Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87717
Momentan online:
755 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Rückkehr
Eingestellt am 14. 08. 2008 19:50


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Tenebro
Hobbydichter
Registriert: Aug 2008

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tenebro eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Zurück in die lodernde Hitze


Es war kalt in dieser Nacht, und ein scharfer Wind pfiff Nero um die Ohren und trieb ihm Tränen in die Augen. Schützend griff er fester um das schmale Bündel, dass er an seine Brust gedrückt hielt und vergrub sein Gesicht kurz in dem zerzausten, schwarzen Haar, dass aus der schmutzigen Decke hervorquoll. Seine kleine Tochter begann sich zu regen, sie hatte so lange schon still dagelegen und war ganz steif geworden, nun wurde sie unruhig, wollte sich endlich aufrichten und die schmerzenden Glieder strecken.
Doch es ging nicht. Noch nicht. Sie befanden sich nach wie vor in großer Gefahr, er hatte ihre Verfolger auch in den Bergen nicht wie gehofft abschütteln können.
Inzwischen hatte er fast schon die Hoffnung aufgegeben, ihnen überhaupt noch zu entrinnen... Doch eine kleine Chance blieb ihnen trotz allem. Wenn sie es nur schafften, dieses Gebirge zu überwinden, dann waren sie in Sicherheit, dann würde er nach all den langen Jahren der Gefangenschaft in fremden Ländern endlich seine Heimat wieder sehen, sein Zuhause, seine Familie... Er sehnte sich verzweifelt nach allem zurück, was ihm einst auf solch ungerechte Weise geraubt worden war. Wie gerne wäre er als freier Mann zurückgekommen, mit stolz erhobenem Haupt, mit Frau und Kind... -und nicht als ein geschwächter, dreckiger entlaufener Sklave. Doch es war ihm verwehrt worden. In seinem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus, wie Galle, und er schluckte mühsam den heftig aufwallenden Zorn hinunter. Es war so ungerecht!
Vor zehn Jahren hatten sie ihn und einige seiner Freunde bei einem Ausflug, in dessen Verlauf sie sich voll jugendlichen Übermuts zu weit ins verfeindete benachbarte Gebiet vorgewagt hatten, rücklings überfallen, niedergeschlagen und einfach mitgenommen. Jeder Widerstand erwies sich als zwecklos, zwei Fluchtversuche scheiterten.
Vom Moment seiner Gefangennahme an war er wie ein Leibeigener behandelt worden, nicht viel besser als das Vieh, dass er zu versorgen hatte. Er wurde schon bald an weiße Großgrundbesitzer verkauft, auf deren Äckern er sich mit anderen Leidensgenossen von früh bis spät abplagen musste, gedemütigt und von der harten Peitsche des Sklavenaufsehers bis an die Grenzen seiner Kräfte getrieben. Am Anfang stellte er sich nicht besonders geschickt an, hatte er doch als ehemaliger Adliger nie zuvor auf einem Feld arbeiten müssen.
Er konnte bei weitem nicht das gleiche Pensum an Arbeit bewältigen wie die übrigen Arbeiter und so wurde er erbarmungslos geschlagen und, als auch das nichts half, weitergereicht wie ein Sack Mehl, von einem Herrn zum nächsten und kein einziger war zufrieden mit ihm.
Er bekam kaum Nahrung, denn die musste er sich ja schließlich erst verdienen, und wurde immer schwächer.
Schließlich brach er eines Tages einfach bei der Arbeit zusammen.
Das sah zufällig Nicklas Salleck, ein benachbarter Farmer, der auf Besuch bei Neros derzeitigem Gebieter war und von diesem voller Stolz seinen Besitz gezeigt bekam. Nero bekam noch mit, wie Mr. Salleck auf ihn zulief und dabei laut nach einem Arzt rief. Als er dann bei ihm angekommen war und die schmutzverkrusteten breiten Striemen erblickte, die eitrig und blutend den Rücken des jungen Mannes bedeckten, schnappte er unwillkürlich erschrocken nach Luft. Er ahnte wohl, dass die Wunden die Überbleibsel nicht langer zurückliegender Bestrafungen sein mussten, doch im Moment hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken. Wichtig war jetzt nur, zu helfen.
Er kniete bei Nero nieder und rüttelte ihm sanft, fragte ihn leise etwas und wartete auf eine Antwort, doch seine Worte ergaben keinen Sinn für den vollkommen entkräfteten Mann. Er war jedoch überzeugt, man würde ihn auffordern, wieder aufzustehen, um weiterzuarbeiten. Die Angst vor erneutem, noch größerem Leid trieb ihn schließlich dazu, eine letzte verzweifelte Anstrengung zu unternehmen, sich aufzurichten. Doch er schaffte es nicht einmal mehr, den Kopf zu heben. Er stöhnte verzweifelt und bäumte sich wütend auf.
Dann wurde es dunkel um ihn herum.
Als er wieder erwachte, war das erste, was er spürte wie schon so viele Tage zuvor ein stechender Schmerz. Sein ganzer Körper schien von innen heraus zu verbrennen, und sein Nacken fühlte sich glühend heiß an.
Doch etwas war anders. Seine Qual schien sich verringert zu haben. Wenn er ganz still lag, konnte er sich sogar beinahe entspannen, ein Gefühl, dass ihm nahezu fremd geworden war. Er drehte mühsam den Kopf und spürte, dass es erstaunlich gut ging, auch wenn es ihn sehr anstrengte.
Verwirrt stellte er fest, dass er sich zwar immer noch müde, aber zugleich auch seltsam erholt fühlte, fast als hätte er lange Zeit geschlafen. Doch wie sollte das möglich sein? Was war mit ihm geschehen? Und noch wichtiger: Wo zum Teufel befand er sich hier überhaupt?
Die Antwort auf diese Fragen erhielt er zu seiner Überraschung postwendend, denn schon wenige Momente betrat ein hünenhafter Schatten den lichtdurchfluteten Raum und trat an sein Krankenlager. Schweigend betrachtet er den Verletzten eine ganze Weile, und Nero, der nicht sehen konnte, wer ihn da mit solchem Interesse musterte, begann unruhig zu werden. Dann jedoch setzte sich der mysteriöse Besucher auf seine Bettkante, und Nero erkannte augenblicklich Mr. Salleck, den Gutsbesitzer, der sich ihm gegenüber so hilfsbereit gezeigt hatte. Und auf einmal kehrten all seine Erinnerungen schlagartig wieder zurück.
Erschrocken wollte er sich erheben, doch der freundliche alte Mann beruhigte ihn und erklärte, dass er ihn von seinem alten Herrn losgekauft habe und er sich von nun an als ein Bestandteil seines eigenen Haushaltes sehen dürfe.
Es sei eine Schande, brummte er ärgerlich, wie dieser skrupellose Mensch seine Leibeigenen behandele, letztendlich schade er damit doch nur sich selbst, wenn sie ihm aufgrund seiner Unbarmherzigkeit wegstürben wie die Fliegen.
Wie sich herausstellte, war es zum Streit zwischen den beiden starrköpfigen alten Männern gekommen, der damit endete, dass sie sich schlimm zerstritten trennten und ihre ehemalige, ohnehin schon leicht brüchige Freundschaft nun wohl endgültig in Trümmern lag. Nero hatte Mr. Salleck kurzerhand mitgenommen. Verlegen runzelte der Jüngere die Stirn. Dass es wegen ihm zu einer solchen Eskalation kam, hatte er nicht gewollt.
Seltsamerweise schien dem gütigen Alten sein Verhalten jedoch in keinster Weise leid zu tun, vielmehr funkelten seine strahlend hellblauen Augen den Erretteten äußerst vergnügt an, als er nun in gemütlichem Ton anordnete:
„Du wirst dich jetzt am besten noch ein Weilchen hier erholen, schließlich warst du beinahe drei Tage fiebernd daniedergelegen, und danach bleibst du im Haus und wirst mir und den Meinen dort dienen. Ich finde, ein Adeliger sollte wirklich nicht hinaus auf die Felder müssen. Es ist schließlich jeder Mensch für andere Aufgaben geeignet und ich denke, auf diese Weise nutzen wir deine Fähigkeiten am besten!“
Verblüfft starrte Nero ihn an.
„Woher wisst ihr...?“, begann er, doch Salleck unterbrach ihn unwirsch: „Hier!“, sagte er und hielt ihm die geöffneten Handfläche entgegen. Als er der Schein der untergehenden Sonne darauf fiel, blitzte es golden auf.
„Mein Ring!“, rief Nero erschrocken und wollte in hastig an sich nehmen, doch sein neuer Gebieter schloss rasch die Faust darüber und sah ihn streng an.
„Ich werde ihn dir wiedergeben, sagte er langsam, „aber nur, wenn du mir versprichst, stets ehrlich zu mir zu sein und mir nichts Wichtiges zu verschweigen. Ich möchte dir vertrauen können, dann sollst du es fortan gut bei mir haben... Und nun erzähle mir deine Geschichte!“ Er übergab ihm den mit dem Siegelzeichen seines Stammes wunderschön verzierten Ring, und sah ihn erwartungsvoll an.
Und Nero erzählte. Schweigend lauschte ihm der greise Farmherr und unterbrach ihn nur ab und zu, um eine Frage zu stellen.
Schließlich erhob er sich mit einem tiefen Seufzen und sah erneut für eine lange Zeit einfach nur schweigend auf seinen neuen Diener herab, der sich inzwischen mühsam in eine sitzende Position gestemmt hatte. Es schien fast, als überlegte er, woher sein Gegenüber nur diese sprudelnde Phantasie nehme.
Resigniert gestand Nero sich ein, dass er in einer anderen Situation eine solch unrealistische Erzählung selbst ohne lange zu überlegen als Spinnerei abgetan hätte.
Doch da sagte Salleck zu seiner Überraschung auf einmal: „Ich glaube dir. Der Ring allein ist mir Beweis genug und zudem kenne ich das Gebiet, aus dem du zu kommen vorgibst und die Bewohner dort. Du ähnelst ihnen, sowohl vom Aussehen, als auch vom Akzent her, mit dem du sprichst.“
Nero blickte erstaunt auf. „Ihr kennt meine Heimat?“, fragte er leise.
Seine Kehle war mit einem Mal wie zugeschnürt.
„Ja“, erwiderte der Gutsbesitzer, und in seinen Augen leuchtete ein freundliches Lächeln auf. „Ein wunderschönes Fleckchen Erde, wenn auch von Vielen missverstanden... Aber nun höre, was ich dir sage: Ich bin ein alter Mann und habe voraussichtlich nicht mehr lange zu leben. Nach meinem Tod sollen meine treuesten Sklaven in die Freiheit entlassen werden, und auch dir will ich durch mein Testament die Freiheit schenken, wenn du mir bis dahin ein treuer Diener und Gefolgsmann warst. Du bist einfach nicht dafür geboren, in Gefangenschaft zu leben!“
Damit erhob er sich und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Noch lange Zeit, nachdem er gegangen war, saß der junge Mann da und starrte reglos vor sich hin, und erstmals seit langer, viel zu langer Zeit, begann wieder eine zarte Blüte namens Hoffnung ihre fest verschlossenen Knospen in ihm zu öffnen.

Und jetzt war Mr. Salleck tot. Schon vor über einem Jahr war er gestorben, und doch hatte sich nichts geändert. Über Neros ausgemergeltes Gesicht huschte ein bitteres Lächeln und grimmig stieß er dem alten, zotteligen Pferd, dass Naemi und ihm als Reittier diente, die nackten Fersen in die Flanken. Es wieherte unwillig und verfiel müde in einen langsamen Trab. Nero schauderte in der Kälte, die der Wind mit sich brachte und presste seinen Körper eng an den Leib des Tieres, um sich zu wärmen. Sorgenvoll dachte er an die erst kurz Zeit zurückliegenden Ereignisse.
Die letzten paar Wochen ihrer Flucht waren furchtbar gewesen, sie hatten schwere Entbehrungen und unmenschliche Strapazen durchleiden müssen, ständig in der Gefahr schwebend, entdeckt zu werden. Es grenzte an ein Wunder, dass sie überlebt hatten.
Vor allem für das zarte kleine Mädchen war es hart gewesen. Sie waren als blinde Passagiere in dreckigen, dunklen Ecken auf mehreren Schiffen mitgefahren, und eines von ihnen geriet in einen Sturm und wäre beinahe gekentert. Noch jetzt wurde ihm ganz schlecht, wenn er an das schaukelnde, gischtüberströmte Deck dachte, an die mannshohen Wellen, an...
Er schüttelte sich, um die unangenehmen Gedanken zu vertreiben, und konzentrierte sich wieder auf den Weg, der vor ihnen lag. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen und es wurde langsam Zeit, sich einen Lagerplatz zu suchen.
Auch das Pferd brauchte dringend eine Pause, es würde nicht mehr lange durchhalten. Doch es hatte ihnen bereits jetzt unschätzbare Dienste geleistet. Nero klopfte ihm aufmunternd auf die Flanke.
„Komm, du Guter, ein kleines Stück noch, dann hast du’s für heute geschafft und darfst dich mal wieder richtig ausruhen...“
Dabei glaubte er selbst nicht an das, was er da sagte. Sie hatten den Wallach vor drei Tagen von einer abgelegenen Weide entführt, ohne das gutmütige Tier hätten sie ihren Häschern niemals entfliehen können. Der lange Weg, den sie sich bereits zu Fuß durch das Land geschlagen hatten, hatte Vater und Tochter alle Kraft gekostet und es war einfach ein unbeschreiblich paradiesisches Gefühl, endlich nicht mehr selbst laufen zu müssen.
Nero seufzte. Wie wenig es doch inzwischen nur noch brauchte, um ihn glücklich zu machen! Ihn, der einstmals ein hochmütiger junger Fürst gewesen war... Ein bitteres Lachen stieg in ihm auf.
Aber wenigstens hatte er sich gerächt.

Nach dem Tod des guten alten Farmherren war ein erbitterter Erbstreit unter seinen Söhnen ausgebrochen, denn das Testament, dass als Richtschnur für jedes weitere Handeln hatte dienen sollen, war verschollen. Der kauzige Mr. Salleck hatte grundsätzlich allen Beamten misstraut, auch seinem eigenen Notar und deshalb das wertvolle Dokument bei sich im Hause aufgewahrt, versteckt natürlich. Und da sein Tod vollkommen plötzlich und überraschend durch einen unglücklichen Sturz vom Pferd eingetreten war, wusste nun niemand, wo es sich befand, nicht einmal seiner Frau hatte er es verraten.
Ungefähr zwei Wochen lang suchten seine Angehörigen vergeblich danach, durchforsteten systematisch das gesamte Anwesen, doch das wichtige Dokument war und blieb verschwunden. Das hatte nicht nur in Hinsicht auf den blutigen Sippenkrieg, der nun ausbrach, schlimme Folgen, auch für die Leibeigenen war es ein harter Schlag, konnte doch nun von einer angeblich versprochenen Freilassung keine Rede mehr sein. Für Nero kam diese Nachricht einem Todesurteil gleich.. All die Jahre hindurch hatte ihn die Aussicht auf die baldige Unabhängigkeit aufrechterhalten und nun brachen seine Hoffnungen und Träume in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Eine ganze Weile lang haderte er mit sich und der Welt, wusste nicht, was er nun tun sollte und wurde immer verzweifelter. Doch als schließlich seine geliebte Frau im Wochenbett bei der Geburt seines zweiten Kindes starb, hielt ihn nichts mehr zurück. Er stahl alles Geld aus der Haushaltskasse, dass er finden konnte, entzündete die große Scheune, die bald lichterloh brannte, schnappte sich Naemi und floh mit ihr im Schutze des Durcheinanders, dass das Feuer ausgelöst hatte.
Und nun waren sie hier...
Er ließ den Blick umherschweifen und erblickte dieselbe Landschaft wie gestern, wie schon seit endlosen Tagen, eine karge, öde Bergebene, aufgelockert höchstens durch ein paar vereinzelt stehende, windschiefe Bäume und dicke Büschel harten, trockenen Grases. Naemi murmelte etwas und er wollte sich gerade zu ihr herabbeugen, um zu lauschen, als er plötzlich, wie erstarrt, mitten in der Bewegung inne hielt.
Er hatte ein Geräusch vernommen, leise noch und fern, doch unverkennbar. Hufgetrappel!
Es wurde rasch lauter und ertönte schon bedrohlich nahe hinter ihnen, als Nero sich endlich aus seiner Erstarrung löste und sein Pferd verzweifelt anzutreiben versuchte. Doch da wusste er schon, dass es vergebens war. Das Tier war einfach schon zu erschöpft, um jetzt noch einen Wettlauf zu gewinnen und zu Fuß konnten sie auch nicht fliehen. Er spürte, wie ihm die Augen feucht wurden und biss sich hart auf die Lippe, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Es wäre so schön gewesen...
Aber er hatte jetzt keine Zeit, mit der Ungerechtigkeit seines Schicksals zu hadern, er musste handeln, und zwar schnell.
„Naemi!“, rief er eindringlich und schüttelte sie unsanft. „Naemi, hör mir zu: Die Handlanger unseres früheren Herrn haben uns fast eingeholt, und sobald sie uns erreichen, werden sie uns töten! Du musst springen und dich alleine durchschlagen, es ist ja nicht mehr weit. Ich werde sie von dir wegführen. Du kannst es schaffen, du...“
„Aber Papa, was wird dann aus dir?“ Verschlafen blinzelte sie zu ihm auf.
Er antwortete nicht, sah sie nur an, und trotz ihrer Jugend erkannte sie sofort die schreckliche Wahrheit, die deutlich in seinen Augen zu lesen stand. Es war nackte Todesangst.
„Nein! Paps, das lasse ich nicht zu! Ich...“
„Geh!“, rief er hastig, das Getrappel der Hufe dröhnte schrecklich laut in seinen Ohren. Unerbittlich stieß er sie vom Pferd herunter, seitlich hinein in eine strauchbewachsene Felsschneise.
Hart schlug Naemi auf dem Boden auf, sprang jedoch sofort wieder in die Höhe, sah ihrem rasch entschwindenden Vater nach, und brachte vor Verzweiflung kein Wort über die Lippen.
Sie hörte noch, wie er rief: „Du bist die beste Tochter der Welt, Naemi, ich werde dich immer lieben! Denk an das Geschenk, dass ich dir gegeben habe, gebrauche es weise. Leb wohl...!“ Die letzten Worte wehten nur noch ganz leise an ihr Ohr.
Dann vernahm sie auf einmal das scharfe Geräusch auf Stein gallopierender Hufe und barsche Männerstimmen und warf sich instinktiv seitwärts hinter die dürren Sträucher, um sich zu verstecken. Sie hatte unfassbares Glück.
Ihre Verfolger ritten vorbei, ohne sie zu bemerken, hatten nur Augen für ihren fliehenden Vater. Naemi lag stocksteif, da, wagte kaum zu atmen und zitterte vor Anspannung. Dann, nach einigen schrecklichen, endlosen Minuten, zerriss ein lauter Schuss die Stille und man hörte einen wuterfüllten Aufschrei, den Schrei eines Mannes.
Den Schrei ihres Vaters.
Naemi war es, als risse man ihr das Herz entzwei. Schluchzend rappelte sie sich auf und taumelte fort, nur fort von hier, von diesen gewissenlosen Monstern, stolperte über Steine und hervorstehende Wurzeln, strauchelte, stürzte und rappelte sich schluchzend wieder hoch. Dann eilte sie weiter, blind vor Tränen und Schmerz.
Unentwegt dachte sie: „ Sie haben ihn getötet! Paps ist tot! Er ist tot! Er ist tot!“ und rannte und rannte, bis sie schließlich weinend niederfiel und zitternd vor Schwäche liegen blieb, zu entkräftet, um sich noch weiter zu regen.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, blieb sie erst einmal lange Zeit mit geschlossenen Augen reglos liegen. Sie fror erbärmlich und fühlte sich hundsmiserabel. Sie wollte nicht mehr weiterleben. Wozu noch aufstehen? Wenn sie starb, würde sie ihren Vater wieder sehen...
Ein wundervoller Gedanke…
Doch ihr Magen war anderer Meinung. Tatsächlich war es letztlich nur der gesunde Hunger des Heranwachsenden, der sie rettete. Und der schreckliche Durst.
Er zwang sie schließlich, sich widerwillig doch zu erheben und mit schlurfenden Schritten weiterzustolpern, müde, lustlos und völlig apathisch. Bis sie auf einmal...
Naemi riss die Augen weit auf vor Erstaunen und verharrte ganz still. Selbst das Atmen vergaß sie für einen Moment. Wo war sie denn hier gelandet? Was in drei Himmels Namen war das denn bloß für eine seltsame Landschaft? Wahrscheinlich träumte sie immer noch!
Sie schloss die Augen und rieb heftig mit den Handballen darüber, doch als sie sie wieder öffnete, bot sich ihr noch immer dasselbe Bild wie schon zuvor. Überall, wohin das Auge auch reichte, nichts als Sand. In endlosen Dünen und Hügeln lag er vor ihr, matt glänzend und wie hingegossen, bot einen erhebenden und zugleich bizarren Anblick im glühenden Licht der Sonne, die alles kraftvoll überstrahlte.
Naemi hatte die Wüste erreicht.
Und dann durchdrang sie mit plötzlicher Macht die Erkenntnis, was sie da sah, was ihr Vater mit all seinen geheimnisvollen Andeutungen über das Ziel ihrer Reise gemeint hatte...
Er hatte davon gesprochen, dass ihre Heimat, in die sie nun endlich zurückkehrten, ein endlos weites, karges und doch wunderschönes Land sei, ein Land voller Gefahren und doch zugleich auch unzähliger Freuden und Wunder. Jetzt verstand sie.
Die Wüste war ihre neue Heimat. Auf einmal musste sie lächeln. Ja, er hatte Recht gehabt. Es war wirklich wunderschön hier.
Sie spürte, wie sie sich augenblicklich hingezogen fühlte zu dieser weiten Einöde und wusste, sie würde sie lieben, ihre trügerische, scheinbare Ausgestorbenheit ebenso wie die ungewisse Sicherheit, die ihre schiere Größe bot. Und auf einmal sah sie auch die Bewohner dieses kargen Landstrichs, sie kamen von Süden her und ritten auf erstaunlich hässlichen Tieren, die Buckel zu haben schienen und wie betrunken hin und her schwankten.
Verblüfft sah Naemi ihnen entgegen. Und die Männer, sie trugen Turbane und waren in weite Tücher gehüllt. So etwas Seltsames hatte sie noch nie gesehen. Ob diese sonderbaren Menschen sie wohl bei sich aufnehmen würden? Und wollte sie das überhaupt wirklich?
Doch dann erinnerte sie sich wieder der letzten Worte ihres Vaters und des Geschenks, welches er ihr hinterlassen hatte. Vorsichtig zog sie den Ring aus ihrer Rocktasche und hielt ihn ins Licht. Er blitzte und funkelte, als freue er sich, wieder die sengende Hitze des Landes zu spüren, in dem er so lange Zeit als Symbol der Macht gedient hatte.
Naemi lächelte.
Ja, dieses Kleinod wies sie als die rechtmäßige Tochter eines Stammesfürsten aus, mit ihm würde sie Aufnahme finden in ... ihrer Familie. Ein heißes Glücksgefühl durchströmte sie mit einem Mal.
Sie drückte ihren Schatz noch einmal fest gegen die Lippen, dann atmete sie tief durch und lief, mit beiden Armen winkend und laut rufend, der verwirrten Karawane und ihrem Schicksal entgegen. Mitten hinein in dieses fremde Land, das nun ihre Heimat war.



Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!