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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Religionsvakuum
Eingestellt am 05. 05. 2008 13:14


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evemcfar
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2007

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Was konnte ich mir mehr w├╝nschen, als in der DDR gro├č zu werden?
Mein Name ist Uwe und ich bin ein Kind des Ostens. 1979 wurde ich in der beschaulichen Stadt Frankfurt (Oder) geboren und wuchs glatte 10 Jahre in einem f├╝r Kinder funktionierenden Osten auf. Keine Sorgen, viel Unsinn im Kopf und jeden Tag Sport im Verein. Danach tollte ich in einer nahe gelegenen Kiesgrube, der sorgsam gestalteten Plattenbausiedlung mit dem aussagekr├Ąftigen Namen: S├╝dring. Dort wohnte ich.
Mit der Wende ├Ąnderte sich Schritt f├╝r Schritt alles, die Menschen, das Essen, die Autos und zuletzt die Lehrer. Andere Schulb├╝cher, andere Kleidung und andere Vereine. Sport in der DDR war kostenlos, doch mit der Wende kam das Geld ins Spiel. Ich verlie├č Vereine, weil ich nichts von meinen Eltern bekam und drei Sportarten gleichzeitig ├╝bte. Als ich 14 wurde, jenes Alter, in dem unsere Lehrer des Politikunterrichtes mit Religion angefangen hatten, fiel es auf, dass es nur vereinzelt Gl├Ąubige unter uns gab. Im Lehrbuch des Politikunterrichts sprach man sogar von einem Religionsvakuum in der DDR.
ÔÇ×Der Sozialismus der DDR brauchte keine spirituelle Ordnung, denn alles wurde durch staatliche Organe organisiert und vorgeschrieben.ÔÇť
Pl├Ąne sind der Ersatz f├╝r die Bibel, Zirkelbesprechungen der Ersatz f├╝r das Wort und die Planerf├╝llung der ├ťbergang in den n├Ąchsten Plan.
Es fehlte nichts in dieser Welt, es gab nur keinen Grund mehr zu tun, als es der Plan vorsah.
Als ich Jahre sp├Ąter ein BRD B├╝rger wurde, bemerkte ich mehr und mehr, wie verschieden die L├Ąnder waren, die sich vereint hatten.
Die Deutschen waren nicht mehr nur Deutsche, ich geh├Ârte nun auch mit dazu. Bis heute kann ich es sp├╝ren, bis heute bin ich ein DDR-Ex-Kind.
Wettk├Ąmpfe waren meine Freizeitbesch├Ąftigung mit 8 Jahren, ich nahm an allem teil, was sich anbot und es gab viele Wettk├Ąmpfe in Frankfurt (Oder). F├╝r mein Alter ging es nicht um Ruhm, nicht unmittelbar um den Sieg, sondern f├╝r die Trainer um die Eignung. Diese Tatsache muss immer gewahr bleiben, so sch├Ân es auch organisiert war. Ich kann auf so viele sportliche Erfolge zur├╝ck blicken, kann immer noch meine beiden Knie an meine Ohren biegen und sehe meine Niederlagen mit Wehmut. Ich sehe mich dabei nur immer allein. Wenn ich gewann zog ich mich zur├╝ck zu meinen Sachen und wenn ich verlor tat ich es ebenso. Es gab zwar Siegerehrungen, doch gab ich nicht viel darauf, denn die meisten Menschen waren schon fort. Die Trainer fragten mich nach meinen k├Ârperlichen Leiden, ob mir etwas weh t├Ąte, die Knochen noch heil seien oder ich auch genug esse. Ich antwortete brav und soweit alles okay war, gab es nichts mehr, was noch interessierte. Allein die Frage stellte ich mir jedoch nicht: Warum mache ich es?
Dann holten meine Mutter oder mein Vater mich ab, die nicht dabei waren, als ich rannte oder gerungen habe. Als Kind w├╝nschte ich mir nur zu spielen. Der Sport, das t├Ągliche Training gaben mir die Ausdauer Stunde um Stunde als Jungpionier hin und her zu rennen. Die Kraft, die ich hatte, lie├č mich jedoch auch nie ruhen, ich spielte oder ich streunte herum. Die Kenntnisse, die ich als Jungpionier erwarb, waren milit├Ąrisch n├╝tzlich und als fr├╝hkindliche Erziehung spielerisch in der Gruppe organisiert. Die erlernten F├Ąhigkeiten konnte ich dann in meiner Freizeit nicht ablegen.
An einem wunderbar warmen Sonntag, ich war noch vor meinen Eltern aufgestanden und raus gegangen, ging ich zu meiner Festung. In unmittelbarer N├Ąhe unseres Plattenbauaufgangs lag ein kleiner H├╝gel, hinter dem die Stadt endete. Es standen dort offene Baracken rum, die eigentlich keiner betreten durfte, aber ich hatte es mir dort gut eingerichtet. Die Absperrungen waren so schlecht, dass ich dort ohne Probleme jeden Tag spielen konnte. Ich kletterte aufs Dach meiner Festung und sah mich in der frischen Morgenluft um, es war kein Feind zu sehen. Ich nahm mir meine Schleuder und setzte mich auf den Dachrand Richtung B├Ąume, um V├Âgel zu beschie├čen. Sie sangen zwar sch├Ân aber wild durcheinander, der eine ├╝bert├Ânte den anderen und ich, ich schoss auf alles was sich bewegte. Ich hatte zwei Schleudern, eine gemacht aus einem Lockenwickler mit Luftballon und die andere aus einer Astgabel, die ich zurechtges├Ągt hatte, und einem kr├Ąftigen Gummiband. In der Mitte des Gummizugs klebte ein kleiner Korb aus Plastik, in den die Erbsen kamen, bevor ich sie schoss. Ich hatte lange daran get├╝fftelt, dass der Korb auch ja in die Richtung feuerte in die ich zielte. Mit ein paar Sch├╝ssen wurde es still und erst aus weiter Entfernung kamen wieder Vogelgelaute an mein Ohr.
Die Sonne stand noch nicht sehr hoch und es schien mir interessant in die Kiesgrube zu gehen und dort nach den Katzenbabys zu gucken. Ich fand eines der Babys zwischen den anderen saugenden K├Ątzchen tot. Ich wollte etwas tun, doch fiel mir nichts ein, was ich mit der kleinen Katze h├Ątte tun k├Ânnen. Nicht einmal auf ein Grab bin ich gekommen.
Es kam ein Freund dazu und er lenkte mich mit einer Herausforderung ab, ob ich denn einen Stein von einem Dach aufs andere werfen k├Ânnte und ich konnte, ich konnte sogar weiter werfen, als bis auf die gegen├╝berliegende Garage. Wir kletterten auf das Dach der einen Garage, dort lagen schon viele Steine herum und wir warfen sie hin├╝ber, bis ich einen besonders gro├čen nahm und jetzt meine ganze Kraft zur Schau stellen musste. Einmal genommen, muss etwas passieren. Ich warf also und es schepperte pl├Âtzlich laut. Wir machten, dass wir davon kamen, doch zu sp├Ąt. Ein Mann stampfte auf uns zu und schimpfte mit uns, er packte mich am Oberarm und drohte, es mir zu zeigen, was ich angestellt habe. Eine Autoscheibe sei zu Bruch gegangen. Das Auto hatte hinter der Garage gestanden. Ich musste meine Adresse angeben und dann verschwand ich schnell vom Ort des Geschehens.
Daheim traf ich meine schlecht gelaunten Eltern wach. Sie hatten beide qu├Ąlenden Kopfschmerzen vom Vorabend. Als ich die T├╝r ins Schloss warf, br├╝llte mein Vater und ich erschrak, worauf meine Mutter noch schlimmer br├╝llte und damit drohte ihn zu verlassen. Es klatschte laut und meine Mutter begann zu weinen. Sie schrie ein weiteres Mal und kam dabei in den Flur zur Eingangst├╝r. Ich stand noch da und hatte Angst. Sie nahm sich ihre Jacke und mich am Arm, also schloss ich mich ├Ąngstlich an. Das f├╝gte sich f├╝r mich, denn der Mann hatte gedroht zu mir nach Hause zu kommen.
Meine Mutter hielt es aber nicht lange aus und fuhr mit mir nach zwei Stunden Autofahrt wieder Heim, wo es f├╝r mich erst einmal eine ordentliche Tracht Pr├╝gel gab. Ich durfte mir mein Fahrrad abschreiben, das mir versprochen war und hatte Hausarrest. Einen solchen Sonntag h├Ątte er noch nicht erlebt, er habe den Rat bekommen, mich lieber am Sonntag einzusperren, dann k├Ânne ich keinen Unfug machen. Ich bekam diese Strafe und dazu noch ein Verbot von Fernsehen und Freunden. Ich war also allein und durfte mich mit mir besch├Ąftigen.

Niemand erzog mich in dieser Zeit, ich war allein. Gott, ich danke Dir daf├╝r, doch den gab es nicht, vielleicht in einer Messe oder einem Gebet. Beides war mir unbekannt. Ich schuf mir hingegen eine andere Person, einen Gespr├Ąchspartner. Nicht imagin├Ąr, einfach eine Verbalisierung meines Denkens. Ich spreche es laut aus und widerspreche oder rede mit mir. Es kann ein moralisches Widerwort sein, die Vernunft, besseres Wissen, Zustimmung, alles M├Âgliche und dennoch nur eine Stimme ohne Recht. Mit ihr mache ich mein Leben aus. Mit ihr spreche ich, wenn ich Angst vor dem morgigen Tag habe, ich Geld auftreiben will oder einen Job finden. Dann sp├╝re ich die Einsamkeit, die Leere in dieser Illusion. Diese Stimme bin schlicht ich, ich allein und nichts anderes. Ich lernte fr├╝her keine h├Âhere Instanz als meine Person kennen, keinen Geist, vor dem ich letztlich bestehen musste oder der mir half. Ich konnte bei niemandem um Beistand erflehen. Kein Glaube an einen Gott versetzte mich in die Lage des Gelingens. Wie schwer auch Pr├╝fungen f├╝r die Gl├Ąubigen sind, ich sah meine Lebenswelt nie als Reich Gottes. Und ich bat weder ihn oder sie nie um etwas.

Heute bin ich skeptisch geworden. Die letzten Tage zeigten mir eine Welt in den Nachrichten, die von Gott nur so gehetzt wird. Wer schw├Ârt nicht alles auf dessen Worte und wer glaubt diesen Predigern, den Propheten und Politikern. Ich lebe in einem Land, das zur H├Ąlfte durch Christdemokraten und ÔÇ×ChristsozialistenÔÇť repr├Ąsentiert wird. Meine Genossen, Deutsche, werden im Ausland als Verbrecher bezeichnet und die T├Ąter machen mich verantwortlich f├╝r Ihre Handlungen, Erpressung, Mord, Terror. Was bin ich? Deutscher?

Ich bin beharrlich und ich genie├če. Ich verlasse mich auf den gesunden Menschenverstand. Und auf mein Gef├╝hl. Die arbeiten Hand in Hand. Oh, mein Gott. Ich bin mit beidem zufrieden. Jetzt, wo ich ├Ąlter geworden bin, habe ich noch einen dritten Helfer. Das ist meine Erfahrung. Jede meiner Handlungen verantworte ich f├╝r mich und vor mir selbst. Es gibt nur die Zukunft und meine Erfahrung. Darauf beschr├Ąnke ich mich und bin zuversichtlich keine Fehler zu machen.
Nun, ich bin BRD-B├╝rger und alles ist so rosig bzw. bunt geworden. Ich kann viel mehr machen, was aber auch daran liegt, dass ich ├Ąlter geworden bin. Mit meinem Tatendrang in meiner Jugend, und dem Wissen ├╝ber mich, kann ich sagen, h├Ątte ich ohne die Wende ein politisch schweres Leben in der DDR gehabt, doch mein Gl├╝ck schuf mir dieses strenge System mit 10 Jahren vom Hals.
Aber eigentlich war mit der Wende pl├Âtzlich alles leer. Die ├ämter, die Werkst├Ątten und die Vereine. Niemand k├╝mmerte sich mehr.
Diese Leere wurde durch nichts aufgef├╝llt!
Keine Integration fand statt, ich bin, ich war doch Deutscher. Dieses System jetzt ist nicht meins, ich glaube weder an Gott, noch an die Politik. Die Welt geht zum Teufel und ich nehme mir das Recht, mich um meine Angelegenheiten selbst zu k├╝mmern. Leben und leben lassen.
Jedoch scheint es mir auch, als k├Ânnte menschliches Mitgef├╝hl, ohne gesellschaftliche Verpflichtungen, unserer Gemeinschaft n├╝tzlich sein. Denn wenn der Mensch von Kindesbeinen an lernen w├╝rde, f├╝r seine Mitmenschen Interesse zu zeigen, w├╝rde die Welt bestimmt anders aussehen.

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