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Leselupe.de > ErzÀhlungen
SPIEGELSCHRIFT, drittes Kapitel
Eingestellt am 30. 10. 2003 16:13


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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

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Als wir viele Stunden spÀter aus dem FlÚche d'Or kommen, regnet es. Wir nehmen ein Taxi.
Wir sitzen nebeneinander auf der weich gepolsterten RĂŒckbank, gelassenes Tuscheln aus dem Radio, ein wohlwollend schweigender Taxifahrer. Das Taxi gleitet langsam durch die regnerische Nacht, und ich sehe, wie die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos tiefe SĂ€ulen in den nassen Asphalt brennen.
Er legt nicht den Arm um mich, weil er denkt, ich wĂŒrde es banal finden, wenn er das macht, worauf ich hoffe.
Als das Taxi vor meinem Haus hĂ€lt, lĂ€sst er mich aussteigen, und nennt dem Taxifahrer seine Adresse. Weil er denkt, ich wĂŒrde es banal finden, wenn er...

***

"Und seitdem wartet Ihre Mutter auf seine RĂŒckkehr", murmelte HaydĂ©e in sich versunken.
Ich hatte ihr erzĂ€hlt, mein Vater sei in den Bergen abgestĂŒrzt, man habe aber seine Leiche nie gefunden.
"Aber nein. Meine Mutter hat nie daran gezweifelt, dass er tot ist."
Doch HaydĂ©e lĂ€chelte nur und sah den verschmelzenden Paaren nach, die an uns vorbeikreisten. Die schwermĂŒtige Musik hĂŒllte uns ein wie weiche Schneeflocken, dunkle, warme, weiche Flocken. Ich drehte mein Glas auf dem Tischchen hin und her. HaydĂ©e starrte nun auf dessen Wölbung wie eine Wahrsagerin auf ihre Kristallkugel. Ich wartete auf ein Orakel.
"Wissen Sie, dass ich Ihre Mutter sein könnte, Anna?" sagte sie schließlich.

***

Ich habe Phil gesagt, ich will, dass wir nur noch einfache Freunde sind, statt, wie er es anfangs Àngstlich definiert hatte, "Freunde mit ein bisschen mehr". Eine Entscheidung, die ich ganz plötzlich getroffen hatte, als er im Taxi davonfuhr, und von der ich auch wÀhrend der darauf folgenden Woche, in der er mich nicht angerufen hat (wahrscheinlich wegen "mi noche triste"Angst bekommen), nicht Abstand genommen habe.
Er hat mich groß angesehen und eingewilligt, und seitdem ruft er mich fast tĂ€glich an. Aber ins Tangolokal will er nicht mitkommen.
Auch Claire ruft mich seit Tagen an, doch nur, um unser geplantes Treffen immer wieder zu verschieben. Heute Abend muss sie noch recherchieren: Claire arbeitet fĂŒr eine intellektuelle Zeitschrift. Und die interessiert sich nun ausgerechnet fĂŒr einen Schriftsteller aus Buenos Aires, der ĂŒber Nacht verschwunden ist: nach Frankreich durchgebrannt, wird vermutet. Eduardo Arrojo heißt der Schriftsteller, einer dieser Namen, die zu HaydĂ©e passen wĂŒrden: Eduardo oder auch Juan Carlos, Raul oder Roberto, und ich stelle mir vor, wie Eduardo Arrojo nun bei HaydĂ©e untertaucht, HaydĂ©e, seine nie vergessene große Liebe...

***

"Vielleicht ist Eduardo Arrojo dein Vater", sagt Phil aus dem Telefonhörer. Diese blĂŒhende Fantasie! Bloß, weil ich ihm einmal erzĂ€hlt habe, mein Vater habe heimlich Geschichten geschrieben, bevor er aus unserem Leben verschwunden sei. Habe sie in einer Kiste im Keller gefunden...
"Er hat seine IdentitÀt geÀndert, einen anderen Namen angenommen, warum nicht Eduardo...", Phil ist schon wieder in seinem Krimi...
"Gehst du heute Abend wieder mit dieser Haydée aus?"
"Nein, heute habe ich nichts vor." Ich warte. 'Diese' Haydée...
"Bist du noch dran?" fragt Phils Stimme aus dem Hörer.
"Nein", sage ich albern.
Schweigen. Schließlich: "Ich kann mir unter dieser HaydĂ©e gar nichts vorstellen. Irgendwie hat sie kein Fleisch."
Fleisch. Na und? Muss ja nicht jeder Fleisch haben. Soll er ihr selber Fleisch geben.
Ich: "Vielleicht existiert sie nicht wirklich." Das Telefonat der Verneinungen.
Phil: "Genau das habe ich mich gefragt."
Ich: "Du musst sie eben mal kennen lernen. Sie brennt darauf, dich kennen zu lernen. Bestimmt denkt sie auch von dir, dass es dich nicht wirklich gibt. Sie sagt immer: GrĂŒĂŸen Sie mir den Freund, mit Betonung auf 'den', seit ich ihr gesagt haben, dass du nicht mein Freund bist, sondern ein Freund."
Phil: "Aha."
Ich warte.
"Bist du noch dran?" frage ich.
"Ja", sagt Phil.
Albern, das alles, albern. HinterlÀsst einen schalen Geschmack im Mund.
Ins Tangolokal will er auch heute nicht mit, wir haben zögerlich aufgelegt. Und was nun? Lesen, schreiben, kochen, telefonieren, aber mit wem? Oder mich ins CafĂ© setzen, immer dasselbe CafĂ©, wie HaydĂ©e, wie all die Leute, die immer im selben CafĂ© sitzen, obwohl sie gar nicht so aussehen, das beste Beispiel Claude, ein alter Freund von mir, wir sehen uns vier Mal im Jahr, frĂŒher waren es acht Mal, er ist Physikprofessor und hat eine Familie, und dennoch setzt er sich drei Mal pro Woche in dasselbe CafĂ© beim Jardin du Luxembourg, liest dort Thesen alter Griechen, die Welt als Scheibe, verknĂŒpft sie mit Erkenntnissen ĂŒber die KrĂŒmmung des Raum-Zeit-Kontinuums, verquickt das mit philosophischen Theorien aus allen Kulturkreisen, ist dann von all den Verquickungen und VerknĂŒpfungen ganz aufgewĂŒhlt, bewahrt nur durch strengste Routine die Fassung, bestellt immer Punkt fĂŒnf Uhr eine "Banane".
Anfangs dachte ich, "Banane" sei ein Fachausdruck des KĂŒchen-Jargons, die Bezeichnung fĂŒr etwas Wundervolles, doch Desillusion: Was jedes mal kommt, ist wirklich eine Banane, eine banale Banane, gelb mit braunen Flecken, gekrĂŒmmt auf einer weißen Untertasse.
Ich kenne Claudes Nummer noch auswendig, aus alten Zeiten, doch seine Frau ist dran, und im Hintergrund kreischen die Kinder.

***

Erst auf dem Metrobahnsteig entschied ich mich, doch in dieses Tangolokal zu gehen, eben allein, dort mit einer steilen, senkrechten Falte auf der Stirn zu tanzen und an nichts mehr zu denken. Meine Metro fuhr gleichzeitig mit dem Zug auf dem Gleis gegenĂŒber ein.
Beide ZĂŒge standen eng nebeneinander, mein hell erleuchteter Wagon setzte sich in dem des anderen Zuges fort, ich sah die Menschen im andern Wagon, greifbar nahe, als stĂŒnden wir im selben Raum. Da war ein junges MĂ€dchen mit frechem Lachen, ich sah ihre GrĂŒbchen, sie wirbelte beim Sprechen mit den HĂ€nden, sie trug ein kurzes nabelfreies Sonnentop, wie sie meist nur sehr junge MĂ€dchen tragen, ich sah wie ihr Mund lachend auf und zuging. Und dann war es, als wĂŒrde unser Raum mit einem Butter-Schneide-Draht in zwei HĂ€lften getrennt, und beide ZĂŒge fuhren in entgegen gesetzte Richtungen davon.

__________________
Nina Trebesi

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GabiSils
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Hallo, Nina,

ich möchte im Moment noch nichts "zerpflĂŒcken" - dieser Text muß als Gesamtes wirken, glaube ich. Die ErzĂ€hlung ist schon jetzt gut und kann "außergewöhnliche Spitzenklasse" (Zitat aus den Bewertungen) werden. Weiter machen

Gruß,
Gabi

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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Gabi!
Erstmal herzlichen Dank fĂŒr das Feed Back. Zu den Bewertungen, die Du ansprichst, wollte ich wissen: Gibt es denn eine Möglichkeit zu erfahren, was die Bewerter angeklickt haben? Die verschiedenen "Urteile" sagen ja durchaus etwas aus, und ich fĂ€nd's superinteressant zu erfahren, aus welchen Kritikpunkten oder Belobigungen so ein Balken entsteht!
Nina Trebesi
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Nina Trebesi

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