Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87758
Momentan online:
445 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Reise nach Mazar-i-Sharif
Eingestellt am 28. 02. 2005 15:58


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

Werke: 16
Kommentare: 122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arezoo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Mazar-i-Sharif.
Dort wird gek├Ąmpft, sagt der dicke amerikanische Major langsam und lehnt sich hinter seinem Schreibtisch gegen die Wand.
Ich wei├č, gebe ich zur├╝ck, zwei unserer ├ärzte sind dort.
Seit drei Wochen kein Lebenszeichen von Camil und Talal.
Ob sie zu meinem Team geh├Âren w├╝rden, fragt er mich.
Resigniert schaue ich zu Boden. Mit der Antwort, die ich geben muss, habe ich verloren.
Nein, sie arbeiten am Krankenhaus in Kabul. Einer von ihnen ist mein Cousin.
Sie sind Afghanin?
Er zieht eine Augenbraue nach oben.
Nein, Deutsche.
Wie dem auch sei, fasst er zusammen, es sind keine Amerikaner, wir k├Ânnen ihnen nicht helfen. Afghanen schon gar nicht.
Mit einer Handbewegung will er mich aus seinem B├╝ro fegen. Ich bleibe trotzig. Obwohl ich mir l├Ąngst sicher bin, dass er nichts f├╝r mich tun wird.
Es sind Menschen, schreie ich und schlage mit der flachen Hand auf den Plastikschreibtisch, der unter meinen Fingern zu schwanken beginnt. Er h├Ąlt mich f├╝r hysterisch, ich wei├č.
Geduldig, nachsichtig, wie zu einem kleinen Kind sagt er:
Ja, Mam, sicher, aber keine amerikanischen Menschen.

Vor ungef├Ąhr 200 Kilometern und zwei Tagen haben wir aufgeh├Ârt, miteinander zu sprechen. Henri und ich.
Die Sonne brennt seit den ersten Strahlen des fr├╝hen morgens unbarmherzig auf unsere K├Âpfe. Ohne Wolkenpause. Nur die pl├Âtzlich fallende Nacht bringt Erfrischung und K├╝hle.
Das Wasser in den Kanistern ist warm und ich habe keine Lust es zu trinken. Obwohl ich sollte.
Ab und zu tauche ich das Tuch, das ich als Schutz vor Strahlen und dem Sand um den Kopf geschlungen habe, in einen der Kanister und binde es dann wieder um.
Doch der Fahrtwind k├╝hlt meine Gedanken nur f├╝r kurze Zeit. Dann wird das Tuch wieder warm. Henri hat mit mir geschimpft, als wir noch sprachen. Ich w├╝rde mir damit noch eine Meningitis holen.
Nein, ich werde nicht mehr krank. Nicht ich, wo ich doch andere Sorgen habe. Sorgen um Camil und Talal, die nur Medikamente nach Mazar-i-Sharif bringen und ein paar Tage dort operieren wollten. Die Kampfhandlungen haben sie eingeschlossen.
Sie leben noch, ich wei├č es. Sie m├╝ssen noch leben.
Marc und Massoud im Jeep vor uns fahren langsamer. Halten schlie├člich an.
Marc ist Internist. Sehr gro├č und schlank. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter Engl├Ąnderin. Er ist einer von vielen im Team, die genau wie ich, kein richtiges zu Hause haben.
Seine Frau ist gerade in Indien im Einsatz. Sie ist Krankenschwester. Er macht sich Sorgen um sie. Das hat er erz├Ąhlt vor ein paar Wochen.
Massoud ist unser F├╝hrer. Kaum ├Ąlter als 17 oder 18 Jahre. Genau wei├č er es nicht.
Er spricht flie├čend Farsi, Paschtu, Franz├Âsisch und Englisch, aber ich bezweifle, dass er lesen und schreiben kann. Eine Schule hat er nie besucht. Eines Tages kam er ins Camp und fragte ob wir Dolmetscher suchen w├╝rden. Dr. Reinier, unser Projekt-Leiter, lie├č ihn bleiben.
Massoud hat nie gesagt, woher er kommt, wo seine Familie ist.
Ich habe ihn einmal gefragt, zu Anfang, nachdem er f├╝r mich Franz├Âsisch dolmetschte, weil meine Kenntnisse in dieser Sprache eher bescheiden sind. Er hat gelacht und gesagt, der Wind h├Ątte ihn hierher geweht.
Ich wurde traurig. Es erinnerte mich an meine Kindheit. Meine Eltern und vor allem meine Mutter, wie sie mir aus Mary Poppins vorlas. Ich bin sicher, eines Tages ist er wieder verschwunden. Wenn der Wind sich dreht. Ich habe ihn nie wieder gefragt.

Massoud kennt sich aus. Kennt jeden Stein zwischen Kabul und Mazar-i-Sharif. Wenn er anhalten l├Ąsst, dann aus gutem Grund.
Ich steige aus. Der Boden ist hei├č. Ich kann es durch die Schuhe sp├╝ren bei jedem Schritt.
Morgen sind wir da, sagt Massoud, aber f├╝r heute halten wir hier, schlagen unser Lager auf. Mit mir und Marc spricht er englisch, mit Henri franz├Âsisch. Ich bewundere sehr, wie schnell er zwischen den Sprachen einfach umschalten kann. Wenn ich mit ihm alleine bin, fragte er mich auf Farsi nach meinem Leben in Deutschland.
Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich ihn gerne mitnehmen w├╝rde, wenn ich wieder nach Hause fahre.
In seinen Augen ist Leid genug. Ich w├╝rde ihm gerne anderes zeigen. Sch├Ânes.
Sp├Ąter im Zelt weicht Henri vor mir zur├╝ck. Legt sich ganz weit auf die andere Seite. Ich wei├č, dass er auf mich b├Âse ist, eifers├╝chtig auf Talal.
Aber ich habe ihm nie etwas versprochen. Keine Hoffnungen gemacht. Ich kann ihn nicht lieben, nur weil er mich liebt. Wir haben viel zusammen gesehen, aber das verbindet uns trotzdem nicht. Bevor ich in unruhigen Schlaf falle, denke ich an Talal und seine Augen, eingepfercht zwischen Mundschutz und Haube.
Der n├Ąchste Morgen bringt erneut Hitze und Trockenheit. Die Grillen summen in der kargen Landschaft, auf dem steinigen Boden, zwischen d├╝rrem Gestr├╝pp.
Ich will nicht mehr mit Henri fahren, steige zu Massoud in den Wagen. Marc l├Ąchelt breit, als ich ihm seinen Platz streitig mache. Wir tauschen einen Blick. Er versteht mich, setzt sich neben Henri, der ├╝berall hinsieht, nur nicht zu mir.
Woran ich denken w├╝rde, fragt Massoud. Wir sind schon wieder ein Weilchen unterwegs. Die Berge aus der Ferne r├╝cken n├Ąher
An eine Coke. Im Glas. Mit vielen Eisw├╝rfeln, sage ich und trinke einen Schluck warmes Wasser. Es widert mich an. Ich h├Ąnge einen Teebeutel hinein. Will Geschmack haben.
Ich denke an das Zischen einer Cola-Dose, wenn man sie ├Âffnet. Den hellbraunen Schaum in der ovalen kleinen ├ľffnung. Das Prickeln auf der Zunge.
Massoud hat als kleines Kind einmal Cola getrunken, erz├Ąhlt er. Er k├Ânne sich nur nicht mehr an den Geschmack erinnern. Mein Persisch ist zu schlecht, um ihm zu erkl├Ąren, wie es schmeckt. Ich bezweifele aber auch, dass ich es auf Deutsch k├Ânnte.
Massoud will wissen, ob ich Talal lieben w├╝rde und was mit Henri w├Ąre. Ich muss dar├╝ber lachen. Es ist absurd. Ich habe eine lange und beschwerliche Reise auf mich genommen, um den Menschen hier zu helfen, zu heilen, Leid zu lindern und unterhalte mich mit einem afghanischen Jungen ├╝ber Angelegenheiten, die ich zu Hause mit meiner Schwester besprechen w├╝rde.
Massoud sagt, ich w├Ąre anders als die Afghaninnen hier. Das glaube ich auch, erwidere ich.
Am sp├Ąten Nachmittag in den letzten schr├Ągen Strahlen der Abendsonne erreichen wir Masar-i-Sharif. Eine gespenstische Ruhe liegt ├╝ber der Stadtmauer.
Die Front hat sich verlagert, sagt Massoud. Wir verstecken die Landrover hinter ein paar aufgeh├Ąuften Steinen und bedecken sie mit Zweigen. Ich werfe mir eine Burka ├╝ber und f├╝hle mich zum ersten Mal sicher in diesem Kleidungsst├╝ck.
Marc und Henri tauschen Jeans und T-Shirts gegen traditionelle Pluderhosen, Hemden und Westen, schlingen sich Turbane um die K├Âpfe.
Die M├Ąnner schultern Verbandsmaterial und Wasser in einfache Hanfs├Ącke verpackt. Ich darf nichts tragen. Ich bin eine Frau.
Massoud f├╝hrt uns ├╝ber leere ausgestorbene Strassen zum Krankenhaus der Stadt, dem einzigen Ort, an dem ich hier Menschen sehe.
Der Anblick erschl├Ągt uns. M├Ąnner, Frauen und Kinder liegen, stehen, sitzen auf den Treppen zum halbzerst├Ârten Geb├Ąude. Die Luft ist erf├╝llt mit Stimmen. Klagenden Stimmen. Es riecht nach Blut und Exkrementen, nach Schwei├č und Tod. Ich atme tief durch den Mund. W├╝rde mich am liebsten umdrehen und weglaufen, so schnell mich meine Beine tragen.
Unm├Âglich. Wir k├Ąmpfen uns durch die Massen, steigen ├╝ber K├Ârper, von denen einige leblos liegen, ├╝ber denen Fliegen unter der Sonne kreisen.
Massoud streckt mir seine Hand hin. Hilft mir ├╝ber die kaputten Stufen bis in die Eingangshalle.
Noch mehr Menschen. Mehr Gestank. Ich kann nichts gegen die Tr├Ąnen in meinen Augen tun. Sie laufen mir unter dem Gitternetz der Burka die Wangen hinunter.
Ich will zu Camil und Talal. Will sie nehmen und wegzerren. Weg von diesem Ort, an dem niemand sein sollte.
Und wei├č doch, wir werden alle bleiben, bis der letzte behandelt ist oder stirbt.
Eine afghanische Krankenschwester kommt mir entgegen. Sie hat nur ein Tuch locker ├╝ber den Haaren zu liegen. Ich lasse sie gar nichts sagen. Frage sofort nach Camil und Talal.
Erfahre, dass beide im OP sind. Und au├čerdem die einzigen ├ärzte hier.
Die Schwester stellt sich vor. Sie hei├čt Huriya. Das bedeutet Engel. Es passt ausgezeichnet zu ihrem feinen Gesicht, den gro├čen braunen Augen und dem klaren Teint. Sie ist sehr zierlich. Ich mag sie auf Anhieb. Glaube, dass hinter dem zarten K├Ârper eine sehr z├Ąhe Frau steckt.
Marc schickt Massoud und Henri zur├╝ck. Sie sollen die Autos holen und den weiteren Nachschub, der darin lagert.
Beide machen sich sofort auf den Weg. Marc selbst bleibt bei einem jungen Mann stehen. Zieht das Stethoskop aus der Tasche.
Huriya ist eine von nur sechs Krankenschwestern, die geblieben sind w├Ąhrend der K├Ąmpfe, nicht nach Pakistan fl├╝chteten.
Sie f├╝hrt mich in einen Raum, durch dessen Decke ich den Himmel sehen kann und der leer ist, bis auf einen Stuhl, der schr├Ąg in der Ecke liegt. Ihm fehlt ein Bein.
Ich lege meine Burka darauf ab und die paar Sachen, die ich in der Hand hatte. Das schwarze Tuch, das sie mir reicht, lege ich ├╝ber meine Haare und folge ihr dann. Durch Flure von deren W├Ąnden der Putz br├Âckelt. Es gibt kaum T├╝ren, in den Fenstern fehlt das Glas.
├ťberall liegen Menschen auf dem Boden. Sitzen, gegen die Mauer gelehnt. Manche blutig, andere scheinbar schlafend. Einige sicher tot.
Vor dem OP Trakt bleibt sie stehen, weist mir den Weg.
Dankbar nicke ich ihr zu. Verspreche ihr, gleich nachzukommen und zu helfen. Sie dreht sich um und verschwindet in der provisorischen Ersten Hilfe.
Ich muss mich mit aller Kraft gegen die T├╝r stemmen. Sie klemmt. Ein weiterer Flur. Ohne Menschen. Kaputt sind die Fliesen an den W├Ąnden.
Ich sehe durch das Glasfenster einer T├╝r. Camil und Talal stehen beide, die K├Âpfe gesenkt am OP-Tisch. Neben ihnen eine Schwester. Eine andere sitzt am Kopf des Patienten.
Eine Hand lege ich an das k├╝hle Glas und es ist fast, als k├Ânnte ich Talas Wange ber├╝hren.
Es riecht nach Äther im Jahr 2002. Mir wird übel von dem Geruch.
Nach ein paar Minuten wende ich mich ab.
Sie haben mich nicht gesehen. Das ist egal.
Ich kann jetzt meine Arbeit tun.

Die n├Ąchsten Tage vergehen schnell. Ein nicht abrei├čen wollender Fl├╝chtlingsstrom ergie├čt sich ├╝ber die Stadt. Ganze Familien fliehen vor den K├Ąmpfen nord-├Âstlich von Mazar-i-Sharif. Arme Familien, die vom Opiumanbau leben. Sie alle suchen Zuflucht im Krankenhaus und seiner Umgebung.
Tag und Nacht dr├Âhnt leise, wie Donnergrollen in der Ferne, das Artilleriefeuer. Abends ist der Himmel rot. Rot vom Blut all der Menschen, die hier noch sterben werden, denke ich.
Zunehmend kritischer wird die Versorgungslage. Die Taliban haben auf der Flucht vor den Truppen der Nordallianz alle Kornspeicher der Stadt nieder gebrannt.
Es gibt keine Nahrung, keine Medikamente, kein Verbandsmaterial.
Nachdem Massoud mit einigen M├Ąnnern aus der Stadt den Brunnen hinter dem Krankenhaus wieder in Betrieb genommen hat, schicken wir ihn schweren Herzens mit einem der Landrover nach Kabul zur├╝ck.
Wir brauchen Nachschub und noch mehr H├Ąnde. M├Âglichst schnell.
Alle arbeiten fast ohne Pause. Schlafen h├Âchstens ein, zwei Stunden am St├╝ck. Am schlimmsten ist jedoch der Hunger. Hier gibt es keine Tagesrationen f├╝r das Team, wie in Kabul. Wir hungern, wie all die anderen Menschen auch.
Massoud hat mir einen Fladen Brot zugesteckt, bevor er abfuhr. Wei├č der Himmel, wo er ihn her hat. Ich habe gez├Âgert, ein paar Bissen hinuntergeschlungen und verstanden, dass es in der Not keinen N├Ąchsten mehr gibt, au├čer einem selbst.
Den Rest habe ich geteilt. Mit Huriya. Sie ist so schmal. Ich habe mich schlecht gef├╝hlt. H├Ątte alles teilen sollen.
Jetzt wei├č ich, was ich f├╝r ein Mensch bin.
Zwei Tage nach Massouds Aufbruch muss Henri den OP schlie├čen. Wir haben keine Schmerzmittel mehr, keine Medikamente f├╝r Narkosen. Das gro├če Sterben beginnt.
Camil und Henri streiten, w├Ąhrend der Rest von uns keine Kranken mehr pflegt, sondern Leichen verscharrt. Immer in den Abendstunden, wenn es k├╝hler wird und der Wind sanft die K├Ârper streichelt.
Camil ist der Meinung, man k├Ânne durchaus ohne Narkotika operieren. Zumindest Wunden anfrischen, kleinere Br├╝che richten. Henri, als Team├Ąltester verbietet es ihm, findet Camils Idee unmenschlich. Talal und Marc halten sich raus. Sagen nichts dazu. Die Stimmung ist schlecht.
Henri tut so, als k├Ânne er Camils Franz├Âsisch nicht verstehen. Camil spricht darauf hin gar nicht mehr mit ihm. Mir knurrt der Magen.
Ich habe seit ├╝ber einer Woche nicht mehr geduscht, seit ungef├Ąhr zwei Tagen nichts mehr gegessen und schon f├╝hle ich mich elend.
Am n├Ąchsten Morgen bekommt Marc Durchfall. Er erbricht sich zudem st├Ąndig. Beh├Ąlt nichts mehr bei sich. Wir richten ihm ein provisorisches Lager in einem der fr├╝heren Untersuchungsr├Ąume im ersten Stock ein. Ich bleibe bei ihm. Wische Erbrochenes auf und Stuhlgang. Es ist ihm peinlich. Er sieht mir nicht mehr in die Augen.
Ich versuche ihm Wasser einzufl├Â├čen, wann immer es geht. Er muss trinken. Ich sage es ihm wieder und wieder. Wir haben keine Infusionen um seinen Fl├╝ssigkeitsverlust auszugleichen. Sein Fieber steigt. Das macht mir Angst. Er w├Ąlzt sich unruhig hin und her.
Talal kommt gegen Mittag und sieht nach Marc, legt die Hand auf seine Stirn.
Was denkst du, frage ich ihn. Talal sch├╝ttelt den Kopf.
Marc ist der Internist, sagt er.
Wir ├╝berlegen gemeinsam. Vielleicht eine parasit├Ąre Infektion.
Eigentlich ist es egal. Was macht den Unterschied, fragt Talal schlie├člich.
Ja, eben. Es tut nichts zur Sache. Wir k├Ânnen nicht therapieren.
Talal l├Ąsst sich auf einen der Holzst├╝hle fallen.
Ich f├╝hle mich so sinnlos, mir sind die H├Ąnde gebunden, sagt er leise.
Ich kann ihn verstehen. Es ist schwer genug Menschen beim Sterben zuzusehen, wenn man alles f├╝r sie getan hat und nun ihr Schicksal nicht mehr abwenden kann.
Hier in Mazar-i-Sharif wird aus anderen Gr├╝nden gestorben. Banale Gr├╝nde. So banal, wie der Tod selbst und das macht es unw├╝rdig.
Geh ein bisschen an die Luft, fordert mich Talal auf.
Dankbar nutze ich die Chance diesem kleinen Zimmer zu entfliehen, in dem es nach Krankheit riecht. Ich fliehe vor dem st├Âhnenden Marc in den Hof, hinter das Krankenhaus. Zum Brunnen.
Einer der M├Ąnner, die sich um den Brunnen gek├╝mmert haben, er hei├čt Adel, sch├Âpft mir Wasser. Ich trinke. Das Wasser ist kalt, kommt tief aus der Erde, l├Ąuft meine Kehle hinab.
Ich habe unb├Ąndige Lust, es mir auch den K├Ârper herunter laufen zu lassen, will Tropfen und B├Ąche auf meiner Haut sp├╝ren. Ich bin eine Verschwenderin. Frage Adel, ob er Eimer hat.
Er nickt, holt aus einem Holzverschlag f├╝nf gro├če Metalleimer.
Ich will mich waschen, erkl├Ąre ich ihm.
Er sch├Âpft alle Eimer voll und hilft mir, sie hinter den Bretterverschlag zu tragen.
Schnell hole ich mir ein St├╝ck Seife aus einem der Waschr├Ąume im Erdgeschoss. Kann es kaum erwarten. Brauche die Erfrischung so n├Âtig.
Henri ruft meinen Namen, von weitem, kommt n├Ąher.
Geh weg, Henri, sage ich.
Er ignoriert mich, setzt sich auf einen der Steine neben den Brunnen. Streckt seine Hand nach mir aus. Will mich ber├╝hren. Ich weiche zur├╝ck. Es ist sehr lange her, dass er mich einmal ber├╝hren durfte, lange vor Kabul und auch vor Mazar-i-Sharif.
Ich will Leben sp├╝ren, sagt er. Er sagt, wenn er mich ansehen w├╝rde, w├╝sste er, dass es doch noch Leben in all der Verwesung geben w├╝rde.
Sieh Camil an oder Huriya, antworte ich, sie sind lebendig genug.
Im Geiste f├╝ge ich hinzu: Denk an deine Frau und deine Kinder. Zu Hause. In Dijon.
Ich entkleide mich hinter dem Bretterverschlag. Gie├če mir den ersten Eimer ├╝ber den Kopf. Es ist eiskalt. Ich muss mir auf die Lippe bei├čen, um nicht zu schreien.
Gr├╝ndlich verteile ich Seife auf meinem K├Ârper, in meinen Haaren. Ich f├╝hle mich so unendlich schmutzig. Erst nach zwei weiteren Eimern bekomme ich den Geruch von Schwei├č und Ausd├╝nstungen aus der Nase.
Huriya hat mir ein Hemd und eine frische Hose gegeben. Sie hat sie in einem der Schr├Ąnke im zweiten Stock gefunden. Eigentlich M├Ąnnerkleidung. Mir egal. Hauptsache frisch.
Henri ist nicht mehr da. Adel lacht mich aus, als ich so vor ihn trete. Sein Lachen ist herzlich und ansteckend. Ich lache mit ihm und f├╝hle mich befreit. Zum ersten mal in dieser Stadt.
Talal und Marc finde ich beide schlafend. Marcs Atemz├╝ge gehen schwer, aber gleichm├Ą├čig. Talas Atem ist ein leiser Hauch. Ich beuge mich ├╝ber ihn, kann nicht anders, muss ihn ber├╝hren. Fahre mit den Fingern ├╝ber seine Wange. Er erwacht ohne die Augen zu ├Âffnen, greift nach meiner Hand und f├╝hrt sie zu seinen Lippen. Die Intimit├Ąt dieser Geste trifft mich, l├Ąsst mich schwanken. Ein Schwanken des Herzens.
Du riechst gut, murmelt er und vergr├Ąbt den Kopf in meinen Haaren. Ich f├╝hle seinen Mund auf meinem Nacken.
Schlie├če die Augen f├╝r einen Moment, denke an nichts, bevor ich sanft seinen Kopf nach hinten biege. Er besinnt sich, genau wie ich es getan habe und steht auf. Verl├Ąsst den Raum rasch und wortlos.
Wenig sp├Ąter, w├Ąhrend ich an Marcs Bett sitze und f├╝hle, wie sein Fieber steigt, bemerke ich Schmerzen in der Magengegend. Ein Krampfen. Zuerst glaube ich es sei der Hunger. Bis ich pl├Âtzlich aufspringen muss, es gerade noch rechtzeitig zur Sch├╝ssel schaffe und mich mehrere male hintereinander ├╝bergebe. Ich kann mich nicht mehr bewegen. W├╝rge immer wieder, bleibe schlie├člich neben der Sch├╝ssel liegen. Kann nicht mehr rufen. M├Âchte nur noch vor den geschlossenen Augen das Schwarze sehen.
Camil ist es wohl, der mich ein paar Stunden sp├Ąter findet, mich aufhebt, tr├Ągt, auf eine Matratze neben Marc bettet.
In mein Bewusstsein dringen nur Bruchst├╝cke, w├Ąhrend Schmerz und Fieber in meinem K├Ârper w├╝hlen.
Manchmal sp├╝re ich H├Ąnde, manchmal gleiten Gesichter vorbei und ich wei├č nicht, ob ich sie nur tr├Ąume. Meine Mutter sehe ich und Talal.
Talal. Ich denke noch, dass es furchtbar ist, seine Ber├╝hrung nicht von denen der anderen unterscheiden zu k├Ânnen.
Es wird Nacht um mich. F├╝r wie lange vermag ich nicht zu sagen.
Als ich das n├Ąchste Mal die Augen ├Âffne, sehe ich Schwester Bernadettes Gesicht. Sie ist meine Zimmergenossin in Kabul, arbeitet im internistischen Bereich.
Gerade beugt sie sich ├╝ber meinen Arm, schlie├čt eine Infusion an.
Pr├╝fend mustert sie dann mein Gesicht, will sofort wissen, wie ich mich f├╝hle.
Besser, sage ich und kann einmal mehr nichts gegen die Tr├Ąnen tun, die meine Wangen hinunterlaufen.
Bernadette ist besorgt. Erz├Ąhlt mir hastig, wie Marc und ich von amerikanischen Soldaten ausgeflogen wurden und zur├╝ck nach Kabul gelangt sind, erz├Ąhlt mir, dass Henri, Camil und Talal geblieben sind, erst n├Ąchste Woche abgel├Âst werden. Ein weiteres Team und Konvois mit Hilfsg├╝tern sind inzwischen in Mazar-i-Sharif eingetroffen.
Massoud wartet vor der T├╝r, sagt sie, er h├Ątte ein Geschenk f├╝r mich.
Ich kann nicht aufh├Âren zu weinen.
Warum ich denn weinen w├╝rde, fragt Bernadette. Sie sieht ratlos aus. Greift etwas hilflos nach meiner Hand.
Ich bleibe stumm. Weine ich doch, weil das erste woran ich denken musste, als ich die Augen eben aufschlug, all die vielen Leichen sind, die wir in der K├╝hle des Abendwindes vor den Toren von Mazar-i-Sharif vergraben haben.

Fr├╝her einmal habe ich viele Geschichten erz├Ąhlen k├Ânnen. Fr├Âhliche.
Ich muss an meine Neffen zu Hause denken, wie sie im Schneidersitz um meinen Sessel verteilt sa├čen, and├Ąchtig lauschend. Mit offenen M├╝ndern.
Tick, Trick und Track habe ich sie genannt und daf├╝r haben sie mich solange gekitzelt, bis ich neue Geschichten erfand.
Heute ist mein Kopf leer. Die meiste Zeit starre ich aus dem Fenster, auf die Strasse. Will keine Bilder mehr sehen, wenn ich die Augen schlie├če. Warte auf den Tag, an dem sie alle zur├╝ckkehren aus Mazar-i-Sharif.
Der Durchfall ist vorbei. Ich f├╝hle mich schwach. Mag nicht essen.
Gestern noch hat Bernadette Massoud zu mir gelassen. Wir haben nicht viel gesprochen, was nicht hei├čen soll, dass ich mich ├╝ber seinen Besuch nicht gefreut h├Ątte.
Er hat mir eine Dose Cola mitgebracht. Sie steht auf meinem Nachtschrank. Ich bin sehr ger├╝hrt. Wollte sie nicht annehmen. Wollte, dass er sie trinkt. Doch er hat den Kopf gesch├╝ttelt und gesagt:
Trink du. Du wei├čt wie es schmeckt und vermisst es. Ich hingegen habe keine Erinnerung, es nicht bewusst erlebt und deshalb keine Sehnsucht in meinem Herzen.
Massoud ist klug f├╝r sein Alter. Kl├╝ger als ich.
Dr. Reinier, der Leiter unseres Teams, schaut am Nachmittag bei mir vorbei. Ein dicker, gem├╝tlicher Belgier, den alle nur ÔÇÜHerculeÔÇÖ nennen, wenn er nicht in der N├Ąhe ist.
Selbst nach mehreren Wochen mit ihm, wei├č ich noch immer nicht, was ich von ihm zu halten habe. Er kann sehr aufbrausend sein und unbeherrscht. Auf der anderen Seite mag ich seine Lachf├Ąltchen und die dr├Âhnende Stimme.
Er l├Ąsst sich auf einen kleinen Holzhocker neben meinem Bett fallen. Der Hocker knackt unter seinem Gewicht.
Bernadette sagt, sie sind sehr schweigsam, seit dem sie zur├╝ck sind.
Er l├Ąsst mir eine Pause, die ich nicht f├╝lle. Ich starre weiter aus dem Fenster, hocke mit angezogenen Beinen auf dem Bett.
Dann f├Ąhrt er fort: M├Âchten sie nach Hause, Arezoo?
M├Âchte ich das? Kann ich erwarten, dass sich dort nichts ver├Ąndert hat? Steht meine Mutter noch immer in der T├╝r und winkt mir, wie sie es zum Abschied getan hat?
Ich nehme mich doch mit. Ich nehme mit, was ich gesehen und erlebt habe. Egal wohin ich gehe.
Ich m├Âchte Talal sehen, seine Stimme h├Âren und sein Lachen.
Nein, ich will nicht nach Hause, h├Âre ich mich sagen, ich will nur gesund werden.
Dr. Reinier l├Ąchelt mich an. Sieht ein wenig erleichtert aus.
Nehmen sie sich Zeit, erholen sie sich, Arezoo, sagt er und steht auf.
Gute Besserung.
Dann f├Ąllt die T├╝r ins Schloss.
Ich h├Ątte ihm gerne erz├Ąhlt. Vom Sterben in Mazar-i-Sharif. Von dem Massengrab, auf das wir gesto├čen sind, als wir unsere Leichen vergraben wollten. Von den ├╝ber 400 toten, halbverweseten K├Ârpern, die wir sahen.
Ich habe es ihm nicht berichtet und er hat mich auch nicht gefragt.

__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


MDSpinoza
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2004

Werke: 197
Kommentare: 1253
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MDSpinoza eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ersetze "Munitionsfeuer"durch "Artilleriefeuer" dann pa├čt's. "10"!
__________________
Lieber ein verf├╝hrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf├╝hrer...

Bearbeiten/Löschen    


Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

Werke: 16
Kommentare: 122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arezoo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ups, schon passiert! Vielen Dank!

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo
__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

Bearbeiten/Löschen    


vicell
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

Werke: 14
Kommentare: 118
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um vicell eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Arezoo,

eine Erz├Ąhlung, die es in sich hat. Sch├Ân, dass du sie hier noch mal gepostet hast!
Dein karger und dennoch ausdrucksvoller Stil gibt genau die Atmosph├Ąre wieder, es ist wie ein langer und beunruhigender Atem, der mich mitnahm auf eine weite Reise, unvertraute und ferne Bilder vermittelnd, Assoziationen und Emotionen, die unter die Haut gehen.

Sehr gelungen.

Lieber Gru├č,
vic

Bearbeiten/Löschen    


Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

Werke: 16
Kommentare: 122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arezoo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Vicell,

wieder schlaflos in Berlin?
Es freut mich sehr, dass es dir gef├Ąllt. Ist eines meiner 'Babys'. Ein Text, an dem ich pers├Ânlich sehr h├Ąnge.

Danke f├╝r's erneute Lesen!

Liebe Gr├╝├če in den Schnee und die Schweinek├Ąlte,
Arezoo

__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

Bearbeiten/Löschen    


dubidu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 60
Kommentare: 857
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um dubidu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Liebe Arezoo,

ich bin mit all meinen Sinnen nach Mazar-i-Sharif gereist; deine Erz├Ąhlung ist so eindrucksvoll, dass ich glaube, nicht nur in meiner Fantasie dort gewesen zu sein.
Sehr sch├Ân!
Gez. das dubidu
__________________
Die Tollk├╝hnheit des Schreibers und sein spontanes Bed├╝rfnis nach Wahrheit m├╝ssen allemal gr├Â├čer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

Bearbeiten/Löschen    


Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

Werke: 16
Kommentare: 122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arezoo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebes Dubidu,

sch├Ân, dass ich dich mitnehmen konnte auf meine Reise. Dir ein St├╝ckchen Land zeigen und dir einen Einblick in neuere Geschichte Afghanistans geben durfte.
Vielen Dank f├╝r's Lesen und es freut mich, dass es dir gefallen hat!

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo
__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!