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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Piltdownmensch
Eingestellt am 06. 02. 2000 00:00


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micl
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Der Piltdownmensch



Ende vom Anfang

Ich betrete diese B├╝hne nicht erstmalig, jedoch zum ersten mal bewu├čt und aus freiem Willen, alleine und einzig zu meinem Vorteil.
Es ist nicht so, da├č man immer das zu ertragen im Stande ist, was man seinen Lebensumst├Ąnden dank des Pathos┬┤ des eigenen Weisheitenwahnes, Gipfel der Ma├člosigkeit des Moralgef├╝ges, auf ewig aufb├╝rdet.
Prinzip - dieses f├╝r andere meist blinde Licht blendet nur einen selbst, dass man in sich gekehrt, wie ein schon fast angefahrenes Reh verharren muss, w├Ąhrend man sehenden Auges, scheinbar gleichg├╝ltig die Katastrophe kommen sieht. A├╝├čerlich starr wie Stein st├╝rmt es stumm in einem gegen den st├Ąhlernen Container der Seele, die weg will, doch eingekerkert in seiner Agonie kollabiert der geblendete Geist lange bevor der K├Ârper kollidiert.
Manchmal erdr├╝ckt einen eben diese Last, oder zumindest bedr├╝ckt sie fortw├Ąhrend den Geist, denn Moral ist hoffnungslos undankbar und, wie allgemein bekannt, ohnehin ebenso brotlos wie die Kunst. Warum dann also nicht diesen inneren Druck senken, indem man sich sagt, andere w├╝rden nicht anders verfahren, niemand k├Ąme vermutlich dabei zu Schaden au├čer einem selbst und, da├č man nur zweierlei Arten von Verlangen befriedigt, das fremde nach der Gewi├čheit des ├╝ber den Dingen Stehens, sowie das eigene, welches nach akzeptabler Lebensqualit├Ąt d├╝rstet.
Jeder versteckt seine Egoismen so gut er es vermag, ich aber habe diese Maskerade oft genug durchschaut, um in ihr und mit ihr meinen Part vortrefflich zu spielen, und indem ich schelle, werden wir zum Drama das nur mir vertraut ist.
Ein wenig hoheitlicher Aufschrei entrann der Kehle des scheinbar auf Hochglanz polierten Messingklingelknopfes, der nur allzu gerne seine Verwandtschaft zu den penetranten T├Ânen der Schellen zugeh├Ârig zu irgendeiner x beliebigen Etagenwohnung der gr├╝nderzeitlichen Blockbauten Hochfelds, Bruckhausens oder Rheinhausens verheimlicht h├Ątte, und doch fiepte wie das zynische Keifen jener Wecker, die allmorgendlich die geschundenen Sklaven der Montanindustrie hinaus aus ihren bereits erw├Ąhnten j├Ąmmerlichen K├Ąfigen, und hinein in den Schlund des Broterwerbs scheucht.
Ich sehe sie im Geiste die Treppe herunter st├╝rzen, mit den stechenden Augen einer rei├čenden Rudelf├╝hrerin die Blut geleckt hat und mehr Knochen knacken h├Âren will. Jetzt h├Âre ich ihr barf├╝├čiges Beben trotz des stolzen Persers, der, zum bleiben verbannt, von ihren Tritten getroffen noch tiefer zu Boden geht, doch er klagt nicht, er d├Ąmpft nur den Ton der Aufschl├Ąge, weil er wei├č, da├č ich warte, alles h├Âre.
Und ich warte - und sie kommt.
Die T├╝r fliegt auf und Fiola, wie angenehm ├╝berrascht, hebt die schmalen, geschw├Ąrzten Brauen mit einer derartigen Selbstsicherheit, die dem gro├čfl├Ąchigen Grinsen der Piraten vor Maracaibo alle Ehre gemacht h├Ątte, welche, die Messer zum Schlachten gesch├Ąrft, erst dann den Knochenhaufen hissen, wenn sie die Katze todsicher im Sack wissen. Lola klemmt mit gespielt sch├╝chternen Gesichtsz├╝gen die blonde Locke hinter ihr linkes creolenberingtes Ohr, und bittet mich mit ihrer gekonnt spitzb├╝bischen affektierten K├╝nstlichkeit herein ; ein Ritual, da├č jeden anderen Mann dieser Welt sicherlich in den Wahnsinn treiben kann, jedoch nicht mich, der ich gegen ihre au├čerordentliche Art, wohl mehr spitz als b├╝bisch ,entlang der Jahre immun geworden bin.
Das Urteil dar├╝ber, ob in diesem Fall die Impfsch├Ąden schwerer wiegen als die eventuellen Auswirkungen einer zu erwartenden Krankheit, ├╝berlasse ich gro├čz├╝gig dem Leser, denn der Geneigte unter den zuvor genannten wird es zwischen den Zeilen suchen und fr├╝her oder sp├Ąter auch finden ( jedoch sp├Ątestens auf Seite 217 ), der nur am├╝sierte wird die Frage ebenso schnell wieder vergessen haben wie sie aufkam.
┬┤ Herr Falkner, welch liebe ├ťberraschung zu solch sp├Ąter Stunde ┬┤ , schreit sie mir rotwangig durch die entbl├Â├čten Hauer entgegen, w├Ąhrend sie, sich vorbeugend, mit beiden H├Ąnden meine Rechte fa├čt, als ich den Flur betrete. ┬┤ Kommen Sie doch herein, sonst holen Sie sich noch den Tod, ┬┤s ist eisig drau├čen, nicht wahr, man m├Âchte keinen Schritt vor die T├╝r tun. ┬┤
St├Âhnend f├Ąllt die schwere sezierte Eiche in das Schlo├č, und die Diele ├Ąchzt unter dem Gewicht dieser uns├Ąglichen Allianz, w├Ąhrend sie mich zu der monstr├Âsen Garderobe schleppt, um mir aus meiner durchn├Ą├čten, kunstledernen Jacke zu helfen.
Meisterhaft br├╝skiert zur├╝ckweichend sage ich:┬┤ Wir sind heute aber sehr geradeaus, wertes Fr├Ąulein ┬┤, wobei sie err├Âtend von mir l├Ą├čt (knatschrot, Gott, wie macht sie das blo├č), und ich schmiede das spr├Âde Eisen eilig hinter verschmitztem L├Ącheln, dankbar f├╝r die anheizende Eingebung, obwohl meinerseits von hei├č ├╝berhaupt keine Rede sein kann. Da jedoch offensichtlich ist gegen wen sich die Waffen wenden werden, treibe ich das Spielchen lieber voran, erfordert die Vereinbarung doch mindestens den Glanz selbstzersetzender Hingabe in meinen Augen, um den Job zu ihrer Zufriedenheit zu erledigen. Dies ist ohnehin schwer genug, doch durch geschicktes Beschleunigen der Sache, n├Ąmlich die perfekte T├Ąuschung mittels des schaurigen Schauspiels wirklich und wahrhaftig von ihr und der Situation berauscht zu sein, am ehesten zu erreichen.
An jenem Tag, an dem ich, weithin als Erstsemester zu erkennen, erstmalig die Mensa betrat, war ihr mein unsicher schweifender Blick gleich aufgefallen, der sich, von einer Sitzgruppe zur anderen, auf der Suche nach einem freien Platz durch den Saal hangelte, um letztlich, wie konnte es auch anders sein, an ihren blau blitzenden Klunkern kleben zu bleiben, denn zweifellos f├╝hrte ich schon l├Ąnger ihr Fadenkreuz.
Nur war ich ihr keine Bedrohung, eher gleich einem seltenen Tierchen w├Ąhnte sie mich aus einer verlorenen Zeit, ein Fabelwesen, da├č es zu besitzen, ein wei├čes Blatt, da├č es zu bekleckern galt, und sie war nicht die einzige, denn ich war sehr jung und, so hatte sich bald heraus gestellt, ein ausgesprochener Frauenmagnet.
Meine Anziehungskraft, beruhend auf meinem unwissentlich zur Schau getragenen Leck an Selbstwert und Selbstsicherheit, wirkte verh├Ąngnisvoll wie die der Erde selbst, denn nicht allein meine Kruste ist hier vernarbt und dort zerschlagen, auch mein Kern ist weich, hier lodernd, hier eisbedeckt zugleich. Und noch immer kreisen die M├Ąchte um mich, gr├╝├čen lindernd mit spr├╝hendem Schweif und strecken ihre Strahlen nach mir aus, n├Ąhern sich tanzend Drehung um Drehung, ich verliere Gewicht und sie ziehen mich pl├Âtzlich an bis ich aufschlage, desolat zur├╝ck bleibend, auf den Wink der n├Ąchsten wartend.
Ein ungeschliffener Rohling, jungfr├Ąulicher Bogen, auf dem das Manifest der weiblichen M├Ąnnlichkeit seinen Platz finden sollte, Muster f├╝r kommende Generationen, Blaupause f├╝r den Mann nach ihrem Bilde, diesen Frischling, den es zu domestizieren galt ; mit Speck f├Ąngt man M├Ąuse, doch weit gefehlt. Denn in manchen Menschen g├Ąrt etwas, ├╝ber das hinweg sie manch anderem eben niemals die Hand reichen k├Ânnen, eine Barriere, die nicht Ha├č ist, sondern blo├č Mangel an N├Ąchstenliebe, nicht Verachtung, sondern blo├č das Fehlen jeglicher Organe, denjenigen als wirklichen Menschen, jeglicher Sinne, diesen als freien Geist begreifen zu k├Ânnen, der fortw├Ąhrend gegen die eigenen, unumst├Â├člichen Gesetze verst├Â├čt.
Und damit begann sie sogleich, noch ehe ich wegsehen konnte, tat es mit jedem Fl├╝gelschlag, mit jedem g├╝ldenen Lockenrascheln, mit jedem Loreleil├Ącheln, und tut es noch heute, da├č das Abprallen ihrer Schmeicheleien am Hang widerhallt und leise vom Rhein her├╝ber weht ; und meist schweige ich darauf, denn dann rumort es erst richtig in ihr, und es rauscht noch lang danach leise in den Stollen und Sch├Ąchten ihres Geh├Ârganges, wie wenn man die eigene Ohrmuschel an eine Tiefseemuschel h├Ąlt, um dem Blutrauschen zu lauschen, um den Tod nahen zu h├Âren, und vielleicht wei├č man es nicht, so wie sie, da├č man nur ihn h├Ârt, doch ich wei├č es.
Nun schl├Ągt sie also langsam die Lieder nieder, wie versch├Ąmt weil ertappt, nur kurz, nicht lang genug um es eine Weile zu nennen, sieht dann wieder auf, blickt mich aus gro├čen blauen Augen an und sagt lachend: ┬┤ Ich werde Ihnen erst einmal einen Milchkaffe machen, damit sie wieder warm werden ┬┤ , schwebt in Richtung Wohnzimmer davon, die Haare ihr hinterher und beide verschwinden.
Der Perser gr├╝├čt schweigend, als ich den Flur durchquere um ihr in das Wohnzimmer zu folgen, das Parkett verk├╝ndet sogleich meine Eintritt, obschon ich gefa├čt auftrete, das Zimmer, die Halle verschluckt mich wie der Wal den Pinocchio, tief in den Eingeweiden kniet schon die Fee, sucht den Kaffe und lauert l├Ąchelnd hinter g├╝ldenem Vorhang und sagt ich solle die T├╝re schlie├čen, denn sonst w├╝rd┬┤s kalt und ich gebe ihr recht, denn das soll es ja um Himmelswillen nicht.
Gesagt getan derweil ich noch ein paar Briketts auflege: ┬┤ Es ist so still. Hat man sie ├╝ber die Adventstage allein gelassen, oder halten die alten Herren ein Schl├Ąfchen. ┬┤
┬┤ Weder noch, denn wie zum Fr├╝hling die Stiefm├╝tterchen, so geh├Ârt zum Advent der Nu├čknacker, und den konnten sie sich doch unm├Âglich entgehen lassen ┬┤ schwellte es ├╝ber die reflexglitzernde Glastheke, die, wie eine Stuhlzahn umringte Zunge, aus dem Rachen der K├╝chenflucht in den Wohnsaal ragte. Derweil sie noch kramt und mich auf ihr ┬┤ nicht wahr ┬┤ warten l├Ą├čt, setze ich mich auf einen der Barhocker, um zu sehen, worin sie so zu kramen hat, und sage: ┬┤ Kurz vor Weihnacht einen der Engel so allein zu lassen, das ist wohl kaum christlich zu nennen. ┬┤
Einen Augenaufschlag lang sieht sie mich gl├Ąsern, von unten durch die Gardine hindurch an, gleich einem Wanderer, der, die D├Ąmmerung drohend ├╝ber dem Haupt und der Heimat so fern, seufzend in fremde erleuchtete Wohnzimmer starrt, die beizeiten nur fl├╝chtige Schatten verdunkeln, da├č ich f├╝rchte sie entf├Ąllt ihrer Rolle, doch sogleich f├Ąngt sie sich wieder, wirft ihre Flechten mit einer flinken Kopfbewegung auf die andere Schulter und richtet sich ruckartig auf.
Ihr lautes L├Ącheln auf schr├Ągem Kopf hat filmreife, wenn sie ihr Stichwort hat und ihre S├Ątze deklamiert: ┬┤ Ich hatte Ihnen zuviel versprochen, die Milch ist leider aus, aber ich werde ihnen den traditionellen Weihnachtscocktail der Familie von B├Âdefeld zaubern. ┬┤ Wiederholt fallen sanft die Lider, gekonnt kontrastierend zu dem schwungvollen Symbol der Fl├Ąchtenumverteilung , wobei Haare und Augen sich beiderseits im Moment des routinierten Einsatzes gleichsam von Raum und Zeit l├Âsen, die restlichen Requisiten verblassen lassend, da├č f├╝r eine gequollene Sekunde nur diese Bewegung die Szene beherrscht, als existiere daneben nichts anderes mehr.
Doch die Zeit gefriert nicht, sie schrumpft nur, denn noch ehe ich etwas entgegnen kann, ist Fiola an mir vorbei in die Halle gehuscht, und w├Ąhrend ich mich noch eilig drehe, wie eine Flak, deren Feuer kreisend einem von Wolken verdeckten Flieger nachstellt, entfacht sie, mit einem knisternden Ger├Ąusch des Ger├Ątes in ihrer Linken, ein Flammenmeer im Gaskamin.
Der bodenlange schwarze Strickmantel folgt ihr ebenso wie ihre Haare, die Luft bl├Ąht beide und deren Enden flattern lautlos, als betrachte man ihr Bild auf einem Zielfoto, und wenn sie ruht ist es, als sei alles auf sie gerichtet. Ein vorbei sausender Scheinwerfer leuchtet ihre rechte Gesichtsh├Ąlften kurz von unten an, so wie sonst nur Statuen bestrahlt werden, die Flammen werfen glitzernde Wellen auf ihr wallendes Haar, die dann goldgelb, wie frisch gebacken und mit Dotter bestrichen, aussehen, und alles im Saal, von dem Kaminfeuer zu den Christbaumkugeln, von dem Messingspiegel bis zum Schneegest├Âber, scheint f├╝r sie, fast wie gestellt, zu glitzern.
Zwei breite Fenster, an denen gefallene Flocken verenden, flankieren die Szene, in der Mitte steht Lola, etwas seitlich vor der antiken Hausbar, deren Glast├╝ren sie ge├Âffnet und dessen versenkbare Arbeitsplatte sie hervorgezogen hat. Der Flamme abgewandt und nur noch durch das Neonlicht der K├╝che in ihrem R├╝cken beleuchtet, bleibt ihr Minenspiel schattenhaft, nur Augen und Mundwinkel verraten ihr Warten auf den n├Ąchsten Einsatz.
Unter dem blonden Kopftuch, hinter dem schwarzen Umhang klappern die Gl├Ąser, blubbern und flie├čen die Fl├╝ssigkeiten ineinander, und trotz nicht vorhandener schwarzer Katze, fehlendem schr├Ągen Gekicher und unterbleibenden magischen Beschw├Ârungen, ahne ich, welcher Becher mir gerade gebraut wird.
W├Ąhrend sie noch das Gebr├Ąu zaubert, entlocke ich der holzverkleideten Hightech Zeile ein wenig Eis, und betrete, mit einem eif├Ârmigen St├╝ck K├Ąlte in jeder Hand, erneut das Parkett, das ihr jeden meiner Schritte verr├Ąt. Als ich mich ihr n├Ąhere, wendet sich Fiola am├╝siert grinsend zu mir um, sie kr├Ąuselt den Nasenansatz, Lachfalten spalten die Wangen und deren W├Âlbungen entspringt nun wieder ein r├Âtlicher Schimmer.
Wir stehen erstmals einander direkt gegen├╝ber, ihre zarten d├╝nnen Finger halten die Gl├Ąser in H├╝fth├Âhe, w├Ąhrend meinen H├Ąnden das Eis entgleitet. Als ich einen kurzen Blick auf meinen Becher werfe, worin sich leise knisternde Kristalle in einer milchig wei├čen Fl├╝ssigkeit aufl├Âsen, wird offenbar, da├č mein Zutun die letzte fehlende Zutat gewesen ist ; und ich f├╝hle ihre gro├čen st├Ąhlernen Augen auf mir lasten, l├Ąngst bevor ich den Mut fasse zu ihr auf zu sehen.
┬┤ Der ist zwar kalt, aber er bringt trotzdem die Magengegend zum kochen und gl├╝ht tief drin noch lange und heftig nach, sie werden sehen. ┬┤ Den Glasstil zwischen Zeige- und Ringfinger geklemmt, prostet sie mir, das Gef├Ą├č hebend, vielsagend zu. Ihr ┬┤ Zum Wohl ┬┤ verhallt im Raum, w├Ąhrend sie, die Augen geschlossen und den Kopf leicht in den Nacken gelegt, den Trunk in ihre gereckte Kehle rinnen l├Ą├čt.
Das fast leere Glas pr├Ąsentierend, lacht sie mich, den wei├čen Schaum mit dem einen Handr├╝cken von den Lippen wischend, milchb├Ąrtig an, w├Ąhrend sie schon in der Innenfl├Ąche der anderen Hand die Reste des Getr├Ąnks durch geschicktes Schw├Ąnken versammelt. Als das geschrumpfte Eis klimpert, sieht sie hinunter auf die ├╝brig gebliebene Pf├╝tze und ein Strang ihrer Haare f├Ąllt ihr in die Stirn, so da├č ich den Moment nutzen kann es ihr gleich zu tun, also meinen Becher ebenso leere, indem ich den rauhen doch cocoss├╝├čen Cocktail in den Schlund st├╝rze.
Als sie die Augen wieder auf mich und dann auf mein leeres Glas richtet, bemerke ich mit einem mal die Stille die mich und das weiche Rauschen des Feuers umgibt. Das leise Schnalzen ihrer Lippen, die sich vom klebrigen Belag befreien, deren Kanten pl├Âtzlich zerflie├čen und nach innen zu dr├Ąngen scheinen, so als k├╝ndigten sie das bevorstehende finale Einsaugen der Au├čenwelt an, ist das einzig wahrnehmbare Ger├Ąusch.
Die Schwelle der Stille wird h├Âher mit jeder Sekunde jenes Schweigens, welches nicht allein das Fehlen von Worten ist, denn es verr├Ąt sich bald der innere Diskurs, das Aufbrechen des Inneren wird vernehmbar, und wenn man endlich durch das Schweigen st├Â├čt, macht man die Stille schreien und h├Ârt sein eigenes Wort in sich verhallen. ┬┤ Bei den Weihnachtsfeiern in diesem Hause scheint es aber je sp├Ąter desto geselliger her zu gehen. ┬┤
Ein holperndes Lachen, zur├╝ckgehalten von dem Gedanken an irgend etwas lustiges, das sie, einen Moment lang ganz abwesend ins Leere starrend, im Geiste Revue passieren l├Ą├čt, sch├╝ttelt unter glucksenden Lauten ihren schlanken K├Ârper.
┬┤ Eigentlich sind unsere Feste im Gegenteil das langweiligste was man sich vorstellen kann. ┬┤ , bricht es aus ihr heraus, w├Ąhrend sie in Erinnerungen versunken ohne hinsehen nach meinem Glas grapscht, um es nochmals zu f├╝llen. ┬┤ Zumal bei uns haarklein die urigsten Br├Ąuche und steifsten Sitten eingehalten werden, nicht wahr. Doch von der einen Sekunde zur anderen schwenkt das von rituellen Handlungen und hergebrachten Floskeln gezeichnete Fest in ein Get├Âse um, das einer Ansammlung von Marktschreiern, einer belebten B├Ârse oder der Diskussion einer Vorschulklasse in nichts nachstehen w├╝rde. ┬┤
Ihre B├╝ste ruht ruhig, ihre Strahler heften nun wieder gedankenverloren an den Mischutensilien, mit denen sie hantiert, und streifen nur kurz mein nahendes Spiegelbild, w├Ąhrend ich versuche ihr ├╝ber die marmornen, durch schmale Tr├Ąger gespaltenen Schultern zu sehen, um das Rezept des Getr├Ąnkes zu erfahren ( ehrlich nur darum ).
┬┤ Denn wenn die Kerzen kleiner und die Flaschen leerer werden, entledigt sich selbst mein Vater, indes er beil├Ąufig eine provokante ├äu├čerung zu einem soeben aufgekommenen Thema macht, der Krawatte. Das ist scheinbar das Signal f├╝r den Rest des m├Ąnnlichen Teils der Familie, um mit barbarischer Entschlossenheit und doch in aller Form, welche die biochemische Schieflage ihnen noch zugesteht, der Spitze des Hausherren zu widersprechen. ┬┤
Kichernd blickt sie auf und sagt, das m├╝sse ich mir einmal bildlich vorstellen, w├Ąhrend ich sp├╝re wie meine l├Ąngst zu warm gewordenen Wangen err├Âten. Zum Zeichen meiner Vorstellungskraft entweicht mir geschlossenen Mundes, mehr durch die Nase, ein unnat├╝rlich zischendes Lachen, ├Ąhnlich dem Zischen sich schlie├čender Metrot├╝ren, das den Wideraufbruch in das unterirdische Dunkel einl├Ąutet. Der Luftzug bewegt ihre samtene Schleppe, das wenige Licht schwimmt goldgelb auf ihr und scheint ganz darin ein zu tauchen, so wie sich die sp├Ąten Strahlen der Abendsonne glei├čend in die Wogen der See senken.
┬┤ Dank pers├Ânlicher Nickeligkeiten, die nur durch die tiefen Gl├Ąser zum Vorschein kommen und ansonsten routiniert ├╝berspielt werden, breitet sich der Zwist allm├Ąhlich aus. Angefangen meinetwegen mit der Politik, l├Âst sich das so hart umk├Ąmpfte strittige Terrain ├╝ber Sport und andere Aus- und Abschweifungen allm├Ąhlich im Chaos auf. ┬┤
Derweil sie ihren Faden weiter spinnt treibe ich meine Glieder in Richtung der ledernen Sitzgruppe, und es durchfurcht mich der Gedanke, da├č ich die Frage, ob es denn noch andere M├Âglichkeiten der Vorstellung g├Ąbe, au├čer eben der bildlichen, ungen├╝tzt treiben lie├č.
Verdutzt entdecke ich ihren Strickmantel, der sich um die Sessellehne schlingt und dessen Fehlen mir noch nicht aufgefallen ist, zumal ich mich nicht erinnere, da├č sie ihn auszog. Doch als ich vor dem knisternden Kamin, inmitten der schwarzwei├čen und ebenso farblos bewaldeten Berge niedersinke, welche ein roter Streifen umgrenzt, wird mir klar, es geschah w├Ąhrend ich in der Truhe w├╝hlte.
┬┤ Nach einer Weile, wenn das Gebr├╝ll einen gleichbleibend hohen Pegel erreicht hat, schreiten meist die Frauen ein, nicht wahr, und bieten eine Kleinigkeit zu Essen an oder fordern zum Kartenspielen auf. Von der emotionsgeladenen Diskussion bleibt dann nicht mehr ├╝ber als ein mulmiges Gef├╝hl in einigen K├Âpfen, die sich zwar sicher sind, da├č sie bei irgend etwas verloren haben, die jedoch nicht so recht wissen wobei eigentlich. ┬┤
Unbemerkt von mir hat Lola ihren Punsch vollendet, um sich mit frisch gef├╝llten Gl├Ąsern in meine Richtung auf zu machen, und ersch├╝ttert mit klackenden Hacken das Parkett. Zuerst nur eines, bald auch das andere Bein tritt hinter dem schwarzen Sofa hervor, verh├╝llt durch eine wei├če, oben enge, nach unten hin weiter werdende Hose, deren flatternde kurze Schlitze einen Augenblick ihre Kn├Âchel und einen Teil ihrer Schenkel frei zu geben versprechen, welche jedoch in wei├čen, hoch abgesetzten, elegant ledernen Stiefeln stecken.
┬┤ Ich liebe diesen Teppich, der ist doch wahnsinnig gem├╝tlich, nicht wahr. ┬┤ , sagt sie, ├╝berquert die rote Linie, womit das Klacken verstummt, reicht mir mein Glas und l├Ą├čt sich vor mir auf der wirklich angenehm weichen Winterlandschaft nieder. ┬┤ Seit meiner Kindheit, auch heute noch wenn niemand hier ist, hole ich im Winter manchmal mein Bettzeug herunter und liege bis in die Nacht ├╝ber meinen B├╝chern. ┬┤
┬┤ Er liegt fast das ganze Jahr ├╝ber unten im Keller, erst wenn es richtig kalt wird, oder auch erst zum Advent, holt mein Vater ihn herauf, schiebt die Couchen weg, und rollt ihn vor dem Kamin aus. ┬┤ Sie senkt den Kopf, ihre Stimme wird langsamer und etwas leiser hinter ihrem Behang, w├Ąhrend ihre Fingerspitzen scheinbar die vertrauten Konturen der Landschaft nachziehen wollen, denen trotz ihres vermeintlichen Alters nichts an Sch├Ąrfe fehlt.
┬┤ Jedes Jahr melde ich meine Erbanspr├╝che f├╝r das alte Sch├Ątzchen neu bei meinem Vater an. ┬┤ , lacht sie aufblickend, wobei sie die Haare zur├╝ck streicht, ┬┤ Er erwidert zwar mit gespieltem Ernst ich solle nicht vor seinem Tod schon sein Erbe verteilen, ist aber im geheimen sehr gl├╝cklich dar├╝ber, da├č ich den Teppich genauso in Ehren halte wie er. ┬┤
Ihr halbvolles Glas abstellend wendet sie mir ihren R├╝cken zu. Indem sie sich kurzzeitig auf ihre linke Handfl├Ąche st├╝tzt, kniet sie schon vor dem Kamin und tastet die messingfarbene Armatur an dessen rechter, fensternaher Seite nach irgend etwas ab. Der schwere gl├Ąnzende Stoff ihres cremefarbenen Oberteiles strafft sich ebenso wie das d├╝nne Wei├č ihrer Hose, deren R├Ąnder driften auseinander und ihre elfenbein farbene Haut kommt ├╝ber dem Hosensaum zum Vorschein. Ein zarter Grat, der, von ihrem Hals ausgehend, l├Ąngs ihres schmalen R├╝ckens l├Ąuft, scheint sich unter dem Saum zu vertiefen, und ihren K├Ârper entzwei zu spalten.
Mit einem unh├Ârbaren Drehen des Gashahns flammt das Feuer auf und versenkt uns unwiderruflich. Einer ihrer Stiefel trifft dumpf auf das zerbrechliche Beh├Ąltnis und in einem Tal zu F├╝├čen der verschneiten H├Ąnge versickert pl├Âtzlich ein rauchgl├Ąserner Cocossee und gl├Ąnzt dabei einen Moment lang matt, da├č mich wenig sp├Ąter ein ├Ąhnlicher Schimmer in ihrem Scho├č an ihn erinnert.




Abgang

Wir erwachen durch das bedrohliche Tuckern eines nahenden Dieselmotors, dessen Lichtkegel f├╝r einige Sekunden die Zimmerdecke erhellen, bevor sie zur Garage abbiegen. Fiola ist etwas fr├╝her als ich zu sich gekommen, noch einen Augenblick f├╝hle ich ihren Atem und ihre Haare an meiner Brust branden, schon streifen ihre Wimpern entlang meiner Haut. Als auch ich die Augen ├Âffne hebt sich schon ihr Kopf von meinem K├Ârper, sogleich schreckt sie auf, springt hastig in ihre Sachen und wirft mir fluchend meine zu.
W├Ąhrend ich noch um meine Hose tanze, wirft sie sich bereits in den Mantel, dreht den Gashahn ab, wodurch das Feuer erlischt, und stampft, die Wohnzimmert├╝re aus buntem Glas aufrei├čend, davon und aus meinem Blickfeld. Als ich endlich in meine Schuhe schl├╝pfe und das dunkle Zimmer verlasse, steht sie neben der Garderobe und richtet halogenbestrahlt ihr bla├č zerzaustes Spiegelbild.
Meinen Schal umwickelnd versuche ich ihren Blick zu fangen, doch die gro├čen blauen Flecken bleiben blind und sehen an mir vorbei. Lola dr├╝ckt mir im vorbeigehen die Jacke in die Hand, wobei sie schon nach dem Kiesweg sieht, um sich zu vergewissern, da├č sich noch keines der Familienmitglieder n├Ąhert.
Sie ├Âffnet mit der rechten das mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Portal und dr├Ąngt mich durch sanften Druck gegen meinen R├╝cken mit links durch diese hindurch. Noch die letzten Kn├Âpfe der Jacke schlie├čend, stehe ich vor der zu schlagenden T├╝re, deren Schwung sich in einem kurzen Zittern des Treppengel├Ąnders verl├Ąuft.
Langsam taste ich die drei matschbedeckten Stufen herab, die wie ein in der Mitte geteiltes Oktagon aus der Hauswand hervor treten, als spr├Ąngen sie, gleich nach dem mein Gewicht von ihnen f├Ąllt, in ihre Ursprungsform zur├╝ck, als versenkten sie sich in der Mauer, so wie die Falttreppe der Trambahn in deren Chassis, nachdem sie die Reisenden auf die Stra├če spuckt.
Herr von B├Âdefelds Blick begegnet dem meinen, er mustert mich mit einem zum L├Ącheln verzogenen Grinsen, und erwidert meinen nickenden Gru├č. Die Hand an der Haube des Kofferraums und einige ├╝berdimensionale T├╝ten zwischen den Beinen, ├Ąhnelt ihr Vater in seinem unwinterlichen Sakko einem ├╝bertrieben l├Ąssigen Gelegenheitscowboy, dem, kurz bevor die Gummikuh erst richtig loslegt, durch die Entdeckung eines B├╝rokonkurrenten, sein glattes Grinsen gefriert.
Das Knirschen der durch meine Schwere gepre├čten Flocken verbla├čt durch den ged├Ąmpften Aufprall des Metalls und das rascheln der T├╝ten in meinem R├╝cken. Ich besinne mich, mir nicht die Bl├Â├če zu geben, mich nach ihr umzudrehen, also erhasche ich in den Augenwinkeln ihren am Fenster vorbei eilenden Schatten, der sicher darum bem├╝ht ist, die stummen Zeugen unserer Zusammenkunft zu beseitigen.
Zwar h├Âre ich das Heulen des nahenden Busses, doch ich halte der Verrat leuchtenden Front der Wohnzimmerfenster gleichbleibenden Schrittes stand. Abzweigend von der Auffahrt biege ich in den unber├╝hrten Gehweg ein, passiere geschm├╝ckte Nadelb├Ąume und die von einer nur kn├Âchelhohen, fast eingeschneiten Holzreling umz├Ąunte Teichmulde, welche an einen verblichenen Kinderspielplatz erinnert, so als folge der Kindheit die Eiszeit.


Off I

Fehlhandlungen, die mit dem Bewu├čtsein ( oder auch Gewissen ), eben mit der Idealvorstellung von sich selbst und dem eigenen Verh├Ąltnis zu anderen unvereinbar sind, die sich so von jenem scheiden wie das ├ľl vom Wasser, bilden die Krone des Charakters. Und auch, wenn eine unendliche Tiefe von Allt├Ąglichkeiten dessen K├Ârper bildet, sind jene unausl├Âschbaren Mi├čgeschicke doch die Kr├Ąfte, die dem Mensch die Moral entringen, wodurch sie die Seele adeln.
Herk├Âmmlich und sprichw├Ârtlich bildhaft ( oder zumindest f├╝r K├Âche verst├Ąndlich ) ausgedr├╝ckt: Diese irreparablen Risse in der Vergangenheit der Menschen sind das Salz in der Suppe, und ohne diese bleibt der Geist eines jeden ziemlich fad ; oder besser: ohne deren Einsicht, denn nur Erkenntnis ver├Ąndert das Ich aus sich selbst heraus.
So wie die Saite den Hohlraum braucht, um der Stille T├Âne zu entrei├čen, so ben├Âtigt die Erkenntnis also eine grenzenlose Breite, eine bodenlose bewegte Masse der Erfahrung, die mit schwindender Jugend ruhiger wird. Bald bildet sich eine d├╝nne Haut darauf, welche wiederum mit dem Alter zunehmend verkrustet, um irgendwann ein starres, vernarbtes Gesicht zu bekommen, das zu keiner Ver├Ąnderung mehr f├Ąhig ist, und dessen unsichtbare Unruhe sich nur noch unkontrollierbar in abrupten Eruptionen entl├Ądt.
Diese B├╝rde des Bewu├čtseins, die zumeist unbewu├čt entsteht und nicht verdr├Ąngt noch jemals vergessen werden kann, die tief in einem vergraben liegt und doch niemals verloren bleibt, selbst wenn man Jahre nicht an sie denkt, ist der Sprengsatz der Seele.
Ist es nicht ein Kreuz mit dem Ged├Ąchtnis, dass gerade die Ereignisse, auf deren Erinnerung man verzichten k├Ânnte, einen Menschen vernarben, wohingegen jene verblassen, derer man sich gern erinnert, um zu mindest in ihrer Intensit├Ąt, wenn nicht in G├Ąnze, unwiederbringlich verloren zu gehen. Manchmal meint man, sich f├╝r dieses Vergessen vor sich selbst sch├Ąmen zu m├╝ssen, denn es waren ja Ereignisse, die dem Leben erst ihren Sinn geben, deren Erinnerung lebensnotwendig scheint, doch weder der Verstand noch das Gef├╝hl haben ihre ├╝berz├╝chteten Schosshunde im Spiel, wenn der w├Âlfische Instinkt seine Kreise zieht, an dessen Haut die Narbe noch zehrt.
Auch wenn der Schmerz l├Ąngst verklungen ist, die Scham bleibt doch, die Schande ist eingebrannt, und pr├Ągt, nicht wie ein Brandmal, sondern wie ein Schatten auf dem Antlitz, der auch von den Augen herr├╝hren k├Ânnte, den psychischen Fingerabdruck, der auf allem und an allen seine verschleierten, doch einzigartigen Spuren hinterl├Ąsst.
Und der Volksmund hat zweifellos Recht, wenn er sagt, Unkraut, als welches die unliebsamen Splitter der Vergangenheit viel zu oft angesehen werden, vergehe nicht. Diese Verunglimpfung des Krautes durch die Vorsilbe suggeriert einem, dessen Wachstum sei sch├Ądlich, f├╝hre zur ├ťberwucherung von etwas n├╝tzlichem. Deshalb l├Ąsst man es nicht gedeihen, j├Ątet es, rei├čt es samt seiner Wurzel heraus, doch der Keim bleibt letztlich immer in dem Boden der die Fr├╝chte tragen soll, er ist mit ihm verwoben.
Der unnat├╝rliche Schutz dessen was sich nicht durchzusetzen vermag, der Projektion der heilen Welt, besteht nur, solange der Mensch sich st├Ąndig k├╝mmert ; bricht sein Wille oder schwindet sein Mut, schl├Ągt sofort das Unkraut wieder durch und nimmt dem zerbrechlichen Pfl├Ąnzchen das Licht. Der Durchbruch aber ist nur eine Frage der Zeit, denn ihn n├Ąhrt das Altern des Menschen. Stemmt sich jemand dagegen, ist der Tag, an dem er mangels Kraft von seinem Kampf ablassen muss, vielleicht noch fern, doch dass er kommt ist nur allzu gewiss, denn die Zeit kennt keine Distanzen.
Wenn wir einst gezwungen werden uns zu fragen, sei es vom Gewissen, vom Prozess der Alterung oder letztlich vom nahenden Tod, wohin wir gehen werden oder wohin es uns treibt, wehe dem Wanderer, dessen Waden erweichen, denn alle Lasten der Welt bekommen erst ihr Gewicht, mit dem Moment, dem es an Zielen fehlt, und wer sich setzt, steht vielleicht nie wieder auf.
Derjenige, der sich, und damit vor allem seinen sehenden, st├Ąndig assoziierenden, bildenden Geist liebt, begreift schnell, dass nur dort Schatten entsteht, wo man das Licht verdeckt, was gewisserma├čen der Umkehrschluss jener gemeinen Redewendung ist, die besagt, wo Licht ist, da sei auch Schatten (hier irrt der Volksmund wiederum nicht, wer m├Âchte das bestreiten ).
Demjenigen fehlt wenig, um zu erkennen, dass das wuchernde nicht eine Art immaterieller Kopfkrebs ist, sondern die Gnade der zweiten Chance, wenn man daraus seine Lehren zu ziehen und das Dunkel der Erinnerung zu erleuchten wei├č. Das Kraut will kultiviert werden, denn der brennende Schmerz der Fehlhandlungen, bewahrt einen vor k├╝nftigen Fauxpas, was einem den Rest des Lebens wieder eine Spur angenehmer zu machen vermag.
Und wenn sich der werte Leser nun an eine weitere v├Âlkische Redewendung erinnert f├╝hlt, belustigt oder beleidigt ob des Klopfens b├Ąuerlicher Sprichw├Ârter, sei ihm abschlie├čend verk├╝ndet: das gro├če Brahman, die Wei├čheit der Wei├čheiten liegt seit jeher, seit dem Anbeginn der Zeiten auf der Zunge der Menschheit ( und diese bestand nun mal die l├Ąngste Zeit aus Bauern ).
Doch was wei├č ein einzelner schon von der Potenz eines einzigen, winzigen Triebes, den zu zertreten es weder M├╝he noch Kraft kostet. Eh wir selbst wachsen k├Ânnen quillt er anderorts aus tausend Ritzen, schnellt zwischen dem Pflaster des Gehsteigs hervor, noch bevor wir einen Schritt wagen. Mit der Sonne im Bunde sprie├čen die Bl├Ątter, ein Stamm, gen├Ąhrt von unsichtbarer Hand, entwindet sich dem Erdreich.
Wer wacht und raffiniert seinen Geist ein Leben lang, wer liebt sich genug, um nicht im Schatten seiner Vergangenheit zu stehen, der je l├Ąnger er besteht desto blinder macht, sondern, um unter dem Baldachin seiner gediehenen Saat zu sitzen.


Odyssee

Als ich um die Hecke biege, sehe ich den Bus soeben in der Nebenstra├če verschwinden.
Das Gestr├╝pp verdeckt mich nicht ganz und reicht nur bis zu meinen Schultern, um allein meinen Kopf sichtbar zu lassen, der nun ├╝ber den gr├╝nen Horizont wandert, wie die Opfer in den Shoot-em-up Spielen.
Gedankenlos schwebe ich vorw├Ąrts ├╝ber den ausgetretenen Schnee, kein Knirschen unter meinen F├╝├čen, das ich doch nicht h├Âren noch f├╝hlen k├Ânnte, denn mein Geist und sein K├Ârper sind taub, ich sp├╝re nichts.
Es ist ein Irrglaube, dass man schwebt, wenn man gl├╝cklich ist, denn erst dann bemerkt man jeden Stein unter der Sohle, man scheint mit der Welt verwachsen, ein Ohr an dem Gesang seiner gefiederten Freunde und immer ein Auge auf den blumigen Feinheiten des Lebens. Man sieht alles durch ein Fernglas, entdeckt in einem Moment die wahre Natur einer Sache und dessen Wert f├╝r das Ganze, dessen Teil man ist. In einem anderen weitet sich der Blick weltumspannend und l├Ąsst alle Teile verschmelzen, und man meint zu wissen f├╝r was und wen es sich zu streben und zu leben lohnt.
Das Schweben jedoch ist ganz und gar der Depression eigen, den Stunden, die einem das Denken, das Tr├Ąumen und Weinen verbieten, die Abgr├╝nde auftun zu deren ├ťberwindung es Fl├╝gel bedarf, die man nur unter ├Ąu├čerster Konzentration, nur taub und blind und wortlos, meistern kann. Und ├╝berhaupt, was gibt es noch zu sagen, die Bl├╝ten ziehen keinen Blick und der Singsang der V├Âgel bleibt ungeh├Ârt wie Kaufhausmusik.
Einige Haltepunkte sind schon an mir vor├╝bergezogen als ich um mich blicke, der Weg des Busses der mich stehen lie├č war auch der meine. Die Blockbebauung hat die freistehenden H├Ąuser abgel├Âst, so pl├Âtzlich wie die M├╝digkeit und das Frieren die Taubheit.
Neben der Haltestelle lockt ein kleiner Verschlag mit verhaltener Leuchtreklame und der Aussicht auf einen windgesch├╝tzten Standplatz Passanten. Bude, so nennt man im Pott oder Revier oder Ruhrgebiet jene kleinen Gesch├Ąfte, die offiziell Trinkhallen hei├čen, jedoch mehr anzubieten haben als Alkohol und Limo.
Haupts├Ąchlich jedoch wegen ersterem besetzen tag und nacht scheinbar heimatlose Gestalten, wie Angeh├Ârige eines kleinen Bienenschwarmes, die immer wieder mal ausfliegen, die Buden. Ihre Bienenhaftigkeit liegt aber nicht in dem jenen Gesch├Âpfen eigent├╝mlichen Flei├č, sondern eher in den kommunikativen T├Ąnzen, die das unproduktive Budenvolk fortw├Ąhrend vollzieht, indem es instinktiv einem, zumindest f├╝r Au├čenstehende, leicht entschl├╝sselbaren Muster folgt.
Wenn dieses Klientel, was selten vorzukommen scheint, seinen Anlaufpunkt doch einmal verl├Ąsst, vermittelt es mit Mimik und Gestik ├Ąu├čerste Eile, klopft zum Abschied mit dem Schl├╝ssel auf die h├Âlzerne Theke, wie zum Zeichen, dass es doch ein Zuhause hat, und verl├Ąuft sich fliegenden Schrittes in den Stra├čen.
Dies geschieht aber v├Âllig unvorhersehbar, normalerweise stehen diese Leute, die ich bevorzugt Buden-Penner nenne und die niemals anders als in Trainingshosen anzutreffen sind, stoisch und bewegungslos an dem provisorischen Tresen. Mit diesen Brettern scheinen sie verwachsen, dort zischen, ziehen oder schlucken sie, wie es im Wechsel genannt wird, in nie f├╝r m├Âglich gehaltener Langsamkeit ihr Flaschenbier.
Alles scheint gut miteinander bekannt zu sein, gr├╝├čt sich und redet lautstark, nur wenn ein Fremder ersp├Ąht wird, schweigt die Phalanx von saufenden Nichtsnutzen und be├Ąugt den nahenden Unbekannten schon von Ferne. Sie vermitteln einem, vielleicht nur ungewollt, das Gef├╝hl des Eindringens in eines anderen Privatsph├Ąre, sehen einen unverbl├╝mt mit fragendem, ├╝berraschtem Blick an.
Je nachdem, was man f├╝r ein Typ Mensch ist, bleibt einem nichts anderes ├╝ber als eine dieser beiden M├Âglichkeiten. Entweder haucht man, beidseitig von absurden Mimen flankiert, seinen Wunsch, steckt still seinen schweigend gereichten Einkauf in die Tasche, und zieht, das urteilende Murmeln im R├╝cken, seines Weges, ebenso wie die folgenden male. Oder aber man tritt, den Blich der Gestalten offen und direkt erwidernd, mit einem Gru├č an die Theke und spricht mit dem Verk├Ąufer wie mit einen alten Bekannten, woraufhin man, von Scherzen begleitet, die Ware gereicht bekommt.
Wohnt man dort, und braucht man dies Einkaufsm├Âglichkeit des ├Âfteren, vor allem wenn man raucht oder trinkt, hat das eigene Verhalten weitreichende Folgen. Denn geht man nach ersterer Methode vor, so kann man sich dessen sicher sein, dass diese Leute, oft arbeitslose oder in Fr├╝hrente gegangene Kumpel und zukunftslose Jugendliche, wenig Gutes ├╝ber einen untereinander zu berichten haben. Biegt man um die Ecke, steigt man aus einem Auto, einem Bus, schlie├čt man die Haust├╝r auf oder tritt hinaus auf die Stra├če, immer heftet deren geringsch├Ątziger Blick an einem.
Handelt man wie im zweiten Fall beschrieben, wird man in Zukunft jedes Mal schon von Weitem gegr├╝├čt und bekommt des ├Âfteren ein inhaltloses Gespr├Ąch angeh├Ąngt, aus dem man sich nur schwer verabschieden kann. N├Ąhert man sich mit Bekannten seiner Wohnung, wird man mit einem Kopfnicken begr├╝├čt und nimmt sich gro├čes vor, will man dem anderen, der solcherart Mensch schmunzelnd begutachtet, trotz dessen er sie sicher kennt, diese unschmeichelhafte Verbundenheit erkl├Ąren.
Wie man es auch anstellt, zu gewinnen ist wenig. Der jeweilige Vorteil der einen Methode gegen├╝ber der anderen bleibt im Ganzen immer ein Nachteil, denn beides f├╝hrt auf das selbe hinaus, n├Ąmlich einer Antipathie und Meidung der Bude, die im allgemeinen, nicht Westler werden es wissen, eine n├╝tzliche und komfortable Einrichtung ist.
Da ich nicht so schnell wieder herkommen werde, begebe ich mich wortlos an die schmale mittlere Glasscheibe, die vom Tresen bis in Stirnh├Âhe reicht und welche der Verk├Ąufer, je nach Bedarf, schlie├čen, oder hinter einer der beiden breiten ├Ąu├čeren Scheiben versenken kann.
Die Figuren an meiner Seite, ein dicker alter Mann in farblosem Rolli unter einem offenem Parker, der nur soeben den Bauch├╝berhang bedeckt, und ein schlaksiges d├╝rres M├Ąnnchen, dessen riesige F├╝├če samt Socken aus viel zu kurzen Hosenbeinen gucken, sie schweigen und betrachten mich wie erwartet, schnippen die Asche ab und greifen, wie zur ├ťberbr├╝ckung der mutwilligen Unterbrechung, nach ihren Flaschen.
Der Verk├Ąufer wendet sich auf mein Klingeln hin von dem winzigen Fernsehger├Ąt ab, eines der Sorte die auch ├╝ber den Zigarettenanz├╝nder des Autos laufen, das meinem Blick jedoch verborgen bleibt. Das Fenster wird beiseite geschoben und ich sto├če, wie mir scheint lauter als n├Âtig und daher fast befehlend, zwei W├Ârter hervor, ┬┤ Zwei Pils ┬┤. Der Kerl, seine ausgebeulte Hose ist gelb und speckig, geht zum K├╝hlschrank um mit einer Hand die beiden Flaschen K├Ânig von einem der Gitter zu nehmen, w├Ąhrend er mit der anderen die T├╝re ├Âffnet und mit einem dumpfen Aufprall wieder zu fallen l├Ą├čt. Die Pullen landen etwas hart auf dem h├Âlzernen Tresen, ┬┤ Dreisiebzig ┬┤ brummt der dahinter und der davor tritt mit einem nordisch knappen ( nicht Knappen ) ┬┤ Nabend noch ┬┤ den R├╝ckzug an.
















Der Piltdownmensch



Ende vom Anfang 1
Abgang 8
Off I 9
Odyssee 11


Anmerkungen:

Nachfolgende W├Ârter, Begriffe und Quellenangaben sind alphabetisch sortiert und erl├Ąutert.

Brahman: die Wei├čheit, siehe Jose Ortega y Gasset ┬┤Schweigen, das gro├če Brahman┬┤ aus ┬┤Gesammelte Werke┬┤, Band 1.
Piltdownmensch: Bez. F├╝r einen 1910-15 in Piltdown (East Sussex) gemachten ┬┤Sch├Ądelfund┬┤, der zun├Ąchst als fr├╝hmenschlich gedeutet wurde, (1938 wurde ihm als ┬┤├Ąltestem Engl├Ąnder┬┤ an der Fundstelle ein Denkmal gesetzt), sich aber 1955 als ┬┤ F├Ąlschung erwies.


(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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