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Leselupe.de > Erzählungen
Rückkehr nach Palermo
Eingestellt am 07. 01. 2003 13:52


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dasDett
Hobbydichter
Registriert: Jan 2003

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Rückkehr nach Palermo

Glaubt man den Worten meines Vaters, so kommt man immer wieder an den Ort seines eigenen großen Glücks zurück.

Ich weiß nicht, ob dieser Platz hier, mein Ort des eigenen großen Glücks ist, aber ich bin zurückgekehrt. Mein Vater wollte es so. Er starb vor einem Monat. Meine Mutter weint die Tage, die Nächte und ich, ich bin noch zu jung, um ohne Vater zu sein. Niemand darf ohne Vater sein. Deshalb hatte ich dafür gesorgt, dass niemand ohne mich ist.

Vor drei Tagen kehrte ich nach Palermo zurück. Wie ich heute merke, ist es ein hoher Preis für den Anteil aus dem Nachlass meines Vaters. Er war immer ein kluger Mann gewesen, der stets seinen Willen durchzusetzen vermochte. Nur ich hatte ihm seinen größten Wunsch verwehrt. Drückeberger hatte er mich genannt, damals als ich zurückkehrte. Ich wünschte, jemand hätte ihn Großvater nennen können. Ich war ein Feigling.

Der Blick auf das Meer hat sich in den Jahren, um genau zu sein, es waren fast vierundzwanzig, nicht geändert. Die Laternen im Hafen entblößen in Nächten wie dieser noch immer die romantisch klingenden Namen der Fischerboote. Carolina, Margarita, Angelina. Die Schiffe wippen ruhig und schmiegen sich in die Wellen. Hier und da knarrt Holz, sonst ist es still. Ich bin allein, mit meinen Gedanken und Erinnerungen und das schmerzt. Es schmerzt bereits seit drei Tagen in meiner Brust. Mir wird klar, dass ich mit diesen Schmerzen unmöglich sterben kann. Ob mein Vater je solche Schmerzen gehabt hatte?

Palermo. Wie oft dachte ich an dich? Im ersten Jahr? Tausendmal! Sah das Feuerwerk vor mir, die Raketen, die sich am Himmel ausbreiteten, ihn färbten und Valentinas Gesicht. Augen, ihr Glühen. Nie war eine Stadt so abhängig von Augen wie Palermo. Nirgendwo sonst fand ich ein Feuerwerk wie dieses, nirgendwo ein solches Gesicht mit solchen Augen. Ich liebte sie und dennoch ging ich. Aus Angst. Nichts ist schlimmer als die Angst zu versagen. Ich hätte sterben können und die Angst wäre nie so erdrückend gewesen, wie weiter leben zu müssen.

Wie lange werde ich hier sitzen können? Unentdeckt vielleicht bis zum Morgen und ohne Entschluss wahrscheinlich ewig.

Bei Sonnenaufgang stehe auch ich auf und gehe. Ich hatte mich nach meiner Ankunft in ein Hotel eingemietet. Es liegt nahe der Hauptstraße. Nachts dringt der Lärm bis in mein Zimmer. Ich will nicht schlafen. Wie könnte ich auch, ohne zu wissen, was morgen wird? Meinen Entschluss traf ich eigentlich bereits, als ich in Hamburg in den Zug stieg. Fliegen wollte ich nicht. Ich haschte nach der Zeit und entließ Bild für Bild einer Strecke, die ich mir geschworen hatte, nie wieder zurückzulegen. Valentina, wenn du mich nur erleben könntest. Mich dummen, alten Narren.

Ich frage mich, was aus Luca geworden ist. Er war mein Verbündeter in Palermo gewesen. Ich saß oft bei ihm und erzählte ihm von Deutschland, von meinen Reisen, von meiner Arbeit. Hamburg hatte ihn besonders interessiert. Ich glaubte, Luca hatte sich nie damit abgefunden Fischer zu sein. Er wollte mehr. Ich redete vom Verwirklichen von Träumen und Wünschen. Er redete von seiner Frau, von seinen Kindern, von Palermo und traf die glücklichere Entscheidung.

Valentina. Haben wir die richtige Entscheidung getroffen? Warst du glücklich? Auch als du starbst? Ich möchte es sein, aber ich kann nicht. Noch nicht. Vielleicht morgen.

Wieso sind die Morgen immer so eifrig? Sie kommen, ohne zu fragen, ob man dazu bereit ist. Ich bin noch nicht bereit. Ich erinnere mich an meine Zeit bei der Armee. Dort musste man immer bereit sein. Ich ziehe meine Füße zusammen, richte meinen Rücken auf und meinen Blick gerade aus. Es ist lächerlich. Meine Angst ist lächerlich. Und davor fürchte ich mich. Ich will nicht lächerlich wirken, wenn ich ihm in die Augen blicke. Valentina, werde ich dich darin sehen? Ich hoffe es, denn mich selbst zu sehen, könnte ich nicht ertragen. Wie konnte ich ihm das antun? Ihm meine Augen, vielleicht meinen Mund, mein Haar zu lassen und selbst zu gehen? Wie konnten wir ihm das antun, Valentina?

Und Stefano? Er ist so gut. Mit seiner Antwort auf meinen Brief hätte ich nie gerechnet. Eine Einladung. Keine Bedingungen, nur eine Bitte. Wie gern will ich ihm diese erfüllen. Ich werde nicht in Versuchung kommen. Unser Geheimnis Valentina, es wird immer erneut, wenn sich der Himmel über Palermo bunt färbt und ich in seine Augen sehe, die unsere sind.

______________

Für Anregungen wäre ich äußerst dankbar.

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