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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Ruhe im Wasserglas
Eingestellt am 16. 02. 2004 00:46


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ScarlettMirro
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2003

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1
Eine Frau sa├č in der Stra├čenbahn, blondes langes Haar in den Fingern und eine Schere, die die kleinen br├╝chigen Spitzen einzeln zu erfassen versuchte; die Finger machten es der Schere schwer, denn sie zitterten. Dabei strahlte sie eine solche Ruhe und N├╝chternheit aus, als st├╝nden nur die H├Ąnde unter einer unsichtbaren Droge, oder als f├╝hrte sie eine andere ungeschickte Macht. Immer wieder griffen die zitternden H├Ąnde nach ein oder zwei Haaren, die dann von der Schere in eine andere Form gebracht wurden, eigenartig willk├╝rlich ohne erkennbares Muster. Die Augen waren klar, der Blick fest und der K├Ârper n├╝chtern. Nichts lie├č erkennen, weshalb die Frau ? sie hie├č Martine ? sich selbst so traktierte; ein Lustspiel ohne Vergn├╝gen!
Bevor Martine ausstieg, f├╝hrten die zitternden H├Ąnde die Schere in einen Schutzumschlag. Er wirkte abgegriffen, nicht j├╝ngst gekauft, sondern ├Ąlter. Man h├Ątte dieses Lustspiel besser verstanden, wenn es sich um eine neue gerade erst gekaufte Schere gehandelt h├Ątte, denn dann bef├Ąllt auch den noch so Erwachsenen eine Spielerlaune oder eine Probierlust, dieser kindliche Eifer des Neuen und Unbekannten! Das Lustspiel mit der Schere geh├Ârte auf eine fremde Weise zu dieser Frau, deren H├Ąnde best├Ąndig weiterzitterten. Sie stieg in der Wohngegend aus, die f├╝r die Gutverdienenden vorbehalten ist; es gab einen Park, die lauten Hauptstra├čen f├╝hrten woanders lang und die H├Ąuser waren von hoher Wohnqualit├Ąt, sie hatten sch├Âne Erker eingefasst! Jeder wollte lieber hier wohnen als dort, wo die Penner unter den Br├╝ckenpfeilern und in den H├Ąusereing├Ąngen lagen. Es lag wie jedes bessere Wohnviertel ausserhalb der Stadt, aber eben noch so zentral, dass man schnell zu Fuss im Zentrum sein konnte. Die Spielpl├Ątze wurden besonders sorgf├Ąltig gepflegt, und im Stadtpark gab es sogar den ber├╝hmten Wasserspielplatz; drei kleine Becken f├╝llten sich im Sommer mit Wasser, wor├╝ber Holzh├Ąngebr├╝cken gespannt waren, die Becken waren mit einer bach├Ąhnlichen Rinne verbunden und dort lagen Steine drin. Ringsherum um den Platz gab es schattige und sonnige Wiesenpl├Ątze mit B├Ąnken f├╝r die Eltern. Ein Tierpark lag ebenfalls in der N├Ąhe, die Tierger├Ąusche bel├Ąstigten jedoch nicht mehr die Anwohner.
2
In der Bahn sa├č eine weitere Frau, zierlich, unscheinbar und klein mit einem kleinen Gef├Ąhrt und einem Rucksack; sie stieg noch nicht aus, diesmal nicht. Der Trolley war vollgepackt; der Inhalt blieb unsichtbar, oben luckten ein paar Zettel hervor, und ein Buch. Der Rucksack sah aus, als wollte er bersten, aber er ertrug seinen Inhalt. Die Frau nahm ihre Umgebung nicht war, ihre Augen waren in das Buch in ihrer Hand geheftet. Ein Roman. Unbedeutend sein Inhalt, er diente der Unterhaltung. Ihr Weg war nicht lang, sie h├Ątte ihn zu Fu├č geschafft, aber das Gep├Ąck bew├Ąltigte sie kaum noch. Dieses viele Schleppen machte ihr den R├╝cken schon seit Jahren krum, aber sie brauchte diese Sachen, alle. Jedes Ding hatte seinen Wert, selbst wenn der Raum in der Wohnung fehlte, jedes Ding zu gebrauchen. Andere Wohnungen waren unter der Last der Dinge schon mal zusammengebrochen, hat man geh├Ârt; aber es sammelt sich eben an. So viel, dass es die Struktur des Hauses gef├Ąhrden k├Ânnte, hatte sie nicht in ihrer Wohnung zusammen getragen, und so lange sie noch Trampelpfade aufrecht erhalten konnte, war es nicht ganz so schlimm, wie bei den wirklich krankhaften Messies. Sie brauchte die Dinge, nur die Wohnung war zu klein; eines Tages w├╝rde sie ein so grosses Haus haben, dass sie alles nutzen konnte. Alle ihre Sch├Ątze konnte sie dann verwenden. Wenn sie ein so grosses Haus h├Ątte, dann w├╝sste sie vielleicht auch, was sie alles wirklich br├Ąuchte, aber wie sollte sie das jetzt wissen, da sie es noch nicht ausprobieren konnte? Woher sollte sie wissen, ob sie das siebte oder war es das achte Salatbesteck nicht doch br├Ąuchte? Nun, sie konnte zwar niemanden bewirten, denn zum Kochen fehlte einfach der Platz in der K├╝che, dennoch beherbergten die Schr├Ąnke f├╝r ca. 20 Personen Essgeschirr und Besteck. So nutze sie die Mengen eben, indem sie einen Teller gebrauchte und stehen lie├č, weil sie auch kein Platz zum Sp├╝len hatte. Sie sammelte die Teller und Tassen und manchmal auch den Hausm├╝ll, weil die Wege verstellt waren; eines fand zum anderen. In den Regalen lagen hin und wieder auch mal leere F├╝nfminutenterinenschalen, manchmal auch eine vergessene Bananenschale, die ungelegen gegessen worden war. Es fehlte an Licht in ihrer Wohnung, es war so dunkel. Da standen die Regale vor den Fenstern, mit T├╝rmen aus Kartons und Kisten davor, mit sauberer und dreckiger W├Ąsche dazwischen. Stossweise lag hier und da Altpapier, die Zeitungen mussten noch gelesen und noch gesichtet werden, auf jeden Fall geh├Ârten sie aufgehoben. Vollgestopft war die Wohnung, sie barg viele Sch├Ątze, Sammlerst├╝cke, Dinge von Seltenheitswert, nur keinen Platz zum Leben, zum Atmen.
Klara hatte schon lange verstanden, da├č die Wohnung ihr den Atem nahm, sie schrieb dar├╝ber Gedichte und Geschichten von Seltenheitswert, doch konnte sie nicht aufh├Âren, zerbrochene CD┬┤s aus dem M├╝ll zu ziehen, bewundernd im D├Ąmmerlicht der Laterne zu wenden und zu drehen und dann in ihre Wohnung zu tragen. Die Geschichten beschrieben den Sumpf der Tr├Ągheit, den Kampf um die Luft auf den Trampelpfaden; sie beschrieben die Angst vor dem abgedrehten Strom und sie erz├Ąhlten von der Flucht vor der Behausung, die keine Zuflucht mehr war. Wie ein Wanderer ohne Ziel lebte sie mal ein paar Tage hier, mal ein paar Tage bei einem anderen Freund, mal suchte sie die Mauern eines ├Âffentlichen Geb├Ąudes, dann wieder eine Br├╝cke im Freien und nannte es Freiheit. Die Weite des Himmels und die Klarheit der Sterne konnte sie genie├čen wie der K├Ânig der Fischer. Ihre Geschichten erz├Ąhlten von der Gefahr, als Penner zu leben.
Und sie wollte immer f├╝r die Gesellschaft n├╝tzlich sein.
3
Martine ging jedes mal durch den Park, nicht nur, weil er eine Abk├╝rzung war, sondern weil er sie erinnerte. An ihre Geschichte, an ihre Kindheit in diesem Viertel und in diesem Park, bevor die Holzh├Ąngebr├╝cke ├╝ber die Becken f├╝hrte, die ehemals auch nicht da waren, sondern nur B├Ąume und B├╝sche. Zu ihrer Zeit gab es noch keine Parkanlage und keinen Parkwege, die von Parkw├Ąrtern sauber gehalten wurden, es hatte nur B├Ąume und B├╝sche gegeben und den Tierpark. Der Park bildete immer die letzte H├╝rde vor der Verstellung eines offenen Gespr├Ąchs, vor der Realit├Ąt des Austausches von Neuigkeiten die Nichtigkeiten gleichen, weil der Mut zur Wahrheit fehlt, die letzte H├╝rde vor dem Tabu aller Tabus.
Ihre Eltern wohnten direkt hinter diesem Park, der auch erst seit einigen Jahren Stadtpark genannt wurde. Ihre Eltern arbeiteten beide, seit Jahren, auch in ihrer Kindheit. Nach Aussagen vieler Menschen konnte sie auf ihre Eltern und deren Taten nur Stolz sein. Ihre Mutter hatte w├Ąhrend ihrer Kindheit eine Ausbildung begonnen und sich nicht nur tapfer geschlagen, sie hat in ihrem Arbeitsfeld Ruhm errungen. ?Und das bei so einem Kind!? pflegten die Leute zu sagen, wenn die Mutter ihre Geschichte erz├Ąhlte. Ihr Vater war ein ausgebildeter Akademiker, aber er r├╝hmte sich damit, da├č er seine Frau in allem unterst├╝tzt hatte und das er bedeutsame Menschen kennengelernt hatte. Wissenschaftlich schwieg er schon lange; alle warteten auf seine n├Ąchste bahnbrechende Abhandlung. Martine konnte doch wirklich stolz sein auf eine solche Fassade. Ihre H├Ąnde zitterten schon lange. Angefangen hatte es, als sie sich zu beherrschen lernte, das Zittern war sozusagen die Ruine ihrer Vulkanausbr├╝che. Die Verhaltenstherapie hatte ihr bis zu diesem Zittern hin geholfen. Das Zittern war f├╝r sie zu einem Mahnmal geworden, es erinnerte sie daran, da├č sie noch ein Gespr├Ąch f├╝hren mu├čte, aber sie hielt es gern f├╝r einen irreparablen kleinen Tick!
Jeden Monat gab es diese Besuche und sie w├╝nschte sich, es g├Ąbe Geschwister, die diesen monatlichen Pflichtbesuch ├╝bernehmen k├Ânnten. Es gab so ziemlich jedesmal die gleichen Fragen: Wann sie denn ihren Freund mal mitbringen wolle; ob sie beruflich mit sich immer noch nicht im klaren sei; ob sie auch daran d├Ąchte, da├č sie ├Ąlter werde und da├č sie nicht ewig warten k├Ânne, als Frau. Eigentlich wu├čten ihre Eltern, da├č sie niemals nur ein Kind zu Welt bringen wollte, da├č sie ihren beruflichen Weg schon lange eingeschlagen hatte, der Erfolg jedoch ausblieb; und sie wu├čten vor allem, da├č sie diese Fragen ha├čte. Mit der Zeit waren die Fragen auch indirekter und suggestiver geworden; die Vorw├╝rfe waren indirekter und ├╝berhaupt pa├čte sich alles mehr und mehr der Struktur des Tabus an! Martine fragte manchmal mutig, ob sie denn nun nicht oft genug zu ihr komme, um einen dieser zahlreichen indirekten Appelle der Mutter aufzudecken. ?Ich habe das nicht gesagt, da├č hast du jetzt nur so verstanden.?, kam es zur Antwort. Indirekte Forderungen, Anschuldigungen und Vorw├╝rfe kann man nicht zerschlagen, die offensichtliche Absicht der ├äu├čerung wird verleugnet und Kommunikation versagt und entsagt sich; das Schweigen bleibt wie eine beredete Silhouette zur├╝ck.
4
Klara versuchte eine Beziehung zu einem Mann in einer anderen Wohnung; in ihrer war nicht f├╝r eine Person ausreichend Platz vorhanden. Die andere Wohnung war der Raum, in dem sie atmen konnte, und sie beneidete ihren Freund, weil er es so leicht hatte. Er mu├čte nicht ├╝ber Kartons hinweg steigen, um seine W├Ąsche auf einem Bein stehend in der Badewanne notd├╝rftig auszuwaschen, weil der Weg zur Waschmaschine verbaut war. Sie war froh, da├č sie keine W├Ąsche in der Maschine vergessen hatte; zumindest roch nichts danach. Er wusch ihr anfangs aus Liebe eine Maschine W├Ąsche mit, vor allem dann, wenn ein besonderer Anla├č saubere W├Ąsche verlangte. In ihrer Wohnung hielt er es nicht aus, er konnte sich nicht orientieren. Kein Ruhepunkt fand sein Auge und st├Ąndig mu├čte er nach Licht suchen. Er hatte sie sehen wollen; sie wollte das nicht, niemand sollte sie sehen. Sie wollte nicht, da├č er sie besuchte, aber er verlangte es sehr. Er wollte sie verstehen, besser kennen lernen und verstehen: ?Ich will die Wohnung sehen, ganz gleich, wie schlimm, aber ich will sie sehen, damit ich dich sehen kann!? Er konnte nicht glauben, was sie von ihrer Wohnung behauptete; er hielt es nur f├╝r eine Ausrede, dazu einer sehr phantastischen. Als er gesehen hatte, wie die Frau sich ihren Lebensraum nahm, sah er, da├č sie ernstlich krank war, hilfsbed├╝rftig. Und so kam es, da├č er jemand fand, der seiner Hilfe so offensichtlich bedurfte, wie kaum ein anderer Mensch. Sie f├╝hlte sich ernst genommen, und er schritt zur Tat. Anfangs versuchte er nur auf sie redend einzuwirken, dann nahm er die blauen S├Ącke und versuchte eine Schneise in den M├╝llurwald zu schlagen, aber sie wucherte schneller zu, als er sie schlagen konnte. Er bestellte Container und arbeitete die Nacht durch, damit endlich ein kleiner Erfolg sichtbar wurde. Zusammengekauert und weinend sa├č sie in einer frei gewordenen Ecke und sah, wie er ihr Herz blutend schlug, sie wimmerte und bat ihn flehend aufzuh├Âren. Er verstand nicht.
Sie versprach ihm immer wieder, sie werde sich bessern, ganz bestimmt. Er wollte mit ihr zusammenleben. Doch wie zusammen leben, wenn sie dann nicht einmal in einer Wohnung leben k├Ânnten? Sie solle sich zusammenrei├čen und den M├╝ll liegenlassen. Sie mu├čte mitnehmen, ihn, auf ihrer Sammelroute.
Er ging mit und kommentierte, er erkl├Ąrte ihr, was sie tat, was das f├╝r die Beziehung bedeute und was es f├╝r die Wohnung bedeute. Sie war einem Nervenzusammenbruch nahe. Sie nahm dann selten etwas mit, lie├č eigentlich alles liegen, und er war zufrieden. Und trotzdem wucherte der M├╝ll wieder dort, wo er zuvor alles ger├Ąumt hatte. Wie sollte er dagegen ank├Ąmpfen?
Bekannte wurden belogen, man erfand Geschichten, was Klara auch gut konnte; ihr kam es wie ein Mi├čbrauch an ihren Figuren vor, doch wem sollte sie davon auch erz├Ąhlen, wie es wirklich war.
Er setzte sie unter Druck, weil er mit ihr zusammensein wollte und daf├╝r w├Ąre es notwendig, da├č sie von ihrem Trieb Abstand n├Ąhme. Sie verlor in Diskussionen an Boden. Er warf ihr vor, da├č ihre Liebe nicht stark genug sei, wenn sie sich so schnell wieder von ihrer Sammelei mitrei├čen lie├če. Sie m├╝sse an ihre Liebe glauben. Und zuletzt stellte er sie vor die Wahl, entweder er oder der M├╝ll. Und sie gab sich solche M├╝he, sie versuchte es mit allem, was sie nur wu├čte.
Er wohnte im besseren Wohnviertel, in einer kleinen 2 ┬Ż Zimmerwohnung mit Blick vom S├╝dbalkon auf den Stadtpark, eine saubere Junggesellenwohnung.
5
Martine war eine Ende zwanzigj├Ąhrige, der Verbl├╝hung nahenden Sch├Ânheit, die allerdings unterk├╝hlt und hart wirkte. Hart ist sie vor langer Zeit geworden, der Charme ist ihr als Kind bereits abhanden gekommen. Manche Bilder erinnern noch daran, aber sie wirken grotesk und unnat├╝rlich auf jene, die sie kennen. In der Pubert├Ąt lehnte auch sie sich gegen die andere Generation auf, sie k├Ąmpfte immer nur gegen die Mutter und wu├čte es doch nicht. Dann dachte sie, wie toll doch ihre Eltern sein und zu letzt konnte sie eine jede Brille f├╝r kurze Zeit abnehmen und sehen. Verbl├╝ffend f├╝r ihre Eltern war die Genesung ihrer Kurzsicht. Sch├Ân war sie, begehrenswert auch ohne Charme, und sie war ├Âffentlich f├╝r alle, grenzenlos gemacht. Sie verdiente gut, besser als ihr akademischer Vater und ihre ausgebildete Mutter. Wissen hatte sie erlangen m├╝ssen, und somit war sie sogar ein gebildeter Pornostar. Ihr Wunsch war die Schauspielerei, ihr Handikap die eigene H├Ąrte. Da├č sie in zehn Jahren ebenso verbraucht sein k├Ânnte auch ohne Drogen oder Alkohol, war ihr bewu├čt. Deswegen hatte sie ein hartes Sch├Ânheitsprogramm, welches sogar Kaiserin Sissi imponiert h├Ątte. Die Schere gemahnte sie daran, da├č sie es einhalten mu├čte, sonst w├╝rde sie sich ihre Haare abschneiden m├╝ssen, immer ein St├╝ckchen, immer etwas mehr, bis zur Glatze n├Âtigenfalls.
Manchmal war der Weg durch den Park k├╝rzer, manchmal l├Ąnger, sie wunderte sich ebenso sehr, wie Kafkas A, der nach B wollte. Er schien endlos. Und m├╝hselig. Sie wu├čte, sie w├╝rde in die verrauchte Wohnung kommen, eine viel zu gro├če und trotzdem verrauchte Wohnung; der Kaffee w├╝rde aufgesetzt, in einer Kaffeemaschine, die nur Wasser sah, um damit einen Kaffee aufzubr├╝hen, aber niemals, um sie zu reinigen; es w├╝rde keinen Kuchen geben und man w├╝rde so einfach sitzen, Stunden um Stunden sitzen und ├╝ber irgendwelche Dinge reden, die eigentlich nicht wirklich wichtig sind; man w├╝rde sich auf den neusten Stand bringen und auf dem laufenden halten. Irgendwann gegen sechs Uhr w├╝rde die Mutter dann aufstehen und ihre erste Flasche Bier ├Âffnen, denn wer vor sechs abends trinkt ist ein Trinker, und die schlimmsten Trinker sind die, die bereits vormittags ein Glas Wein trinken. Sie hatte abends eben Lust auf eine Flasche Bier und auf einem Bein kann man nicht stehen und im Laufe eines gem├╝tlichen Abends kommen eben ein paar Flaschen zusammen. Ihr Mann holte die Flaschen hoch; und er trug Mutter auch ins Bett, wenn sie nicht mehr laufen konnte. So zeigte die Mutter ihre Freude dar├╝ber, da├č Martine sie besucht. Martine sa├č nach jedem Abendessen dann wehrlos den Gesch├╝tzen ihrer Mutter ausgeliefert am Tisch; der Vater arbeitete noch. Die Mutter versetzte oft den ersten Schlag mit einer Kusine, ein harmloser Vergleich h├Ątte man doch meinen k├Ânnen. Wie erfolgreich sie in ihrem Beruf ist und das sich alle in der Verwandtschaft freuen w├╝rden. Sie k├Ânne nie sagen, womit Martine ihr Geld verdiente. Oh, sie sei Stolz darauf, da├č ihre Tochter eine solche Sch├Ânheit geworden sei und offensichtlich sch├Âner als alle anderen in der Familie, aber sie k├Ânne eben nicht sagen. ?Es ist peinlich! Eine Bordsteinschwalbe mit solcher Bildung!? Sie sei kein, versetzte sie. ?Letztlich ist es dasselbe. Du wei├čt es auch! Und ich verstehe nicht, wieso du das tust. Wieso tust du das mir und deinem Vater an?? Eine Erwiderung mu├čte nun m├Âglichst verzweifelt klingen, sonst w├Ąre die Mutter nicht zufrieden. ?Aber was versprichst du dir denn davon, Martine? Du kannst das doch nicht ewig machen!? Wie sollte sie auch ihrer Mutter erkl├Ąren, da├č sie ihren Weg gehen m├╝sse, und das eine Chance von ihren k├Ârperlichen F├Ąhigkeiten abhing. ?Ach, Kind!?, damit war das Thema vorerst abgeschlossen, manchmal leitete die Mutter aber auch hiervon m├╝helos zur Frage nach einem Mann f├╝rs Leben ├╝ber, denn wie sollte sie den bei diesem Broterwerb finden; welcher Mann wollte sie noch, wenn er erfuhr, mit wievielen er sie m├Âglicherweise teilen m├╝├čte. Martine erkl├Ąrte, sie st├╝nde nicht so sehr auf M├Ąnner, die seien ihr eigentlich gleichg├╝ltig, aber dies drang nicht in das Bewu├čtsein der Mutter. Als n├Ąchstes mit steigendem Pegel griff die Mutter auf die Geschichte der Familie zur├╝ck, da├č tat immer weh und verfehlte nie die Wirkung, denn hier mu├čte Martine oft geschehen lassen und konnte nichts entgegensetzen. Es waren die Geschichten der Mutter, die f├╝r Martine alle anders aussahen, alle eine andere Wirkung und andere Spuren hinterlassen hatten als was die Mutter dachte und wof├╝r sie sich auch nicht interessierte. Diese stumpfe Teilnahme an der Erz├Ąhlung der Mutter, deren angebliche Ehrlichkeit nur verletzend wirkte, blieb unbeachtet. Die Geschichte des leiblichen Vaters, der im Suff gegen einen Baum geprallt und daran gestorben war; die Geschichte, da├č ihr Bruder abgetrieben wurde, weil schon sie so ein anstrengendes Kind f├╝r die junge Mutter war; die Geschichte, da├č sie nur ├╝bergangsweise drei Jahre bei der verha├čten Oma leben mu├čte und da├č sie ja nicht ahnen konnte, da├č sich der Opa auch an ihr vergeht; die Geschichte, da├č man alles versuchte h├Ątte, sie als Kind gl├╝cklich zu machen, aber da├č ihre Traurigkeit unerreichbar f├╝r die Mutter war; die Geschichte, da├č sie besser ein Junge geworden w├Ąre, und das sie deswegen Martine hie├č; die Geschichte, da├č sie am besten auch schon das erste Kind abgetrieben h├Ątten, nur leider viel zu naiv war; und die Geschichte, da├č alles anders wurde, als sie ihren jetzigen Mann kennen und lieben lernte. Es gab auch Geschichten, die lustig waren, aber diese Geschichten h├Ârte Martine immer wieder; stumpf sa├č sie da und konnte nicht handeln, sie versuchte die Mutter manchmal zu lenken, abzulenken, aber manchmal war das Bed├╝rfnis ihrer Mutter, diese Geschichten zu erz├Ąhlen, so stark, da├č Martine h├Âren mu├čte, was sie nicht h├Âren wollte. Zu gehen, w├Ąre ihr nicht in den Sinn gekommen.
6
Klara ├╝bte an vielen Abenden in seiner Wohnung Haushaltsf├╝hrung; denn wenn sie das nicht lernte, w├╝rden sie niemals zusammenziehen k├Ânnen. Das leuchtete Klara ein, und sie wollte es so gerne lernen, so gerne verstehen. Und er zeigte ihr, was alles dazu geh├Ârte, vom B├╝geln seiner Hemden und Unterw├Ąsche bis hin zum richtigen Stapeln der W├Ąsche im Kleiderschrank, vom richtigen Sp├╝len und Abtrocknen seines Geschirrs bis hin zum Wischen des Hausflures f├╝r alle, gratis. Und Klara war doch sehr dankbar, denn sie lernte, wie man seinen Haushalt organisierte, wie seine Sachen geordnet geh├Ârten und welchen Sinn es machte, da├č man Putzlappen in der Maschine wusch, sie b├╝gelte und in seinem Schrank ordentlich gefaltet stapelte. Zwei mal in der Woche erhielt sie Haushaltsunterricht von ihm, mit der Zeit wurde die anfallende Arbeit gr├Â├čer und seine Anwesenheit zu den Stunden seltener, da er ihre Selbst├Ąndigkeit testete. Daf├╝r hatte Klara auch Verst├Ąndnis. Oft gab es auch danach noch ein Essen, was er zubereitete ? er konnte verflixt gut kochen ?, und noch etwas seltener wurde sie auch mit Sex belohnt. Sie war dankbar und meinte, es gut getroffen zu haben, wo er doch so viel Geduld mit ihr bewies. Allerdings lehnte er eine Selbsthilfegruppe ab, er meine, da├č solche Vereine keinen Sinn machten.
7
Zu der Zeit, als Martine und Klara sich begegneten, war Klaras Psyche schon ├Ąu├čerst labil, wie ein Schattenri├č im Wind fehlte nur noch eine kleine Verletzung, um ihren Willen g├Ąnzlich zu t├Âten. Er wu├čte das. Es war nicht seine Absicht gewesen, er wollte ihr wirklich helfen, aber die Verflechtung der Bindung hatte diese machtvolle Wendung genommen und er f├╝hlte sich verantwortlich f├╝r sie. Das machte ihn zum einen w├╝tend, weil er sich dieser Verantwortung nicht zu entwinden wu├čte, und er f├╝hlte sich zum anderen auch bedr├Ąngt; er suchte einen Ausweg. Er wollte ihr weiterhin helfen, so gut er konnte, aber daf├╝r m├╝├čte sie ihm jede Freiheit einr├Ąumen, die er daf├╝r br├Ąuchte. Nat├╝rlich st├╝nde er ihr immer bei, sie k├Ânne sich auf ihn verlassen. Aber er k├Ânne nicht anders. In jedem Mann stecke ein Wolf, ein Werwolf oder ein Steppenwolf; in jedem Falle stecke in jedem Mann ein Wolf. Tr├Ąnen des Leid und des Verst├Ąndnis rollten in Klaras Gesicht und nahmen ihr die Sicht, blind nickte sie; die Verletzung leckte das Kellerkind in ihr, aber die Wunde wollte nicht heilen. Er kenne keine andere Frau, aber vielleicht w├╝rde es passieren, es sei immer so gewesen, fr├╝her oder sp├Ąter. Aber deswegen m├╝sse man doch die Bindung nicht aufgeben. Sie nickte blind. Vielleicht sei es nur der Reiz des Neuen, der ihn triebe; nichts schlimmes, nichts, was sie wirklich bedrohen k├Ânnte. Sie nickte blind. Erleichterung, weil dieses heikle Thema nun endg├╝ltig gekl├Ąrt sei. Sie r├Ąumte die Teller ab, ihr Teller war noch fast voll, obwohl das Essen so gut war. Sie lie├č Wasser zum Sp├╝len eine, sehr hei├čes Wasser, damit sich das Fett besser l├Âst, hatte er ihr beigebracht. Die Wohnungst├╝r klappte auf und zu, er wolle noch kurz spazieren gehen, sie m├╝sse aber nicht auf ihn warten. Zur├╝ck in ihre Wohnung, allein in dem M├╝ll und mit der Angst, da├č er jagen ginge. Sie sp├╝lte das Geschirr, sie trocknete es ab, alles langsam. Dann r├Ąumte sie es weg und blieb. Sie blieb im Dunkeln auf dem Zweisitzer sitzen, die Autolampen warfen bewegliche Bilder an die Wand, es erinnerte an die Bilder, die durch ein Feuer an der H├Âhlenwand verzerrt sichtbar wurden. Sie dachte nicht, nickte ab und zu blind und wartete.
Lachen im Flur. Ein Schl├╝ssel im Schlo├č und dann brannte Licht in den Augen Klaras. ?Du bist hier geblieben? Oh mein Gott!? Tuscheln, die T├╝r schlie├čt sich, Abs├Ątze im Flur. ?Alles wird gut; alles wird gut, ich verspreche es!?, er streichelte ihren Kopf und wiegte sie wie ein kleines Kind. Sie weinte stumm und tr├Ąnenlos. ?Es war nur eine Bekannte, nicht mehr! Alles wird gut, beruhige dich doch!? In dieser Nacht gab es zur Belohnung Sex ? und er mochte den Sex mit ihr, denn sie konnte ihm scheinbar alle W├╝nsche erf├╝llen.
Nach dem Akt stand sie nackt in seinem ordentlichen frisch gewischten Badezimmer und sch├╝ttete sich Wasser ins Gesicht. ?Willst du noch nach Hause?? rief er aus dem Schlafzimmer. ?Ich k├Ânnte dich bringen, wenn du m├Âchtest, es ist so sp├Ąt geworden!? Sie schwieg, sie wu├čte, da├č er sie wegbringen wollte, weil er seine Ruhe haben wollte. Einmal hat er ihr erz├Ąhlt, da├č er eigentlich am liebsten allein aufwacht, nicht neben jemandem. Selten schlief sie in seiner Wohnung, dann auch schon auf dem Zweisitzer. Sie wohnte zu Fu├č ungef├Ąhr eine halbe Stunde von ihm entfernt; sie ging gerne zu Fu├č. ?Was ist nun?? Die Stimme kam vom Balkon, er rauchte. Sie ging zu ihm, er hatte die Arme vor der behaarten Brust verschr├Ąnkt und stand schr├Ąg weg gedreht da; sie stellte sich auf Zehenspitzen und gab ihm ein Kuss auf die Wange. Sie werde wiederkommen, aber sie ginge lieber zu Fu├č. Ob er wohl anrufen w├╝rde, oder so wie immer? ?Daran hat sich doch gar nichts ge├Ąndert!?, entgegnete er. Hastig dr├╝ckte er die Zigarette mit der Fu├čspitze aus und kickte sie vom Balkon durch eine Ritze. ?Es ist kalt!?
8
Und klar; sie w├╝rde durch den Park gehen, langsam und ruhig, allein. Nachts geh├Ârten die Stra├čen meist ihr allein. Sie h├Ârte Schritte hinter sich, schnelle Schritte. Meistens sind die schnellen Schritte die von Frauen, kurze schnelle leise Schritte.
9
Sie dachte, sie sei allein, niemand mehr, der durch den Park gehen w├╝rde, um diese Uhrzeit, die Finger zitterten weiter. Sie wollte schnell nach hause, Tr├Ąnen liefen ihr wie so oft ├╝ber die Wangen, wenn sie von ihrer Mutter kam; Wut, Trauer und Ha├č lagen darin. Nur schnell weg. Aber das auch noch eine andere Frau hier durch den Park laufen k├Ânnte, so ruhig und fast selbstvergessen.
10
Nicht umdrehen, einfach weitergehen, einfach weitergehen.
11
Die Frauen sahen sich an, als sie Schulter an Schulter gingen, beide unterschiedliche Gedanken; Martine sah, da├č auch die andere Angst hatte, und Klara erkannte, da├č es tats├Ąchlich eine Frau gewesen war. In dieser Nacht l├Ąchelten beide zum ersten Mal, sie gr├╝├čten sich h├Âflich und gingen weiter; schweigend zusammen, so unterschiedlich. Schulter an Schulter in einer Nacht im Park, daraus erw├Ąchst noch keine Freundschaft. Der fruchtbare Boden jedoch, der wurde in dieser Nacht gelegt.
12
Nach einigen Wochen hatten beide den Vorfall vergessen, denn andere Probleme standen massiver in ihren Leben zu l├Âsen aus. ?Klara, kannst du bitte ? ich m├Âchte heute kochen, etwas besonderes und ich erwarte Besuch. Es ist eine Frau aus der Showbranche. Ich erhoffe mir da eine berufliche Ver├Ąnderung, und ich m├Âchte dich bitten, da├č du bleibst, aber nur als meine Freundin. Ich meine, bitte keine offensichtlichen Z├Ąrtlichkeiten und so. Ich mu├č noch mal los deswegen, du kommst doch klar damit, oder?? Blindes Nicken. ?B├╝gel eben mein Jackett und die Hose und das Hemd noch, hab ┬┤s schon hingelegt!? Sie hatte sogar eine Sch├╝rze mit ihrem Namen eingestickt von ihm geschenkt bekommen, und die stand ihr gut, wenn sie mit dem Staubwedel die Spinnweben aus den Ecken kehrte. Sie f├╝hlte, da├č dies nun die Frau sein w├╝rde, die ├Âfter kommen w├╝rde, sie f├╝hlte, da├č diese Frau bleiben w├╝rde, wenn sie selbst abends ging. Aber es war nur ein Gef├╝hl, eines ohne Worte, eines von denen, die unangreifbar und auch ungreifbar waren. Und was sollte sie auch tun?
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Sie wu├čte nicht genau, was sie erwartete, ein Rendezvous mit einem Mann in seiner Wohnung, und er hatte eine Freundin mit eingeladen, damit sie nicht dachte, er wolle nur das eine. Was wollte er denn sonst? Schlie├člich hat er sie als den Pornostar gek├╝rt und sie eingeladen. Was wollte sie sonst, wenn nicht mit ihm ins Bett, ohne Kamera und nur zum Vergn├╝gen. Sie mochte Machos, sie mochte M├Ąnner, die sie zu nehmen wu├čten, weshalb also diesen Umstand? Aber vielleicht war es auch nur die Vorbereitung auf einen Dreier, dagegen hatte sie auch nichts, wenn die Frau okay war. Was gab es schon, womit sie noch nicht beruflich konfrontiert gewesen w├Ąre? SM machte sie nicht, aber als es aufkam, da hatte sie es ausprobiert; sich beruflich daran versucht, aber es war nichts f├╝r sie. M├Ąnner mochten ihren Beruf ohnedies nur, wenn sie sich nicht in sie verliebten, und sie hatte sich angew├Âhnt, Gef├╝hle nicht zu investieren, nicht in M├Ąnner. Der gleiche Weg wie zu den Eltern verbreitete in ihr eine eigenartige Stimmung. Als sie an der elterlichen Wohnung vorbeiging, sah sie kurz zu den ordentlichen Gardinen hinauf und f├╝hlte sich befreit, als sie zum n├Ąchsten Haus abbog.
14
Klara ├Âffnete die Wohnungst├╝r, dachte, es m├╝sse er sein, der seinen Schl├╝ssel nicht suchen wollte. Martine kam die Stufen hoch. Sie standen sich schweigend gegen├╝ber, erkannten sich. Unbewu├čt richtete sich Klara auf, ihre Schultern arbeiteten sich m├╝hsam hoch und sie gewann an Gr├Â├če. Martine l├Ąchelte, Klara lie├č sie mit einer freundlichen Geste herein und fragte sich, wie er es wohl geschafft haben mochte, eine solche Frau f├╝r sich zu begeistern. Martines H├Ąnde zitterten, Klara sah es. Klara hatte die Sch├╝rze noch an, Martine musterte sie. Das Schweigen dehnte sich aus, erf├╝llte den Raum in einer Leichtigkeit, die beide sich zur├╝cklehnen lie├čen. Klara war beruhigt, wenn es so kommen mu├čte, dann doch mit einer Frau wie Martine. Martine dachte an den Film ?Die Farbe Lila? und l├Ąchelte wieder. Klara legte die Sch├╝rze ab und setzte Kaffee auf. Langsam begannen sie ein Gespr├Ąch dar├╝ber, da├č sie sich vor einiger Zeit im Park begegnet seien, nachts. Unverf├Ąnglich erz├Ąhlte Martine von ihren Eltern, die in der N├Ąhe wohnten. Wieder blieb Schweigen nach den S├Ątzen. Dann fragte sie pl├Âtzlich, ob sie besser gehen solle. Die Tr├Ąnen haben doch ihm gegolten, sie liebte ihn doch, augenscheinlich. Sie wolle sich nicht zwischen sie dr├Ąngen. Er ist ein Macho, das habe sie schon gesehen, aber sie wolle Klara nicht verletzen. Frauen sollten zusammenhalten, zumindest Frauen. Klara weinte lautlos. Sie hatte mit dieser Offenheit und mit diesem Verst├Ąndnis nicht gerechnet. Sie sah Martine ins Gesicht, sah sie an und sch├╝ttelte den Kopf. Sich selbst verstand sie nicht, aber sie wollte, da├č Martine bleibt, weil es Martine war. F├╝r einen Moment war es ihr gleichg├╝ltig, da├č er mit ihr schlafen w├╝rde; f├╝r diesen Moment war es gleichg├╝ltig, da├č sie sich mi├čbraucht f├╝hlte. Martine mi├čbrauchte sie nicht, Martine sah in ihr einen Menschen, den man wie einen Menschen behandelte. Klaras geschundene Seele verlangte danach. Wenn Martine es gekonnt h├Ątte, h├Ątte sie Klara in die Arme geschlossen und getr├Âstet, aber sie konnte k├Ârperlich keine Gef├╝hle zeigen. Was sie von diesem Mann wolle, fragte Klara Martine. Sie k├Ânne doch jeden haben, sie sei so sch├Ân. Sie wolle ihn nur begrenzt, nur sexuell; Machos faszinierte sie einfach. Mehr nicht, sie kann mit M├Ąnnern nicht leben; Frauen sind es wert, M├Ąnner nicht. Klara wollte zum B├╝geleisen greifen, aber es war ihr dann doch zu peinlich; sie konnte es unter Martines Augen nicht.
?Hast Du meine Freundin schon kennen gelernt, sie putzt auch f├╝r mich!? Klara starrte ihn an, wie ein Wunder, sie konnte nicht glaube, was er da gesagt hatte.
?Mit Kochen bin ich noch nicht ganz fertig, vielleicht k├Ânnt ihr Euch schon etwas austauschen, ich verschwinde in der K├╝che!? Beide Frauen lachten heimlich in sich hinein und dachten an ihr Gespr├Ąch zur├╝ck, welches sie mit diesem fremden paar Ohren nicht mehr aufnehmen konnten. Sie sahen sich an und schwiegen. Das Schweigen erf├╝llte friedlich den Raum, bis der Mann in den Raum brach und verk├╝ndete, was es zu essen gab. Verwundert sah er sich um, denn er glaubte gest├Ârt zu haben, beide Frauen l├Ąchelten und zum ersten mal kam ihm die Idee, da├č er vielleicht Klara befreien k├Ânnte, wenn sie sich sexuell freimachte. Ja, Martine war eine Frau, die mit Frauen arbeitete, ihr d├╝rfte es doch nur ein Vergn├╝gen sein mit beiden. Und so w├╝rde er sie nicht so sehr verletzen. Sein m├Ąnnliches Ego f├╝hlte sich befl├╝gelt und er pfiff leise, als er den knusprigen Hahn zerst├╝ckte.
Klara griff nach einer naheliegenden zitternden Hand Martines, Martine bedeckte die H├Ąnde mit der noch freien zweiten Hand und suchte Klaras Blick, der zur├╝ckkam; die H├Ąnde von Martine h├Ârte auf zu zittern. Martine l├Ąchelte sanft und daran erinnerte sich Klara immer wieder; als der Koch auftischte, wurde sie h├Ąrter. Der Wein ge├Âffnet, der Gaumen gesch├╝rzt fragte Martine direkt, was nun geschehen werde? Dabei sah sie Klara aufmunternd in die Augen. Klara sah Martine in die Augen und entdeckte dort viel Zuneigung; er war nicht wichtig, so schien es. Er sah Klara an und wartete. Verunsichert fragte er:? Was kann ich denn erwarten? Kann ich etwas erwarten!? Klara entschuldigte sich und ging zur Toilette. Sie sa├č entbl├Â├čt auf der Brille. Reiz, Neugier und Abscheu und Widerwille, Lust und Freude mischten sich zu einem Chaos und wurden einfach kein Bild. Gehen und Bleiben wechselten so schnell, da├č die Beine doch still standen. Und was war danach? Was bliebe, wenn sie ginge? Ein Tag der Entscheidung, der zweite Tag, und wieder mit Martine. Das konnte kein Zufall sein. Was konnte sie tun? Tr├Ąnen liefen ├╝ber die Schminke, verwischten alles! Was blieb? Eine Befreiung!
Martine sa├č dem Mann gegen├╝ber, f├╝r den sich wie f├╝r so viele nie der Verlust einer Frauenfreundschaft lohnen w├╝rde. Ihr Beruf brachte es mit sich, da├č sie M├Ąnner verachtete, weil sie so leichte Beute waren, aber sie verachtete sie auch gerne. Spa├č machte ihr manchmal, wenn es l├Ąnger dauerte, bis sie zur Beute wurden, aber das war selten, meistens wurden sie schneller zur Beute, als sie es w├╝nschte. Sie lebte von M├Ąnnern, vor der Kamera und im privaten Bereich. Von diesem Mann war nichts zu holen, nichts, was ihm geh├Ârte. Ihr war kalt geworden, seit Klara das Zimmer verlassen hatte. Sie ├╝berlegte, was nun zu tun galt. Der Mann erz├Ąhlte von sich und h├Ârte sich wohl selbst schon ausreichend dabei zu, sie blickte zur Uhr und fragte sich, wo Klara bliebe.
Klara hatte ihre wenigen Dinge, die sie bei ihm immer so liegen gelassen hatte, damit sie wieder kommen konnte ohne ihr Gesicht zu verlieren, in eine Tasche ger├Ąumt, nahm noch die befleckte Sch├╝rze und ein nach Schwei├č riechendes T?Shirt als Andenken mit, ├╝berlegte kurz, ob sie noch eine Nachricht auf sein Bett legen sollte, aber lie├č es dann, denn jedes Wort war eines zuviel. Schnell zog sie sich ihre Schuhe wieder an, schl├╝pfte in den warmen Mantel und schulterte die einzige Tasche, die sie diesmal bei sich trug. Klara ├Âffnete langsam und deutlich die Wohnzimmert├╝r, schritt schnell und sicher mit einer ihr entgegen gestreckten Hand zu Martine. Martine griff die Hand erl├Âst von ihren Fragen und stand sofort auf. Klara zog sie mit sich aus der sauberen Wohnung.
?Was denkst du dir denn nun schon wieder, Klara? Was soll das? Martine, willst du nicht bleiben?? Er lief in den Flur und br├╝llte Klara hinterher: ?Was hast du ihr denn nur erz├Ąhlt? Du kleine Schlampe mu├čt st├Ąndig Geschichten erfinden! Verr├╝ckt bist du! Komm blo├č nicht wieder!? Klara durchbohrte ihn ein letztes mal mit einem Blick aus Mitleid und Abscheu; sie wunderte sich selbst, wieso sie geblieben war, so lange. ?Martine, du darfst ihr nicht alles glauben. Ich kann dir das sicher erkl├Ąren! ... Ach du bist genauso verr├╝ckt wie sie. Und kochen durfte ich auch noch f├╝r euch. Ihr seid beide v├Âllig durchgeknallt!?
15
Was kann man erkl├Ąren? Was sollte man lieber nicht mit Erkl├Ąrungen ├╝berfrachten? Keine Erkl├Ąrung der Welt h├Ątte er weder verstanden noch geglaubt, und ge├Ąndert h├Ątte es nichts, auch nicht sein Weltverst├Ąndnis. Gesagt war alles.
Martine und Klara gingen Schulter an Schulter durch den Park und kreuz und quer durch die ganze Stadt in der Nacht, irgendwo tranken sie einen Kaffee und irgendwo fr├╝hst├╝ckten sie am Morgen danach. Sie sprachen selten miteinander, die S├Ątze wurden lange gewogen. Es war ein zarter Anfang und dieser trug schon so viel gemeinsam. Klara hielt die Hand von Martine, damit sie nicht mehr zitterte und Martine legte ihr immer wieder eine Hand ins Kreuz, damit Klara sich aufrichten lernte. Zart und vorsichtig wie der beginnende Fr├╝hling.

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ScarlettMirro
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├ähm ... ich m├Âchte mich direkt entschuldigen, dass ich die nicht g├Ąnzlich durchkorrigiert habe und doch nach den ersten Abs├Ątzen belassen hatte, wie sie nach altem Rechtschreiberecht geschrieben worden war.
Verzeiht mir bitte, aber momentan bin ich zu M├╝de das zu korrigieren.

Ich weiss auch, dass die Geschichte sehr lang geworden ist, vielleicht liest sie doch der ein oder andere zu Ende. ├ťber ein Statement, wie sie aufgenommen, verstanden, wahrgenommen, empfunden o.├Ą.m. wird, w├╝rde ich mich sehr freuen!

viel Spass
Scarlett
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cornelisven
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Liebe Scarlett,

Ich habe deine Geschichte bis zum End geschafft und ohne M├╝he.
Der Titel deckt m.E . nicht den Inhalt.

Vorab: ÔÇ×lugenÔÇť statt ÔÇ× luckenÔÇť und: Augen in ein Buch heften? Besser vielleicht an?

Der zweite Abschnitt hat m.E. die meiste Dynamik. Es fesselt zu lesen wie die Frau mit ihre Sachen k├Ąmpft. Die Neurose wurde gut dargelegt. Die weitere einleitende Abschnitte kabbeln vor sich hin. Am Ende jedoch diese flitzende Bilder M-K-M-K.... und zwar kein ├╝berraschendes Ende aber plausibel.
Gut gelungene, in sich konsistente Geschichte.

Dirk

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ScarlettMirro
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Hallo Dirk,

danke f├╝r deine Worte ... zuerst muss ich sagen, der Titel, ja der past wirklich nicht, aber der war sofort da u ich konnte ihn nicht ├Ąndern, hab es schon versucht, immer wieder neu gewogen, aber das ist geblieben...hab es mal wieder versucht, als ich den Text hier hineinstellte... ERFOLGLOS... Irgendwie muss der Titel richtig sein (bin vielleicht verr├╝ckt) ...

Hmm ... sicher sind auch noch andere Fehler drin! leider... danke daf├╝r schon mal.

Was meinst du damit, dass die Abschnitte vor sich hin kabbeln ... sind sie zu langatmig, oder fehlt ihnen Substanz ...???
Nur ein Wort dazu... dies ist die dritte Geschichte einer Novelle, die als Hommage an Musils "Drei Frauen" gedacht ist... auch in seinem Stil u ich kann sagen, daf├╝r hat's ncoh einiges an Dynamik ... finde ich... aber das sollte trotzdem gleich sein, denn die Geschichte sollte auch f├╝r sich interessant sein!

Vielleicht noch ne kleine Anmerkung zum Aufbau, die Frauen sprechen nie direkt miteinander ... immer werden sie vom (ich denke es ist ein personaler) Erz├Ąhler indirekt wiedergegeben ... w├Ąhrend der Mann immer direkt spricht... also die Dynamik von Schweigen und Sprechen von Ohnamcht u macht sollte damit auch zum Ausdruck kommen ... Schweigen als Sprache des Opfers oder so ├Ąhnlich, worin aber auch eine St├Ąrke liegen kann, wie das Ende ja dann zeigt ... oder so ├Ąhnlich vielleicht!

Nochmals danke u sch├Ân, dass das Durchhalten nicht so m├╝hevoll war!

liebe Gr├╝sse
Scarlett
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