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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Russische Seele
Eingestellt am 01. 08. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
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Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Russische Seele
Fritz ist melancholisch! Ja, Fritz trĂ€gt tatsĂ€chlich jenen deutschesten aller Namen. „Fritz and Krauts“, eine alte Formel fĂŒr das Deutschtum schlecht hin, hatte etwas mit ihm zu tun. Nein, er ist nicht begeistert darĂŒber, daß seine Eltern ihm diesen Namen gegeben haben; aber sein Großvater hieß nun mal so und seit es in seiner Geburtsurkunde steht heißt auch er offiziell Gottfried, kurz Fritz. Seit seiner Taufe ist er sogar ein rheinisch-katholischer Fritz, aber das macht es auch nicht schlimmer. Seinen Frieden mit Gott zu machen hat ja auch seine Vorteile. FĂŒr gewöhnlich steht man ja erst kurz vor dem Ableben vor dieser Aufgabe, aber da kann es ja sicher nicht schaden, wenn man die Erledigung der Aufgabe schon im Namen trĂ€gt. Jedenfalls ist Fritz heute melancholisch. Es hat mit dem Wetter zu tun, natĂŒrlich, aber auch mit der Erde und den Nachbarinnen; aber immer der Reihe nach. Es ist Sommer. FĂŒr den westlichsten Zipfel von Deutschland sogar ein relativ guter. Deshalb ist auch die Ernte ĂŒppig und gar nicht so deutsch wie die Erde oder sein Name. Die Zeiten Ă€ndern sich und mit ihnen der Geschmack der Menschen, auch der Deutschen. Fritz hat geerntet, unmittelbar nach dem Sommergewitter. Schon nach fĂŒnf Minuten Regen war die Luft voller Erdgeruch. Außerdem schluckte der Regen die WĂ€rme, es wurde angenehm. Kaum war es trocken und der Himmel ließ am Horizont blaue Fetzen erkennen, machte Fritz sich an die Ernte. Ganz deutsch fing er an: Kartoffeln, Kohl, Kohlrabi, Zwiebeln, Möhren. Doch auch Tomaten dann, Zuchini, Majoran, Thymian, Basilikum, Liebstöckel, Bohnenkraut. Morgen kauft er eine ordentliche Beinscheibe und dann gibt es eine herrliche „Quer-durch-den-Garten“ oder neudeutsch „Minestrone“. Wahrscheinlich reichen die KrĂ€uter auch noch fĂŒr eine Pesto; schöne GrĂŒĂŸe vom Mittelmeer. Das Fahrrad trĂ€gt Fritz nach Hause. Die Ernte macht Durst. Fritz hat den Durst gelöscht, kaum daß er die Scholle verlassen hatte. Nicht nur Deutsch hat er den Durst gelöscht, sogar bayrisch, mit Weißbier. Nein, ich gebe Fritz recht, im Sommer, wenn man Durst hat und ein KulturgetrĂ€nk zu sich nehmen will, dann gibt es neben Weißbier nicht sehr viele Alternativen. Jedenfalls hat es an dem alten Holztisch unter der Laube sehr gut geschmeckt. Die erste Flasche und die zweite auch. Und weil kurz nach der Ernte schon der nĂ€chste Regenschauer kam und er eh warten mußte, hat er dann auch noch einen Wodka dazu genommen, denn der ist gut fĂŒr die Seele, auch fĂŒr die deutsche. Jetzt ist es gut, daß das Fahrrad Fritz trĂ€gt, denn die Ernte wiegt und eine gepflegte Seele alleine bringt die Ernte nicht ein. Auch bleibt dem Fritz so Zeit zum trĂ€umen auf dem Heimweg. Der Kontakt mit der Erde und ihren FrĂŒchten pflanzt in ihm nĂ€mlich immer so ein GefĂŒhl, daß er ans TrĂ€umen kommt. Nichts konkretes trĂ€umt er, es ist mehr so ein GefĂŒhl, das sich in ihm breit macht. So eine Mischung aus Heimat und Sehnsucht und Zufriedenheit und Optimismus und Vergangenheitsschmerz. Es ist eine sĂŒĂŸe Melancholie.
Ausgerechnet jetzt, da er mit diesem GefĂŒhl nach Hause kommt und seine vegetablen SchĂ€tze in der KĂŒche ausbreitet, sogar ein paar Sonnenblumen sind dabei, hört er in der NĂ€he einen weiblichen Gesang. Er öffnet das Fenster und lauscht. Es kommt aus der Wohnung der Nachbarn, von den Russen. Die MĂ€nner sind, wie so oft, wahrscheinlich nicht da, denn er hört nur die Stimmen der Frauen. Die singen laut und wehmĂŒtig. Fritz glaubt die Sehnsucht nach der Heimat zu hören, auch wenn es keines der slawischen Wörter versteht. Drei verschiedene Stimmen hört er heraus, wĂ€hrend er am Fenster steht und lauscht. Dann ist das Lied zu Ende und die Frauen lachen und sprechen ein wenig. Dann klingt ein anderes Lied an. Versonnen steht Fritz am Fenster und hört zu und seufzt. Die singenden Russinnen, wie Nahrung fĂŒr seine Melancholie. Schließlich ist es unertrĂ€glich schön. Er schnappt sich die Wodkaflasche aus dem KĂŒhlfach und geht die Treppe hinunter. An der Wohnung der Russen hĂ€lt er an und drĂŒckt nach einer Sekunde des Zögerns auf die Klingel. Das Singen verstummt. Dann erscheint die Russin, deren Name an der Klingel steht, an der TĂŒr, die sie scheu nur einen Spalt weit öffnet. Fragend sieht sie Fritz an. „Doswedanje,“, radebrechert Fritz, „ich höre ihrem Gesang schon eine Weile zu und ich dachte mir, sie hĂ€tten vielleicht ein bißchen Durst von der Singerei.“ Damit schwenkt er die Wodkaflasche in Augenhöhe. Hinter der Nachbarin tauchen jetzt noch zwei weitere neugierige Gesichter auf und es kommt zu einer kurzen, Fritz unverstĂ€ndlichen, Diskussion. Dann öffnet die Nachbarin die TĂŒr und macht eine einladende Handbewegung. Fritz geht mit den Frauen zusammen in die KĂŒche. Dort sieht es anders aus, als seine harmonie- und klischeesĂŒchtige Melancholie es ihm in den Kopf gesetzt hat. Er hatte einen KĂŒchentisch voller Lebensmittel erwartet, doch auf dem Tisch stehen nur Aschenbecher mit ausgedrĂŒckten Zigarettenstummeln darin. Fritz setzt sich auf den angewiesenen Platz und zwei Frauen setzen sich ebenfalls an den Tisch. Die Hausfrau holt GlĂ€ser aus dem Schrank. Auch dieser entspricht nicht Fritz' Idealvorstellungen: Kunststoff statt Holz. Die GlĂ€ser kommen klirrend auf dem Tisch zu stehen und Fritz fĂŒllt sie. Die Frauen lachen. Nur die Nachbarin versteht ein bißchen Deutsch, ihre beiden Freundinnen sind auf ihre Übersetzungen angewiesen, wenn Fritz etwas sagt. Fritz lobt den Gesang wĂ€hrend er einschenkt und obwohl alle am Tisch sitzenden Personen das dreißigste Lebensjahr noch nicht vollendet haben dĂŒrften, kommt Fritz die Szene sehr alt, sehr archaisch vor. Fritz hebt sein Glas. „Nastrowje“, ruft er heiter. Die Frauen stimmen ein, die GlĂ€ser werden geleert und Fritz schenkt nach.
SpĂ€ter weiß er nicht mehr, wie oft das so ging. Nach einer Weile haben die Frauen jedenfalls wieder gesungen und die Nachbarin hat ihm von der russischen Heimat erzĂ€hlt. Sie seien Deutsche, natĂŒrlich, aber ihre Wurzeln hĂ€tten sich in russischer Erde gebildet. Ob er das verstehen könne, wollte die Frau von ihm wissen. Fritz bejahte ohne einen Moment des Zögerns. Wenn er das verstehen konnte, dann heute, wo die Luft noch voll vom Geruch der feuchten Erde war und an seinen Fingern noch das Aroma der geernteten KrĂ€uter haftete. Die Frauen schienen froh ĂŒber seine Antwort zu sein, denn sie lĂ€chelten. Erst die Nachbarin und nach der Übersetzung auch die beiden anderen. Wieder wurde gesungen und getrunken, schließlich auch getanzt. Zwischendurch gab es Schmalzbrote und irgendwann lag die Flasche offen auf dem Tisch. Nach dem Regen des Tages kroch nun am Abend die Hitze wieder aus dem Boden und nicht nur in Fritz Kopf wurde es schwĂŒl. Eine sexuelle Spannung kam auf. Die Frauen kicherten und Fritz bemĂŒhte sich um Haltung. Dann reißt der Erinnerungsfaden ab.
Jetzt liegt Fritz auf seinem Sofa. Draußen ist es hell und heiß. Fritz hat Kopfweh und keine Ahnung, wie er in seine Wohnung gekommen ist. Er denkt an die Russinnen und fragt sich, was er wohl alles nicht weiß von ihnen und von der letzten Nacht. Dann schleppt er sich ins Bad und nimmt ein deutsches Aspirin und spĂŒlt es mit viel Wasser aus den französischen Alpen runter. Er nimmt die Flasche mit und stellt sie neben das Sofa, auf das er sich wieder legt. Dann denkt er noch, daß er trotz seines so deutschen Namens eine russische Seele hat und schlĂ€ft ein.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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