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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ritual des Todes
Eingestellt am 14. 03. 2008 00:41


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Josef Knecht
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2006

Werke: 5
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Als Aylin den dunkelhĂ€utigen Mann mit den unruhigen HĂ€nden sah, wusste sie, das ihr bisheriges Leben wie ein Puppenhaus aus Papier in sich zusammenbrechen wĂŒrde. Er durfte sie auf keinen Fall sehen. Mit klopfenden Herzen versuchte sie sich zwischen den HĂ€userblocks zu verbergen. Ihre 5jĂ€hrige Tochter Marina war bei Katrin, einer guten Freundin. Das war gut, denn so hatte sie etwas mehr Zeit, ihre Flucht vorzubereiten.
Aylin lief nach Hause. Sie brauchte lĂ€nger als sonst, denn sie benĂŒtzte dunkle, wenig benutzte Seitenstraßen, die einen Umweg bedeuteten.
Als sie schließlich ihre Wohnung erreicht hatte und sich die TĂŒr hinter ihr schloss, atmete sie erst einmal einen Augenblick durch.
Oft war Aylin diese Situation in Gedanken durchgegangen. Wie in Trance wusste sie, was fĂŒr KleidungsstĂŒcke sie am besten mitnehmen sollte. Sie hatten nicht viel Zeit. Das war ihr klar.
Plötzlich das metallische lĂ€uten der Glocke. Oh, mein Gott. Er hatte sie gefunden! Was sollte sie jetzt nur tun? Es gab nur noch eine Möglichkeit. Sie lief zu einem Hochschrank und holte eine Beretta M9 hervor. Sie war plötzlich vollkommen ruhig. Sie wusste, sie wĂŒrde in wenigen Sekunden Abdullah Erdogan, ihren Vater, erschießen. Dies war ihre einzige Rettung, zumindest fĂŒr den Augenblick.
„Hallo Aylin, ich weiß doch das du da bist. Warum öffnest du nicht? Ich muss mit dir reden!“ Es war die Stimme von Konstantin, ihrem Freund. Ihn hatte sie in der Hektik vollkommen vergessen. Ihre Aufregung kehrte zurĂŒck. Sie liebte ihn, doch sie durfte Konstantin unmöglich in diese Ereignisse hineinziehen. Das konnte seinen Tod bedeuten. Aylin wartete und hoffte er wĂŒrde wieder gehen. Doch Konstantin hatte einen SchlĂŒssel und öffnete damit die TĂŒr.
Als er Aylin sah verfĂ€rbte sich sein Gesicht und nahm eine milchig-grĂŒne Tönung an.
„Aylin, was ist denn los? Was machst du mit der Waffe in deiner Hand?“
„Abdullah treibt sich draußen zwischen den HĂ€usern herum.“ Sie hatte sich angewöhnt, ihren Vater nur mit seinem Vornamen zu bezeichnen.
„Aber du kannst doch deinen Vater nicht erschießen. Versuch doch erst einmal mit ihm zu reden!“
Sie war fast wĂŒtend wegen seiner VerstĂ€ndnislosigkeit.
„In einer solchen Situation kann man nicht reden. Ich habe mich geweigert Serkan zu heiraten, habe von einem deutschen Mann ein Kind. Ich habe die Familie entehrt, Abdullah will diese Ehre wieder herstellen. Dazu ist er hier und das geht nur, indem er mich tötet.“
„Ihr könnt doch nicht euer ganzes Leben auf der Flucht sein.“
„Doch, das ist mein Los. Selbst wenn ich Abdullah erschieße kommt ein anderes Mitglied der Familie und beendet seine Tat.“ Aylin schluckte und TrĂ€nen erschienen in ihren braunen Augen. „Das Beste ist, du gehst jetzt und vergisst uns!“
Konstantin schien den letzten Satz nicht gehört zu haben.
„Aylin, du packst jetzt schnell das wichtigste zusammen. Ich fahre dich zu meiner Schwester. Dort bist du erst einmal sicher. Danach sehen wir weiter.“
Kurze Zeit spĂ€ter verließen sie eilig die Wohnung. Es hatte mittlerweile die DĂ€mmerung eingesetzt und es wurde rasch dunkel. Sie fuhren mit Konstantins dunkelblauen Peugeot zu Katrin um Marina zu holen. Aylin hatte das GefĂŒhl, ihre Tochter Jahre nicht gesehen zu haben. Sie schloss sie in die Arme, einfach dafĂŒr dankbar noch am leben zu sein.
Danach fuhr der Wagen aus der Stadt und die Dunkelheit verschluckte ihn.
Nach etwa 20 Minuten, Marina schlief friedlich in ihrem Kindersitz, berĂŒhrte Aylin Konstanin leicht am Arm.
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, wir werden verfolgt.“
„Das vermute ich auch. Hinter uns fĂ€hrt ein Fahrzeug, das immer dann langsamer wird, wenn auch ich langsamer fahre.“
Ohne Vorwarnung bog Konstantin plötzlich in einen Feldweg ein. Unbeeindruckt folgte ihm das fremde Fahrzeug. Konstantin gelang es nicht, ihn abzuschĂŒtteln.
Er warf einen kurzen Blick auf Aylin.
„Wo hast du die Waffe?“
Aylin holte sie aus ihrer Tasche hervor.
„Ich denke, es gibt keine andere Lösung mehr!“
Konstantin nahm die Waffe und steckte sie ein. Er hielt das Fahrzeug an und wartete, bis die Lichter des anderen Fahrzeuges sich nĂ€herten. Schließlich hielt der Wagen etwa 20 Meter hinter Konstantins Fahrzeug. Beide Fahrer steigen gleichzeitig aus. Abdullah ließ die Lichter brennen, so wurde die nun folgende Szene in ein gespenstisches Licht getaucht. Abdullahs Schatten wurde in Richtung von Konstantin geworfen und die Person wirkte dadurch noch bedrohlicher.
„Lassen Sie mich zu meiner Tochter!“ Seine Stimme klang ruhig, so als redete er ĂŒber das Wetter.
„Ich weiß darĂŒber Bescheid, was sie vorhaben. Lassen Sie Aylin in Ruhe und ihr eigenes Leben fĂŒhren.“
„Was wissen Sie denn. Aylin hat die Familie entehrt und ich bin hier, um diese Schande zu tilgen.“
„Indem Sie sie töten!“
„Wenn sie uneinsichtig ist, auch das.“
Abdullah setzte sich in bewegte sich auf Konstantin zu, so als wĂŒrde ihm bewusst, dass er sich schon viel zu lange mit diesem unnĂŒtzen Gerede aufgehalten hatte.
Konstantin hatte keine andere Wahl. Er musste ihn aufhalten. Er war vier Jahre bei den FeldjĂ€gern und galt als der beste SchĂŒtze. Er griff in die Tasche und fĂŒhlte den kalten, glatten Stahl zwischen seinen Fingern. Er zog die Pistole hervor und zielte mit ausgestrecktem Arm auf Abdullah. Dieser stoppte sofort, so als lĂ€ge plötzlich eine giftige Viper vor ihm.
„Sie können mich ruhig erschießen, doch das wird ihnen gar nichts nĂŒtzen. Es geht hier nicht um mich, sondern um die Familie. Es werden andere kommen.“
„Gehen Sie zurĂŒck zu ihrem Wagen. Ich meine es ernst, ich drĂŒcke ab. Und ich verfehle selten ein Ziel.“
Einen Augenblick lang schien es, als wolle Abdullah selber zur Waffe greifen um zuerst Konstantin und danach Aylin zu erschießen. Doch schließlich ging er doch langsam rĂŒckwĂ€rts zu seinen Wagen. Langsam, ohne Konstantin auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen stieg er ein, wendete und fuhr davon. Langsam sah Konstantin die roten Lichter im Wald verschwinden. Erst dann ging er zurĂŒck zu Aylin. Als er wieder im Wagen war wischte er sich den Schweiß von der Stirn.
„Ich denke, den sind wir fĂŒr heute Abend sicher los.“
„Das denke ich auch. Doch wie soll es jetzt weitergehen?“ Sie drehte sich um und sah die schlafende Marina lange an.
Konstantin startete den Wagen und fuhr los, so als fĂŒrchtete er, Abdullah könnte noch auftauchen.
„Ich weiß vielleicht eine Lösung,“ nahm Konstantin nach einiger Zeit den verlorenen Faden des GesprĂ€chs wieder auf. „Heute hat mir mein Chef das Angebot gemacht die Leitung unserer Vertriebsabteilung in China zu ĂŒbernehmen. Wenn ich, wenn du einverstanden bist, könnten wir in 4 Wochen nach China fliegen.“
Zum ersten Mal an diesem verhÀngnisvollen Abend zeigte sich in Aylins Gesicht ein LÀcheln.
„Ist das wirklich wahr? Und du wĂŒrdest uns mitnehmen?“
„Ich wĂŒsste nicht, wen ich lieber dabei hĂ€tte.“
„Wir mĂŒssen aber auf jeden Fall zuvor heiraten.“
Konstantin stoppte den Wagen und sah in ihr schönes, dunkelhÀutiges Gesicht.
„Nein, das ist keine Bedingung.“
Aylin nahm Konstantin wortlos in den Arm. Ihr war plötzlich klar geworden, dass sie als seine Frau mit ihm nach China gehen wĂŒrde.
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GlĂŒck ist die grĂ¶ĂŸte Leistung des Menschen

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