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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Puppenspiel
Eingestellt am 22. 09. 2002 00:19


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itsme
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 18
Kommentare: 289
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Morgens halb sieben, Vorstadtzug, Raucherabteil ... ratada ratam ... ratada rata, metallisch, rhythmisch, einschl├Ąfernd. Schwankendes Gezerre und Geschiebe, quietschen und ├Ąchzen der sch├Ąbigen Waggons. Da deng da deng ... ein Sto├č, quittiert durch kollektives Schunkeln der Insassen ... Beharrungsverm├Âgen, Massentr├Ągheit. Nein, er springt nicht aus der Spur ... nur eine Weiche. Zigarettenqualm, der aus den Sitzreihen wabert, sich mischt mit D├╝ften von Dior, Rasierwasser von Aldi, Knoblauch vom Vortag und Schwei├čausd├╝nstungen aus Fasern und Poren. Manchmal der Lockruf eines handys ... SMS, zu fr├╝h f├╝r Gespr├Ąche. Verschlossene, verschlafene Minen. Organismen im Minimalbetrieb. R├Ądchen der Leistungsgesellschaft, bereit wieder einen Schicht lang zu funktionieren. Diesen Tag wie jeden Tag.

Lichter irren durch die Dunkelheit vor den Fenstern. Die Nacht ist noch gn├Ądig. Wenn der Morgen erst graut, sieht sie am greulichsten aus; die Stadt, durch die Fenster des Zuges. Die Abteilt├╝r fliegt auf. Ein kalter Luftzug. M├╝rrisches Aufblicken. Irgendwer steht auf und schlie├čt sie. Sch... man fr├Âstelt so leicht morgens um halb sieben. City Express Recklinghausen - Duisburg und zur├╝ck. Der Zug verlangsamt die Fahrt. Kreischen und rumpeln ├╝ber viele Weichen, vibrieren der Scheiben in ausgeleierten Fassungen - Gelsenkirchen Bismarck.

Der Hagere da dr├╝ben mit dem Blatterngesicht ├Âffnet die Augen, ohne eine weitere Bewegung, ohne Gesichtsausdruck. Seine Arme h├Ąngen ├╝ber der Sporttasche auf seinem Scho├č. Die schwieligen H├Ąnde mit den schwarz unterlegten, br├╝chigen Fingern├Ągeln verraten den Handarbeiter. Sein angegrautes, schwarzes Haar strebt struppig von der Kopfhaut weg. Am Revers seiner schwarzen Lederjacke prangt ein gelber Smiley. Ein Optimist oder ein Fatalist? Wird er aussteigen oder ├Âffnet er die Augen immer eine Station bevor er aussteigt? Erkennt er Gelsenkirchen Bismarck an der spezifischen Folge des da deng da deng? Er sitzt immer auf diesem Platz., schon seit es diesen Waggon gibt. Er mu├č den Tag f├╝rchten, an dem ein Fremder vor ihm das Abteil betritt und sich seines Platzes bem├Ąchtigt. Von seinen Mitfahrern ist kein Beistand zu erwarten. Hilflos und desorientiert w├╝rde er durch die Abteile irren. Er wird das Undenkbare nicht denken.

Neben ihm eine L├╝cke. Hat jemand aufgeh├Ârt zu funktionieren? Es wird wenn Ersatz geben, sollte das R├Ądchen noch gebraucht werden. Niemand wird von dem Neuen Notiz nehmen. Niemand nimmt von irgendjemand Notiz. Nur davon, dass der Platz unbesetzt ist. Jeder ist besch├Ąftigt mit seiner eigenen Apathie. Daneben Sie, am Fenster, an zwei Seiten vor ├ťbergriffen gesch├╝tzt, zu alt f├╝r die Blockabs├Ątze unter ihren Schuhen, zu dicke Beine f├╝r die L├Ąnge ihres Rockes, zu spie├čig die Handtasche f├╝r die Piercings in ihrem Gesicht, jedenfalls nach den Ma├čst├Ąben des gesunden Volksempfindens. Sie liest in einem Paperback. Wird es spannend, strafft sich ihr K├Ârper. Die freie Hand umkrampft die Armlehne, zerrt, rei├čt sie aus - irgendwann. Um ihren Mund beginnt ein leichtes Zucken. Ihre Lippen ├Âffnen sich. Die sonst z├╝chtig ├╝bereinander geschlagenen Beine geraten au├čer Kontrolle, liegen nebeneinander, ├Âffnen sich, wenn es dramatisch wird. Verstohlen schielt ihr gegen├╝ber dann ├╝ber den Rand seiner Bild, um einen Blick auf ihren Slip zu erheischen. Sie tr├Ągt immer wei├če Slips. Nicht das ihn die Frau interessieren w├╝rde. Er w├Ąre entt├Ąuscht, tr├╝ge sie keinen Slip. Ihre Paperbacks tragen Schutzumschl├Ąge aus Zeitungspapier. Sie liest Courts-Mahler. Das will sie verbergen. Ihre H├Ąnde sind feingliedrig und gepflegt. Der Hauch von Dior passt zu Courts-Mahler.

Bottrop HBf. Hat Bottrop noch einen anderen Bahnhof? Wenige steigen aus. Was will man auch in Bottrop? Der Zug schleicht sich aus dem Bahnhof, rumpelt ├╝ber alte Gleise. Viel Personenverkehr gab es hier nie. Die Fernstrecken kommen gut ohne Bottrop aus.

Der Mann hinter der Bild ├Âffnet die zweite Dose Karlskrone. Das macht er mit einer Hand. Die andere braucht er f├╝r die Zeitung, den Mund f├╝r die Zigarette, und die Beine, um seine Tasche festzuhalten. Darin ist noch mehr Karlsberg. Mit Karlsberg sind die Tage kurzweiliger bei Mannesmann und Dosen sind unauff├Ąlliger zu entsorgen als Flaschen. Wenn es keinen Slip zu sehen gibt, schafft er die Bild bis Duisburg. Er w├╝rde f├╝r seinen Platz auch Zuschlag bezahlen, nur f├╝r diesen gelegentlichen Blick. Im Sommer, wenn es schon hell ist drau├čen und die Sonne scheint, dann l├Ąchelt er manchmal bevor er sich setzt. Einmal, vor zwei Jahren, hat sie zur├╝ckgel├Ąchelt. Er ist ein attraktiver Mann. Noch nicht mal f├╝nfunddrei├čig Jahre alt. Und er hat noch volles Haar. Beinahe hatte er sie damals gefragt, ob sie ihm nicht einen gebrauchten Slip ├╝berlassen kann. Doch dann hatte sie aufgeh├Ârt zu l├Ącheln. Die Frau neben ihm tr├Ągt immer lange R├Âcke. Gut, dass nicht sie ihm gegen├╝ber sitzt. Zwischen Bottrop und Oberhausen f├Ąhrt der Zug oft schleppend langsam. Oberhausen ist zwar auch nur ein langweiliges Nest, aber dort gibt es Fernverkehr, und der hat Vorfahrt. Es beginnt hellgrau zu werden drau├čen. Hell wird es nicht an einem regenkalten Novembertag. Die h├Ąsslich grauen R├╝ckseiten der H├Ąuser zeichnen sich ab. Alle h├Ąsslichen R├╝ckseiten, ├╝berall, sind den Bahnlinien zugewandt.

Die Frau neben dem Karlskrone Mann sitzt nur da. Sie ist nicht anwesend. Nicht wirklich, nur ihr K├Ârper notgedrungen. Ihre H├Ąnde liegen in ihrem Scho├č und sie bleibt entfernt, in einer Welt, die ihr lebenswerter erscheint. Sie hat sich behaglich eingerichtet dort im Laufe der Jahre. Immer h├Ąufiger verwechselt sie ihre zwei Wirklichkeiten. Sie verschwimmen einfach. Bald wird sie ganz umziehen. Der Karlskrone Mann mag sie nicht. Nicht nur wegen der langen R├Âcke. Auch ihre blasse Haut, ihre dunkel geschminkten Augen und ihre schwarzen Lippen, sind nicht nach seinem Geschmack. Immer nach der Abfahrt aus Oberhausen dreht sie sich eine Zigarette, Van Nelle ist ihre Marke. Mit einer Hand macht sie das. Er k├Ânnte schw├Âren auf ihrem Scho├č schon eine schwarze Katze gesehen zu haben.

Endstation Duisburg HBf. Die verbliebenen Fahrg├Ąste verlassen den Zug, und trotten ihrer Funktion entgegen. Die Gemeinschaft der Sprachlosen R├Ądchen l├Âst sich auf. Dem Lokf├╝hrer bleibt Zeit f├╝r einen Kaffee und ein Br├Âtchen. Dann f├Ąhrt er zur├╝ck nach Recklinghausen. Und bestimmt werden in dem Abteil wieder ein Mann mit schwieligen H├Ąnden, eine ├╝ppige Blonde, die auff├Ąllig gepierct ist, ein Karlskrone Mann, und eine blasse Frau mit langem Rock sitzen, wie jeden Morgen und ├╝berall.

__________________
Life is too short to paint a single kiss

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
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hallo itsme

Ich finde den Titel unpassend oder er ist eine Erkl├Ąrung wert

lieber Gr├╝├če
anemone

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margot
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 298
Kommentare: 3340
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klar, in unserem tagewerk sind wir alle puppen.
dein text ist geschrieben wie manche geschichte
aus meinen alten leseb├╝chern. um es kurz zu machen:
er wirkt streckenweise zu bem├╝ht. darum unattraktiv
auf mich. der spa├č an sprachwendungen darf den
schreiber nicht zu gedr├Ąngter anwendung verf├╝hren.
das kommt einem bergsteigerneuling gleich, der
verliebt in seine ausr├╝stung, sich an den aufstieg
macht - wenn er der gipfelregion nahe kommt, wird
er alsbald merken, was von seiner materialverliebtheit
wirklich von nutzen ist.

viel gl├╝ck beim n├Ąchsten anlauf
ralph

__________________
schlagt mich bitte nicht tot. ich bin kitzlig.

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itsme
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 18
Kommentare: 289
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....

Danke f├╝r eure Kommentare.

@anemone
Die Antwort hat dir margot bereits gegeben.

@margot
Du denkst, es ist zu verspielt? Hmmm ... Ich wollte einerseits deutliche Bilder, aber andererseits das Profane der Situation sp├╝rbar machen. Das ist eine Gratwanderung. Eigentlich bleibe ich in meinen Texten lieber auf der Seite des Lapidaren, der Beil├Ąufigkeit.


Gr├╝├člinge
itsme
__________________
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