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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Regen
Eingestellt am 06. 04. 2003 17:33


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Wastebo
Hobbydichter
Registriert: Mar 2003

Werke: 3
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Der alte Mann steht vor seinem Cafe. Sein Blick geht in den Himmel. Außer Wolken sieht er nichts. Es bleibt nicht viel Zeit, bis zum Regen, und auch sonst. Wenn er sich umdreht, blickt er auf Plastiktische und zugeklappte Sonnenschirme. Wieso die da noch stehen, weiß er nicht. Er ist sich nicht einmal sicher, weshalb er selbst noch da ist.

Die Tische werden nass, das ist alles, was er denkt. Man muss sie fortschaffen bevor der Regen kommt. Vielleicht wird er sie auch stehenlassen, im Grunde spielt es keine Rolle. Die GeschĂ€fte gehen schlecht, frĂŒher war das anders. Seitdem regnet es auch mehr. Wegen den Polkappen, die schmelzen oder der Erde, die angeblich immer wĂ€rmer wird, nicht hier, im Gesamten, es ist schwer zu sagen. Könnte er nochmal von vorn anfangen...aber NeuanfĂ€nge gibt es keine und wer kann wissen, ob dann alles besser oder auch nur anders wĂ€re.

Die Autos rollen wie von selbst vorbei, aus manchen blicken Kinder, ihre Augen sind groß und mĂŒde. Sie wissen auch nicht, was sie sagen sollen. Er hat schon daran gedacht, sich einfach auf die Straße zu stellen, alles was es dazu brĂ€uchte, wĂ€r ein bisschen Hoffnung und ein Schild, aber bis jetzt hat er keine Idee, was man darauf schreiben kann. Er reibt sich die Augen und beginnt zwischen den Tischen herumzulaufen, bleibt ab und zu stehen, um mit der Hand ĂŒber das Plastik zu streichen, es ist noch warm. Auf der anderen Straßenseite geht eine Frau mit zwei großen EinkaufstĂŒten, immer wieder richtet sie den Blick nach oben.

Angenommen, es beginnt zu regnen, in diesem Augenblick, dann, ĂŒberlegt er, blickt sie hier herĂŒber, blinzelt, zuckt die Schultern und rennt quer ĂŒber die Straße direkt in das Cafe. Er bringt ihr einen Kaffee und erhĂ€lt dafĂŒr ein Trinkgeld und ein LĂ€cheln, weil sein Kaffee gut ist. Noch regnet es nicht, er greift nach dem Besen und fegt den Boden zwischen den Tischen. Aber der Staub ist in der Überzahl und er weiß auch gar nicht, was er will. Schon bald lĂ€sst er sich auf einen Stuhl fallen und starrt ratlos auf die Straße oder in den Himmel, je nachdem, wohin der Blick gerade geht. Irgendwann steht er auf und geht in den Laden. Als er wieder rauskommt, hat er ein Schild aus Pappe unterm Arm, stellt es auf die Straße und setzt sich wieder hin. Auf dem Schild sind nur ein Pfeil und etwas, das eine kleine Sonne sein soll.

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Die Sonne ist schon seit dem Morgen verschwunden. Bisher hat sich niemand auf die Suche nach ihr gemacht, es hĂ€tte auch gar keinen Sinn. Links und rechts stemmen sich die HĂ€user in den Wind, die Straße liegt bereits am Boden. An den Fenstern kleben die Gesichter der Alten wie traurige Fensterbilder. Auf dem Gehsteig lĂ€uft ein MĂ€dchen. Sie wird gar nicht gesehn. Sie ist ja auch schon fast nicht mehr da, nur noch ein Punkt, vielleicht nicht einmal das. Die Straße ist grau und der Himmel ist grau. Als Unterscheidung zwischen oben und unten bleibt das Wort.

Wenn ein Windstoß kommt, geht er einfach durch das MĂ€dchen durch, oder auch an ihr vorbei, man weiß es nicht. Da sind Stimmen in der Ferne und das GerĂ€usch von knackenden Zweigen. Sie will nichts sehen, nichts hören und nichts wissen. Es gibt auch gar nicht viel zu sehn. Vereinzelt rollen Kinder ĂŒber die Straße und die Worte liegen wie der Regen in der Luft. Das Moos spĂŒrt sie auch dort unter den FĂŒĂŸen, wo gar keines wĂ€chst, sie stolpert ĂŒber Kieselsteinchen und zittert mit den BlĂ€ttern. Alles in allem gab es schon bessere Zeiten. Was bleibt, ist ein kleines rotes Licht am Ende des Tunnels.

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Karl hat die Ampel nicht gesehn, Karl sieht ĂŒberhaupt nichts mehr. Laura hat ihren Gurt losgemacht und hĂ€ngt zwischen Karl und dem Lenkrad und kĂŒsst ihn auf den Mund. Karl schiebt sie sanft zurĂŒck auf den Beifahrersitz und versucht sich wieder auf die Straße zu konzentrieren. „Schatz, ist ja schön, dass du dich so auf das Essen freust, aber wenn du so weitermachst, werden wir nicht heil ankommen. Außerdem ist es doch nur...ich meine, es ist bloß ein GeschĂ€ftsessen.“ Laura rutscht auf ihrem Sitz herum. „Aber du bist sonst nie zu GeschĂ€ftsessen eingeladen, es kann sehr wichtig sein, hast du gesagt. Hast du doch? Alle, die bei euch was zu sagen haben, sind da. Das waren deine Worte. Ich bin schon ganz kribbelig. Geht es dir nicht auch so?“ Karl blickt stumm geradeaus. „Schatz, was ist denn los, warum sagst du nichts?“ „Es ist nichts.“ Zur BekrĂ€ftigung klopft er mit der flachen Hand auf das Steuer.

Laura schaut wieder zum Fenster hinaus. Dann dreht sie den Kopf und lĂ€chelt. Karl lĂ€chelt zurĂŒck. „Ja, vielleicht ist es wichtig, aber das braucht dich nicht zu kĂŒmmern, ich werde das schon hinkriegen, irgendwie.“ Sie sagt: „Schau mal, der Himmel, es sieht nach Regen aus. Wollen wir nicht draußen grillen, morgen?“ Karls HĂ€nde legen sich etwas fester um das Lenkrad, aber sie bemerkt es nicht. „Ja, morgen, aber ist das denn jetzt so wichtig, was morgen ist?“

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Mit einem krĂ€ftigen Ruck wischt der alte Mann das Selbstmitleid beiseite. Man hat ihm HĂ€nde gegeben, damit er etwas tun kann, und es sind nicht irgendwelche HĂ€nde. KrĂ€ftig und geschickt sind sie, das sieht er mit einem Blick. Das GlĂŒck liegt in der Ferne, er weiß von LĂ€ndern, LĂ€ndern ohne Regen, warme LĂ€nder, LĂ€nder wie das Paradies. Wenn er nochmal von vorn anfangen könnte, dann dort, das ist sicher. Er steht am Fenster und sieht und hört und riecht das Meer. Darin sind Wellen bis an den Horizont und irgendwo dazwischen die Boote der Fischer wie kleine Inseln, mit ihren bunten Segeln. Er schließt die Augen und hat nicht vor, sie in nĂ€chster Zeit wieder aufzumachen.

Auf den WellenkĂ€mmen treibt die Möglichkeit. Alles ist ganz einfach, der Laden wird verkauft und dann nichts wie weg, ĂŒber den Schatten und den Ozean, ehe es zu spĂ€t ist. Als er die Augen wieder öffnet und sich in der Fensterscheibe sieht, weiß er, dass es bereits jetzt zu spĂ€t ist. Er steht auf, streckt die Arme aus und lĂ€sst sie wieder runterfallen. Ein paarmal geht das so und wenn man ihn sieht, muss man an einen Vogel denken, der nicht fliegen kann.

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Es ist wie mit den Seifenblasen, ein Fliegen und Zerplatzen, denkt das MĂ€dchen. Unter ihren FĂŒĂŸen, vor ihren Augen, hinter ihrem RĂŒcken, an ihrer Seite marschiert das Leben weiter, hier tanzen sie, aus der Reihe und auf Nasen und dort drĂŒben taumeln sie wie Blinde. Sie fĂŒhlt sich fehl am Platze, irgendwie passt das alles nicht zusammen. Jetzt lĂ€uft sie durch die Straßen und ist gefangen in der Grauzone zwischen Herbst und Winter, und nachher, was ist nachher. Nichts ist mehr sicher, die Wolken baumeln an unsichtbaren FĂ€den und was ist, wenn sie fallen, gibt es ein GerĂ€usch, ein Wort oder etwas in der Art.

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„Ist auch wirklich alles in Ordnung? Schatz?“ Laura berĂŒhrt Karl am Arm. „Glaubst du, dass ich nicht sehe, wie...Hey, das war eben wieder eine rote Ampel. Soll nicht besser ich fahren?“ Karl holt tief Luft. „Nein!“, sagt er, „Wir sind auch so schon spĂ€t dran, lass mich einfach in Ruhe fahren, vielleicht schaffen wir es noch.“ „Aber wieso hast du es denn so eilig? Du hast doch selbst gesagt, es wĂ€re nur ein GeschĂ€ftsessen. Sag mir, was los ist, Karl. Bitte sag es mir.“ Karl schweigt. Neben ihm knarrt das Leder von Lauras Sitz. „Nichts ist los, gar nichts ist los. Und bald wird noch weniger los sein.“ Er wirft den Kopf zurĂŒck in die NackenstĂŒtze.

Laura reibt mit der HandflĂ€che auf ihrem Sitz herum. „Was meinst du damit? Ich verstehe ja gar nichts von dem, was du da redest.“ Eine Weile sagen beide nichts. Karl sieht auf die Straße und Laura legt den Kopf an die Scheibe. Dann schaut sie wieder Karl an. „ErklĂ€r es mir.“ Karl schĂŒttelt den Kopf. „Du wĂŒrdest es nicht verstehen.“ Sie schlĂ€gt mit der Faust auf die Hutablage. „Du verstehst es nicht, du verstehst es nicht. Ich kann es nicht mehr hören. Wieso machst du so ein Geheimnis aus deiner Arbeit? Ich weiß zwar nicht, fĂŒr wie dumm du mich hĂ€lst, aber ich denke, ich habe sehr wohl das Recht, mehr darĂŒber zu erfahren.“ Karl tritt das Gaspedal bis zum Anschlag durch. „Das Recht!“ Sein Lachen klingt erstickt. „Verdammt nochmal.“

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Die Wolken verdichten sich allmĂ€hlich. Der Himmel lĂ€sst sich nicht in seine Karten schauen, sagen diejenigen, die das Hoffen nicht aufgeben. Am Ende der Straße ist ein kleines Licht. Fast hĂ€tte sie es nicht bemerkt. Das MĂ€dchen geht langsam darauf zu und sieht Plastiktische und zusammengeklappte Sonnenschirme. Jeder hat eine andere Farbe, sie sehen aus wie bunte Inseln. Dazwischen steht ein Mann, mit den Armen flatternd wie ein Vogel, der das Fliegen lernt. Als nur noch die Straße zwischen ihr und dem Cafe ist, bleibt sie stehen. Sie beobachtet den Mann und das Licht, das dahinter durch das Fenster nach außen dringt. Ihr fallen keine Worte ein, einige hat sie verloren, einige sind nutzlos und den Rest hat sie noch nie gehört.

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Laura schreit irgendetwas, Karl hört nicht darauf. Erst, als sie sich zu ihm herĂŒberbeugt und mit dem Finger auf die Straße zeigt, sieht er es auch. Mitten auf der Fahrbahn steht ein Schild. Darauf sind ein Pfeil und noch etwas anderes gemalt. Karl reißt das Lenkrad herum. Das MĂ€dchen hat er nicht gesehn, sie ist blass und durchsichtig wie ein StĂŒck Nebel. Zum Bremsen ist es bereits zu spĂ€t. Er versucht es trotzdem, aber es ist ein wenig verzweifelt und seine Augen sind auch schon geschlossen. Neben ihm beginnt Laura schrill zu kreischen. Karl wartet auf einen dumpfen Schlag, aber er kommt nicht, da ist nur ein leichter Ruck. Ein Augenblick noch und der Wagen kommt zum Stehen. Bis auf Lauras Schnaufen ist alles still.

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Eine Weile tut sich nichts, dann gehen die AutotĂŒren auf. Es sind ein Mann und eine Frau. Durch den Regen versteht er nicht, was sie sagen, aber auf den Gesichtern glaubt er zu erkennen, was sie sagen wollen. Der alte Mann macht ein paar Schritte auf die Straße zu, am Bordstein bleibt er stehn und wartet. Nach einer Weile setzt er den Fuß auf die Straße und geht zu den beiden hin.

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Ohne, dass es jemandem aufgefallen ist, hat der Regen eingesetzt. Zu dritt stehen sie neben dem MĂ€dchen, Karl und Laura auf der einen Seite, der alte Mann auf der anderen. Keiner sagt etwas, alle betrachten sie das seltsame Gesicht. Karl geht in die Knie, er murmelt etwas, dann verstummt er. Mit den Fingern berĂŒhrt er den Arm des MĂ€dchens. „Ich glaube, sie lebt“, sagt er. „sie ist verletzt.“ Als der Satz aus seinem Mund heraus ist, klingt er nicht mehr richtig. Laura nickt leicht. „Einen Krankenwagen.“

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Der alte Mann springt ĂŒber den Besen, er liegt noch immer an der selben Stelle. Er wird ihn nicht mehr brauchen, der ganze Staub ist bereits fort, wegen dem vielen Regen, dem Gletscherschmelzen, der ErwĂ€rmung, was auch immer. Von den Sonnenschirmen tropft das Wasser, sie sind rot und blau und gelb und weiß, der Alte fasst sich an den Kopf. Er muss an Papageien denken, als er nach dem Hörer greift. Sie sind bunt und bringen ihn zum LĂ€cheln, aber wichtig ist das nicht mehr.

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