Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87782
Momentan online:
448 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Reaktion
Eingestellt am 08. 12. 2003 15:07


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
caspAr
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 15
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um caspAr eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Reaktion


Und bestimmt sind es jetzt die letzten Tage. Tage, an denen Strahlen golden vom Himmel fallen. Licht, das Stra├čen und Alleen in einer einzigen gro├čen Bewegung weichzeichnet, gelbes Laub aufsp├╝rt, was durch Reifen verschiedener Couleur in Schneisen geschnitten und dann in S├Ąulen nach oben gewirbelt wird.
Die Stadt dr├Ąngt. Die Stadt macht kalt, und sie macht einsam. Sie wirft Ger├Ąusche in die N├Ąchte, die fremd und b├Âse sind. Die Stadt geb├Ąrt Kinder. Sie lecken Sand von den Rutschen auf Spielpl├Ątzen, zwischen Minen aus Hundeschei├če, gelangweilt gemustert von verlassenen und ausgebrannten Jahresm├╝ttern, Frauen, die halbgewalkte Depressionen in den Haaren tragen und ihre gekr├╝mmten K├Ârper zentimeterweise auf B├Ąnken hin und her schieben.
Phasen voller Sinn und Sch├Ânheit sind wie weggefressen, und die Sehnsucht nach einem H├Âhepunkt verl├Âscht stufenweise, unaufh├Ârlich, aber dann doch ganz langsam. Terrassen aus ├ťberdruss und Ekel sind es, die ich erklimme, hinauf zu einer tiefen Traurigkeit.

Heute morgen- ich, eingekerkert in eisiger Stimmung einer Morgend├Ąmmerung, bin wie immer aufgestanden und habe hastig drei Glas Wasser aus der Leitung hinunter gest├╝rzt. Ich f├╝hlte mich ├╝ber Nacht wie ausgesaugt, wie schon einmal gestorben. Beim Z├Ąhneputzen bin in ich dann in Tr├Ąnen ausgebrochen.
Warum sich etwas vormachen? Warum sich zwingen, einen positiven Aspekt im Leben zu finden? Dieses ÔÇ×Mir geht es gutÔÇť und ÔÇ× Ich darf keine Probleme habenÔÇť - Gelaber h├Ąngt mir derma├čen zum Hals heraus, und der Umstand, dass die Gesellschaft mich nicht bestraft f├╝r diese absto├čende Lebenseinstellung, sondern das Schlimmste auch noch toleriert, verbessert meinen Zustand in keiner Weise.
Eiskalt werden meine Grundbed├╝rfnisse befriedigt und mein ├ťberleben abgesichert. Ich bin im Genuss einer Krankenversicherung, die ohne zu Zucken mein amerikanisches Magenmedikament bezahlt, und auf die ich mich beim Zahnarztbesuch verlassen kann. Au├čerdem besitze ich eine kleine Wohnung in mittelm├Ą├čiger Lage; dort gibt es warmes, flie├čendes Wasser, elektrischen Strom, einen Fernseher mit Videorecorder und DVD- Player und Kabelanschluss. In meinem Badezimmer ohne Wanne stehen eine Waschmaschine nebst Trockner, eine Mikrowelle in der K├╝che und ein Herd mit Backofen ebenso; Spiegelflie├čen neben der Toilette und Heizk├Ârper, deren Thermostate ich auf und zu drehen kann, um die Zimmertemperatur stufenlos meinen W├╝nschen anzupassen, waren ebenfalls schon im Mietangebot enthalten. Ich darf mich also nicht beklagen.
Falls ich hei├č duschen m├Âchte, dann tue ich es. Habe ich Appetit, gehe ich zum K├╝hlschrank, oder kaufe mir etwas. Hunger kenne ich nicht, nur ansatzweise aus dem Fernsehen, wenn nordkoreanischen Waisenkindern irgendetwas zum Fressen vorgeworfen wird, und sie dann alles wieder auskotzen, w├Ąhrend ich mir die Thunfischpizza reinziehe, die ich ├╝ber mein Handy bestellt habe. Ich sp├╝re nichts von einer Konjunkturflaute oder Rezession. Leute, die ich kenne, gehen weiterhin Sushi essen und zur Kosmetik, dann in das Solarium oder ins Fitnessstudio. Leute fahren weiterhin mit ihren Autos zur Tanke um Bier und Chips zu holen, und manchmal fahre ich zu all dem mit und f├╝hle mich irgendwie dazugeh├Ârig. Ich habe mich mit den Gegebenheiten arrangiert, m├Âchte man meinen. Nun, dem ist auch so.

Ich besitze viele B├╝cher ├╝ber das Verhalten der Tiere und die Geschichte unseres Planeten. Auch habe ich Spielbergs "Schindlers Liste" gesehen und geweint. Ich habe Auschwitz besucht und mir Postkarten und ein Poster mit ganz vielen Schuhen darauf gekauft. Ich wei├č, wo der Tempelberg liegt und kann nachvollziehen, dass es ziemlich hart sein muss, die eigene Tochter zerfetzt vor einer Diskothek in Jerusalem wieder zu finden. Ich bin kleinb├╝rgerlich und intolerant, da ich ein Kopftuch zwar als modisches und schickes Accessoire wahrnehme, aber dann doch lieber Frauen ber├╝hren m├Âchte, deren Haare ich sehen und riechen und f├╝hlen kann. Die islamische Religion betrachte und bewerte ich einseitig, ohne Hintergrund, denn ich finde die Hindi eh cooler. Ich bin gegen eine pluralistische Gesellschaft, denn ich sehe in der Sharia keine wirkliche Alternative zu unserer Rechtssprechung. Ich bediene mich Ressentiments, ein Wort, was erst seit 'nem Flyer aus dem Westen in meinen Wortschatz trat, und das ich schwitzend im Duden nachschlagen musste, da irgendwie jeder diesen Schei├č kannte und mindestens dreimal am Tag durch die Luft posaunte.
Nichts desto trotz bin ich ein weltoffener Erdenb├╝rger, irgendwie Mitteleurop├Ąer und ein schwieriger Fall. Wir Deutschen hingegen sind ein trauriges und schwerm├╝tiges Volk. Wir kacken gerne gemeinsam ab, trinken Bier, erz├Ąhlen uns Geschichtchen und singen kitschige Lieder von unerf├╝llter Liebe, Bergen und frischer Luft, und so. Auch haben wir Deutschen eine schwere Last zu tragen, und irgendwie haben unsere Spuren durch das letzte Jahrhundert eine gro├če Verantwortung gegen├╝ber den kommenden Generationen erschaffen, und das hat uns verunsichert. Au├čerdem erlaubt der Mensch keinen laxen Umgang mit den M├Ąchten der Zeit, und so schnell w├Ąchst kein Gras ├╝ber Geschichte, und irgendwie bekommen ein Haufen Typen noch eine Menge Kohle von uns. Alte Leute, deren Argumente schlagkr├Ąftig und f├╝r mich nachvollziehbar sind, denn auch ich w├╝rde es Schei├če finden, mit dem Wissen gleich gekillt zu werden, ohne Aussicht auf einen vern├╝nftigen Cashflow, jahrelang unter katastrophalen Arbeitsschutzbedingungen schuften zu m├╝ssen .
Und wenn ich krank bin, Schnupfen habe oder so, dann lege ich mich ins Bett und kiffe mir die Birne zu. Und wenn ich dann dar├╝ber nachdenke, nicht hier in meinem Bett liegen zu k├Ânnen, sondern irgendwo im Freien ├╝bernachten m├╝sste, als Freiwild f├╝r irgendwelche sadistischen Idioten, oder so, dass ich vielleicht so 'ne Art Mutter w├Ąre, deren Tochter gerade von 'nem Lagerkommandanten gev├Âgelt wird und deren Sohn sie schon im Dorf mit einem Brotmesser den rechten Arm abgeschnitten haben, wenn ich mir reinziehe, dass viele Typen, die voll Dreck am Stecken haben, niemals zur Rechenschaft gezogen werden, und, dass ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube, fuck man, wenn ich mir diese ganze Schei├če vorstelle, dann wird mir ganz schlecht, und ich bekomme irgendwie voll Angst, und dann muss ich aufh├Âren, so zu denken und mir 'ne Dormicum schmei├čen, damit ich irgendwie pennen kann, sonst w├╝rde ich endg├╝ltig durchdrehen.

Mir scheint die Leute vereinsamen vors├Ątzlich. Es gibt nichts, wor├╝ber ich mich streiten oder aufregen k├Ânnte, in unserer Gesellschaft ist es unm├Âglich, zu krepieren. Angenommen, ich w├╝rde ich mich an einem arschkalten Wintermorgen, sp├Ąrlich bekleidet auf den Marktplatz der Stadt, in der ich wohne, legen, nur um in Ruhe verrecken zu k├Ânnen, es w├Ąre undenkbar. Irgendetwas w├╝rde mich retten, vielleicht sogar in letzter Minute, seien es ein Netz aus sozialen Institutionen oder die schwammige Moral und N├Ąchstenliebe meiner Mitb├╝rger. Vielleicht w├╝rde ich sogar in den Zeitungen erscheinen, oder in die Sp├Ątnachrichten kommen, denn ich bin kein Penner, der sein Schicksal in die Hand der Stra├če gelegt hat. Nein- ich bin ein stinknormaler Mittzwanziger, der nach Meinung der Medien nicht ganz rund laufen d├╝rfte.
ÔÇ×GroteskÔÇť ist irgendwie das einzige Wort, was mir dazu einf├Ąllt, denn eigentlich geht es mir schei├če, und ich finde das alles hier nur noch zum Kotzen. Mathegleichungen und chemischen Reaktionen schleppen sich in den Stra├čen an mir vorbei, und, wenn ich es mir jetzt, so beim Schreiben, einmal richtig durch den Kopf gehen lasse, sind Sendungen ├╝ber Die Wiege der Menschheit in den dritten Programmen das Einzige, was mich noch bewegt .
Das ist eine ziemlich ern├╝chternde und harte Tatsache, das gebe ich zu, doch ich habe noch nie vor Freude gespr├╝ht, au├čerdem glaube ich, meine Batterien sind irgendwie unten. Ich glaube, ich befinde mich im letzten Drittel meines Lebens, und das macht mich nicht fertig oder so, es ist ok, der Gro├čteil der Menschen auf dieser Erde gibt erheblich fr├╝her den L├Âffel ab.

Und jetzt starre ich komischerweise auf den Spruch, den Spruch, den ich irgendwann an den Monitor meines Rechners geklebt habe. Neun Worte, die in schwarzen Buchstaben auf einem kleinen und wei├čen und rechteckigem Zettel stehen, eine chinesische Weisheit, welche ich irgendwann und irgendwo einem Gl├╝ckskeks entnahm. In der Mitte des Lebens sind wir alle verschuldet steht dort, und ich wei├č, dass es stimmt, denn die S├╝nden habe ich hinter mir gelassen, und irgendwie wird es Zeit, sich zu verabschieden. Ich fahre den Rechner runter, stehe vom Schreibtisch auf und gehe zu meiner Musikanlage. Ich lege was Trauriges ein, dann setzte ich mich aufs Bett.
├ťber der Stadt ist der Himmel grau, wie Blei, und mit jedem neuen Song wird es dunkler drau├čen, mit jedem Song r├╝ckt f├╝r mich ein Zeitpunkt n├Ąher, der letzte Augenblick ist wie ein Trip, bronzefarben und summend.
Irgendwann habe ich mich ausgeklinkt, und ich wei├č nicht mehr, wann das war. Der Punkt, an dem ich mich jetzt befinde, war vorherbestimmt. Ich hatte nie ein andere Wahl. Irgendwie tut mir nur meine Mutter leid.
__________________
die zeit zerst├Ârt alles

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Kelly Cloud
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 15
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Reaktion

Beklemmend echt geschrieben. Es ist Weihnachtszeit und genau diese von dir beschriebenen Gef├╝hlen verst├Ąrken sich in dieser Zeit.

Solche Zeilen machen nachdenklich und lassen vielleicht doch einen Sinn in unserem trostlosen, sorg- und sinnlosen Dasein sehen.

Gut geschrieben, gut zu lesen, top up
__________________
kelly cloud

Bearbeiten/Löschen    


Het├Ąra
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2003

Werke: 6
Kommentare: 60
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Het├Ąra eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo caspAr,

mir gef├Ąllt der Text auch ausgesprochen gut, aber geh├Ârt er wirklich unter 'Erz├Ąhlungen'?

Lieber Gru├č

Het├Ąra
__________________
Wo gehen wir hin - immer nach Hause (Novalis)

Bearbeiten/Löschen    


caspAr
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 15
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um caspAr eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

shalom!

es ist doch nun wirklich egal, an welcher stelle, der text gepostet wird- gelesen wird er, allein das z├Ąhlt, und unter der rubrik "prosa", ist er meiner meinung nach in guten h├Ąnden. ach ja...
unser dasein gibt es wirklich nicht in geschenkpapier geh├╝llt, doch ist es auch nicht trost- und sinnlos, sorglos schon gar nicht, es geht wie immer und ├╝berall, um die balance zwischen den dingen. literatur hei├čt komprimieren. schmerz und liebe, gerne auch die traurigkeit. ich w├╝nsche einen stillen und sanften advent.
__________________
die zeit zerst├Ârt alles

Bearbeiten/Löschen    


black sparrow
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Jun 2002

Werke: 93
Kommentare: 276
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um black sparrow eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo CaspAr,

ich bin beindruckt! W├Ąre dies ein Aufruf f├╝r eine
Unterschriftensammlung, ich w├╝rde blind unterschreiben!
Fragt sich nur wof├╝r, wenn einem keine L├Âsung
einf├Ąllt, au├čer zuzusehen, wie alles zusammenkracht!

An den Kritiken meiner Vorg├Ąnger ist schon was dran.
Ich glaube auch, dass die Grenzen zwischen den
unterschiedlichen Gattungen diffus sind, aber
trotzdem ist es f├╝r mich nicht wirklich eine Geschichte
oder Erz├Ąhlung, denn es scheint eher ein pers├Ânliches
Statement zu sein, also eher ein Essay, oder irre ich mich?
W├Ąre es eine Erz├Ąhlung, w├╝rde ich mich an Formulierungen
wie: cooler, voll Schei├če, st├Âren, das tut irgendwie
weh beim Lesen, denn auch wenn man Alltagssprache
nutzt, ist es doch nicht ganz das gleiche wie
geschriebene Sprache.
Bsonders weil in deinem Text eine Menge gut formulierter
S├Ątze stehen! (halbgewalkte Depressionen in den Haaren, z.B.)

Nun ja, das war die Kritik, denn ansonsten hat mir schon
lange nichts mehr so gut gefallen!
Respekt!

"Ein Grabstein auf den Schlamassel, mit der Inschrift:
Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu!"
(Charles Bukowski)

Machs gut

black sparrow



Bearbeiten/Löschen    


Miriam
Guest
Registriert: Not Yet

caspAR

Welche Jerusalemer Disco meinst Du denn? Es flog nie eine in die Luft.
Vielleicht verwechselst Du etwas mit dem "Dolphinarium" im Mai 2001. Aber das war in Tel Aviv.

Gruss

Bearbeiten/Löschen    


Kelly Cloud
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 15
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Essay oder Erz├Ąhlung

Oder am Ende Betroffenheitslyrik. Aber ich finde doch die Rubrik Erz├Ąhlung ist gut gew├Ąhlt. Aus zwei gr├╝nden:

1.Der Punkt, an dem ich mich jetzt befinde, war vorherbestimmt. Ich hatte nie ein andere Wahl. Irgendwie tut mir nur meine Mutter leid.
die zeit zerst├Ârt alles

Dieser Schluss hat mich sch├Ân erschreckt. Ich dachte: Was macht der Mensch jetzt.
Aber er lebt noch. Heisst, es ist kein Essay.

2.Wieso nicht die eigene Tochter zerfetzt vor einer Diskothek in Jerusalem wieder zu finden.

In einer meiner Erz├Ąhlungen gab es auch ein Selbstmordattentat auf Weihnachtstouristen in Nazareth (Israel und nicht etwa in den USA).
Das sind doch die kleinen Freiheiten des Schriftstellers!

Ps: Es macht betroffen und nachdenklich. Und nachdenken hilft. Gesegnete Adventszeit




__________________
kelly cloud

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!