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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Psyche
Eingestellt am 18. 09. 2001 13:11


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

Werke: 25
Kommentare: 16
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AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN

Phantastische ErzÀhlung von Stefan Seifert




Mein Name ist Hieronymus Lotter. Ich lebe in einer Provinzstadt und besitze einen kleinen antiquarischen Buchladen unweit der UniversitĂ€t. Ich fĂŒhre ein ruhiges, allzu ruhiges Leben. Der Laden ernĂ€hrt mich schlecht und recht. Meine Kunden sind Studenten, die billige Exemplare ihrer Standardwerke suchen und Sonderlinge, die es lieben, stundenlang in alten Folianten zu blĂ€ttern.
In meiner Jugend hatte ich mir ein solches Leben sehnlich gewĂŒnscht, inmitten von BĂŒchern, fernab vom Getöse der Welt. Durch eine Reihe von gĂŒnstigen UmstĂ€nden war ich spĂ€ter in der Lage, mir diesen Traum zu verwirklichen. Nun kommt es mir vor, als wĂ€re ich in eine Falle geraten. Mein Leben verebbt allmĂ€hlich an diesem Ort, mit dem immer gleichen Ausblick auf die stille, enge Gasse, Tag fĂŒr Tag, Jahr fĂŒr Jahr. Manchmal denke ich, wen die Götter strafen wollen, dem erfĂŒllen sie seine innigsten WĂŒnsche.
Einer meiner Stammkunden der letzten Jahre war ein kleiner, weißhaariger Herr, der meinen Laden ein oder zweimal in der Woche aufsuchte und mich jedesmal in ein GesprĂ€ch ĂŒber seltene BĂŒcher, RaritĂ€ten und KuriositĂ€ten verwickelte. Er zeigte dabei ein ganz erstaunliches, detailreiches Wissen, ganz so, als habe er selber einst mit den Verfassern oder lĂ€ngst vermoderten Besitzern dieser Werke verkehrt. Er interessierte sich besonders fĂŒr alte BĂŒcher ĂŒber Chemie und Alchemie, sowie fĂŒr Literatur ĂŒber GeheimbĂŒnde wie die Freimaurer und die Rosenkreuzer. Ich konnte ihm beim AufspĂŒren und Beschaffen so manches seltenen Werkes behilflich sein, und da er von liebenswĂŒrdigem Wesen war, entstand zwischen uns ein vertrautes VerhĂ€ltnis, was bei mir eine Seltenheit ist, da ich von Natur aus eher verschlossen und eigenbrötlerisch bin.
Eines Tages erschien er in meinem Laden und sagte, daß er sich von mir verabschieden wolle, da er sich auf eine lĂ€ngere Reise begebe und wir uns wohl nicht wiedersehen wĂŒrden. Er habe etwas bei sich, was er nicht auf diese Reise mitnehmen könne, ein Manuskript mit der Lebensschilderung eines Freundes, der leider kĂŒrzlich verstorben wĂ€re. Da ich der einzige Mensch in dieser Stadt sei, mit dem er engeren Kontakt habe, zudem ein Freund und Kenner des geschriebenen Wortes, bitte er mich, dieses Manuskript an mich zu nehmen und aufzubewahren. Ich könne es auch gerne lesen und im ĂŒbrigen damit verfahren wie ich wolle. Er ĂŒbergab mir sodann eine Mappe, drĂŒckte mir die Hand und verließ meinen Laden. Ich sah ihn mit Bedauern gehen. Er war mein bester Kunde und zudem ein anregender GesprĂ€chspartner gewesen.
Da ich in meinem Laden ĂŒber Zeit und Muße im Überfluß verfĂŒge, öffnete ich bald die Mappe und besah mir ihren Inhalt. Er bestand aus mehreren Schreibheften, deren Seiten durchgehend mit einer klaren, fast kindlich zu nennenden Handschrift bedeckt waren. Ich begann zu lesen und je weiter ich dabei fortschritt, um so mehr ergriffen mich Erstaunen und Ratlosigkeit. Handelte es sich hier um die Erinnerungen eines hochbegabten und sensiblen Menschen oder um die wirren Phantasien eines zerrĂŒtteten Geistes? Ich konnte darĂŒber zu keinem eindeutigen Urteil kommen, es gab Argumente fĂŒr die eine wie fĂŒr die andere Annahme. Schließlich entschloß ich mich, das ganze ohne weiteren Kommentar der Öffentlichkeit zugĂ€nglich zu machen. Mögen Sie, lieber Leser, selber Ihr Urteil fĂ€llen. Meine Aufgabe ist erfĂŒllt und ich ziehe mich wieder in die Abgeschiedenheit meines Ladens zurĂŒck.
H.L.







Der Inhalt der Hefte, nur geringfĂŒgig bearbeitet und korrigiert


Meine Kindheit kann nicht anders als glĂŒcklich genannt werden. Wenn ich in all den dĂŒsteren Jahren der BedrĂ€ngnis, die mir seither zuteil wurden, nicht verzweifelte, so ist das nur jenem Licht zu danken, das mir von dorther leuchtete.
Mein Vater war ein hochangesehener Mann. Als begnadeter KĂŒnstler und Gelehrter bekleidete er ehrenvolle Ämter und verkehrte mit den Großen und MĂ€chtigen unseres vom Schicksal spĂ€ter so schwer gebeutelten Landes auf gleichem Fuße. Ihm wurden höchste Auszeichnungen zuteil. Dabei war er zu jedermann, ob Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen, Dienstboten oder gekrönte HĂ€upter, gleichermaßen freundlich und anteilnehmend. Er achtete jedes Wesen gleich und respektierte es in seiner Art, ob es nun ein Minister war oder ein Straßenköter.
Auch meine Mutter war von freundlichem Wesen, dabei aber stolz, energisch und mit einem Sinn fĂŒr die RealitĂ€t. Mein Vater unternahm nichts, ohne zuvor ihren Rat und ihr EinverstĂ€ndnis eingeholt zu haben. Sie steuerte die Geschicke unserer Familie, war deren eigentliches Oberhaupt, ihr praktischer Verstand und Mittelpunkt.
Es gab noch verschiedene Dienstboten im Kosmos meiner Kindheit: die Köchin Theodora, den Kutscher Timofej, den GĂ€rtner und Hausmeister Wadim, Gouvernanten und DienstmĂ€dchen. Sie gehörten mit dazu. Sie trösteten mich, wenn ich Kummer hatte, erzĂ€hlten mir seltsame Geschichten aus einer fremden Welt und einer fernen Zeit und sangen mich in den Schlaf. Ich neckte sie, spielte ihnen Streiche und schloß sie in meine Gebete ein.
Ich ging in keine Schule, sondern die Lehrer kamen zu uns ins Haus. Es war ihnen eine Ehre. Einige waren Kollegen meines Vaters, wenn auch in untergeordneten Positionen. Sie behandelten mich mit Respekt. Es wĂ€re mir nie in den Sinn gekommen, daß es anders sein könnte.
Und doch gab es dĂŒstere Vorzeichen. So will es mir heute, im nachhinein, erscheinen. Damals war ich einfach erschrocken und verstört.
So ging ich einmal mit meiner Gouvernante in der Stadt spazieren. Sie kaufte mir ein Eis, sagte, ich solle vor einem GeschÀft auf sie warten und ging hinein, um sich etwas anzusehen.
Da kamen plötzlich bedrohlich aussehende Kinder die Straße entlang. Ich trat Ă€ngstlich zur Seite, um sie vorbei zu lassen. Der grĂ¶ĂŸte und am gefĂ€hrlichsten aussehende von ihnen schrie: „Seht den feinen Pinkel!“ und schlug mir das Eis aus der Hand, das klatschend auf der Straße landete. Die anderen johlten und fuchtelten mir mit den FĂ€usten vor dem Gesicht herum. Ich war zu Tode erschrocken und den TrĂ€nen nahe. Die Gouvernante kam aus dem Laden gestĂŒrzt und verjagte die Kinder. Sie drohte: „Ich rufe die Polizei!“
Die Kinder liefen davon und lachten. Der große reckte die Faust und schrie im Davonlaufen: „Wir kriegen euch, ihr BĂŒrgerschweine!“
SpĂ€ter kam der Tod meines Vaters. Er erscheint mir heute wie der Beginn einer AbwĂ€rtsbewegung, die fast unmerklich in einen Absturz ins Bodenlose ĂŒberging.
Ich war damals fĂŒnfzehn Jahre alt und besuchte das Gymnasium. Das BegrĂ€bnis war noch einmal ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges. Die bedeutendsten Persönlichkeiten versicherten meine Mutter und mich ihrer Anteilnahme und ihres Beistands.
Dann zogen wir aus unserem großen Haus in der Stadt, das mir so vertraut war wie ein Teil meiner selbst, in eine kleinere Wohnung. Das Haus auf dem Land, in dem wir, soweit ich zurĂŒckdenken konnte, den Sommer verbracht hatten, gaben wir auf. Die Dienstboten entließen wir bis auf die Köchin Theodora. Wir hatten immer ein großzĂŒgiges Leben gefĂŒhrt, Feste gefeiert und EmpfĂ€nge gegeben. Es gab Abende, da fuhren unentwegt Kutschen und Automobile vor und Diener mit Leuchtern standen auf den TreppenabsĂ€tzen. Aber meinem Vater war es offenbar nie in den Sinn gekommen, etwas fĂŒr schlechte Zeiten zurĂŒckzulegen. Wahrscheinlich waren solche schlechten Zeiten völlig außerhalb seiner Vorstellung gewesen, ebenso wie die Möglichkeit seines eigenen Todes.
Die Persönlichkeiten, die meiner Mutter und mir noch zur BegrĂ€bnisfeier so mitfĂŒhlend die Hand gedrĂŒckt hatten, fanden nicht den Weg in unsere neue, bescheidenere Behausung. Das kĂŒmmerte mich nicht im geringsten. Ich war mit mir selber beschĂ€ftigt, drang in neue geistige Welten vor und begann, meine noch unklaren Empfindungen in Gedichten niederzuschreiben. Ich ging in CafĂ©s, um dort mit Literaten, Dichtern, Schauspielern und Verlegern zu verkehren und gab mir den Dichternamen Angelus. Ein erster schmaler Gedichtband von mir erschien, er hieß „Das Flammenschwert“. Heute wĂŒrde ich mich wahrscheinlich seiner schĂ€men, aber damals brachte er zum Ausdruck, was viele von uns Jungen empfanden: Das GefĂŒhl, eingeengt zu sein, das BedĂŒrfnis, Ketten zu sprengen und Grenzen zu ĂŒberschreiten. Und die Sehnsucht nach einem großen GefĂŒhl, nach einer Liebe, die in dieser irdischen Welt keine ErfĂŒllung finden konnte.
Mit einem Schlag wurde ich in den literarischen Zirkeln der Stadt bekannt, man lud mich zu Dichterlesungen ein, die damals große Mode waren. Eine dieser Lesungen fand in einem CafĂ© statt. Ich las zusammen mit einem anderen jungen Autor aus meinen neuesten Gedichten. An den WĂ€nden des CafĂ©s hingen die Bilder eines jungen Malers, der ebenfalls zu unserem Kreis gehörte und dessen Aktzeichnungen als schockierend empfunden wurden. Das CafĂ© war brechend voll. Meine Gedichte wurden wohlwollend aufgenommen. Etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet. Dennoch hatte ich das Empfinden, eigentlich nicht verstanden zu werden. Die Anwesenden, vertraute Gesichter aus der literarischen Szene, waren viel zu sehr mit sich selbst beschĂ€ftigt und jeder arbeitete daran, sich möglichst effektvoll in Szene zu setzen. Das machte sich schon an der auffĂ€lligen Kleidung bemerkbar, an der Art zu sprechen und sich möglichst exzentrisch zu verhalten.
Einzig ein Gesicht fiel mir auf, das sich von den anderen abhob, das mir aus der Menge entgegenleuchtete, auf dem ich Verstehen und Sympathie, ja Begeisterung und vielleicht Liebe las. Es gehörte einem jungen MĂ€dchen, das ich vom Sehen kannte. Sie war die Tochter eines Professors, der flĂŒchtig mit meinem Vater bekannt gewesen war. Nach der Lesung sah ich sie nicht mehr, aber ihr kindliches Gesicht mit den erstaunten großen Augen hatte sich mir fest eingeprĂ€gt. Erst Jahre spĂ€ter sollte ich sie unter anderen VerhĂ€ltnissen wiedersehen.
Inzwischen vermehrten sich die Zeichen des Unheils. Das öffentliche Leben wurde von Skandalen erschĂŒttert. Respektable MĂ€nner und Frauen wurden in Mißkredit gebracht, brĂŒskiert und zogen sich aus dem öffentliche Leben zurĂŒck. Auch mir erschienen sie damals als ReprĂ€sentanten einer veralteten, ĂŒberholten Ordnung. Allerlei fragwĂŒrdige Personen mit dunkler oder gĂ€nzlich unbekannter Vergangenheit bekleideten hohe politische Ämter. Der Staat stĂŒrzte von einer Krise in die andere, die Wirtschaft kollabierte.
Schließlich gelangte eine radikale revolutionĂ€re Partei mit einem charismatischen FĂŒhrer an die Macht. Sie erklĂ€rte offen das Privateigentum zur Ursache allen Übels in der Gesellschaft und kĂŒndigte entschlossene Maßnahmen zur Verstaatlichung von Wirtschaft und Gesellschaft an. KĂŒnstler und Intellektuelle wurden zu schweren körperlichen Arbeiten zwangsverpflichtet. Verhaftungskommandos waren unterwegs, zunĂ€chst nachts, spĂ€ter auch am Tage. Verhaftet wurden die Vertreter der alten Ordnung, Industrielle, Politiker, Wissenschaftler, Schriftsteller, aber auch politische Rivalen der Machthaber.
Es gab Schauprozesse, in denen bekannte Persönlichkeiten sich der schrecklichsten Verbrechen schuldig bekannten. In den GerichtssĂ€len durften die Angeklagten weder gefilmt noch photographiert werden, damit man nicht die Spuren der Folterungen sah. In den Wochenschauen erschienen immer nur die Gesichter der wortgewaltigen AnklĂ€ger auf der Leinwand. Die Erschießungskommandos arbeiteten ohne Pause.
Der Exodus war in vollem Gange. Wen man noch nicht verhaftet hatte und wem noch nicht der Paß weggenommen worden war, der versuchte ins Ausland zu entkommen.
Fast alle meine Dichter- und Malerfreunde hatten das Land schon verlassen. So beschloß auch ich, zu gehen. Ich tat es ungern, denn ich fĂŒrchtete die Unbehaustheit, die mich im Exil erwartete. Nicht daß dieses GefĂŒhl mir fremd gewesen wĂ€re. SpĂ€testens seit dem Tod meines Vaters war es mir ein vertrauter Begleiter. Dennoch hatte ich hier in meiner Heimatstadt meine Wurzeln, konkrete Ausgangspunkte, von denen ich mich in das unbekannte und geheimnisvolle Land der Poesie vorwagte. Es gab die vertraute Silhouette der Stadt, den Fluß mit seinen BrĂŒcken, die Straßen meiner Kindheit. In der Fremde hatte ich nur mich selbst. Konnte ich darauf bauen?
Meine Mutter blieb mit Theodora zu Hause zurĂŒck. Sie wollte die Heimat nicht verlassen, dem Grab meines Vaters nahe sein. Die Aussicht auf Verhaftung oder Tod schreckte sie nicht. Sie war nicht nur eine stolze sondern auch eine mutige Frau.
Sie stattete mich mit allem aus, was mir auf der Reise von Nutzen sein konnte: Kleidung, Geld, gute RatschlĂ€ge. Der Abschied war trĂ€nenreich und ich war froh, als ich mit meinem Koffer auf der regennassen Straße war.
Der Bahnhof war mit Menschen verstopft. Es war unmöglich, zu den Fahrkartenschaltern vorzudringen. Außerdem waren die sowieso geschlossen. Dennoch konnte man Fahrkarten kaufen. SchwarzhĂ€ndler schoben sich durch die Menge und machten ihre Angebote. Es dauerte nicht lange, bis auch ich angesprochen wurde. Ein Mann mit einer dunklen Brille und einer tief ins Gesicht gezogenen SchirmmĂŒtze bot mir eine Fahrkarte in eine europĂ€ische Hauptstadt an. Ich mußte ablehnen, da der Preis meine Mittel ĂŒberstieg.
Wenig spĂ€ter wurde ich wieder angesprochen. Wieder war es ein Mann mit einer dunklen Brille, doch dieses Mal hatte er einen Filzhut auf dem Kopf. FĂŒr einen Moment hatte ich das GefĂŒhl, daß es der gleiche Mann wĂ€re, nur in etwas anderer Verkleidung. Doch der Gedanke war absurd.
Diesmal bot mir der Mann eine Fahrkarte zu einem Preis an, den ich akzeptieren konnte.
Wir machten den Handel perfekt, ich steckte die Fahrkarte ein und versuchte, mich in Richtung der Bahnsteige durchzudrÀngen.
Der Zug war ĂŒberfĂŒllt. Trotzdem gelang es mir, einen Sitzplatz in einem Abteil zu ergattern. Die Menschen standen, saßen und lagen ĂŒberall in den GĂ€ngen. Ab und zu öffnete jemand die TĂŒr unseres Abteils und starrte hinein. Es schien sich mehrmals um die gleiche Person zu handeln, mit unterschiedlichen Brillen oder HĂŒten ausstaffiert. Sein forschender Blick ruhte besonders lange auf mir, als versuchte er, mich zu identifizieren.
Kurz vor der Grenze verließen etliche Reisende den Zug. Wahrscheinlich waren sie nicht im Besitz eines gĂŒltigen Passes oder hatten andere GrĂŒnde, die Grenzkontrollen zu fĂŒrchten. Sie versuchten, meist mit Hilfe von Schleppern, die Grenze zu Fuß zu ĂŒberwinden.
An der Grenzstation wurde der Zug von bewaffneten Kommandos durchkĂ€mmt. Auch unsere AbteiltĂŒr wurde aufgerissen und herein kam ein uniformierter Beamter mit zwei Soldaten als Begleitung.
Der Aufforderung, die PÀsse vorzuzeigen hÀtte es nicht bedurft, wir hielten sie alle furchtsam in der Hand.
Der Uniformierte besah sich jeden einzelnen Pass grĂŒndlich und verglich die Namen mit einer Liste. Jeden der Passagiere fragte er nach Ziel und Zweck seiner Reise, und alle erzĂ€hlten Ă€ngstlich ihre vorbereiteten Geschichten von Verwandtenbesuchen und GeschĂ€ftsreisen. Sie wurden von dem Kontrolleur mit HohnlĂ€cheln quittiert. Er ließ sich anmerken, daß er kein Wort glaubte.
Ich antwortete auf seine Frage wahrheitsgemĂ€ĂŸ, daß ich der Einladung meines auslĂ€ndischen Verlegers folgte. Der Uniformierte horchte auf. Er schaute noch einmal auf seiner Liste nach, dann befahl er mir, meinen Koffer zu öffnen und den Inhalt auszupacken. Er konfiszierte ein BĂŒndel mit Manuskripten und sagte, es mĂŒsse auf verrĂ€terische und volksfeindliche Schriften untersucht werden.
Dann ließ er sich die Koffer der anderen Passagiere öffnen. In einem fand er einen großen Besteckkasten mit Tafelsilber, den er sofort konfiszierte.
„Aber es handelt sich um ein FamilienerbstĂŒck,“ jammerte der Besitzer. Der Uniformierte sah ihn kalt an.
„Ich könnte Sie auf der Stelle verhaften lassen,“ sagte er ruhig. „Sie haben versucht, Kulturgut, das unserem Volk gehört, ins Ausland zu schmuggeln. Darauf steht Zuchthaus oder Todesstrafe.“
Der Besitzer des Tafelsilbers schwieg unglĂŒcklich und verschreckt.
Der Uniformierte verließ mit seinen Begleitern das Abteil. Alle packten bedrĂŒckt wieder ihre Habseligkeiten in die Koffer. Der mit dem Silberbesteck, nunmehr ohne dasselbe, jammerte:
„Wovon soll ich jetzt leben im Ausland? Ich wollte das Besteck verkaufen ...“
„Seien Sie still,“ zischte ihm sein Nachbar zu. „Seien Sie froh, daß Sie noch so gut weggekommen sind.“
Nach einer scheinbar endlos langen Wartezeit fuhr der Zug wieder an. Auf dem Bahnhof blieb eine Gruppe von Reisenden zurĂŒck, die nicht so glĂŒcklich gewesen waren wie wir. Sie wurden von Soldaten weggefĂŒhrt.
Unser Zug fuhr durch eine unscheinbare, flache Landschaft. Irgendwo hier mußte die Grenze verlaufen. Die AbteiltĂŒr wurde von einem Mann mit runder Brille aufgerissen. Es war wohl der gleiche, der schon mehrmals wĂ€hrend der Reise die AbteiltĂŒr geöffnet und prĂŒfend hineingesehen hatte, manchmal eine Entschuldigung murmelnd, manchmal nicht. Er hielt meine Manuskripte in der Hand und reichte sie mir.
„Das gehört ihnen,“ sagte er. „Seien sie unbesorgt. Wir bleiben in Verbindung.“

Sofern irgendwelche Beziehungen zwischen den Reisenden wĂ€hrend dieser Bahnfahrt entstanden waren, so zerstoben sie in nichts, kaum daß wir in den Bahnhof der großen westlichen Stadt eingefahren waren. Alle die Passagiere mit ihren Schicksalen, Bestimmungen, Vorhaben und PlĂ€nen wurden von der Stadt aufgesogen wie von einem großen Schwamm.
Ich begab mich zunÀchst zu einer Telephonzelle und rief meinen Verleger an. Der erschien sofort persönlich mit einem Taxi und brachte mich in seine Privatwohnung, wo ich mich erfrischen und von der Reise erholen konnte.
Wir sprachen ĂŒber den Verkauf meines Buches. Der Verleger sagte, fĂŒr einen Lyrikband seien die Zahlen ermutigend. Er wollte Lesungen mit mir organisieren, um das GeschĂ€ft zu beleben.
Niemals fiel das Wort Exil. Mein Verleger empfahl mir auch, nichts Negatives ĂŒber die politischen VorgĂ€nge in meiner Heimat zu Ă€ußern, da das mir und dem Verkauf meines Buches nur schaden wĂŒrde. Unter den westlichen Intellektuellen war es Mode, mit der revolutionĂ€ren Entwicklung meines Heimatlandes zu sympathisieren.
Ich konnte natĂŒrlich nicht auf Dauer bei dem Verleger wohnen und ein Hotelzimmer war zu teuer. Ein Ehepaar namens Haslinger besorgte mir eine sehr preiswerte Unterkunft. Sie gaben vor, Bewunderer meiner Gedichte zu sein und gehörten zum weiteren Bekanntenkreis des Verlegers.
Meine neue Wohnung befand sich außerhalb der Stadt am Rande einer trostlosen Neubausiedlung. Vom Stadtzentrum aus mußte man zunĂ€chst mit der Straßenbahn und dann etwa eine Stunde mit der Eisenbahn fahren. Danach hatte man noch einen Fußmarsch vor sich.
An dessen Ende winkte mir als Unterkunft eine hölzerne HĂŒtte in einem GartengrundstĂŒck. Die Besitzerin wohnte in einem hĂ€ĂŸlichen roten Ziegelhaus auf der anderen Seite des Gartens. Als Toilette diente ein Verschlag mit einem sogenannten Donnerbalken. Zum Waschen hatte ich eine SchĂŒssel, in die ich mit MĂŒh und Not das Gesicht eintauchen konnte.
Ich dachte an Cervantes, der den „Don Quijote“ im Kerker geschrieben hatte. Warum sollte ich hier nicht Gedichte schreiben können? Ich legte das BĂŒndel mit meinen Manuskripten auf den rohen Holztisch und begann darin zu lesen. Meine eigenen Verse erschienen mir fremd, wie aus einer anderen Welt. Ich mußte sie umschreiben. Und neue schreiben. Plötzlich hatte ich eine Ahnung, was Exil bedeutete. Ein ununterbrochenes Nichtzuhausesein. Leben mit einer offenen Wunde. Doch war das nicht die fĂŒr einen Dichter einzig mögliche Lebensform? Dieser Gedanke versöhnte mich wieder halbwegs mit meinem Schicksal, machte mir mein Los ertrĂ€glicher.
Nein, ich durfte mich nicht beklagen. Ich mußte diesen Weg gehen und ihn als den mir von Anbeginn der Welt an zugedachten akzeptieren, ja umarmen.
Ich blieb lange wach in dieser Nacht, bis die Hauswirtin kam und sagte, ich solle das Licht löschen, der Strom sei teuer. Am nĂ€chsten Tag kaufte ich mir Kerzen, die ich abends anzĂŒndete. Wieder kam die Hauswirtin und sagte erbost, der Umgang mit offenem Licht sei in dem hölzernen GartenhĂ€uschen streng verboten und sie wĂŒrde die Polizei holen. Schließlich kaufte ich mir eine Taschenlampe.
Im ĂŒbrigen hielt ich mich nach Möglichkeit nur zum Schlafen in meinem neuen Domizil auf. Wurde es einmal sehr spĂ€t, konnte ich in der Wohnung meines Verlegers ĂŒbernachten.

Ich fĂŒhrte das Leben eines Großstadtnomaden. Ich durchstreifte die Stadt zu Fuß, mit der Straßenbahn, dem Bus oder mit der Untergrundbahn. Doch merkte ich bald, daß das zu nichts fĂŒhrte. So konnte ich nichts und niemanden kennenlernen. Die Menschen waren hier anders, als ich es gewohnt war. Sie blickten einen nicht an. Es war, als wĂ€re man aus Glas. Alle hatten es eilig, es gab keine Flaneure. Man bewegte sich zielstrebig von Punkt A nach Punkt B. Ging einer langsam, ohne Ziel, dann stimmte etwas nicht mit ihm. Er war krank, hatte sich verlaufen oder war betrunken. War ein Schutzmann in der NĂ€he, fragte er, ob er ihm helfen könnte. Ich wurde mehrmals in dieser Weise angesprochen.
Was blieb, waren die CafĂ©s. Dort konnte man sich aufhalten und GesprĂ€che fĂŒhren, dort traf man Bekannte oder lernte andere Menschen kennen. Ich schaffte es sogar, in CafĂ©s Gedichte zu schreiben, was mich allerdings viel Überwindung kostete, da Gedichte schreiben fĂŒr mich eine sehr intime Angelegenheit ist, die der ZurĂŒckgezogenheit bedarf. Einmal schrieb ich ein Gedicht in einem Lokal, in dem kein Bekannter zu sitzen schien, an einem etwas abseits befindlichen Tisch. Ich war ganz vertieft, als mich plötzlich jemand von der Seite ansprach:
„Guten Tag, Herr Angelus. Was schreiben Sie denn da Schönes, mein Lieber?“
Ich bekam einen furchtbaren Schreck, zuckte zusammen, raffte meine Habseligkeiten an mich, warf ein GeldstĂŒck fĂŒr den Kellner auf den Tisch und verließ in panischer Flucht das CafĂ©. Noch lange irrte ich mit fliegenden Pulsen durch die Straßen. Es war mir, als hĂ€tte jemand in den geheimsten Winkel meiner Seele gespĂ€ht, mich bei Allerprivatestem beobachtet.
Ein andermal blickte ich von meinen Versen auf und traf den Blick eines Mannes mit einer runden Brille, die aus einem Theaterfundus zu stammen schien. Er starrte mich ĂŒber den Rand einer Zeitung hinweg durchdringend an. Ich zahlte sofort und ging. Das Lokal betrat ich nie wieder.
Das Schlimme an den CafĂ©s war, das man dauernd irgendetwas verzehren mußte. Kaum hatte man sich auf einen Stuhl gesetzt, schon stand ein Kellner da und fragte, was man wĂŒnschte. Ich wĂŒnschte gar nichts von dem Kellner, ich wĂŒnschte in Ruhe gelassen zu werden. Statt dessen bestellte ich einen Kaffee oder ein Bier. Wieviel Kaffee mußte ich trinken, den ich nicht trinken wollte, den ich verabscheute. Am liebsten waren mir die CafĂ©s, in denen man stundenlang vor einer halbgeleerten Tasse Kaffee sitzen konnte, ohne von einem Kellner belĂ€stigt zu werden.
Das GefĂŒhl der Unwirklichkeit meiner Existenz wurde durch das Leben in den CafĂ©s bis zum Alptraum gesteigert. Die gewöhnlichen GĂ€ste kamen von irgendwoher, bestellten etwas, unterhielten sich oder lasen die Zeitung, zahlten und gingen irgendwohin. ZurĂŒck zu ihrem normalen Leben, zu Beruf und Familie. Wenn ich ging, ging ich lediglich in ein anderes CafĂ©. Ich tĂ€uschte eine bĂŒrgerliche Existenz nur vor. Alles an mir erschien mir falsch. Mein Pseudonym. Mein Beruf.
Der Dichter Angelus, dessen Gedichte man in BĂŒchern oder Zeitschriften lesen konnte, war mir völlig fremd. Das war nur eine der Masken, hinter denen ich meine Nichtexistenz verbarg. Das GefĂŒhl des Fremdseins, des Sichverlaufenhabens und der Einsamkeit war manchmal so stark, daß ich auf der Straße stehen blieb, weil ein jĂ€her Schmerz mich durchfuhr und mein Inneres sich zusammenkrampfte.
War das nur das Exil, die Unbehaustheit in der Fremde? Oder war es etwas Tiefergehendes, etwas, was schon viel frĂŒher begonnen hatte, eigentlich schon mit meiner Geburt? War ich mit einer Krankheit geschlagen, die erst mit meinem Tod enden wĂŒrde?
Vielleicht war es so. Ganz sicher sogar. Aber dann war das ja die Antwort auf die Frage nach der Wirklichkeit meiner Existenz. Dann war diese Krankheit meine wahre IdentitĂ€t. Diese Krankheit war – ich. Ich mußte sie dankbar annehmen und als meine Aufgabe betrachten. Als meine Mission. Ich wĂŒrde mit blutenden Wunden dichten. Oder mich von einem Turm stĂŒrzen. Oder einfach zurĂŒckkehren in mein schwer gebeuteltes Heimatland und geduldig auf die Verhaftung warten. Aber wenn sie mich nicht verhafteten? Wenn sie mich einfach ... ignorierten? In den Orkus des Vergessens stĂŒrzten? Mich mir selber ĂŒberließen?

Mein Verleger hatte eine Lesung organisiert. In einem CafĂ© natĂŒrlich, wo sonst. Ich sollte aus einem Buch mit einer Auswahl meiner Gedichte vorlesen, das gerade erschienen war. Es hieß „Menetekel“. Eine Neuauflage war in Vorbereitung. Dazu hatte ich einen Großteil der Gedichte umgeschrieben. Ich hatte neue Erfahrungen in sie einfließen lassen.
Ich kam viel zu frĂŒh in das CafĂ©. Der Verleger saß mit mehreren mir völlig fremden Menschen zusammen, die mich neugierig anstarrten. Ich war erschrocken und ging wieder hinaus, obwohl der Verleger mir lebhaft zuwinkte. Ich setzte mich stattdessen in ein kleines Lokal in der Nachbarschaft und trank sehr langsam einen Kaffee, bis die vereinbarte Zeit herangekommen war. Als ich zahlen wollte, ließ der Kellner sich nicht blicken, und ich kam etwas verspĂ€tet an den Ort der Lesung zurĂŒck. Der Raum hatte sich inzwischen mit Publikum gefĂŒllt.
Der Anblick all dieser Menschen, die ich nicht verstand und die mich vermutlich nicht verstehen wĂŒrden, flĂ¶ĂŸte mir Angst ein. Ich zögerte einen Moment und ĂŒberlegte, ob ich wieder umkehren und gehen sollte. Da sah ich sie. Ihr kindliches Gesicht mit den großen dunklen Augen, das aus einer MĂ€rchenwelt zu kommen schien. Sie war hier, die Tochter des Professors. Nach all den Jahren und allem, was seitdem passiert war, war sie auch hierher gekommen.
Auf einmal schien alles ganz einfach. Dieses fremde Land, diese ungastliche Stadt waren nicht mehr fremd und ungastlich, sondern ein freundlicher Hort, eine Zuflucht fĂŒr Fabelwesen wie sie und mich. Durch ihre und meine Anwesenheit wurde alles verzaubert. Ich allein hĂ€tte diese Kraft nicht aufgebracht. Aber mit ihr ...
Ich ging mit ausgestreckten HÀnden auf sie zu. Sie streckte mir ebenfalls die HÀnde entgegen und lÀchelte mich an.
„Meine Liebe,“ sagte ich (sie hieß Maria, aber das ist völlig gleichgĂŒltig). „Daß Sie heute hier sind!“
„Sie haben mich erkannt?“ fragte sie erstaunt, mit ihren großen, leuchtenden Kinderaugen.
„Wie sollte ich nicht!“, rief ich. „Seit jenem Abend, wie lange ist es jetzt schon her, habe ich stĂ€ndig an Sie gedacht, wenn ich geschrieben habe. Solange es Menschen wie Sie gibt, dachte ich, solange kann es nicht völlig vergebens sein, was ich schreibe oder zu schreiben versuche oder auch nicht schreibe sondern nur trĂ€ume. Gestatten Sie, daß ich heute abend nur fĂŒr Sie lese. Wer sonst könnte mich wie Sie verstehen?“
In der Mitte des Raumes standen, einsam und verloren, ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einer Lampe. Dieser Platz war fĂŒr mich bestimmt, den Fremden, den Dichter. Als sollte ich zur Schau gestellt werden: Seht dieses eigenartige Wesen. Diese Laune von Mutter Natur.
Ich setze mich und achtete darauf, daß sie in meinem Blickfeld war.
Ich stellte mir vor, daß meine Gedichte fĂŒr sie bestimmt wĂ€ren. Die Worte bekamen auf einmal einen ganz einfachen Sinn, warum sollte man sie nicht verstehen? Außerdem, Verse muß man gar nicht verstehen, man hört sie wie Musik. Ich hatte mir ganz umsonst Sorgen gemacht, meine Verzweiflung war unbegrĂŒndet gewesen. Meine seltsamen Gedanken und Vorstellungen, dieses VerschlĂŒsselte, Allerprivateste, war möglich, sagbar, hörbar, sogar erwĂŒnscht.
Nach der Lesung streiften wir durch die nĂ€chtliche Stadt und erzĂ€hlten uns voneinander. Sie wohnte mit ihrer Tochter in einer Pension. Ihr Mann war im Ausland, sie erwartete ihn aber tĂ€glich zurĂŒck.
Als wir durch die Straßen gingen, bemerkte ich mit Erstaunen, an was fĂŒr einem geheimnisvollen, verzauberten Ort wir uns befanden. Wir machten uns gegenseitig auf MerkwĂŒrdiges und Erstaunliches aufmerksam. Es war, als wĂŒrden graue TĂŒcher weggezogen, mit denen man HĂ€user und Straßen verhĂ€ngt hatte. Wie hatte ich nur glauben können, daß ein Dichter hier nicht leben konnte. Ich mußte alles, alle meine Gedichte ĂŒber die Fremde, noch einmal umschreiben. Was ich geschrieben hatte, war ja nicht mehr wahr. Hier war keine WĂŒste, hier war Wunderland.
Sie begleitete mich bis zum Bahnhof und mußte mir versprechen, mich gleich am nĂ€chsten Tag zu besuchen. Mit ihrer Tochter, die sechs Jahre alt war. Ein kluges, stilles Kind. Ich zeichnete ihr einen detaillierten Plan, wie sie zu mir finden wĂŒrde. Beinahe hĂ€tte ich ĂŒber das Zeichnen dieses Planes meinen letzten Zug verpaßt.

Am nĂ€chsten Vormittag saß ich auf der hölzernen Veranda vor meinem HĂ€uschen, in der Erwartung, ihre Silhouette am Ende der Straße auftauchen zu sehen. Ich bemerkte das Mythische der Situation. Das Schicksal fĂŒhrt uns zusammen. Und wird uns wieder trennen. Und dazwischen diese Begegnung, die uns magische KrĂ€fte verleiht.
Ich wußte, es konnte nicht unser erstes Zusammentreffen gewesen sein. Wir waren uns schon frĂŒher begegnet, vor Jahrhunderten, Jahrtausenden. In jedem unserer Leben vollzog sich das Wunder erneut, wurden wieder Magie und Poesie geboren.
Irgendwann einmal, so sinnierte ich, waren wir vereint gewesen. Vielleicht im Paradies, vor Adam und Eva. Wir waren in Harmonie mit der Welt, wir sprachen mit Pflanzen und Tieren und mit dem Wind. Dann brach die Welt auseinander und wir wurden hinausgeworfen ins Unwirtliche. Doch ein gnĂ€diger Gott hatte Mitleid mit unserem Elend und ließ zu, das wir uns alle hundert Jahre wieder trafen und fĂŒr einen winzigen Augenblick die alte Harmonie des Kosmos wieder hergestellt war. Dieser Augenblick war jetzt, so sagte ich mir, wenn sie am Ende der Straße auftauchte.
Dann stand sie vor mir, mit der Tochter an der Hand. Die Tochter mußte dringend Pipi machen. Ich empfahl ihr die StrĂ€ucher des Gartens. Den Donnerbalken wollte ich ihr nicht zumuten.
Wir sprachen nicht ĂŒber Gedichte. Über Verse kann man nicht sprechen. Nicht mit Worten. Vielleicht mit Schweigen.
Die Tochter saß still da, sie langweilte sich gewiß. Wir beschlossen, diese ungastliche StĂ€tte zu verlassen und in die Stadt zu fahren. Wir wollten dem Kind eine Freude machen und gingen in den Zoo.
Der Zoo gehört zu den Orten, die ich gewöhnlich meide. Dort sind Tiere eingesperrt, bedauernswerte, gequĂ€lte und gedemĂŒtigte Wesen, und werden von Schaulustigen fĂŒr Geld angegafft. Das ist nicht lustig. Ich fĂŒhlte mich elend in der dumpfen Menge der Voyeure. Manchmal fing ich den halben Blick eines Tieres auf und es war, als wollte es sagen: Auch du...? SchĂ€mst du dich nicht?
Im Zoo gab es ein Lokal, dort aßen wir zu Mittag. Sie sagte, ich könne unmöglich dort draußen wohnen bleiben, fernab der Zivilisation. Sie wollte sich hier im Stadtzentrum nach einer Unterkunft fĂŒr mich umsehen. Ich könnte doch in einer Pension wie der ihren wohnen. Das sei durchaus nicht so teuer. Was das denn fĂŒr Leute wĂ€ren, die mir diese erbarmungswĂŒrdige Behausung besorgt hatten?
Ich beschrieb ihr das Ehepaar Haslinger, das ich nur ein oder zweimal gesehen hatte.
Frau Haslinger war eine Frau schwer bestimmbaren Alters, vielleicht um die dreißig, schlank, mit dunklem Pagenkopf und einem Puppengesicht. Sie lachte nie und bemĂŒhte sich, keine Emotionen zu zeigen, denn sie war der Meinung, das Verziehen der GesichtszĂŒge erzeuge Falten. Ihr Mann war offenbar um einiges Ă€lter als sie. Er war groß, hatte graue Haare und auch sonst war alles an ihm grau, seine Haut, seine Augen, einfach alles. Er sagte, er wĂ€re ein ehemaliger HĂ€ftling und hĂ€tte wĂ€hrend seiner Haftzeit in einer chemischen Fabrik arbeiten mĂŒssen. Die giftigen DĂ€mpfe dort hĂ€tten ihn krank gemacht.
Sie (sie hieß Maria in diesem Leben, aber das ist ohne Bedeutung) schĂŒttelte bedenklich den Kopf. Was ich ihr von den Leuten erzĂ€hlte, gefiel ihr nicht. Sie glaubte, es wĂ€re kein Zufall, daß man mich in dieser Einöde untergebracht hatte.
„Sie packen am besten sofort ihre Sachen und ziehen in unsere Pension,“ sagte sie. Ich willigte mit Freuden ein.
Ich kĂŒndigte der Wirtin, die mich mißtrauisch anstarrte und vor sich hin schimpfte, zahlte die Miete fĂŒr den laufenden Monat und verließ den ungastlichen Ort.
Als ich in der Pension meinen Koffer auspackte, durchfuhr mich ein Schreck wie ein Stromstoß: Meine Manuskripte waren weg. Es waren meine jĂŒngsten Arbeiten, die Umarbeitungen meiner Gedichte, die ich jetzt erneut umarbeiten wollte, aber auch ganz neue Verse. Ich ging zu ihr und klagte ihr mein Leid.
Sie sagte, ich mĂŒsse noch einmal zurĂŒck, in die alte Wohnung, sicher hĂ€tte ich meine Manuskripte dort liegengelassen. Das konnte ich nicht glauben. Dennoch fuhren wir zusammen hin. Ich klingelte bei der Wirtin. Nach einer Weile öffnete diese die TĂŒr einen Spalt weit. Die Sicherheitskette war vorgelegt.
Ich sagte, ich mĂŒsse noch einmal in das GartenhĂ€uschen, ich hĂ€tte etwas Wichtiges vergessen. Sie blickte mich haßerfĂŒllt und zugleich furchtsam an.
„Gehen Sie weg!“ zischte sie. „Kommen Sie nie wieder hierher!“
Dann zog sie die TĂŒr zu. Wir beschlossen, dennoch zu dem GartenhĂ€uschen zu gehen. Die TĂŒr war offen. Drinnen sah es aus, als wĂ€re nach mir noch jemand hier gewesen. Schubladen waren aufgezogen, MöbelstĂŒcke verrĂŒckt. Meine Manuskripte waren nicht da. Ich war verzweifelt. Wir fuhren wieder zurĂŒck in die Pension. Als ich mein Zimmer betrat sah ich sofort das BĂŒndel Manuskripte auf dem Tisch liegen.
Was hatte das zu bedeuten? Waren hier dunkle MĂ€chte am Werk, oder war ich dabei, den Verstand zu verlieren?

Am darauffolgenden Tag kam ihr Mann aus dem Ausland zurĂŒck. Er war ein ehemaliger MilitĂ€r, jetzt Doktor der Philosophie. Er wirkte auf mich beruhigend. Ihr Ehemann konnte nur ein guter Mensch sein. Etwas anderes war gar nicht denkbar.
Er war von eher kleinem Wuchs, schmal, mit hoher Stirn und dunklen, ernsten Augen. Sein Wesen war zurĂŒckhaltend und nĂŒchtern. Er sprach und dachte in eindeutigen Begriffen, auch moralisch. FĂŒr ihn waren die Welt und die Menschen wie ein aufgeschlagenes Buch. Es gab keine Frage, auf die er nicht eine klare und erschöpfende Antwort wußte.
Dr. Z., so will ich ihn hier nennen, hatte sich in geistigen Kreisen schon einen Namen gemacht. Er hatte in Prag und Wien studiert und promoviert und verschiedene kulturkritische und philosophische AufsĂ€tze veröffentlicht, die Aufsehen erregt hatten. In diese Stadt war er gekommen, um aktiven Einfluß auf das brodelnde geistige Leben, das hier stattfand, auszuĂŒben und um die Leitung einer literarischen Zeitschrift zu ĂŒbernehmen.
Dr. Z. nahm seine Mahlzeiten nicht in der Pension, sondern in einem unweit gelegenen, gut besuchten vegetarischen Restaurant ein, wohin wir, sie und ich, ihn begleiteten. Er war Vegetarier und ernĂ€hrte sich nach einem strengen DiĂ€tplan, der nur Produkte biologisch-natĂŒrlicher Landwirtschaft umfaßte. Er sagte, durch eine ErnĂ€hrung, die sich im Einklang mit den positiven KrĂ€ften in der Natur befindet, wĂŒrden im Menschen KrĂ€fte fĂŒr das Geistige frei. Durch die heutige degenerierte ErnĂ€hrung wĂŒrden diese KrĂ€fte nicht nur vernachlĂ€ssigt, sondern negative, dem Menschen schĂ€dliche KrĂ€fte geweckt.
Vor allem gĂ€lte es, im Inneren Substanz zu vergeistigen und diese durchgeistigte Substanz als neue, belebende Energie dem Kosmos zurĂŒck zu geben.
Anschließend gingen wir in den nahen Park.
„Sie mĂŒssen wissen,“ sagte Dr. Z., „daß bei der Tötung eines Tieres enorme negative Schwingungen freigesetzt werden, die chemische VerĂ€nderungen im Körper des Tieres bewirken und das Fleisch fĂŒr den Verzehr durch den Menschen ungeeignet machen. Ein fleischessender Mensch ist ein Mensch mit einem vergifteten inneren KrĂ€ftekreislauf und von daher mit einer vergifteten Seele. Er hat negative Gedanken und GefĂŒhle. Er wird seinerseits versuchen, anderen Wesen seinen Willen aufzuzwingen, sie zu verletzen oder zu töten.
Das war im Einklang mit dem Gesetz der Entwicklung, als die Menschen in einander bekĂ€mpfenden Horden ĂŒber die Erde zogen und von der Jagd lebten. Dem heutigen Menschen aber verbietet sich der Fleischverzehr auf das Entschiedenste. Stehen wir doch heute am Beginn eines Zeitalters mit ganz neuen WirkungskrĂ€ften.
Sehen Sie sich unsere Welt heute an, unsere Technik, unsere Zivilisation. Sie befinden sich auf einem sehr hohen Entwicklungsstand, gewiß. Aber worauf beruht unsere vielgerĂŒhmte Technik? Im Grunde immer noch auf dem Faustkeil. Die natĂŒrlichen Formen werden zerteilt, zerstört, vergewaltigt. Enorme Energiemengen werden fĂŒr den Mißbrauch und die Zerstörung der Natur eingesetzt. Dabei könnte man schon mit ungleich geringeren Energiemengen wesentlich grĂ¶ĂŸere Wirkungen hervorrufen. Man mĂŒĂŸte nur nicht gegen, sondern mit der Natur arbeiten, im Einklang mit den natĂŒrlichen KrĂ€ften und Schwingungen. Wozu man heute riesige Fabriken und Apparate und Heerscharen von Arbeitssklaven benötigt, dazu bedĂŒrfte es dann nur - eines LĂ€chelns.“
„Ihre Frau,“ sagte ich, und blickte sie liebevoll an, „Ihre Frau ist ein solcher Mensch der Zukunft. Ihr LĂ€cheln besitzt magische KrĂ€fte.“
„Ich weiß,“ sagte Dr. Z. „Und lassen Sie mich Ihnen noch etwas sagen. Auch Sie, mein lieber Angelus, sind ein ungewöhnlicher Mensch. Das habe ich sofort gespĂŒrt, als ich Sie das erste Mal sah, ja, als ich das erste Mal ihre Gedichte las. Auch Sie sind ein Mensch der Zukunft, ein zu frĂŒh geborener. Das ist auch Ihre Tragik. Sie mĂŒssen furchtbar leiden in dieser entwurzelten Zeit, da Sie ĂŒber eine hochempfindliche seelische Substanz verfĂŒgen, die feinste Schwingungen sowohl wahrnehmen als auch erzeugen kann. Sie gehören zu einem Menschentyp, der seit der Antike in wenigen, seltenen Exemplaren erschien und der auf Kommendes hinweist.
Aber in einer Zeit des Umbruchs wie der unseren sind Sie gefĂ€hrdet. Wenn gewisse KrĂ€fte und Wesen Sie erst einmal ausgespĂ€ht haben, werden sie versuchen, Ihrer habhaft zu werden und Ihre FĂ€higkeiten zu mißbrauchen. Und wie ich gehört habe, gibt es bereits erste Anzeichen, daß dergleichen geschehen ist. Man hatte Sie mit Hilfe des Ehepaares Haslinger an einem abgelegenen Ort untergebracht - möglicherweise um sie dort zur Erzeugung von Phantomen zu mißbrauchen.“
Ich blickte ihn erstaunt an.
„Was meinen Sie damit?“ fragte ich. „Was sind Phantome und warum wollte man sie mit meiner Hilfe erzeugen?“
„Phantome,“ erwiderte Dr. Z., „sind geistige Wesenheiten, also feinste Schwingungen des Äthers, wie ja alles letztlich aus Ätherschwingungen besteht. Sie sind aber der physischen Welt von allen geistigen Wesen am nĂ€chsten, das heißt, sie besitzen auch physikalische Eigenschaften. Sie entstehen als Reaktion auf negative Schwingungen und Störungen von harmonischen AblĂ€ufen durch LĂŒge, Gewalt oder Bedrohung.
Sie durchstreifen unsere irdische Welt und wirken verhĂ€ngnisvoll auf die menschliche Entwicklung. Wenn sich genĂŒgend von ihnen angesammelt haben, kann es zu Katastrophen wie Kriegen, Vernichtungen und Zerstörungen großen Ausmaßes kommen.
Es liegt auf der Hand, daß jemand mit Ihrer hohen SensibilitĂ€t besonders geeignet ist, auf negative Schwingungen zu reagieren und somit Phantome zu erzeugen. Phantome entstehen ausschließlich im Schlaf, wenn die Seele den Körper verlĂ€ĂŸt und sich mit geistigen Wesen austauscht. Dann werden die negativen Schwingungen gewissermaßen von ihr abgetrennt und fĂŒhren ein selbstĂ€ndiges Dasein. Von den höheren Welten werden sie abgelehnt, also mĂŒssen sie zurĂŒck zur Welt der Menschen, zu ihren UrsprĂŒngen.“
„Und was hat das mit meiner ehemaligen Unterkunft zu tun?“ fragte ich.
„DarĂŒber kann ich nur Vermutungen anstellen,“ sagte Dr. Z. „Möglicherweise hatte man in ihrer Nachbarschaft einen Apparat untergebracht, der negative Schwingungen erzeugt und die entstandenen Phantome einsaugt und sammelt. Man hĂ€tte dann versucht, eine Art Phantombrutmaschine aus Ihnen zu machen.“
„Aber wer sollte an so etwas ein Interesse haben?“
„Offenbar gibt es KrĂ€fte, die darauf aus sind, die Entwicklung der Menschheit zu stören und sie in eine falsche Richtung zu steuern.“
Im Laufe des GesprÀches waren wir durch den nÀchtliche Park gestreift und nÀherten uns einer Bank, auf der jemand lag und schlief, offenbar ein Obdachloser. Dr. Z. steuerte auf die Bank zu und blieb vor ihr stehen.
„Guten Abend, Franz,“ sagte er. „Steh lieber auf, du wirst dich erkĂ€lten.“
Der Obdachlose richtete sich auf und blinzelte uns aus verquollenen Augen an. Er war von kleinem Wuchs, trug einen struppigen roten Bart und einen abgewetzten alten Wintermantel, obwohl es Juni war. Was er unter dem Mantel trug, war schwer auszumachen.
„Darf ich bekanntmachen,“ sagte Dr. Z. respektvoll. „Das ist Franz Heiland, der bedeutendste lebende Dichter dieses Landes. Und das ist Angelus, der Dichter des ‚Menetekel‘. Meine Frau kennst du ja. Warum nimmst du dir kein Zimmer, Franz? Die NĂ€chte sind noch kalt.“
„Ich schĂ€tze Ihre Gedichte sehr, Herr Angelus“ sagte der angesprochene. „Mein Kompliment. FĂŒr ein Zimmer fehlen mir leider im Augenblick die Mittel. Aber wir sollten vielleicht etwas trinken gehen. Gleich hier in der NĂ€he ist ein Lokal, das anstĂ€ndig ist und nicht teuer. Sie haben dort einen sehr guten italienischen Rotwein.“
Der Dichter griff nach einem BĂŒndel, das er neben der Bank deponiert hatte und erhob sich.
„Was hast du denn in dem BĂŒndel?“ fragte Dr. Z. „Einen Kohlkopf?“
Der Dichter Franz Heiland schĂŒttelte sein struppiges Haupt und blickte ehrfĂŒrchtig auf das BĂŒndel.
„Nein. Es ist der Kopf Eduard von Hartlepps.“
„Wie, was? Sein Kopf? Was fĂŒr ein Kopf?“ riefen wir erstaunt durcheinander.
„Sie kennen sicher Eduard von Hartlepp,“ sagte der Dichter. Wir bejahten.
„Er war ein begnadeter Schriftsteller, ein wunderbarer Mensch und mein bester Freund,“ fuhr Franz Heiland fort.
„Leider starb er kĂŒrzlich in Italien. Es war aber sein Wunsch, daß sein Kopf hier in der Heimat beigesetzt wĂŒrde. Einem Freund gelang es, sich Zugang zu dem Leichnam zu verschaffen und den Kopf abzuschneiden. Er hat ihn mir heute gebracht, mit der Bitte, ihn wĂŒrdevoll zu bestatten. Gleich morgen werde ich die Freunde aufsuchen und sie zu einer schlichten Zeremonie versammeln.“
Wir umstanden staunend den Dichter mit dem BĂŒndel. Ich bat um die Erlaubnis, es berĂŒhren zu dĂŒrfen. Die anderen folgten mir. Es war wie ein Ritual. Der Kopf des KĂŒnstlers und Freundes stiftete einen Bund zwischen uns. Meine Hand suchte ihre und fand sie. Dr. Z. legte eine Hand auf meine Schulter und die andere auf die von Franz Heiland. So standen wir eine Weile. Ich spĂŒrte, wie eine Kraft von mir Besitz ergriff, die ĂŒber mein gewohntes selbst hinausreichte. Eine wahrhaft kosmische Kraft, die so alt war wie das Weltall und die ewig fortdauern wĂŒrde. Keiner sprach, doch ich wußte, die anderen empfanden das gleiche.
Schließlich lösten wir uns voneinander und gingen in das Lokal, das Franz Heiland erwĂ€hnt hatte. Ich hielt weiterhin ihre Hand. Sie ließ es geschehen.
Die Restauration erwies sich als eine Spelunke, die ich alleine sicher nie betreten hĂ€tte. An den Tischen sah man allerlei menschliches Strandgut. Franz Heiland war hier wohlbekannt und wurde von allen freundlich begrĂŒĂŸt. Unseres ungewöhnlichen HandgepĂ€cks eingedenk, setzten wir uns in eine etwas entlegene, ruhige Ecke. Die Wirtin brachte den gerĂŒhmten italienischen Rotwein in Karaffen und wir beschlossen zu bleiben.
Wir tranken auf das Wohl Eduard von Hartlepps. Dr. Z. war davon ĂŒberzeugt, daß dessen harmonische Schwingungen auf uns ĂŒbergegangen waren. Sein Ă€therischer Leib war gewiß nicht fern und stellt eine Verbindung her zu der positiven Energie der Allseele.
Dr. Z. erzÀhlte dann von dunklen KrÀften, die von Beginn der Schöpfung an da waren, ja eine Voraussetzung derselben gewesen wÀren, denn die Zweiteilung ist ein Grundprinzip aller Entwicklung. Ohne Dunkelheit kein Licht, ohne die KrÀfte des Bösen als ihre Gegenspieler könnten auch die positiven KrÀfte nichts bewirken. Zur Zeit lebten wir in einer Phase des Umbruchs und die negativen KrÀfte sÀhen eine Chance, die Oberhand zu gewinnen, auch wenn das im Schöpfungsplan nicht vorgesehen war.
Der Dichter Franz Heiland hatte dazu eine bemerkenswerte Theorie. Er stand in regem geistigen Austausch mit fĂŒhrenden Wissenschaftlern, Astronomen und Astrologen. Sie alle bestĂ€tigten auf Grund von Beobachtungen und neuesten Forschungsergebnissen, daß die Erde einen Zwillingsplaneten habe. Dieser befindet sich der Erde gegenĂŒber, auf der gleichen Umlaufbahn. Dazwischen liegt die Sonne. Deswegen blieb uns unser Geschwistergestirn bislang verborgen.
Alle Meßdaten, die ĂŒber diesen DoppelgĂ€nger der Erde gewonnen werden konnten, seine GrĂ¶ĂŸe, Gewicht, Dichte, Alter, chemische Zusammensetzung und dergleichen betreffend, waren mit denen der Erde identisch. Die Astronomen sagten, daß ohne dieses Gleichgewicht die Erde ihre Umlaufbahn verlassen und in das Weltall hinausgeschleudert wĂŒrde.
Es ist nun naheliegend zu vermuten, daß auf dieser zweiten Erde sich das Leben ebenso wie auf unserer entwickelt hat, daß darauf eine Menschheit existiert, deren Geschichte der unseren gleicht.
Theologisch ergibt sich aus dieser Annahme ein schwerwiegendes Problem. Christus erwĂ€hlte fĂŒr seine Erlösungsmission, fĂŒr Kreuzigung und Auferstehung, unseren Planeten. Es ist unwahrscheinlich, daß er sich auf dem DoppelgĂ€ngerplaneten noch einmal kreuzigen ließ. Franz Heiland hatte darĂŒber mit dem Papst korrespondiert, der seine Meinung teilte und bestĂ€tigte.
An dieser Stelle seines Berichtes begann der Dichter unter seinem Mantel zu suchen. Er beförderte verschiedene zusammengeknĂŒllte ZeitungsrĂ€nder zutage, die mit Gedichten beschrieben waren. Schließlich fand er ein zerknittertes StĂŒck Papier, das er auf dem mit Weinflecken bedeckten Wirtshaustisch zu glĂ€tten versuchte. TatsĂ€chlich konnte man das Wappen des Pontifex mit der Tiara und den gekreuzten SchlĂŒsseln erkennen. Auch die verehrungswĂŒrdige Unterschrift ihrer Heiligkeit war unzweifelhaft sichtbar. Der Rest des Briefes war allerdings unleserlich geworden. Jedoch der Dichter kannte seinen Inhalt auswendig. Er zitierte ganze Passagen, die die Sorge des Pontifex ĂŒber das Seelenheil der von Rom so weit entfernt lebenden Wesen und die gewaltige missionarische Aufgabe und Herausforderung, die der katholischen Kirche daraus erwuchs, zum Ausdruck brachten.
Franz Heiland Ă€ußerte die Hypothese, daß die MĂ€chte des Bösen sich diesen, noch nicht durch Jesus Christus erlösten Planeten zu ihrem Sitz auserwĂ€hlt und dort ein gottfernes Regime errichtet hatten. Doch damit nicht genug. Über unbekannte, wahrscheinlich Ă€therische KanĂ€le versuchten sie von dort aus, ihre verhĂ€ngnisvolle Herrschaft auf unseren Planeten auszudehnen, verderbliche EinflĂŒsse und Schwingungen, aber auch ganz reale Wesen, Gespenster und DĂ€monen in unsere Welt einzuschleusen, mit dem Ziel, hier das gleiche Reich der Finsternis wie auf jenem unglĂŒcklichen Planeten zu errichten.
Der Zeitpunkt dafĂŒr war gĂŒnstig. Alte Werte und Kulturformen wurden brĂŒchig und verloren an Geltung, neue schienen noch nicht gefunden. Unsere von der Antike ĂŒberkommene Kultur, die auf der SouverĂ€nitĂ€t des Individuums beruht, war verschlissen und kraftlos geworden, das BedĂŒrfnis, in grĂ¶ĂŸeren Körperschaften aufzugehen, allgemein. Neue, kollektive IdentitĂ€ten entstanden, an deren Spitze sich dĂ€monische Wesen stellten. Sie wĂŒrden die Völker in Katastrophen von bislang unvorstellbaren Ausmaßen reißen und den Boden bereiten fĂŒr die Herrschaft des Antichrist.
Inzwischen hatte sich das Lokal mit verwegen aussehenden Leuten gefĂŒllt, fremdlĂ€ndischen Wanderarbeitern dem Anschein nach. Sie traten streitsĂŒchtig auf und waren wohl auf eine SchlĂ€gerei aus, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Nach den Schimpfworten flogen die FĂ€uste, Stuhlbeine wurden geschwungen.
Franz Heiland, der die Sanftmut selbst war, stand auf und begab sich zu den StreithĂ€hnen um zu schlichten. Er wurde von einem HĂŒnen am Mantel gepackt und in die Höhe gehoben, zum GelĂ€chter der betrunkenen Fremden. Plötzlich ertönte ein gellender Schrei, der das Blut in den Adern aller Anwesenden gerinnen ließ. Die Wirtin hatte ihn ausgestoßen. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen und vor Entsetzen gestrĂ€ubten Haaren vor sich auf den Fußboden.
Dort lag in einer Rotweinlache ein menschlicher Kopf. Es war, daran gab es keinen Zweifel, der Kopf des Schriftstellers Eduard von Hartlepp, der ein Stammgast dieses Lokals gewesen war.

Meine Erinnerungen an die weiteren Ereignisse jener Nacht sind verworren und lĂŒckenhaft. Ich verließ das Lokal mit anderen, in Panik flĂŒchtenden GĂ€sten. Schließlich fand ich mich auf einer Wiese liegend, ĂŒber mir der im frĂŒhen Morgenlicht verblassende Sternenhimmel. Ich mußte geschlafen haben. KĂ€lte und Feuchtigkeit ließen mich schaudern und ich erhob mich mĂŒhsam. Obwohl meine Glieder schmerzten, war ich glĂŒcklich. Ich hatte mich noch nie so lebendig gefĂŒhlt. Ich atmete tief die kĂŒhle Luft ein, roch den Duft von GrĂ€sern und Morgentau. Ich hĂ€tte singen und tanzen mögen. Die ganze Schöpfung war ein Wunder von Anbeginn an, das wurde mir deutlich. Warum sah das niemand? Die Welt war voller wunderbarer Dinge. Jeder Grashalm, jedes Blatt war ein solches Wunder.
Und das alles spĂŒrte ich, weil ich ihre Hand gehalten hatte, weil ich ihr nahe sein konnte.
Ich eilte zurĂŒck in die Pension, in der ich nun wohnte, und verschlief das FrĂŒhstĂŒck.

Zu Mittag klopfte es an meine TĂŒr. Es war Dr. Z. Er sagte, er arbeite an der Konstruktion eines Apparates, mit dem man negative Ă€therische Schwingungen auflösen und positive erzeugen könne. Damit wĂ€re es theoretisch möglich, das soziale Leben und damit den Lauf der Geschichte positiv zu beeinflussen. Er lud mich ein, zu ihm hinĂŒber zu kommen und einen Blick auf seine Zeichnungen und Notizen zu werfen.
Er fĂŒhrte mich in sein Arbeitszimmer, das von einem großen Schreibtisch dominiert wurde, der mit BĂŒchern und Papieren bedeckt war.
Ich betrachtete eine Skizze, auf der mehrere grĂ¶ĂŸere Halbkugeln zu sehen waren, die auf StĂ€ndern oder FĂŒĂŸen standen. Eine Halbkugel war zur Mitte gerichtet, eine nach unten offen. Eine andere sollte offenbar an der Wand befestigt werden, als wolle sie die ganze Szenerie ĂŒberwachen. Eine Art Drahtgestell oder GerĂŒst befand sich zwischen den auf den StĂ€ndern befestigten Halbkugeln, daran befand sich eine kleinere Vollkugel.
Es war schwer zu sagen, welche Zwecke mit diesen Vorrichtungen beabsichtigt waren. Der zentrale Apparat schien mir etwas wie ein Kondensator zur Sammlung von aus dem Kosmos einströmenden Strahlen und Wirkungen zu sein, vielleicht auch ein Transformator von diesen.
Dr. Z. erklĂ€rte, daß er fĂŒr die Apparatur verschiedene Metalle verwenden wĂŒrde: Antimon, Kupfer, Nickel und Uran, außerdem einen noch unbekannten Stoff. Die hohle Halbkugel an der Wand sollte aus Kupfer sein. Die innere Seite war dem Zentralapparat zugewandt.
Ein anderer Apparat stellte eine Art Meßinstrument dar.
Dr. Z. sagte dazu, daß durch die Kenntnis ineinanderklingender Schwingungen und durch die Entwicklung neuer FĂ€higkeiten KrĂ€fte auftreten werden, die heute noch nicht nutzbar gemacht werden können oder noch völlig unbekannt sind, in der Zukunft aber zu jenen sozialen Folgen fĂŒhren wĂŒrden, welche die Grundlagen der neuen Gesellschaft ausmachten: Das Fehlen von Kriegen und UnterdrĂŒckung, das Zusammenleben aller Geschöpfe in Liebe und Harmonie, allgemeiner Wohlstand und Freiheit von materiellen ZwĂ€ngen.
Ich fragte Dr. Z., wann er mit seinen Erkenntnissen und Konstruktionen an die Öffentlichkeit gehen werde und man mit dem Bau eines derartigen Apparates beginnen könne.
Dr. Z. erwiderte, daß seine theoretischen Erkenntnisse kein Geheimnis seien, sie seien publiziert und einer geistigen Elite bekannt. Das Saatkorn sei in die Erde gesenkt, nun mĂŒsse die Pflanze sprießen und wachsen.
FĂŒr seine Apparatur sei die Zeit noch nicht gekommen. Nicht nur von der technischen Seite her – er verwies als Beispiel auf das noch zu findende Element – sondern auch unter moralischem Aspekt.
„Wenn meine Erfindung in die falschen HĂ€nde fĂ€llt,“ sagte er sorgenvoll, „könnte sie auch verhĂ€ngnisvolle Wirkungen haben. Ebenso, wie man mit ihr positive und harmonisierende Schwingungen erzeugen kann, könnte man auch negative, zerstörerische und unheilvolle KrĂ€fte entfesseln. MißbrĂ€uchlich und in großem Stil angewandt, wĂŒrde unserer Zivilisation durch die Anwendung dieser Energien schwerer Schaden, wenn nicht gar Vernichtung drohen.“
„Und wann könnte Ihrer Meinung nach die Menschheit die nötige moralische und technische Reife besitzen?“ fragte ich.
Dr. Z. zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht in zwanzig Jahren, vielleicht in fĂŒnfzig. Das ist im Augenblick schwer abzuschĂ€tzen. Sie wissen ja selber, in was fĂŒr einem desolaten Zustand sich unsere Welt gegenwĂ€rtig befindet.“
Er rĂ€umte seine PlĂ€ne und Aufzeichnungen in ein Schreibtischschublade, die er sorgfĂ€ltig verschloß.
Als ich nach meiner Post sah, fand ich einen Brief des Ehepaares Haslinger vor. Sie entschuldigten sich fĂŒr die unkomfortable Unterkunft, die sie mir vermittelt hatten. Man hĂ€tte ihnen versichert, der Platz wĂ€re fĂŒr einen Dichter ideal. Zum Ausgleich luden sie mich in ihre Villa am Rande der Stadt, in einem ausgedehnten Park ein. Sie erwarteten mich zum nĂ€chsten Wochenende. Ich wĂŒrde dort die Möglichkeit haben, interessante Persönlichkeiten des geistigen und kĂŒnstlerischen Lebens zu treffen. Im ĂŒbrigen wĂ€re es ihnen eine Ehre, mich als Gast zu beherbergen. Ich könnte so lange bleiben, wie ich wollte und bei ihnen völlig ungestört und sorgenfrei wohnen und schreiben. Ihr Haus, einschließlich des Personals, stĂŒnde zu meiner VerfĂŒgung.
Sie wĂŒrden zu einer vereinbarten Zeit eine Limousine mit ihrem Chauffeur zu mir schicken, um mich abzuholen.
Ich telephonierte zunĂ€chst mit meinem Verleger und fragte ihn nach seiner Meinung zu dem Angebot. Er gratulierte mir und riet mir dringend, anzunehmen. Ich wĂ€re damit viele Sorgen los und hĂ€tte mit einem Schlag Kontakt zu den fĂŒhrenden KrĂ€ften des geistigen Lebens dieser Stadt und dieses Landes.
Dann sprach ich mit ihr und Dr. Z. Sie waren beunruhigt.
Dr. Z. war der Ansicht, ich könne die Einladung nicht gut abschlagen, aber ich solle sehr vorsichtig sein.
„Sehen Sie sich genau um, seien Sie auf der Hut. Und bleiben Sie nicht lĂ€nger als eine Woche, höchstens vierzehn Tage. Beobachten Sie alles genau. Und bleiben Sie mit uns in Kontakt.“
„Ich mache mir Sorgen um Sie, Angelus,“ sagte sie und blickte mich traurig an, als mĂŒĂŸten wir wieder fĂŒr lange Zeit Abschied nehmen.

Zur vereinbarten Zeit, zehn Uhr an einem Sonntagvormittag, stand die Limousine der Haslingers vor der TĂŒr der Pension. Der Chauffeur öffnete mir die TĂŒr zum Fond des Wagens und nahm mir meinen Koffer ab, den er respektvoll im GepĂ€ckraum deponierte. Ich ließ mich mit einem unguten GefĂŒhl in die weichen Polster sinken und wir fuhren los.
Der kraftvoll surrende Motor des eleganten Wagens brachte uns schnell aus der Stadt hinaus. Wir durchfuhren Vororte, kamen an WĂ€ldern und Feldern vorbei und durchquerten Dörfer. In einem Dorf, durch das wir kamen, saßen einheitlich gekleidete Menschen apathisch auf BĂ€nken und StĂŒhlen vor den HĂ€usern und starrten ausdruckslos vor sich hin. Der Chauffeur erlĂ€uterte, daß in diesem Dorf ausschließlich Patienten einer psychiatrischen Anstalt lebten.
Bald darauf bog der Chauffeur von der Chaussee ab und fuhr in einen Seitenweg hinein, der vor einem großen schmiedeeisernen Tor endete. Das Tor öffnete sich selbsttĂ€tig und wir fuhren in einen dicht mit BĂ€umen bestandenen Park hinein. Schließlich hielt die Limousine vor einer im neugotischen Stil erbauten Villa, mit zinnenbewehrten Mauern und einem Turm. Der Chauffeur öffnete mir die WagentĂŒr. Ich stieg eine massive steinerne Treppe hinauf zum Portal. Der Chauffeur folgte mir mit meinem Koffer und lĂ€utete. Ein DienstmĂ€dchen mit weißer SchĂŒrze öffnete und begrĂŒĂŸte mich. Ich wĂŒrde schon erwartet. Ich trat ein.
Die Halle war ĂŒberraschend groß. An der mit dunklem Holz getĂ€felten Decke hing ein großer radförmiger Kronleuchter. Eine Treppe fĂŒhrte in die oberen RĂ€ume. Eine FlĂŒgeltĂŒr öffnete sich und das Ehepaar Haslinger trat ein. Sie begrĂŒĂŸten mich so herzlich, wie es ihnen möglich war. Frau Haslinger war bemĂŒht, sich den Anschein eines LĂ€chelns zu geben, ohne ihre GesichtszĂŒge verziehen zu mĂŒssen, ihr Ehemann wirkte etwas sauertöpfisch mit seiner grauen Ausstrahlung.
Sie erwarteten mich in etwa einer Stunde zum Mittagessen. Es wĂŒrde außer mir noch ein zweiter Gast anwesend sein. In der Zwischenzeit wurde ich von dem DienstmĂ€dchen in mein Zimmer geleitet, das sich in der oberen Etage befand.

Meine Unterbringung war komfortabel. Ich verfĂŒgte ĂŒber ein gerĂ€umiges Wohn- und Arbeitszimmer mit Blick auf den Park, ein daran anschließendes Schlafgemach und ein eigenes Badezimmer. An den WĂ€nden waren BĂŒcherregale und SchrĂ€nke mit einer guten Handbibliothek, die Lexika, Atlanten, WörterbĂŒcher und Klassikereditionen, aber auch eine Auswahl moderner Literatur umfaßte. Es gab im Haus natĂŒrlich auch eine richtige Bibliothek, die mir zur Benutzung offen stand. Der Schreibtisch war ausreichend mit Papier und SchreibgerĂ€t versehen. An jede Bequemlichkeit war gedacht, sogar eine kleine Bar war vorhanden.
Ich richtete mich hĂ€uslich ein, nahm ein Bad und setzte mich an den Schreibtisch. Mein Blick konnte, durch die hohen Fenster hindurch, ĂŒber die BĂ€ume des Parks schweifen.
Ich fĂŒhlte mich unbehaglich und verĂ€rgert, wie jemand, dem man allzu offensichtlich eine Falle stellt. Ich beschloß, nicht lĂ€nger als drei Tage zu bleiben. Und ich hatte Sehnsucht nach ihr. Ihre NĂ€he fehlte mir. Ich wĂŒrde gerne in einem noch so bescheidenen Zimmer wohnen, wenn ich nur sie in der Nachbarschaft wĂŒĂŸte.
Es wurde an die TĂŒr geklopft und ich wurde zum Essen gebeten.
Ich folgte dem DienstmĂ€dchen die Treppe hinunter in die Halle. Sie öffnete mir die FlĂŒgeltĂŒr und ich betrat einen elegant möblierten Raum, in dessen Mitte eine Tafel festlich gedeckt war. An der Stirnseite, in einer Nische, befand sich ein großer Spiegel in einem reich mit Ornamenten und Symbolen verzierten goldenen Rahmen.
Der zweite Gast war schon anwesend. Er saß in einem Ledersessel und blĂ€tterte in einem alten Buch. Bei meinem Eintreten erhob er sich höflich.
Er war nicht groß und schlank, seine silberweißen Haare deuteten auf ein vorgeschrittenes Alter hin. Seine GesichtszĂŒge waren gleichmĂ€ĂŸig und harmonisch, seine Haut braun und glatt. Er trug einen perfekt geschneiderten Anzug aus feinstem Stoff. Man spĂŒrte eine enorme geistige IntensitĂ€t, gepaart mit LiebenswĂŒrdigkeit. Das war ein Mensch, der andere zu bezaubern wußte.
Ich stellte mich mit meinem bĂŒrgerlichen Namen und meinem Dichternamen vor, unentschlossen, welcher hier angebracht war. Mein GegenĂŒber lĂ€chelte.
„Auch ich habe viele Namen,“ sagte er. „Nennen Sie mich Germain, so nannte mich Voltaire.“
WĂ€hrend ich noch ĂŒber diese merkwĂŒrdige Antwort nachgrĂŒbelte, öffnete sich die TĂŒr und unsere Gastgeber traten ein. Wir plauderten ein wenig bei einem Aperitif, dann baten sie zu Tisch. Mit Erstaunen stellte ich fest, daß nur fĂŒr drei Personen gedeckt war.
„Unser Gast ißt andere Speisen als wir,“ sagte Frau Haslinger, auf Herrn Germain deutend.
„Dennoch ist er so liebenswĂŒrdig, uns Gesellschaft zu leisten.“
„Gehören Sie einer Religionsgemeinschaft an?“ fragte ich.
„Ich gehöre in der Tat verschiedenen, auch religiösen, Gemeinschaften an“, sagte Herr Germain, „zuvorderst denen der Freimaurer und der Rosenkreuzer. Doch hat das eigentlich nichts mit meinen Eßgewohnheiten zu tun. Die haben sich im Laufe eines der Erkenntnis gewidmeten Lebens aus Einsicht, Erfahrung und Gewohnheit herausgebildet. Es hĂ€ngt wohl auch damit zusammen, daß ich Chemiker bin.“
„Unser Gast ist zu bescheiden,“ sagte Frau Haslinger. „In Wahrheit ist er nicht nur Chemiker, sondern mit ebenso großem Ruhm Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Mechaniker und Diplomat. Allerdings hat er auf dem chemischen oder alchemistischen Gebiet die spektakulĂ€rsten Erfolge erzielt. Man sagt, es sei ihm gelungen, Blei in Gold umzuwandeln.“
„Das ist zutreffend,“ sagte Herr Germain. „Allerdings halte ich dieses Experiment fĂŒr weniger interessant. Vielmehr ergab ich mich lieber der Beobachtung der Bildung von Kristallen, ihrer Auflösung und Verbrennung. Diese VorgĂ€nge riefen religiöse Empfindungen in mir wach und fĂŒhrten mich zu Erkenntnissen ĂŒber den Zusammenhang aller KrĂ€fte im Mikro- und im Makrokosmos.“
Er zitierte:
„Den wachsamen Blick auf die Natur gerichtet,
erkannte ich Wesen und Ende der Einheit.
Ich sah im Erze das goldene Licht,
ich erfasste den Stoff und entdeckte den Keim“.
„Wie erstaunlich!“ rief Frau Haslinger aus.
„Hatten Sie ĂŒbrigens eine gute Reise, Herr Germain?“ fragte Herr Haslinger.
„Es war sehr beeindruckend,“ erwiderte der Gast. „Ein unvergeßliches Erlebnis. Die Geschwindigkeit, mit der wir durch den Raum jagten, lĂ€sst sich mit nichts anderem vergleichen. In einem Augenblick hatte ich die Sicht auf die unten liegenden Ebenen vollkommen verloren. Die Erde erschien mir nur noch wie eine verschwommene Wolke. Man hatte mich zu riesiger Höhe emporgehoben. Eine ganze Weile zog ich durch die Wolken dahin. Ich sah Himmelskörper sich um mich herum drehen und Erdkugeln zu meinen FĂŒĂŸen versinken“.
Zu jenem Zeitpunkt hielt ich hielt seine Worte fĂŒr die eines inspirierten Dichters, der in etwas schwĂ€rmerischer Weise eine Reise mit einem Flugzeug beschreibt.
„Was meinten Sie eigentlich, als Sie sagten, Voltaire habe Sie Germain genannt,“ erkĂŒhnte ich mich zu fragen.
„Ich habe diese Welt besucht vor der atlantischen Katastrophe, die ihr die Sintflut nennt. Ich lehrte Salomo die Weisheit, diskutierte mit Sokrates und besuchte Pythagoras. Ich habe kein Alter,“ sagte Herr Germain lĂ€chelnd.
„Nein, im Ernst, mein Freund,“ fuhr er fort, „als geistiger Mensch lebt man nicht nur in der Gegenwart. Man steht mit den bedeutenden Persönlichkeiten der Vergangenheit zuweilen auf vertrauterem Fuße als mit seinen Zeitgenossen. Die zeitlichen Relationen heben sich auf und manchmal vergesse ich ganz, in welcher Zeit ich mich eigentlich befinde. Ich bitte um Entschuldigung fĂŒr diesen lapsus linguae.“
Seine ErklĂ€rung klang seltsam, aber ich konnte sie akzeptieren. Doch lĂ€chelten jetzt alle am Tisch so sonderbar, daß ich mich unbehaglich fĂŒhlte.
„Darf man fragen, ob Ihre Mission von Erfolg gekrönt war?“ wandte sich Herr Haslinger erneut an den geheimnisvollen Gast.
„Sie war ĂŒberaus erfolgreich, das darf ich wohl sagen,“ erwiderte dieser. „Nicht nur, daß ich das fragliche Element zweifelsfrei identifizieren, isolieren und analysieren konnte. Ich sehe mich auch in der Lage, es unter den heute ĂŒblichen Bedingungen jederzeit in einem beliebigen chemischen Labor herzustellen.“
Herr und Frau Haslinger blickten sich vielsagend an.
Nach dem Essen ging ich ein wenig ins Freie. Die Villa stand inmitten eines ausgedehnten Parks, der von einer Mauer umgeben war. Nach einem nachdenklichen Spaziergang trank ich den Kaffee in meinem Zimmer. Die Zeit bis zum Abendessen vertrieb ich mir mit Lesen.
Das Abendmahl nahm ich allein zu mir. Die Haslingers waren ausgegangen und der geheimnisvolle zweite Gast beteiligte sich nicht an der Mahlzeit. Nach dem Essen und dem guten Wein ging ich in mein Zimmer und spĂŒrte, wie mich MĂŒdigkeit ĂŒberkam. Ich legte mich auf das Bett und schlief sofort ein.
Es war mitten in der Nacht, als ich erwachte. Der Mond schien durch die hohen Fenster und erleuchtete das Zimmer. Ich stand auf, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen. Als ob ein sanfter, aber stetiger Sog mich erfaßt hĂ€tte. Ich ging zur TĂŒr, öffnete sie, und trat hinaus auf den von gedĂ€mpftem Licht schwach erleuchteten Gang. Dem sanften Sog folgend ging ich zur Treppe und hinunter in die Halle. Dort zog es mich zur FlĂŒgeltĂŒr und dem angrenzenden Raum, in dem wir gespeist hatten. Auch dieser Raum war vom Mondlicht erleuchtet. Immer noch dem sanften Sog folgend, ging ich in Richtung des großen Spiegels. Als ich davor stand, erschrak ich. In dem Siegel sah ich das hinter mir liegende Zimmer und sonst – nichts. Ich sah nicht mein eigenes Spiegelbild.
Was hatte das zu bedeuten? Ich wußte von der Existenz eines Ätherleibes, der nicht materieller Natur war, aber wenn ich in meinem Ätherleib wandelte, wo war dann mein physischer Körper?
Es war mir nicht vergönnt, lange darĂŒber nachzudenken. Die beharrliche Kraft zog mich zu dem Spiegel. Ich berĂŒhrte ihn, tauchte in ihn ein und hatte ihn plötzlich durchquert.
Der Sog, der mich bis hierher sanft gefĂŒhrt hatte, gewann augenblicklich die StĂ€rke eines Tornados und riß mich in die Höhe. Ich sah unter mir die Villa und den Park entschwinden. Wolkenfetzen flogen an mir vorbei. Dann sah ich die von Wolken umhĂŒllte blaue Erde unter mir. Sie entfernte sich rasend schnell. Sterne umtanzten mich und ich umkreiste die Sonne. Dann sah ich die Erde – war es die Erde? – wieder aus der Ferne auftauchen. Sie raste nĂ€her, ich fiel auf sie herab, fiel durch Wolkenfelder, fiel unaufhaltsam. Mir schwanden die Sinne.

Als ich wieder zu mir kam, sah ich ĂŒber mir die Metallfedern eines Bettgestells und eine Matratze. Ich lag auf der unteren Etage eines metallenen Doppelstockbettes in einem engen, schmalen Raum. Die WĂ€nde waren mit grauer Ölfarbe gestrichen. Das Licht fiel durch ein hochgelegenes Fenster, das vergittert war und vor dem sich eine Sichtblende befand. Es gab eine Toilette und ein Waschbecken. Ein grobes rechteckiges Brett und ein kleineres, die wohl als Tisch und Stuhl dienen sollten, waren an der Wand befestigt und hochgeklappt. An der dem Fenster gegenĂŒber befindlichen Schmalseite gewahrte ich eine eisenbeschlagene TĂŒr mit einem runden Guckloch in Augenhöhe.
Ich begriff, daß ich mich in einer GefĂ€ngniszelle befand. Ich setzte mich auf und sah mich um. Irgendetwas war aus den Fugen geraten. War es der Raum, war es die Zeit, war es das Universum? Wo war Gott in diesem ganzen Durcheinander?
Dann hörte ich schwere Riegel krachen, ein SchlĂŒssel rasselte im Schloß. Die TĂŒr wurde aufgerissen und ein Uniformierter erschien. Er bedeutete mir, mitzukommen. Ich trat hinaus.
Ich befand mich auf dem Umlauf einer Galerie. In der Mitte war ein tiefer Schacht, ĂŒber den ein Metallnetz gespannt war. Über mir und unter mir waren Ă€hnliche Galerien. Alle GerĂ€usche hallten und alles war in ein gleichmĂ€ĂŸiges graues Licht getaucht.
Ich ging mit dem Uniformierten eine eiserne Treppe hinunter, dann durch eine seitliche TĂŒr in einen Korridor. Dort wurde mir bedeutet, mich auf eine Bank zu setzen. Nachdem ich eine Weile gesessen hatte, immer noch leicht benommen und ohne VerstĂ€ndnis fĂŒr das, was mit mir geschah, wurde ich in ein Zimmer gefĂŒhrt. Hinter einer Barriere saß eine grau gekleidete Frau mittleren Alters an einem Schreibtisch.
Sie bewegte keinen Gesichtsmuskel. Das erinnerte mich an Frau Haslinger.
Sie fragte mich, wer ich wÀre und ob ich eine Einreisegenehmigung hÀtte.
Ich nannte meinen Namen und sagte, ich wĂŒĂŸte weder wo ich sei, noch, was mit mir geschehen wĂ€re.
„Sie haben unbefugt eine interplanetare Transitstrecke benutzt und befinden sich jetzt auf der Erde. Auf der einzig legitimen, rechtmĂ€ĂŸigen Erde, nicht auf dem systembedingt verkommenen GegenstĂŒck, das bei Ihnen anmaßend als Erde bezeichnet wird. Sind Sie sich darĂŒber im klaren, daß Sie sich des Verstoßes gegen das Transitgesetz schuldig gemacht haben, und was das fĂŒr Sie fĂŒr Folgen haben kann?“
Ich schwieg verwirrt. Die Beamtin hatte ein Formular in ihre Schreibmaschine gespannt und zu tippen begonnen.
„Welches ist Ihr Herkunftsland?“ fragte sie.
Ich nannte mein schwer geprĂŒftes Heimatland.
Die Beamtin blickte von ihrem Formular auf und sah mich zum erstenmal richtig an.
„Das verĂ€ndert natĂŒrlich Ihre Situation. Dann kommen Sie ja aus der Exklave Alpha. Immerhin hĂ€tten Sie einen Pass bei sich fĂŒhren mĂŒssen.“
Sie zog das Formular aus der Schreibmaschine, warf es in den Papierkorb, spannte ein anderes ein und begann erneut zu tippen.
„Ich stelle Ihnen eine Kurzaufenthaltsgenehmigung aus. Nach deren Ablauf mĂŒssen Sie die Erde wieder verlassen. Da Sie zum erstenmal hier sind, werde ich Sie einer Besuchergruppe zuteilen.“
Nachdem sie alle Angaben zu meiner Person eingetragen hatte, mußte ich wieder im Gang Platz nehmen. Nach einer Weile kam eine untersetzte jĂŒngere Frau mit aschblondem gelockten Haar, ebenfalls in Grau gekleidet, um mich abzuholen. Wir gingen durch verschiedene GĂ€nge, durch schwere TĂŒren, die von Uniformierten aufgeschlossen wurden. Zum Schluß durchquerten wir eine Schleuse und traten auf einen Hof, den wir ĂŒberquerten.
Sie brachte mich zu einer Gruppe von scheu herumstehenden Menschen, die, wie sich herausstellte, Landsleute von mir waren. Es handelte sich um mittlere FunktionĂ€re aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: Parteichargen, WirtschaftsfunktionĂ€re, Verwaltungsangestellte, Kulturschaffende. Ich hielt mich abseits und versuchte, meine IdentitĂ€t als AbtrĂŒnniger und Emigrant zu verheimlichen.
Wir stiegen alle in einen bereitstehenden Bus. Die junge, untersetzte Frau nahm vorne neben dem Fahrer Platz. Sie begrĂŒĂŸte uns ĂŒber ein Mikrophon, das sie in der Hand hielt. Sie sei fĂŒr diesen Tag unsere Reisebegleiterin, ihre IdentitĂ€tsnummer sei 64 49 B 28. Wie wir sicher wĂŒĂŸten, gĂ€be es keine Namen auf der Erde. Der Einfachheit halber könnten wir B 28 zu ihr sagen. Der Bus fuhr langsam an, ein Tor öffnete sich und wir fuhren hinaus. Alle sahen gespannt aus den Fenstern.
ZunĂ€chst war nicht viel zu sehen. Graue, uninteressante HĂ€user, öde Straßen. Es gab keine Reklame, kaum Verkehr, wenig Passanten. Vor einem Laden stand eine lange Schlange von trist aussehenden Menschen. Mein Vordermann flĂŒsterte seinem Nachbarn zu, daß dies einer der wenigen Orte sei, wo zeitweilig alkoholische GetrĂ€nke verkauft wĂŒrden.
Der Bus setzte unbeirrt seine Fahrt fort und in der Ferne wurde ein riesiger Turm sichtbar. Meine Mitreisenden stießen sich an und machten sich gegenseitig darauf aufmerksam. Je nĂ€her wir kamen, um so riesiger ragte der Turm empor und um so mehr schien er alles um sich herum zu beherrschen.
B 28, unsere Reiseleiterin, erlĂ€uterte, daß der Turm einer von mehr als einem Dutzend auf dem Planeten wĂ€re. Er ragte nicht nur mehrere hundert Meter hoch in den Himmel, sondern reichte genauso tief in die Erde. Er beherbergte Werkhallen, Forschungslabors, Erholungseinrichtungen, Wohnungen, KindergĂ€rten, Schulen, HörsĂ€le, HospitĂ€ler, Kinos und Theater. Die Menschen, die hier lebten, brauchten den Turm nie zu verlassen. Sie kannten keine Not und keine Sorgen.
„Was Sie heute als unsere Gegenwart erleben, ist Ihre Zukunft,“ sagte B 28. „Sie werden ihre Pioniere und Schöpfer sein. PrĂ€gen Sie sich das Gesehene gut ein, damit Sie wissen, wofĂŒr Sie auf Ihrem Planeten kĂ€mpfen. Es ist der von den Fesseln von Not und Ausbeutung befreite Mensch, dessen schöpferische Möglichkeiten nahezu unbegrenzt sind.“
Der Bus hatte eine Hochstraße erreicht, auf der zahlreiche Transportfahrzeuge zum Turm unterwegs waren, beladen mit Rohstoffen und Lebensmitteln. Auf einer tiefer gelegenen Ebene waren GĂŒterzĂŒge zu sehen, die ebenfalls zum Turm fuhren oder von ihm kamen. Auf KanĂ€len schwammen LastkĂ€hne, der Turm verfĂŒgte auch ĂŒber einen großen Binnenhafen. Auf dem Dach befand sich ein Flugplatz, unentwegt starteten und landeten dort Flugzeuge.
Der Bus fuhr eine Auffahrt hinauf in eine große Halle. Wir stiegen aus, durchquerten eine Sperre und stiegen in einen Fahrstuhl von der GrĂ¶ĂŸe eines Eisenbahnwagens. Wie in einem Flugzeug befanden sich darin Sitze, auf denen wir Platz nahmen. Wir mußten uns anschnallen, dann ging es mit großer Geschwindigkeit in die Tiefe. B 28 erklĂ€rte, daß wir jetzt Produktionsanlagen besichtigen wĂŒrden, die sich unter der Erde befanden.
Nachdem der Fahrstuhl zum Halten gekommen war, fĂŒhrte sie uns in einen großen, von kĂŒnstlichem Licht taghell erleuchteten Saal. Es herrschte eine erstaunliche Ruhe, man hörte nur gelegentlich blubbernde oder piepende GerĂ€usche. Große BehĂ€lter und Pressen waren durch Rohre und SchlĂ€uche miteinander verbunden. Arbeiter in silbergrauen SchutzanzĂŒgen und mit Plastikhelmen auf den Köpfen liefen umher, ĂŒberwachten MeßgerĂ€te oder drehten hier und dort an RĂ€dern.
Ein Ingenieur erschien und erlĂ€uterte uns die ProduktionsvorgĂ€nge. Aus einem polymeren Grundstoff wurden hier die mannigfaltigsten Artikel hergestellt. Unentwegt verließen Paletten mit den fertigen Produkten die Werkhalle. Es waren Plastikmöbel, Plastikgeschirr, Plastikautokarossen, Plastikblumen, Plastikspielzeug. Alles wurde in den Farben Eierschale oder Hellblau gefertigt.
„Die Eigenschaften unserer chemisch produzierten Materialien ĂŒbertreffen die der natĂŒrlichen Stoffe bei weitem,“ sagte der Ingenieur. „Sie widerstehen Korrosion und Gewalteinwirkung, sie sind leicht zu sĂ€ubern und nahezu unverwĂŒstlich.“
Zur Demonstration nahm er eine mit Blumen gefĂŒllte Vase, hielt sie mit ausgestrecktem Arm von sich und ließ sie auf den Boden fallen. Anstatt zu zerbrechen, schnellte sie wieder empor und der Ingenieur fing sie mĂŒhelos auf. Dann drehte er die Vase mit der Öffnung nach unten, ohne daß die Blumen herausfielen oder Wasser auslief. Anschließend stellte er die Vase wieder auf den Tisch, wo sie stand, als wĂ€re nichts passiert. Bewunderndes Gemurmel wurde unter den Zuschauern laut.
Wir fuhren daraufhin in eine andere Etage. Unsere FĂŒhrerin sagte, uns erwarte nun eine besondere Attraktion, etwas, was man nicht jeder Besuchergruppe bieten könne. Wir hĂ€tten die Gelegenheit, in ein Filmstudio hineinzuschauen, wo gerade einer der sehr populĂ€ren Liebesfilme gedreht wĂŒrde. Es wĂ€re aber erforderlich, daß wir uns ganz ruhig verhielten, um die Dreharbeiten nicht zu stören.
Sie öffnete eine gepolsterte TĂŒr und wir betraten mit angehaltenem Atem das Studio. Wir schlichen uns vorwĂ€rts, bis wir einen Blick auf das Set erhaschen konnten. Die Dekoration stellte das Innere einer Wohnung dar und war in Eierschale und Hellblau gehalten. Auf dem hellblauen Sofa saßen eine sorgfĂ€ltig frisierte junge Frau in einem hellblauen Kleid und ein ebenfalls sorgfĂ€ltig frisierter und rasierter Mann in einem eierschalenfarbenen Anzug. Sie hielten einander an den HĂ€nden und sahen sich mit leuchtenden Augen an. Die Kamera surrte, es wurde gerade eine Einstellung gedreht..
„Ich bin so froh, daß du dich zu diesem weiterfĂŒhrenden Studium entschlossen hast, ohne deine Arbeit zu unterbrechen,“ sagte der Mann zĂ€rtlich.
„Ich weiß ja auch, daß unser kleiner 8467 F 97 im Kindersegment gut aufgehoben ist,“ erwiderte sie.
„Weißt du was?“ fuhr er fort. „Am Sonntag besuchen wir ihn und gehen mit ihm in den Plastikzoo.“
„O, das wird wunderbar,“ sagte sie und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Ich bin ja so glĂŒcklich.“
Auf ein Zeichen unserer Begleiterin gingen wir auf Zehenspitzen wieder hinaus. Sie wischte sich heimlich eine TrÀne aus dem Augenwinkel.
„Da entsteht wieder ein Film, der die Herzen unserer Menschen bewegen wird,“ sagte sie, als wir das Studio verlassen hatten.
Wir gingen in den Fahrstuhl zurĂŒck, setzten uns auf unsere PlĂ€tze und schnallten uns an. Unsere Reiseleiterin sagte, wir wĂŒrden nun einen grĂ¶ĂŸeren Höhenunterschied zurĂŒcklegen. Sie empfahl uns, ab und an zu schlucken, um den Druckunterschied auszugleichen.
Wir fuhren eine lĂ€ngere Zeit mit betrĂ€chtlicher Geschwindigkeit nach oben. Man konnte die AufwĂ€rtsbewegung nur spĂŒren, zu sehen war nichts. Schließlich hielt der Fahrstuhl und die TĂŒr öffnete sich. Helles Tageslicht und frische Luft strömten uns entgegen. Wir gingen hinaus und standen auf einer gerĂ€umigen Aussichtsplattform. Der Wind zauste an Haaren und Kleidern.
Wir blickten ins Land und sahen unter uns ein Netz von Straßen und Schienen. Im Mittelpunkt des Netzes war der Turm, wie eine große Spinne. Alle Wege fĂŒhrten zu ihm.
Aus dieser Höhe unterschied man keine einzelnen GebĂ€ude mehr, sondern sah nur noch Segmente, eingerahmt von Straßen, Eisenbahnlinien und KanĂ€len. Große Areale wurden von qualmenden Fabriken eingenommen. Die grauen Vororte mit ihren tristen Behausungen dehnten sich bis zum Horizont.
Direkt neben uns sahen wir den Flugplatz mit LandeflĂ€chen fĂŒr Helikopter und Rollbahnen fĂŒr die großen Transportflugzeuge.
Dahinter sah ich auf einer Betonplattform eine gigantische Apparatur. Sie bestand aus großen metallenen Halbkugeln und glich dem Entwurf, den ich bei Dr. Z gesehen hatte.
Unsere Begleiterin erklĂ€rte uns, daß mit dieser Apparatur , von deren Art es noch mehrere gĂ€be, spezielle Ätherschwingungen erzeugt wĂŒrden. Mit ihrer Hilfe wĂŒrden die Transitverbindungen zu unserem Heimatplaneten hergestellt. Man könne mit diesen Schwingungen aber auch auf die Entwicklung im gesamten Universum einwirken. Die VorgĂ€nge auf unserem Planeten wĂŒrden durch sie schon gezielt beeinflußt.
Revolutionen und Unruhen, fuhr die neue Kassandra fort, Massenhysterien, verbunden mit dem Erscheinen charismatischer FĂŒhrer, Kriege und Verbrechen bisher ungekannten Ausmaßes, die fabrikmĂ€ĂŸig betriebene Ermordung von Millionen von Menschen, neue Waffen und Vernichtungsmittel, Bomben, die ĂŒber beliebige Entfernungen mit einem Schlag Hunderttausende Menschen töten konnten, die Zerstörung der natĂŒrlichen Umwelt – all diese VerhĂ€ngnisse wĂŒrden die irdische Zivilisation heimsuchen, sie zermĂŒrben und schwĂ€chen und die Voraussetzungen schaffen fĂŒr eine neue Zivilisation, wie sie auf diesem Planeten, auf dem wir uns befĂ€nden, schon Wirklichkeit sei.
Mich erfaßte ein Schauder. Ich hatte genug gehört und gesehen. Ich wußte nun, was meine Aufgabe war. Ich mußte zurĂŒckkehren und Dr. Z. und die Regierungen der westlichen Demokratien davon ĂŒberzeugen, nunmehr alle Anstrengungen zu unternehmen, um Dr. Z.‘s Konstruktion zu realisieren und schleunigst so viele jener Apparate wie möglich zu bauen und in Betrieb zu setzen, um die schĂ€dlichen Ätherschwingungen, mit denen uns unser Zwillingsplanet ĂŒberschwemmte, außer Kraft zu setzen.
Mit einem Wort, ich mußte die Menschheit retten. Ich konnte nur beten und hoffen, daß es dafĂŒr noch nicht zu spĂ€t war.
Unsre FĂŒhrerin verkĂŒndete, daß unsere Besichtigungstour nun zu Ende ginge.
„Ich wĂŒrde Ihnen mit VergnĂŒgen noch mehr von unserem Leben zeigen, aber Ihre Besuchszeit ist erschöpft. Sie werden jetzt in den Bus zurĂŒckkehren, der Sie zu Ihrem Terminal bringen wird.“
Ein Sprecher der Gruppe trat vor und bedankte sich im Namen aller fĂŒr das wundervolle Erlebnis.
„Es wird uns beflĂŒgeln in unserem Kampf, eine ebensolche herrliche Ordnung in unserer Welt zu errichten,“ schloß er nicht ohne innere Bewegung. Alle applaudierten.
Dann stiegen wir wieder in den Fahrstuhl, der uns nach unten brachte. Mit dem Bus fuhren wir zurĂŒck. Die Straßen sahen öde und trostlos aus. Vor den wenigen GeschĂ€ften standen Schlangen von mĂŒrrisch blickenden, grau gekleideten Menschen. Sie gehörten zu dem Teil der Population, der nicht im Turm wohnte und arbeitete.
Der Bus hielt vor einem großen, dĂŒsteren GebĂ€ude. Ein Tor öffnete sich und wir fuhren in einen gerĂ€umigen Innenhof. Die Reisegruppe stieg aus und begab sich zu einer Schleuse. Als ich mich anschließen wollte, hielt mich unsere Begleiterin zurĂŒck.
„Sie mĂŒssen einen anderen Übergang benutzen,“ sagte sie. „Sie können nur auf dem Transitweg zurĂŒckkehren, auf dem Sie hergekommen sind. Sonst finden Sie Ihren physischen Leib nicht wieder und lösen sich nach einiger Zeit im Äther auf.“
Sie fĂŒhrte mich wieder durch GĂ€nge, die an den Seiten mit grauer Ölfarbe gestrichen waren, zu einem Raum, in dem ein Wachtposten hinter einem Schalter saß. Ich ĂŒbergab ihm mein Visum und er fragte, ob ich zollpflichtige GegenstĂ€nde bei mir hĂ€tte, oder etwa solche, deren Ausfuhr verboten sei.
Ich verneinte. Er warf einen prĂŒfenden Blick auf mich. Da ich keinerlei GepĂ€ck bei mir hatte, ließ er mich ohne weitere Kontrolle passieren.
Ich betrat daraufhin einen weiteren, schmalen Raum, der völlig leer war. Lediglich an seiner Stirnseite befand sich ein großer Spiegel. Dieser hatte die Form des Spiegels im Hause der Haslingers, nur fehlte ihm der reich verzierte Rahmen. Ich spĂŒrte wieder jenen eigentĂŒmlichen Sog. Ich trat nĂ€her. Erneut schauderte ich ĂŒber das Fehlen meines Spiegelbildes. Ich berĂŒhrte das Glas zunĂ€chst vorsichtig mit der ausgestreckten Hand und schritt dann entschlossen hinein. Sofort wurde ich von einem Wirbel erfaßt, der mich in die Höhe riß. Wieder sausten Wolkenfetzen an mir vorbei. Die falsche Erde entschwand unter mir. Sonne und Sterne umtanzten mich. Dann sah ich unseren Heimatplaneten in der Ferne auftauchen. Ich raste mit ungeheurer Geschwindigkeit auf ihn zu, stĂŒrzte auf ihn hinab und verlor das Bewußtsein.

Als ich zu mir kam, war alles um mich herum hell. Es war Tag, vielleicht Vormittag. Ich lag wieder in einem Bett, diesmal allerdings in einem Krankenzimmer. Alles war weiß gestrichen, die WĂ€nde, ein Schrank, die Heizkörper. Neben mir befand sich ein weißer Nachttisch. Dann war da noch ein weiteres Bett, in dem jemand lag. Ich richtete mich auf und sah hinĂŒber.
Mein Zimmergenosse schien zu schlafen. Seine HĂ€nde waren mit Ledermanschetten festgeschnallt. Neben seinem Bett stand ein MetallstĂ€nder mit einer Glasflasche, von der ein Schlauch in die Beuge seines rechten Armes fĂŒhrte. Offenbar bekam er eine Infusion.
Ich erkannte ihn sofort wieder. Es war der geheimnisvolle zweite Gast des Ehepaares Haslinger, der sich Germain genannt hatte.
Immer noch etwas benommen, stand ich auf und ging zu ihm. Ich beugte mich ĂŒber ihn und sprach ihn leise an.
„Herr Germain!“
Er schlug die Augen auf und blickte mir ins Gesicht. Mich erkennend, lÀchelte er.
„Guten Tag, Herr Angelus. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise.“
„Ich danke fĂŒr die Nachfrage,“ antwortete ich etwas verwirrt. „Ich habe alles gut ĂŒberstanden. Nur am Ende wurde ich jedesmal ohnmĂ€chtig und wußte nicht, was mit mir geschah.“
„Das kann einem schon passieren, wenn man ĂŒber eine weniger robuste Konstitution verfĂŒgt,“ sagte Herr Germain, immer noch lĂ€chelnd. „Aber jetzt sind Sie ja wohlbehalten wieder daheim. Lassen Sie sich aber von einem Freund einen guten Rat geben. Reden Sie zu niemandem von dieser Reise. Es muß Ihr Geheimnis bleiben. Ansonsten wird es Ihnen ĂŒbel ergehen.“
„Und was ist mit Ihnen?“ fragte ich. „Warum liegen Sie hier und warum hat man Sie festgebunden?“
„Ach, machen Sie sich nur meinetwegen keine Sorgen,“ sagte Herr Germain leise, fast flĂŒsternd. „Man wird mich schon wieder losbinden. Aber erzĂ€hlen Sie, wie ist es Ihnen auf der anderen Seite ergangen?“
Ich erzĂ€hlte so kurz wie möglich, was ich auf unserem Zwillingsplaneten erlebt hatte. Danach schwiegen wir fĂŒr einen Moment.
„Es ist leider wahr,“ sagte mein Zimmergenosse schließlich nachdenklich. „Alle die Übel, die Ihre FĂŒhrerin nannte, werden der Bevölkerung unseres Planeten nicht erspart bleiben. Aber dennoch werden die MĂ€chte der Finsternis ihr Ziel, die Herrschaft ĂŒber die Menschheit zu gewinnen, nicht erreichen, denn auch die KrĂ€fte des Lichtes sind nicht untĂ€tig. Die entscheidenden KĂ€mpfe finden in dem fĂŒr uns unsichtbaren Ätherraum statt, und jedem dunklen Engel stellt sich eine Lichtgestalt entgegen. Dennoch wird die Zahl der Opfer groß sein.“
„Die Schöpfung,“ fuhr er fort, und schien die Fesseln an seinen HĂ€nden ganz vergessen zu haben, „vollzog sich von Anbeginn mit Hilfe zweier großer KrĂ€fte, die beide Werkzeuge Gottes sind. Ich will sie nicht gut und böse nennen, denn das sind menschliche Begriffe, die die Natur nicht kennt. Nennen wir sie hell und dunkel. Sie werden im Ätherbereich verkörpert durch Brahman oder Christus auf der einen und durch Ahriman oder Satan auf der anderen Seite. Der letztere wird auch Antichrist genannt. Diese beiden liegen miteinander stĂ€ndig im Kampf und bewirken dadurch den Fortgang der Schöpfung. Wenn einer von beiden siegt, bedeutet das das Ende dieses Schöpfungszyklus und eine neue Schöpfung mĂŒĂŸte durch Gott erfolgen. NatĂŒrlich glauben wir als Christen, daß am Ende Christus siegen und Satan unterliegen wird.
Offenbar hat Ahriman die Herrschaft auf jenem GegenstĂŒck der Erde erlangt und schickt nun seine DĂ€monen auf unsere Seite hinĂŒber, um auch unseren Planeten seinem Reich einzuverleiben. Man muß gewĂ€rtig sein, daß wir von seinen Kreaturen umzingelt sind. Darum nochmals mein Rat: Kein Wort ĂŒber Ihren Ausflug.“
Er lehnte sich zurĂŒck und schloß die Augen, mir damit zu verstehen gebend, daß er das GesprĂ€ch fĂŒr beendet hielt.
Bald darauf erschien ein hĂŒnenhafter Pfleger. Als er mich wach fand, fragte er nach meinem Befinden, maß Puls, Temperatur und Blutdruck und trug alles sorgfĂ€ltig in ein Krankenblatt ein. Dann entfernte er die Infusionsnadel aus dem Arm meines Mitpatienten, löste dessen lederne Fesseln und fuhr das Gestell mit der leeren Glasflasche hinaus.
Kurze Zeit spĂ€ter kam er wieder und forderte mich auf, ihm zu folgen. Er fĂŒhrte mich in ein Behandlungszimmer, in dem eine noch junge, brĂŒnette Ärztin hinter einem Schreibtisch saß. Sie begrĂŒĂŸte mich freundlich, reichte mir die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.
Sie sagte, ich befinde mich in einer psychiatrischen Heilanstalt, da ich vergangene Nacht in einem Zustand geistiger Verwirrung von der Polizei ganz in der NĂ€he aufgegriffen und hierher gebracht worden sei.
Ich nannte meinen Namen und meine Adresse und gab an, meine letzte Erinnerung wÀre, Gast im Hause einer Familie Haslinger gewesen zu sein. Der Warnung meines rÀtselhaften Bekannten eingedenk, erwÀhnte ich nichts von meiner interplanetaren Reise.
Die junge Ärztin stellte mir noch einige Fragen, meine Gesundheit und frĂŒhere Erkrankungen betreffend, die ich alle zufriedenstellend und erschöpfend beantworten konnte. Sie sagte, man werde mich noch einige Tage zur Beobachtung da behalten und dann könnte ich voraussichtlich wieder nach Hause gehen. Ob man jemanden benachrichtigen solle.
Ich nannte Namen und Telephonnummer meines Verlegers, die sich die Medizinerin notierte.
Dann fragte ich sie nach meinem Zimmergenossen, warum er hier sei und warum man ihn gefesselt hatte.
Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurĂŒck und sah mich lĂ€chelnd an.
„Kennen Sie ihn?“ fragte sie.
„Ich traf ihn im Hause der Haslingers.“
„Und ist Ihnen nichts an ihm aufgefallen?“
„Ein wenig sonderbar schien er mir schon zu sein,“ gab ich zu.
„Er leidet unter Schizophrenie,“ sagte sie, immer noch leicht lĂ€chelnd. „Wir mĂŒssen ihn zuweilen anschnallen, wenn er einen seiner SchĂŒbe bekommt. Dann ist er eine Gefahr fĂŒr sich und andere. Aber Sie können unbesorgt sein. Seinen letzten Schub hat er gerade erst gehabt und der nĂ€chste braucht seine Zeit, um sich aufzubauen. Wir haben ihn unter stĂ€ndiger Beobachtung. Wie hat er sich Ihnen denn bei ihrer ersten Begegnung vorgestellt?“
„Er sagte, ich könne ihn mit Germain anreden. So habe ihn Voltaire genannt.“
„Das ist typisch fĂŒr ihn. Er bildet sich ein, der Graf von Saint Germain zu sei, ein legendenumwobener portugiesischer Abenteurer aus dem 18. Jahrhundert. Er behauptet es nie direkt, aber er macht stĂ€ndig Andeutungen, die in diese Richtung weisen sollen. Wie bei Ihnen die beilĂ€ufige ErwĂ€hnung Voltaires. Der historische Saint Germain war tatsĂ€chlich mit Voltaire bekannt und stand mit ihm in Briefwechsel. Er soll Voltaire die Stunde seines Todes genannt und fĂŒr das zwanzigste Jahrhundert bewegte Bilder und Flugmaschinen vorausgesagt haben.
Es ist erstaunlich, wie die Figur des Grafen, der angeblich ein Zeitreisender sein soll, immer wieder die Phantasie der Menschen, und gerade vieler Schizophrener, beschĂ€ftigt. Ihr Bekannter, der tatsĂ€chlich Rakoczy heißt und aus SiebenbĂŒrgen stammt, kann froh sein, daß er augenblicklich der einzige Saint Germain unter unseren Patienten ist. Wir hatten schon mehrere, wie ĂŒbrigens auch der wirkliche Saint Germain zu seinen Lebzeiten und auch nach seinem Tod zahlreiche DoppelgĂ€nger hatte. Aber mit Sicherheit ist dieser der ĂŒberzeugendste von allen, das muß ich zugeben. Er ist kein Dummkopf, wir haben ihn getestet. Sein geschichtliches Detailwissen ist erstaunlich und verblĂŒfft sogar versierte Historiker.
Der historische Saint Germain sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Wir haben unseren Patienten von Sprachexperten examinieren lassen. Er konnte sich in allen diesen Sprachen fließend verstĂ€ndigen, außerdem kennt er die alten Sprachen sowie Russisch und Japanisch.
Sie haben sicher bemerkt, daß wir ihm Infusionen geben. Damit bekommt er NĂ€hrstoffe verabreicht und ein Beruhigungsmittel. Er weigert sich, unser Essen zu sich zu nehmen. Auch das ist Teil der Legenden um Saint Germain. Niemand soll ihn je essen gesehen haben. Unser Patient nimmt nur von ihm selbst zubereitete Tees und Körnernahrung heimlich zu sich.“
Sie versprach, meinen Verleger anzurufen, sowie im Hause Haslinger, um meine persönlichen Sachen bringen zu lassen. Dann reichte sie mir freundlich lĂ€chelnd die Hand und wĂŒnschte mir bis zu meiner Entlassung noch einen erholsamen Aufenthalt. Zu meiner Zerstreuung empfahl sie mir die Nutzung der Anstaltsbibliothek. Ich befolgte ihren Rat und holte mir einige BĂŒcher, mit denen ich mich auf mein Zimmer begab, um mich in ihre LektĂŒre zu vertiefen.
Es konnte noch nicht allzu viel Zeit vergangen sein, als sich die TĂŒr des Krankenzimmers erneut öffnete und der hĂŒnenhafte Pfleger hereinkam. Er verkĂŒndete mir, ich habe Besuch erhalten. Ein Herr und eine Dame warteten auf mich im Besucherzimmer.
Mein Herz machte einen freudigen Sprung. Ich dachte sofort an sie und Dr. Z. Ich folgte dem Pfleger und betrat erwartungsvoll den spĂ€rlich möblierten Raum. Doch ich wurde enttĂ€uscht. Denn dort begrĂŒĂŸten mich nicht sie und Dr. Z., sondern Herr und Frau Haslinger.
Als der Pfleger den Raum verlassen hatte, bekundeten sie mir ihre Sympathie und versprachen jede ihnen mögliche UnterstĂŒtzung. Sie ließen keinen Zweifel daran, daß sie wußten, wohin ich in jener Nacht durch ihren Spiegel gelangt war.
„Wir konnten leider nicht verhindern, daß man Sie hierher brachte. Sie mĂŒssen nach Ihrer RĂŒckkehr in einer Art Trance das Haus und den Park verlassen haben. So etwas kann leicht passieren, wenn der Ă€therische Körper von dem physischen getrennt war.
Aber seien Sie unbesorgt, wir werden alles tun, um Ihnen zu helfen. Sie können uns vertrauen. Wir sind Ihre Freunde. Berichten Sie uns, was Sie in jener Welt gesehen haben. Die Menschheit braucht Ihr Zeugnis. Vielleicht ist es noch nicht zu spĂ€t, um etwas zu unternehmen.“
Ich zögerte. Ich dachte an die Warnung meines Zimmergenossen. Doch dann vergegenwĂ€rtigte ich mir, was auf dem Spiel stand, ĂŒberwand meine Bedenken und gab einen knappen Bericht meiner Erlebnisse.
Die Haslingers hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu, nickten von Zeit zu Zeit wie bestĂ€tigend mit dem Kopf und warfen sich bedeutsame Blicke zu. Ich schloß mit einem eindringlichen Appell.
„Bitte benachrichtigen Sie umgehend Dr. Z. und sagen Sie ihm, er solle alles vorbereiten, um mit dem Bau der Apparatur, die er entworfen hat, zu beginnen. Wir dĂŒrfen keine Zeit verlieren. Auf dem Gegenplaneten sind schon mehrere dieser Anlagen in Betrieb und senden negative Ätherschwingungen zu uns herĂŒber.“
Herr und Frau Haslinger nickten mit ernsten Mienen.
„Seien Sie versichert, daß wir alles erforderliche unternehmen werden. Unser Freund Saint Germain hat die Beschaffenheit des noch fehlenden Stoffes erkundet, so daß mit dem Bau eines Prototyps jener Apparatur unverzĂŒglich begonnen werden kann. Wir haben erste diskrete Kontakte mit Regierungsstellen aufgenommen, um sicher zu gehen, daß der Angelegenheit von staatlicher Seite die nötige Aufmerksamkeit und UnterstĂŒtzung zuteil wird. Ihr sehr interessanter Bericht wird, wenn Sie erst einmal hier herausgekommen sind, der Sache den nötigen Nachdruck verleihen.“
Wir verabschiedeten uns mit WĂ€rme. Mit dem beruhigenden GefĂŒhl, daß die Dinge in der rechten Bahn waren und am Ende doch noch alles gut wĂŒrde, vertiefte ich mich wieder in meine LektĂŒre. Nach einer Weile kam der hĂŒnenhafte Pfleger mit einem stĂ€mmigen Kollegen herein. Sie gingen zielstrebig auf mich zu, sagten, ich solle mich nicht aufregen, es geschehe alles nur zu meinem Besten und schnallten meine Arme und Beine mit ebensolchen ledernen Manschetten fest, wie ich sie schon bei meinem Bettnachbarn gesehen hatte. Meiner Proteste nicht achtend, gaben sie mir eine intravenöse Injektion und verließen das Zimmer.
Ich hatte das GefĂŒhl, daß die Welt in Watte versank. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Stimme Saint Germains: „Ich habe Sie gewarnt ...“

Seitdem ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen. Doch was ist schon ein Vierteljahrhundert im Zeitplan der Schöpfung? Mein Haar ist grau geworden, doch im Innern habe ich mich wenig verÀndert.
Ich habe mit Saint Germain noch oft ĂŒber jene Ereignisse gesprochen und habe eingesehen, daß es ein großer Fehler von mir war, dem Ehepaar Haslinger zu vertrauen. Wie ich spĂ€ter erfuhr, waren sie die HaupteigentĂŒmer der psychiatrischen Anstalt und des dazugehörigen Dorfes, die unter dem Namen „Haslingersche HeilstĂ€tten“ bekannt waren. In dem Dorf, durch das ich seinerzeit in der Limousine auf dem Weg in die Villa der Haslingers gefahren war, lebten die harmloseren Patienten relativ frei, allerdings meist unter dem Einfluß von Beruhigungsmitteln. Nach zwei Jahren, als ich es aufgegeben hatte, gegen mein Schicksal zu rebellieren, wurde ich selber ein Bewohner dieser vorbildlichen und modernen Einrichtung. Ich saß tagsĂŒber auf einer Bank vor meinem HĂ€uschen und beobachtete die vorbeifahrenden Automobile oder gelegentlichen Wanderer, die uns arme Narren neugierig beĂ€ugten, als wĂ€ren wir Tiere im Zoo.
Saint Germain verließ uns bald. Er verabschiedete sich zuvor von mir und sagte, er werde sich fĂŒr mehrere Jahre in den Himalaja zurĂŒckziehen und dort spirituelle Energien sammeln. Dann wolle er wieder unter die Menschen zurĂŒckkehren und fĂŒr eine weitere Zeitspanne zu ihrem Wohle tĂ€tig sein. Er wĂŒnschte mir GlĂŒck und versicherte, daß wir uns wiedersehen wĂŒrden. Er nannte mir auch Ort und Zeit unserer Begegnung, doch vergaß ich diese spĂ€ter. Am nĂ€chsten Tag war er nicht mehr da, es hieß, er sei gestorben. Allerdings gab es weder eine Beerdigung noch hatte irgendjemand seinen Leichnam gesehen.
AllmĂ€hlich gewöhnte ich mich an das Leben in den HeilstĂ€tten und wurde ein Musterpatient. Ich gewann bis zu einem gewissen Grad das Vertrauen des Pflegepersonals. Man ĂŒbertrug mir verantwortungsvolle Aufgaben wie das Ausgeben von Essenportionen und das Verteilen von NachtwĂ€sche. Ich wußte, daß das alles nicht von Dauer sein wĂŒrde und wartete auf die Zeichen des Unheils und der angekĂŒndigten Katastrophen. Und diese ließen nicht auf sich warten.
Ich war inzwischen einer der Bewohner des Dorfes, saß auf meiner Bank und beobachtete das Geschehen auf der Straße. MilitĂ€rkolonnen fuhren vorbei, die Soldaten johlten, winkten zu uns hinĂŒber und machten allerlei anzĂŒgliche Gesten. SpĂ€ter wurden sie immer schweigsamer und mancher blickte mit Neid auf uns. Dann erfĂŒllte ein unheilvolles Dröhnen die Luft. Hoch oben flogen große Bomberformationen in Richtung auf die Stadt. Nachts war der Himmel vom roten Widerschein gigantischer FeuersbrĂŒnste erhellt. FlĂŒchtlingstrecks zogen durch das Dorf. Die Menschen hatten verstörte, verzweifelte Gesichter, ihre Habe hatten sie auf Pferdewagen geladen oder sie trugen sie in RucksĂ€cken und BĂŒndeln bei sich.
Immer hĂ€ufiger heulten auch bei uns die Sirenen und wir wurden in den Heizungskeller der Anstalt getrieben. Dort saßen wir beisammen, Pfleger und Patienten, und hörten angstvoll auf die entfernten Detonationen. Zuweilen vibrierten die KellerwĂ€nde, das Licht flackerte und Putz rieselte von der Decke. Dann sagte jemand: „Das war schon ganz in der NĂ€he.“
Eines Nachts gingen wieder die Sirenen. Zugleich ertönten auch schon die ersten EinschlÀge. Die Erde schien zu beben. Alle rannten durcheinander, jeder, ob Pfleger oder Patient, dachte nur noch daran, sich selber in Sicherheit zu bringen. Anstatt den anderen in den Keller zu folgen, rannte ich so schnell ich konnte in die entgegengesetzte Richtung, in ein nahes WÀldchen. Um mich herum heulte und krachte es, aber ich lief atemlos immer weiter und versteckte mich im Gehölz.
Am nĂ€chsten Morgen sah ich mich vorsichtig um. Die Anstalt war nur noch ein rauchender TrĂŒmmerhaufen. Brandgeruch erfĂŒllte die Luft. Auf der Straße waren FlĂŒchtlinge unterwegs, Menschen mit leerem Blick, die ihre Habe und ihre Heimat verloren hatten. Manche hatten nichts gerettet als das nackte Leben. So wie ich. Ich schloß mich ihnen an.
Neben mir ging eine Frau mit einem Kind, einem etwa fĂŒnf Jahre alten MĂ€dchen. Sie trug einen großen Koffer. Darin befand sich alles, was sie gerettet hatte. Ich erbot mich, den Koffer zu tragen. Sie blickte mich kurz und prĂŒfend an, dann nickte sie. Der Koffer war schwer, wer weiß, wie weit sie ihn schon geschleppt hatte. Ich fĂŒhlte mich stark und voller Zuversicht.
Die MĂ€chte der Finsternis werden ihr Ziel nicht erreichen, hatte Saint Germain gesagt. Jedem dunklen Engel stellt sich eine Lichtgestalt entgegen.
Irgendwann war ich mir abhanden gekommen. Unbekannte KrÀfte hatten mich von meinem Wesen abgezogen und mir selbst entfremdet. Aber es ist noch nicht zu spÀt.
Ich werde noch einmal ganz von vorne beginnen.

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Stefan Seifert

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Morgana
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Hallo Stefan,

sorry das meine Antwort so lange gedauert hat, ich hatte sie Dir ja schon angekĂŒndigt.
Du beschwörst mit dieser Geschichte ein beklemmendes und doch faszinierendes Bild. Ich kann mir nicht helfen, die Sprache die Du verwendest erinnert mich an alte Klassiker. Sicherlich könnte man hier und dort noch einige Kleinigkeiten verbessern, das könnte man wohl aber an jedem Werk das je geschrieben wurden. Insgesamt eine runde Sache. Wenn auch das Ende etwas hastig geschrieben ist. Daran wĂŒrde ich vielleicht noch ein wenig arbeiten.
Wenn Du Wert auf genaueres Eingehen auf die Kritikpunkte legst, dann wĂŒrde ich das lieber in einer Email erledigen, weil das Werk ja doch recht lang ist und es hier auf der Leselupe sonst wohl zu unĂŒbersichtlich wird.
Alles in allem ist die Geschichte sehr gut erzĂ€hlt und man kommt nicht ins gĂ€hnen. StĂ€ndig fragte ich mich was dieser Dichter noch so alles erlebt, man spĂŒrte genau, das die Haslingers falsche Fuffziger sind, Prima gemacht.

Blessed be

Morgana
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Man kann nicht wissen ob man etwas kann oder nicht, bevor man es nicht versucht hat...

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