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Leselupe.de > Ungereimtes
Posthume Poetik
Eingestellt am 11. 06. 2001 20:40


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dieterschlesak
BlĂŒmchendichter
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Posthume Poetik

Fragmente zu einer posthumen Poetik
aus "Tunneleffekt", Galrev, Berlin 2000

Es wird kĂŒnftig, ich weiß nicht wo oder wenn, noch bewiesen werden: daß die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen verknĂŒpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geister-welt stehe, daß sie wechselseitig in diese wirke und von dieser EindrĂŒcke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewußt ist, so lange alles wohl steht. Immanuel Kant






1

Was bisher der Mythus des Christentums war, alles bestimmte, ist ĂŒberholt, ist am Ende. Doch gibt es eine andere tiefere RealitĂ€t, die "Gott" als das Unfertige Kommende erkennt.

Lyrik und Poesie in der Kunst allein gehn mit dem Kommenden, dem "Tod" wie mit Ihresgleichen um. Sie bringt die Illusion der "festen Welt" mit Hilfe der Interlinearversion, der Traumdiktate, des geöffneten GedÀchtnisses zum Verwesen, sie hebt die Illusion der Zeit auf.

Das Subjekt rĂŒckt ins Zentrum: denn der dichteste Ort des Alls ist der mensch-liche Kopf. Kenntnis ist in unsere Sprachformen ĂŒbersetztes kosmisches Wis-sen, vor allem in die der Mathematik. Das Subjekt, der Grund dieser Kenntnis selbst aber kann begrifflich niemals erfaßt werden... Dieses Unfaßbare wurde einmal "metonymische KausalitĂ€t" (abwesender Grund) genannt; sie ist der klingende Grund von Musik und Poesie.

Von Paul Celan wurde der Gedanke wieder aufgenommen, daß wir erst im Ge-dicht, ja, schon in jedem Wort, Dinge, Tiere, Pflanzen auferwecken, "erlösen", und Lyrik in solch einem "Probehandeln" eine Aufgabe erfĂŒllt. In seinem "Krokus"-Gedicht heißt es:

KROKUS, vom gastlichen
Tisch aus gesehn:
ZeichenfĂŒhliges
kleines Exil
einer gemeinsamen
Wahrheit,
du brauchst
jeden Halm.

Ohne den Menschen wĂ€re alles wieder in die tiefste Nacht des Nichtseins und in ein von niemandem gewußtes Ende hinabgesunken!

Der Einzelne, das Individuum, sein Bewußtsein ist mehr als "die Welt". Lyrik ist also zu einer Haupt-Sache geworden, oder mĂŒĂŸte konsequenterweise zu ei-ner Hauptsache werden!

2
Bilder (auch das Christusbild) können alles zuschĂŒtten, vermauern, uns "entla-sten" von der Verantwortung, jeden Augenblick unserer Existenz als tragische Ausnahme zu sehen.

Das Fehlende allein, die Absenz zielt ins Herz des Wirklichen.
Bei den Juden trug es den Namen des "Nichts", Voraussetzung, um sich jenem "Einen" (dem grĂ¶ĂŸten, weil alles-umfassenden, daher undenkbaren) Zusam-menhang zu nĂ€hern, den wir nicht fassen können: das Eine als treibende Ab-senz, das in allem enthalten ist, ein sich in Schmerz und Freude verwandelndes Heimweh, Hohlform unverzichtbarer Hoffnung, seiner nirgends und ĂŒberall er-kennbaren Gestalt!

Aber das akzeptierte und bedenkenlos gelebte AlltĂ€glich-SelbstverstĂ€ndliche und "Einfache" verhindert auch das GlĂŒck des unmittelbaren Reichtums und die HintergrĂŒnde eines großen Zusammenhangs im plötzlichen Aufblitzen von BerĂŒhrung und Verstehen! Allein die "via negativa" ermöglicht dieses. Und die Chance ist im Gegensatz zu traditionellen Zeiten heute fast jedem gegeben, weil die Zeiten jetzt so sind, sie selbst den Abgrund zeigen!

"Das Staunen darĂŒber, daß die Dinge die wir erleben, im zwanzigsten Jahr-hundert `noch` möglich sind, ist kein philosophisches", heißt es bei Walter Benjamin: "Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der sie stammt, nicht zu halten ist."

Absenz ist heute der allgemeine Zustand geworden. Und erst in den Zwischen-rĂ€umen des "Realen" kann es Hoffnung geben, sie ist bildlos und hart, es ist eine Leerstelle im Gewohnten, die Voraussetzungen sind gĂŒnstig, die Zeit selbst hat Abschied im Blick, "Gott ist der Tod" (Hegel).

Sich trennen können, illusionslos hinabgetaucht in die tiefste Einsamkeit, die wiederholt, was jeder in der letzten Stunde erlebt, "todeseinsam" zu sein, bringt jenes GlĂŒcksgefĂŒhl einer anderen Vereinigung in der total zersplitterten, ei-gentlich schon untergegangenen sinnlichen Welt mit sich.

Und nicht nur Jung wußte davon, daß erst durch die Trennung von den anderen Menschen und vom LĂ€rm der Sinne, in absoluter Einsamkeit und in einem auf sich selbst ZurĂŒckgeworfen-Sein, ausgespannter, ja abgeschnĂŒrter Sinne, jeder die Chance hat, wieder der "erste Mensch" zu sein. Eremiten und Einsame, bis hin zu den freiwillig sich im Finstern einmauernden Mönchen des Tibet, wis-sen vom Spalt, der sich erst in der Absenz öffnet, um die Mauer, an der wir tĂ€glich entlangtaumeln, zu durchbrechen. Dies ist jetzt nicht nur eine Sache von Eremiten geworden, die Zeit nĂ€mlich ist danach, sie selbst ist einsam geworden in ihrer Tiefe - ĂŒberschĂŒttet und verschlammt von schreienden Bildern.

Wer allein ist, liest, liest eher, wenn er einsam ist, ist dann konzentriert. "Le-sen, was nie geschrieben wurde": Herausstellen, was durch Geschichtsschrei-bung und MĂŒndlichkeit verdeckt wurde. Wie TrĂ€ume, die kurz nach dem Er-wachen verschwinden. Wie zwischen Leben und Tod, Heraufkommen von an-deren Archetypen und BILDERN von jenseits der Grenze, die die gewohnten löschen. Denn wĂ€h-rend die Beziehung der Gegenwart des Bewußtseins zur Vergangenheit eine rein zeitliche ist, ist die der bunten Welt unserer Augen, al-so des Gewesenen, zum bewußten Jetzt nicht zeitlicher, sondern bildlicher Natur.

3
Gewesen-Verwesen, - also den Zerfall in jedem Augenblick vor sich zu sehen, mĂŒĂŸte eigentlich abschiedsfĂ€hig machen, es hinterlĂ€ĂŸt aber nur Trauer, weil wir eher unseren Augen als unserer Gewissheit trauen. Und daß wir den Ab-schied (den Tod vor Augen) sehen können, dies wird mit den stĂ€ndig ankom-menden und verschwindenden Sekunden gleichzeitig und immerzu verdrĂ€ngt! Als wĂ€re es die reine Unmöglich-keit... Wir erfahren sie tĂ€glich.

In der Poesia metafisica wird versucht, jene Scheinhaftigkeit der "wirklichen" Existenz kenntlich zu machen, und zwar durch virtuelles "Verschieben" in die eigene Zu-kunft, an jenen ORT, wo das Ich schon IST, den Bezugspunkt also zur wirklichen Zeit, die ihre Schatten in jeden Augenblick werfende erfĂŒllte Zukunft (also das, was alle am Ende erwartet!) zu finden.

Der Versuch, im ver-endeten Schein diesseitiger Existenz dahin also zu kom-men, wo auch die Illusion Tod aufgehoben werden kann, macht jede Zeile zu einem "geschriebenen GlĂŒck". Unsere gemeine (gesicherte und sozialtierische) Alltags-Existenz ist ja eine kĂŒnstliche (und unwahre) Pro-jektion aus Angst (Freud). Alles wird getan, um das Un-Heimli-che, jenen Abgrund des Heimi-schen (des Gemein-samen von Lebenden und Toten) zu verdrĂ€n-gen. Daraus ist der ErzĂ€hler noch nicht, wohl aber ein bewußtes lyri-sches Ich lĂ€ngst er-wacht.

Die Lebenden wirken wie Gespenster.

Das lyrische Ich (Spiegel des Selbst, das Du, der alte "Engel" in uns) reagiert mit gutmĂŒtigem Spott und Sarkasmus, aber auch freundschaftlich und mitlei-dend. Überhaupt kann es ja in dieser Wieder-Gabe (Mimesis) irdischer Ver-hĂ€ltnisse nur mit leidvollem Wissen um alle Todesarten des Irdischen, wozu nicht nur Krankheit, Krieg, Alltag, sondern auch die Liebe gehört, zur authenti-schen Lyrik kommen; und es könnte sein, daß das ganze poetische Unterneh-men nur eine Art Jenseits-Therapie ist, die "Tagesreste" jenes Albtraums "Le-ben" zu tilgen, sich zu reinigen, um sich weiter entwickeln zu können, diese Schwere und AbschiedsunfĂ€higkeit zu beseitigen.
Begriffe sind unfÀhig, dieses Kommende zu fassen (jene Welt, die eigentlich schon da ist).

4
Der Tod als Tor, das Aufblitzen im Augenblick der Öffnung. Den Tod erlebt zu haben durch einen Unfall, eine Krankheit, den Verlust eines geliebten Men-schen, im Krieg... oder auch nur im alltĂ€glichen Bewußtsein, daß wir sterben mĂŒssen, ist die Voraussetzung einer Lyrik, die von sich selber weiß und nicht nur mit Worten und GefĂŒhlen spielt: Die Organisation eines Gedichtbandes braucht heute im bequemen Stillstand diesen Schock, einen Standort jenseits der Zeit; das Gedicht muß aus dem Zeitfluß herausgehoben sein, um sich selbst erkennen zu können. Es ist der Ort des Gewesen-Sein-Werdens!

Der Tod droht jedem! Das Nichts ist fĂŒr jene freilich nĂ€her, die den Boden un-ter den FĂŒĂŸen verloren haben. Und daß dieses jeden Augenblick jedem droht, sehn wir heute leider zu fern! Es erhĂ€lt einen Körper in der Erfahrung des Landverlu-stes (Exil), der wahnwitzigen Vertreibungen und Massaker auch heute, im Westen des Sinnenverlustes im "kleinen Tod" und SterbegefĂŒhl von schmerzlicher Absenz auf Autobahnen, vor Mattscheiben, dies alles in man-gelnder NĂ€he.

Wem hilft es wirklich, doch den Opfern kaum, wenn in „medialen Durchsa-gen" immer wieder die Versicherung zu hören ist, es gebe uns alle nach dem Tode weiter in einem verwirrenden "chaotischen postmor-talen Zustand"? Wird auch dieses durch die Opfer zum Luxus, wĂ€re gar Scham angebracht, wenn wir tröstend hören: Es gebe zwar eine Auflösung, und es gebe dabei eine Art "Zerstreutheit" und sich verlierende, einsame "Be-wußtseins-frag-men-te", doch auch eine zielgerich-tete Stimmigkeit des Nachtod-Bewußtseins... das "als Per-sön-lichkeit erscheinen kann?" Sind der Schmerz, die Qual, der Hunger, die Einsamkeit, die Verzweiflung nicht wirklicher und uns nĂ€her, als solch eine Nachricht ĂŒber solch ein Nachher: daß es dann "Kno-tenpunkte, die sich zum Zwecke einer erkennba-ren Persönlich-keits-struktur verei-nigt haben", geben soll? "Kri-stal-lisa-tions-formen", die zu je-dem Perso-nen-Kern gehören, und - die schon im Leben vorbe-reitet werden; was einer im Grunde seines Wesens hier auf der Erde war - er wird es auch nach dem Tode sein! Was aber war er hier, ein hingeschlachtetes Kind, eine ermordete Mutter, die ihren SĂ€ugling im Arm hielt? Was wird mit ihnen? Dort? Wo?

Bei einem GesprĂ€ch zwischen Durs GrĂŒnbein, Brigitte Oleschinski und Peter Waterhouse, das GrĂŒnbein beherrschte (in „Die Schweizer Korrekur“, Hrsg. Urs Engler, 1994), bemerkt GrĂŒnbein, daß der Erfinder der GedĂ€chtniskunst ein Dichter, Simonides von Keos, gewesen sei. Als nĂ€mlich nach einem Ge-dichtvortrag beim thessalischen FĂŒrsten Skopas, das Dach des Festsaals ein-stĂŒrzte, der Dichter wie durch Zufall im Freien war, und da die Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren, konnte er sie, nur er, der Dichter, wieder iden-tifizieren, durch Namen also zum Leben erwecken. „Als ĂŒberlebender Zeuge hat er der Trauer der Überlebenden einen Weg gewiesen, als Epigrammatiker und Dichter von Totenklagen den SchlĂŒssel zur Erinnerung ... gefunden.“ (GrĂŒnbein) Exemplarisch hat das in unserem Jahrhundert Paul Celan mit den Opfern des Holocaustes dichterisch getan. Brigitte Oleschinski fĂ€llt im Dialog zum Opferproblem ein „nasser Tag ĂŒber dem leergezeigten GelĂ€nde, und Kin-derschuhe, ZahnbĂŒrsten , Brillen“ ein, gegen GrĂŒnbeins Versuch, die Grenzen zu ĂŒberschreiten, setzt sie die Zelebration des Alltags, des Empirischen und Sinnlosen im totalen Bruch: „ und plötzlich war mir, als sei der Regen das ein-zig Sinnvolle, das sich jemals dazu sagen lassen wird...“
Sicher, Vorsicht ist geboten, auch Skepsis, Sprachlosigkeit und Verstummen. Doch an dessen RĂ€ndern - ist da nicht der Widerschein des Ungeheurlichen? Ist nicht eben dieses Ungeheuerliche der Massaker an der Grenze unserer Vor-stellung eine Aufforderung, bisherige Grenzen zu ĂŒberschreiten, genau jene BeschrĂ€nktheit, die erst dieses Unfaßbare ermöglicht hat, zu ĂŒberschreiten?

Die InnenrĂ€ume des Gedichts als Sammelstelle und allem Tode voran? Vorbe-reitende Reife vibrierte dann angeberisch und entzogen in der Zeile, fĂŒr uns, die so luxuriös mit dem Ende und dem Neuanfang umgehen können: zweck-mĂ€ĂŸiger Ernst in jedem Laut, im Vers?

Kein Vers erreicht den Hunger
Schreie/ unter der Folter die Wand
Nicht nur des Erschossenen wenn der Kopf
Sinkt.

Hier gehen wir schmerzlos ĂŒber die Zeile.
(Das Gedicht)

Das von der Ein-bil-dungskraft oder dem reinen Selbstbezug des Ich vorausent-wor-fe-ne "Zugleich-sein" aller Ebenen, auch der Zukunft, also unseres Todes und der Toten mit uns, wird metasprachlich als ein Kreisen an den RĂ€ndern unseres Bewußtseins noch möglich, doch dazu kommt die Verzweiflung, aus dem SprachgefĂ€ngnis nicht ausbrechen und das, was dahinter steht, nicht aus-drĂŒcken zu können! Auch den letzten Augenblick, das was jetzt Tausende erle-ben, nicht!

Erstaunlich bleibt, daß in einem so hoch angesetzten ResumĂ© ĂŒber die Gegen-wartslyrik im SonderHeft „Lyrik“ des MERKUR (MĂ€rz/April 99) von dieser neuen Poesis keine Rede ist, auch in Texten zur Bukowina-Literatur und zu Celan oder der Shoa nicht (dabei gibt es dazu schon tiefsinnige AusfĂŒhrungen von George Steiner und anderen!) Nur in einem Essay (Die neue Unersetzlich-keit der Lyrik von J. Drews) wird ansatzweise von einer „neuen Offenheit“ ge-redet, zaghaft und etwas gewunden: „Lyrik ist im Moment keine mit einem Achselzucken zu quittierende Sache mehr. Deshalb wĂ€ren aber etwas intensi-vere Überlegungen zu der Frage, ob es nicht neue Kriterien zur Beurteilung der AdĂ€quatheit von lyrischen Sprechweisen zur zeitgenössischen Wirklichkeit ... keineswegs ĂŒberflĂŒssig.“ Wie weit entfernt ist die Kritik doch von der lyri-schen Praxis und dem, was einige wenige Schreibende wissen und in ihren Ge-dichten und Texten formulieren!


Ich meine allerdings nicht die eigenwilligsten Epigonen der experimentellen Lyrik (auch der rumĂ€niendeutschen) in ihrer heillosen Sackgasse. Es ist ty-pisch fĂŒr diese geschichtslose lyrik, die fast bewußtlos an einer privatsprache bastelt und sich alles erlaubt, jenseits von Geschichte, RealitĂ€t und Lesern!
Dabei wĂ€re sie möglicherweise ein sprachkritisches poietisches Instrument, Grenzen zu ĂŒberschreiten, aus dem SprachgefĂ€ngnis auszubrechen, wenn, ja, wenn beides zusammenkĂ€me zu einer wirklichen verantwortungsvollen Syn-these, jenseits der reinen narzistischen Spielerei!

5
Das GrundgefĂŒhl im Alter dieser Welt lĂ€ĂŸt sich vielleicht so beschreiben: alles ist noch da und doch schon lĂ€ngst vergangen. Einzig dieses heute so typische Bewußtsein im Alltag, da und zugleich nicht da zu sein, abwesend, und doch im Jetzt vorhanden, das dem Zeitstillstand bei Schock- und Todeserlebnissen Ă€hnelt, spiegelt die immer intensivere Auflösung der "festen Welt" in der wir wie Phantome leben.

Die "exzentrische Welt der Toten" (Hölderlin) bleibt so nah, als gÀbe es heute einen ungeheuren Sog der Opfer, Millionen, die durch die Vernichtung unserer Welt ums Leben kamen und auch heute immer noch zu Hunderttausenden um-kommen!

Euer Bewußtsein ist wie ein GlĂŒhwĂŒrmchen, aufleuchtend, einen Augenblick bewußt also bei euch (auf der Erde), dann aber wieder bei euch absent und so fĂŒr einen Au-genblick eben hier (bei uns den Toten), ihr sterbt in jeder Sekunde und werdet dann wieder geboren, ohne daß ihr es wirklich merkt. Kurzes Blackout. Nichts, ein schmaler Spalt, ein momentaner "Tod". Und kein Zeitfluß mehr. Du scheinst jenen Blitz und Spalt manchmal zu bemerken, manchmal... konzentriere dich auf jene RĂŒckseite des Bewußtseins, sei ohne Angst abwe-send, so kommst du hierher, trainierst den Todesprozeß, der dir dann einmal den Übergang erleichtert -

Ich "stehe" in solchen Augenblicken betroffen an jener Grenze, wo der Zeitfluß aufhört zu fließen, betroffen und mit AngstgefĂŒhlen, da Zeit in mir stehenge-blieben ist, und ich habe dann große Schwierigkeiten, den Ă€ußeren Bildern zu folgen und wundere mich, daß sie doch noch da sind, diese Bilder; sie kommen wie in Traumfetzen und fiebrigen Intervallen als Augenbild an, und ich bin mir plötzlich erstaunt bewußt, immer noch da zu sein. Das Bild ist fixiert in seiner stati-schen Vorstellung, doch die "Zeit", der den Schrecken ĂŒberdeckende Au-ßenfilm, ist ein StĂŒck weitergerĂŒckt: und ich blinzele, strenge mich an nachzu-kommen, denke an möglichen Irrsinn, falls das taghelle Bewußtsein zu lang-sam sein oder vielleicht ganz aussetzten sollte... eine leere Stelle, kein Ich mehr, alles so intim nah, aber ganz fremd und namenlos:

CHAUSSEE NACH ROM/ Die Linden blĂŒhn die Pinien sind wie Schirme/ Die Augen Schatten blenden dich/ es irrt in dir/ Bewußtsein/ ein Chaussee-baum/ An deiner Außenwelt entlang// Wie ein Geheimnis steht/ In dir doch et-was still/ Ein Kern als hĂ€ttest du ihn/ Überfahren// Du bist darin/ Ein Unbe-kannter/ Und lĂ€ĂŸt es weiterrĂŒcken/ Er steht/ du bist mit ihm/ Das Kreuz// So bist du immer schon/ Zerstört und doch wenn du/ Es fĂŒhlen kannst/ Mit ihm/ gleich zeitig/ schon gerettet.

Parmenides dachte sich diese Spaltung der Sekunden in ihrem unauf-hörlichen Vergehen als Mann und Frau, die hintereinander herlaufen, sich nie finden können, als eine Entzweiung zwischen Tod und Leben. Und die Opfer könnten sagen: die Zukunft sind wir, un-sere Welt und Lichtebene. Dauert die Absenz lĂ€nger, könnt ihr sie nicht mehr als "Zeitfluß" ĂŒberbrĂŒcken, und das ist der Tod, wenn euer Bewußtsein völlig abgekehrt ist von der materiellen Welt und nicht mehr TrĂ€ger eines Erscheinungsbil-des sein kann.

6
Können wir nun nach dem Ende einer Epoche auf eine in der Erfahrung noch unentdeckte Paradoxie hoffen, daß es eine Reise aus der Vergangenheit rĂŒckwĂ€rts in die Ge-genwart ist, da die Vergangen-heit vor uns liegt und die Zu-kunft, die in der Gegenwart eingeschlossen war, hinter uns, wie Heiner MĂŒller behauptet?
Daß wir noch nicht wirklich da sind, sondern nur in Zukunft wirklich sein wer-den? Daß jeder Augenblick nur ein kurzes Aufblitzen davon zeigt, der sofort wieder versinkt, daß er eingeholt wird vom Hasten, dem Unfertigen der Sekun-den, ja, daß dieses sowohl in der Theologie, als auch in der Physik heute das eigentlich tiefste Problem der Hoffnung auf Fortleben nach dem Tode sein könnte, weil alles noch im Kommen und unvollendet ist? Hier treffen sich Quantenphysik und Bibel mit Ernst Blochs Ahnungen.

Was auszufĂŒhren wĂ€re, das ist/ ein weißer Fleck, und steht/auf einem andern Blatt,// unfertig, wie das Leben ist,/damit es sei (Cappella Sistina. Kopie, in: Landsehn", Galrev 1997)

Das dritte Kapitel im zweiten Buch Mose, Exodus genannt, gibt eine sehr schöne ErklĂ€rung dazu: dort fragt Moses, Verfasser und Hauptfigur in einem, Gott nach dem Namen. Die Antwort lautet: "Ich bin, der ich bin." Doch lĂ€ĂŸt sich dieses "Ehyeh Asher Ehyeh" genauer als reiner Widerspruch erkennen und in eine seltsame Möglichkeits-Form ĂŒbersetzen: ICH BIN, DER ICH SEIN WERDE, oder: ICH WERDE SEIN, WO ICH SEIN WERDE. Er, der Unfaß-bare, Undenkbare, ist also Beherrscher der Zukunft, ein "End- und Omega-Gott", der fĂŒr uns noch nicht – oder nur im Negativfilm, im Negieren - da ist, weil unser Denken uns von ihm trennt! Und wir uns gegen es wenden mĂŒĂŸten, um dem Schmerz des Fehlenden nĂ€her zu sein!

7
Unser Elend und die beim Formulieren und Denken auftretenden Paradoxien rĂŒhren vom Zerschneiden der Erscheinungen, also den "Trennungen" von Dingen und Erscheinungen, die eigentlich zusammenge-hören her; so etwa wie Leben und Tod zusammengehören! Wie Vergangenheit, Gegenwart und Zu-kunft zusammengehören, gleichzeitig sind!

Die schlimmsten Verhee-run-gen richten die Trennungen aber in der Geschichte an. Wunderbar hat dieses Alexander Kluge auf den Punkt gebracht: "Wenn das Leben sich nicht fĂŒr die Wirklichkeit interessiert, ist Wirklichkeitsliebe nur von den Toten zu erwarten" (Neue Geschichten, 1977). Weil die Toten, die Opfer vor allem, diese Trennungen ĂŒberwunden haben, die Absurdes, Unlösbares, ja, Tod erzeugen. Die Lebenden kommen immer zu spĂ€t, weil die notwendigen Verbindungen zum richtigen Zeitpunkt nicht hergestellt werden oder (wegen der falsch gelenkten AblĂ€ufe - mit tödlichem Ausgang - ) meist nicht hergestellt werden können: " ... es ist durchaus unpraktisch, wenn die ErschĂŒtterung deutscher Familien, die im Jahre 1942 etwas Wichtiges fĂŒr die Opfer in Auschwitz bedeutet hĂ€tte, im Jahre 1979 nachgeholt wird; denn heute ist es eine im wesentlichen unbrauchbare, nĂ€mlich zeitlose Form der ErschĂŒtterung."

Es gibt keine Wieder-gutmachung. Die "VerĂ€nderung der Vergangenheit" ist eine komplexe ja, eine enorme Aufgabe nicht "fĂŒr" die Zukunft, sondern eine Aufgabe "der" Zukunft - und zwar jetzt, im gegenwĂ€rtigen Augenblick - daß ein ganz anderes, höheres Bewußtsein und Können dazu nötig wĂ€re - wir in unserer linearen Zeit daran zerbrechen mĂŒĂŸten, leuchtet ein. Nötig wĂ€re prak-tisch die Aufhebung der Zeit in parallelen Ebenen, was gegenwĂ€rtig im menschlichen Bereich hypothetisch nur die theoretische Physik – die Gren-zwissenschaften, die Literatur und das Erinnerungsvermögen ermöglichen! Die Konsequenz wĂ€re: das schuldhafte, vertane Leben zurĂŒckzuholen, indem eine radikale VerĂ€nderung der bisherigen Lebensweise, die auf lineare Zeit aufge-baut ist, stattfindet, die jederzeit die gleichen Greuel auf der Körperebene möglich macht, wie sie auch gegenwĂ€rtig (1999) vor unseren Augen gesche-hen!

Doch alles, was diese Körperwelt ĂŒberschreitet, wird mit einem Tabu belegt; und die Mehrheit sieht nicht nur Lyrik als unsinnig an, sondern alles, was nicht mit den HĂ€nden greifbar ist; die Mehrheit geht den VerfĂŒhrern begeistert auf den Leim, die erklĂ€ren, daß die mentale Persona nicht existiert, und die Be-wußt-seinsvorgĂ€nge nichts als neuronale StoffwechselvorgĂ€nge seien, das Ich und das Selbst aber ihr Nebenprodukt, und also mit dem Tode verschwinden mĂŒĂŸten.

So erscheint der Einzelne als sinnloses Tier, und das Endspiel-Todes-bewußtsein im Leben, Absence aus der eigenen Existenz geht um, das Dow-nerprogramm, so wird in diesen Niederungen jeder manipulierbar, die totale Tristesse macht alle frei verfĂŒgbar, man kann einen Pseudosinn anbieten, das Lustprinzip und uniformierte Heere von Konsumenten schaffen. FĂŒr Wenige bedeutet das unermesslichen Reichtum, fĂŒr einige Wohlstand, fĂŒr viele Armut, fĂŒr alle aber letztlich und auf lange Sicht seelisches und körperliches Siechtum.

Doch: Port Bou: der Erschossene/ lĂ€uft noch immer, und er/ kennt noch im-mer keinen Tod, / ein Nein nur// er lebt// Anderswo/ unvorgestellter Himmel// anders// als nur ein Mahnmal/ mit GeisterhĂ€nden nachts,/dieses große// "Zu SpĂ€t"// ... (FĂŒr Walter Benjamin und das Berliner Mahnmal).

Im Begrenzten, Abgetrennten, gar Nur-Sichtbaren gibt es keine Auswege oder Lösungen. Heiner MĂŒller formulierte es in seinem "GlĂŒcksgott" so: "Stehende Figuren (Götter, DenkmĂ€ler, Typen) sind als Katalysatoren brauchbar, wenn Erfahrung die Geschichte ĂŒberholt hat ... wenn die Chancen vertan sind, be-ginnt, was Entwurf neuer Welt war, anders neu: als Dialog mit den Toten".

Im Grunde genommen hieße es, daß wir so nicht weiter leben können, wie wir bisher gelebt haben. Und dies wĂ€re die einzig richtige Antwort!

8

Da und zugleich Nicht-da-Sein in einem merkwĂŒrdigen Ungleich und Zu-gleich. Gegenwart ist also nie. Heimat ein Niemals, und so auch der Zeitfluß Illusion. GlĂŒcklich ist, wer daran AbschiedsfĂ€higkeit lernen kann.
Schreiben geschieht an dieser Grenze des Todesbewußtseins in einer merkwĂŒr-digen Geborgenheit und Absence, wo etwas Wesentliches, Intimes fest-gehalten werden kann!

Beim Schreiben nĂ€mlich geschieht das Zusammensetzen der BILDER in einem umge-kehrten Prozeß, und das ist die Möglichkeit einer ĂŒberrealen Probehand-lung vor allem im Gedicht, die das Unzertrennte, Unzerschnittene wieder-bringt; nicht der Zeitverlauf, sondern die aufblitzenden Sequenzen sind zu-erst da. Und in einem Aufblitzen und Einleuchten ziehen sie sich je nach Verwandt-schaft und Sinn-NĂ€he an; das schafft höhere Lust, ist also ein gefĂŒhlter Wahr-heitsbeweis. Und schafft einen andern Zeitverlauf, der kein Bruch mehr ist, keine quĂ€lende Unverein-barkeit, sondern fiktiv ist, wie EinfĂ€lle und Intuitio-nen, die aus einem Bereich an der Grenze unserer Vorstellung kommen. Eine Übung, um etwas zu erreichen, was es nicht gegeben hĂ€tte, aber sein könnte, eine Menschenmöglichkeit, die verloren ge-gangen wĂ€re, hĂ€tte sich hier nicht der Ein-fall den Weg in unsere VerstĂ€ndniswelt gebahnt; der Ein-Fall ist also wie ein Fakt, wie eine Stimme aus einer an-dern Welt, womöglich aus einer zu-kĂŒnftigen, postmortalen Welt, wo es diese Trennungen nicht mehr gibt.

TUNNELEFFEKT. Teilchen in der RealitĂ€t, wie auch Sprachteilchen im Kopf sind nie genau auszumachen, Nie an einem bestimmten Ort, zeit-verschoben, niemand kann sie festlegen nach vorgefasster Logik, denn sie haben auch "jen-seits der Barriere eine gewisse Aufenthaltswahrscheinlichkeit." Und das schön-ste daran sind die völlig unlogischen Überraschungseffekte, im Fragment, im Denkbild, im Gedicht, - es scheint, als seien sie nun auch mitten in der Reali-tĂ€t anzutreffen und in der Geschichte: ein noch unerkanntes Prinzip der Bewe-gung, wir aber mitten im Tunnel.

Wie aber trĂ€gt und ertrĂ€gt der traditionelle Satz, der an eine traditionelle Logik gebunden ist, diese Erfahrungen? Man muß die Gedichte als annĂ€hernde "Übersetzungen" ansehen, wo im Satz Erfahrungen dieser Art widerhallen. Ei-ne neue Lyriksprache mĂŒĂŸte geschaffen werden, die experimentelle Lyrik etwa die Pastiors, "umkehrt", umstĂŒlpt wie einen Handschuh, durch wirkliche Grenz-Erfahrungen ersetzt, die in jener am Formalen hĂ€ngenden, spieleri-schen Sprach-umgebung meist fehlen.

Meine AnsÀtze in diesem Band sind eher anekdotisch auflösend und das Un-sagbare umkreisend mit der "normalen Sprache":

Auf dem Foto/ war nichts zu sehen./ Und auch das Zeichen verheilte/ leider zu schnell./ Überhaupt keine Kontur,/ kein transzendentales Souvenir./ Der Film aber, milchig weiß,/ war ĂŒberbelichtet.// Schallend lachten die Leute,/ die da nichts sahen./ Foto-Ironie, sagte ich./ Ja, - auch die Netzhaut/ mĂŒĂŸte dies ler-nen. (Flug nach Haiti).

Ellipse, Interlinearversion, Metapher, Allegorie und Hinweis. Intuition, Ah-nung, "Traumerinnerung" der Angst- und Todeserfahrung, die durchaus die Sprachgrenze ĂŒberschreitet, wie die Mathematik und die Musik, sind die besten Instrumente dieses Meta-Klanges.

Ein "Ereignis" also wird im lyrischen Geschehen umkreist, denn durch welche Zeit des Verbums lĂ€ĂŸt sich dieses Bewußtsein ausdrĂŒcken? -

Das hypnotische System/ löst sich langsam auf ...// Die Sonne auch wie das kleinste Herz*/ das Loch um uns/ im Auge lĂ€ĂŸt die Welt sich sehn/ und blinde Punkte blinkt sie uns zu. (Das hypnotische System...)

Vielleicht ist dieser quĂ€lende Todes-Zustand der gegenwĂ€rtigen Welt sogar ein Augenblick der Wahrheit ge-gen die Sprache! Es wird als Zwiespalt empfun-den, daß alles noch da ist und schon lĂ€ngst vergan-gen, ein Aufbrechen unserer Logik, von der auch die Sprache bestimmt ist?! Was wir sehen, das Ă€ußere Au-genbild macht alles so alt und zwiespĂ€ltig, denn das Andere, der Tod steht fest, daß wir hier einmal als Gast gewesen sein werden, er ist schon in uns:

Steh still und atme noch// Ein Augen Blick war ganz bei ihnen/ kehrt jetzt zu-rĂŒck ich staune wieder/ daß ich noch bin. (Der Augenblick bricht auf ).

Die scheinhafte IdentitÀt unseres Ich wird durchbrochen in parallele ZustÀnde aufge-löst, die nicht im Vorurteilsraster unseres Zeit-Raum-KausalitÀt-Denkens aufgehen:

"Ich bin nicht ich.
Ich bin jener,
der mich begleitet und den ich nicht sehe,
den ich manchmal besuche ... " ( Juan Ramon Jimenez)

Der Autor, das Ich oder die "Iche" werden in der neuen Lyrik aufgelöst, abge-schafft. Die Subjekte werden Opfer ĂŒbergreifender Konstellationen neuer Sin-neinheiten der BerĂŒhrung, die die Wort-Höfe und "wirklichen" Augenblicke bieten. Das Opfer er-weist sich als Geschenk und als SchlĂŒssel fĂŒr den Lebens-verlust in diesem Gericht.
... du bist bei uns/ komm sei uns nĂ€her/ als dir bewußt. (Und hör die Stimme nur im Wort).

Und ich vermute, daß dieser Zustand, wo das wirkliche wie das lyrische Ich nicht weiß, ob es lebt oder tot ist, heute generell als wichtigster Ă€sthetischer Ort angesehen werden muß, als Apriori jedes Gedichtes (Wir sind so nah daß du/ uns gar nicht sehen kannst), Apriori aber auch jedes anderen Textes, der ge-genwĂ€rtig ernst genommen werden kann! Das "EINE" - auch im Spiegel der Sprache - wird nĂ€mlich erst im Gedicht als Spiegel des neuen Wandlers ande-rer Ebenen von Existenz konkret sichtbar; es wird sinnlich faßbar, was nicht schilderbar war und nur intuitiv wirklich ist (wir sind in jedem Gras Halm/ den du siehst/ es ist dein Blick der ihn erschafft/ im Finger der bewegt/ und uns er-schafft), und erhĂ€lt ĂŒber dieses Medium des lyrischen Ichs eine faßbare Ge-stalt.

Eine Übersetzung unserer eigenen Absenz im historisch SpĂ€ten, das GefĂŒhl, daß wir Abwesende und Posthume sind, ist heute das GrundgefĂŒhl nicht nur meines Ge-dichts. Ein Prozeß, der schon 1950 mit Becketts "Molloy" in der Li-teratur be-gann.

Das Ich ist im Zeit-Ent-zug angekommen. Mit dem Wissen des "zu Gast-Gewe-sen- Sein-Werdens" (Celan), mit dem wir heute leben, wissend, daß unser Zeitbewußtsein ange-lernt und Projektion ist, lĂ€ĂŸt sich die von vielen noch geglaubte "Wirklichkeit", nicht darstellen, nur „aufheben“! ErzĂ€hlen aus jener andern "Zeit-Ebene", wo Zeit aufgelöst ist, kann in unserer Sprache nur durch Interlinear-version oder metaphorisch eingesezt werden, ErzĂ€hlen ist unmöglich, da weder die Subjekte noch die Sprache Lebens-Erfahrung mit jener anderen Ebene haben können, es ist dies nur möglich mit der Todes-Erfahrung, die noch keiner hier, ohne Rekurs auf das Unter-bewußtsein, haben kann, aber tĂ€glich im "kleinen Tod", also im Abgrund zwi-schen den vergehenden Sekunden erlebt. Das hier-gebliebene Bewußtsein der Perso-nen aber erlebt es in seinen AbgrĂŒnden sublim, intuitiv, als Traum-Ebene - in je-nem Grenzraum, der durchgehend Lebende und Tote, die nie getrennt sind oder waren, im "Unbewußten" vereint, so daß auch die Beziehung Personen-ErzĂ€hler--Ich und lyri-sches Ich - reales Ich ĂŒberhaupt möglich wird!

Der Herr der Welt bedrÀngt mich arg,
will aus dem Namen, der den Kopf
mir unentwegt beengt, doch was der Sprache
fehlt, gehört zu ihr, das Fehlen, DU, und
ICH entferne mich aus dem Kontext, dies
mein Gedicht das Fahrzeug JETZT euch
zu erreichen; bin mĂŒde, mĂŒde dieses
Herren, du bist nur in ihm noch
zu haben, doch hÀlt er mich gefangen:

Druck Seiten schwarze kleine Augen,
nicht du, da liegt der Fehler, nicht des
Fehlens, das antreibt wie das Herz.
So schrei ich nachts den Namen, meinen
deinen an die leere Wand, schief hÀngt
daran dein Bild und Seines, das Loch
zu dir ein Fehler, und schuld und nichtschuld
an dem Winkel ist
die MĂŒdigkeit der Welt.
(Petrarca in: Landsehn, Galrev 1997)

Es ist in unserer gespaltenen Welt insoweit ein "Regressus", als es dieses Be-wußtsein der Einheit tatsĂ€chlich einmal gegeben hatte, das heute aber unmög-lich scheint, ver-spottet wird, jedoch im "zeitlosen" Unbewußten bei allen Le-benden auch heute noch vorhanden ist. Daraus entsteht die typische Bewußt-seins-spaltung aller, die Freud einmal "Urteilsstreit" genannt hatte!

9
Alltagswissen - dieser flache Umgang mit dem Leben, wird als wichtigste und ern-steste Sache der Welt von allen akzeptiert, das Resultat: daß jeder anstatt Sekunden der wahren Empfindung und der Dichte, des GlĂŒcks zu leben, dieses tĂ€glich bis zum Tode versĂ€umt. So wird jeder Moment, der uns selbst und je-nem Zwischen-raum, der schon an jenes Tor der anderen Zone klopft, gehören mĂŒĂŸte, versĂ€umt. Und der uns umgebende Reichtum der Welt wird kaum wahrgenommen!

Daß er sich hinzieht ein Tag in den andern .../ Die Zeit aber ein Trost/ als kĂ€m etwas nach/ und es kĂ€me an/ was uns fehlte// Doch wenn sich einmal das Blatt/ wendet und sich vielleicht/ unser Blick/ verĂ€ndert/ hat uns die Trösterin Zeit/ lĂ€ngst erschlagen// was immer schon fehlte/ hat uns erreicht. (Daß er sich hin-zieht...).

Uns sind heute die alten Sinne be-sonders geschĂ€rft, und wir spĂŒren, daß alles noch da ist und doch schon lĂ€ngst ver-gangen; ich sehe die Reben hier in mei-nem Garten, das Meer, und bin er-schroc-ken, als wĂ€re ich ein Phantom, nein, die Landschaft ist es, sie ist "ĂŒbriggeblieben". Ich aber bin es nicht. Und am alten Turm zeigt die Uhr unaufhörlich zwölf. Unerlaubt scheint das wirkliche Weinlaub. Und dann schreibe ich als Antwort diesen Satz auf, die Finger springen ĂŒber die Tastatur, unter der Haut schon die spĂ€teren Knochenfin-ger meines Skeletts.

Heute wird in Westeuropa keiner mehr physisch hingerichtet, wie Giordano Bruno. Heute werden ausnahmslos alle "von Anfang an hingerichtet", das heißt, es wĂ€re kein Leben mehr möglich, sondern nur ein Zwischenreich der Phantome, wĂŒrden sich nicht diese tieferen LebenskrĂ€fte in Milliarden von Menschen tĂ€glich wehren, tĂ€glich neu auferstehen, und jenen tödlichen Belag, der auf der Welt liegt, immer wieder weg-leben! Heute ist jeder von Anfang an gescheitert, doch jeder wehrt sich dagegen, daß ihm die Sehnsucht, die Liebe genommen wird, zumindest tut er es klammheimlich! Und geht in seinen TrĂ€umen jede Nacht mit dem Erlebnis von Liebe und Tod um, fliegt und er-fĂ€hrt alles wieder an einem Quell, der nicht versiegen kann. Jeder mĂŒĂŸte in die-ser Umgebungslosigkeit noch drastischer scheitern, ja, dieser Unterwelt erlie-gen, die erst das ganze Ausmaß der sinnlichen Katastrophe zeigt, gĂ€be es jene KrĂ€fte in uns, Traum, Sehnsucht, Liebe, Erotik, Phantasie nicht, die uns diese greisenhafte Mattscheibenwelt entziehen will!!

Ausgangspunkt dieser Gedichte ist die hoffnungsvolle Einsicht, daß alles Sichtbare Geist ist, der nicht als Geist erscheint.

Was uns heute schon umgibt, ist eine immaterielle Welt an einer unvor-stellbaren Grenze. Unsere Umgebung ist bestimmt von lichtschnellen GerÀten und Apparaten; diese beruhen auf Formeln, die einmal "EinfÀlle", Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind Àhnliche "Gedanken-blitze", Inspiratio-nen und EinfÀlle wie in der Kunst: Das Nicht-Ma-terielle, das "Geistige" be-stimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse ma-chen mit einer durch-schlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird "objektiv", lernt sich als mathe-matische Struktur selbst denken, erfÀhrt sich als Ort, wo Natur-gesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im GerÀt die Natur und die Gesellschaft. Aber die Menschen der Gegenwart bewegen sich und handeln in dieser neuen im-materiellen Umgebung weiter so, als wÀre es im-mer noch die alte Körperwelt.

Die neue, eine Art gefĂ€hrliche ontologische Grenze zu einer schon lĂ€ngst ange-brochenen Zukunft, wird noch schĂ€rfer bewacht als die frĂŒhere politische Grenze mit Fahnen, WachtĂŒrmen und Gewehren. Rufmord und die Seelenpoli-zei Psychiatrie sind heute ihre Zensoren, Agenten und Bewacher, und die Angst vor Tabuverletzung, die unbewußt jeden einzelnen bestimmt, wie frĂŒher die innere politische Zensur in den Diktaturen.

Es ist zweimal radikaler WIDERSTAND, der Hoffnung gibt! Heute ist dieser Widerstand passiv, beginnt damit, jene Traurigkeit aktiv werden zu lassen, von der Benjamin sprach, daß nĂ€mlich die Mehrheit mit den Siegern mitheult. In Zeiten, da die Dinge noch klar waren, noch "Wirklichkeit" existierte, endete der Autor eingemauert in einer wirklichen Zelle. Heute aber ist der Widerstand on-to-logi-sch, das heißt vor allem poetisch, denn die stĂ€rkste Macht jener Matt-scheibenwelt und ihres Raubbaus an Natur und Seele ist der menschenver-nichtende Irrglaube, daß das Sicht-bare "alles", der Tod ein endgĂŒltiges "materi-elles" Aus sei. Und das stĂ€rkste Tabu, von der Psychiatrie bewacht, der Einsatz fĂŒr das neue fĂ€llige Paradigma, wo die Grenze zwischen Leben und Tod aufge-hoben ist, die raumzeitliche materielle Welt sich als Illusion erweist, wird nur im Traum, in der Imagination, in der Sehnsucht, ja, in der Liebe und auch in der Erotik, in ihren Ekstasen, gebrochen:


Wo ist der scharfe Tanz im Geruch des endgĂŒltigen Heimwehs wo
die andere bessere TrÀne (lacrimae Christi) als wÀr sie mein Fahrzeug?
Über deine haarige Höhle hinaus in den Himmel der schreienden Lust
nicht zu verglĂŒhen kalt sein vor koitaler Wiederholung
den Tod vergessen als gÀb es ihn nicht mehr in dieser Gestalt
Glanz des Jenseits sagtest Du damals in uns ist der Tote der reist
und aufersteht mit jedem stĂ€rkeren Stoß. (Poesia erotica)

Ekstasen in der Liebe – in Diktaten der Kunst und Poesie, in grenzĂŒberschrei-tenden Praktiken von Medien und Meditierenden. Und in numinosen ZustĂ€n-den von dazu Begabten, bei allen aber im Traum und in ZustĂ€nden der Gefahr zwischen Leben und Tod ist jenes tremendum des Numinosen da.

Am meisten hatte mich bei meinem Weltwechsel von Ost nach West schok-kiert, daß im Westen alles "so ist, wie es ist", ein Baum, nichts als ein Baum, ein Mensch nichts als ein Passant, ein FunktionstrĂ€ger, eine TrivialitĂ€t. Was mich immer stark berĂŒhrt hat: es heißt, Sylvia Plath habe aus diesem Grund Selbstmord begangen. Die Ent-fremdung ist total, ist ontologisch geworden, so ist auch die Revolution nur als radi-kale möglich: als ein Durchbrechen durch Zeit und Raum, im Einlösen und Spielen der kommenden Partitur von Über-lichtgeschwindigkeiten und mentalen Konzerten.

Das Gedicht verwendet in diesem Spiegel der Revolte, die in der Sprache und weniger in den traditionellen Vers- und Gedichtformen, gespeicherten KrÀfte und apperzeptiven Sonden, um jene Zone schon jetzt probehandelnd zu errei-chen.

10
Nahtoderlebnisse (also eine RĂŒckkehr aus einem Koma im klinischen Tod) sind durch die Intensiv-Medizin heute möglich und fĂŒr die Menschheit wichtig geworden: wie im Tibetanischen, im Ägyptischen Totenbuch, wie im Toten-buch der Mayas, wie bei Dante tritt dabei eine Panoramaschau ein, wo das gan-ze Leben im Sterbeprozeß noch einmal wie ein Gerichtstag im Bewußtseins-spiegel des Sterbenden vorbeizieht; und das alles in einer zeitlosen Geschwin-digkeit.

FĂŒr den Schreiber dieser Zeilen wird dieses Gericht (mit Materialien aus dem eignen Erleben und dem von Freunden und Verwandten) als dynamische Handlung wie in einem unbe-wußten Diktat auch als eigener Text sichtbar und im Zwischenraum der Metaphern erkennbar; möglicherweise wie ein mediales Diktat oder das Auftauchen eines vergessenen und im Unbewußten gespei-cherten Erlebnisses im Satz!

Die Poesie hat dazu seltsame simultane Möglichkeiten: Eine höhere Stufe, die zur Über-Sicht fĂŒhrt, - In-Eins-Bindung und Über-schneidung von vielen Le-bensperspektiven, bis ins Grenzenlose, besorgt das riesige GedĂ€chtnis der Sprache mit ihren apperzeptiven und apriorischen Formen, um das Eine, den Einen in immer reicheren Spiralen zu umkreisen, es jedoch nie ganz zu errei-chen, da „er“ (Sinn, Nichts, Tao, Gott – alles ohnmĂ€chtige Wort-AnnĂ€her-ungen!) unaussprechbar ist, das Namenlose, das alles erst möglich macht, auch uns und die Namen, nur dann da ist, wenn wir uns und die Namen löschen!

Auch gibt es einen erlaubten Trick, nĂ€mlich die Unsterblichkeit der Personal-prono-mina der Sprache, die das Bewußtsein tragen, sich weiter erinnern zu las-sen, als die Grenze einer individuellen Lebenszeit oder die unseres historischen Bewußtseins-Horizontes es eigentlich erlauben. Dieser Horizont ist, wie wir gesehen haben, an seine Grenze gekommen, die ĂŒbersprungen werden muß, um jene Partitur, die heute schon bruchstĂŒckhaft "eingegeben" wird, in reiner ek-statischer Inspiration, richtig zu spielen. So wird die Offenheit der Zukunft in die geschlossene, scheinbar abgeschlos-sene Vergangenheit, eingefĂŒhrt, und das bittere Fazit und Urteil ist: daß wir uns selbst dieses Leben geraubt haben, weil wir es uns haben rauben lassen. ("Doch weine nicht, wir kommen alle wieder" - zumindest im Gedicht!)

Bei den gleichaltrigen, Ă€lteren oder gar bei den jĂŒngeren deutschen Kollegen stĂ¶ĂŸt solch eine Poiesis und Poetik auf UnverstĂ€ndnis, ja Ratlosigkit, obwohl diese Poetik zur großen Tradition der Poesie gehört; nicht etwa nur der deut-schen Romantik, Klassik und bis 1968 (bei Paul Celan besonders ausgeprĂ€gt) – sondern es sind weltliterarische Überlebenszeichen (bis hin zu Dante und Pe-trarca oder Shakespare!), die sich in diesen RĂ€umen bewegen! So kam etwa beim GesprĂ€ch zwischen Durs GrĂŒnbein, Brigitte Oleschinski und Peter Wa-terhouse (in „Die Schweizer Korrekur“, Hrsg. Urs Engler, 1994), zu GrĂŒnbeins schön formulierten Gedanken-GĂ€ngen dazu, daß „im Paßgang von Denken und Andenken ... sich das lyrische Sprechen eine Gegenwart jenseits des Todes und diesseits der historisch verhafteten Zeit“ schaffe, daß darin die „anthropo-logische Dimension der Dichtung“, jetzt liege, „ die man vielleicht erst heute erkennt, im Moment der Synthese verschiedener Denkformen und nach dem Heimgang der Philosophie;“ daß sich erst in der Dichtung „die Ă€ltester Emp-findung mit dem jĂŒngsten Einfall ... in einem Akt blitzartiger Imagination“ tref-fe, - bei Oleschinski außer einem „mhmm...“ nur eine weiße leere Seite steht, und bei Waterhouse nichts als das Wort „ kein Meta-Ort“. Und bei GrĂŒnbeins Bemerkung, daß sich in den „verdichteten Bildern ... die Vorstellung des Ein-zelnen synchronisiert mit der Weltwahrnehmung aller – solange es Überliefe-rung gibt.“ Die es gar nicht mehr geben darf? Denn zur treffenden und tiefen, einer zum Grunde gehenden Passage GrĂŒnbeins, die das Zugrundegehen unse-rer Welt mit in sich enthĂ€lt, ja erklĂ€rt, daß nĂ€mlich „jenseits der protokollari-schen Einzelheiten eines Menschenlebens und ĂŒber alle Stilepochen und Kunst-idale hinweg“ „das Gedichtwort Verbindung zu den GedĂ€chtnisgrĂŒnden, den im Erdreich versunkenen Zivilisationen, den allgegenwĂ€rtigen Toten“ hal-te! FĂ€llt Oleschinski nichts und Waterhouse nichts als die flache Bemerkung: es sei ja das alles „nur ein Bestandteil dieses Lebens“ ein !(?) NĂ€mlich genau an jener Stelle, wo GrĂŒnbein die entscheidende Frage stellt: „Woher sonst rĂŒh-ren alle die vielen DĂ©jĂ -vu-Momente, die endogenen Symbole und Leitmotive, die soetwas wie eine anthropologische Blickweise ĂŒberhaupt erst ermögli-chen?“

Und hör die Stimme nur im Wort/ die jetzt beginnt: du bist bei uns/komm sei uns nĂ€her/ als dir bewußt.

... steh still und atme noch// Ein Augen Blick war ganz bei ihnen/ kehrt jetzt zurĂŒck ich staune wieder/ daß ich noch bin.

Spanisch? Ja, das erinnert mich an die Giralda in Sevilla, als wĂ€re mir und andern jetzt alles spanisch. Das Leben ein unbeschreiblicher Traum? Vor Jah-ren auf einer Spanienreise in Sevilla, da gab es an jenem Tag ein katholisches Fest, ĂŒberall Kitsch, TribĂŒnen, heilige Bilder, Fahnen. Wirklich blieb nur die gotische Kathedrale mit dem neunzig Meter hohen Turm, der Giralda. Eine Palme, ein Augenbild vor mir, doch irgend etwas hatte mein Bewußtsein auf-gebrochen und dieses fĂ€cherte schmerzhaft weißes Licht auf die Plaza de la Falanga Española. Es war "stehengeblieben", ich absent hier, und als ich "auf-wachte", war das Außenbild schon "weitergerĂŒckt", ich kam nicht nach. Ich dachte durchzudrehen und rannte davon, in einer Osteria stĂŒrzte ich mehrere Glas Rotwein hinunter, um meine Angst zu betĂ€uben.

Euer Bewußtsein ist wie ein GlĂŒhwĂŒrmchen, aufleuchtend, einen Augenblick bewußt also bei euch (auf der Erde), dann aber wieder bei euch absent und so fĂŒr einen Au-genblick eben hier (bei uns den Toten), ihr sterbt in jeder Sekunde und werdet dann wieder geboren, ohne daß ihr es wirklich merkt.

Die unsichtbare innere Form einer bestimmten Art von Gedicht, die ich bevor-zuge, geht von diesem Noch-Nicht (dem sekĂŒndlichen Tod im Zeitvergehen) aus, das aber schon da ist. Darauf baut eine sich selbst aufhebende Ring-konstruktion; diese arbeitet mit Abaelards SIC ET NON; Passage fĂŒr Passage wird das Gesagte, das ja schon da ist, zurĂŒckgenommen, um das Kommende möglich zu machen, so frißt sich das Gedicht selbst auf, und damit auch den Namen als Handelnden. Im besten Fall berĂŒhrt diese Form die negative My-stik: Jener Name wird gelöscht, der die Welt, in der jĂŒdischen Überlieferung als Baum vorgestellt, durch Sprechen erschaffen hat ( "Im Anfang war das Wort").



11
Wahr bleiben nur solche Sekundenbilder, mit Sprache zusammengesetzt wie Fotos im Labor, vergrĂ¶ĂŸert, verkleinert, Momentaufnahmen, Ausschnitte, Vorder- und HintergrĂŒn-de herausprĂ€pariert und vertauscht in Großaufnahmen, wo das ganze Gedicht dann wie eine strukturelle Metapher wirkt! Auch eine Umkehr der Bilder oder Schnitte von innen kann es geben, die zum Sinn fĂŒh-ren. Und dann wer-den sie auch noch mit dem GefĂŒhl und FormgefĂŒhl des lyri-schen Ich retouchiert, als wĂ€ren sie nur Schablonen.

Alle diese Momentaufnahmen werden in gĂŒnstigen Augenblicken zu Gedich-ten, Ge-dichtteilen, Versen; bei schwĂ€cheren IntensitĂ€tsgraden zum Tagebuch, Gedankenbild oder zur Prosa.

Aber: was sind diese Momentaufnahmen, was ist das JETZT der Augen-Blicke? Darum geht es. Dieses Jetzt der Lebensmomente, nun so, ins Unendli-che verlĂ€ngert, ist unheimlich, aus dem Namen gefallen, aber im unausdrĂŒck-baren EINEN, im In-formationsnetz der Beziehungen aufgehoben, es blitzt und leuchtet ein, drĂŒckt – wenn auch oft ironisch gebrochen - ein GlĂŒcksgefĂŒhl aus, nachzulesen etwas im Gedicht „du weißt es noch nicht?“:

Sie aber im zusammengefalteten Raum
ALIENS Astral Flug
gedankengleich wirklich

Milliarden Lichtjahre in einem einzigen Blitz


Doch nicht nur das Ich löst sich dabei auf, wird Aufgabe in der ironischen UFO-Metapher, in andern Gedichten im Strom der Meditation, dem indischen oder tibetischen Dharma, der christlichen Meditation, sondern die starre Ästhe-tik und das frustrierende Gesellschaftsden-ken, Beute der Sieger, löst sich eben-falls in Wohlgefallen auf, entfernt sich; wie die Zeit stehenblieb, so soll auch der Verstand, sollen die Sinne stehenbleiben im Unheimlichen, und sei es in furchtbaren Momenten des bewußtgewordenen Abschie-des, des Todes, ein Bewußtsein, das bis zu Furcht und Zittern in einer plastischen Szene des eige-nen Todes oder des Eingesperrtseins im eigenen Körper vorgestellt und erlebt werden, aus dem es nur ein Entkommen gibt: - der Flucht ins endgĂŒltige Ende dieses Lichtes.
In meinem Tagebuch hatte ich solch eine Erfahrung festgehalten, die mich nicht mehr loslĂ€ĂŸt und zu meinen SchlĂŒsselerlebnissen gehört:

In der Nacht dann Portovenere, ich lag halbnackt in der Bootskabine neben Hannah, da hatte ich wi-eder die Zwangsvorstellung, nicht aus mei-nem Körper herauszu-kön-nen, in ihm einge-sperrt zu sein, wie je-der Baum, wie die Erschossenen an der Mauer, die Gehenkten, aber auch wie wir alle, wie Hannah, wie unser kleiner schwarzer Hund; es ist jedesmal entsetzlich, als stehe eine Hinrichtung bevor. Ein Bekann-ter aus Pistoia leidet darunter, daß er im Körper fest-sitzt, und hat mich schon vor Jahren auf diesen tödlichen Gedanken gebracht; seither werde ich ihn nicht mehr los. Was ist schlimmer, diese Fleischzelle oder der Tod: - als Befrei-ung? Wir könnten nicht leben, wĂŒr-den wir dieses Bewußt-sein, im Fleisch unentrinn-bar einge-mauert zu sein, nicht dauernd vergessen. Wenn alles wie bei Geisteskranken unheim-lich und unbekannt wird, Namen nicht mehr schĂŒtzen, alles aus seinen Namen fĂ€llt, so ĂŒber-real ist wie namenlos Haut und Knochen. - Es ist ein verges-se-nes Wissen, daß wir ins Fleisch gefallen sind, anders-wohin gehören, und daß solche Angst-zustĂ€nde uns nĂ€her ans Erwa-chen brin-gen.

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Ein Vergleich mit bisherigen "traditionellen" Zeiten ergibt aufschlußreiche Er-gebnis-se. Schon im Stilunterschied zeigt sich der Zeitunterschied; frĂŒher gab es noch Reali-tĂ€t und Natur, daher konnte auch sinnlich gelebt und geschrieben werden. Im schar-fen Kontrast dazu steht die heutige Umgebungslosigkeit, da-mit Verlust auch des Sinnlichen und Narrativen. Doch noch ist Nichts verlo-ren, nur nach innen verlegt und auf die Spitze getrieben, anstrengender gewor-den: wundgewordenes angeschĂ€rftes Bewußtsein tiefster Eigenheit bis zum isolierten Dasein, das an die Grenze des Wahnsinns und des Todes reicht! Wer es aushĂ€lt und die gebotenen Entlastungen medialer und Konsum-Blödheit des frei Haus gelieferten allgemeinen Scheins als Leben meiden kann, kann zur nackten Wahrheit finden, zur Auflösung des Verblödend- Bekannten ins Nu-minose kommen, falls er die Angst ĂŒberwindet, sich selbst kurz und voller Schrecken begegnen!!

(Solch ein Traum- und Nah-Toderlebnis als „Strukturerlebnis“ wĂ€re nachzule-sen im Text, der von solch einem Erlebnis ausgeht: Mein Körper löst sich vom Denken, tut nicht mehr weh, ich kann mĂŒhelos aufstehen, öffne die TĂŒr zum Garten, gleite hinaus fliege. FlĂŒssi-ges Feuer auf den Stuhl fĂ€llt durch den Oli-ven-baum Licht und Schatten flĂŒssi-ges weißes Feuer wie bei Van Gogs "Stuhl" schlagen daraus Flammen und er-starre alles geschĂ€lt aus dem Namen durchsichtig schwingts, schwe-re Au-genlider... (S. )


Die doppelte Brechung - lyrisches Ich, auf einer Ebene mit einem höheren KomplexitĂ€tsgrad (Ein-Fall, Eingebung, Traum, TodesgefĂŒhle, Schreckerleb-nis, Visionen, also grenzĂŒberschreitende Metaerlebnisse) - und das „Normale“ mit seinem empirischen und Alltags- Bewußtsein ist im Gedicht ein uner-schöpflicher Inspiratiosquell. Das geht bis zum Risiko des „Spinnens“ – sogar vom eigenen RealitĂ€tsgefĂŒhl her gesehen! Karl Heinz Bohrer hat es das Erleb-nis des Schocks und der „Plötzlichkeit“ genannt.

Es ist das Summen des Schock, wie er bei Krankheit, Tod, bei einem Unfall, in Kriegserlebnissen, aber auch im Schrecken der Diktaturen, bei Verfolgung, Verhaftung, Folter erlebt werden kann. Mein stĂ€rkstes Erlebnis der „Plötzlich-keit“, des aus der „Sukzession“ der gewohnten Zeit Herausgerissenwerdens war bei den ersten Verhaftungen und Verhören in der Stalin-Zeit. Erstaunli-cherweise ist es nicht in die Lyrik. sondern in meinen Roman „Vaterlandstage“ eingegangen: „Und diese Treppe ist eine andere Treppe als sonst Treppen sind, es ist eine elektrische Nerven-Treppe, deine FĂŒĂŸe nackt (...) Es ist nichts mehr voraussehbar, es können die schlimmsten Dinge geschehen ... es ist die Unsi-cherheit, die dir den Boden entzieht, du wirst ein anderer, in diesen Stunden verĂ€nderst du dich, es kann nie mehr so sein wie frĂŒher. Jede gewohnte Geste ... SIE zerschlagen dir dieses unmittelbare Erleben chiffrierter Abstraktion ... du erhĂ€ltst einen Schlag: es ist wie bei einer Todesnachricht.“ „Du wirst hin-eingestoßen in eine innere Welt, daraus bricht dort jenes scharfe Licht, du weißt, ein Strahl, der dich versehrt bis ins Mark, bricht mit der Angst hervor.“

Der Schockbegriff bei Walter Benjamin, bei Scholem, bei Celan zielt auf den Schrecken, das Unterbrechen der Gewohnheit, der Sukzession, auf den „innern Ruck“ eines „Außer-Sich-Seins“, wo der Schleier des Scheins, die Wand vor den Augen fĂ€llt!

Der in-nere Selbstbezug des Ich, der durchbrochen wird in der Äu-ßerlich-keit des tĂ€glichen Eigenkinos einer gewohnten Films von Außenwelt, die ja auch die eigne Person sich selbst zur Erscheinung werden lĂ€ĂŸt, zu nur noch schein-haften IdentitĂ€ten, also eigentlich zu "Geistern", zu Phantomen macht, gilt hier nun nicht mehr auch fĂŒr das "transzendentale Subjekt narrativer Synthesis", al-so fĂŒr das Ich, den Abgrund des Einzelnen, wie das im Postmodern-Er-habenen definiert worden ist. Denn jener Einzelne, der das Tor, der in jenem Abgrund Verbin-dung zu einer Metaebene ist, kann als geistiges Wesen die "Mannigfaltigkeit der sukzessiven Zu-stĂ€nde durch Synthese narrativer Apperzeption zu einer Einheit zusammenfassen", zu jener vorhin erwĂ€hnten großen unaussprechlichen Einheit - mit jenem Andern Blick, der nun erlebt, daß Zeit-Einteilung mit zur Projektion (also zum Schein) ge-hö-rt. Er erlebt so jene schöne, aber auch erschreckende „nackte Wahrheit“ den befreiten innern Sinn Kants (aus der Kritik der reinen Vernunft) als kaum ausdrĂŒckbaren Bewußtseins-Lebensprozeß, das von der Ein-bil-dungskraft oder dem reinen Selbstbezug des Ich vorausentworfene "Zugleich-sein", das insoweit viel-leicht ein "Regressus" (Kant) ist, als es dieses Bewußtsein der Einheit frĂŒher tatsĂ€chlich (und sehr viel unkomplizierter) einmal gegeben hatte, das aber auch im "zeitlosen" Unbewußten bei allen Lebenden heute noch vorhanden ist.

Seltener in der Prosa , meist in der Lyrik - wie in TrĂ€umen und der Meditation eben im seelischen Innenraum - möglich, bis zu jenem "Zugleichsein" und "in-neren Sinn" vorzudringen! auch wenn ein letztes Ereignis von gewohnter Welt, das Ende eines Lebens oder einer Kultur, noch nicht abgeschlossen sind; denn die wichtigste Perspektive des Gedichtes ist die Zeit aus dem Blickwinkel von Liebe und Tod zu "fĂŒhlen", zu sehen, wie ein Widerschein des Überstandenen und Überstehens - wie ein Bote aus einer uns erwartenden Zukunftswelt auf-scheint! Lyrik braucht nicht wie der Roman die angebliche "Wirklichkeit", um sich "entwickeln" zu können; und auch Hegels Eule der Minerva gilt fĂŒr sie nicht. Der Augenschein ist fĂŒr sie das Gewesene, Vergangene, Uner-hebliche; in der Prosa schafft dieses Bewußtsein nur der phantastische Roman und die Science fiction.

Ein Zeitparadoxon öffnet sich: wie kann z.B. im Schock, im Nahtoderlebnis, das meist zu einer Panoramaschau des eigenen Lebens wird, in dieser Panora-maschau zum Urteil und Gerichtstag ĂŒber sich selbst fĂŒhrt, sprachlich erfaßt, solch eine sich auflösende Zeitperspektive mit ĂŒberraschenden Momenten als Schock dargestellt werden? Jedes JETZT erhĂ€lt dabei eine unendliche Per-spektive, alles öffnet sich bis ins Unheimliche. Denn es ist nicht so, daß das ly-rische Ich nun nichts mehr erlebt, es erlebt nur ganz anders: Zukunft der Ver-gangenheit im Prozeß. Also das Bewußtsein, schon einmal gelebt zu haben, und sich hier, auch im Gedicht, schon einmal selbst begegnet zu sein!

13
Inzwischen hat sich sogar die Physik des Themas angenommen, so löst etwa der Amerikaner Frank Tipler in seiner "Physik der Unsterblichkeit" mathema-tisch ein, was er in der Einleitung behauptet: "Ich werde eine physikalische BegrĂŒndung der Eschatologie - der Erforschung der letzten Zukunft - vorlegen; dabei gehe ich von der physikalischen Annahme aus, daß das Universum im-stande sein muß, Leben unbegrenzt aufrechtzuerhalten ... Ich habe einmal ein Nazi-Konzentrationslager besucht; dieses Erlebnis bestĂ€rkte mich in der Über-zeugung, daß es nichts HĂ€ĂŸlicheres gibt, als Vernichtung." Und er geht auf Heisenberg zurĂŒck, der davon ausging, daß die Wahrheit "schön ist, ja, zur letzten Aussage gehört.“ "Es ist wahrscheinlicher, daß ein schönes Postulat wahr ist, als daß ein hĂ€ĂŸliches Postulat wahr ist" (Tipler).

Und kÀmen die Besucher und kÀme ein Mensch gar
mit dem Lichtbart und stotterte er wie in der Poesie
unprÀzise das Schöne
nur auf diesem Blatt oder Schrift an der Grenze
als bekÀme sie
neue Synthesis
als Kopf- und Herzoffenbarung:

Wenn etwas stimmt, sag: DAS IST SCHÖN!
Es kommt nicht mehr nur
im Herzen/ im Kopf hier an: sondern flugbereit
als die Kraft der Toten ...

Nichts ist getrennt, auch nicht die Physik von der Poetik oder diesem Augen-blick, den ich gerade erlebe, von mir oder von Tiplers Denken, gar von einem Regenschirm und meinem Computer, wie schon der Surrealismus wußte; auch heute geht eine notwendige Metapoesie vom Ungeteilten, Einen (dem Univer-sum als Ganzem) aus, aus dem niemand fallen kann. Wie es ĂŒbrigens noch In-geborg Bachmann und Paul Celan oder GĂŒnter Eich wußten. (Heute geht - auch in der Lyrik, wie ein Gespenst - ein falscher Glaube an die Scheinwelt des Empirischen um!). Meiner Überzeugung nach aber, ist es notwendig, daß "HERRN COGITO" „der Kopf raucht" - ja:

(...) als er im Durchbruch endlich wieder
den Himmel sah,
da zÀhlte er die Sterne seiner neuen Blitze. Und
als alles darin verbrannte, erkannte er,
wie er durchsichtig wurde und sich durchschaute.

Die heute so weitreichende Empirie verbrannte er im Hirn/ wie
in einer MĂŒllverbrennungsanlage.

So rauchte tatsÀchlich sein Kopf
mit Erfolg. Und da diese Logik sich selbst aufdenkt,
und vergißt und den Kopf zerbricht, kann die Liebe
heraussteigen: vor allen Dingen. (Herrn Cogito rauchte der Kopf).


Bei GĂŒnter Eich finden wir dieses schöne Bekenntnis: "Wir wissen, daß es Farben gibt, die wir nicht sehen, daß es Töne gibt, die wir nicht hören. Unsere Sinne sind fragwĂŒrdig: und ich muß annehmen, daß auch das Gehirn fragwĂŒr-dig ist. Nach meiner Vermutung liegt das Unbehagen an der Wirklichkeit in dem, was man Zeit nennt. Daß der Augenblick, wo ich dies sage, sogleich der Vergangenheit angehört, finde ich absurd. Ich bin nicht fĂ€hig, die Wirklichkeit so, wie sie sich uns prĂ€sentiert, als Wirklichkeit hinzunehmen."

Jene Ă€ltere deutsche Lyrik war nĂ€her am harten Kern unseres Wissens, als die diffuse Gegenwartspoesie des Alltags heute, sie ging noch von der Ahnung aus, daß die Zukunft erst wirklich und wahr ist (auch reicher, angereicherter, wis-sender: ein "Meridian"!); nur der Tod (und die Entropie-Gesetze) scheinen uns einen Strich durch diese Rechnung zu machen; es ist der Augenschein der "Wirklichkeit", dem doch auch die Poeten heute so sehr vertrauen!

Doch: "... ich versuche, noch etwas zu schreiben, was anderswo hinzielt. Ich meine das Gedicht." Und: "Wir ĂŒbersetzen, ohne den Urtext zu haben... In je-der gelungenen Zeile höre ich den Stock des Blinden klopfen, der anzeigt: Ich bin auf festem Boden." (GĂŒnter Eich).

Der Augenblick, das stĂ€ndig Neu-Ankommende ist das Wirkliche, von dem wir aber nichts wissen können, keiner ist je in der nĂ€chsten Sekunde gewesen, und man sehe, wie schon die Grammatik den Wahnsinn verrĂ€t; sprachlos das Perfekt (in der nĂ€chsten Sekunde auch in Zukunft „gewesen“), anstatt des Fu-turs? Es gibt nichts Konkreteres, Beunruhigenderes, als dieses Realste der Zeit. Und es ist auch die "Bedingung der Möglichkeit" von Erfahrung. Gar nicht selbstverstĂ€ndlich ist es, was uns andauern geschieht, und es ist nicht von Menschen gemacht.

Alexander Kluge und Peter Weiss gehen als Filmer mit Sequenzen um. Bieten Querschnitte, keine erzĂ€hlten LĂ€ngsschnitte. Momente. Oft Schreckmomente, wie Weiss in seiner "Ästhetik des Widerstandes" GĂ©ricaults "Fluß der Medu-sa". Ein Hadesbild der Überlebenden, die wir ja sind, ein Hadesbild, das die To-des-tiefe im Moment des Schreckens spiegelt, ein Schrei des Untergehenden wird im Moment des Todes sichtbar, es wird ihm klar, daß alles falsch war, quer zum historischen Prozeß. Es ist der unendliche, andauernde Moment des Entsetzens, der alle diese Momente der bisherigen Geschichte zusammenfasst. Zeit anhĂ€lt, wie das Summen in einem Todesmoment.

DIE SEQUENZ, der scharfe Filmschnitt sozusagen ist auch das Prinzip des Denkbildes und Fragments, und wie im Gedicht die Beweislosigkeit, wie ein Traum, der keiner BegrĂŒndung bedarf. Kurze schnelle Querschnitte, wo alles unwichtige fortfĂ€llt, und wo die Sequenz wie im Traum, wie im Film abgesetzt wird, vereinzelt da steht wie eine Pause, wie ein Abgrund der Sekunden... Auf diese Weise wird der Stillstand, das Anhalten der Zeit mehrfach geĂŒbt, bis Zeit dann auch wirklich stehenbleibt.

Durch die sich ĂŒberstĂŒrzenden Ereignisse, die das vorherige Geschehen "alt" machen wie Wegwerfgeschichten, löschen, meine ich in einen Alptraum gera-ten zu sein.

Aber immer deutlicher wird es, sogar der Wissenschaft, den Physikern, daß eben doch die sogenannte Negentropie (die die vernichtende Zeit ĂŒberschrei-tet!) ein umfassenderes Denkmodell abgibt, als die Alltagsevidenz und ihre schwarze Schwester der Vernichtung, die gelehrt von der "IrreversibilitĂ€t" der Zeit spricht (oder fabelt!) und vor allem in der "Hure der Geschichte" (Cioran) und im Schein des Alltags wirkt!

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Die RĂ€ume der Sinne und der Anschauung, ihr Agent, das Phantom Zeit als quĂ€lendes PhĂ€no-men, hatten schon fĂŒr Kant etwas Beunruhigendes, Gespensti-sches, da der Königsberger Philosoph und "Vater der AufklĂ€rung", seinen Geist von einem anderen, einem geistigen Reich her, aber hier auf der Erde als Gefangener bestimmt sah. Er sah sich fremd hinter einer Wand der Sinne ste-hen, und der Art, wie er und alle Menschen gezwungenermaßen sehen mĂŒssen, ausgesetzt.

Der Mensch ist nach Kant fremd, weil er eine Art Ebenbild des "höchsten Gutes", des "Einen" ist, zu dem er nur mit dem "inneren Sinn" Zugang hat; die-ser "innere Sinn" aber geht ĂŒber die Alltags-welt der Sinne weit hinaus, die ihn nicht zu sich kommen lassen, da schon wegen des VoranrĂŒckens von Zeit in den AußeneindrĂŒcken eine Erfahrung ĂŒberhaupt nur möglich sein kann, wenn "Zusammenhang" oder "Einheit" unseres Bewußtseins als "Gewußte" und zu-gleich Wissende, also Verstehen da ist.

Es gibt sogar eine Belohnung dafĂŒr, das GlĂŒcksgefĂŒhl beim blitzartigen "Be-greifen" und Verstehen durch einen Ein-Fall, und dieses nicht nur beim Lite-raturschreiben oder beim schöpferischen Denken in der Kunst und Wissen-schaft!

Auf die Literatur ĂŒbertragen heißt das (zumindest bei mir), ein Arbeiten mit ei-nem Beziehungsnetz von Lebensfragmenten, Erfahrungsfragmenten, Zitaten, ihre Collage ergibt sich aus der besonderen Notwendigkeit der Phantasiearbeit, denn die EinfĂ€lle arbeiten sequentiell, in einzelnen kurzen Szenen und Hand-lungs-StĂ¶ĂŸen; viel-leicht ist das bei Lyrikern so: es ist der erlebte Mo-ment oder die Welt als Einfall, ganz "heiß" dann aufgeschrieben, tagebuchartig in "ZeithĂ€ppchen", flashs, und dann erst nachtrĂ€glich zu-sammen-gesetzt zu einem Buch, einem Roman, einer Prosaarbeit, einem Gedichtband. Und zwar immer so, daß auch beim nachtrĂ€glichen Zusammensetzen alles "heiß" und inspirativ gesche-hen muß, es darf keine Manipulation oder Bastelarbeit sein.

Dieses ist deshalb so erregend, weil es wie die Simulation eines ebenbildlichen Prozesses zu sein scheint, wo Sinn sich summiert. Je mehr Einzelszenen oder Fragmente und einzelne Gedichte in einer Struktur, wie auch in diesem Band, sich gegen-seitig anziehen, dichter werden, ein an-nĂ€herndes Ganzes ergeben, umso grĂ¶ĂŸer ist die Erregung dieser intuitiven, ganz persönlichen und doch sich selbst ĂŒberschreitenden "Sinnarbeit", die sich eben einem Unerreichbaren, ei-nem verborgenen Gan-zen annĂ€hert. Es ist ein erhellendes Verstehen, das im-mer nĂ€her und in-tensiver wird, je mehr "Bildpunkte" auf dem Bildschirm des Gedankens und dann des Buches zusam-menkommen.

Ist dieses ein "Gespenstersehen"? Althochgdeutsch hieß Gespenst noch "gi-spanst", was eher Verlockung, VerfĂŒhrung, ein Irrlicht bedeutet, das einen vom gradlienigen Weg abbringt. Ein Gespenst ist auch ein "Gespinst", Stimme aus einer andern Welt, Eingebung, Ein-Fall. Etwas, was im Alltag eigentlich nicht sein dĂŒrfte, und doch vorkommt, ortlos. Wie Kunst, wie Literatur auch.

Es ist eine komplizierte, jahrelange und sehr einsame Reise in eine Zone, wo das Unerreichbare, das platonische "Eine", vielleicht "Metapher Gott" warten. Und so wĂ€re diese Sin-narbeit via erlebter Weltfragmente im Laufe der Zeit, diese zerfallenen StĂŒckwerke der Mo-mente und Lebensphasen in ihrem an-scheinend sinnlosen, daher schmerzhaften "Unten" ihrer mangelnden Bindung und des feh-lenden Zusammenhanges eben das Rohmaterial eines Gan-zen, ei-ner stimmigen schwingenden "Sprachheimat". Es ist bisher die einzig mögli-che "Sicher-heit", einer fast numinosen Geborgenheit im Nirgendwo, die es fĂŒr mich an der Grenze zwi-schen sinnlichem und geistigem Bereich noch gab, mit ihrer Tiefengrammatik des Sprachge-dĂ€chtnisses als das einzige unzerstörbare Haus, das ich noch besitze.

"Einheit der Apperzeption (oder des Bewußt-seins)." "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit" nannte Kant diesen Kernpunkt auch seiner Philosophie. Das Zauberwort dieses Vermögens heißt bei ihm "synthetische Urteile" oder die berĂŒhmte "Einheit der Synthe-sis in der Mannigfaltig-keit".

Es geht eigent-lich nur um die erwĂ€hnte Teil-Habe des inneren Menschen am "Einen" via Lebenserfahrung und Lebensfragmenten, um das Sich-AnnĂ€hern an das "Gottes-Eben-bildli-che" in uns, das jedoch nicht zum Zu-ge kommen kann, weil wir uns selbst fremd geworden sind, genau wie die Dinge uns fremd blei-ben, als in den Körper Gefallene unbekannt bleiben mĂŒssen, solange wir - wie es ja heute fast zu einem verinnerlichten Diktat unserer außenweltori-entierten Zivilisation geworden ist - nur ge-trennte (materielle) Körper sehen, eine Art SĂŒn-denfall, weil wir so im Körper und unse-ren Sinnen - also dem Schein und der Illusion - gefan-gen bleiben! Ja, einer Kultur des Scheins, nicht des Seins, zu huldigen gezwungen sind!

Und es ist erstaunlich, daß nun nach den GedĂ€chtnislĂŒcken, den Zerstörungen und innern und Ă€ußeren Verheerungen, der Hang zum Verstummen in der Ly-rik nun von außen, als eine andere kĂŒnstliche Einheit und Synthese via Com-puter und Computerisierung droht; und da Lyrik „deutlicher als andere Formen die zerebrale Seite der Kunst“ zeigt, und „empfindlicher reagiert auf jede kli-matische VerĂ€nderung in der von Gedanken zerfurchten Welt... unabsehbar die Choreographie ihrer Redefiguren“ (GrĂŒnbein) zeigt, ja., lang schon dem Ab-schied voran, im Virtuellen, in der Neuromantik zuhaus ist, muß sie den Bruch auch heftiger spĂŒren „nur daß aus den Weiten ihrer lexikalischen RĂ€ume jede Fischschuppe, jedes Haar, jedes Sandkorn immer aufs neue unversehrt zurĂŒck-kehren wird“ (wirklich?). Wird sie in diesem Sog, fast wie der Körper selbst, nur umfassender, schmerzhaft zusammenzucken und in einem unergrĂŒndlichen Sog umgedreht und zum Grund gezogen werden in ihrem „babylonischen Hirn“ (Baudelaire)? Und ist daher nicht gerade die Lyrik, die zerbrechlichste und dauerhafteste BrĂŒcke in der obsessiven GrenzĂŒberschreitung und im Zu-kunftsgang beim Ausprobieren dieser neuen Einheit ganz vorne im „Virtuel-len“? Und gleichzeitig ein Schock, ein Erwachen aus dem tĂ€glichen solipsti-schen Dauerschlaf des tĂ€glichen Gebrabbels, das alles zudeckt?! Wobei das neue Gebrabbel der multimedialen Scheuklappen, das Dauergesumme der SprĂŒche und der Computerdiktatur und InternetverfĂŒhrung als angeblich wirk-lichere Wirklichkeit, trotz ihrer Berieselungen HirnnĂ€he mimt, aber ein Erwa-chen erstickt, verpappt, erstrecht verhindert!

Was zum Ganzen kommen könnte, zum Einen, verhindert diese angebliche HirnnĂ€he der neuen KĂŒnstlichkeit von „Kunst“! Das neue Mögliche auch im Fensterwesen und der Collage mithilfe des Freundes PC, Springen und Montie-ren am Bildschirm, der Schreibprozeß „aufgespalten in kleine und vielfĂ€ltig verwendbare Einheiten, die auf jede nur vorstellbare Weise zusammengesetzt werden können. Oder könnten, wenn das Unbehagen daran fĂŒr mich nicht im-mer grĂ¶ĂŸer wĂŒrde“ (Brigitte Oleschinski), weil das erfrischend Kreative, Spontane, Schöpfen aus dem Nichts „die unwillkĂŒrliche Anteile am Schrei-ben“, das Hinabtauchen ins Ungekannte, Ungewußte, also auch RĂ€tselhafte, Geheimnisvolle, abgenommen hat?! Überall ist dieser Transformationsprozeß, diese globale Metamorphose erkennbar, am sensibelsten im Gedicht, im „Ver-fĂŒgbarmachen von Faktoren, die aus ihren traditionellen Bindungen herausge-löst und zu neuen synthetischen Mustern zusammengesetzt werden“. Das ewig angesterbte große Eine nun also total erreicht? Ja, erreicht aber als sterile KĂŒnstlichkeit, als ein geschenkter, fixundfertiger Standard. Wird so die Einheit parodiert, GlĂŒck des höchsten Verstehen, also „Gott“, verhindert?

Was aber war bisher das Ideal dieser letzten Einheit (die uns nun verstellt wird?). Carl Friedrich von Weiz-sĂ€cker hat den anderen – nun dieser Compu-tereinheit radikal entgegengesetzten - Kernpunkt der Wirklichkeit sehr schön am Be-ispiel der heutigen Theorie der Phy-sik, der Quantentheorie gedeutet, die von Kants Denken gelernt hat: Die von uns sinnlich wahrgenommene Vielheit der Dinge - so Carl Friedrich von WeizsĂ€cker - sei "letztlich nicht wahr." Isolierte Ob-jekte bedeuten nur "mangelnde Kenntnis der KohĂ€-renz ...der Wirk-lichkeit. Wenn es ĂŒberhaupt eine letzte Wirklichkeit gibt, so ist sie Einheit. Vom Stand-punkt dieser Einheit aus gesehen ... sind die Objekte nur Objekte fĂŒr end-liche Subjekte (d.h. fĂŒr Sub-jekte, denen gewis-ses mögliches Wissen fehlt)... (d.h. sie sind indi-viduelle See-len unter den Bedingungen der Kör-perlichkeit)."

Und Alexander Kluge formulierte es so: "...die Aufhebung der Trennungen ge-hört ja zum Realistischen. Ein Realist bohrt. Er ist darin unangenehm. Er neigt z.B. dazu, einige Dinge auf Null zu stellen." Denn realistisch ist nur das, was wirklich ist, und wirklich ist niemals nur ein Ausschnitt, sondern immer das (undenkbare) Ganze (das niemals denkbar ist mit Hilfe eines „Rechners“!), und ebenfalls gehört zur tieferen Wirklichkeit der Unsicherheitsfaktor Beobachter, das Zentrum unserer Welt: das Subjekt, das am intensivsten in der Liebe, der Musik und in der Lyrik zur Sprache kommt!

*
Die Gedichte dieses Bandes stehen in der Tradition der "Poesia metafisica" der "Metaphysical Poets" um John Donne - und auch in der Tradition jener "Ă€lte-ren deutschen Lyrik"; sie sind beeinflußt von den neuesten Tendenzen einer meta-physischen Dichtung vor allem in Italien und RumĂ€nien, auf dem Hinter-grund des Schocks historischer Erfahrung in unserem Jahrhundert. Und: sie ge-hen davon aus, daß nicht ein ganz neuer Stil im sich öffnenden virtuellen Be-reich der Welt und des Posthumen der Literatur eine Überlebenschance sichern kann, sondern nur ein AnknĂŒpfen an eine bestimmte Tradition, die einfach "vergessen" wurde, und wie der Tod, seit einigen "gescheiten Jahren" ausge-klammert wird:

Es geht nicht darum, Neues zu erfinden, sondern im Licht dieser neuen Erfah-rung das Beste fortzuschreiben, um den Bestand der Tradition nicht zum Werkzeug der neuen Sieger werden zu lassen, die ja die Erben jener sind, die immer schon gesiegt haben; daher ist das Zitat so wichtig, wie der heftige QuerschlĂ€ger und Erkenntnisblitz kurzer Form; als wĂŒrde er jenen Moment des Aufstandes, wo Millionen den flash als Uhr einer unbekannten Zeit empfanden, auch nach der Niederlage dem Vergessen entreißen.

Schreiben ist nicht nur der Diktatur verwandt, indem es die Welt einzusperren versucht, seit einiger Zeit ĂŒberschreitet es die Grenze, lĂ€ĂŸt Welt und Text in-einanderfließen, Schreiben ist zwiespĂ€ltig, es ist versuchte TodesverdrĂ€ngung; da aber Tod und Leben zusammenhĂ€ngen, ist es zugleich Lebensaufschub und TotengesprĂ€ch.

Auch die deutsche Poesie könnte (wie Poesie in all den Jahrtausenden auch) Grenzereignisse einbeziehen, um der Wissenschaft nicht hinterher zu hinken, sondern ihr, wie noch im vorigen Jahrhundert, voraus zu sein, indem sie nicht den Abgrund, Schutt und Wortschutt der Außenwelt ins Gedicht nimmt, son-dern den Abgrund des RĂ€tsels Subjekt, die tiefste Wirklichkeit unserer menschlichen Welt, die immer schon das Zentrum der Poesie war, wieder als Brennpunkt zulĂ€ĂŸt!

__________________
copyright 2001
Dieter Schlesak

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