des ‚Grabstättendiscounters’ unter die Augen gekommen war, fehlte ihm so die rechte Lust.
Plötzlich aber kam ihm eine Idee.
‚Ich sollte doch hingehen’ sagte er sich. ‚Diese Dame hat bestimmt auch die blöde Annonce gelesen, und das wäre doch eine gute Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Vielleicht denkt sie so wie ich und findet das Ganze ebenso geschmacklos, dann hätte ich doch schon einen Punkt, wo ich anknüpfen könnte. Alles Weitere wird sich dann schon zeigen.’
Beschwingten Fußes machte Roland sich auf den Weg in Richtung Westfriedhof.
Als er nach gut einer Stunde dort eintraf, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen;
auf dem Friedhof war der Teufel los.
Das ganze Gelände um die Hauptkapelle glich einem Jahrmarkt, mit Spielgeräten aller Art, Vergnügungs- und Fressbuden, zwischen denen sich Losverkäufer mit Bauchläden bewegten, sogar eine Achterbahn hatte man aufgestellt.
„Aha“ knirschte Roland wütend mit den Zähnen, „das ist also Onkel Tom’s Gräberralley.“

Mit versteinerter Miene bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge bis zum Zentrum des Gewühls, der Friedhofskapelle, in der gerade die feierliche Eröffnung des großen Pietätenbasars bevorstand, mit allem, so der Veranstalter, was das Herz begehrt, für den kleinen wie auch den großen Geldbeutel.
Roland warf einen Blick durch die offenstehende Tür und blieb, wie vom Donner gerührt, stehen. Inmitten der vollbesetzten Kapelle erblickte er, etwas erhöht, in einem Rondell, welches einer Zirkusmanege ähnelte, seine aus der Ferne angebetete Brünette, mit der er noch nie ein Wort gewechselt und deren Stimme er so gern vernommen hätte.
Nun hörte er diese Stimme, aber das was sie sagte, war nicht das, was er erwartet hatte.
„Hereinspaziert, hereinspaziert, meine Damen und Herren“ rief seine Traumfrau mit rauchiger Stimme, „ich begrüße Sie hier an dieser ehrwürdigen Stelle und heiße Sie willkommen im Namen unseres Institutes , Würdiger Heimgang’ zur großen Jubiläumsfeier aus Anlass unseres einhundertjährigen Bestehens. Machen Sie sich ein paar fröhliche Stunden auf unserem unübertrefflichen Pietätenbasar, genießen Sie unsere weiteren Attraktionen für groß und klein, studieren Sie in aller Ruhe und ohne Zwang die Vielzahl unserer Angebote und lassen Sie einmal so richtig nach Herzenslust Ihre Seele baumeln. Last but not least aber möchte ich Sie noch auf unsere Hauptattraktion aufmerksam machen, die noch nicht in unserer Vorankündigung enthalten war. Ja, meine Damen und Herren, unser Institut hat in der Tat keine Kosten und Mühen gescheut, den heutigen Tag zu einem Erlebnis zu gestalten, von dem Sie noch Ihren Kindern und Kindeskindern berichten werden.
Daher werden wir bei unserer großen Tombola, die unmittelbar vor dem großen Abschlussdancing in der Gruftothek stattfindet, einen besonders attraktiven Hauptpreis auslosen. Machen Sie alle mit, es lohnt sich, Sie werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen!“


Das kam auch Roland nicht, in der Tat, aus dem Staunen heraus, nach dieser Ansage.
In der Hoffnung regelrecht hierher geeilt, eine Leidensgenossin zu finden, eine Art Wahlverwandte, die mit ihm die Empörung über diesen ganzen Zirkus teilte, stellte sich seine angestrebte Herzensdame sogar als Direktorin der Manege dar.
Wie konnte so was nur möglich sein?
Wo hatte er denn nur seine Augen gehabt?
Benommen verließ er die Kapelle und suchte den nächsten Getränkestand auf, das hatte er jetzt bitter nötig, etwas Hochprozentiges.

Nach ein paar Drinks mit dem sinnigen Namen ‚Leichenbitter’ löste sich sein gleichlautender Gesichtsausdruck etwas, und machte einem immer breiter werdenden Lächeln Platz.
Nach einigen weiteren Gläsern begann sein Verständnis für die ganze Werbeaktion zu wachsen, und bald schon nahm er teil am Rummel:
Stundenlang widmete er sich den zahlreichen Attraktionen, kaufte Lose en masse und jagte in der Achterbahn über die Grabstätten.
Nun aber fand Roland es an der Zeit, zum eigentlichen geschäftlichen Teil überzugehen, und so ließ er sich Angebote über Feuer- und Seebestattungen unterbreiten, holte Preisauskünfte für Einzelgrabstätten und Gruften ein und ließ sich so einiges an Accessoire für den Hades vorführen.
Als er sich schließlich zur großen Tombola wieder in der Friedhofskpelle einfand, hatte er Verträge über zwei Feuer- und eine Seebestattung abgeschlossen sowie weitere Anzahlungen geleistet für eine Gruft und drei Einzelgrabstätten, eine Rundumversorgung, wie er fand.


Die Tombola begann, und die Spannung der Anwesenden näherte sich dem Siedepunkt.
Nach einigen Nebenpreisen aus dem Assessoirebereich kündigte die brünette Schöne den Hauptpreis an.
„Und nun meine Damen und Herren“ rief sie und schaute dabei, so schien es Roland, nur ihn ganz allein an, „kommen wir zum absoluten Höhepunkt unserer Jubiläumsfeier, dem Hauptpreis unserer Tombola. Gewinner ist der Besitzer mit der Losnummer 00001.“
Roland glaubte einen Moment lang, sein Herzschlag setze aus; es war seine Losnummer.
„Wo ist der Glückliche beziehungsweise die Glückliche?“ fragte die Brünette.
„Sie, junger Mann? Kommen Sie zu mir, nach vorne!“
Mit weichen Knien ging der ‚junge Mann’ auf sie zu, es war zu schön, um wahr zu sein, und dabei hatte Roland bisher noch nicht einmal ein Wort mit ihr gewechselt.
„Und nun meine Damen und Herren, hören und staunen Sie, was dieser Herr soeben gewonnen hat. Ein Einzelgrab hat er gewonnen, der Glückliche. Na, mein Herr, was sagen Sie jetzt?“
„Aber ich hab doch schon eins gekauft“ protestierte Roland schwach, „nein, sogar drei Stück, im Sonderangebot.“
„Aber so eines, wie dieses, das haben Sie nicht gekauft, das konnten Sie gar nicht kaufen, das ist nämlich eins für besondere Anlässe.“
„Für besondere Anlässe?“
„Jawohl, mein Herr. Dieses Grab ist unsere Luxusausführung, das können Sie nicht nur allein, sondern mit Begleitung nutzen, und raten Sie mal“, zwinkerte sie ihm zu, „wer Sie begleitet?“
Rolands Herz tat einen Freudensprung.
„Sie etwa?“
„Jawohl, mein Herr.“
„Wollen wir sofort“ hauchte Roland.
„Sie sind mir aber ein ganz Schlimmer! Aber lassen Sie uns wenigstens vorher noch den Abschlussball mitnehmen…“

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