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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Rosen
Eingestellt am 20. 03. 2006 21:37


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Raniero
Textablader
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Rosen

„Dreh dich nicht noch einmal um ....“
So oder Ă€hnlich begann der Text einer Schnulze aus den FĂŒnfzigern, zu der einst unsere Altvorderen das Tanzbein schwangen. Ein nettes kleines Lied, vom Ursprung her aus dem Französischen mit dem Originaltitel ‚La vie en rose’, ein Leben in Rosen gebettet.
Sehr schmalzig und banal, Titel wie Text, im Original und auch in der deutschen Übersetzung, und dennoch oder gerade deswegen wurde dieses Lied damals ein Hit, wie man heutzutage formuliert, Schlager oder Gassenhauer, wie es frĂŒher hieß.
Ein kleines Lokal an einem oberitalienischen See, in einem Ort, an dem der verwelkte Glanz frĂŒherer Epochen noch zu verspĂŒren war. Hier hielt ich mich oftmals auf, des Abends, in den Stunden, die auf Mitternacht zugingen. Dieses Lokal war bis zum Ende der Saison durchgehend geöffnet, in der Woche.
In den Abendstunden spielte ein Pianist, der sich selbst vokal begleitete; nicht zum Tanze, dafĂŒr eignete sich diese kleine Bar nicht, sondern mehr zur Unterhaltung, zur Untermalung der eigenen Reflexionen beim Genießen des herrlichen Seeblicks und der umliegenden Landschaft.
So auch an diesem Abend im September; das Lokal war nur spĂ€rlich besetzt, als ich es betrat. Wie an jedem Abend saß der Pianist bereits am Klavier und spielte auf; er begrĂŒĂŸte mich mit einem Handzeichen, wie einen Stammgast. Ich nahm Platz, orderte meinen Drink und schaute mich ein wenig um. In unmittelbarer NĂ€he des Pianos saß eine kleine gemischte Gruppe, drei Damen und zwei Herren, allesamt im fortgeschrittenen Alter. Außer diesen Personen und mir befanden sich nur noch zwei weitere mĂ€nnliche GĂ€ste, die an der Theke Platz genommen hatten, in der Bar.
Wie ich schnell bemerken konnte, spielte der Mann am Klavier an diesem Abend speziell fĂŒr diese kleine Gruppe an dem Tisch, die in stĂ€ndigem Blickkontakt mit ihm standen; es handelte sich wohl um so eine Art Wunschkonzert fĂŒr diese GĂ€ste.
Insbesondere fiel mir aus dieser Gesellschaft eine Dame Mitte FĂŒnfzig auf, die, so schien es, mit dem Maestro flirtete; vielleicht ist flirten nicht der richtige Ausdruck, aber sie hing an seinen Lippen und hatte scheinbar die Welt um sich herum vergessen, wĂ€hrend er seine Texte sang.
Nach jedem StĂŒck gab es höflichen Beifall, nicht nur von den anwesenden GĂ€sten, sondern auch vom Mann hinter der Bar wie auch von der Kellnerin, und ein jedes Mal setzte eine lebhafte, im scherzhaften Plauderton gefĂŒhrte Unterhaltung ein zwischen dem Pianisten und der kleinen Tischgesellschaft, ĂŒber die Auswahl und die Interpretation der Lieder.
Ein neues StĂŒck begann, ‚La vie en rose’. Als der Klaviervirtuose nach ein paar instrumentalen EinfĂŒhrungsakkorden zu singen begann, vollzog sich etwas Seltsames. Die Dame, die bisher schweigend an seinen Lippen gehangen hatte, sang den Text mit und blickte den Pianisten dabei mit einem Ausdruck von GlĂŒckseligkeit, fast einer geistigen EntrĂŒckung an, der mich fassungslos machte.
Auch die ĂŒbrigen Anwesenden schienen Ă€hnlich zu fĂŒhlen; alle schauten wie gebannt auf dieses kleine Intermezzo des im Gesang vereinigten Paares.
Irgendetwas vollzog sich da vor unseren Augen, irgendetwas zwischen den beiden, dessen wir nicht habhaft werden konnten.
Im Anschluss an diesen Liedbeitrag gab es einen außerordentlichen Beifall. Jemand forderte eine Zugabe, doch die SĂ€ngerin wehrte bescheiden ab, und nach einigen scherzhaften Floskeln des Pianisten setzte dieser zu einem neuen StĂŒck an.
Er spielte noch eine Zeitlang, und ich beteiligte mich auch an dem Wunschkonzert und erbat das Lied des viel zu frĂŒh verstorbenen ehemaligen geistigen Kopfes der Beatles, in welchem dieser seinerzeit die Welt aufforderte, sich ein Dasein ohne Paradies und ohne Inferno vorzustellen.
Doch so schön dieser Song, so schön auch der weitere Klaviergesang sich an diesem Abend gestaltete, der einmalige Augenblick der Verzauberung, der VerzĂŒckung, wie wir ihn alle beim ‚La vie en rose’ verspĂŒrt hatten, stellte sich nicht mehr ein.
Kurz vor Abschluss meines Aufenthaltes in dieser herrlichen Gegend bemerkte ich, als ich nach einem morgendlichen Ausflug mein Hotel aufsuchen wollte, einen Trauerzug, der aus einer kleinen Kirche unmittelbar neben meinem Urlaubsdomizil heraustrat. Ich war ein wenig irritiert; zum ersten, weil ich dieses Gotteshaus, an dem mich mein Spaziergang tĂ€glich vorbeifĂŒhrte, kaum wahrgenommen hatte, bis zu diesem Zeitpunkt, zum anderen, weil ich auf eine Beerdigung wĂ€hrend eines Ferienurlaubes nicht gefasst war.
Als ich nĂ€her herantrat, bemerkte ich, dass einem der Trauernden ein kleines Bild aus der Hand gefallen war. Er hatte es nicht bemerkt; ich bĂŒckte mich und hob das Bildchen auf, um es ihm zurĂŒckzureichen, als ich wie erstarrt innehielt.
Das Bild enthielt eine Photographie der Dame, die zwei Wochen zuvor in der kleinen Bar so innig das Lied vom Rosenweg gesungen hatte!
ErschĂŒttert wandte ich mich an den Trauernden, dem das Photo entglitten war und fragte ihn, nachdem ich ihm zuvor von der Begegnung in der Pianobar berichtet hatte, was geschehen sei.
Er teilte mir mit, den TrĂ€nen nahe, dass diese Dame zum Sterben an diesen Ort gekommen war. Sie hatte hier in frĂŒheren Jahren viele Male ihre Ferien, die schönsten Tage des Jahres, wie man zu sagen pflegt, verbracht; dieser Ort war ihr ĂŒber diesen langen Zeitraum zur zweiten Heimat geworden, und so hatte sie, als sie erfuhr, dass ihr nur noch ein sehr kurzer Zeitraum zum Leben vergönnt war, den einzigen Wunsch gehabt, ihre letzten Tage hier zu verbringen und an diesem Fleckchen Erde ihre ewige RuhestĂ€tte zu finden.

Ein jedes Mal, wenn ich dieses Lied, diesen Schlager oder diese Schnulze, wie immer man es auch nennen möge, höre, erinnert es mich an die VergÀnglichkeit unseres Lebens.

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HFleiss
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Manchmal gelesener Autor

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Rosen

Das ist eine runde Geschichte, ein Streulicht, anekdotenartig, ein bisschen nahe der RĂŒhrseligkeit anno Neunzehnhundert, ich hĂ€tte mir ein wenig Verfremdung gewĂŒnscht. Der letzte Satz irritiert mich, er scheint mir ĂŒberflĂŒssig, so ein bisschen: Was lernt uns das? Verzichte darauf.

Lieben Gruß
Hanna

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Raniero
Textablader
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Hallo Hanna,

es freut mich, dass Dir diese kleine Story gefallen hat.
In Bezug auf den letzten Satz muss ich Dir Recht geben, er kann besser unterbleiben.

Gruß Raniero

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flammarion
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einfach

zum heulen schön.
lg
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Old Icke

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