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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Rauch
Eingestellt am 21. 11. 2000 15:16


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Volker Hagelstein
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Rauch
Der BÀr sah böse aus, Unheil ging von ihm aus. Er machte ihr angst.
„Und du willst es wirklich aufhĂ€ngen?“
„NatĂŒrlich! Ist doch gelungen, oder?“
Es war eine von Richards improvisierten Collagen. In der Hauptsache bestand es aus einer Reproduktion eines Nazi-Propagandaplakates, das die Karte von Europa zeigte, auf der von der Sowjetunion aus ein BĂ€r, der die SchirmmĂŒtze der Roten Armee trug, das Deutsche Reich ansprang. Geifer troff ihm aus dem Maul. In seiner großspurigen, ungehobelten Schrift hatte Richard mit dem Filzstift die Worte „Die Bonzen bekommen Besuch von drĂŒben“ unter den BĂ€ren hingekritzelt. Daß er das Poster hatte einrahmen lassen, verriet ihr, daß er seine Idee fĂŒr besonders geistreich hielt.
Draußen, direkt vor ihrem Wohnwagen fing jemand an, zu lallen und zu schluchzen. Sie konnte die Stimme nicht erkennen. Wenn sie richtig in Fahrt kamen, waren diese VerrĂŒckten kaum auseinanderzuhalten. Christina legte das NĂ€hzeug ab.
Sie haßte ihr Leben - ein Leben, das hauptsĂ€chlich aus einer stumpfsinnigen Zeitverschwendung in diesem gottverfluchten Selbsterfahrungscamp in der Heide bestand. Jahrelang hatte sie nichts anderes zustande gebracht, als Stoffreste aneinanderzufĂŒgen, zusammengeklaubte Fetzen, jedes bißchen, das ihr brauchbar erschien. Kleine gerade Stiche hatte sie gesetzt mit feiner Nadel, exakt im Fadenlauf der Gewebe. Und alles nur, damit ihr das Gewimmer und Gemecker all dieser verhuschten Gestalten, von denen jede zweite eine Psychiatriekarriere hinter sich hatte, nicht mehr so quĂ€lend ins Bewußtsein drangen. Sie schaute zu ihm auf.
„Laß uns weg von hier! Denk an deine Tochter!“
„Ich denke immer an meine Tochter! Was hast du gegen das Camp? Willst du wirklich zu den Spießern in eine dieser Betonwaben?“
„Ja! Genau das will ich!“
*
Dann nach dem Umzug in die neue Wohnung am Stadtrand war sie krank geworden, hatte die Angst-vor-fremden-Schritten-Krankheit bekommen. Sie fĂŒhlte sich verloren und beobachtet gleichzeitig. Wenn sie die Wohnung verlassen wollte und im Treppenhaus Schritte hörte, wartete sie, die Hand immer auf der Klinke, hinter der TĂŒr ab, bis alle GerĂ€usche verklungen waren.
Dann hatten sich die Dinge gewendet - in dem Augenblick, als Frau KĂŒfer, die Lehrerin aus dem Stockwerk ĂŒber ihnen, sie auf ihre Schneiderarbeiten ansprach. Christina hatte ihr die alte Jeansjacke gezeigt, eine Patchworkarbeit mit eingenĂ€hten Lederstreifen und Kaninchenfellkragen. Frau KĂŒfer war so entzĂŒckt, daß sie es ihr gleich abkaufen wollte. Die Finger in die Haare des Fells eingedreht, direkt unter dem Kinn von Christina, die sich ĂŒber diese Distanzlosigkeit wunderte, erzeugte sie ein gönnerhaftes LĂ€cheln auf ihrem Gesicht.
„Sie sind sehr begabt! Wenn Sie möchten, habe ich noch andere AuftrĂ€ge fĂŒr Sie! Über die Bezahlung mĂŒssen Sie sich keine Sorgen machen!“
Und Christina stand da mit ihren siebenundvierzig Jahren, die ersten Hunderter, die sie in ihrem Leben verdient hatte, in der Hand und grinste belĂ€mmert. Voller Ungeduld wartete sie, bis ihre Tochter aus der Schule kam, legte ihr zur BegrĂŒĂŸung die Unterarme auf die Schultern und sagte:
„Komm! Laß uns einkaufen!“
Anscheinend war sie jetzt in Sicherheit. Sie wußte nicht mehr, wie sie es geschafft hatte, Janice in diesem schmierigen Wohnwagen großzuziehen. Sie wußte noch nicht einmal, wo sie selber war in all diesen Jahren. Eigentlich wußte sie nur noch, daß ihre Finger dabei ziemlich flink geworden waren.
Wenn sie sich frĂŒher bei Richard beklagt hatte, wischte er mit wedelnden HĂ€nden ihre EinwĂ€nde weg, als wĂ€ren sie ein lĂ€stiges MĂŒckengeschwader. Doch schließlich hatte er erkannt, daß er als Übersetzer unbekannterer amerikanischer Beatnik-Autoren keinen Erfolg haben wĂŒrde, gab ihrem DrĂ€ngen nach und zog mit ihr und ihrer Tochter in diese Wohnung. Um die Miete zu bezahlen, unterrichtete er jetzt Englisch an irgendeinem Institut des zweiten Bildungsweges. Niemand konnte behaupten, daß er seitdem umgĂ€nglicher geworden wĂ€re.
Anders als Christina. Oh ja, sie hatte es genossen, im Supermarkt des Kaufhauses in der Schlange vor der Kasse zu stehen. Es war Juli, und die Frauen trugen Stricktops und smaragdfarbene Kleider mit fingerbreiten TrĂ€gern. Hin und wieder stießen in diesen GedrĂ€nge ihre nackten, leicht klebrigen Oberarme gegeneinander, wobei Christina fĂŒr einen kurzen Moment ParfĂŒm und Schweiß der anderen riechen konnte. Es waren große, starke SĂ€ugetier-Mutties.
Janice trug ein leicht vergilbtes T-Shirt und Shorts mit ausgefranstem Saum. WĂ€hrend sie durch die Regale schlich, hielt sie die Oberarme an die Seite gedrĂŒckt und spreizte die angewinkelten Unterarme von sich. Dabei hielt sie den Mund geöffnet, als sĂ€he sie zum ersten Mal im Leben ParfĂŒmflacons oder FrotteebademĂ€ntel.
Christina mußte zugeben, daß ihre Tochter ein wenig behindert wirkte. Aber das war sie natĂŒrlich nicht - nur ein wenig ungeĂŒbt im Umgang mit Menschen außerhalb des Camps. Christina fand es sehr großherzig von ihr, daß sie ihren Eltern keine Schuld daran gab.
Das MĂ€dchen war erbĂ€rmlich mager. Trotzdem fand Christina sie sehr hĂŒbsch. Ihr dunkelblondes Haar, die sonnenverbrannte Haut, die braunen Augen mit dem tannenzapfenförmigen Schnitt und ihr angestrengter Gesichtsausdruck wirkten, als gehörte sie zu einer Rasse, die erst seit kurzem Kontakt zur ĂŒbrigen Menschheit hatte. Gut, ihre Beine, die aus den zerfetzten Shorts ragten, waren wirklich ziemlich dĂŒnn, aber sie waren auch lang und sehnig. Die Beine einer Leichtathletin. Sie sollte Sport treiben, dachte Christina und stellte sich vor, wie ihr MĂ€dchen, von der Kraft ihres drahtigen Leibes getragen, die Arme ausbreitete, durch die Luft glitt und diese schönen, langen Knie mit verspielter Arroganz ĂŒber die Hochsprunglatte hob. Und alle ihre Freundinnen wĂŒrden jubeln und FĂ€hnchen schwingen. Ob Richard unter ihnen wĂ€re? Sie spĂŒrte, wie ihre HandinnenflĂ€chen feucht wurden.

*
Kurz, nachdem sie sich kennengelernt hatten, aber noch, bevor sie endgĂŒltig zu ihm in den Wohnwagen gezogen war, mixte er ihr eines Abends heimlich LSD in den Tee. Nach einer halben Stunde hatte er es ihr gestanden.
„Warum hast du das getan?“
„Weil du dich von allein nicht getraut hĂ€ttest!“
Er hatte sie vergiftet. Einfach so. FĂŒr Sekunden spĂŒrte sie das Verlangen, ihn zu ohrfeigen. Aber zu dieser Zeit hatte er noch große Macht ĂŒber sie
„In diesem Zustand erlangt der Mensch parapsychische FĂ€higkeiten. Das ist wissenschaftlich erwiesen! Zeit und Raum stehen dir offen! Also - was siehst du? Was sind deine Visionen?“
Sie hatte keine. Bis heute wußte sie nicht, warum. Vielleicht, weil er sich irgendein wirkungsloses Placebo hatte andrehen lassen.
„Nichts? Was soll das heißen - nichts? Irgend etwas mußt du doch sehen!“
Verzweifelt suchte sie nach so etwas wie einer Eingebung. Ihr fiel ein Fernsehbeitrag ein, in der Millionen von Luftballons unter einer Festzeltplane aufgepumpt wurden. Der Moment, in dem die Plane abgezogen wurde, war aus grĂ¶ĂŸerer Höhe vom Flugzeug aus aufgenommen. Die Ballons schienen wie winzige grĂŒne BlĂ€schen, die ineinander verschmolzen, dichte Schwaden bildeten und in den Himmel stiegen wie Rauchfahnen, die vom Wind verwirbelt wurden.
„Luftballons? Na, großartig!“ Er hatte damals einfach nur trocken aufgelacht, seinen Blick von ihr abgezogen und das Zimmer verlassen. Mit all dieser idiotischen Theatralik, die demonstrieren sollte, wie groß das Opfer war, sein Leben tagein, tagaus mit einem derart einfachen Menschen zu teilen. Hatte sie damals schon genĂ€ht?
*

Immer schaut er woanders hin, dachte Christina, als er das Zimmer betrat und seinen Blick Zentimeter an ihrem Gesicht vorbeiziehen ließ. Fragte sich nur, wohin. In seinem Bart klebten Reste grĂŒner Götterspeise.
„Hast du das PĂ€ckchen von Thomas gesehen?“ brummte er.
Sie hob die Schultern. Vielleicht sieht er andere Dinge, sagte sie sich, vielleicht geht sein Blick seit Jahrzehnten auch einfach nur ins Leere. Sie fand ihn nicht mehr geheimnisvoll. Sie wußte sogar, warum er in der letzten Zeit keine Lust mehr auf seinen brutalen, egoistischen Sex mit ihr hatte. Es zĂ€hlte nur noch, was die nĂ€chste Stunde brachte. Ihre linke Hand straffte den Faden, wĂ€hrend sie mit der anderen die Schere öffnete und zum Schnitt ansetzte.
Mit den Fingerspitzen das Brustbein massierend, schaute sich Richard im Wohnzimmer um. Weder die breiten Schultern noch der graue Pferdeschwanz konnten die einundsechzig Jahre kaschieren. Sie erinnerte sich an sein bleiches, eingefallenes Gesicht beim letzten Angina-pectoris-Anfall vor zwei Wochen.
„Shit, eh! Ich hab’s vorgestern hier hingelegt!“ Er deutete auf das zweitoberste Brett des Ikearegals.
„Du hast Wackelpudding im Bart!“ zischte sie, worauf er sich mit dem HandrĂŒcken ĂŒber den Mund fuhr. Sie verzog das Gesicht und wandte sich wieder ihrer Patchwork-Arbeit zu. Ein Ende der zusammengenĂ€hten StoffstĂŒcke war mit einer Sicherheitsnadel am Polster der Sessellehne festgepinnt, das andere hielt sie straff ĂŒber das Knie gespannt. Nur so konnte sie in dem Mustergewirr gerade NĂ€hte hinkriegen.
Es war peinlich, peinlich und ekelerregend, wie verrĂŒckt er nach Götterspeise war, die er sich aus diesem obskuren TĂŒtenpulver von Dr. Oetker anmischte. Sie stieß einen unterdrĂŒckten Seufzer aus. Ob Götterspeise, Sex oder Drogen: Was er tat, tat er suchthaft. Und das alles in diesem Alter. Als sie sich vorstellte, mit welch ungebremster Gier er diesen grĂŒnen Schleim in sich hineinschlang, hatte sie das GefĂŒhl, als rutschte ihr ein EiswĂŒrfel den RĂŒcken hinab.
„Trotzdem wĂŒrde ich jetzt gern wissen, wo das PĂ€ckchen ist!“
„Was war denn drin?“ Sie grinste boshaft. „Deine Medizin? Wie teuer war’s denn diesmal?“
„Hab ich das richtig verstanden? Wie teuer? Es ist dir gleichgĂŒltig, wie ich dieses Geld verdiene, dann muß dich doch wohl auch der Preis nicht interessieren, oder?“
„Du hast recht! Wenn es nicht ausgerechnet dafĂŒr wĂ€re, könnte es mir wirklich egal sein!“
„Schneiderst du fĂŒr diese Spießerin ĂŒber uns? Um die Kleine wieder ins Kaufhaus mitzuschleppen, ja?“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung, wandte sich um und stapfte in seiner eigenartig gekrĂŒmmten Körperhaltung in die KĂŒche. In der letzten Zeit hatten sie oft ĂŒber Geld gestritten. Fast wie ein normales Ehepaar. Aber von ihrem normalen Leben hatte sich Christina entfernt, als wĂ€re sie auf einem Boot erwacht, das sich nachts losgerissen hatte und ihr nur noch aus der Ferne einen Blick auf die diesige KĂŒste erlaubte, wĂ€hrend sie dem großen Malstrom entgegentrieb.
Es war nicht zu ĂŒbersehen, wie sehr er sein altes Leben im Camp vermißte. Aber Mitleid hatte sie nicht. Sie sah ihn vor sich, mit wichtigem Gesicht am Teich hinter dem Camp seine Pseudo-Yoga-Show abziehend. Seinen Freikörperkult fand sie immer etwas ĂŒberzogen und unpassend. Als er in seinen Vierzigern einen Bauch bekam, wurde es sogar lĂ€cherlich. Beunruhigt hatte es sie allerdings immer, wie gern er sich mit seinem schlaffen, baumelnden Ding vor seiner kleinen Tochter prĂ€sentierte. Ausgerechnet vor Janice, an der alle BemĂŒhungen seiner Anti-Spießigkeitserziehung abgeprallt waren wie Gummigeschosse. Wie sehr hatte es die Kleine verabscheut, wenn er von ihr verlangte, nackt am Strand herumzulaufen! Christina mußte daran denken, wie sich Janice dann immer mit verbissenem Mund den Slip ĂŒber den mageren Po zog, wenn sie aufbrachen. Da ihm nichts fremder war als RĂŒcksicht, mußte sie es ziemlich oft ĂŒber sich ergehen lassen.
Zischend sog Christina die Luft durch den schmalen Spalt ihrer ZĂ€hne ein. Als sie feststellen mußte, daß sie sich im Gestöber all dieser Erinnerungsfetzen nicht auf ihre NĂ€herei konzentrieren konnte, hob sie den Kopf. Ihr Blick fiel auf das Bild an der Wand, das mit dem BĂ€ren. Aus der KĂŒche hörte sie einen Löffel eifrig ĂŒber den Boden einer Glasschale schaben.
„Wo ist Janice?“ rief er, worauf sie ihre HĂ€nde in den Jeansstoff verkrallte. Nach ein paar Sekunden erneutes Wortgebell:
„Ich habe dich etwas gefragt!“
Sie spĂŒrte, wie das Blut gegen ihre Trommelfelle brandete. „Fragen?“ dachte sie. „Du hast Fragen? Auf Fragen gibt es Antworten. Frage - Antwort, Frage - Antwort! Ganz einfach! Und du hast deine Antwort schon!“
„Sie ist krank!“ Zuerst hatte sie sagen wollen, sie ist im Bett, aber allein die Vorstellung dieses Wortes erzeugte so unangenehme Resonanzen in ihrem Hirn, daß sie von einem eisigen Brechreiz erfaßt wurde.
Als sie gestern Abend Janices Zimmer betrat, brannte kein Licht, obwohl es erst kurz nach acht war. Eigentlich hĂ€tte sie noch wach sein, unter der Bettdecke auf dem Bauch liegen und in „Girls!“ blĂ€ttern sollen, wĂ€hrend N-joy das Radio zum Scheppern brachte.
Christina zögerte einige Sekunden, bevor sie ihre Hand zum Lichtschalter ausstreckte. Das MĂ€dchen hatte unter der Bettdecke eine so gekrĂŒmmte Haltung eingenommen, als erinnerte sich ihr Körper an eine frĂŒhere Existenz als Wurm. Ihre Stirn berĂŒhrte die Wand.
„SchlĂ€fst du schon? FĂŒhlst du dich nicht gut?“
Als sie keine Antwort erhielt, setzte sie sich behutsam auf den Rand der billigen, nachgiebigen Matratze.
„Ich habe mir gedacht, daß wir... daß wir einfach mehr unternehmen sollten! Das Einkaufen letztens hatt dir doch Spaß gemacht, oder? Du brauchst unbedingt ein paar neue Sachen zum Anziehen. Geld könnte ich selber verdienen!“
Das MÀdchen gab ein leises Stöhnen von sich.
„Die Nachbarsfrauen denken, daß ich gut bin. Nicht nur diese Patchwork-Sachen, weißt du? Obwohl die im Moment wieder unglaublich laufen! Frau KĂŒfer möchte sogar, daß ich ihr ein langes Kleid nĂ€he. Was ist? Hilfst du mir? Ich habe doch gesehen, wie geschickt du dich anstellst!“
Als sie die Schultern des MĂ€dchens berĂŒhrte, zuckten sie zurĂŒck, als verteilten ihre HĂ€nde StromschlĂ€ge. Böse Ahnungen stiegen in ihr auf. Sonst war ihre Tochter ausgesprochen schmusig. Eher passiv, das schon, abwartend, daß sich ihr jemand nĂ€hert, aber sehr anschmiegsam und kindlich. Manchmal mußte sie ihr sogar den Daumen aus dem Mund ziehen. Jedenfalls dann, wenn sie es ĂŒbers Herz brachte.
„He, Liebling! Was hast du“
Janice zog sich unter der Bettdecke noch weiter zusammen und schien die Unterarme zwischen ihre Schenkel zu schieben. Ohne VorankĂŒndigung fing sie an zu weinen. Christina griff nach der Decke und zog sie so weit in ihre Richtung, bis das MĂ€dchen entblĂ¶ĂŸt vor ihr lag. Mit geschlossenen Augen drehte sich Janice auf den RĂŒcken, zog sich den Slip ĂŒber die Kniekehlen und hob das Becken. Christina betrachtete die AbschĂŒrfungen und BlutergĂŒsse, die nur unzureichend von der beginnenden Schambehaarung verdeckt wurden. Sie tat es sehr ruhig und voller Konzentration, so als löste sie eine Denksportaufgabe.
Dann hatte sie ihre Vision. Sie sah ein riesiges rotes Augenpaar, das ihr durch das Fenster entgegenfunkelte. Und sie sah einen massigen, alten BĂ€ren, in dessen Fell sich sibirische Schneeflocken verfangen hatten. BrĂŒllend hob er die Tatzen, mit denen er blutige Striemen ĂŒber den Schoß ihrer Tochter zog. Sie spĂŒrte die KĂ€lte, die ihn umgab wie eine Aura, und ihre Nase wurde ĂŒberwĂ€ltigt vom beißenden, primitiven Raubtiergeruch.
Sie breitete die Bettdecke, die sie noch immer in der Hand hielt, ĂŒber den Bauch ihrer Tochter. Dann griff sie nach ihrer Hand und kĂŒĂŸte sie, bis Janice sie zurĂŒckzog, als sie die TrĂ€nen auf ihren Fingern fĂŒhlte. Mit einer fahrigen Bewegung strich sich Christina durch die Haare und versuchte ein LĂ€cheln, das ihr grauenhaft mißlang.
„Warte! Ich mache dir einen Tee!“
Die Erinnerungen entfernten sich von ihr wie eine Kamera, die im RĂŒckwĂ€rtsgang einen Tunnel abfuhr. Sie schaute zur KĂŒchentĂŒr, aus der ein krĂ€chzendes Husten zu hören war.
„Sie ist krank, hörst du? Ich mache ihr jede Stunde einen Tee und warte, daß sie wieder gesund wird!“
Splitternd fiel ein GlasgefĂ€ĂŸ zu Boden. Sekunden spĂ€ter taumelte er ins Wohnzimmer. Er war bleich und schwitzte so stark, daß der Halsausschnitt seines grĂŒnen T-Shirts eine dunkle Krause bildete. Er hielt die rechte Hand gegen die Brust gedrĂŒckt, in seinen Augen glĂ€nzte eine Art Fieber. Christina beugte sich in ihrem Sessel nach vorn.
„Vielleicht weißt du ja, was sie hat?“
MĂŒhsam lösten sich seine Lippen voneinander.
„MĂ€gde! Fleißige MĂ€gde! Ihr dachtet, ich bin... blind?“ Stöhnend sank er vor ihr auf die Knie. Unter Konvulsionen kĂ€mpfte sein Oberkörper um jeden Atemzug.
„Wundert... euch nicht, was ich... gemacht habe! Was glaubt ihr, wer ihr seid?“
Sein Lachen klang, als rutschte eine Ladung Kies von der Kippe eines LKWs.
„Nichts als... MĂ€gde! Sie werden euch... hĂ€rter durchnehmen als ich!“
Seine Gesichtsmuskeln hielten das verĂ€chtliche Grinsen noch eine Sekunde lang aufrecht, bevor ihm ein Hustenanfall, der sich in ein verzweifeltes WĂŒrgen wandelte, ein Ende machte. Er kippte zur Seite und blieb vor ihr auf dem RĂŒcken liegen. Seine SchlĂ€fen berĂŒhrten fast ihre Fußspitzen. WĂ€hrend er kaum noch verstĂ€ndliche Worte ausstieß, sickerte grĂŒner Schleim aus seinem Mund.
„Den Arzt holen?“ Christina hob die Augenbrauen, als wollte sie ironisch sein. „Warum sollte ich? Du hast deine Medizin doch schon bekommen! Erinnerst du dich? Dein PĂ€ckchen von Thomas! Ich hoffe, es hat den Geschmack nicht zu sehr verĂ€ndert.“
Der Schleim um seinen Mundwinkeln bildete BlÀschen. Sie sahen aus wie kleine Luftballons.

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Oktober
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GenĂŒgt es, wenn ich schlicht sage: "Hat mir sehr gut gefallen" und mich jeglicher Kritik enthalte?
Ich muß es wohl. Wenn man den Text als Ganzes auf sich wirken lĂ€ĂŸt, vergißt man eventuelle Stolpersteine. Nach dem Lesen hatte ich einfach keine Lust mehr, nach möglichen Schwachstellen zu suchen. War ich zu beeindruckt? Vielleicht.

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Volker Hagelstein
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Vielen Dank fĂŒr deine freundliche Besprechung! Mir ist durchaus bewußt, daß der Text seine SchwĂ€chen hat. Vor allem dadurch, daß ich ihn zu sehr fragmentiert habe, nachdem mir der Aufbau der Ă€lteren Version zu linear erschien. Deine Besprechung stĂ€rkt meinen Mut, die Story zu renovieren. DafĂŒr nochmals Danke!

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