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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Rom
Eingestellt am 07. 05. 2001 16:00


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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 21
Kommentare: 19
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Wir suchen den Geburtsort von Romulus und Remus, den beiden StadtgrĂŒndern Roms, die der Sage nach von einer Wölfin großgezogen wurden. Am Fuße des Palatins, einer der sieben HĂŒgel der Stadt, werden wir fĂŒndig. Vor uns erhebt sich das Foro Romano, verwĂŒstet, verkrĂŒppelt - verlassen nicht. Es wimmelt von Reisegruppen und SouvenirhĂ€ndlern.
Die teilweise recht ruinösen Bauten sind ĂŒberriesig, so dass man vom dauernden Aufsehen einen steifen Nacken bekommt. Und ĂŒber allem wölbt sich der unendliche Himmel, ein paar SchĂ€fchenwolken hier und da. Der Horizont ist kantig, scharf wie eine Messerschneide. Gut vorstellbar, dass man auf der anderen Seite in ein bodenloses Nichts stĂŒrzt. Als ob der Mittelpunkt der Welt kein Umland besĂ€ĂŸe! Als sei dies uralte TrĂŒmmerfeld allein das Erdenrund – exakt umrissen, ohne Hinterhof, ohne RĂŒckendeckung, vom azurblauen Himmel umschlossen, wie von einer stĂ€hlernen Faust. Unweigerlich hebt sich der Blick, das Kinn wird straff, der RĂŒcken streckt sich. Die Augen leuchten aufgrund des plötzlich einfallenden Lichtes und in dieser stolzen Haltung fĂŒhlt sich das Individuum – doch ganz besonders der Römer – erhaben und auserkoren.
Hoch oben auf dem Palatin vernehme ich in Rom erstmalig Vogelstimmen. Ein Gezwitscher wie in einem ornithologischen Garten. KrĂ€ftig stehen Pinien und KrĂŒppelkiefern in der sengenden Hitze, werfen ihre Schatten auf Mauerreste und ausgetretene Pfade. Kein LĂŒftchen regt sich, der gelbe Staub zu unseren FĂŒĂŸen hebt sich trĂ€ge aus dem Weg. Welche Zehen hat er wohl benetzt, vor Zeiten, als der Mensch Sandalen trug?

Rom ist die Stadt der Springbrunnen und der Statuen. Alle in Stein verewigten Götzen und Feldherren, Heilige und Schutzpatrone, selbst die gigantischsten hoch oben ĂŒber der belebten Piazza, sind so modelliert, dass sie von unten herauf gut sichtbar sind. Jede Kleiderfalte, jede Gesichtswölbung regt sich schattenreich im wechselvollen Spiel des Lichtes. Die gleißende Sonne erhebt den toten Stein zu strahlend weißen Göttern, dem Himmel so nah. BrĂŒcken beider Ewigkeiten, dem Gestern und dem Morgen. Jeder Nebelschleier aber trĂ€gt Sorge und Bewegung auf und lĂ€sst den VorĂŒberziehenden erstaunt innehalten. Wie wenn ein Schatten auf des Menschen Seele fĂ€llt und ihm sein Antlitz geradezu bewölkt, so verblĂŒfft die in Marmor gemeißelte Offenbarung seelischer Qualen in AbhĂ€ngigkeit von Hell und Dunkel, von Gut und Böse, von Liebe und Tod.
Ich bin ganz meschugge von den leblosen Gestalten. Ich fĂŒhle mich stĂ€ndig beobachtet.
„Steinerne Zeugen der Geschichte“ sagt Jan, als ich ihm erzĂ€hle, dass mich diese maßlose Ansammlung toten Gesteins irgendwie erschreckt. „Wer weiß, was die uns erzĂ€hlen könnten?“
Was wohl? Dass sie Tausende von DĂŒften atmeten? Jene, der Unsterblichkeit, der schönen KĂŒnste und der Liebe; die der Pest und der Dekadenz, Brandgeruch und Menschenblut? Der Wind umkreist ihre haarlosen HĂ€upter und streichelt die tausend TrĂ€nen fort, die ihren Augen den Glanz nahmen. Arme, versteinerte, seelenlose Welt. Armer Mensch.

Derweil die Glocke jenseits des Tibers zum Abendgebet ruft, ziehen wir unsere besten Kleider an und begeben uns in jenen Teil der Stadt, welcher der Ursprung alles römischen Lebens ist und seit ĂŒber zweitausend Jahren mit antiken SĂ€ulen und PalĂ€sten, beredten Skulpturen und brausendem LĂ€rm besticht und verwundert. Auf die Piazza Navona fĂ€llt die DĂ€mmerung. Endlich werden die Fenster der umstehenden HĂ€user geöffnet – die Sonne sinkt, die KĂŒhle kommt.
Touristen und Einheimische vermengen sich in Bild und Sprache – wer ist Freund, wer Feind? Befrackte Kellner huschen durch die im Freien gruppierten Tischreihen, ein alternder Student gibt sich als Komödiant. Die Straßenmusikanten ziehen von Haus zu Haus: russische Weisen, französische Nonchalance, deutscher Argwohn. ZigeunermĂ€dchen ĂŒberreden uns zum Blumenkauf, fassen uns an die Schulter, befĂŒhlen unser Haar – ist die Halskette noch da?
Nach einem ausgiebigen Bummel sitzen Jan und ich auf dem Rand des Vierströmebrunnens und betrachten eingehend die in weißen Stein gehauenen Flussgötter. Sie symbolisieren die grĂ¶ĂŸten FlĂŒsse der im 17. Jahrhundert bekannten vier Erdteile: Nil fĂŒr Afrika, Donau fĂŒr Europa, Ganges fĂŒr Asien, Rio de la Plata fĂŒr Amerika. Das Wasser muffelt etwas verchlort und das Straßenpflaster ist holprig.

Mein Blick wandert weiter, schweift an den grauen HĂ€userfassaden empor, hĂ€lt an klapprigen FensterlĂ€den fest, sieht das kleine MĂ€dchen im Hemd auf dem Balkon, eine Puppe im Arm oder einen TeddybĂ€ren vielleicht. Es steht völlig regungslos. Sein Blick bohrt sich in meine Augen. Kein Muskel regt sich. Eine Frau teilt die Gardinen hinter ihm, hebt es auf und trĂ€gt es in die Stube zurĂŒck. In diese gĂ€hnende Dunkelheit, hoch ĂŒber der murmelnden Piazza.

Die Lust zum bummeln ist plötzlich wie weggewischt. Auf dem Weg nach Hause pule ich in jeder dargebotenen Malerei den Kitsch heraus, an jedem Seidenschal nörgele ich herum, ob seiner farblichen oder stofflichen QualitĂ€ten. Angesichts der allgegenwĂ€rtigen VergĂ€nglichkeit wird mir jedes Souvenir als Erinnerung an gewesene Tage, wenn auch schöne aber eben verblĂŒhte Stunden verleidet.

Als der Abend mit einem orangeroten Dunst ĂŒber den Tiber aufsteigt, glĂŒhte meine Stirn von Hitze und ÜberwĂ€ltigung.

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