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Leselupe.de > Erzählungen
Promiskuität oder die fehlende Seite der Schneekönigin
Eingestellt am 22. 03. 2004 19:35


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Christopher Müller
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Registriert: Mar 2004

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Promiskuität oder die fehlende Seite der Schneekönigin

Für Kim

Von

Christopher Müller

How to fight loneliness ... Smile all the time ... Shine you teeth til meaningless ... Sharpen them with lies ...
- Wilco

Kapitel II

Promiskuitiv war das, was die Ärzte sagten. Ich sagte ganz anderes. Zum Beispiel: Ich trage ein Feuerzeug mit mir rum, obwohl ich nicht rauche. Ich hielt meine Hand darüber, manchmal. Ich esse nur das Rote, in grünen Oliven. Ich puste gerne Kartenhäuser um. Ich verbrenne Zeugnisse. Ich schreibe keine Gedichte und klemme sie unter Scheibenwischer von Autos. Ich lutsche Eiszapfen und höre Kurzwelle. Fremden zünde ich gerne Kippen an. Ich hab meins immer schneller zur Hand, vor allem in dunklen Räumen wie Diskotheken oder leer stehenden Grüften. Ich lispele, meine Eltern hatten nicht das Geld für eine teure Zahnkorrektur. Ich bin nicht einmal krankenversichert. Wohne in einem kleinen Dorf, relativ weit weg von der Stadt. Daher trampe ich oft. Nicht aus Geldmangel, ich könnte auch den Bus nehmen. Die Wahrheit ist, ich hege Kleinmädchenträume, dass irgendwann ein Mann kommt, mich mit nimmt, ein Entführer, der mich womöglich in Plastikfolie einwickelt und in einem See versenkt oder meinen Kopf in einem Attache-Koffer mit sich trägt wie einen Talisman. Ich habe keine Mutter – von der ich weiß. Mein Vater antwortete immer auf die Frage nach ihr, mit den Worten, mich habe der Storch gebracht. Ob er mich adoptiert hatte, eine Wunschfantasie, oder gefunden … wer weiß woher ich kam. Von Gott weiß wo, wo nicht mal Pfeffer nicht wächst, wo man rückwärts spricht und Katzen als höher angesehen werden, als Menschen, womöglich, eher dann doch nicht, sondern ein Produkt aus dem Sperma meines Vaters und einer traurigen, namenlosen Fremden. Das war ein Geheimnis.
Es waren dauernd Männer bei uns im Haus. Besuch meines Vaters. Mit den meisten von ihnen hatte er auf die eine oder andere Art zu tun, wie ich später lernen sollte, herrschte reger Verkehr – Verkehr, verkehrt – für mich. Manchmal auch nicht. Manche brachten Geschenke mit, Schnaps für meinen Vater, Süßigkeiten oder selten Kuscheltiere für mich. Weiß nicht, welche Gaben verheerender waren. Das meiste davon schmiss ich einfach weg, machte mir nie viel aus Lebensmitteln, gönnte mir keinen Genuss. Essen wird doch meist viel zu hoch bewertet. Völlerei ist wohl das einzige, was die Menschen um mich herum so richtig können. Ich könnte kotzen, wenn ich die neuste Mac Fress Reklame höre. Ich ernähr mich bewusst, ich fresse bei Mac Fress. Ich habe jetzt mal sinngemäß zitiert. Genauso geheuchelt finde ich auch diese Spardosen am Tresen, überboten wird der Horror nur durch diesen debilen Clown, der überall zu sehen ist und mich schon als Kind in meinen Träumen verfolgt hat. Ronald ist sein Name und er liebt es, auf Kindergeburtstagen für rheinischen Irrsinn zu sorgen. Mich hat dann irgendwann die Neugierde gepackt und ich bin dem Ronald Fren-Scheiß-Filialen-Clown dann irgendwann nach seiner Schicht gefolgt, um ihn demaskiert zu sehen, aber dazu später mehr. Womöglich.
Ein Kuscheltier behielt ich. Mittlerweile ist es grau, an vielen Stellen aufgerissen, wie meine alte Kleidung, die keiner flickt. Ein Einhorn, das ich Honky getauft habe. Denn unten drauf stand was von made in Hongkong. Von der Herstellerfirma Rainbow Brite, habe ich lange nichts gehört. Es gab mal eine Zeit, da wusste jedes Kind, was Sternwichte sind, die vom Regenbogen kullern, in Plastikkugeln ausgeliefert werden. Bin ich schon so alt?
Ich habe meinen Vater immer angebettelt, dass ich ein Haustier haben möchte. Aber er hat sich nie erweichen lassen. Er sagte immer, ich würde ja nach kurzer Zeit nicht mehr mit dem Hund ausgehen, und dann müsse er mit der Rotztöle Gassi gehen oder was wahrscheinlicher war, wie er es nonchalant formulierte, den Köter irgendwo aussetzen, respektive anbinden. Manchmal war Daddy richtiggehend ehrlich. Erschreckend ehrlich. Oder er sagte so was wie, Katzen machen nur Dreck. Oder Hamster sterben so früh, dann muss ich mir dein verkacktes Gejaule anhören, wie das Gejaule der Katzen.
Irgendwann hat er dann doch ein wenig Herz gezeigt, wie ich anfangs vermutete. Er kaufte ein Aquarium. Ich glaube zu meinem Geburtstag. Aber die Fische starben nach kurzer Zeit auf geheimnisvolle Art und Weise. Nun steht das Aquarium seit Jahren in unserem Haus, dreckig, modernd und faulend. Ohne Fische, trotzdem reich an Leben, voller Bakterien. Ich trank einmal als kleines Mädchen ein ganzes Glas dieser Bracke, ein hilfloser Versuch, Aufmerksamkeit von meinem Vater zu erlangen, die ich erhielt, aber in Form von Gelächter, als ich nachtlang kotzte. Und die Leuchtstoffröhre ging irgendwann schrott, wurde selbstredend nicht ersetzt.
Einmal kam ein Mann, der nicht mit meinem Vater schlafen wollte. Ich will dazu vorher aber einen Satz loswerden. Ich fand es nie schlimm, dass mein Vater schwul war, was ich von meinen Kindergarten-Mitinsassen erfahren musste. Nein. Ich fand schlimm, dass er nur dem Trieb folgte, nie einen Partner emotional an sich ran ließ. Das war der grausame Teil. Und sein wir mal ehrlich, es war das Natürlichste von der Welt für mich, was mein Vater tat, ich kannte nichts anderes, konnte auch vieles lange nicht vermissen. Eine Bekannte von mir hat eine Beinprothese, solange sie sich erinnern kann, sie vermisst ihr echtes Bein nicht. Viele Männer, die ich später kennen lernen sollte, lebten jahrelang relativ zufrieden mit aufblasbaren Partnern, weil sie nichts anderes kannten.
Zurück zu dem Mann, der keine sexuellen Praktiken mit meinem Vater teilte, wenn man mal gemeinsames Fußballspielschauen nicht mitzählt. (Hörte erst neulich einen Kerl in einer Kneipe sagen: Der Stürmer ist aber auch ein süßer Typ. Das fand ich niedlich und ich kicherte in meinen Wein hinein, als wäre ich ein kleines Mädchen, das ich womöglich niemals war)
Ich habe nie eine weibliche Bezugsperson gehabt. Vieles meiner Wesenzüge, habe ich unbewusst von meinem Vater und seinen Arbeitskollegen übernommen. Ich spielte Fußball mit den Kerlen, kloppte mich mit ihnen und habe nie eine Puppe besessen. Natürlich habe ich auch eine starke weibliche Seite. Eins ist klar, man ist mehr als die Summe von Erziehung und Erfahrungen. Viel mehr! Trotzdem hatte ich nie eine beste Freundin oder so was. Ich konnte mit Weibern nichts anfangen. Dieses Rumgezicke und all der Wahnsinn. Make Up fand ich zum kotzen und so weiter. Als junges Mädchen, war meine maskuline Seite noch nicht sehr ausgeprägt, erst mit den Jahren überschattete sie alles. Wie ein unreiner Samen, der in meiner Seele erst wartete und dann immer mehr reifte. Die meisten Freunde meines Vaters waren weich und zart auf eine Art. Einfühlsam und verletzlich, letztlich, verletzlich. Denn mein Dad war knallhart zu ihnen, vielleicht brauchten sie das, wer weiß das schon. Ja, auch Männer brauchen so was! Wieso gehen sie sonst zum Militär oder lassen sich in Boxringen zusammenschlagen. Mein Dad las Krimis. Ich hasste solchen trivialen Schund. Einmal kaufte er einen, der ihm nicht zusagte, er schenkte ihn mir. Total verdreckt sah das Buch aus. Es war in Englisch und ich kannte die Sprache damals noch nicht. Es war total zerfleddert und manche Seiten ließen sich nicht öffnen, er las immer in der Badewanne oder auf dem Klo, an anderen Orten nicht. Womöglich hatte der Wasserdampf die Seiten aufgebläht und versiegelt wie einen Scheidungsbrief. Jahre später sollte ich das Buch lesen, verstehen und lieben. Denn es war eine göttliche Gabe. Es war der Grund, warum ich früher als andere Englisch lernen sollte. Ich schlug jedes Wort nach, manisch, besessen. Ich wollte es verstehen, ich wollte es lieben, denn mein Vater hatte es gehasst, sonst hätte er es nie abgetreten. Ich wollte verstehen, was ihn daran gelangweilt oder geschockt hatte. Bücher. Einmal hatte mich mein Dad eine kleine miese Diebin genannt, weil er eins seiner Schundbücher nicht gefunden hatte. Ich hatte es natürlich nicht gestohlen. Dafür klaute ich ihm ein anderes Buch. Weil ich wusste, er würde sich nie trauen, danach zu fragen. Er hätte sich damit entblößt vor mir. Ich war sicher, dass ihm das Buch fehlte. Ich genoss es, diesen Schatz zu hüten. Es hieß Jason und war ein furchtbar versauter Roman. Aber trotzdem war das Buch gut. Erstaunlich gut. Nicht wegen der Sexschilderungen, nein die langweilten mich eher (der verklemmte Autor traute sich nicht einmal derbe Ausdrücke zu verwenden und wiederholte sich in gehemmten Wiederholungen, a la „sie liebten sich“, trieben „es“ oder am schlimmsten „schliefen miteinander“ … Selbst Wilde war deutlicher gewesen, ja, auch ohne versaute Ausdrücke. Was mich ankotzte: Der Autor schrieb nicht von Liebe. Es war eindeutig ordinäres Ficken, was er beschreiben wollte. Aber seine Art zu schreiben war die eines Schmeichlers, eines Mannes, der zu lieben wusste. Der Zärtlich war. Trotzdem wagte er sich an dieses Thema heran. Am Anfang des Buches hatte man noch den Eindruck, er habe nie mit einer Frau geschlafen oder mit einem Mann. Im Verlauf des Romans änderte sich das. Aber auch wenn er übers Ficken schrieb, wusste er nicht wirklich was das war. Er kannte nur die Kombination von Liebe und Geschlechtsverkehr. Das war zwischen jeder Zeile zu erkennen. Das Buch wird dann gegen Ende richtig unwirklich. Eine Frau namens Dawn kommt ins Spiel und verwandelt Jason ausgerechnet in eine Katze. Aber Dawn hatte einen eklatanten Denkfehler begangen. Sie wollte Jason mit der Tat bestrafen, erhöhte ihn aber im Endeffekt (mein Lieblingsbegriff, den ich mir hab patentieren lassen). Eine Katze war ein Wesen von Anmut und Stolz, etwas das Jason als Mensch nie gezeigt hat. Doch ich schweife ab. Auch wenn man das gar nicht gemerkt hat, was ein gutes Zeichen ist, ich liebe es, Menschen mit mir abschweifen zu lassen. Sie mit zu ziehen. Das geht ganz leicht, wenn man es erstmal gelernt hat. Und keiner merkt, dass man das unliebsame Thema längst umschifft hat. Vergessen ist es bald. Schade eigentlich.
Daher kehre ich zunächst zu dem kongenialen Krimi zurück. Er war reich an Anspielungen, die mein Vater nie verstehen würde. Wie sollte er auch in einen Lachkrampf verfallen wie ich, als der Autor den fetten, tollpatschigen Bösewicht mit Winnie Puh vergleicht, ihn so all seiner Infernalität beraubt. Aber einen Satz werde ich wohl nie vergessen, den ich so nirgends sonst gehört, gesehen oder gelesen habe. Der Held schlägt einen Mann KO und der Autor beschreibt genau, wie der ansonsten eins a heterosexuelle Kerl, in dem Moment eine Latte hat und es, überraschend wie es auch gekommen ist, zu genießen weiß. Bamm! Das ist große Literatur die einen Knilch wie Bukowski vor Neid hätte erblassen lassen und etwas, das sich womöglich Henry Miller nie eingestanden hätte.
Ich schweife weiter zurück zu dem Kerl, der nicht mit meinem Vater schlafen wollte. Er roch nach Tabak und billigem Penny-Whiskey. Er war einer dieser Jeansträger. Jeder kennt sie. Männer, die nur Jeans tragen, ausschließlich. Er bekam sporadisch, aber unaufhörlich Hustenanfälle, vom vielen Rauchen oder womöglich durch die Arbeit in der Fabrik. Wohl aber im Endeffekt (ich wiederhole das Wort so gerne) durch beides. Mein Vater hatte es nie weiter als zu einem Handlanger gebracht. Er machte das, was sonst keiner machen wollte in der Waffen, äh, Waffelfabrik. Wir brauchen Waffeln, viele Waffeln! Paletten stapeln, Kisten packen, Kisten auspacken, Paletten verschweißen, LKWs füllen oder leeren.
Der Tabak-Malzwhiskey-Mann kam öfter. Das war selten. Verstand sich gut mit meinem Vater. Ich werde das mal erläutern: Wenn sich zwei Männer gut verstehen, heißt das eigentlich im Klartext: Er braucht einen zum Volllabern, der andere hört zu. So ist es meistens unter Männern. Meist ist der Labersack das Arschloch, der Zuhörer der Sympathische. Zwei Labersäcke in einem Raum endet meist im Streit. Und Zuhörer halten nicht so viel von anderen männlichen Zuhörern. Entweder werden sie selbst zum Labersack und texten ihr Opfer zu oder sie haben halt nichts zu sagen beide und langweilen sich. Ein anderes ungeschriebenes Naturgesetz lautet: Schwache rennen vermeintlich Starken immer hinterher. Sie wollen sich das Starksein abkucken, reden sie sich ein. Demütigen sich dabei aber komplett, denn sie werden ausgebeutet und verspottet vom starken Part. Wenn Männer eins gelernt haben: Niemals schwäche zeigen, und wehe ein anderer Mann will sich das Kuchenrezept abkucken! Wettkampf, Rudelkampf und so weiter. Der Schwache hält die Kehle hin. Selbst zum Biss kommen darf er auch nicht. Aber warum will der Starke den Schwachen nicht stärker werden sehen? Ganz einfach. Das hieße, er würde eine Gefahr. Er könnte Frauen aufreißen lernen. Denn der Mann weiß. Es gibt nur zirka Millionen Frauen in der Stadt. Da will er keine an seinen „Kumpel“ verschwendet wissen. Er will seinen Kuchen ganz allein genießen und dann den nächsten, bis er dann verreckt. So ist das. So und nicht anders.
Es soll auch andere Männer geben? Toller Witz. Entweder sind sie schon vergeben oder, böses Foul, sie bekommen es irgendwann mit, wie gut sie sind. Dann wächst Eitelkeit und Selbstverliebtheit ins Bodenlose. Sie werden plötzlich Künstler oder noch schlimmer Autoren. Und mit wachsendem Erfolg werden sie Stück für Stück korrumpiert. Bis sie so erbärmlich geworden sind, dass nicht einmal ich sie mit einem Schuss von ihrem Elend erlösen würde. Man neigt dazu, bei begrenzter Kugelanzahl im Dschungel (also in der Stadt), nicht den angeschlagenen Bären von der Pein zu erlösen. Mitleid hin oder her. Denn man weiß. Lieber Menschlichkeit einbüßen, dafür aber Mensch bleiben, statt tot zu sein.
Sie saßen im Wohnzimmer. Und lachten. Tranken Alkohol. Zwei verschiedene Lachen, das Gegröle meines Vaters und das gespielte, immer müder werdende Zwangslachen des Gastes. Warum tat der sich das an? Man weiß es nicht. Vielleicht fand er die Stories meines Daddies wirklich gut. Es gab auch Leute, die etwas für eine Mischung aus Bier und Alkohol übrig hatten, die nebenbei ansonsten stilistisch gefestigt waren, also keine Knallköppe waren. So sagt man jedenfalls. Ich habe sogar gehört, Männer seien aus freien Stücken zum Mond geflogen. Frauen wären da nie drauf gekommen. Die dachten. Der ist schön da im Himmel, auch wenn er meinen Zyklus mitbestimmt, was sie ansonsten keinem gestatteten. Sie mussten da nicht hochfliegen. Denn sie wussten, da ist weder Luft zum atmen, noch ein Schuhgeschäft. Ja, der war Flach. Aber ich muss ja auch mal einen für die Männer lassen. Sonst gehen die mir hier nachher alle aus dem Raum und ich will ja mindestens einen mit für Zuhause. Und der Typ, der da oben auf dem Mond für Seuchenverbreitung (ist den Menschen denn nichts heilig? Müssen die auch noch das All verpesten) und das als erster, war wohl der größte Versager der Menschheit. Jahrelang ein pickliger Physikstudent, der Frauen nur aus Zeitschriften kannte mit weißen Hasen drauf, der wohl nur von dem Drang getrieben wurde, endlich ein Held zu sein. Deprimierend, immer Recht zu haben. Ich warte seit Jahrzehnten auf ein Wesen, dass mir Parolo bieten kann. Dass mir endlich sagt, ich habe Unrecht! Ein Wesen, das mir sagt, die Welt sei süß. Ein Wesen, das mich, die Schneekönigin, aus meinem Eispalast befreit. Aber dieses Wesen wird erst der Tod sein, nein, ich habe gelogen, selbst der Tod wird mich nicht überzeugen wollen. Traurig. Fast so traurig, wie die Frauen, die Neil Fuckin´ Armstrong (wenn das man kein Pseudonym ist) gefickt hat. Trauriger noch, dass er auch mich rumgekriecht hätte. Am traurigsten, was seit der Gelächter-Nacht in meinem Leben begann:
Warum ich nicht schlafen konnte, mein Kuscheleinhorn zwischen den Kleinmädchenhänden? Die Hustenkrämpfe. Jedes Mal dachte ich, diesmal würde er die Lunge mit Aushusten und daran verrecken. Ich hatte Mitleid mit ihm, denn er musste meinen Vater ertragen, alkoholisiert und gut drauf. Er brachte zudem immer Geschenke mit. Etwas, das jede Oma weiß. So unerträglich Omis auch sein können, jedes Kind erniedrigt sich, wenn die Omma den Geldbeutel aufklappt und Münzen für Eis oder Lakritze rüber wachsen lässt. Ich habe dieses Geräusch schon von weit her gehört. Auch wenn ich einsam und allein mit dem Tieren im Wald spazieren ging, riss mich das Aufklappen der Ledergeldbörse aus meiner selbst gewählten Isolation und trieb mich in die Hände des Satans, der in Gestalt einer scheinbar lieben Omi auftrat. Korrumpierbar sind wir alle. Ohne Ausnahme! Okay. Es gibt, nein, gab, Ausnahmen. Denn sie haben sich umgebracht und damit der ewigen Verführerei des Bösen entzogen. So wie das Mädchen Zoe, von dem jeder Mal gehört hat in der Presse. Die aus dem Fenster sprang mit Karacho! Und jetzt kommt das Perverse. All diese verwichsten Christen glauben, Selbstmördern sei die Hölle gewiss. Aber waren es nicht sie, die edelmütig waren? Die endlich einsahen, ohne sie, wäre die Welt besser? Die so aufhörten zu lügen, verführen, bescheißen, täuschen, heucheln und missbrauchen, alles Verben, ohne die menschliches Leben nicht möglich ist? Und wehe ich erwische einen dieser Feiglinge an Zoes Grab, wo sie gerne Grablichter stehlen, um damit Diskotheken oder noch abartiger Wohnräume zu verschandeln. Ich verspreche, diesem miesen Dieb, ob er nun gekommen war, um das schmucklose Licht zu klauen, oder ebenso fragwürdig, sich in billigen Lack und Leder auf ihrem Grab zu räkeln, was in ganz schlimmen Fällen sogar noch fotografisch festgehalten wird. Aber keine schlimme Tat in dieser Welt existiert, die nicht noch überboten würde. Ja, Neil schielt schon auf den Mars! Und in diesem Falle rede ich nicht von GV auf Zoes Grab, nein, ich rede davon, dass es Menschen gibt, die solche Fotos drucken und sogar verkaufen. Was aber noch schlimmer ist, bei solchen Schnappschüssen von Kunst zu reden. Pause. Denkpause.
Okay, ich will mich genauer festlegen, wenn ich mir schon Feinde mache. Ich habe nichts dagegen, wenn man so was auf Gräbern macht von Heuchlern oder Christen, wobei beides meist dasselbe ist, ganz und gar nicht. Ob das dann Kunst ist, Porno oder Jucks und Dollerei, sollen andere entscheiden. Ich maße mir nicht an, zu entscheiden, was Kunst ist. Aber ich weiß, was Stil ist und was Zoe für ein Mensch war. Auch wenn ich sie nie getroffen habe. Also passt auf Eure Eier auf, wenn ihr fremde und unbekannte Gräber besteigt. Vielleicht verbirgt sich unter dem Moos versteckt Zoes Name und dann … Bamm!
Die Schneekönigin erlaubt sich eine weitere Anmerkung. Ein Stück Selbstkritik, ein gänzlich unmännlicher Part meiner Selbst. Prinzipien sind selten. Ich will mich da nicht ausnehmen. Ich bin weiß Gott keine Heilige, dann schon eher eine sündige Schlange, die ihr Gift verspritzt wo sie nur kann. Aber Menschen, denen nichts, ich wiederhole, nichts! Heilig ist, die verabscheue ich ebenso sehr wie mich selbst!
Mir ist auch ehrlich gesagt egal ob der King of Pop (plopp!) pädophil ist oder naiv wie ein Kind. Ich wusste immer, das seine Musik Scheiße ist. Aber er ist ein echtes Original, was selten geworden ist in diesen Zeiten. Auch wenn er sich über die Jahre solange selbst verkauft und damit verraten hat, dass nichts Originelles mehr geblieben ist und selbst der Verdacht der Kindesmisshandlung nur eine Kopie ist für eine neue Generation von Sensationslustigen. Ich bin selbst missbraucht worden, nicht von einem König. Bin ich gebraucht oder missbraucht worden. Eine Frage, die ich selbst nicht beantworten will, den anderen überlasse. Gebraucht werden ist etwas zutiefst Menschliches. Männer bekommen für Geld oft etwas, das ihnen die Gesellschaft nicht geben kann, die Ehefrau nicht will. Ich zähle mich zu den Menschen, die Glück oder Unglück, vom Aussehen her, dem derzeitigen Ideal sehr nahe kommt. Vielen war das nicht vergönnt. Zoes Lieblingssänger AleX hatte eine Schiefe Nase, angeborene Unsportlichkeit und eine Stimme, die in einer Fernsehsendung lange vor der ersten Mottoshow verrissen worden wäre. Von einem milchbärtigen Schwanzeinklämmer und Bestsellerautor. Womöglich hätte er Pages Stimme als die eines Kastraten bezeichnet. 1000 und 13 Zuschauer hätten am Schirm einmal kurz gelacht, dann hätten sie ihn schon wieder vergessen. Er aber machte trotz seiner Stimme weiter Musik. Für Leute, die auf Texte achteten. Für Leute, die seine Sprache kannten, seine Worte. Er machte Musik für Selbstmörder wie Zoe, die wegen ihrer Magersucht und kleinem Wuchs, überall gehänselt worden waren. Seine Schallplattencover verschandelten keine Lack und Leder-Hülsen, die den Verkauf angetrieben hätten. Die Cover wurden von ihm selbst gezeichnet, wobei er nicht mal Talent dazu gehabt hatte. Krickeleien und Bilder, die (Achtung Seitenhieb) sogar manche Kinder besser und ich lache bei diesen Worten, anatomisch korrekter hinbekommen hätten. Der gewaltige Unterschied, 99% hätten sich so was nie getraut, da liegt der tote Hase im Korn. Der Pudels Kern ist ein atomarer! Atomar wie Zoe, die immer mit einem Button aus den 80ern rumlief, lange bevor das vor kurzem wieder in Mode kam und jeder das machte. Darauf stand: Atomkraft, ja bitte! Selbstgebastelt. Da liegt der Unterschied. Zoe hatte eigene Gedanken, keine geliehenen. Keine geklauten. Keine Ideen, die man sich ansteckte, weil sie in Magazinen beworben wurden. Zoes AleX Page-T-Shirt war selbst gemacht. Nicht, dass es jemals AleX Page-Merchandising gegeben hatte, noch geben würde. Daher kennt die Band auch keiner von Euch. Daher gibt es keine Nachpressungen oder noch schlimmer (ich wiederhole mich. Schlimmer geht´s immer), CDs. Selbst MP3s habe ich von AleX Page noch nirgends gefunden.
Der Mann bei meinem Vater im Wohnzimmer (ich war ein junges Mädchen damals) trug lange Haare, lange bevor das Mode war. Vielleicht daher meine spätere Vorliebe für solche Männer, wobei mir das in den letzten Jahren auch nicht mehr als Erkennungszeichen für einen netten Mann durchgeht, da die wenigsten dies heute noch bewusst machen, im alten Sinne. Heute macht ein Mann das oft, um Frauen zu gefallen, um sich äußerlich feminin zu geben, wobei die feminine Maske meist in dem Moment fällt, wo er sie rumgekriegt hat, mit oder ohne Alkohol, mit oder ohne Kitschmusik, mit oder ohne Kondom. In dem Moment, wo er den Hosenschlitz aufstreift, oder in letzten Jahren den Rock hochzieht, was zum Ficken noch praktischer ist, daher haben ja auch Männer im Mittelalter Röcke getragen, eine verklärte Zeit, die in meinen Augen aber um einiges ehrlicher war als die heutige. Dann streift er die Haare lässig hinter die Ohren, bindet sie weg, um ungestört pimpern zu können, bar jeglicher Liebe. Er würde sich in diesem Moment, wo er die Hose der Frau aufknöpfen kann, nicht darf, die Haare abschneiden, wenn er nicht wüsste, dass sein Testosteron bedingter Drang, nie enden wird, er wieder weiter ziehen müsste durch Bars und Diskotheken (ganz schlimm Jugendzentren), die Musik spielten, die der glichen, die er nur hörte, um seine lang gehegte und gut kaschierte Planung in die dreckige und eben auch natürliche (!) Realität (welche auch immer) umzusetzen. Würde man unter Perücken nicht so schwitzen, er würde sie tragen und eben in dem Moment von sich werfen, wo der Schweiß an Kopf und Körper sprießt und das Tier in ihm erwacht. Ich liebe diesen Moment, weil er einer der ehrlichsten ist. Genießen kann ich ihn trotzdem fast nie. Ein Fick nach dem anderen. Und die Geilheit davor, verpufft spätestens mit seinem Eindringen … (eine verklemmte Formulierung, die ich dem Autor von Jason entlehnt habe)
Da will man sein Zopfgummi zerschneiden. Ich tat das einmal. Rutsche gekonnt von ihm, wie auf einer verregneten Kinderrutsche, halb gebremst, halb im Rausch, der nur ein Gefühl wecken kann, dem Abgrund näher zu kommen, dem Kippen übersäten Grund der Rutsche. Ich überraschte den Langhaarigen mit der geraden Nase, die man so sonst nur dank Steinmetzen zu sehen bekommt. Eine gerade Nase, die man krummschlagen will, abbrechen. Da erwacht das Kind in mir. Diese Sache mit dem Daumen, wo man vorgaukelt, die Nase gemopst zu haben, die man dann, eh der Zauber auffliegen kann, natürlich wieder anzaubert. Die erwachsene Variante ist, die Nase mit einem Messer flink (das erfordert viel Übung, aber Männer finden sich immer, ich scherze, nur zur Info) zu kappen.
Schnips war das Zopfgummi ab und die langen schönen Haare wehen wie ein Segel um das langweilige Gesicht, glattrasiert und teuer parfümiert. Als hätte ich mit dieser Tat die Luft aus seinem Segel gezaubert. Herrlich. Dann mache ich manchmal etwas, das die meisten Männer eh nicht leiden können, da ich im Rausch des Überraschungsmoments fast alles machen kann. Ich spiele mit meiner Zunge gekonnt mit seiner Brustwarze, wenn ich gemein bin, sauge ich sogar daran. Ich habe nur wenige Männer gekannt, die das nicht furchtbar unangenehm fanden, wenn ich es auf meine Art machte. Andere Gemeinheiten erfordern meist Hilfsmittel und ich schweige mich aus. Noch.

Kapitel I

Daddy sagte immer, das Geld würde nur für Essen und die Miete reichen. Ich aber wusste, dass das meiste Geld in Bars landete. Oder in Spielkasinos, in Einarmigenbanditinnen oder ganz gewöhnlich in Geldschlitzen für Pornokanäle, in Hotelzimmern so verbreitet, wie die Bibel im Nachtschrank. Ich habe lange Jahre recherchiert, um dieses Rätsel zu Lüften. Ich habe es von einem Kerl erfahren, der mir die Information für eine andere eintauschte. Er wollte wissen, warum Frauen immer gemeinsam in WCs verschwanden, eine billige, aber gleichzeitig leicht zu beantwortende Frage – für mich. Seine Erklärung verwunderte mich dann. Sie zeigte mir, dass er Verstand hatte, dass gekoppelt mit einem Y-Chromosom. Es gibt halt noch Zeichen und Wunder, so sicher wie Adam im Garten Eden das Masturbieren erfunden hat, um AleX Page zu zitieren. Nirgends auf der Welt ist man einsamer als in Hotelzimmern. Daher die Pornokanäle. Gerade Rock Stars wissen das, die eine hohe Sterblichkeitsrate und damit Grabentweihungsrate haben. Nirgends sterben so viele Menschen, wie in Hotelzimmern. Im Angesicht des Todes kommt die Frage nach dem danach und dem Glauben. Dann greift man in die angestaubte Schublade, während die Pillen im Magen ihre gewollte Wirkung tun…
So sagte er. Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle gleich in selbigen Hotelbett besprungen. Aber er war leider schwul. Zudem Fetischist. Und seinen geheimen Fetisch würde ich nie befriedigen können. Wir zwei lachten und betranken uns. Er wehrte mein Gebagger den ganzen Abend gekonnt ab. Wir spielten bekifft Malefiz und brachten das elektronische Bett zum Beben. Bestellten uns einen Roomservice-Jungen und ließen ihn mitspielen, denn das Brettspiel machte zu zweit keine Laune. Erst als die zwei sich näher kamen, ging ich und sah den Schwulen leider nie wieder.
Daddy verprasste das Geld, ohne mir Geschenke zu machen, wenn man von dem Aquarium einmal absah, dass ich eh nie groß beachtete, von dem Trinkversuch einmal abgesehen, den ich vorhin erwähnte. Als kleines Mädchen folgte ich meinem Vater einmal. Um zu sehen wo das Geld landet. Ich folgte ihm zu den Jungen, die dort anschafften, was ich erst später kapieren sollte. Sie waren teils sogar noch jünger als ich.
Der Tabak und Malz-Mann brachte mir einmal einen alten Kassettenrekorder mit, der schon halb kaputt war. Vielleicht hatte er ihn vom Sperrmüll oder dem Flohmarkt, lange bevor es Ebay gab, musste man noch selbst raus am Sonntag, um seltenen Mist zu suchen. Die Suche nach der Schallplattenspielernadel im Heuhaufenkonglomerat. Man konnte das Kassettenfach nicht öffnen. Und das Radio war schrott. Es war ein Tape darin. Die Schneekönigin. Ein altes Hörspiel, nicht von Karusell oder Europa. Es war eine billige Produktion. Fast Laienhaft. Die Musik zwischen den Textpassagen, war so minimalistisch und elektronisch, dass ich später einmal einen Musiker traf, der das ganze sampelte und damit einen Zähne-Hit erlangte, etwas, das nach Rache schrie. Doch ich konnte den gemeinen Scheißkerl nicht ausfindig machen bisher, die Plattenfirmenpolitik lautete schon damals, keine Adressen von Rockstars rausgeben. Die Groupies würden ja sonst nicht auf die überteuerten und bekackten Gigs gehen, sondern gleich ins Hotel oder wo auch immer die Backstage-Party, sprich Sex-Party, stattfand. Ich konnte immer nur die erste Seite hören, um dann zurückzuspulen. Umdrehen konnte ich die Kassette nie. Nur einmal versuchte ich mit einem Schraubenzieher das Fach aufzuhebeln, aber damit hätte ich den Rekorder zerstört. Also ließ ich es dabei bewenden. Leben all die Jahre, ohne Wenden. Ich rätselte immer als Kind, wie das Märchen enden würde. Abends, wenn ich mal wieder nicht einschlafen konnte, wegen Hustenkrämpfen aus dem Wohnzimmer, abgewechselt von Gelächter, malte ich mir verschiedene Enden aus, mit den Jahren wurden es tausend und dreizehn Varianten. Ich schrieb sie nicht auf, vergaß sie mit den Jahren, weil mir nie ein Mensch begegnete, der mir zum Aufschreiben riet, mich dazu ermutigte. Ich wurde von meinem Vater gebremst, der meinen Block fand, ich wurde von meinem Deutschlehrer gebremst, der mir Siebenden gab (so eine nonkonforme Marotte von ihm, die er sich extra vom Schulrat erlauben ließ, um mich korrekt benoten zu können) und dann zum Schluss von meinem ersten Freund, der heimlich mein Tagebuch las, weil er geträumt hatte, wie ich ihn mit einer anderen betrog, was damals nicht stimmte, erst in die Tat umgesetzt wurde, nachdem er das Tagebuch las, was ich danach verbrannte und seitdem nie wieder etwas geschrieben habe…
Im Endeffekt war es gut so. Mein Geschreibsel um die Schneekönigin hatte eh keinen Wert. Das Originalmärchen verkaufte sich ja prima.
Mit den Jahren war das Band so abgenudelt, kein Wunder, wenn man es 1013 Mal abspielte, dass man kaum noch was verstand außer Rauschen. Das Magnetband war so glatt geworden, wie mein Hintern damals noch war…
Irgendwann nach langer Zeit war der Kerl dann wieder da. Und er hatte sich wohl gestritten mit meinem Vater. Ich saß in meinem Zimmer und war dem Heulkrampf nah. Denn die Kassette hatte schlussendlich Bandsalat. Etwas, das heutige Kinder nicht mehr kennen. Also übersetze ich, der Rohling zerbrach, beim Einführen (ich zitiere wieder Jason) in das CD-Fach. Ich bekam sie nicht einmal mehr aus dem Rekorder heraus. Ich überlegte nun, den Rekorder aufzubrechen, was konnte ich denn noch damit anfangen so? Tief in Gedanken merkte ich nicht, wie die Tür sich öffnete. Und als ich mich plötzlich umdrehte, stand er plötzlich hinter mir. In einer fleckigen Jeans, in versifften Adidas-Turnschuhen, die damals nur Versager trugen, erst heute plötzlich als hip und cool galten. In einem Holzfällerhemd, das auch schon einmal bessere Tage gesehen hatte, wie es in dem britischen Sketch um die Holzfäller heißt.
Ich ahnte in diesem Moment noch nicht, dass er einen Grundstein legen würde … Ich ahnte in diesem Moment noch gar nichts. Ich war Tränen verschmiert über den Rekorder gebeugt und die herunter kullernden Salzkugeln zischten, als sie die Elektronik umarmten, wie mich kein Mensch in meinem gesamten Leben.
Märchen verlaufen ja alle gleich. 99% aller Geschichten verlaufen gleich. Es beginnt mit einem Abenteuer und endet damit, dass etwas Kitschiges, Gutes eintritt. Daher verkauft sich so was auch so gut, weil es den Menschen dreckig geht und sie nach einer Heilsbotschaft gieren, wie der Selbstmörder im Hotelzimmer nach der Bibel greift, erst im Angesicht des Todes, kann er die Bibel in die Hand nehmen. Vorher hat er halt auch lieber andere Märchen gelesen und konsumiert.
Es endet damit, dass etwas Gutes passiert: Die Hexe landet im Backofen (ich hatte immer Mitleid mit der alten Frau, vielleicht weil ich das Geräusch ihrer Lederbörse so schätzte), die elektronischen Zwerge mit den Heliumstimmen wurden endlich das Schnee-Flittchen los …
Und mein Lieblingsmärchen: Rumpelstilzchen zerreißt sich in der Mitte.
Wobei an dieser Stelle mal etwas einflechten möchte: Ich hatte schon früh ein Faible, für osteuropäische Märchenfilme. Aber ich habe noch nie gesehen, dass dieses Märchen werkgetreu umgesetzt wurde. In keinem der Filme (ich kenne sie alle!) sah man diese, blutige Splattersequenz. Und würde sie auch nie zu sehen bekommen, weil Peter Jackson jetzt selbst Märchen für Erwachsene produzierte.
Der Mann sagte nichts.
Und ich brach die Stille. Ich brach meistens die Stille. Erst brach ich die Stille, dann später Herzen. Aber das ist es doch, was von Totgeburten einmal abgesehen, Babies als erstes lernen: Stille brechen! Ich habe das perfektioniert und darauf bin ich Stolz.
Ich brach Herzen. Und im Endeffekt brach ich mich selbst, es ging ganz leicht und schleppend. Man fasst sich an der Wirbelsäule an, da wo uns Frauen die herrliche Taille verpasst worden ist, die so schön ist, wie weniges in der Welt (man findet es bei stechenden Wespen und Streich(el)instrumenten), und wenn man genug Kraft hat, die mir gegeben worden ist, kann man sich selbst mit der eigenen Hand … knack!
„Der Kassettenrekorder, den du mir mal geschenkt hast…“, brach ich die Stille.
„Habe ich das?“, sagte er und ich sah ihm an, dass er sich tatsächlich nicht mehr erinnerte. So wie ich mich nicht daran erinnerte, dem Schwulen im Hotelzimmer zum Abschied ein selbstgemixtes Tape und ein Foto geschenkt zu haben. Tja, vieles ist einseitig im Leben. All der Sex in meinem Leben war einseitig gewesen, die A-Seite war der Mann, die B-Seite war ich. Es ist halt nicht möglich, zwei Seiten auf einmal zu hören. Wenn es doch möglich wäre (wieder die Sache mit dem prove me wrong), würde ich womöglich nicht meine kräftigen Hände um meine eigene Wirbelsäule legen und drücken, bis es bricht.
Sex ist eine B-Seite! Masturbieren ist natürlich A-Seite, aber nur für mich. Die meisten sehen es genau anders herum. Die meisten verwechseln Ficken auch mit Selbstbefriedigung.
„Du hast dich ganz schön verändert.“, stammelte er und ließ seine Blicke auf meinem Äußeren Grasen, wie eine Horde manischer BSE-Rinder.
Ich verstand das nicht. Ich war zu jung. Kann es erst heute kapieren. Mann, der Typ war dauernd da, genauso gut konnte man dem Gras nicht beim Wachsen zuschauen, das über jedes Grab wuchert. So schnell veränderte ich mich nun auch wieder nicht … Zeitraffer-Gaffer! Elender (?)
Oder wollte er womöglich auf etwas anderes hinaus … Ich sah, wie sich etwas an seiner Miene, seiner Kohlmine, veränderte. Man hörte die Plastikrädchen, die eingerostet gewesen waren (Hä? Plastik kann nicht rosten … Sprach der Mann aus dem Osten. Und enttarnte sich damit als Vollpfosten) und die Synapsen knackten ( hä? Sprach die Biologin mit der Gemeinschaftscola in der Linken, das geht geräuschlos, Marit ihr Name, verzogen, die Dame), man sah förmlich, wie die eine Gehirnhälfte sich aufblähte zu einem Gedanken, wie ein Luftballon, der irgendwann platzen würde im Kopf, worauf der Furz durch den Mund, verbalisiert, an meine kleinen Kinderohren dringen würde.
„Du, ich kann dir einen Neuen schenken. Einen richtig Schönen. Teuer!“
Ich roch das Leder der Hexe. Ich, die Schneekönigin, erwachte aus meinem Kinderalptraum.
„Doch dafür musst du lieb zu mir sein!“, sagte er.
„Ja?“
Er setzte sich unerlaubt auf mein Bett. Es bog sich durch. Die metallischen Spiralen knackten wie zertretenes Playmobil. Und mein Kuscheltier fiel vom Bett auf den Boden. Das Kuscheltier, Symbol meiner Kindheit … Ich hätte den Satz nicht schreiben müssen, aber ich will diesmal verstanden werden. Also ausformulieren, auch wenn ich manche damit langweilen sollte.
Beflügelt von dem Wunsch, einen neuen Kassettenrekorder zu bekommen, setzte ich mich neben ihn. Er nahm meine Hand in seine riesige Pranke, die größer war als die Hand Gottes (die verletzt), riesiger, weil existent, nicht bloße Metapher. Es waren schmutzige Wurstfinger-artige Extremitäten, Wernerfinger, wie man sie in manchen Restaurants mit Ketchup und Curry serviert bekam, mein kleines Händchen verschwand in dieser Hand. Mir fielen gelbe Fingernägel auf, eklige Postfarbe. Pissfarbe. Derzeit Modefarbe.
So saßen wir da für eine Ewigkeit. In diesem Moment weiß man, sie AleX sich sein Leben lang fühlt. Gefangen zwischen Gestern, respektive eben und gleich, beziehungsunfähigerweise morgen. Für eine Ewigkeit. Dies ist das, was man Gegenwart nennt, ein seltener zustand, den die wenigsten kennen. Die meisten kennen nur gestern oder morgen oder beides. „Jetzt“ kennen vielleicht Vergewaltigungsopfer, Selbstmörder, Autounfallüberlebende oder auch (Lebens-)Künstler.
„Ich möchte, dass du meine Hand, auf meine Jeans legst.“, sagte er, in einem Ton, den man nicht erwartet hatte. Es war nicht die Stimme eines Erwachsenen, selbst meine Kinderstimme klang nun älter. Und die folgende Tat machte mich auf eine gewisse Art zu einer Hure. Aber ich tat es. In meinem kindlichen Verstand war es nichts Schlimmes. Es fühlte sich weder schmutzig an, noch fühlte ich mich missbraucht. Erst Jahre später, als ich mich daran zurückerinnerte … ich hatte diesen Abend lange Jahre vergessen … er war irgendwann später, als der neue Kassettenrekorder in meinen Händen war, überschattet worden, verdrängt worden. Ich wusste nicht, was ich da tat, ich machte es einfach, das ist Gegenwart, machen, dabei bleibt keine Zeit, um an gestern oder morgen zu denken, man ist mit dem Machen beschäftigt.
Ich saß mit dem neuen blinkenden und blitzenden Kassettenrekorder (inklusive CD-Fach) in meinem Zimmer. Den Alten hatte ich aufgebrochen. Das Tape hatte ich mit einem Bleistift, den ich in das rostige Rädchen stopfte (wo das Magnetband drum gewickelt wurde), wieder aufgerollt. Ganz sachte und vorsichtig, wie ein liebevoller Mann beim ersten Mal, und den Riss hatte ich mit Tesaband geklebt.
Und nun war es mir möglich, die andere Seite der Schneekönigin zu hören. All die tausend und dreizehn Enden, die damals noch in meinem Kopf waren, nicht wie heute, wo sie verschollen, wo ich sie doch niemals aufschrieb, waren magischer gewesen, als das triviale Ende der Kassette auf der fehlenden Seite der Schneekönigin. Dies war eine Allegorie für das traurige Ende meiner traurigen Kindheit. Die schrecklich dumme B-Seite läutete für mich die Hölle ein, in der ich seither irre.

Der Mann kam nicht mehr. Er war nur noch das eine Mal gekommen, um sein Versprechen einzuhalten, das machte ihn auch auf eine Art edel, womöglich edler, als mein Vater je war, der noch immer Männer nach der Arbeit mit nach Hause brachte, die seine Witze nicht hören wollten, nur sein Bett teilten. Ich tat es ihm nun gleich. Mein Aussehen machte es kinderleicht. Ich treib durch die Betten wie das Mädchen im Lied von AleX Page durch die Luft wirbelte. AleX sang darin von einem Mädchen, das angestachelt von Werbespots, Filmen und dem gängigen Ideal, aufhörte zu essen. Es ging ganz leicht. Sie musste nun nicht einmal mehr kotzen. Und sie wurde immer leichter, unscheinbarer. Sie wurde so dünn wie Papier, fast zweidimensional. Und eines Tages wurde sie vom Winde erfasst, wie eine Feder… Sie schwebte endlich durch die Luft, nichts kommt dem Gefühl von Fliegen gleich. Wie ein Drachen flog sie gefährlich nah an Strommasten vorbei, sang AleX, aber ohne Schnurr, daher verfing sie sich auch nicht. Über den kaputten Antennen und Satellitenschüsseln schwebte sie, die Zoes zurückgebliebener Freund Nox so gerne demolierte auf dem Dach. Sie schwebte aus der Stadt und hinein in die Wälder, wo keine Menschen lebten.

Dann ging es irgendwann wie auf einer steilen Rutsche los (steil reimt sich auf geil), tausend und dreizehn Männer. Alles mischte sich in Erinnerungen, nichts blieb erhalten. Ich griff jeden Abend um meine Taille und war versucht zuzudrücken. Nie würde ich A und B Seite gleichzeitig hören können … Ich beschloss den finalen Schritt zu tun, ohne die Schublade mit der Bibel anzurühren. Dann kam der Roomservice-Kerl hinein. Ich erkannte ihn nicht. Er erkannte mich. Und lächelte … (lange Haare, aus dem Grund, damit sein schüchternes, respektive hässliches Gesicht zu kaschieren, wie durch einen Vorhang)
„Nie kann man geben und erhalten in selben Augenblick! Nie kann man ein und ausatmen im selben Moment“, faselte ich im Wahn, ohne ihn anzuschauen.
„Pah. Blödsinn!“, lachte er mich schnippisch, ja, lasziv und irgendwie feminin an und zog an seiner Kippe und atmete gleichzeitig aus und vice versa.
„Habe ich von einem Typen gelernt, der so ein komisches Blasrohr-Instrument spielte. Ist ganz leicht, wenn man es erstmal gelernt hat. So leicht wie sagen wir mal Malefiz zu spielen…“
Ich riss die Schublade raus und beschmiss den Typ mit der roten Mütze mit der Bibel.
„Er hat dir nie danken können, für deine Musik und dein Foto. Das hat er lange mit sich rumgeschleppt und irgendwann hat er dann Schluss gemacht mit mir. Es brach mir das Herz. Er sagte mir einen Satz, den ich dir sagen wollte, falls du jemals in dieses Hotel zurückkommen solltest. Nun ist der Moment dafür.“
Ich brachte keinen Ton mehr raus.
„Es ist möglich A und B Seite gleichzeitig zu hören. Kinderleicht wie Malefiz-Spielen, Man dupliziert das Tape und spielt beides zur selben Zeit ab!“
Dann erhob der Portier sich und verließ grinsend den Raum, schloss die Tür hinter sich und ließ mich mit meinen Gedanken allein. Das sollte es nun also sein! Na – fein …

feedback erwünscht.

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My madness keeps me sane.

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Rainer
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hallo christopher müller,

deinen text finde ich inhaltlich richtig gut.
ein ozean an unterdrückten gefühlen bei deiner prot, hinabgerissen und vermengt im strudel des lebens und ihrer sicht auf das leben.
der schluss ist überwältigend: obwohl ich immer drauf und dran war ein solches finale als das einzig logische und nachvollziehbare (bei DEM leben und DER psyche deiner prot) zu erwarten, so hast du doch so geschickt auf der klaviatur meiner gefühle gespielt, dass ich ihn, als er herannahte, nicht mehr wahrhaben wollte.
vielleicht wirft dir auch jemand klischeebedienung vor; ich schließe mich aber da nicht an.

es hat spass gemacht deinen text zu lesen. vor allem einige kluge gedanken, die offensichtlich nichts mit der geschichte zu tun haben, aber vieles über die gesellschaft im ausgehenden 20. und beginnenden 21 jahrhundert reflektieren, werden mir in erinnerung bleiben; ich werde mir den text wohl als e-book herunterladen und meiner sammlung einverleiben .

einige anmerkungen:
auch wenn es vielleicht als stilmittel eingesetzt wurde, so würde ich doch etwas vom blocksatz abweichen und ein paar mehr absätze einfügen. das würde den text einfach leichter lesbar machen, udn vielleicht mehr leute dazu bewegen, das erste kapitel zu überstehen. im zweiten finde ich deine aufteilung schon recht gelungen.

ein klitzekleiner, unbedeutender vertipper ist mir in erinnerung geblieben:
"In diesem Moment weiß man, sie AleX sich sein Leben lang fühlt."

viele grüße + bitte mehr solche texte

rainer


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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Dominik Klama
???
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Na fein! Jetzt mal allein verglichen mit dem Rahmen des Üblichen, was ich sonst so zu lesen bekomme innerhalb der Leselupe, da kommt mir dieser Christopher Müller schon wie ein Lichtblick vor. Sollten seine übrigen drei Werke, die ich nicht kenne, von ähnlicher Machart sein, dann ist schade, dass er vor drei Jahren (und nachdem er drei Jahre dabei gewesen ist) sein Mitwirken an der Leselupe wohl wieder eingestellt hat. Einfach, weil das mal was anderes ist, nicht so das Gängige, was sonst alle machen.

Allerdings sage ich auch sofort, dass ich, wenn der immer in dieser Art schreibt, nach vielleicht fünfzig Seiten ein Buch dieses Autor in die Ecke pfeffern würde und danach nie wieder eines anrühren würde, im Leben nicht. Warum? Weil ich denke, dass sich hier jemand allzu arg im Monologisieren gefällt. Jemand, der irgendwo, an x-beliebiger Stelle anfangen kann zu schreiben und dann immer weiter schreibt, prinzipiell endlos, von einer Assoziation zur nächsten, von einer kulturkritischen Sottise zur nächsten. Bis ich als Leser irgendwann aufstöhne, frage: „Na und? Um was geht’s hier eigentlich? Was passiert denn in dem Buch?“ Und befinde: „Na, es geht ja immer nur um ihn, immer nur um diese eine Person, die sich selber versichert, wie anders als alle anderen sie doch sei, von welch blitzendem Verstand und welchem Imaginationsreichtum. So brillant und so einsam und verlassen in der Welt, die ja sonst nur unbrillante Trampeltiere bevölkern!“ Aber, entweder hat er Unrecht und ich bin auch so ein Sensibler, so ein Lebenskünstler, so ein Unangepasster, so ein Suchender wie er. Dann könnte er ja mit mir sprechen, dann müssten wir uns was zu sagen haben. Aber dann würden wir uns doch nicht ständig vorbeten, wie genial ausgefallen wir sind, wie dämlich der Rest der Menschheit. Das gäbe uns nichts mehr, wär nur langweilig. Oder aber, er hat Recht. Und ich bin auch so ein Nicht-im-Jetzt-Lebender wie alle anderen. Dann kapiere ich ihn aber nicht. Dann hat es keinen Wert, wenn er mich über irgendwas belehrt, zum Beispiel über das Ekelerregende von McDonald’s und dessen Clown oder die Unfähigkeit der Männerwelt, uneitle Sexualität zu erleben. Wenn es so wäre, dann würde ich auf Abwehr schalten und nichts von dem, was er zu sagen hat, an mich ranlassen, dabei meinen, ich würde es besser wissen und er sei ein Narr. Er aber würde es besser wissen, nämlich dass der Narr ich bin. Und Texte zwischen uns bräuchten keine mehr gewechselt zu werden, da unverständlich.

Wenn er aber mal abrücken würde von diesem Behauptungsgestus, wenn er mir irgendwas von den 1000 Sachen, die aufblitzen und verzischen in dieser Prosakaskade, einfach mal richtig erzählen würde, einfach so, ohne es gleich irgendwie einzuordnen und zu bewerten, wenn er mir die Chance lassen würde, etwas, was er gesehen hat, mit meinen eigenen Augen zu sehen, mir die Freiheit lassen würde, es dann womöglich ganz anders als er zu sehen und zu werten, die Chance, ein Leser sein zu können, der sich sein eigenes Werk zusammenbaut aus einem Texthaufen, den irgendein unbekannter Verfasser ihm vor die Füße gekippt hat, dann würde ich vielleicht irgendwas sehen und entdecken und verstehen und lernen, was vorher nicht da war bei mir.

Mal als Beispiel: Die Erzählerin, damals wohl noch ein ziemlich junges Ding, befindet sich mit einem Mann in einem Hotelzimmer, den sie sich als Liebhaber vorstellen könnte. Geht aber nicht, weil der Mann schwul ist und einen Fetisch hat, den sie ihm nicht bieten kann (und den er verschweigt), also spielen sie Malefiz. Ein Hotelboy mit einem roten Käppi taucht auf, sie spielen Malefiz zu dritt. Auch das ist schön für das Mädchen, muss aber leider enden, weil die beiden Männer ihrerseits nun ein sexuelles Paar bilden wollen. Da hätte ich nun gerne mal erzählt bekommen, wodurch der Schwule sich in den Augen des Mädchens zum potentiellen Liebhaber gemacht hat. Was war dessen Versprechen? Ich meine nicht, was er gesagt hat, sondern was er ausgestrahlt hat, welche Saite er in der jungen Frau zum Klingen gebracht hat. Ich finde das nicht in dem Text. Und welche Saite hat er denn dann in dem Hotelboy zum Klingen gebracht? Oder ganz simpel: Wie sahen diese beiden überhaupt aus, doch bestimmt nicht gleich! Und wie ging das dann vor sich, wie haben die das ausgeknobelt, dass sie jetzt lieber Sex machen als Malefiz spielen und dass das Mädchen somit überflüssig sei? Wann hat sie gemerkt, dass das lief, wie hat sie das gemerkt? Was hat sie dabei empfunden?

Solche Sachen versenken Erzähler in ihre Texte und zwar so, dass wir Leser sie entschlüsseln können. Das vermisse ich bei Christopher Müller. Heißt, ich will nicht von ihm hingeschrieben bekommen, das Balzverhalten schwuler Männer sei im Vergleich zum Balzverhalten heterosexuelle ja Folgendes, und ihr Empfinden beim sexuellen Akt sei ja genau so wie Dings bei den „Normalen“, bzw. glücklicherweise oder leider so und so anders. Dieses Überfliegerische, dieses Allwissende, Allerklärende. Das will ich nicht. Ich will ganz einfach nur die Figuren vor meinem inneren Auge dastehen sehen wie aus Fleisch und Blut. Will sie sprechen hören, will sie denken hören (nicht immer nur diese Erzählerstimme!), will sie agieren sehen untereinander, nicht immer nur allein unter der Glasglocke der Schneekönigin. Ich will mich einfach auch unterhalten, indem ich eine Action verfolge, die ich sonst nicht kenne: Schwuler verführt kleinen Hoteldiener, der eigentlich gar nicht darf, weil er im Dienst ist, der zumindest jederzeit zu diesem Dienst zurückgerufen werden könnte.

Übrigens würde für mich nebenbei dann auch die Erklärung abfallen, auf die ich sehr gespannt bin, was das für ein merkwürdiger Fetisch ist, den die junge Frau so gar nicht zu bieten hat. Ich kannte mal einen jungen Schwulen, der war außergewöhnlich dick und wollte Sex und auch Liebe immer nur von Männern, die mindestens genauso dick, lieber noch mehr, waren wie er. Er war vielleicht 23 Jahre alt, seine Partner sollten aber immer mindestens 50 sein. Sonst ging das bei ihm einfach nicht. Die waren dann immer zu jung, er kriegte dann keinen hoch. Also, das wäre mal ein Fetisch-Beispiel. Meinem Bekannten hätte hier die Erzählerin mit nichts dienlich sein können, sie war das genaue Gegenteil von dem, was er brauchte. Hier aber haben wir einen Mann, der einen Hotelboy so scharf findet, dass er ihm zuliebe einen netten Abend mit einem interessanten Mädchen wegwirft. Ich nehme mir jetzt heraus, den Hotelboy mir wie Felix Krull zu denken: Er ist noch keine 25, eher um einiges jünger, er ist nicht besonders groß, sehr schlank, zierlich, feingliedrig, hat ein enorm niedliches, jungenhaftes, bartloses Gesicht. Was er nicht hat, sind „typische“ Männeraccessoires wie breite Schultern, starke Muskeln, kratzige Barthaare, Brusthaare, ewige Jeans am Leib. Ein Schwuler, der so einen Fetisch hat, und ich kenne so einen, der wird ja nun nicht zu einem jungen Mädchen, von dem es nirgendwo hieß, sie sei fettleibig, habe einen Atombusen oder eine Warze auf der Nasenspitze, sagen: „Ich brauch was ganz Spezielles, was du mir nicht geben kannst.“ Gibt ja Leute, die wollen mit Sicherheitsschuhen ins Gekröse getreten werden. Aber die fliegen nicht auf Hotelboys.

Ich werde die Vermutung nicht los, dass in diesem Text ganz viele verschiedene Rocksongs oder Filme oder so etwas verpackt sind. Spätestens als der Hotelangestellte auch noch in Rot gekleidet wird, was er anfangs nicht war, was nicht erwähnt wurde, klingelt’s bei mir, ich höre „Bell Boy!“ rufen und bin in „Quadrophenia“ von The Who (bzw. dessen Verfilmung). Kann mir aber auch vorstellen, dass ich als alter Sack hier halt wieder an was aus meiner Jugend in den Siebzigern denke, während der Autor, als Jüngerer, einen ganz anderen Song oder Comic oder so im Sinn hat. Ist aber egal. Ist ganz egal, welche und wie viele Vorlagenverweise er ins Geschichtlein gepuzzelt hat. Ich mache das manchmal auch bei meinen Sachen. Bin aber der Ansicht, dass es nichts weiter als Spielerei ist. Eine Erzählung kann unmöglich davon leben, dass sie massiert Momente einbaut, mit denen an andere Texte, Gedichte, Lieder oder dergleichen erinnert wird. Deshalb ist auch völlig egal, ob der Leser solche Anspielungen begreift. Was es ist, es ist nur ein Surplus für den Kundigen, ein Blinzeln von Eingeweihtem zu Eingeweihtem. Mit der Frage, ob der Text taugt oder nichts, hat es das Geringste nicht zu tun.

Auch dieser Rocker AleX Page dürfte so ein Verweis sein. (Ich kann ihn nicht entschlüsseln.) Aber was tut der hier? Warum muss der in den Text hinein? Ich verstehe das nicht. Bei mir kommt einzig an: Ich, Christopher Müller, kenne da was oder wen, was ihr, Leser, nicht kennt. Und ich habe über das, was ich da kenne, eine Ansicht. Nun gut, mag er doch haben, mir wurschtegal. Eine Bedeutung für die Geschichte hätte dieser AleX erst, wenn mir Unwissendem genauer erklärt würde, was er verkörpert, welches Lebensprinzip, und wie das die Person der Protagonistin spiegelt und dann auch beeinflusst.

Es wimmelt im Text nur so von Fäden, die zu nichts führen, die lose nur vorbeifliegen. Das ist eben dieses: „Ich weiß immer noch was andres, mir fällt jetzt grade immer noch was ein, womit du, Leser, im Traum nicht gerechnet hättest.“ Dieses ewige Was-bin-ich-doch-für-ein-Wissender, mit dem Christopher mir auf den Keks geht. Statt dass er eine einzige, eine ganz kleine, gar nicht wichtige Sache einmal nur richtig, genau, zu Ende erzählen würde.

„Heute macht ein Mann das oft, um Frauen zu gefallen, um sich äußerlich feminin zu geben, wobei die feminine Maske meist in dem Moment fällt, wo er sie rumgekriegt hat, mit oder ohne Alkohol, mit oder ohne Kitschmusik, mit oder ohne Kondom. In dem Moment, wo er den Hosenschlitz aufstreift, oder in letzten Jahren den Rock hochzieht, was zum Ficken noch praktischer ist, daher haben ja auch Männer im Mittelalter Röcke getragen, eine verklärte Zeit, die in meinen Augen aber um einiges ehrlicher war als die heutige.“

Hier geht’s um männliche heterosexuelle Langhaarträger, bzw. manchmal wohl auch Pferdeschwanzträger. Unser Autor, bzw. seine Erzählerin, weiß also ganz genau, was Langhaarige sich so denken in Bezug des Langhaareinsatzes beim Balzverhalten. Er weiß auch, dass es immer eine Maskerade, ein billiger Trick ist, Langhaarige tun nur so feminin, um nachher umso mehr Macho sein zu können. Der (oder die) weiß allerhand Sachen, die ich nie wusste. Woher weiß sie das alles nur - und schon in so jungem Lebensalter? Aber: Mich interessiert gar nicht, was er oder sie weiß. Erzähl mir eine einzige Gesichte von so einem Typen, der zufällig rausgefunden hat, dass Weiberaufreißen besser flutscht, wenn man langhaarig ist, erzähl, wie das abläuft, ich bin dabei. Aber so... Er springt aufs nächste Stöckchen, das Mittelalter (und dann Monty Python und die Holzfäller und so). Was soll das? Ich brauch hier kein Mittealter, ich brauch keine Python-Holzfäller.

Was ich dagegen mache, wenn ich so eine Person geliefert bekomme, die für den Erzählstrang kaum von Bedeutung ist, ich schweife ab in meine eigene Erfahrungswelt, ich denke mir etwas (und amüsiere mich dabei), was der Autor gar nicht wissen kann und also auch nicht wollen konnte, dass ich das denke. Womit ich aber zeige, dass ich als Leser ein eigenes Werk aus seinem machen kann. Nämlich: Kreuzt in meiner eigenen kleinen schwulen Welt so ein Langhaariger oder (besser noch – und öfter der Fall, wirklich) Pferdeschwänziger auf, so ein sensibel Tuender, so ein das Weibliche in sich Zulassender und Schätzender, dann gehe ich, einfach auf Grund der Erfahrungen, die ich bisher gesammelt habe, davon aus, dass der nicht nur ziemlich schlank ist (wie man dann ja schnell sieht und wie sie in der Regel sind), dass der sich – natürlich! – als Bisexueller versteht (also nicht als Schwuler etwa), dass er kaum Haare am Leib haben wird und dass er sich beim Sex gerne unter mich legen möchte. Und das freut mich dann immer, weil das passt halt. Also, die Frauen mögen sie meinetwegen verarschen, diese sensiblen Langhaarigen, aber mich alternden schwulen Fleischklops machen die manchmal sehr zufrieden; ich hab sie richtig gern.

„Ich spiele mit meiner Zunge gekonnt mit seiner Brustwarze, wenn ich gemein bin, sauge ich sogar daran. Ich habe nur wenige Männer gekannt, die das nicht furchtbar unangenehm fanden, wenn ich es auf meine Art machte.“

Wäre ja fantastisch, wenn es denn wahr wäre: Dass ein heterosexueller Mann sich vorstellen kann, wie eine heterosexuelle Frau Männer beim Sex erlebt. Eine ganze Anzahl davon, ein statistisch relevantes Quantum. Nur, das statistische Quantum, was ich beim Sex erlebt habe, das hatte überhaupt nichts dagegen, an den Brustwarzen geleckt und gesaugt zu werden. Gut, es war gewiss in keinem einzigen Fall der Punkt, an dem sie vor Leidenschaft auszurasten begannen, aber unangenehm war’s ihnen nicht. Weiß natürlich nicht, was diese Schneekönigin für komische Zähne oder für ekligen Speichel hat. „Meine Art“, kann man sich ja allerhand vorstellen... Aber, na ja, mit Leuten, die beim Sex oft und absichtlich mit ihren Partnern genau das veranstalten, was denen „furchtbar unangenehm“ ist, identifiziere ich mich als Leser schon mal überhaupt nicht. Also nicht mit dieser Frau hier. Aber das sollte ich wohl auch nicht, war wohl geplant so.

„Was mich ankotzte: Der Autor schrieb nicht von Liebe. Es war eindeutig ordinäres Ficken, was er beschreiben wollte. Aber seine Art zu schreiben war die eines Schmeichlers, eines Mannes, der zu lieben wusste. Der zärtlich war.“

Ach, er schreibt ja so viel. Und wie alles andere auch das nicht detailliert genug, dass man es als unverständiger Leser kapieren könnte. Einerseits mokiert die Erzählerin sich darüber, wenn Autoren in erotischen Texten eine verhüllende Sprache benutzen. Auch liest sie explizite Bettszenen gern, zumindest im Falle dieses einen, dem Vater entwendeten Buches. Dann aber wirft sie dem Schreiber vor, bei ihm würde „ordinär“ gefickt, statt geliebt. Sagt uns aber eigentlich ja niemals, was denn dieses schönere Lieben wohl wäre, wie sie das versteht. Sagt aber zugleich schon wieder, der Buchautor, jener Verdruckste, Lüsterne, Voyeuristische, Ficksüchtige sei 1) zärtlich gewesen und habe 2) das Lieben verstanden. Also, ich komm da nicht mehr mit. (Ich persönlich glaube ja, dass Sex und Liebe zwar ziemlich zweierlei ist, dass aber, dennoch, guter Sex, also guter, ja?, immer auch „eine Form von Liebe“ enthält. Nicht die ganze Liebe, aber: eine Form von. Nun gut, mag meine Privatmythologie zur eigenen Lebenspraxisrationalisierung sein - und nicht mehr.)

„Ich trank einmal als kleines Mädchen ein ganzes Glas dieser Bracke, ein hilfloser Versuch, Aufmerksamkeit von meinem Vater zu erlangen, die ich erhielt, aber in Form von Gelächter, als ich nachtlang kotzte.“
„Die aufhörten zu lügen, verführen, bescheißen, täuschen, heucheln und missbrauchen, alles Verben, ohne die menschliches Leben nicht möglich ist.“

Yep. Darum geht’s in dem Ding natürlich von vorne bis hinten. Da ist eine Person, die ist so anders als alle anderen, muss sie sein, weil sie so brillant ist („Deprimierend, immer Recht zu haben. Ich warte seit Jahrzehnten auf ein Wesen, das mir Paroli bieten kann“), dass sie unabwendbar eine Person ohne Liebe sein muss. Aber: Sie liebt niemanden, weil sie alle durchschaut. Und niemand liebt sie. Und dennoch will sie immer noch geliebt werden. Und wird es nicht. Tja, wie ich schon sagte: Das wiederholt sich, wenn ich den Text lese. Ich liebe ihn auch nicht. Ich bewundere ihn zum Teil, weil er so energisch eigene Wege geht, aber lieben tu ich ihn nicht. Hingegen ist das nicht immer so. Andere Texte liebe ich. Sehr sogar. (Wenn auch nicht in der Leselupe, haha.)

„Nirgends auf der Welt ist man einsamer als in Hotelzimmern. Daher die Pornokanäle.“

Gut, wenn wir schon mal in einem Text sind, wo ständig über irgendwelche Songs assoziiert wird. Nena sirente los in meinen Kopf: „Nichts auf dieser Welt ist schlimmer als ein leeres Hotelzimmer mitten in der Nacht.“ Was ich hier bringe als Exempel dafür, dass der so hellsichtigen Erzählerin manchmal auch nicht mehr einfällt als den Schlagertextern vor dreißig Jahren. Den Nena-Song mag ich übrigens, ist klasse! Aber die McDonald’s-Schelte! Das kenn ich von „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ anno circa 1977. Die Kinder und die Prolls mögen es nun mal, also was soll’s? McDonald’s, ist doch scheißegal, sollen sie ihren Reibach machen. McDonald’s-Schelte höre ich immer von meinen sechzigjährigen, gut verdienenden (Ärzte, Redakteure) Bekanntschaften... Will Müller tatsächlich rein in den Club?

Was mich auch sehr umtrieb bei der Lektüre, war die Frage, warum muss das eigentlich eine junge Frau sein, die mir das erzählt? Damit es jemand ist, der was über Männer sagen kann? Nämlich viel Negatives... Ja, könnte der Grund sein. Aber dennoch, warum kann mir das nicht einfach jener Christopher Müller erzählen, den ich mit Schlapphut und Vollbart auf dem Autorenprofil sehen kann? Ich finde nämlich, wenn schon Frau, dann müsste die weibliche Art dieser Figur mehr erfasst sein und vorkommen. Das fiel mir gleich beim Einsteigen in den Text schon auf:

„Ich trage ein Feuerzeug mit mir rum, obwohl ich nicht rauche. Fremden zünde ich gerne Kippen an. Ich hab meins immer schneller zur Hand, vor allem in dunklen Räumen wie Diskotheken oder leer stehenden Grüften.“

Das ist ungewöhnlich. Ich kenne eine ganze Menge Schwuler, die, obwohl sie nicht rauchen, immer ein Feuerzeug dabei haben, manche sogar Zigaretten, weil der Einstieg zur Anmache so oft über Feuergeben oder Zigarettenschnorren läuft. Aber Frauen? Frauen gucken doch immer, wenn sie nachts allein irgendwo zur Haltestelle gehen und man zufällig auch da grade geht, so extrem geradeaus und weg von einem, gehen immer so zügig, dass überhaupt kaum einer je die Chance kriegt, sie um Feuer anzusprechen. (Sie werden schon wissen, warum sie das machen, denke ich.) Hier das genaue Gegenteil. Wird aber bald erklärt:

„Ich hege Kleinmädchenträume, dass irgendwann ein Mann kommt, mich mitnimmt, ein Entführer, der mich womöglich in Plastikfolie einwickelt und in einem See versenkt.“

Ist natürlich der blanke Quatsch. Sind Mädchenalbträume, nicht Träume. Aber an der Stelle, muss ich schon sagen: Alle Achtung! Da hattest du einen Einfall, den nicht alle haben. Da fesselst du das Leserinteresse. Da, und das ist ganz am Anfang, kriegst du den Leser an die Angel und er will wissen, wie das jetzt kommt, wenn dieses kleine Mädchen ihren Mr. Goodbar trifft. Wenn nur alles so wäre!

Erst einmal kommt aber solches:
„Ein Kuscheltier behielt ich. Mittlerweile ist es grau, an vielen Stellen aufgerissen, wie meine alte Kleidung, die keiner flickt.“
„Natürlich habe ich auch eine starke weibliche Seite. Als junges Mädchen, war meine maskuline Seite noch nicht sehr ausgeprägt, erst mit den Jahren überschattete sie alles.“

Das Mädchen, das uns stolz berichtet, nein, Puppen habe sie nie gehabt, so feminin sei sie nicht, ist aber eines, dass Teddys hatte und einen davon fürs Leben aufbewahrt. (Teddys sind übrigens enorm beliebt bei vielen Schwulen, die heben sie auch das ganze Leben auf.) Wenn ihre maskuline Seite aber wirklich so sehr ausgeprägt wäre, dann würde ich sie gar kein Kuscheltier aufbewahren lassen, dann hätte sie Kuscheltiere am besten schon mit sechs gehasst. Und wenn sie ein Mädchen wäre, kein Mann wie Christopher (Winnie-the-Pooh ist übrigens wirklich ein schönes Buch, das stimmt), dann würde sie ihre alte Kleidung selber flicken, doch, das würde sie tun. Und wo zum Teufel darf ich dem Text von nun ab entnehmen, dass ihre maskuline Seite alles überschattet? Das sehe ich nicht. Ich sehe nur, dass sie maskulin genug ist, das zu denken und zu fühlen, was der Autor-Mann denkt und fühlt.

„Ich folgte ihm zu den Jungen, die dort anschafften, was ich erst später kapieren sollte. Sie waren teils sogar noch jünger als ich.“

Ja, ja. Echt, ich fordere, dass die nächsten zweihundert Werke literarischer oder filmischer Provenienz, in welchen männliche Pädophile einen Auftritt haben, ausschließlich von Pädophilen abgeliefert werden müssen! Ist mein voller Ernst, würde uns allen sehr gut tun. Nachdem ja nun schon zwei Millionen siebenhundertsiebenundzwanzigtausendundachtundneuzig solcher Werke von Leuten geliefert wurden, die Pädophilie zwar ungeheuer schrecklich finden, darüber aber rein gar nichts wissen, denke ich, werden wir diese zweihundert schändlichen Schönschreibereien auch noch aushalten. Und danach kommen mit Publizieren dann ja wieder die Üblichen dran, müssen sich nur zwischendrin kurz ein wenig gedulden.

Also. Der Vater ist schwul. Er sitzt im Wohnzimmer mit Männerkameraden und säuft sich einen an und schwingt dumme Sprüche. (Warum ist der Vater eigentlich schwul, würde ich nun wieder fragen. Was fügt dieser, sein besonderer Zug der Geschichte hinzu?) Dann verkehrt er mit den warmen Brüdern, nämlich rein sexuell, bloßes Ficken, keinerlei Liebe. („Ich fand schlimm, dass er nur dem Trieb folgte, nie einen Partner emotional an sich ran ließ.“ Und ich fand schlimm, dass er das nur behauptet hat, mir mit keinerlei erzählerischem Kniff gezeigt hat, wie das so ist, wenn ein Mann nur Trieb und keine Emotionalität zulässt.) Dann ist er knallhart zu seinen Lovern. Die das anscheinend mögen bzw. brauchen. Hier kann ich beitragen, dass ich mal die, ähem, Lebensbeichte eines schwulen Mannes gelesen habe, der mittlerweile an Aids verstorben ist, er schrieb das Buch, um sich Rechenschaft über sein Leben abzulegen. Eines sogenannten Ledermannes; das sind die mit Lederhosen, teils frei hängenden Körperteilen, wenn einem der Sinn danach steht, Uniformmützen, Schnauzbärten, Motorrädern, ihr wisst schon... Dieser Mensch teilte mit, er habe früh im Leben festgestellt, dass er ein Talent hatte, besonders gefühllos und kratzbürstig und verachtungsvoll gegenüber den Menschen aufzutreten, mit denen er GV hatte. Es hätte sich dann gewiesen, dass eine gute Fee ihm ihre goldene Gabe in die Wiege gelegt hatte. Männer würden vor einem weglaufen, wenn man sie zärtlich liebe und würden an einem kleben, wenn man sie gemein behandele. Gut, also wollen wir das mal so glauben: Der Mann ist knallhart und wird darum verehrt von anderen Männern. Jetzt geht er auf den Strich, um sich weitere Sexpartner zu kaufen. Warum sollte er das tun? Ist teuer, nicht ganz ungefährlich und man wird im Allgemeinen schlecht bedient. Warum, wenn er sie auf genug andere Wege bekommen kann für seinen Trieb? Verstehe ich nicht.

Erklärung wird aber geliefert. Er tut das, weil er, dessen Tochter gerade, sag ich jetzt mal, fünfzehn oder siebzehn ist, Jungs dort kaufen kann, die jünger sind als diese Tochter. Aha. Das ist nichts weiter als Humbug! Knallharte Männer, die ständig mit anderen Männern(!) rummachen, die interessieren sich nicht die Bohne für Vierzehnjährige oder Zwölfjährige oder so. Das gibt’s einfach nicht. Eher gibt’s, dass solche Schwule solchen Pädophilen ins Gesicht spucken, weil sie sie verachten. Schriebest du mir das, ich würde es halbwegs sogar glauben. Männer, die mit zwölf- oder vierzehnjährigen Jungs machen, sind nicht knallhart. Sondern innerlich ihr ganzes Leben lang genauso Jungs von dem Alter, das sie gern haben. Oder glauben es wenigstens von sich. Sie sind nicht sadistisch, sie wollen niemanden vergewaltigen, sie wollen den Jungs nichts Böses tun, weil sie diese Jungs nämlich gern haben. Sie wollen allerdings Sex machen mit diesen Jungs, das ist wahr. Und du könntest dich dann eine Weile mit ihnen unterhalten und sie würden sich reichlich Mühe geben, dir zu erzählen, dass diese Jungs das auch wollen, dass die gerne Sex mit Männern machen wollen. Um was Gescheites dazu sagen zu können, müsste man sehr gut vertraut sein mit dem jeweiligen Einzelfall. Da ich das momentan nicht bin, sage ich weiter nichts dazu. Eins allerdings schon noch: Wie der knallharte Mann von vierzig, der sonst immer mit Männern von dreißig oder meinetwegen fünfundzwanzig macht, absolut nie was anfängt mit Vierzehnjährigen, so kann auch der, der Zwölfjährige sucht, nichts anfangen mit vierzigjährigen Jeans- oder Schnauzbartträgern. Ist nun mal so. Ich denke mir das nicht aus. Ich sehe das nur, wenn ich um mich schaue.

Noch was. Ich werfe dem Text ja vor, dass er alles Mögliche ankratzt, nichts aber zu Ende bringt. Von daher habe ich mich beim Lesen schon die ganze Zeit gefreut, weil ich mir sagte, du wirst sehen, diesen einen Faden, den er da zieht, diese Sache mit dem einen nicht schwulen Bekannten des Vaters, mit dem das Mädchen anscheinend mal was erlebt hat, was irgendwann möglicherweise noch erzählt werden wird in dieser Geschichte, die wird sich am Ende in Luft auflösen, da kommt nichts Richtiges mehr. Es kam aber doch, nämlich:

„Die folgende Tat machte mich auf eine gewisse Art zu einer Hure. Aber in meinem kindlichen Verstand war es nichts Schlimmes. Es fühlte sich weder schmutzig an, noch fühlte ich mich missbraucht. Erst Jahre später, als ich mich zurückerinnerte. Ich wusste nicht, was ich da tat, ich machte es einfach, das ist Gegenwart, machen, dabei bleibt keine Zeit, um an gestern oder morgen zu denken.“

Soll das jetzt alles erklären? Warum dieser Text so ist? Warum die Frau zweigespalten ist, warum die Liebe zwei Seiten hat, die sie nie zusammen kriegt? Weiß einfach nicht, ob er das jemals vorhatte. Aber falls ja, falls hier das Herz des Textes schlägt, falls alles auf das zuläuft und rückwirkend alles vorher davon erklärt wird, dann sage ich: Das ist einfach zu wenig davon. Da wird ein Missbrauchsthema, bzw. Thema: Spätfolgen sexuellen Missbrauchs, aufgebaut, was nachher verschenkt wird. Und daher bin ich so unverschämt und drehe das einfach mal um. Hier wird überhaupt keine Geschichte über Missbrauch und dessen Folgen geschrieben, es wird nur, wie so oft, wie viel, viel zu oft, dieses auf ein Leserinteresse durchaus stoßende Thema herbeigezerrt, um etwas ganz anderes zu rechtfertigen, was man vorhat. In diesen Fall eben: um einen Einsamkeits- & Menschheitsüberlegenheits-Monolog absondern zu können.

Mal angenommen, es wäre dem Autor wirklich ernst gewesen mit der zitierten Passage. Warum sagt er uns dann nicht, was das heißt: ein Mädchen wird „auf eine gewisse Art zu einer Hure“. Auf welche? Ach so, weil sie das Cassettendeck will, aber dieses Mannanfassen eigentlich nicht, aber mitmacht, um das Geschenk zu bekommen. Hm. Allerdings macht sie es nur ein einziges Mal. Und sie versteht es, sagt sie, nicht, sie erkennt das gar nicht als Sexuelles. Eine Hure, die es nur einmal macht und als Sexuelles nicht begreift, schöne Hure das.

Jahre später fühlt sie sich missbraucht. Also ist sie ein Opfer, sie hat einen Schaden erlitten. Und zwar einen bleibenden, da sie ihn überhaupt nach Jahren erst feststellen kann. So gesehen könnte dieses Erlebnis ihr Weltvertrauen in das Weltmisstrauen, was sie inzwischen hat („aufhören zu lügen, verführen, bescheißen, täuschen, heucheln, missbrauchen, Verben, ohne die menschliches Leben nicht möglich ist“), umgebrochen haben. Dann aber geht doch definitiv nicht, dass die Erzählerin hier schreibt, den Moment damals habe sie so erlebt, wie man das Leben erleben soll, wie es außer ihr aber fast keiner kann, nämlich als nur jetzt, nicht gestern, nicht morgen. Man kann ja wohl nicht behaupten, ein Missbrauchsopfer erlebe im selben Moment den brutalsten Knick seiner Lebensbahn wie auch den Augenblick höchster Seinserfüllung. Oder kann man?
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14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit Aufklärung Verteidiger: Es ist genug.

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Ofterdingen
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Hallo Christopher Müller,

Hübsch direkt und doch doppelbödig, schnoddrig, witzig, auf pathetische Weise unsentimental, oft haarscharf an Plattheiten vorbeischrammend, entwickelt dein Text anfangs eine enorme Anziehung, deren Saugkraft jedoch nach einiger Zeit deutlich nachlässt, spätestens wenn einem klar wird, dass da zwar wohl weiter fein an Formulierungen geschliffen werden, aber höchstwahrscheinlich nichts wirklich Neues mehr kommen wird.

Dominik Klama meint:

„Na, es geht ja immer nur um ihn, immer nur um diese eine Person, die sich selber versichert, wie anders als alle anderen sie doch sei, von welch blitzendem Verstand und welchem Imaginationsreichtum. So brillant und so einsam und verlassen in der Welt, die ja sonst nur unbrillante Trampeltiere bevölkern!“

Diese Einschätzung trifft genau ins Schwarze, doch kann ich an solch manischem Egotrip nichts wirklich Schlimmes finden. Mir scheint immerhin, dass derartige verbalen Rundumschläge zurzeit im Trend liegen, dass es dafür auf jeden Fall ein Publikum gibt. Frédéric Beigbeder hat das mit seinem `Roman´ „Der romantische Egoist“, einer ganz ähnlichen Veranstaltung, eindrucksvoll bewiesen.

Ein Tip: Vielleicht solltest du dir Beigbeder mal ansehen, vor allem auch seine leserfreundliche Textaufteilung. Ach ja, und an einigen Stellen könntest du einen Lektor brauchen, zum Beispiel hier: „Vieles meiner Wesenzüge, habe ich unbewusst von meinem Vater und seinen Arbeitskollegen übernommen.“

LG,

Ofterdingen

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