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Leselupe.de > ErzÀhlungen
SPIEGELSCHRIFT Zweites Kapitel
Eingestellt am 28. 10. 2003 16:52


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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

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Heute rufe ich Phil an, einfach so, ohne Anlass. Das ist nicht meine Art, wichtige GrĂŒnde sprechen gewöhnlich dagegen: das Risiko ihn zu stören, zu ĂŒberfordern, ihm nichts zu sagen zu haben - doch heute ist ein besonderer Tag: ich kann ihm von einer mysteriösen TangotĂ€nzerin erzĂ€hlen, die er wahrscheinlich sofort in seinen neuen Krimi integrieren wird. Phil schreibt Krimis, die er nur mir zeigt. Sie sind voller phantastischer Verwicklungen und blĂŒhender Bilder.
Er beißt auch sofort an, will mehr wissen, will sich mit mir verabreden: Übermorgen im FlĂšche d'Or, einer Kneipe hinter dem PĂšre-Lachaise-Friedhof. Dann werde ich ihm den Abend im Tangolokal schildern können:
"HaydĂ©e und ich haben Wange an Wange getanzt. Sie hat ihren Oberkörper an meinen gelehnt und ihn mit sanftem Druck ĂŒber die TanzflĂ€che bewegt."
Ihre Knie streiften meine tastenden Beine. Ich schloss die Augen und hörte auf zu denken, was mir erst bewusst wurde, als wir voneinander gelöst am Tresen standen. HaydĂ©e sah mich an und sagte: "Wie schön Sie sind, Anna!" Sie sagte es so selbstverstĂ€ndlich, als wĂŒrde sie einen messbaren Tatbestand ausdrĂŒcken, oder eine von allen geteilte Ansicht, etwa: Wie schön die Sonne scheint!
***

Der schielende Wirt gesellt sich an den Tisch, an dem ich allein unter dem Lokomotivenschrott sitze, der hier im FlĂšche d'Or als Dekor von der Decke herunterhĂ€ngt. Weil er mich noch nicht kennt, will er wissen, wer ich bin, will es dann aber doch nicht wissen, auch wenn ich immer gern versuche, auf diese Frage zu antworten, sondern erzĂ€hlt mir von seiner Kneipe – ein ehemaliger Bahnhof, und heute, bitte! keine Szene- sondern Stadtteilkneipe – und ihren GĂ€sten, Leute mit rosa und grĂŒn gefĂ€rbten Haaren, einfache Leute aus dem Viertel, betont der Wirt, und keine KĂŒnstler- oder Möchtegern-KĂŒnstler, keine Insider oder Outsider, was auf dasselbe herauskommt. Stolz deutet der Wirt auf eine Clocharde, die mit einer PlastiktĂŒte in der Hand wie eine dusselige TraumtĂ€nzerin durch die ehemalige Bahnhofshalle schlurft: "Sie kommt jeden Tag", sagt er, und sie ist aus dem Viertel.

Die Halle sieht so aus, als wĂŒrde Phil sie niemals durchqueren, und es leuchtet ein, daß er sie in der Tat nie durchqueren wird. Jedenfalls nicht in ihrer gegenwĂ€rtigen Form. Denn sein Auftritt wird sie in eine andere verwandeln – besser gesagt in ihr Gegenteil: Diese Halle ohne Phil ist das Gegenteil dieser Halle mit Phil. Eine Verwandlung, die ich mir immer weniger vorstellen kann, je mehr Minuten vergehen, auch wenn ich aus Erfahrung weiß, daß Phil immer zu spĂ€t, aber nie nicht kommt.

Doch nach dem alltÀglichen Erscheinen der Clocharde
kippt
tatsÀchlich lokal
die Welt um.
Phil kommt durch die Halle geschossen, seinen besorgten Blick auf mich gerichtet, er ĂŒberholt die Clocharde, zieht sich einen Stuhl her. Er ist außer Atem. Der Wirt zwinkert mir schielend zu und geht davon, Phil holt Luft fĂŒr die Schilderung der Abenteuer, die ihn am PĂŒnktlichsein gehindert haben. Sie hören sich an wie seine Krimiszenen: Verfolgungsjagden im Taxi, der Fahrer ein Psychopath, die um den Triumphbogen rasenden Autos eine Meute Pitbulls.
Ich lache auch ĂŒber eher klischeehafte Bilder.
Nun bin ich dran – der Abend mit HaydĂ©e. Ich versuche, Phil zu ĂŒbertreffen: "Paare, die im schummrigen Licht ineinander verfließen", "schwere rote SamtvorhĂ€nge", "schimmernde Fenster", HaydĂ©es "leichte Hand auf meiner Schulter", genau da schiebt sich die behaarte Pranke des FlĂšche d'Or-Wirtes auf den Holztisch vor mir, er hat sich zwischen uns beiden aufgestĂŒtzt, den Kopf hat er in meine Richtung gedreht, schielend blickt er auf meine Ohren.
"Ein Bier", sagt Phil zu dem RĂŒcken des Wirts.
"FĂŒr mich auch", sage ich, und sehe dabei Phil an, weil ich den Blick des Wirtes nicht finden kann. Der Wirt schnaubt und verschwindet.

Phil klopft mit mĂ€nnlich-energischer Geste seine Zigarette auf den Tisch - er raucht Camel ohne Filter wie seine Krimihelden und wie der Held seines Vorbilds Raymond Chandler. Zumindest glaube ich, daß auch Chandlers Held Camel ohne Filter raucht, vielleicht bilde ich mir das aber nur ein. Vielleicht bildet auch Phil sich das nur ein, vielleicht raucht der Held etwas ganz anderes, und beide haben wir Chandler falsch verstanden.
"Und dann?" fragt Phil, und ich lege erst richtig los: "Beine, die sich ineinander schlingen", "tragische Senkrechtfalten auf tanzenden Gesichtern ", "wehmĂŒtige Musik".
Zum Beispiel: "Mi noche triste". HaydĂ©e hat mir den Text auf ein Blatt Papier geschrieben: Der Spiegel ganz beschlagen, selbst er weint, weil die Geliebte den Mann nicht mehr liebt. Die schweigende Gitarre, nichts mehr bringt ihre Saiten zum Schwingen, seit die Frau gegangen ist. Und die Straßenlampen im ganzen Stadtviertel. Haben ihre Abwesenheit bemerkt und sind zu traurig, um die traurige Nacht des Verlassenen zu erhellen. Und das mußt du erstmal auf spanisch hören.

"Voilà", dröhnt der Wirt. Krachend stellt er die BierglÀser vor uns ab.
"Hast du getanzt, Anna?" Phil sieht mich mit glÀnzenden Augen an, und der Wirt entfernt sich mit lauten, enttÀuschten Schritten.
"Ja. HaydĂ©e hat sich zu mir hingedreht und gesagt: Sollen wir? Ich bin der Mann, Sie schließen die Augen und lassen sich fĂŒhren. Denken Sie an nichts."
"Und?" Mißtrauischer Unterton. Ich verstehe ihn. Ich sage das, was einem sowieso niemand glaubt: "Meine Beine haben sich wie von selbst bewegt."
Ich frage: "Hast du nicht Lust, es zu lernen?"
Er entsetzt: "Ohne mich."
Ich lache, und der Wirt wirft uns quer durch den Raum seinen schielenden Blick zu.


__________________
Nina Trebesi

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo nina trebesi,

nun verspricht es, interessant zu werden. stil und athmosphÀre gefallen mir gut.
allerdings habe ich noch probleme mit einigen einzelheiten. mag sein, dass sich alles im weiteren verlauf in wohlgefallen auflöst (wÀre zu schön), aber momentan fielen mir einige dinge ins auge. nehmen wir mal den ersten abschnitt:

„

Heute rufe ich Phil an, obwohl es dazu keinen Anlass gibt. (sperrige formulierung; vielleicht besser:
Ohne offiziellen Anlaß rufe ich Phil an.)
Das ist nicht meine Art, wichtige GrĂŒnde sprechen gewöhnlich dagegen: das Risiko ,(ich glaube das komma ist optional; ich wĂŒrde es weglassen, denn es zerhackt den satz unnötig) ihn zu stören, zu ĂŒberfordern, ihm nichts zu sagen zu haben - doch heute ist ein besonderer Tag , : und ich kann ihm von einer mysteriösen TangotĂ€nzerin erzĂ€hlen, die er wahrscheinlich sofort in seinen Krimi integrieren wird.


Phil schreibt Krimis voller phantastischer Verwicklungen und blĂŒhender Bilder, die er nur mir zeigt .(oh, finde ich unglĂŒcklich. der leser „sieht“ die verbindung bilder – zeigen. es dauert eine weile, bis klar wird, dass sich die bilder auf den inhalt, und das zeigen auf den text des krimis beziehen)
Er beißt auch sofort an, will mehr wissen, will sich mit mir verabreden: Übermorgen im FlĂšche d'Or, einer Kneipe hinter dem PĂšre-Lachaise-Friedhof. Dann werde ich ihm den Abend im Tangolokal schildern können:
"HaydĂ©e und ich haben Wange an Wange getanzt. Sie hat ihren Oberkörper an meinen gelehnt und hat ihn mit sanftem Druck ĂŒber die TanzflĂ€che bewegt ." warum lĂ€ĂŸt du hier die zukunftige aussage deiner prot enden, wo du danach doch den weiteren ablauf des abends (teilweise?) weiter schilderst. denkt sie sich das nur, ist das fĂŒr phil (der ja mehr wissen will s.o.) nicht wichtig?
Ihre Knie (bin mir unsicher, aber wird der plural nicht kniee geschrieben? gesprochen wie knie, aber anders geschrieben?) streiften meine tastenden Beine (das bild der tastenden beine erschließt sich mir nicht). Ich schloss die Augen und hörte auf zu denken, was mir erst bewusst wurde, als wir voneinander gelöst am Tresen standen, HaydĂ©e mich ansah und zu mir sagte: Wie schön Sie sind, Anna! (wĂŒrde ich zwei sĂ€tze draus machen) Sie sagte es so selbstverstĂ€ndlich, als wĂŒrde sie einen messbaren Tatbestand ausdrĂŒcken, oder eine von allen geteilte Ansicht, etwa: Wie schön die Sonne scheint! (eine Ă€ußerst gelungene formulierung)
“

so, nun habe ich genug gemeckert. ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen; nichts ist sicher, alles intuitiv –deswegen keine garantie fĂŒr vollstĂ€ndig- und richtigkeit

viele grĂŒĂŸe

rainer (*irgendwann kaufe ich mir mal einen duden*)


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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Rainer!
Erstmal herzlichen Dank! Noch nie hat sich jemand so intensiv mit meinen Texten beschĂ€ftigt! Ich bin Dir wirklich sehr dankbar fĂŒr Deine wertvollen Anmerkungen. Das macht mir Lust, nochmal an dem Text zu arbeiten.
Zur Deiner Frage, warum ich die zukĂŒnftige Aussage der Protagonistin an dieser Stelle enden lasse: das war eigenlich nicht mein Ziel. Ich wollte eher darstellen, wie ein Ereignis schrittweise vom Erlebnis ĂŒber die ErzĂ€hlung zum Text wird. Denn einer der "Helden", ein Hauptthema dieser Geschichte ist die Schrift, das Schreiben. Die Hauptfiguren schreiben alle, verwechseln manchmal Wirklichkeit und Fiktion, wachsen aber auch dadurch, dass sie schreiben. Anna macht ihr Leben zur Fiktion. Hier ĂŒberlegt sie also, was sie Phil erzĂ€hlen wird - kaum hat sie etwas erlebt, ist es fĂŒr sie schon wichtig, wie sie's formulieren wird. Und dann wechsle ich in den Imperfekt, weil sie schon dabei ist, eine Geschichte aus diesem Abend mit HaydĂ©e zu machen.
Diese Lust am schreiben, am verdichten ist eine Bereicherung, aber zugleich auch eine Gefahr fĂŒr die Protagonisten, weil sie vor lauter TrĂ€umen und Ausmalen und Formulieren es nicht auf die Reihe kriegen oder es nicht wagen, gewisse Dinge wirklich zu leben.
Am Ende wird aber alles gut ausgehen und die Schreiberei wird sich als positiv fĂŒr die Hauptfiguren herausstellen.
Bis bald!
Nina Trebesi
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Nina Trebesi

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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
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P.S.
Aber klar: da nicht deutlich wird, was ich eigentlich erreichen wollte, muss ich mir an der besagten Stelle, was anderes ĂŒberlegen.
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Nina Trebesi

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Rainer
???
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nö, ĂŒberhaupt nicht.
wenn du diesen stil des verschwimmens von persönlicher rede und fiktionalem schreibtext (kann es nicht besser ausdrĂŒcken) ĂŒber den gesamte text beibehĂ€lst (vielleicht zur verstĂ€rkung absĂ€tze an der "bruchstelle" einbauen), ist das absolut in ordnung - mal ein ungewöhnliches, aber nicht "ĂŒberkandideltes" stilmitttel.

ich bleibe dabei, die weiteren teile interessieren mich sehr.
vielleicht wĂ€re es gĂŒnstiger, wenn du lĂ€ngere abschnitte (wir sind ja im erzĂ€hlungen-forum) posten wĂŒrdest. dann sind kongruenzen leichter "durchschaubar".

viele grĂŒĂŸe

rainer
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Yoanna
???
Registriert: May 2003

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Hallo Nina,
ich kann nur sagen, es gibt da ein paar herrliche Passagen, mal sehen, ob ich die jetzt quoten kann.
"will er wissen, wer ich bin, will es dann aber doch nicht wissen, auch wenn ich immer gern versuche, auf diese Frage zu antworten", schöön!
Dann die Sache mit der Halle: "Die Halle sieht so aus, als wĂŒrde Phil sie niemals durchqueren, und es leuchtet ein, daß er sie in der Tat nie durchqueren wird. Jedenfalls nicht in ihrer gegenwĂ€rtigen Form. Denn sein Auftritt wird sie in eine andere verwandeln – besser gesagt in ihr Gegenteil: Diese Halle ohne Phil ist das Gegenteil dieser Halle mit Phil. Eine Verwandlung, die ich mir immer weniger vorstellen kann,". Ich finde das subtil, fein und richtig spannend. Als danach dann die Welt umkippt, weil Phil kommt, da ist's perfekt.
Wow, wie geht das nu weiter?
Gruß,
Yoanna

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