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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Runner's High
Eingestellt am 15. 12. 2008 16:12


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Schreibender
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2008

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Klappentext

Sie nehmen „runner’s high“ in die Hand und beginnen zu lesen.

Ein junger Mann fĂ€ngt an zu laufen, um rechtzeitig sein nĂ€chstes Ziel zu erreichen, und wĂ€hrend er lĂ€uft, beginnt er Geschmack am Laufen zu finden, und an seinem Ziel angekommen entschließt er sich weiterzulaufen, und laufend erreicht er weitere Ziele, von denen er meint, sie unbedingt erreichen zu mĂŒssen, Beziehungen zu verschiedenen Frauen, Abenteuer in fernen LĂ€ndern, den Erwerb akademischer WĂŒrden, und der junge Mann absolviert sein Studium beinahe in der vorgegebenen Zeit, doch das wĂ€hrend des Studiums vermittelte Wissen ist fĂŒr ihn ohne Belang, und der junge Mann hat die dunklen Augen eines Kindes vor sich, doch dessen Leib liegt bereits leblos hinter ihm auf der Straße, und der junge Mann sieht das Blut, doch da hat er sich bereits ein viertes Mal in der Kollegin erleichtert, aber egal was passiert, der junge Mann lĂ€uft einfach weiter, erhöht nur nach dem Durchlaufen einer Etappe das Tempo, immer schneller lĂ€uft er, und immer weiter lĂ€uft er, viel weiter lĂ€uft er zum Beispiel als sein Freund Anton, der begraben wurde an jenem Tag, an dem der junge Mann zu laufen anfing, der sich einfach hat vorne ĂŒber fallen lassen, zuwider gehandelt, so ist der junge Mann ĂŒberzeugt, habe sein Freund Anton dem Leben, und das will der junge Mann auf gar keinen Fall, ganz im Gegenteil!, und seine Eltern sind stolz und seine Kunden zufrieden, und laufend klopfen ihm seine Vorgesetzten anerkennend auf seine Schulter, und laufend ĂŒbertrifft der junge Mann die in ihn gesetzten Erwartungen, laufend entspricht der junge Mann dem Bild eines erfolgreichen Menschen, dreißig Jahre ist der junge Mann mittlerweile, Ehemann und werdender Vater, alles verlĂ€uft fĂŒr ihn ganz nach Plan, doch mitten im Laufen bemerkt er, dass da irgendetwas falsch lĂ€uft in seinem Leben, und er versucht, noch schneller zu laufen, die Dosis erneut zu erhöhen, um sich nicht auseinandersetzen zu mĂŒssen mit sich und mit seinem Freund Anton und mit dem, was einmal war


„runner’s high“ beschĂ€ftigt sich mit dem falschen Glanz vieler Vorzeigemanager. Sie haben den Nimbus der Unbesiegbarkeit, sind jung, dynamisch, erfolgreich und lachen gekonnt in die Kameras, wĂ€hrend sie mit trainierten Leibern ĂŒber Leichen gehen.

„Franz fing an zu laufen“, ist der Anfang des Buchs und das Ende des Menschen.

und da ein keine Kapitel gibt hier die ersten 20 Seiten:

Franz fing an zu laufen.
Zuerst war es nur ein schnelleres Gehen, doch dann beschleunigte Franz seine Schritte, bis seine FĂŒĂŸe nicht mehr gleichzeitig den Boden berĂŒhrten, langsam lief Franz zu Beginn, langsam aber kontinuierlich, Franz ĂŒberanstrengte sich nicht beim Laufen, bewegte sich aber doch deutlich schneller, als wĂ€re er bloß gegangen, bewegte sich auch deutlich schneller, als wĂ€re er so schnell gegangen, wie er ĂŒblicherweise gegangen war, denn schon bevor Franz zu laufen anfing, war Franz meistens sehr schnell gegangen, nur manchmal war Franz langsam gegangen, allerdings niemals gemĂ€chlich, gemĂŒtlich, ganz ohne Hast, im Grunde war Franz nur dann langsam gegangen, wenn er sein Tempo an jemand anders hat anpassen mĂŒssen, an Freunde, Schulkameraden oder an Ă€ltere Menschen aus der Verwandtschaft, ab und zu war Franz auch stehen geblieben, nach außen hin hat Franz dann stets ruhig und gesittet gewirkt, aber innerlich war Franz von einer ihn fast zur Raserei treibenden Unruhe gepeinigt gewesen, denn Franz hĂ€tte doch mĂŒssen, können und sollen, aber diese innere Unruhe hat kaum einmal jemand bemerkt, denn wenn Franz gestanden war, dann war Franz gestanden wie alle anderen auch, und hat einmal jemand Franz seine innere Unruhe doch angemerkt, dann war Franz meistens nur als aufgeweckter Junge bezeichnet worden, hungrig danach, etwas weiterzubringen, etwas zu leisten, „recht so“, haben ihm die Älteren dann gerne erklĂ€rt, „recht so“, und an jenem Tag war Franz besonders lange gestanden, an jenem Tag, an dem Franz am Abend zu laufen anfing, und an dem sich Franz gegen Mittag von seinem Freund Anton hat verabschieden mĂŒssen, auch wenn sich Franz im Grunde nicht wirklich verabschiedet hat, denn wirklich verabschieden hatte sich Franz von seinem Freund Anton nicht können, denn schließlich hatte sich sein Freund Anton einfach auf die Geleise der U-Bahn hinunterfallen lassen, kurz zuvor noch mit viel Geschick auf dem BrĂŒckengelĂ€nder balancierend, trotz der rutschigen Stange und trotz des Windes, lange soll sich Anton auf der Stange gehalten haben, so haben es Zeugen im Nachhinein den zustĂ€ndigen Behörden berichtet, viel lĂ€nger, als man es Anton wohl zugetraut hĂ€tte, hĂ€tte sich jemals jemand den Kopf darĂŒber zerbrochen, wie lange Anton bei starkem Wind auf einer glatten Eisenstange balancieren könne, aber dann hat sich Anton doch vorn ĂŒber hinunterfallen lassen, knapp bevor der Zug aus dem Tunnel herausgefahren kam, und man hat den Aufprall seines Leibes gehört, oder manche Zeugen haben zumindest geglaubt, den Aufprall seines Leibes gehört zu haben, auf den das scharfe Quietschen der Bremsen des Zuges gefolgt ist, der viel zu spĂ€t gebremst hat, um vor dem Leib Antons, der zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon leblos auf den Geleisen gelegen hat, anzuhalten, der mit seinen durch die Vollbremsung blockierten, eisernen RĂ€dern ĂŒber den Leib Antons hinweg gerutscht war anstatt ĂŒber ihn hinweg zu rollen, und manche Zeugen haben gemeint, das Brechen der Knochen des ihnen unbekannten Menschen, der da hinuntergefallen war auf die Geleise der U-Bahn, durch das Quietschen der Bremsen gehört zu haben, abgewandt haben sich die meisten der Zeugen oder kurz die HĂ€nde vor ihre Augen gehalten, in denen sich fĂŒr einen Moment das Grauen des Ereignisses widergespiegelt hat, das die Augen, wĂ€ren sie auf die Geleise gerichtet gewesen, gar nicht sehen hĂ€tten können, denn ĂŒber die Geleise und den toten Leib Antons war noch eine ganze Weile der Zug gerutscht, bis er ĂŒber dem Leib von Anton zu stehen gekommen war und alles Grauen mit seinem stĂ€hlernen Körper verdeckt hat, aber alles das war einige Tage bevor Franz zu laufen anfing geschehen, und in der Aufbewahrungshalle war Franz noch ganz ruhig gestanden und hat wie alle anderen GĂ€ste der Trauergesellschaft TrĂ€nen vergossen, so jung wĂ€re Anton schließlich gewesen, so jung wie Franz, so hoffnungsvoll, vielleicht sogar hoffungsvoller als Franz, weil immer der eine Spur bessere SchĂŒler gewesen, weil immer etwas beliebter bei seinen Schulkameraden gewesen, auch wenn Anton nach der Matura
, „aber das ist ja fĂŒr viele eine schwierige Zeit, da muss man schließlich Entscheidungen treffen, die dann entscheidend sein können fĂŒr das restliche Leben, und wenn einmal jemand so talentiert ist wie Anton es nun einmal war, dann fĂ€llt diese Entscheidung noch schwerer, da kann es schon einmal vorkommen, dass einer, der so klug ist, wie Anton es war, in eine Krise gerĂ€t, aber dass Anton-“, und gebetsmĂŒhlenartig hat Franz die anderen Trauernden flĂŒstern gehört, wie charmant und intelligent und begabt Anton doch gewesen wĂ€re, und Franz war sich sicher gewesen, dass keiner dieser Trauernden jemals ĂŒber ihn in dieser Weise gesprochen hĂ€tte, nicht dass Franz nicht charmant war und intelligent und begabt aber doch nicht wie Anton, und vor allem war Franz viel zu normal gewesen, war nie besonders aufgefallen in der Schule und auch nicht danach, Franz war nur einer von vielen gewesen, manchmal dabei, wenn andere irgendwas unternahmen, aber meistens nur unbeteiligter Zeuge seiner eigenen und der Jugend von andern, und zufĂ€llig eben mit Anton befreundet, und letztlich war Franz noch am Leben und deshalb fĂŒr niemanden von besonderem Interesse, aber Anton war tot, hat seinem Leben, wie viele meinten, „vor seiner Zeit“ ein Ende gesetzt, und alle, die sie weinend in der Aufbewahrungshalle gestanden haben, konnten sich nicht erklĂ€ren, warum sich Anton einfach hatte hinunterfallen lassen, auch Franz konnte sich die Tat nicht erklĂ€ren, aber fĂŒr Franz war es nicht die erste Tat seines Freundes Anton gewesen, die er sich nicht erklĂ€ren hat können, und im Gegensatz zu den andern hat Franz beim BegrĂ€bnis von seinem Freund Anton auch gar nicht versucht, eine ErklĂ€rung fĂŒr den Selbstmord seines Freundes Anton zu finden, was hĂ€tte es Franz denn gebracht, sich den Kopf darĂŒber zu zerbrechen, warum sich sein Freund Anton einfach hatte hinunterfallen lassen, er hatte eben ein letztes Mal zuwider gehandelt, einmal dem Leben an sich und nicht bloß irgendwelchen Aspekten desselben, und nun war er tot, und Franz war in der Aufbewahrungshalle gestanden inmitten anderer trauernder, Franz zum Großteil noch von der erst kurze Zeit zurĂŒckliegenden Schulzeit her bekannten Menschen, Franz hat so wie die andern geweint und hat sich weit fort gewĂŒnscht oder zumindest ganz weit nach hinten, hinter all die schwarz gekleideten RĂŒcken, wo ihn keiner sehen hĂ€tte können, weinend um seinen Freund Anton, trauernd ĂŒber die Tatsache, Anton nie mehr treffen, sprechen, Anton nie mehr verstehen zu können, auch wenn Franz seinen Freund Anton schon lĂ€ngere Zeit nicht mehr getroffen, gesprochen und noch lĂ€ngere Zeit schon nicht mehr verstanden hatte, aber es hĂ€tte zumindest immer die Möglichkeit dazu bestanden, sich wieder zu treffen, zu sprechen und auch zu verstehen, in einigen Jahren, unter anderen UmstĂ€nden, reifer, Ă€lter, abgeklĂ€rter, erwachsen, aber diese Möglichkeit hat mit einem Mal nicht mehr bestanden, denn sein Freund Anton hatte sich einfach vorn ĂŒber hinunterfallen lassen, und Franz hat, dieser Möglichkeit beraubt, in der Aufbahrungshalle gestanden, und wenig spĂ€ter hat Franz am Grab seines Freundes Anton gestanden, und zwischen Aufbahrungshalle und Grab war Franz mit angemessenen Schritten hinter dem ĂŒber den Kiesweg rollenden Wagen geschritten, auf dem der Sarg seines Freundes Antons zu dem ihm zugewiesenen Erdloch hingefĂŒhrt wurde, und Franz war auch dieses StĂŒck Weg nicht gelaufen, auch wenn Franz danach war, auch wenn Franz gerne los gerannt wĂ€re durch die heiße, schwĂŒle Luft, schwitzend und den andern davon, den dunkel gekleideten Menschen, vor zu dem Grab, kurz hineinblickend, noch schnell die neue Wohnstatt des Leibes seines Freundes Antons betrachtend, die an den SeitenwĂ€nden des Grabes abgeschnittenen Wurzeln, um dann, bevor die Trauergemeinde hinter dem heranrollenden Sarg in den schmalen Kiesweg eingebogen wĂ€re, weiter zu laufen, ohne zu wissen wohin, aber ohnehin wissend, was dann weiter bei der Beerdigung seines Freundes geschehen wĂ€re, aber Franz war auch da nicht gelaufen, sondern Franz hat ganz langsam einen Fuß vor den andern gesetzt, nicht schneller aber auch nicht langsamer als die anderen Mitglieder der Trauergemeinde, sich einordnend in die Gemeinschaft der Hinterbliebenen, hinter dem Sarg und geblieben im Leben, keine ihrer Regeln hat Franz wĂ€hrend der Verabschiedung seines Freundes Antons gebrochen, und vor dem Grab seines Freundes Anton hat Franz in der Reihe gestanden, und vor dem Grab seines Freundes Anton stehend hat Franz Erde hinunterfallen lassen auf den Sarg, so wie der Leib seines Freundes Anton den Geleisen der U-Bahn entgegen gefallen war, war nun die Erde dem Holzsarg entgegen gefallen, und diese Handlung, dieses Erde hinunterfallen lassen wurde als Abschied bezeichnet, aber fĂŒr Franz war es nichts weiter als ein Gehorchen gewesen, ein Gehorchen dem Zeremoniell, das den Trauernden vorschreibt vor dem offenen Grab stehen zu bleiben und Erde in das Erdloch hinunterfallen zu lassen, eventuell auch eine Blume, und wer will, der kann auch kleine GegenstĂ€nde hinunterfallen lassen, Grabbeigaben hĂ€tte man frĂŒher gesagt, und so sagt man vielleicht auch noch heute, aber Abschied war dieses dem Zeremoniell gehorchen fĂŒr Franz keiner gewesen, Franz hat nur Erde hinunterfallen lassen auf einen Sarg, in dem der Leib seines Freundes Anton bereits langsam zu verfaulen begonnen hat, mit möglicherweise noch wachsenden Haaren und wachsenden NĂ€geln, aber bereits mit verrottendem Fleisch, das ohnehin aufgerissen und gequetscht war durch den Aufprall auf den Geleisen und die Schwere des Zuges, der ĂŒber ihn hinweg gerutscht war, doch an das mögliche Aussehen der sterblichen Überreste von Anton hat Franz gar nicht denken wollen, an gar nichts hat Franz denken wollen, weg hat Franz nur wollen von dem Loch und dem Sarg und der sich auf dem Sarg zu tĂŒrmen beginnenden Erde, und Franz war dann wie die anderen GĂ€ste der Trauergemeinde aufgebrochen, aber Franz hat auch da noch nicht zu laufen begonnen, war so wie die anderen gegangen, einen Fuß vor den anderen setzend, langsam, bedĂ€chtig, die Überlegungen der anderen hörend, ob das BegrĂ€bnis seinem Freund Anton gefallen hĂ€tte oder ob nicht, und Franz war sich sicher, dass seinem Freund Anton sein eigenes BegrĂ€bnis absolut zuwider gewesen wĂ€re, viel zu „normal“, war sein Freund Anton doch immer bestrebt gewesen, zuwider zu handeln, allem und jedem zuwider zu handeln, nie zu entsprechen, der Norm oder Erwartungen, sondern ihnen zuwider zu handeln, zuwider wĂ€re seinem Freund Anton sein eigenes BegrĂ€bnis gewesen, aber das hat Franz den anderen nicht gesagt, die sich mit der Hoffnung zu trösten versuchten, dass Anton sicher Gefallen gefunden hĂ€tte an diesem schönen BegrĂ€bnis, an den vielen Verwandten und Freunden, die nur seinetwegen gekommen waren, aus anderen LĂ€ndern angereist manche sogar, Franz war mit vor seinem Körper gefalteten HĂ€nden gegangen und hat geschwiegen, Franz hat auch nicht weiter darĂŒber nachgedacht, wie das BegrĂ€bnis sein hĂ€tte mĂŒssen, damit es den Vorstellungen von seinem Freund Anton entsprochen hĂ€tte, „wenn die alle wĂŒssten“, hat sich Franz nur gedacht, aber sie alle haben gar nichts gewusst, haben Anton nur von der Schulzeit gekannt, hatten Anton seit der Schulzeit aus den Augen verloren, allein Franz hatte sich mit seinem Freund Anton nach der Matura getroffen, die andern haben sich das Ideal eines netten und intelligenten Menschen in ihrem Herzen bewahrt, allein Franz hatte eine Freundschaft zu seinem Freund Anton zu bewahren versucht, aber Franz war gescheitert mit diesem Versuch, auch der Freundschaft hatte sein Freund Anton geglaubt, zuwider handeln zu mĂŒssen, sie brechen zu mĂŒssen, bis sie dann brach, auch wenn Franz immer noch gehofft hatte, in einigen Jahren, unter anderen UmstĂ€nden, reifer, Ă€lter, abgeklĂ€rter, erwachsen, aber auch diese Hoffnung lag mit dem verwesenden Leib in der Grube, und Franz war wie die andern gegangen, hat das Grab hinter sich gelassen und seinen Freund Anton, der sich einfach nach vorne hatte hinunterfallen lassen, ohne ersichtlichen Grund und ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, der möglicherweise erklĂ€ren hĂ€tte können, was aber in Wirklichkeit wohl fĂŒr niemanden verstĂ€ndlicher geworden wĂ€re nur lesbar und dokumentiert, und am selben Tag war Franz in ein Kino gegangen, so wie Franz immer ins Kino ging, fast jeden Tag, einmal, zweimal, dreimal, bis zu viermal am Tag ging Franz ins Kino, und in diesem Kino hat sich Franz dann irgendeinen Film angesehen, und nachdem sich Franz in dem Kino irgendeinen Film angesehen hatte, war Franz aus dem Kino getreten, hat auf die Uhr geblickt und hat gewusst, es bliebe ihm nicht mehr viel Zeit, nicht genug Zeit um in einem normalen Tempo das nĂ€chste Kino zu Beginn des nĂ€chsten Films zu erreichen, auch wenn Franz so schnell gegangen wĂ€re, wie er sonst immer ging, hĂ€tte Franz dieses Kino zur Beginnzeit des Films nicht erreicht, aber Franz wollte diesen Film unbedingt sehen, den sie an diesem Tag den ersten Tag spielten, wollte ihn sehen, bevor ihn alle anderen sahen, wollte ihn sehen, um danach berichten zu können davon, sagen zu können, diesen Film gesehen zu haben vor allen andern, denn das Leben ging schließlich weiter, Anton hin oder her, das Leben ging weiter, und Franz hat es nicht als notwendig erachtet, wegen des Todes von seinem Freund Anton inne zuhalten, weiter hat Franz schließlich mĂŒssen, denn Franz hatte es noch, sein Leben, und Franz hatte nie die Lust verspĂŒrt, diesem Leben zuwider zu handeln, leben wollte Franz dieses Leben, einfach nur leben, und so war Franz ins Kino gegangen, und so war Franz nach dem ersten Film, den er sich an diesem Tag, an dem er Erde auf den Sarg seines Freundes Antons hatte hinunterfallen lassen, angesehen hat, irgendwo auf der Straße gestanden, und es war nicht mehr viel Zeit gewesen, genug Zeit, wenn Franz mit der Straßenbahn zum nĂ€chsten Kino hingefahren wĂ€re, und noch viel mehr Zeit, wenn Franz ein paar Schritte mehr zur nĂ€chsten U-Bahn Station gegangen wĂ€re, um dann die U-Bahn zu nehmen und kurze Zeit spĂ€ter vor dem Kino zu stehen, wo sich Franz jenen Film ansehen wollte, den zweiten an diesem Tag, und den sie an diesem Tag, das erste Mal spielten, zumindest in diesem Land, denn in anderen LĂ€ndern war dieser Film schon seit Wochen gelaufen, doch in diesem Land sind alle Filme meist etwas spĂ€ter in den Kinos zu sehen, und die Kritiken ĂŒber den Film waren in den anderen LĂ€ndern allesamt schlecht gewesen, doch die Kritiken waren fĂŒr Franz ohne jede Bedeutung, Franz wollte diesen Film sehen, um sich sein eigenes Urteil bilden zu können ĂŒber den Film, Franz wollte diesen Film sehen, um sagen zu können, den Film gesehen zu haben, und Franz war losgegangen, nicht in Richtung der Straßenbahnhaltestelle und auch nicht in Richtung der U-Bahn-Station, Franz war losgegangen, quer durch die Stadt, jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit und damit auch mit den Verkehrsmitteln dieser vermeidend, denn Franz glaubte, es an jenem Abend nicht ertragen zu können, zwischen den Filmen in öffentlichen Verkehrsmitteln Aug in Aug mit fremden Menschen zu sitzen oder zu stehen, im schĂ€bigen Licht der Waggons, die alles gelb oder blass erscheinen lassen, die kein schwarz weiß zulassen aber auch keine Farbe, nur ein grĂŒnliches Gelb und ein dreckiges Weiß, und wo man nie wissen kann, ob sie nicht irgendwann quietschend anhalten mĂŒssen, wo man nie wissen kann, ob man nicht vielleicht mit anhören muss das GerĂ€usch brechender, menschlicher Knochen, und so hat sich fĂŒr Franz gar nicht die Frage gestellt, ob er die öffentlichen Verkehrsmittel wĂ€hlen sollte, hat sich fĂŒr ihn gar nicht die Frage gestellt, sich schnell und ohne zeitlichen Druck zum nĂ€chsten Kino fĂŒhren zu lassen, Franz hatte zu gehen, und weil Franz zu langsam gewesen wĂ€re, wĂ€re Franz nur gegangen, so hat Franz zu laufen begonnen, und seine FĂŒĂŸe berĂŒhrten nur mehr kurz den Asphalt, der feucht war und dampfte, denn es regnete an jenem Abend, am Tag war es noch heiß gewesen und schwĂŒl, auch am Grab hat noch die Sonne geschienen, hat förmlich hinunter gebrannt auf den Sarg und auf die auf den Sarg hinunterfallende Erde, und mancher BegrĂ€bnisbesucher hat versucht, von seiner eigenen Trauer durch Bemerkungen ĂŒber die große Hitze abzulenken, einen hat Franz sogar scherzen gehört, dass er eine Sonnencreme hĂ€tte mitnehmen sollen, um sich gegen die UV-Strahlen der Sonne zu schĂŒtzen, und irgendwer hat sich sogar zu einem leisen Glucksen hinreißen lassen, was den Scherzbold dazu ermuntert hat, dem Glucksenden noch zu erklĂ€ren, dass man ja um das Grab LiegestĂŒhle aufstellen könnte, um sich brĂ€unen zu lassen und sich bei kĂŒhlen Cocktails an Anton zu erinnern, und der zuvor Glucksende hat daraufhin geseufzt und gemeint, dass das Schreckliche so schrecklich wĂ€re, dass es nicht einmal mit Humor ertrĂ€glicher wĂŒrde, und der Scherzbold hat dem nunmehr Seufzenden Recht gegeben und ihm den Arm um die Schulter gelegt, und in den Fasern ihrer schwarzen Hemden hat sich ihr Schweiß vereinigt und hat mit der Zeit kleine salzige Linien auf der OberflĂ€che ihrer Stoffe gezeichnet, so heiß war es noch bei Antons BegrĂ€bnis gewesen, doch ein paar Stunden spĂ€ter, Franz war gerade im Kino gewesen, da war ein heftiges Gewitter losgebrochen, und am Abend, der in die Nacht ĂŒberging, und an dem Franz zu laufen begann, da regnete es noch immer, und Franz mochte den Regen, mochte die Regentropfen, mochte es, wie sie seinem Gesicht entgegen fielen, spĂŒrte gern ihr Zerplatzen, schĂ€tzte das Kitzeln auf seiner Haut, dass sie verursachten, wenn sie begannen von einer Pore zur nĂ€chsten hinunterzurinnen, und so rannte Franz durch die Stadt, die Regentropfen genießend wie auch die Dunkelheit der Straßen und die Stille, die Stille, die nur durchbrochen wurde von den GerĂ€uschen einiger weniger Autos, deren GerĂ€usche aber durch den Regen gedĂ€mpfter waren als sonst, durchbrochen auch durch die Schritte und Stimmen von noch wenigeren Menschen, die sich an jenem verregneten Sommerabend, der in die Nacht ĂŒberging, in der Stadt aufhielten, nicht irgendwo im SĂŒden waren am Meer oder irgendwo in den Bergen in einer HĂŒtte, die in der Stadt waren und gingen, irgendwohin, und an denen Franz auf seinem Weg zu dem Kino vorbeilief oder ihnen entgegen, sie nur kurz sah, sie nur kurz hörte, und dann waren sie schon wieder fort, angenehm kurz waren diese Begegnungen mit diesen Menschen fĂŒr Franz, wie im Film liefen die Menschen an Franz vorbei, so schien es Franz zumindest zu sein, auch wenn er es selber war, der in Wirklichkeit lief, wĂ€hrend die Menschen vor Auslagen standen oder ganz normal gingen, langsam, gemĂ€chlich von A nach B oder C, Franz bewegte sich an ihnen vorbei, und in Mitten all des Asphalts und des Steins roch er Erde, feuchte Erde, wie man sie in WĂ€ldern sonst riecht, oder an einem offenen Grab, wobei die Erde am Grab seines Freundes Anton hat ganz anders gerochen, trockener, denn es hat ja die Sonne geschienen, und es hatte schon seit einigen Tagen nicht mehr geregnet gehabt, aber als Franz von einem Kino zum anderen Kino quer durch die Stadt unterwegs war, da roch es nach feuchter Erde, es roch eben so, wie es nach einem Gewitter auf dem Lande riecht, und Franz roch diese Erde inmitten von Stein und Asphalt, Franz hob sein Gesicht gegen den Himmel, und die Regentropfen zerplatzten ihm auf seiner Nase, verteilten sich ihm ĂŒber die Wangen, wuschen ihm das Salz der TrĂ€nen hinunter, die Franz vergossen hat um seinen Freund Anton, geĂ€rgert hat Franz die Tatsache, dass er weinen hat mĂŒssen um seinen Freund Anton, was hatte er schon gemein mit seinem Freund Anton, gewiss, sie hatten sich Zeit ihres Lebens gekannt, bereits im Kindergarten hatten sie in der Mittagspause neben einander geschlafen, und spĂ€ter waren sie in der Schule immer neben einander gesessen, fĂŒr zweieiige Zwillinge haben sie manche Schulkollegen aus anderen Klassen gehalten, aber fĂŒr Franz hat ihn nicht Zuneigung oder Sympathie sondern nur Zufall und spĂ€ter Gewohnheit an seinen Freund Anton gekettet, und in dem einen Jahr, in dem sie sich nach der Matura noch trafen, da waren nur mehr ein paar gemeinsame Nachmittage vor einem alten Computer gewesen, nicht mehr als ein verzweifelter Versuch waren diese Treffen rĂŒckblickend fĂŒr Franz gewesen, ĂŒber die Auseinandersetzung mit der Technik der Zukunft den Kontakt zu jemanden aus der Vergangenheit aufrecht zu erhalten, und ab und zu bekam dieser Versuch fĂŒr Franz etwas Substanz durch ein GesprĂ€ch ĂŒber das Leben, bei den GesprĂ€chen ĂŒber das Leben hat meistens nur Franz geredet, wĂ€hrend ihm sein Freund Anton aufmerksam zugehört hat, und am Schluss hat Anton nicht selten festgestellt, dass er Franz dafĂŒr bewundern wĂŒrde, wie viel er sich von seinem Leben erwarte, aber dass Franz, so wie Franz lebe, es niemals schaffen wĂŒrde, dass sich diese Erwartungen fĂŒr ihn auch wirklich erfĂŒllen, „du bist nur konform mit den Vorstellungen, die andere von dir haben, und diese Vorstellungen hast du, ohne sie zu hinterfragen, zu deinen eigenen Vorstellungen von dir gemacht“, so erklĂ€rte ihm sein Freund Anton, und Franz hat daraufhin – unbeirrt durch den Einwurf des Freunden – stets euphorisch behauptet, dass sich sein Freund Anton da irre, er – Franz – lebe sein ganz eigenes Leben, und als wĂŒrde Franz seinen Freund Anton ganz bewusst nicht verstehen wollen kam er dann stets zu dem Schluss , „ich werde das machen“ und „ich muss es nur wollen, wenn ich es will, dann kann ich alles erreichen“, und Anton hat dann immer geschmunzelt, oder war es ein Anflug von Trauer?, wer konnte das im Nachhinein sagen, Anton hat auf jeden Fall seine Mundwinkel leicht in die Breite gezogen, wĂ€hrend Franz weiter doziert hat: „wenn ich will, so kann ich Berge versetzen, ich muss nur an mich glauben, der Glauben an die eigene Kraft und die eigenen Möglichkeiten ist wichtig, denn wenn man dazu fĂ€hig ist, an sich selber zu glauben, dann kann man alles erreichen, alles, was immer man möchte“, die Augen von Franz haben immer geglĂ€nzt, wenn er seinem Freund Anton seinen Lebensgrundsatz erklĂ€rt hat, und die Worte seines Freund Antons verdrĂ€ngt und vergessen hat Franz sein zukĂŒnftiges Leben vor seinem geistigen Auge auch glĂ€nzend und glorreich gesehen, all den Erfolg und den Reichtum, die zu erreichen sich Franz ganz fest vorgenommen hatte, Franz war sich absolut sicher, alle seine Ziele erreichen zu können, wenn er nur wollte, die Liebschaften und AffĂ€ren mit verschiedenen Frauen, dann die Liebe zu der einen, zu der besonderen Frau, von der Franz ĂŒberzeugt war, dass sie ihm irgendwann ĂŒber den Weg laufen wĂŒrde, völlig unverhofft, zufĂ€llig, in einem Moment, wo er gar nicht an die Existenz einer solchen besonderen Frau glauben wĂŒrde, „bei seinem Vater ist es auch so gewesen“, hat Franz seinem Freund Anton einmal erzĂ€hlt, und diese Frau, die ihm so unverhofft und zufĂ€llig ĂŒber den Weg laufen wĂŒrde, die wĂ€re es dann, die wĂ€re dann alles fĂŒr ihn, und mit der wĂŒrde Franz dann, wohnen wĂŒrde Franz dann mit dieser Frau, und heiraten wĂŒrde Franz diese Frau, und Kinder wĂŒrde Franz in die Welt setzen mit dieser Frau, zwei Kinder, drei Kinder, vielleicht sogar vier, und beruflich hat Franz fĂŒr sich eine Karriere als schreibender, denkender Mensch anvisiert, als Journalist oder Berater, immer grĂ¶ĂŸer werdende GehĂ€lter prophezeite sich Franz, mit denen Franz sich immer mehr anschaffen wollte, Wohnungen, immer PS stĂ€rkere Autos und irgendwann ein Appartement am Meer, wie toll sein Leben wohl wĂŒrde, wenn Franz nur wollte, und Franz hatte immer schon wollen, und Franz war sich deshalb auch sicher, er wĂŒrde das alles erreichen, all den Erfolg und den Reichtum, „ich muss einfach nur wollen“, mit einer letzten Wiederholung dieser fĂŒr Franz wichtigsten LebensprĂ€misse haben meistens seine enthusiastischen Reden geendet, bis sein Freund Anton einmal ganz lapidar festgestellt hat, „wenn du glaubst“, und mit dieser lapidaren Feststellung Antons hat sich vor dem geistigen Auge von Franz ein großes Fragezeichen aufgebaut, da hat es plötzlich gelauert, dieses Fragezeichen, wie Wegelagerer lauern, die nur den rechten Moment abwarten, um ihre Opfer zu ĂŒberraschen, auszurauben und zu ermorden, man hat davon gehört, dass es sie gibt, man kennt die WĂ€lder oder meint sie zumindest zu kennen, wo sie ihr Unwesen treiben, aber man weiß nie, wann sie zuschlagen werden, und vor diesem großen, Wegelagerern Ă€hnlichen Fragezeichen waren zwei Worte in einer schlichten, einfachen Schrift niedergeschrieben, „warum eigentlich“, das Fragezeichen und die vor dem Fragezeichen befindlichen Worte hat Franz hinter der lapidaren Feststellung seines Freundes Anton zu erkennen geglaubt, und ohne dass sein Freund Anton die Frage „warum eigentlich?“ ausgesprochen hatte, hat Franz hastig geantwortet, „man muss einfach alles auskosten, was einem das Leben so bietet“, „aber tust du das?“, hat Anton gefragt und sich ein Dose Bier aufgemacht, die sechste bereits an diesem Abend, und Franz hat Anton daraufhin gefragt, ob er nun zum Trinken anfinge, und Anton hat lachend den Kopf geschĂŒttelt und gesagt, „ich handle nur ein wenig zuwider, das ist eben meine PrĂ€misse, zuwider zu handeln!“, dann hat er gelacht und einen krĂ€ftigen Schluck aus der Dose genommen, gerĂŒlpst und mit glasigen Augen hat er dann Franz angeschaut, „was siehst du mich an?“, sein Kopf hob sich kurz und schnell, „du versetzt Berge, und ich versetze das Erbe von meinen Eltern!“, Anton legte seinen Kopf in den Nacken und starrte auf die in Dunkelheit liegende Decke, „ich handle zuwider, all den Erwartungen, die man in mich setzt“, er hob die Dose und kratzte sich damit an seinem Kinn, „fĂŒr einen so netten Jungen wie mich, fĂŒr so einen klugen und Erfolgs versprechenden jungen Mann schickt es sich nicht, sich zu betrinken“, er trank, und das Bier rann ihm aus den Mundwinkeln ĂŒber die Wangen hinunter, tropfte auf seine Schultern und versickerte in der Wolle seines Pullovers, „die Gemeinschaft hat in mich investiert, da bin ich es doch meinen Investoren schuldig, ein anstĂ€ndiges und gesundes Leben zu fĂŒhren, damit sich all die in mich getĂ€tigten Investitionen auch rechnen“, wieder lachte Anton auf, „die Gemeinschaft erwartet sich, dass ich Berge versetze, so wie du“, ruckartig richtete sich Anton auf und zeigte mit der Bierdose auf Franz, keine zehn Zentimeter stoppte die Hand mit der Bierdose vor der Nase von Franz, „aber ich handle zuwider“, langsam verschwand die Dose wieder aus dem Blickfeld von Franz, „es interessiert mich nicht, irgendwelche Berge zu versetzen, nur weil irgendwer von mir erwartet, dass ich es tue“, Anton schĂŒttelte seinen Kopf, „interessiert mich nicht“, dann fixierte er wieder Franz und wurde mit einem Mal völlig ernst, „willst du etwas erreichen in dieser Welt, willst du etwas fĂŒr dich, fĂŒr dich ganz persönlich erreichen in dieser Welt, dann musst du zuwider handeln“, Franz hielt dem Blick stand von seinem Freund Anton, auch wenn es ihm schwer fiel, „nur wenn du zuwider handelst, wirst du etwas erreichen in deinem Leben, sonst erreichst du nur die Ziele der andern, selbst, wenn du sie ĂŒbertriffst, es bleiben immer die Ziele der andern, und du, du bleibst auf der Strecke, verstehst du?“, Franz hat gar nicht versucht, Franz zu verstehen, Franz hatte Angst davor, Franz zu verstehen, und so hat Franz versucht, sich hinter einem Nicken zu verstecken, „ich verstehe“, hat Franz gelogen“, „du verstehst nichts“, durchschaute sein Freund Anton die LĂŒge, „aber es ist auch egal, ist völlig egal“, Anton nahm einen krĂ€ftigen Schluck und blickte an Franz vorbei ins Leere, „du machst eben ihres und nennst es deines, und ich mache meines, einfach nur meines, und sie nennen es nichts“, Anton warf Franz ein LĂ€cheln hin, ĂŒberheblich und abstoßend fand Franz dieses LĂ€cheln, „es ist nur irgendwie schade, weil du-“, Anton stockte, kratzte sich auf seinem Kopf, nahm erneut einen krĂ€ftigen Schluck und setzte dann fort mit, „da ist soviel Kraft in dir, soviel Energie, soviel Enthusiasmus, du bist soviel stĂ€rker als ich, Franz, soviel stĂ€rker!“, kurz meinte Franz, sein Freund Anton wĂŒrde nun zu weinen beginnen, aber dann sprach er mit klarer und deutlicher Stimme weiter, „wenn du zuwider handeln wĂŒrdest, wenn du nur einmal du selbst wĂ€rst, du wĂŒrdest-, du könntest die Welt aus den Angeln heben“, Anton nickte, scheinbar froh noch ein Bild fĂŒr die ihm vorschwebenden Potenziale von Franz gefunden zu haben, „nicht bloß irgendwelche scheiß Berge wĂŒrdest du dann versetzen, die ganze, ganze Welt wĂŒrdest du mit deiner Kraft aus den Angeln reißen – wenn du nur einmal zuwider handeln wĂŒrdest, richtig zuwider handeln wĂŒrdest“, das war das letzte, was sein Freund Anton gesprochen hatte an jenem Abend, wĂ€hrend sich Franz noch bemĂŒĂŸigt gefĂŒhlt hatte, seinem Freund Anton zu sagen, dass er ohnehin zuwider handle, den Vorstellungen von seinem Vater zum Beispiel, und auch sonst immer wieder, und dass es ihn eigentlich gar nicht so interessiere, die Welt aus den Angeln zu heben, er wolle eben nur etwas erreichen in seinem Leben, weil ihm das Leben gefiele, das Leben!, aber er könne seinen Freund Anton schon irgendwie verstehen, meinte Franz erneut lĂŒgen zu mĂŒssen, auch wenn Franz seinen Freund Anton ĂŒberhaupt nicht verstanden hat, Franz hat seinen Freund Anton auch nicht mehr charmant gefunden, vielleicht noch intelligent, aber nicht mehr charmant, nur mehr als unangenehm hat Franz seinen Freund Anton empfunden, als provokant und destruktiv, in jenem Moment war Franz sogar davon ĂŒberzeugt gewesen, dass sein Freund Anton versucht hat, ihn daran zu hindern, jenen Weg einzuschlagen, den Franz zu gehen begonnen hatte, den Weg zu Reichtum und zu Erfolg, war es aus Neid gewesen oder aus Langeweile?, Franz hat nicht nach den GrĂŒnden fĂŒr das Verhalten seines Freundes gesucht, Franz hat nur dessen permanenten Widerstand bemerkt, sein permanentes zuwidern handeln auch ihm gegenĂŒber ging Franz auf die Nerven, und Franz war an diesem Abend auch nicht mehr lange geblieben, mit seinem Freund Anton konnte Franz ohnehin nicht mehr kommunizieren, und von diesem Abend an hat Franz seinen Freund Anton immer seltener getroffen, die Treffen mit seinem Freund Anton waren fĂŒr Franz nur mehr eine unangenehme Verpflichtung gewesen, „ach, ich muss mich mal wieder mit meinem Freund Anton treffen“, hat sich Franz in immer grĂ¶ĂŸer werdenden AbstĂ€nden gedacht, nur mehr widerwillig hat Franz dann zum Hörer gegriffen, um sich wieder einmal bei seinem Freund Anton zu melden, denn sein Freund Anton hat kaum einmal bei ihm angerufen, wahrscheinlich, so vermutete Franz, war es seinem Freund Anton zuwider, sich telephonisch zu melden, weil sein Freund Anton meinte, durch einen Anruf die Erwartung des anderen zu erfĂŒllen, und so war es Franz meistens gewesen, der anrufen hat mĂŒssen, und dann war Franz mit ein paar Bieren in die Wohnung von Anton gegangen, denn sein Freund Anton war kaum einmal dazu zu bewegen gewesen, sich woanders als in seiner Wohnung zu treffen, und dann haben sie zusammen gesessen und haben Computer gespielt, und von Treffen zu Treffen hat Franz deutlicher zu erkennen gemeint, nichts mehr gemein zu haben mit seinem Freund Anton, da waren die gemeinsamen Erlebnisse wĂ€hrend einer zwölf Jahre gedauert habenden Schulzeit, die Franz genauso wenig gemocht hatte wie sein Freund Anton, die sie beide nur hinter sich gebracht hatten, um dann irgendwas andres zu machen, und Franz hat seinen MilitĂ€rdienst gemacht, um ihn schnell und sofort hinter sich zu bringen, und Anton hat ĂŒberlegt, was er studieren soll, und dann die Immatrikulationsfrist verpasst, und Franz war an seinen freien Tagen viel ins Kino gegangen, und Anton war meistens zuhause gehockt bei seinem alten Computer, und nach der Grundausbildung war Franz immer öfter ins Kino gegangen, und Anton hat immer mehr Zeit vor seinem Computer oder zumindest zuhause verbracht, denn ob Anton wirklich permanent vor seinem Computer gesessen hat, dass hat schließlich niemand beurteilen können, und gegen Ende seines PrĂ€senzdienstes hat Franz begonnen, fĂŒr irgendein unbedeutendes Journal unbedeutende Artikel zu schreiben, um Geld zu verdienen, um sich etwas leisten zu können, und Anton hat sicher auch irgendetwas getan, aber von sich selbst hat Anton stets nur erzĂ€hlt, dass er sei, einfach nur sei, „das erwartet interessanter Weise niemand von mir“, hat Anton Franz auf die Frage, was er eigentlich tue, gerne erklĂ€rt, bis Franz nicht mehr herauszufinden versucht hat, was Anton getan hat, vielleicht irgendetwas mit Drogen, so hat Franz zumindest gemutmaßt, schließlich hat es sein Freund Anton geliebt, fremde und eigene Grenzen auszuloten, und sein Freund Anton hat auch immer gerne ĂŒber die Möglichkeiten gesprochen, die sich den Menschen durch den Konsum von Drogen erschlössen, „Drogen“, hat ihm sein Freund Anton einmal erklĂ€rt, „widerlegen die RealitĂ€t“, und die eine oder andere Substanz hatte Anton immer wieder zuhause, und auch wenn es Franz gereizt hĂ€tte, die Wirkung der einen oder anderen Droge zu testen, einfach so, um zu wissen, wie sie so wirke, um mitreden zu können, wenn andere von ihren Drogenerfahrungen sprachen, so hatte er doch eine Scheu, die Wirkung von Drogen gemeinsam mit seinem Freund Anton zu testen, nur Alkohol trank er mit seinem Freund Anton, aber Alkohol verstand Franz aufgrund seiner Sozialisation nicht als Droge, Alkohol tranken auch seine Eltern und die meisten seiner Verwandten, schon als Kind hatte Franz mit seiner Familie bei Festen mit Alkohol anstoßen dĂŒrfen, und zuhause zum Essen trank Franz fast immer Bier oder Wein, wenn auch nicht in den selben Mengen wie er es tat, wenn er seinen Freund Anton besuchte, seinen Freund Anton verließ Franz des öfteren ziemlich illuminiert, aber andere Drogen wagte Franz nicht bei seinem Freund Anton zu testen, nicht einmal eine Zigarette kostete Franz, auch wenn sein Freund Anton Franz gerne von dem inspirierenden Nebel vorschwĂ€rmte, in den er beim Rauchen von Zigaretten eintauchen wĂŒrde, Franz hatte einfach nicht das GefĂŒhl, die Sache in Gegenwart seines Freundes Anton unter Kontrolle zu haben, den Alkohol glaubte Franz beherrschen zu können aber all das andere Zeug, Franz wusste einfach nicht, was das bewirken wĂŒrde bei ihm, und verboten war es ja auch, „die verbotenen FrĂŒchte sind immer die besten“, hat ihm sein Freund Anton einmal erklĂ€rt, irgendwie hatte Franz den Verdacht, dass sein Freund Anton mit der einen oder anderen illegalen Substanz GeschĂ€fte gemacht hat, aber was hat Franz schon von seinem Freund Anton gewusst, Franz hat einfach keinen Zugang mehr zu seinem Freund Anton gefunden, sein Freund Anton war einfach ganz anders gewesen, sein Freund Anton war immer zuhause vor seinem Computer gesessen, und Franz hat leben wollen, hat sich hinaus gesehnt in die Welt, und weil sie so groß ist die Welt, zu groß fĂŒr einen jungen Studenten, der neben seinem Studium nur wenig durch das Schreiben unbedeutender Artikel verdient, hat Franz begonnen permanent ins Kino zu gehen, um sich zumindest mit Hilfe von Filmen ein Bild von der Welt und dem Leben, der Liebe zu machen, und Anton war auf eine BrĂŒcke gegangen, war auf ein rutschiges GelĂ€nder geklettert, hat wie ein Artist auf dem GelĂ€nder balanciert, um sich dann doch hinunterfallen zu lassen, und Franz hat TrĂ€nen vergossen, obwohl er seinen Freund Anton schon des lĂ€ngeren nicht mehr gesehen hatte, hat sich ein wenig ĂŒber die seinen Hals wĂŒrgende und in seinem Magen beißende und in seinen Augen brennende Trauer geĂ€rgert, hat Erde hinunter geworfen auf den Sarg seines Freundes, und als Franz von einem Kino zum anderen rannte, da löste das Regenwasser das Salz seiner TrĂ€nen aus den Poren seiner Haut, und Franz konnte das Salz noch kurz schmecken, als das Regenwasser mit den aufgelösten TrĂ€nen ĂŒber seine Lippen rann, bitter war der Geschmack, aber bald schmeckte Franz nur mehr Wasser, genoss den Regen und die Sauberkeit seiner Haut, die nun befreit war vom Salz, dieser klebrigen Kruste, und von der Bitternis dieses Abschieds, der keiner gewesen war, der nur ein Herumstehen gewesen war um einen leblosen Körper in einem leblosen Sarg, ein Erde hinunterfallen lassen gewesen war und ein Riechen der Trockenheit und des Sommers, Franz lief ins Vergessen, nicht mehr zurĂŒckblicken wollte Franz und sich auch nicht mehr verunsichern lassen durch irgendwelches Gerede, konsequent seine Ziele wollte Franz von nun an verfolgen, er mĂŒsse nur wollen, immer wieder sagte sich Franz selber vor, dass er wolle, weiter und schneller und höher, „ich will, ich will, ich will“, und es war Franz egal, was es kostet, „was kann ich verlieren“, fragte sich Franz, „wenn ich am Ende gewinne?“, „nichts“, gab sich Franz hastig zur Antwort und hielt sich nicht damit auf, sich ĂŒber den Wert des Gewinns den Kopf zu zerbrechen, vorwĂ€rts hatte Franz von nun an zu blicken, die Vergangenheit brauchte ihn nicht zu kĂŒmmern, „wer sich umdreht verliert, wer sich umdreht versteinert!, das steht schon so in der Bibel“, bemĂŒhte Franz sein Schulwissen, um sich selbst von der Richtigkeit seiner Entscheidung zu ĂŒberzeugen, und Franz lief in Richtung des Kinos, und Franz wusste, er wĂŒrde es schaffen, wusste, er wĂŒrde rechtzeitig die Kinokassa erreichen, rechtzeitig das Ticket bekommen, rechtzeitig in den Saal hineintreten, rechtzeitig seinen Sitzplatz finden, sich setzen, rechtzeitig eine gemĂŒtliche Sitzposition fĂŒr sich entdecken, um dann diesen Film, ĂŒber den sie in aller Welt nichts Gutes zu berichten wussten, sehen zu können, um dann am nĂ€chsten Tag sagen zu können, diesen Film gesehen zu haben, „gestern schon“, oder dann spĂ€ter, „schon vor einer Woche“, oder noch etwas spĂ€ter, „am ersten Tag ĂŒberhaupt“, nur um das sagen zu können, und um am nĂ€chsten Tag andere neue Filme ansehen zu können oder andere Ă€ltere Filme, die in den Programmkinos dieser Stadt nur am nĂ€chsten Tag gezeigt wurden, nur am nĂ€chsten Tag und dann erst wieder in Jahren, und gerade bei den Ă€lteren Filmen konnte Franz schließlich nicht wissen, ob er in ein paar Jahren gerade zu dem Zeitpunkt Zeit finden könnte, diese Ă€lteren Filme zu sehen, zu dem die Programmkinos diese Filme erneut auf den Spielplan setzen wĂŒrden, denn in ein paar Jahren, wusste Franz, wĂŒrde die Welt ganz anders aussehen fĂŒr ihn, wusste Franz, wĂŒrde er nicht mehr die Zeit haben, mehrmals tĂ€glich Filme in verschiedenen Kinos der Stadt anzusehen, wusste Franz, mĂŒsste er viel mehr arbeiten als er es wĂ€hrend seines Studiums tat, wusste Franz, mĂŒsste er sich nach dem Arbeitsalltag richten, der dann sein Leben bestimmte, ahnte Franz, mĂŒsste er sich dann auch nach einer Frau richten, nach seiner Frau, hoffte Franz, die er liebte, und die ihn liebte, und mit der er Zeit verbringen wollte, so wie die Frau dann mit ihm, und mit der Frau und der Arbeit, da wĂŒrde er vielleicht nur mehr einmal am Tag und vielleicht sogar nur mehr einmal die Woche ein Kino besuchen mit dieser Frau aber vielleicht auch alleine, denn vielleicht wĂŒrde er die Frau lieben, und vielleicht wĂŒrde diese Frau seine Liebe erwidern, aber vielleicht wĂŒrde diese Frau das Kino nicht lieben, vielleicht wĂŒrde diese Frau viel lieber fernsehen, oder vielleicht wĂŒrde diese Frau in jeder freien Minute in ein Konzert gehen wollen, und Franz wĂŒrde sie dann sicher gerne begleiten in all die Konzerte, wĂŒrde neben ihr sitzen und hören und glĂŒcklich sein, neben dieser Frau sitzen zu könne, und glĂŒcklich sein, die Musik zu hören gemeinsam mit ihr, wĂŒrde die Musik in Filmsequenzen verpacken, um die Musik fĂŒr sich selbst zu entdecken und vielleicht sogar begreifen zu könne, aber Franz wĂŒrde in Konzerten sitzen und nicht mehr im Kino, vielleicht, dachte sich Franz, denn alles wĂŒrde bald anders, alles wĂŒrde bald nicht mehr so sein, wie es war, als er sich von einem Kino zum andern begab, als Franz noch die Zeit dazu hatte, weil ihm das Studium einen solch exzessiven Kinobesuch erlaubte, und am nĂ€chsten Tag, so wusste Franz, gab es viele gute Filme in den Programmkinos seiner Stadt anzusehen, und da wĂ€re es doch schade gewesen, wenn er sich dann den Film hĂ€tte ansehen mĂŒssen, den er sich auch an diesem Abend, der in die Nacht ĂŒberging, ansehen konnte, und so lief Franz durch den Regen, roch die Erde, und sein Blick konzentrierte sich auf den Asphalt, fixierte die Steine, und wĂ€hrend sein Blick die Steine fixierte, die unter seinem Körper verschwanden, wie ein Laufband eingezogen wurden, Meter fĂŒr Meter, dachte Franz an all die Meter, die er bereits gegangen war in dieser Stadt, dachte daran, wie manche Meter wohl schon schwarz sein mĂŒssten von seinen Fußspuren, wenn seine Fußspuren schwarze Flecken hinterlassen hĂ€tten auf dem Asphalt, um fĂŒr die Ewigkeit festzuhalten, „hier ging einmal Franz“, oder „hier lief einmal Franz“, denn nun lief er ja durch die Stadt, auf Wegen, ĂŒber die er wohl auch schon zuvor das eine oder andere Mal gelaufen war, aber vor diesem Abend, der in die Nacht ĂŒberging, immer nur kurz, immer nur, um bald danach stehen zu bleiben, um Atem zu holen, um sich wieder einholen zu lassen, von allem was war, der RealitĂ€t und den mit dieser verbundenen Irritationen, Verunsicherungen und Ängsten, nie war Franz vor jenem Abend, der in die Nacht ĂŒberging, lĂ€nger als ein paar hundert Meter gelaufen, selbst vom letzten Treffen mit seinem Freund Anton war Franz nur bis zu sich nach Hause gelaufen, und das hat nicht daran gelegen, weil Franz nicht die Kraft gehabt hĂ€tte weiterzulaufen, Franz war ein sportlicher Junge, Franz hatte viel Kraft in den Beinen, „du bist ungeschickt“, hatte sein Turnlehrer immer behauptet, „aber du hast Kraft in den Beinen“, und mit dieser Kraft in den Beinen wĂ€re es Franz immer schon möglich gewesen, sehr weit zu laufen, sicher bis zur Grenze der Stadt und wahrscheinlich sogar bis zur Grenze des Landes, denn das Land, in dem Franz lebte, ist schließlich nicht sonderlich groß, und vielleicht hĂ€tte ihn die Kraft seiner Beine bis ans Meer hinunter getragen oder hinauf, je nachdem, aber bevor Franz an jenem Abend zu laufen anfing, war Franz dann doch immer stehen geblieben, vor jenem Abend hat Franz nicht genau gewusst, wo er hĂ€tte hinlaufen sollen, hat Franz möglicherweise der nötige Glauben an seine Ziele gefehlt, hat Franz vielleicht auch die Skepsis seines Freundes Anton daran gehindert, und so hat sich Franz dann jedes Mal einholen lassen, von allem was war, hat kurz Luft geholt, den Abstand genossen, den er herausgeholt hatte, und die freie Sicht auf die Dinge ganz ohne Irritationen und Verunsicherungen und Ängste, wĂ€hrend sich die RealitĂ€t wieder an ihn angenĂ€hert hat, ihn wieder eingeholt hat, irritiert, verunsichert und verĂ€ngstigt hat, bis sich Franz ein andermal wieder hat dazu aufraffen können und losgelaufen war einige Meter, aber an diesem Abend, der in die Nacht ĂŒberging, wollte Franz ein fĂŒr alle Mal davon rennen vor allem, was war, „ich will, ich will, ich will“, und da lagen noch genug mögliche Wege vor Franz, ĂŒber die er zuvor noch nicht gegangen oder gelaufen war, weiß schienen sie Franz im Gegensatz zu den schwarzen von ihm bereits begangenen oder durchlaufenen Wegen, und einer dieser weißen Wege wĂŒrde wohl schon der richtige sein, war sich Franz sicher, er brauche einfach zu laufen und dann kĂ€me er schon irgendwann an sein Ziel, und so lief Franz seiner Schulzeit davon, die Franz gehasst hat, Franz lief seinen Schulkollegen, die er „Schulfreunde“ nannte, davon, die er nur deshalb „Schulfreunde“ nannte, weil man Menschen, mit denen man soviel Zeit verbringt, wie mit jenen wĂ€hrend der Schulzeit, weil man diese Menschen, die man vier Jahre, acht Jahre, zwölf Jahre außer in den Ferien jeden Tag sieht, immer als Freunde bezeichnet, auch wenn sie nichts weiter sind als Menschen, die zur selben Zeit in den selben RĂ€umlichkeiten vom selben Personal die selbe schulische Ausbildung erhalten, diesen Menschen lief Franz an diesem Abend davon, den Verpflichtungen, sie auch nach der Matura immer und immer wieder zu treffen, um der guten Zeiten willen, die Franz nie als gute Zeiten empfunden hat, immer nur als quĂ€lende Zeiten, als lĂ€stige Zeiten, als ihn in seinem Leben behindernde, aufhaltende Zeiten, Franz lief auch seinen Eltern davon, die die Welt abseits dieser Zeiten bestimmten, dem Vater, der nie da gewesen war und doch allgegenwĂ€rtig, in dessen Erreichtem Franz aufgewachsen war, von dessen Erarbeitetem Franz immer noch lebte, wegen dessen Geleistetem man Franz immer wieder erklĂ€rte, dass er sich ein Vorbild nehmen solle an ihm, jenem Mann, der kaum einmal da gewesen war fĂŒr Franz und seine Geschwister und doch allgegenwĂ€rtig, der Franz abends beilĂ€ufig mit seiner großen Hand durch sein Haar gestrichen hat, an dessen großen Hand Franz als kleiner Junge an einigen wenigen Sonntagen schweigend mit schnellen Schritten durch einen Wald gegangen war oder mit ebenso schnellen Schritten am Fluss entlang oder mit nicht minder schnellen Schritten durch ein Museum, niemals inne haltend, immer nur zielstrebig vorwĂ€rts schreitend, alles im Vorbeigehen sehend und hörend, selbst in Streichelzoos oder bei Bauernhöfen nur im VorĂŒbergehen die Tiere berĂŒhrend, „komm jetzt“ und „es ist Zeit, Franz, wir mĂŒssen“, waren die einzige Worte wĂ€hrend dieser SpaziergĂ€nge von seinem Vater, an die sich Franz erinnern konnte, und Franz war seinem Vater immer widerspruchslos gefolgt, es war Franz gar nicht in den Sinn gekommen, sich gegen seinen Vater zu stellen, so wie der Vater es sagte, so musste es sein, und Franz lief an der Hand seines Vaters fort von den Tieren, denen er nur kurz ins Fell gefasst hatte, um das vorgenommene Ziel in der Zeit und mit der vollstĂ€ndigen Erledigung aller vorgenommenen Programmpunkte zu erreichen, „lieber frĂŒher fertig, um Neues beginnen zu können, als sich mit Unnötigem aufzuhalten und dadurch Vorgenommenes nicht fertig zu bringen“, hatte ihm der Vater einige Jahre spĂ€ter zwischen einem seiner „komm jetzt“ und einem seinem „du musst“ erklĂ€rt, und kurz hielt Franz inne, kurz ĂŒberlegte Franz, ob er wirklich vor diesem Vater davon laufen könne, „wuchere mit deinen Talenten“, dieser eine Satz seines Vaters leuchtete in großen Neon erleuchteten Lettern ĂŒber allem Denken des Sohnes, dieser eine Satz ließ den Sohn weiterlaufen, ohne weiter zu ĂŒberlegen, ob er wirklich davonlaufen konnte, Franz spĂŒrte nur, dass es ihm durch das Laufen gelang, sich der RealitĂ€t zu entziehen, all der Irritationen, der Verunsicherungen und auch der Ängste, er hatte nicht mehr die Zeit nachzudenken ĂŒber „richtig“ und „falsch“, ĂŒber sich selbst, wer er eigentlich war und was er eigentlich konnte, Franz lief nur mehr und mit dem Laufen war klar, dass er war, und dass er konnte, alles!, was er immer er wollte, und Franz beschloss, erfolgreich werden zu wollen und reich und vielleicht auch berĂŒhmt, „nur nicht umblicken“ beschwor sich Franz, „nur nicht irritieren oder verunsichern oder verĂ€ngstigen lassen, nach vorne blicken und durch, und dann wird alles gut, wird alles ganz wunderbar!“, und aus dem Laufen, um einen Film zu erreichen, wurde ein Laufen, um viel mehr zu erreichen, alles!, „ich komme zurĂŒck“, rief Franz seinem Vater im Fortlaufen zu, ohne dass sein Vater ihn hören hĂ€tte können, „eigenes werde ich erarbeiten, leisten, schaffen, wuchern werde ich mit meinen Talenten, wuchern“, mit diesen Worten auf seinen geistigen Lippen bewegte sich Franz weiter voran, fort von allem, was gewesen war, und fort von dem Grab seines Freundes, selber nicht wissend, ob es sich bei diesen Worten um eine Drohung oder um ein Versprechen handelte, selber nicht wissend, warum er ĂŒberhaupt wuchern sollte mit seinen Talenten, selber nicht wissend, was seine Talente ĂŒberhaupt waren, aber Franz wusste, er musste „wuchern“ und irgendwann heiraten und Kinder in die Welt setzen, die ihrerseits „wuchern mit ihren Talenten“, so wĂŒrde es sich nĂ€mlich gehören fĂŒr Franz und fĂŒr jeden, der es zu etwas bringen wolle in seinem Leben, so behauptete zumindest der Vater von Franz, und Franz wollte es seinem Vater beweisen, wollte es auch zu etwas bringen in seinem Leben, zu was auch immer, und Franz lief auch seiner Mutter davon und seinen Geschwistern, seinen Tanten und Onkeln, auch seinen Cousinen und seinen Cousins, die immer alles viel besser gekonnt haben als er, die alles besser gekonnt haben, obwohl sie doch viel dĂŒmmer waren als er, wie sein Vater gerne betont hat, viel dĂŒmmer waren als er und viel weniger musikalisch, denn Franz war ja eigentlich sehr musikalisch, zumindest war die Mutter von der MusikalitĂ€t ihres erstgeborenen Sohns ĂŒberzeugt, und der Vater hat die Überzeugung der Mutter in diesem Fall gern ĂŒbernommen, „Franz hat das Zeug zu einem musikalischen Genie“, hat sein Vater mehrmals vor Verwandten und auch vor Fremden lautstark behauptet, wĂ€hrend die Mutter stets nur von einem inneren Reichtum gesprochen hat, den Franz in sich barg, „wenn Franz nur Klavier geĂŒbt hĂ€tte“, polterte der Vater von Franz, „wenn Franz nur regelmĂ€ĂŸiger Klavier geĂŒbt hĂ€tte“, aber dem KlavierĂŒben hatte sich Franz, lang bevor er zu laufen begonnen hat, verwehrt, steif waren Franz seine Finger ĂŒber den weißen und schwarzen Tasten geworden, wenn man von ihm verlangt hat, irgendwelche - fĂŒr ihn nur mĂŒhsam zu lesende - Notenkombinationen ĂŒber - mit seinen steifen Fingern kaum spielbare - Tastenkombinationen in - den Vorstellungen seiner Lehrer entsprechende - KlĂ€nge zu verwandeln, aber dem KlavierĂŒben hat Franz nicht davonlaufen können, das hĂ€tte ihm sein Vater niemals erlaubt, vor dem KlavierĂŒben hat sich Franz auf die Toilette geflĂŒchtet, statt am Klavier zu sitzen und Sonaten zu ĂŒben, war Franz auf der Toilette gesessen und hat sich im Simulieren von MagenkrĂ€mpfen geĂŒbt, bis Franz es nicht mehr nötig gehabt hat, MagenkrĂ€mpfe zu simulieren, bis Franz sie tatsĂ€chlich gehabt hat, MagenkrĂ€mpfe gefolgt von laut aus ihm heraus spritzenden Durchfall, doch das war lange vor jenem Abend gewesen, der in die Nacht ĂŒberging, und an dem Franz zu laufen anfing, von alle dem war Franz nur eine dumpfe Erinnerung geblieben, und die MagenkrĂ€mpfe waren Franz geblieben, wenn Franz diese MagenkrĂ€mpfe zu plagen begannen, meist irgendwo unterwegs, meist in Situationen, in denen sich keine Toilette in der unmittelbaren NĂ€he befand, dann musste Franz so schnell wie möglich eine Toilette aufsuchen, die MagenkrĂ€mpfe kamen ganz plötzlich, und sie waren genauso plötzlich wieder vorĂŒber, sie kamen, ohne dass Franz ans KlavierĂŒben dachte, sie hatten sich völlig von der Situation losgelöst, in der sie Franz das erste Mal herbeigesehnt hatte, wie des Zauberlehrlings gespaltener Besen unterwarfen sich auch die von Franz selbst evozierten MagenkrĂ€mpfe nicht dem, der sie in die Welt gebracht hat, aber Klavier spielen musste Franz zu dem Zeitpunkt, zu dem er zu laufen begann, schon lange nicht mehr, auch wenn es die Mutter immer noch mit Bedauern bemerkte, artikuliert durch ein immer wieder kehrendes Seufzen und die darauf folgende Phrase: „du nimmst dir etwas vom Leben“, wĂ€hrend der Vater nicht mĂŒde wurde zu betonen, was fĂŒr eine Schande es war, als eine persönliche Niederlage betrachtete der Vater von Franz die Tatsache, dass sich Franz dem Klavierspielen entzogen hatte, dass sich Franz dem Willen seines Vater widersetzt hat, wo doch der Vater nur das Beste wollte fĂŒr seinen Sohn, denn schließlich besaß Franz ein so großes Talent, das Talent zu einem Konzertpianisten vielleicht sogar, „der“ seine Frau niemals gewesen war, seine Frau war nur Mutter gewesen und Klavierlehrerin in spĂ€teren Tagen, aber ihr Sohn, der hĂ€tte das Zeug dazu gehabt, aber auch vor diesen, seine vermeintliche MusikalitĂ€t beschwörenden

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