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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Remote Control
Eingestellt am 06. 10. 2002 12:46


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Rolf-Peter Wille
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Remote Control


┬ę Rolf-Peter Wille


Eigentlich m├Âchte ich gar nicht die Geschichte von Wang Tung-Hsiang erz├Ąhlen, weil er ein so widerlicher Kerl war. Ein Musiker hatte er einst werden wollen. Doch richtig gearbeitet hatte Wang niemals in seinem Leben. Den lieben langen Tag sa├č er vor dem TV und trank und rauchte abwechselnd. Er lebte ausschlie├člich von den Einnahmen seiner Frau, einer lieben, guten, einfachen Frau, die, wenn sie nicht im Gesch├Ąft die Kunden betrog, zu Hause versuchte, den Fernseher zu ├╝bert├Ânen, was ihr jedoch selten gelang. Ihr Gemahl, der alte Wang, war so taub wie ein chinesischer Taxifahrer, und seitdem er sich einen neuen Fernseher mit Fernbediener (remote control) angeschafft hatte, r├╝hrte er sich ├╝berhaupt nicht mehr vom Fleck. Schlie├člich verfaulte er derart, da├č er nur noch die seichtesten Programme ertragen konnte, und so wechselte er st├Ąndig den Kanal.

Einst, als der lieben Frau Wang die Galle ├╝bergelaufen war, schrie sie: "Du Nichtsnutz, Pflanze, Stein - geh' sterben!" Doch Wang, der Nichtsnutz, schien ihre Rede zu w├Ârtlich genommen zu haben. Er reagierte n├Ąmlich wie eine Pflanze oder ein Stein - nur, da├č er nat├╝rlich nicht starb. So platzierte sich die verzweifelte Gattin vor den Bildschirm, und zwar genau so, da├č ihre weibliche Rundung den letzteren v├Âllig verdeckte, und schrie in ihrem sch├Ânsten Diskant: "Scheiden! Scheiden! Ich lasse mich sofort scheiden!" Doch Wang, der offensichtlich schon nicht mehr zwischen Realit├Ąt und Film unterscheiden konnte, dr├╝ckte nur in einer Reflexbewegung auf den 'Power'-Knopf seiner Fernbedienung, und - siehe da - die liebe Frau Wang verschwand sofort, spurlos und ohne alle weiteren Umst├Ąnde.
'Ei, verdammt!' dachte Wang h├Âchst erfreut. 'So bin ich den alten Drachen endlich los!' Er dr├╝ckte noch einmal auf Power, um sich zu vergewissern, da├č seine Geliebte nicht etwa wieder erscheinen m├Âchte - doch die Frau Wang war dahin.

Ihre Energie und geistige Regsamkeit hingegen schienen sich auf metaphysische Weise auf den alten Wang ├╝bertragen zu haben, denn dieser unternahm etwas, da├č er schon seit Jahren nicht mehr gewagt hatte - er stand auf. Seine Absicht war es, das Fenster zu ├Âffnen, und auf der Stra├če gleich ein paar Leute versuchsweise abzuschalten. Doch hatte man in letzter Zeit genau vor seinem Fenster einen neuen Wolkenkratzer in die H├Âhe gezogen; eine Tatsache, die Wang nat├╝rlich noch nicht bemerkt hatte; und die Aussicht auf die Stra├če war bis auf weiteres versperrt. Wieder dr├╝ckte Wang Tung-Hsiang auf den Power-Knopf seiner Fernbedienung, diesmal nat├╝rlich schon absichtsvoller und mit Berechnung, aber der Betonklotz bewegte sich nicht von der Stelle. Ein Hochhaus war ja auch schlie├člich etwas Solideres als die gute Frau Wang.

Auch der Versuch, weitere Gegenst├Ąnde in der Wohnung abzuschalten, mi├člang kl├Ąglich, und so mu├čte sich der alte Wang wohl oder ├╝bel mit dem Fernbediener in der Hand auf die Stra├če bequemen. Doch empfand er diesmal nicht jenen Widerwillen, jene ├ťbelkeit, die ihn stets bei der Begegnung mit wirklichen Menschen ├╝berkam. Durch seinen Fernbediener f├╝hlte er nun die M├Âglichkeit, Kontakte zu kn├╝pfen. Ja, er sp├╝rte sogar einen gewissen Wunsch, sich bald mit vielen seiner Mitmenschen in Beziehung zu setzen. Das Leben schien also eine Art Film zu sein.

Doch in diesem Moment war Wang bereits im Foyer seines Wohnhotels angelangt. Der Portier r├Ąkelte sich, wie gew├Âhnlich, auf seinem schmierigen Stuhl hinter seiner schmierigen Theke. Er verbarg sich in einer Wolke aus stinkendem Zigarettenqualm und gr├╝├čte Wang nicht, was wohl daran lag, da├č er unentwegt auf den Bildschirm seines schmierigen Fernsehers starrte.

"Sie sollten einmal das Programm wechseln", sagte Wang Tung-Hsiang und schaltete den Portier kurzerhand ab, so da├č nur noch die stinkende Zigarettenwolke ├╝ber dem schmierigen Stuhl schwebte. 'Ei, verdammt!' dachte der alte Wang und trat auf die Stra├če. Er befand sich unmittelbar in einer l├Ąrmenden, dr├Ąngelnden Menschenmenge, die sich in verschiedene Richtungen durch eine noch viel l├Ąrmendere und dr├Ąngelndere Menge von zerbeulten Autos und verdreckten Motorr├Ądern w├╝hlte. Die hei├čfeuchte Luft war geschw├Ąngert von Autoabgasen, verwesenden Abf├Ąllen sowie allerlei Speisen, welche an jeder Stra├čenecke feilgeboten wurden.
'Ein wenig frische Luft w├╝rde mir gut tun.' dachte Wang und schaltete eine Gruppe von Personen ab, die ihm den Weg versperrt hatte. Er bahnte sich so geschickt einen Weg zum gegen├╝berliegenden Postamt, wobei er hin und wieder das Stra├čenbild ein wenig auflockerte. Gew├Âhnlich hatte ihn n├Ąmlich seine liebe Frau zu diesem Postamt geschickt, als Wang noch hinauszugehen pflegte, und er erinnerte sich immer gern der netten und zuvorkommenden Art jener Postbeamten. So herrschte auch an diesem Tag im Postamt eine allgemein entspannte und freundliche Atmosph├Ąre. Personen von solch idyllischer Gelassenheit findet man sonst nur noch am 'Transfer Desk' im Flughafen zu Hongkong. Wang hielt sich nicht l├Ąnger in der Vorhalle auf, sondern ging unverz├╝glich zum zweiten Stock, wo f├╝r gew├Âhnlich die Geldschalter eingerichtet waren.

Die Postbeamten, fast ausnahmslos Damen, agierten hinter sch├Ąbig angestrichenen Eisengittern, w├Ąhrend ein paar ├Âlig schmierige Ventilatoren, die von einer noch schmierigeren Decke hingen, die stickige Luft im Saal verteilten. Das Summen ihrer Motoren mischte sich mit dem Gebrabbel der verschwitzten Menschen zu einem endlosen Rauschen. W├Ąhrend sich der alte Wang sonst immer ein paar St├╝ndchen in dieser netten Atmosph├Ąre zu dr├Ąngeln pflegte, gelang es ihm diesmal, sich sofort einen direkten Weg zum Schalter zu bahnen. Die Postbeamtin jedoch schien eine derart enge Bekannte von Wang Tung-Hsiang zu sein, da├č so etwas wie eine Begr├╝├čung wohl als zu formell h├Ątte empfunden werden m├╝ssen. Jedenfalls w├╝rdigte sie Wang keines Blickes, sondern fuchtelte nur mit einem B├╝ndel von Geldscheinen in der stickigen Luft herum, wobei sie unentwegt eine bestimmte Nummer leise vor sich hin murmelte. "Geben Sie schon her!" rief Wang und ri├č der Dame die Geldscheine aus der Hand, bevor er sie abschaltete. Einem Herren, der steif und fest behauptete, die aufgerufene Nummer sei die seinige gewesen, empfahl Wang, jene Dame zu sprechen, und schickte ihn hinterher.

Der R├╝ckweg auf die Stra├če verlief zum Gl├╝ck ebenso glatt wie der Hinweg. 'Dies Kleingeld wird mir bei meinen weiteren Aktionen von Nutzen sein.' dachte Wang sehr zufrieden und winkte ein Taxi heran. Er ersparte dem Taxifahrer, einem kultivierten ├Ąlteren Herren, die unn├╝tze M├╝he des Fahrens und setzte sich gleich selbst hinter das Steuer. Jedoch erwies sich die Auflockerung des Stra├čenverkehrs als erheblich schwieriger, denn obwohl sich die Insassen der Autos leicht manipulieren lie├čen, so war es Wang doch unm├Âglich, die Fahrzeuge selbst zu kontrollieren. So kam es leider zu einigen bedauerlichen Verkehrsunf├Ąllen, die jedoch das allgemeine Stra├čenbild zum Gl├╝ck nicht weiter beeintr├Ąchtigten. Allerdings lie├č es sich nicht vermeiden, da├č Wangs Taxi bald in einem Verkehrsstau zum Stillstand kam, und zwar ganz zuf├Ąllig vor der XY Universit├Ąt, an der Wang vor langer Zeit einst zwei Semester Musik studiert hatte. 'Hier sollte ich doch einmal nach dem Rechten sehen.' dachte Wang unwillk├╝rlich und verlie├č das Taxi.

Zum Gl├╝ck fand sich Wang noch gut zurecht in dem verkommenen roten Backsteingeb├Ąude. Wenn es eine Sache gab, die der alte Wang ha├čte, so war dies das Klavier├╝ben. (Wie 99,9% aller Klavierspielenden, so war auch Wang damals von seiner Mutter ans Klavier gezwungen worden.) Bereits in den Korridoren der Musikabteilung konnte man das widerliche Geklimper von allen Seiten h├Âren. Aber diesmal war es in der Tat Musik f├╝r Wangs Ohren. Er ging zun├Ąchst langsam die Flure auf und ab und schaute sich die Klavier ├╝benden Studenten in den ├ťbezellen an. Wie in den meisten Musikabteilungen, so hatten auch die T├╝ren der XY Universit├Ąt Glasfenster, durch welche man die ├ťbenden wie feilgebotene Waren betrachten konnte.

Doch schon nach kurzer Zeit konnte sich Wang nicht mehr beherrschen. Seine juckenden Finger sehnten sich allerdings weniger nach einer Klaviatur als vielmehr nach seinem Fernbediener. Ein M├Ądchen, welches mit spitzen Fingern die Es-Dur Tonleiter auf und abst├╝mperte, war das erste Opfer. Doch unterlief dem alten Wang ein peinliches Mi├čgeschick. Die Studentin verschwand nur teilweise, oder - um es wissenschaftlicher darzustellen - : Nur ihr Kopf verschwand, w├Ąhrend der restliche K├Ârper noch unbek├╝mmert dasa├č und weiter ├╝bte. Obwohl dies nun sicher kein gro├čer Verlust f├╝r einen Pianisten ist, so f├╝hlte sich Wang doch durch solch eine Reaktion empfindlich gekr├Ąnkt. 'Das Ger├Ąt ist ├╝berfordert, die Batterien m├╝ssen sich verbraucht haben.' dachte er und beschlo├č, unverz├╝glich einen Elektroladen aufzusuchen.

Es war sicher nicht ratsam, zu viele kopflose Personen zu erzeugen. Schlie├člich h├Ątte jemand diesen Verlust erkannt und Wang haftbar gemacht. Das g├Ąnzliche Verschwinden von Personen hingegen ist viel sauberer und weit weniger auff├Ąllig. Ein etwaiger Bev├Âlkerungsr├╝ckgang wird ja ohnedies durch die hohe Geburtsrate rasch ausgeglichen. Klaviersch├╝ler jedoch verschwinden nicht so ohne weiteres.
Aber nun hatte Wang einen entsprechenden Laden erreicht. Der Verk├Ąufer hielt sich an die allgemeine Sitte und gr├╝├čte Wang nicht. "Die Batterien sind gut, aber das Ger├Ąt ist defekt", sagte er, "sehen Sie", und richtete den Fernbediener direkt auf den entsetzten alten Wang.

(Zum Gl├╝ck jedoch dr├╝ckte er nicht auf Power sondern nur auf 'Rewind', und so sa├č Wang wieder zu Hause vor dem Fernseher, w├Ąhrend seine liebe Frau neben ihm versuchte, das Ger├Ąt zu ├╝bert├Ânen.)

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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H├Ąh├Ą.
Deine Geschichten, lieber Rolf-Peter, sind immer H├Ąh├Ą-Geschichten, w├Ąhrend andere Schreiber hier, je nachdem, ein Hoho oder Hihi ausl├Âsen... bei Dir ist es jedenfalls immer ein H├Ąh├Ą.

Ein paar Kleinigkeiten w├╝rde ich noch ├Ąndern:
>Er reagierte n├Ąmlich wie eine Pflanze oder ein Stein - nur, da├č er nat├╝rlich nicht starb<
Das w├╝rde konsequenterweise bedeuten, da├č eine Pflanze oder ein Stein nicht reagiert h├Ątten, im ├╝brigen aber gestorben w├Ąren, was doch zumindest f├╝r den Stein nicht stimmen kann... oder?

>W├Ąhrend sich der alte Wang sonst immer ein paar St├╝ndchen in dieser netten Atmosph├Ąre zu dr├Ąngeln pflegte<
Da sein letzter Besuch schon ein paar Jahre zur├╝ckliegen mu├č, w├╝rde ich schreiben "fr├╝her immer".

>Ein etwaiger Bev├Âlkerungsr├╝ckgang wird ja ohnedies durch die hohe Geburtsrate rasch ausgeglichen. Klaviersch├╝ler jedoch verschwinden nicht so ohne weiteres. <
Wieso sollte das Verschwinden von Klaviersch├╝lern mehr auffallen als das Verschwinden anderer Leute? Wahrscheinlich meinst Du nicht Klaviersch├╝ler, sondern Klaviersch├╝lerk├Âpfe...?

Sonst: tolle Geschichte wie immer.
Noch ein letztes kr├Ąftiges "H├Ąh├Ą" und dann den Kopf abschrauben und ab ans Klavier
Zefira

P.S. Ich empfehle allen, die es noch nicht gelesen haben, Rolf-Peters "Ivar Gott" unter "Fremdsprachiges".... ein donnerndes H├Ąh├Ąh├Ąh├Ą ist garantiert!


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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Ein Glanzst├╝ck, lieber Rolf-Peter

Gru├č, Gabi

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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HuHu?

Vielen Dank fuer's Haehae, liebe Zefira, und natuerlich fuer die Kommentare! Vielleicht sollte ich meine HuHu Geschichte hervorkramen, damit das Gelaechter nicht zu eintoenig wird.
Jetzt muss ich in die Schule gehen. Hoffentlich funktionieren die Batterien meiner Fernbedienung. Wie geht's eigentlich den Schmetterlingen?

Liebe Gruesse,
Rolf-Peter

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

Werke: 123
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Liebe Gabi,

Dein Lob macht mich fast kopflos!

Viele Gruesse,
Rolf-Peter

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Klopfstock
Guest
Registriert: Not Yet

SUPER!!!

Lieber Rolf-Peter,

wenn Du ein genau so guter Pianist bist,
wie Erz├Ąhler, dann bist Du ein
SUPER-BEGABTER-MENSCH!!!
Also, Deine Erz├Ąhlungen: ALLE ACHTUNG!!!
Und der Humor, spitze!!!

Liebe Gr├╝├če

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