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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Polenwitze
Eingestellt am 15. 03. 2009 11:37


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reinhard kreil
???
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Bert und seine Frau erhielten im FrĂŒhjahr 2005 eine Einladung zu einer Familienfeier in einer entfernten Stadt. Drei knapp hintereinander geborene BrĂŒder, die einige Jahre zuvor in einem Schwung zusammen getauft worden waren, sollten auch zusammen Kommunion feiern. Die Mutter hatte die weit angereisten GĂ€ste Abends zuvor im Elternhaus der Jungs zum Essen eingeladen. Im Lauf der Stunden wurde es richtig gemĂŒtlich und die Buben legten doch noch ihre Scheu ab vor den teilweise nicht so vertrauten Verwandten und Freunden. Die Drei fĂŒhlten sich dann sogar ein bisschen als Gastgeber die die Leute unterhielten und beschĂ€ftigten. Plötzlich meinten sie Polenwitze erzĂ€hlen zu mĂŒssen. Sie sagten das so, wie sie zuvor bei einigen GĂ€sten Stadt-Land-Fluss und andere Unterhaltungsspielchen angeregt hatten. Es hatte, so schien es, etwas normales, als hĂ€tten sie das so schon öfter gemacht bei solchen Gelegenheiten.
Bert protestierte gedĂ€mpft heftig. Es kam ganz unten aus dem Bauch. Er war selbst ĂŒberrascht ĂŒber seine spontane Reaktion, denn hier war er Gast in einem gediegenen Familie. Die Jungs waren lebendig, intelligent und doch folgsam. Die Eltern beruflich schrecklich erfolgreich. Bert war nur eine graue arbeitslose Maus. Er hatte nicht ĂŒberlegt, nur reflexartig reagiert.

Einige Jahre zuvor hatte ein Late-Night-Talker kritische Stimmen in den Medien abbekommen, weil er Polenwitze in seiner Sendung zum Besten gab. Von Mund zu Mund, in deutschen Wohnzimmern und Kneipen hatten sie grassiert. Inzwischen musste es nachgelassen haben, denn Bert hatte lange keine mehr zu Ohren bekommen. In Deutschland damals, mit der gefĂŒhlten Grenze zu den doch noch Gesellschaftlich und Wirtschaftlich im Aufbau befindlichen ehemaligen Ostblockstaaten war es bei den Witzen hauptsĂ€chlich um Autoklau gegangen. - “Besuchen Sie Polen! Ihr Auto ist schon da” - . Das öffentlich rechtliche Fernsehen war natĂŒrlich eine andere Ebene als der Stammtisch, aber bei aller Political Corectness, meinte Bert damals, so was musste auch möglich sein. FrĂŒher erzĂ€hlte man Ostfriesenwitze, Schottenwitze sind Weltkultur, Blondinenwitze waren gerade im kommen und die Polen hatten garantiert keine sehr freundlichen Witze ĂŒber die Deutschen. Selbst zu DDR Zeiten war man sich auf unteren Ebenen nicht grĂŒn zum jeweiligen verordneten sozialistischen Bruder. Nachbarschaftliche NormalitĂ€t hat viele Varianten, auch Witze mĂŒssen dazugehören können und dem Wandel ausgesetzt sein. Theoretisch muss eine nachbarschaftliche Beziehung zwischen Völkern zeitweise sogar schlechter werden dĂŒrfen und trotzdem NormalitĂ€t sein. Dass Deutschland auf Grund der Vergangenheit von anderen Nationen nicht selbstverstĂ€ndlich als ein Land wie jedes andere angesehen wurde hatte Bert, wenn auch widerwillig hinnehmen gelernt mit der Erkenntnis, dass man die Gleichberechtigung gegenĂŒber dem Ausland bestĂ€ndig einfordern und auch Deutschland selbst sich diese Berechtigung immer wieder neu verdienen muss. Bert hat aber nie akzeptiert, dass das VerhĂ€ltnis zu Polen ein empfindlicheres sein soll wie zu anderen von Nazideutschland angegriffenen und besetzt gewesenen LĂ€ndern.

Aber was war hier an diesem Tag? Warum kam da Ablehnung aus dem Bauch? Es war also doch nicht so einfach. Doch nicht gleichberechtigt? Na ja, Witze gehen immer auf Kosten von irgend jemandem. Ohne Verletzungen geht es nicht. Aber das ist normal. Nahezu jedes Thema kann mit Witzen bearbeitet werden. Aber natĂŒrlich gibt es falsche Zeitpunkte und falsche Orte. Immer wieder mal muss man das Gesicht verziehen, wenn man merkt, dass jemand sich vertut. Ein Witz ĂŒber Polen ist nicht das gleiche wie ein Witz ĂŒber Österreicher, zumindest nicht in Deutschland im Jahr 2005. Vielleicht spĂ€ter mal. Trotzdem mĂŒssen sie existieren können und sie existieren auch.

Hier aber, meinte Bert ganz spontan zu fĂŒhlen, ist eine andere Ebene. Hier wird etwas kultiviert an acht bis zwölfjĂ€hrigen Buben. Polenwitze, die eigentlich gerade wieder aus der Mode sind werden fast programmatisch gepflegt, am Leben erhalten und, so sah es aus, an die nachwachsende Generation weitergegeben. Da stand der Vater hintendran, wer sonst. So etwas macht man mit seinen Kindern beim Sport, mit der Liebe zu Musik oder mit einer persönlichen Lebenseinstellung. Man vermittelt Ehrgeiz, Ausdauer, Leidenschaft, auch akzeptabler Patriotismus, ja. Aber dass da war etwas anderes. Das war nicht Late Night fĂŒr aufgeklĂ€rte Erwachsene. Das war Schulhof am Vormittag. Polenwitze von halbwĂŒchsigen Bildungskindern eingeĂŒbt als Bestandteil deutscher Humorkultur. Dargebracht am Abend vor deren Kommunion. Das ekelte an.
Aber es reichte noch weiter. Neben der spontanen Regung stieg in Bert bald ein grotesker Zusammenhang auf. Mein Gott fĂ€llt das niemandem auf? Die schallende Ironie wurde ihm schlagartig klar aber er wagte es nicht nach Außen irgend eine Regung zu zeigen. Genau an diesem Abend beteten wahrscheinlich Millionen glĂ€ubiger Katholiken fĂŒr ihren Papst, der im Sterben lag. Das war ein Pole. Er hatte bis dahin fast drei Jahrzehnte die Welt bewegt.
Als die ganze Festgesellschaft am nĂ€chsten morgen an der Kirche ankam hingen lange schwarze Trauerfahnen den Kirchturm herunter. Das Oberhaupt der katholischen Kirche war genau in dieser Nacht gestorben. Aber damit noch nicht genug. Der Priestermangel in der deutschen katholischen Kirche war nichts neues. Schon lĂ€nger hatte man angefangen sich zu behelfen. Bert konnte es an der Aussprache hören. Der Pfarrer, der die drei Söhne des Vaters, seine Frau war nicht katholisch, zur heiligen Kommunion fĂŒhrte war ebenfalls ein Pole. Bert schwankte zwischen Entsetzen und kopfschĂŒttelnder Ironie. War er hysterisch oder sind alle anderen blind? Insgeheim fĂŒhlte er sich erhaben ĂŒber die anderen, moralischer. Das gab im Kraft, aber er spĂŒrte, da war auch Eitelkeit dabei.

Am Abend zuvor waren dann doch keine Polenwitze erzĂ€hlt worden. Der gedĂ€mpfte Protest war gedĂ€mpft registriert worden, auch vom Vater. Bert hatte stumme Blicke der GĂ€sten auf sich gespĂŒrt. Derjenige der Jungen, der keine Schulklasse ĂŒbersprungen hatte und der schon öfter mal durch empfindsame Bemerkungen aufgefallen war, hatte sogar in den Raum gestellt: “Ja, warum eigentlich gibt es Polenwitze?” Er hatte keine Antwort bekommen, auch nicht von Bert.

Ein Jahr spĂ€ter fragte die Mutter mal vorsichtig ob Berts Familie Verwandte in Polen hĂ€tte. In aller Unschuld hatten die bis heute ĂŒberhaupt nicht registriert was fĂŒr Bert zum Himmel geschrien hatte. Er ĂŒberhörte die Frage. Bert dachte an Antisemitismus. Der Ausspruch “wehret den AnfĂ€ngen”, der hĂ€ufig in der Gegenwart zitiert wurde und dabei seiner Meinung nach viel kaputt machte, den hasste er. Aber so Ă€hnlich unbewusst, unbemerkt, scheinbar harmlos schleichend könnten die AnfĂ€nge hundert Jahre zuvor gewesen sein. Noch kein wirkliches Unrecht, aber eine giftige Keimzelle im Spiel vielfĂ€ltiger, zukĂŒnftiger Entwicklungen.


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Meine Texte beruhen auf tatsÀchlichen Ereignissen. Biographische, assoziative Episoden zur Aufarbeitung.

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bluefin
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ich finde, lieber @reinhard, du machst viel zuviel worte um die ganz banale tatsache, dass witze, egal welcher provenienz, so gut wie immer völlig unreflektiert weitererzĂ€hlt werden. der gutmenschenmantel, in den du deinen prot hĂŒllst, ist ebenso unspezifisch wie ein "polenwitz", ein "österreicherwitz", ein "judenwitz" oder ein "ossiwitz".

die vermutung, in "besseren" hÀusern hÀtten die entsprechenden witze den besseren keimboden als auf der gosse, ist eindeutig falsch: schon allein der primitive inhalt der meisten einschlÀgigen kalauer spricht dagegen. "sophisitcated" (und damit vielleicht wirklich bedenklich und subversiv) sind die meisten dieser "witze" nicht.

deshalb eignen sie sich auch nicht zu derart ausufernden abhandlungen. wobei der von dir gezogene ("ihr auto ist schon da!") bei nÀherer betrachtung durchaus ambivalent ist - er geht nÀmlich nicht nur auf kosten einer inkriminierten natiopnalitÀt, sondern auch zu lasten eines dummen, der verdutzt seinem auto wieder begegnet.

der witz steht nie am anfang einer entwicklung, sondern beschreibt eine (vermeintlich) bereits lĂ€ngst stattgefundene auf eine mehr oder minder geschacklose art. auch die satire, die immer und ĂŒberall auf kosten dritter geht, ist nie direkt gesellschaftspolitisch relevant, sondern nur abklatsch. hier in bayern nennt man das "derblecken": stabile, in sich ruhende persönlichkeiten und systeme halten's locker aus; alle anderen sind keine.

tipp: bei bedarf nicht mit sinnlos erhobenem zeigefinger gegen politisch inkorrekte witze vorgehen, sondern sich ĂŒber die witzeerzĂ€hler und witze selber lustig machen. alles andere funzt nicht - weder literarisch noch anderweitig.

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

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reinhard kreil
???
Registriert: Jun 2008

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Hallo NicoD,

habe mein Profil geÀndert, ist alles tatsÀchlich so gewesen.

"gedĂ€mpft heftig" hieß, nicht lautstark aber mit schneller, fahriger Bewegung (halb aufgestanden, hand auf den unterarm des jungen)und schnellen geflĂŒssterten Zischlauten ("Lass es. lass es").
vielleicht hÀtte ich es so schreiben sollen.

Ja ich bin hölzern, deine worte helfen mir weiter.

was ich schade finde. merkt man nicht dass es mir nicht um witze geht oder um leute in besseren HĂ€ussern, sondern um zerrissenheit, schamgefĂŒhl und groteske zusammenhĂ€nge, bedenkliche entwicklungen die andere nicht wahrnehmen?

vielen dank
gruß reinhard



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reinhard kreil
???
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Hallo Wipfel,

du hast verdammt recht. ich weiß das schon lange. du machst es mir aber nochmal deutlich. Das ist keine literatur was ich hier produziert habe. Das ist "anliegen". vielleicht ist es mir auf "Hausierer" oder " juddeferz" ein bisschen mehr gelungen, aber dennoch bin ich kein schrifsteller, es ist mir nur manchmal zum schreiein wie in "Polenwitze".

allein schon deine kritik ist dagegen ein kleines kunstwerk im erfassen des inhlts und in den worten wie du es ausdrĂŒckst.

es ist mein spezielles problem, dass ich sensoren habe dinge zu empfangen die wohl etwas weiter reichen, aber nicht die mittel und fĂ€higkeiten mich auch angemessen auszudrĂŒcken.

mit gutmenschsein und tugendwÀchter hat das nichts zu tun. eher mit stÀndigem,erneutem zweifel und hinterfragen.

ich trĂ€ume davon meine erfahrungen und meine zweifel ( da draußen in der welt gibt es noch so viel ungesagtes das zu neuem fĂŒhrt)in meinen worten an einen richtigen schriftsteller zu schicken oder im internet zur verfĂŒgung zu stellen, damit andere etwas damit anfangen.

die erfahrung in leselupe sagt mir, ohne erwartete form wird nichts beachtet.

ich weis nicht was ich weiter mache,
kÀmpfen auf jeden fall,
und versuchen zu lernen.
Vielleicht reicht es fĂŒr mittelmĂ€ĂŸige ergebnisse.

gruß reinhard





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