Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87759
Momentan online:
477 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Santiago
Eingestellt am 31. 07. 2005 13:25


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Beleth
Hobbydichter
Registriert: Jan 2001

Werke: 5
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Beleth eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Keine Zeit l├Ąhmt mich, wie diese. Nicht, wie ich es mir erhofft hatte, schnell, ist sie vergangen, sondern einem schweren, samtenen Schleier ├Ąhnlich auf mich herabgesunken. Ich winde mich darin und k├Ąmpfe mit seiner Schwere; sie lastet auf mir wie ein Fels und droht dennoch nicht, mich zu ersticken. Jetzt, in dieser Sekunde, in der ich mir der Bedrohung gewahr werde, erkenne ich ihre wahre Gr├Â├če und Macht; wer denn sonst hielte mich am Boden und in trauter Sicherheit vor der Gefahr der H├Âhe, denn ebendiese Zeit - die mich beruhigt und paralysiert, da├č es nur das - eine Rettung - f├╝r mich sein kann. Tage auch ist sie wie ein Schwert ├╝ber meinem Kopf, und ich bin ohne Sorge um mein Leben. Selbst kein Hoffen, es m├Âge fallen und mein Tod sein, umf├Ąngt mich - sondern nichts weiter als das Warten darauf, da├č ich endlich um seine Existenz vergesse, tr├Ągt meine Tage.

Und nach der Wut, die kurz ist und lebendig, die ich genie├če und vor mir ausbreite und ├Âffne wie ein Geschenk, das ich erhalte, steht wieder das Fallen, das Gewohnte, und ich empfange es, wie einen wohlbekannten Gast, bereits von weitem. Mit einem sanften Schwenken der Hand in der Luft, oder einem H├Ąndedruck, manchmal, setzen wir uns an den Tisch, bleiben nicht selten auch am Fenster stehen, gemeinsam, blicken ein wenig in den Nachthimmel mit den immergleichen Sternen, oder auch ins Blau des Tages durch zerfetzt ziehende Wolken, vielleicht auch ins Grau, das nicht mehr melancholisch macht, viel zu oft schon, viel zu vorhersehbar ist es, als da├č es noch in uns wirken k├Ânnte.

Kaum zu einer Bewegung f├Ąhig. Die dumpfe Ahnung des kommenden Schmerzes in den Gliedern. So viel zu tun, und doch, selbst M├╝hsal der Versuch, sich der baldigen Tr├Ąge zu erwehren; nichts getan, keine Kleinigkeiten, nicht das Wichtige, nichts davon. Was soll man tun, alles scheint ein Teil eines Teils des Kreises der alle Kraft gefangennimmt. Wie soll man sich der Schwere erwehren, die Geist und K├Ârper niederh├Ąlt?

Hier also bin ich angekommen, wie neben den Schienen, eine Station der Reise, und ich f├╝hle mich unbekannt in dieser Stille, die mich umschlie├čt, die sich an mich schmiegt und mich dr├Ąngt, zu bleiben - ich bin noch unentschlossen, z├Âgerlich, aber eine kleine Weile wohl kann ich hier verweilen, denke ich, mich noch ein wenig l├Ąnger umsehen, heimisch werden, wenn auch nicht zu sehr - den Abschied, bald, sicher bald, m├Âchte ich mir nicht allzu schwer machen, nichts darf ich liebgewinnen und nach keinem Ding in Sucht geraten - nicht hier, nicht an diesem Ort der doch nur Wegpunkt einer langen Reise ist.

---


Es ist bereits sp├Ąter Abend, ich sitze an meinem Tisch mit dem auf den Hinterhof gerichteten Ausblick, mit einer d├╝nnen Linie Stadt zwischen dem dunkelblau gef├Ąrbten Himmel und den letzten Fensterl├Âchern der H├Ąuserwand gegen├╝ber; ich sitze also auf meinem Stuhle, der mir Schmerzen im Genick bereitet mit der Zeit, und zerre schon eine ganze Weile an einer Zeichnung herum, das Blatt wird voller und voller doch es will mir nicht so recht gelingen, die Zeichnung zu beenden, einen letzten Strich finden, als ich, einen Augenblick den Kopf hebend um die kommende Steife meines Genicks zu vertreiben, aus dem Fenster sehe und mit pl├Âtzlichem Erstaunen feststelle, da├č das Weltenende gekommen scheint. Drau├čen ist es H├Âlle geworden, ganz still ist alles und doch regnet es brennenden Schwefel aus den Wolken herunter, er steckt die Stadt in Brand. Ich eile hinunter und vor das Haus mir das Spektakel anzusehn. Mittlerweile hat der Schwefelregen aufgeh├Ârt, stattdessen schl├Ągt mit gewaltigem Get├Âse brennendes Gestein vom Himmel herab, gewaltige Zerst├Ârungen hinterl├Ą├čt es. Es scheint doch nicht ganz so biblisch zu werden, denke ich bei mir. Die Menschen fliehen durch die Stra├čen, wie ein Bienenschwarm w├Ąlzen sie sich in einem w├╝sten Durcheinander, wohin sie nur fliehen, m├Âchte ich wissen. Einen von ihnen, es ist eine hysterische Frau, greife ich aus der Menge, beinah st├╝rzt sie und verletzt sich, ich packe sie, halte ihr Gesicht vor meines. Ihre Augen rollen hektisch, sie zappelt wie wild. Ich sch├╝ttle sie kr├Ąftig durch und fauche sie an - ich kann es wirklich nicht verstehn! "Warum flieht ihr? Und wohin; sag es mir doch! Wohin?!" Ein kr├Ąftiger Ruck, sie will entfliehen. Noch einmal br├╝lle ich sie an, doch der fiebrige K├Ârper w├╝rdigt mich keines Blickes. So wirr, wie sie ist. Was das nur soll? Ich lasse sie fallen und sie kriecht davon, dann rennt sie und verschwindet zwischen all den anderen Irren. Schlie├člich ist mir kurz, als kenne ich diese Frau doch; aber ich verwerfe den Gedanken schnell wieder, allzu peinlich ist es mir, selbst in dieser Lage, selbst Stunden oder Minuten vor dem Niedergang. - Nun wei├č ich es, mir kommt der Gedanke und ich bin ein wenig traurig, so sp├Ąt erst bin ich ├╝ber diese peinlich offensichtliche Tatsache gestolpert, aber sie selbst entschuldigt alles - ja, endlich wei├č ich es, ich bin wie sie, diese kindische Menge und schlimmer noch als sie, da ich es geleugnet habe; auch ich kann es nicht voneinander trennen, nur Augenblicke vor dem Tod bin ich noch immer sorgenvoll! Die Menge flieht, und ebenso ich, vor ihrer eigenen Dummheit, sie hat es doch auch erkannt, wie gleichg├╝ltig jedwedes Tun ist, wird es nur nah genug zum Ende hin vollf├╝hrt; w├Ąhlst du den Freitod und gedenkst, dich von einer Br├╝cke st├╝rzen, so tue es nicht nur einfach so - welche Verschwendung! Nimm jede Droge zu dir, die du finden kannst, verbrenne all deine Besitzt├╝mer auf offener Stra├če und tanze nackt um das wohl h├╝bsche Feuerchen und k├╝sse die verwunderte Gafferin, wenn sie dir gef├Ąllt, und noch eine, wenn sie von h├╝bschem Ansehn ist, und ihre Bekannte neben ihr, ja, die k├╝├čt du auch! Was denn gibt es zu verlieren? Und das ist noch die geringste aller M├Âglichkeiten. - Neben mir also f├Ąllt Vernichtung von Himmel, vom Leben sind nur wenige Jota geblieben und doch, ich z├Âgere, mir noch eines Weiber aus der panischen Menge zu nehmen und mir ihre Lippen und ihre Zunge zu stehlen! - Pah! Es ist wie immer - nur einer der Tr├Ąume. Ich wei├č nicht, ob ich ├╝berlebe im kostbar hei├čen Lavaregen. Ein kurzen Augenblick lang noch Verweilen.

Mit M├╝hen ├Âffne ich meine Augen und blicke in den bereits angebrochenen Tag. Ein Wind treibt den Schmutz durch die H├Ąuserschluchten, ich h├Âre es doch, oder ahne es zumindest. Ein Schleier liegt noch auf meinen Augen, vom Schlaf, er taucht den Raum in fahles Grau, man mag es nicht glauben, aber es ist doch alles zumindest ein wenig von Farbe, nur die Lider sind noch immer schwer und meine Arme und daran meine Hand, sie heben, den Schleier, das Grau verwischen. So auch alles andere; selbst etwas Einfaches wie das Sicherheben vom Schlaf ist mir zu einer ungeheuerlichen Tortur geworden, da├č nicht nur die Schw├Ąche meines K├Ârpers selbst, sondern ebenso die mich ├╝berrennende Erkenntnis meines Versagens ans Bett fesseln.

Wom├Âglich aber t├Ąusche ich mich auch, und alles ist wie immer; nichts ist schlechter geworden, keine Form hat sich gewandelt, sondern ist nur zu Stein geworden - aber dies bedeutet keinen Unterschied. Ein wenig w├Ąlze ich mich noch herum, dann schlie├člich erhebt sich auch der Stein; mit M├╝hen, aber stetig; ich setze meine nackten F├╝├če auf das kalte Holz des Bodens, erschaudere und zittere ein wenig vor der K├Ąlte des Zimmers und verfalle beinah wieder der Versuchung, mich in der kostbar gehorteten W├Ąrme meines Bettes zu verkriechen. Wieder kostet es einen im Grunde k├╝mmerlichen Anteil ├ťberwindung, die ich mit ein wenig M├╝he schlie├člich aufzubringen imstande bin. Es mag f├╝r die meisten Menschen zu einem Ritual geworden sein, diese Art der morgentlichen Herausforderung, des ersten Kampfes, des ersten R├╝stens f├╝r den weiteren, noch bevorstehenden andauernden Kampf des Tages; f├╝r mich aber ist es das nicht. Wom├Âglich sogar ist es die gr├Â├čte Schlacht bis zum n├Ąchsten Morgen, manchmal zumindest, nicht immer, aber seit einiger Zeit eben ist es beinah wie ein Zufall, da├č ich mich schlie├člich doch erhebe, und wie ein Wunder wenn nicht die Muskeln schmerzen und mir bis zum Abend einen grandiosen Kopfschmerz beschert haben werden. Alle diese Dinge sind zu einem Puzzle f├╝r mich geworden, welches jeden Morgen, obgleich doch bis zum Abend in wundervoller Meisterschaft zusammengesetzt, doch wieder in Scherben vor mir liegt und ein hohnvolles Lachen verbreitet, es m├Âge wieder gef├╝gt werden, spuckt es mich an, es habe doch noch immer nicht genug und auch das Zerspringen mache ihm Freude; das alles, dies Geschw├Ątz, bereitet mir M├╝hen und Anstrengung, jedes Gro├če, jedes Kleine, und sei es etwas triviales wie das Recken und Strecken der m├╝den Glieder nach der leidlich geruhten Nacht.

Aber nun da ich mich erhoben habe, kann alles ganz anders werden. Es kann ein Tag sein, der vor Leben nur so strotzt; Zeit, meine gro├če Liebe zu finden, nicht wahr, heute ist die lange Zeit verstrichen, welche es zu ertragen galt; und alles ist vor├╝ber und weggewischt was mich bislang davon zur├╝ckgehalten hat zu suchen, anstatt Tage und Tage darauf zu warten, endlich gefunden zu werden, ein Schatz zu sein, ein Teil der Rettung f├╝r beide. - Noch leicht im Besitz des Schlafes tappe ich durch meine W├Ąnde, auf meinen Fu├čballen, der Boden ist doch allzu kalt. Es mu├č besch├Ąmend aussehen, ein wenig zumindest, trotzdem bin ich froh, niemand sieht mich in dieser Lage, und ich mu├č mich nicht verstellen, die F├╝├če wom├Âglich ganz auf die K├Ąlte werfen und versuchen, keine Mine zu verziehen; vielleicht auch ein wenig kauzig wirken f├╝r die Frau in meinem Bett, w├Ąre sie da, und l├Ącheln, wenn sie liebevoll schmunzelt, sicherlich, es sind ja wirklich T├Ąnze die ich vollf├╝hre!

T├Ąnze, jeden Morgen.

Vor dem Spiegel im Bad, habe versucht, mich zu betrachten.

Wenn nun das Gesicht von der linken zu rechten Grenze streift, der beiden d├╝nnen Linien die es trennen, das Sehen von der grauen Wand dahinter, so ist es wohl ein Leichtes, seinen Kopf in diesem Zug, den man tut, zu wenden, die Aug├Ąpfel nicht l├Ąnger gesenkt zu belassen sondern einen weiteren Schritt zu wagen und zwischen diese Grenzen einzutauchen, die man voll von Feinden w├Ąhnte und die es, wie es schlie├člich offenbar wird, auch sind; und man schl├Ągt und straft sich selbst mit allen Kr├Ąften, sie d├╝rfen es nicht sein, die eigenen Feinde, und keine Angst bereiten, keine Flucht - sondern da├č es nur Trugbilder sind und Halluzinationen. - Meine Hand, mein Finger ber├╝hrt die Stirn.

Ich wusch mich.

Von drau├čen das Gepl├Ąrr der Stra├če.

In die K├╝che; Kaffee, jeden Morgen. Zu behaupten, man k├Ânne es 'sich freuen' nennen, ist kindisch; aber vielleicht kommt es diesem Gef├╝hl am n├Ąchsten - ich freue mich auf meinen Kaffee, und es ist ein Ritual - hei├čes Wasser aufsetzen, derweil den Filter auf die Tasse, das Pulver dosieren, noch ein wenig warten, die erste Zigarette des Tages, schlie├člich den feinen Schaum betrachten, wie er Kreise zieht, der Geruch, die Hitze, wenn ich das kochende Wasser in Dosen dar├╝bergie├če, so da├č der Filter nicht ├╝berl├Ąuft - ein Ritual, das ich brauche.

Der erste Schluck aus dem Pot verbr├╝ht mir, wie gew├Âhnlich, beinah Lippen und Zunge. Ich genie├če es dennoch, und der Kaffee weckt mich ein wenig weiter auf, auch wenn ich es mir nur einbilde, sicher, es ist vielleicht nur ein Signal f├╝r mich, die Tr├Ągheit zu vergessen; an meinen Herd gelehnt stehe ich, den dampfenden Pot in der linken und die Zigarette in der rechten Hand, und warte auf den Gedanken, was mit diesem Tage anzufangen sei. Ein Weile wandere ich in meinen W├Ąnden umher, in der K├╝che, dem engen Flur, der vollgestellt ist und zugepfropft mit M├╝ll und Wertvollem, ich ziehe daran vorbei, bleibe schlie├člich in dem Raum, der au├čer Bad und K├╝che alles f├╝r mich ist, am Fenster stehen. Aus dieser H├Âhe kann ich in den Hinterhof blicken und zwischen dem was der Himmel ist und dem roten Backsteinhaus gegen├╝ber liegt eine d├╝nne Flut D├Ącher; man sieht es ihnen an, wie sie die Furcht verbergen vor dem Schmutz der Stadt, dem Gestank und dem L├Ąrm, der wie ein Rauschen oder Brummen, wie ein Tinnitus unaufh├Ârlich in den Ohren klingt. Ich nehme einen Zug an der Zigarette und schweife durch das Graublau des Qualmes ├╝ber ebendiese D├Ącher, die Stadt, die nun mein Zuhause ist, und ich atme noch immer. Nur die Luft wird dichter und schwerer, ich huste laut, der Entschlu├č ist k├╝hn und ich ersticke fast an meiner K├╝hnheit; das Fenster ├Âffne ich trotz allem und lasse den Schwei├č der Stadt in meine R├Ąume, inhaliere tief den Sog. Die K├Ąlte und der Wind sind mir edle G├Ąste. Ich strecke ihnen meine Brust entgegen, meinen Kopf und lasse sie meinen K├Ârper streifen. Die D├Ącher, wie vom Himmel gefallen, sind die verbrannte Haut und branden durch das Fenster meiner W├Ąnde wie eine Horde Berserker und brechen ├╝ber mich herein, manchmal, wenn ich es wage den Blick auf ihre grimmigen Gesichter zu ertragen, die mich ansehen, die mich auslachen; doch meist ist alles, was sie tun, zu schweigen - sie verm├Âgen es zur Perfektion zu treiben, und selbst ich, der meint, das Schweigen wie sonst kein anderer zu beherrschen, ist ihnen an Beharrlichkeit und Kunst bis zur L├Ącherlichkeit unterlegen.

Ich wende mich vom Fenster schlie├člich ab und setze mich darunter auf den Boden, den R├╝cken an die Wand gelehnt, die Knie von meinen Armen umschlossen. Den Rauch der Zigarette und die k├╝mmerliche W├Ąrme des Zimmers dr├╝ckt der schon seit dem Morgen angestrengt w├╝tende Herbstwind nun endlich nach drau├čen. Ich friere, doch das Fenster lasse ich ge├Âffnet; ich bin bei dem Versuch h├Ąngengeblieben, das Rauchen trotz der K├Ąlte und des Beinahe-Sturmes zu genie├čen; zu Zittern beginne ich als ein B├Âe das Zimmer durchfegt und eine Zeichnung von der Wand rei├čt, sie einen Augenblick herumwirbelt und schlie├člich auf meinem Bette fallen l├Ą├čt. Jeden Zug den ich an meiner Zigarette tue, ist beharrlich und voll Stolz dem Wind zu trotzen, doch wie beinah alles, was ich tue, nicht ohne meinen eignen Spott und mein Gef├╝hl der L├Ącherlichkeit die all mein Tun und Lassen umgibt wie eine steinerne H├╝lle. Es w├Ąre wirklich zu theatralisch, wenn ich lachen w├╝rde, obgleich mir tats├Ąchlich danach ist, und ich mir vorstellte, ich s├Ąhe auf mich herab, wie ich selbst unter dem Fenster gekauert hocke und meine Heldentaten vollbringe - dem Winde trotzen, welche Gro├čtat!

Und wieder, der Wind flaut ab und es beruhigt sich, kommt mir die Frage in den Sinn, was anfangen mit dem Tage?

Die Zigarette aus dem Fenster.

Nach einigen weiteren Augenblicken stehe ich auf von meiner k├╝mmerlichen Lage. Mich ein wenig wieder den Zeichnungen widmen, auf meinem Tisch liegen sie verstreut, ├╝bereinander. Eine ganze Weile lang schon habe ich mich gescheut, auch nur an sie zu denken; es war mir niemals, als warteten auf mich, als wollten sie vollendet werden, manche von ihnen schienen es beinahe zu genie├čen, die Halbheit, Roheit aufzusaugen, um sie ihrem Wesen einzuverleiben und sich zu dem zu machen, von dem sie glaubten es zu sein. Was soll ich dabei tun? Ich kann sie nur zerst├Âren, die Tusche der Feder in meiner Hand w├╝rde wie ein Messer sein das ihren Leib zerrei├čt, nicht schneidet, das w├Ąre sauber - ich dagegen bin ein wahrlich schlechter Metzger. Also lasse ich ihren Frieden. Ich ziehe einige heraus aus dem Haufen, eine jede noch einmal begutachtend, lege ich sie schlie├člich in einen Karton den ich verschlie├če und unter mein Bett schiebe, zu den Anderen.

Aufblickend, das Papier auf dem Laken.

Ein Klischee von Sch├Ânheit, man vermag sich nicht davon loszurei├čen; ein geschwungener R├╝cken, Ebenma├č und ein Ideal an Gravitation wirkt auf das Haar, es verschmilzt und flie├čt mit der Haut zum Po und zu den Schenkeln vom Kopfe ab, der, abgewandt, mich dennoch anzusehen scheint; es ist niemand, niemand den ich kenne, im Karton ist noch Platz f├╝r dich, denke ich, dort wirst es gut haben, bei den anderen Kranken.

Den Rest der B├Âgen drehe ich, wieder an meinem Tisch angekommen, zwischen meinen H├Ąnden hin und her. Vorn die Linien, hinten Wei├če. Ich beneide sie. Einen Strich mehr noch zu den anderen, ein neuer Blick. Nichts ist anders, und die n├Ąchste Bewegung meiner Hand zerst├Ârt es ganz. Kein Versuch mehr. Nichts vergibt das Papier. - Eine neue Zigarette. - Noch einmal vor meinen Augen gewendet will es sich noch immer nicht b├Ąndigen lassen, ein wildes Tier und jedes Ringen mit ihm beginnt von Neuem und endet wie es immer endet; ich bestaune die Kraft der Anderen, pfl├╝cke ein wenig ihre Fr├╝chte und versuche deren Farbe zu kopieren, auf meinem eigenen Bild, und der Geschmack, dessen S├╝├če, dessen Bitterkeit in Gew├╝rz zu ├╝bersetzen und das verborgene Rezept niederzuschreiben. Manchmal gelingt es mir beinahe, das glaube ich, den Bruchteil eines Momentes meine ich ein jedes Rezept zu verstehen, in seiner Bl├╝te und den Sinn und den Mechanismus seiner Konstruktion; doch kaum mache ich den Versuch, auch nur einen Gedanken daran in Linie oder festes Wort zu wandeln, f├Ąllt alles in meinem Geiste zusammen wie ein Kartenhaus, als habe es nur auf ebendieses Signal meines ungeb├╝hrlich Versuches gewartet. - Er schreibt es nieder! H├Ârt ihr, Karten? Fallt zu Asche, fallt zu Tr├╝mmern!

Was ist dieser Tag, der an mir klebt wie jeder andere? F├Ąllt er mir nicht in den Scho├č, ein Geschenk, eine Gabe, die zu w├╝rdigen es meine Pflicht w├Ąre? Doch keinen Stempel tr├Ągt er, der ihn von den anderen unterschiede, der ein Zeichen w├Ąre, keinen Wert in seiner Dauer, dem Auf-, dem Untergehen der Sonne und dem Schnattern der Stra├če. So liegt er vor mir, schon ausgebreitet, immer leer in seiner F├╝lle, achtlos hingeworfen denke ich nicht im Traum daran, mich seiner anzunehmen. Was daran auch w├Ąre keine M├╝he, ihn wieder aufs Neue mit kostbarer Kraft zu f├╝ttern, ihm dabei zuzusehen, wie die Kreativiti├Ąt, nach der er d├╝rstet, in seinem Schlud verschwindet und vergeht - und sei es ein ganzes Fa├č! - wie Wein in einem Ozean.

Einem Rahmen gleich legt sich die Form der B├Âgen um die Stunden, modelliert sie zum Immergleichen, dem Flu├č der Stunden, die den Abend bringen, gem├Ąchlich. Meine Hand in ihrer Bewegung ist wie die Bahn eines aufgescheuchten Vogelschwarmes.

Ein Bild ├╝bersetzt in Worte:

    Mit einem Lidschlag sinkt die Erde
    In ihr dunkles Grab hinab
    Wie Blicke fliegen, fahren auf
    Und Lieder unter Donnergrollen
    Auch mir in sanfte Worte reichen

    Fahl nicht, grau flatternd, ha!
    Streich' dar├╝ber, so bleich zerrinnt
    Ein jedes Haar in meiner Hand
    Schon alle Tage, bleckt`s mich aus deinem
    Kahlen Auge an! Spuck's doch aus!

    Wie ist Wort aus deinem Munde
    Mir trautes Heim und Tod zugleich
    Schauderhaft, die dreigeteilten Lippen
    Und Zungen derer zwei, umschlingen
    Ziehen, rei├čen, f├╝hren, k├╝ssen mich

    Hier liegt es sanft, zur Hand bereit
    Papier, Papier! und keine Finger
    Keine Haut, nicht von Blut, nur hinunter
    Nur nicht Ger├Ąusch, kein Wind; Gewicht
    So f├Ąllst auch du auf dieses Dach hinab

---


Ich sehe auf die Uhr. Neun.

Endlich, nach einer Weile des Ringens, entschlie├če ich mich, ins ┬╗Alte Europa┬ź zu gehen. Ein Hin und Her des F├╝r und Wider, dann die seltene Sucht nach ein wenig Gesellschaft; so w├Ągt man ab und balanciert und h├Ąlt dem Pro zugute, die Gastwirtschaft sei genau in jener Entfernung gelegen, welche man ohne gr├Â├čeres Murren zu Fu├č zu gehen bereit ist, aber auch nicht in allzu geringer N├Ąhe, als da├č die Verlockung best├╝nde, mit dem auf dem Tresen aufgeschlagenen Kopf noch an Ort und Stelle zu ├╝bernachten. F├╝r ein Kontra findet man ebenso Gr├╝nde, doch argumentiert man richtigerweise, da├č es daf├╝r bereits zu sp├Ąt sei.

Den Mantel werfe ich mir noch ├╝ber und das Geld stecke ich in eine seiner Taschen, schon bin ich beinahe aus der Wohnung hinaus; ich halte inne, die Hand am Rahmen der T├╝r. - Mein Bild im Spiegel des Flures.

Die Stufen hinunter, nichts spricht zu mir, die knarrenden, schwarzen Stufen, ihr Kontrast zur blasswei├čen Wand, und ich versuche, kein Ger├Ąusch zu machen, doch jeder Schritt ist L├Ąrm, wie sanft ich auch bin, jede Wohnungst├╝r auf dem Weg nach unten h├Ârt das Wage in meinen F├╝├čen, das vergebliche Bem├╝hen um Stille erst macht meine Flucht so offensichtlich. - Die alte Frau Hennig mit ihrem kleinen K├Âter gegen├╝ber, das laute junge Ehepaar, die ganzen Namen an den T├╝rschildern h├Âren mich wenn sie hinter ihren T├╝ren lauschen. Drei Stockwerke lang ein Spie├črutenlauf.

Unten angekommen, wie ein Dieb der ich bin, eile durch den letzten Flur, rechts, die Haust├╝r, Milchglas und dahinter die Lichter der Stra├če. Mit einem Schnappen f├Ąllt sie hinter mir zu. - Stadt. Lichterl├Ąrm.

Hier enden die Mauern nicht. Gegen├╝ber, der kleine Laden mit Schreibwaren, der kr├Ąnkliche Stehimbi├č, ein Neonschein taucht ihn in Fahlheit hinter den bunt beklebten Scheiben, wer steht da noch an einem der Tische, mit einem Kaffee, Zigarette und hinter dem Tresen der st├Ąmmige Besitzer mit Bart, zu einem lauen Schw├Ątzchen. - Oh, die K├╝hle! K├Ânnte ich sie immer bei mir haben. Die Stra├če hinunter, die sperrenden W├Ąnde ziehen an mir vor├╝ber, als st├╝nde ich still und nur die Welt bewegte sich. Wind, k├╝hl, durch mein Haar. Und die Fenster in der imperfekten Dunkelheit, die Stadtnacht, sind nur grau, erleuchtet manchmal, triefen ihr Licht auf mich herunter. Man kann keine Sterne sehen. - Dort, doch; Sirius, ein wenig verlassen und nutzlos.

Zweihundert Meter geradeaus, dann rechts noch ein wenig weiter, an den Hinterh├Âfen vorbei mit den Drahtz├Ąunen und den mannshohen Hecken, eingewachsen, den beiden Toren darin und darauf die Warnung vor dem Hunde. Schon in Sichtweite die kleine Gasse, ├╝ber die Stra├če, links hinein und zwischen den engen H├Ąusern durchgeschlichen. Kaum zu denken, da├č es noch dunkler werden kann. Wie es sich ├╝ber mir auft├╝rmt. Fallt doch zusammen; ich bin euer Pharao und ihr das Rote Meer. Und das alles, Schreckgestalten hinter den M├╝lltonnen lauern, nicht vorn in meiner Sicht, nur im R├╝cken, und kratzen eine blutige Spur, ganz pl├Âtzlich, in meinen R├╝cken. Es ist doch nicht der Schmerz, nur der Schreck und nur das Ungewisse, das mich f├╝rchten macht. Das wi├čt ihr wohl, das wi├čt ihr, nat├╝rlich. Ein Kind, das bin ich nicht; und ein sp├Ąter Hund der Hinterh├Âfe bellt, ich fauche, aufgeschrocken, Still!, und zornig, K├Âter! Aber weiter, weiter, nur nicht innehalten, hinaus aus der Gasse, eine n├Ąchste Stra├če erwartet mich schon, schr├Ąg links, und wieder alle H├Ąuserw├Ąnde ├╝ber mir, eingepfercht dazwischen, B├Ąume, ihren Klecks Erde umrahmen Pflastersteine, wie an einer Linie folgen sie der Stra├če. Darum, dahinter, man mag es nicht glauben, Menschen auf den Gehwegen, den Stra├čen, wie hingeworfen, hier und da, wom├Âglich ist es genau so, jemand hat sie tats├Ąchlich hingeworfen, oder ausgesetzt wie Hunde, wer wei├č das schon.

Wieder der Wind, wieder das Rauschen der B├Ąume ├╝ber mir, um mich zieht K├Ąlte. Den Kragen hochklappen, gleich, wie l├Ącherlich es wirkt. Die Finger klamm, und die Haut um die Knochen z├Ąh und schlaff. Als ich meine Hand in die Manteltasche stecke, finde ich einen Zettel. Im ersten Moment bin ich verdutzt und gespannt, doch noch bevor ich ihn, in das Licht eines beleuchteten Hauseinganges getreten, ganz entfalte, wei├č ich, was auf ihm geschrieben steht. Ich hatte ihn vergessen, doch jetzt ist er da. Eine Sekunde noch halte ich ihn halb ge├Âffnet, dann verberge ich ihn wieder im Dunkel der Tasche. Man be├Ąugt mich skeptisch, eine junge Frau tritt aus der T├╝r heraus, streift an mir vorbei auf die Stra├če, und ich bleibe starr, noch einen Augenblick l├Ąnger, was sie wohl glaubt das ich tue, aus dem Augenwinkel sieht sie mich kurz an, flieht weiter w├Ąhrenddessen und auch ich mache mich wieder auf den Weg, einige Sekunden sp├Ąter; h├Ątte ich noch ein wenig l├Ąnger warten sollen, nur wenige Meter trennen mich von der Unbekannten, wir, ein St├╝ck auf dem selben Weg. Wom├Âglich wird ihr mulmig, denke ich, und bremse meine Schritte, mit mir in ihrem R├╝cken ist es doch kein sch├Ânes Gehen oder vielleicht auch habe nur ich die Angst, vor ihr.

Auf den letzten Metern, immer, schr├Ąg durch den kleinen Park, setze ich mich auf die kleine Bank vor den B├╝schen, neben der jungen Buche, auch dieses mal, und der Weg davor f├╝hrt beinahe direkt vor das "Alte Europa", ich kann es doch schon sehen, nicht weit, der kleine, leicht gebogene, rotleuchtende Schriftzug ├╝ber der Eingangst├╝r l├Ąchelt mich bereits an und es ist, als wolle ich ihn noch ein wenig necken, ihm spotten indem ich mich niederlasse so kurz vor dem Ziel, doch er bleibt dabei so liebensw├╝rdig und unb├Ąndig freundlich, so penetrant und unbeweglich, da├č mir sein Anblick f├╝r diese kurzen Minuten - eine Zigarette nur - unertr├Ąglich ist.

Zuhause, auf meiner Bank.

Ein Bild k├Ânnte es sein: Blaudunstschwaden, kl├Ągliches Zittern, mit Ellenbogen auf den Knien, krummer R├╝cken; Hochformat, den Kopf in der Mitte und der Blick von hinten darauf, der R├╝cken; der R├╝cken, und ein wenig eben von dem Rauch der Zigarette nach rechts aus dem Bild, und das Aufsteigen der Bankr├╝ckenlehne, kommend vom selben Rechts, durchschneidet es den Menschen beinah, bis hinauf zum Drittel der H├Ąlfte; und unscheinbar prangt, nein, schimmert das Rot der Zeichen die die Worte bilden - gerahmt, alles, wie ein Sturm, wie ein Wind und die Luft, die Bl├Ątter der Buchen, die Nacht, verschmolzen, wie Schatten und Dunkelheit.

Zeichen, zu einem Wort.

R├╝ckt der letzte Zug n├Ąher; ich fasse die Zigarette zwischen den Spitzen von Daumen und Zeigefinger, noch dieser Zug eben, dann lasse ich den Stummel vor mir fallen. Der Schuh dr├╝ckt ihn aus, als ich mich, von der eigenen Entschlu├čkraft entsetzt, erhebe, den R├╝cken vom Schmutz putze und die letzten Meter nehme wie nichts. Von hier aus ist es doch ein Leichtes, nur jeden Schritt, jeden Windsto├č fangen, die letzte Stra├če ├╝berqueren. K├╝mmerliche Meter nur noch, vor mir, an der H├Ąuserwand entlang, noch ein wenig mehr B├╝rgersteig flieht unter meinen F├╝├čen davon; hier, und so liegt sie endlich vor mir, die torbogenf├Ârmige Pforte und dahinter die Treppe, die wenigen Stufen hinauf ins "Alte Europa", dann rechts noch eine T├╝r, weit ist es nicht.

Weit ist es nicht; und obgleich jede Stufe nach oben an mir zieht mit einer Last von hundert Menschenk├Ârpern, ist es dennoch leichter mit jedem Schritt, mit jedem Zentimeter H├Âhe, den ich nehme, und die T├╝r in die Gaststube ├Âffne ich beinahe ohne Kraft, beinah ohne Scham.

Ich schreite wie durch eine Wand, hinein in die W├Ąrme und die zarte Bl├Ąue des Raumes, sehe mich um; ├╝berm├Ą├čig voll ist es nicht, das ist es niemals, aber dennoch nicht leer genug, als da├č man sich allein oder verloren vorkommen m├╝├čte, links am gro├čen Tisch, niemand, rechts, ein wenig Gewimmel, Gemurmel in den Nischen. Es ist angenehm, und ruhig wie beinahe immer.

Die Bar ist f├╝r mich, Elisabeth dahinter begr├╝├čt mich mit vertrautem L├Ącheln; mein Mantel geh├Ąngt neben der T├╝r. Was ich als erstes tue, noch bevor ich mich auf einen der allesamt leeren Hocker setze, zurechtger├╝ckt - das Rauchzeug auf den Tresen. Erst jetzt erwidere ich Elisabeths Gru├č, und mein Gesicht kommt einem L├Ącheln ganz nah: "Hallo", sage ich, ein wenig leise und vermummt, meine Hand schon an den Zigaretten. Sie tritt zu mir her├╝ber und wie sie es immer tut, jedesmal ein wenig anders, in hohem Ton, in tiefem Ton, tadelnd oder scherzend, wie heute, feigst sie: "Du rauchst zuviel."

"Wei├č ich", antworte ich, immer zu ihrem Tonfall passend, diesmal mit freundlichem Grinsen und einem der Glimmstengel schon zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ihn anz├╝nden, kurzes leises Knistern. Elisabeth bleibt bei mir stehen, unsere Zeremonie ist doch zu Ende, denke ich, was also noch hier, so lang, und neu, was lehnt sie da an der Theke und starrt mich an? Einen Zug nehmen. - Kurz nur gelingt es mir, ihren Blick mich durchstechen zu lassen; ich bin so schwach.

"Was?" pfeife ich ihr entgegen, lege meinen Kopf zur Seite.

"Nicht rasiert heute, was?" deklamiert sie und sagt es so, da├č es nicht wie ein Vorwurf klingt. Doch nat├╝rlich ist es einer. Es sind immer Vorw├╝rfe. Jedes Wort aus Frauenmund.

"Was ist dabei? - Starr nicht darauf, ich kann es nicht leiden, wenn man mich so anstarrt. Nicht wegen so einem Unsinn." Ich wende mich von ihr ab.

Das erste Bier des Abends; einige Augenblicke sp├Ąter steht es vor mir und Elisabeth sagt nichts mehr, l├Ąchelt noch immer, aber es ist, als ob sie die F├╝hrung ihrer Lippen neu geschichtet, neu vertont und geordnet habe, alles zusammengefallen und wieder aufgebaut, doch auf eine Weise, da├č kein Unterschied bleibt, wie ihr L├Ącheln zuvor ist es; nur echt nicht mehr, nicht das Original, und dennoch keine Kopie, kein Balsam sondern S├Ąure, identisch in seiner Form, der Dynamik, und doch hat es sich verwandelt und ├╝bersetzt und ist nun etwas v├Âllig anderes. "Wenn du mich so ansiehst", sage ich klein, "K├Ânnte ich beinah glauben, das Bier sei vergiftet!"

Was soll sie denn erwidern, au├čer: "Das ist es doch auch, Fenneck." Sie meint es nat├╝rlich nicht ernst, ich wei├č das, doch sie sagt es bitter; trotz allem, es bleibt ein fader, ein eben bittrer Geschmack mit jedem Schluck des Bieres, ein jedes Wort aus ihrem Mund brennt auf meiner Zunge, dieses eine Glas lang zumindest, und beim n├Ąchsten noch ein wenig - dann ist es verschwunden. Alles scheint wie weggewischt, vergessenswert fern, das ist es doch auch, je l├Ąnger, je ferner und die Zeit heilt alle Wunden, sagt man.

Sagt man. Und mit jeder Zigarette wird mein Hals stummer und meine Kehle wie von feuchtem Rost verklebt. Ich schiele hin├╝ber zu ihr, das neue, gef├╝llte Glas in gerader Linie dazwischen.

Ein wenig sieht sie mich wohl an, wie sie die Theke putzt, meinen Aschenbecher leert, er ist schon wieder reichlich gef├╝llt, und eben auf diese Weise, auch ein wenig plump, da sie glaubt, ich k├Ânne es nicht bemerken, beobachtet sie mich von der Seite aus ihren Augenwinkeln und wendet sich doch wieder ab, als ich neckisch zu ihr sage: "Was w├╝hlst du schon wieder hinter der Theke herum! Es ist doch alles beisammen." Sogleich lacht sie, noch mit dem Lappen in der Hand, wieder mit ihrem bravour├Âsen L├Ącheln auf den Lippen und in den Augenwinkeln ihren entz├╝ckenden Blick. Sie legt den Lappen beseite und tritt zu mir heran. "Manches tut sich eben nicht von allein", erwidert sie meinem Sticheln, ein wenig zu mir ├╝ber die Theke gebeugt, den Kopf so leicht zu Seite geneigt, da├č es wie Zufall scheint. Genau das ist es.

Elisabeth geht hin├╝ber zu einen Tisch, links hinter mir, in einer Ecke und von der Garderobe wie vom Rest der Wirtschaft abgetrennt, sie nimmt die leeren Gl├Ąser und ist freundlich zu den drei M├Ąnnern die dort flackern, ein kurzes Plaudern, man hat sich wohl auf eine weitere Runde geeinigt, Gesten sagen es, Elisabeth mit ihrer Freundlichkeit fordert es heraus. Einer der drei verwickelt sie in ein Gespr├Ąch, ich kann es sehen, seinen Versuch, einige Sekunden weilt er, bevor Elisabeth sich von ihm rei├čen kann, dem unrasierten Mann, der ├Ąlter aussieht, als er wom├Âglich ist, aber dennoch nicht verbraucht sondern gereift und solide. Seine Stimme, ich h├Âre es, ist rauh, als er Elisabeth ein tiefes, herzliches Lachen hinterherschickt.

Eingesperrt am Tresen glaube ich, meine Gedanken fassen zu k├Ânnen. Ich wei├č, es ist ein Trugschlug und ein fahles Bild; ein blo├čes Gef├╝hl, da├č alle Welt, zur Sph├Ąre zusammengesunken, um mich trohne, und jedes Ding dazwischen entbehre seiner Weltlichkeit, da es, zu blo├čem Hindernis verkommen, als Staffage hingeworfen in der Hohlheit vorm bunten aber flachen Hinterund der Sph├Ąre sei. Nichts kann gr├Â├čer als die Weite jener Kugel sein. Kein Blick von mir reicht weiter, als bis zu dieser aufgebl├Ąhten Schale, dessen Mittelpunkt ich bin.

Mir ist, als fiele ich Schritte zur├╝ck, welche ich bereits gegangen war. Die Zigarette zwischen meinen trocken\-en Fingern. Elisabeth zur├╝ck hinterm Tresen, gesch├Ąftig, f├╝llt drei Gl├Ąser mit sch├Ąumendem Bier. Dazu drei widerliche Kr├Ąuterschn├Ąpse. Ich sehe ihr nach wie sie alles an den Tisch zu den auffahrenden Kerlen ihinter meinem R├╝cken schafft. Solange man meinen Blick nicht bemerkt. Solange ich mich nicht selbst in ihrer Aufmerksamkeit entdecke. Kaum kehrt Elisabeth von ihrem Abenteuer zur├╝ck, sto├čen die drei mit ihren Schn├Ąpsen lautstark an und leeren die Gl├Ąser in einem Zug. Wer von ihnen verzieht das Gesicht.

Trotz allem L├Ąrmen, trotz allem Rauschen der Gespr├Ąche, ist es still um mich.

Hier, im Magen dieses Hauses, liegt meine Nacht begraben. Wie k├Ânnte ich mich dagegen erwehren, ein jedes meiner zuk├╝nftigen Worte scheint wie in Stein geschlagen, jede Bewegung, die ich tun werde, ist in Zeichen transkribiert und die Semantik jeder Geste vorbestimmt. Abzuweichen von der gezeichneten Richtung lie├če mich zittern, am Rande des Weges w├╝rden mir die Beine zerbrechen und die Arme in Tr├╝mmer fallen, nichts br├Ąchte mich zur├╝ck in meine Bahnen; nur sterben w├╝rde ich nicht, nicht verhungern, nicht verdursten, aber ein Lodern w├Ąre die Sehnsucht und ein dumpfes Rasen br├Ąchte mir ein Heimweh, das mich nicht zu Tode lie├če.

Die Hand an meiner Stirn und der Ellenbogen gest├╝tzt auf dem Tresen. Es mu├č aussehen, als sei ich in Gedanken versunken, und das bin ich; aber nicht genug f├╝r diese Geste, alles ist geplant, da├č man mich sehe und glaube, ich sei in mir vergraben, ein Wort an mich erhaschen, ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig fl├╝chtig, so mag es sein, meinetwegen, aber doch ein Tropfen der Zeit und M├╝hen der Andern f├╝r mich zu trinken; vielleicht lebe ich ein wenig l├Ąnger. Elisabeth fragt mich. Meine Hand geschwind herunter von der Stirn. "Das Letzte heute, sollte ich wohl sagen. Ich habe doch schon mehr als gew├Âhnlich getrunken, sicherlich bekommt es mir nicht gut." Bald schon steht das n├Ąchste Glas vor meiner Nase und ich danke Elisabeth recht freundlich. So beinahe betrunken wie ich bin. Ich vertrage doch wohl kaum etwas davon, nicht so wie die M├Ąnner hinter mir, die noch lachen, auf ihre Weise noch immer geistreich sind, was kann ich h├Âren von den Wortfetzen, die zu mir her├╝berschallen, besoffenes Geschw├Ątz, Geschwafel - sprich f├╝r dich selbst, traurig kollert es doch auch in deinem Kopf, Fenneck! Entdecke dich selbst, eine Zigarette noch, und die Minuten sp├Ąter habe ich nichts gelernt.

Eine ganze Weile lang noch sitze ich hier, und wie eine Mauer um mich ist die Luft, die mich sch├╝tzt, mich von den anderen trennt, der blaue Nebel, von meinem Arm, meiner Hand, den Fingern und der Zigarette dazwischen steigt er auf und formt eine vertarute H├╝lle um mich. Mein Blick sucht nach neuen Dingen, an die er sich haften kann, als ob er ebenso durstig sei wie ich, doch es findet sich nichts neues, nicht der Blick aus dem Fenster, dessen Lichter von der einen auf die andere Seite reisen, nur nicht stehenbleiben, die Augen nach oben, die Augen nach links, und wieder, hinter mir noch die drei M├Ąnner, rauchen wie ich, und ebenso ein Glas vor ihnen aufgebart. Ich sehe sie einen Moment lang an, als zwei von ihnen sich erheben und dem dritten auf die Schultern schlagen, lachen, ihre Zigaretten ausdr├╝cken und sich mit vielen Worten verabschieden, die gurgelnden Stimmen erf├╝llen den Raum und auch Elisabeth schickt mit einem Nicken ihres Kopfes noch vor dem lauten Zufallen der T├╝r den Beiden ein Gru├č an die R├╝cken, kommt wieder zu ihrer Arbeit zur├╝ck, trocknet die Gl├Ąser mit einem Tuch, und auch ich wende mich wieder zum Tresen. "Wer waren die beiden", frage ich sie, obwohl es mir gleich ist. Meine Stimme klingt trocken und neu.

"Was wei├č ich", antwortet sie ohne mich anzusehn. "Man kann doch nicht jeden kennen, der hier zu T├╝r hinausgeht."

Diese Beiden haben den Dritten also hier zur├╝ckgelassen. Und das erste Mal an diesem Abend kommt mir der Gedanke, da├č es Zeit sein k├Ânnte, zu gehen, vielleicht sollten sie meine Inspiration sein, meine Muse, mein Sicherheben illustrieren. Elisabeth sieht mich nicht an, gesch├Ąftig ist sie aber, und ich mu├č vermuten, selbst wenn sie es nicht w├Ąre, w├╝rde sie mich mit Nichtbeachtung strafen; ich kann es kaum raten, welches meiner kargen Worte - wom├Âglich gar die Kargheit selbst - sie ver├Ąrgert hat. Also tue ich mich gen├╝├člich an meiner Zigarette, drehe und wende sie zwischen meinen Fingern, vollf├╝hre einige meiner Kunstst├╝ckchen damit, lasse sie tanzen. Und springen mit der Glut. Wie ein Schlag durchzuckt es mich! Meine Hand, fl├╝chtet, st├Â├čt den Aschenbecker zu Boden der aufschl├Ągt mit L├Ąrm, aber nicht zerbricht. "Verdammt", zische ich, noch bevor die Asche nach unten gefallen ist. Das dumpfe Klirren, und keine Scherben.

Elisabeth erschrickt, zuckt zusammen, ihre Hand f├Ąhrt an den Stoff ├╝ber der Haut die ihrem Herzen Schutz ist, ihre tiefbrauen Augen starren auf mich und ich sehe meine Scham darin.

Alle Augen auf mich gerichtet. - Wie ich es hasse. - Wie ich es hasse, mich gefangen zu sehen hinter ihren Netzh├Ąuten, mit F├Ąusten dagegenschlagend, um Hilfe rufend, flehend, wie m├Âchte ich mich daraus befreien, meinen Teil, meine Freiheit, doch sie ist fern und unerreichbar, nichts was mein ist k├Ânnte sie erreichen. Auch nicht meine Hand, die sich mit mir b├╝ckt, das Ungl├╝ck aufzulesen.

"Lass nur", meint Elisabeth, die hinter der Theke hervorgeeilt ist, einen Besen in ihrer Hand.

Ich gehorche; soll sie auch noch betteln und mich abwimmeln, sie wird es doch sowieso wegkehren, ganz gleich, wie sehr ich ihr zur Hand gehen m├Âchte. Allm├Ąhlich kehrt das Gemurmel zwischen die W├Ąnde zur├╝ck, und die belustigten Gesichter sind wieder fremd. Was bleibt ist ein wenig der Scham f├╝r eine Weile.

Elisabeth, sie hat sich vor mir aufgerichtet und stellt den Aschenbecher wieder an ihren Platz. "Das n├Ąchste Mal", sagt sie, "Bist du vorsichtiger mit deinen Zigaretten", und lacht.

Soll ich auch lachen? Obwohl ich mir dessen nicht sicher bin, versuche ich, zumindest eines dieser Lachen zu imitieren. Elisabeths Haut schimmert ein wenig, die feuchte Hand, vom Lappen den sie behende ├╝ber die Reste der Asche am Boden gezogen hat. Sie legt ihn, zur├╝ck hinter ihrer Theke, beiseite und trocknet sich.

"Das ist mir auch schon passiert", sagt sie zu mir, "Gerade letzte Woche, den ganzen Boden hatte ich gewischt und alles sauber, doch den Aschenbecher hier, deinen, den hatte ich noch voll. Nur eine Unachtsamkeit, nur kurz nicht hingesehen, schon lag er unten, gerade als ich ihn ausleeren wollte, ja gerade weil ich ihn ausleeren wollte, hat er sich aus meiner Hand gest├╝rzt."

Das Knarren der Dielen, der Dritte von hinten. Ich habe sein Erheben nicht bemerkt, nun steht er hinter mir, ber├╝hrt mich beinahe, l├Ą├čt seine schwere Hand vor mir auf das Holz des Tresens fallen. "Zahlen" gurgelt er, freundlich und bestimmt. Mein Versuch, so unauff├Ąllig wie m├Âglich zu sein, neben seinem Arm zu verschwinden, zur unbeachteten Selbstverst├Ąndlichkeit zu werden, ist bereits vergiftet, wie geschickt, wie trickreich auch immer ich mich nun anstellen m├Âge. Die Aschewolke hat mich aus dem Inventar gezeichnet. Noch w├Ąhrend Elisabeth an seiner Zeche rechnet, spricht er mit mir.

"Da haben sie ja eine ganz sch├Âne Wolke gezaubert!"

Der Aschenbecher, ich verstehe. "Das habe ich wohl", antworte ich ihm und versuche, schon jetzt eine kostbare, weil unscheinbare Feindseligkeit in meine Stimme zu legen; obwohl ich noch in gleichen Augenblick bezweifle, da├č etwas derartiges bis zu ihm durchdringen wird, er steht wohl fest auf den F├╝├čen, aber seine Stimme tr├Ągt den Alkohol schon ganz in ihrer Farbe.

Er reicht mir seine Hand und stellt sich vor. Ein wenig tr├Ąge ergreife ich sie, schon sch├╝ttelt er sie heftig.

"Reinecke", pfeift er mir entgegen und f├Ąhrt gleich fort. "Sie sind wohl ├Âfter hier?"

Unmerklich neige ich meinen Kopf zur Seite.

"Nun ja", meint er, "Sie scheinen sich ja mit der Dame hinter der Theke ganz gut zu verstehen!"

Ich bin von meiner schnellen Antwort selbst ein wenig ├╝berrascht: "Nunja, sicherlich ├Âfter, als es gut f├╝r mich w├Ąre."

Nun, da er wieder herzhaft lacht und ich mich, von scheinheiliger H├Âflichkeit zum Einstimmen gen├Âtigt, wiederum in Gefahr sehe, von Reinecke kameradschaftlich auf den R├╝cken geschlagen zu werden, bugsiere ich eine Zigarette zwischen uns - vielleicht ja wird der Rauch eine Trennwand sein, und arglos abwenden kann ich mich unter solch einer Konstruktion auch - eine, zwei Sekunden lang ausruhen, den Blick aus seiner Richtung l├Âsen, wenn ich die Asche der Zigarette entsorge. Elisabeth sieht mich jedesmal dabei an. Ein wenig Schadenfreude ├╝ber meinen unverhofften Freund ist wohl auch dabei, ich will es ihr nicht ver├╝beln. - Die Zigarette, ein Fehler, der uns - wohl nur aus seiner Sicht - n├Ąher bringt; er gibt mir Feuer, hat wohl damit gespielt, die ganze Zeit, mit seinen H├Ąnden in der Hosentasche und ein ged├Ąmpftes "Danke" aus meinen halbgeschlossenen Lippen l├Ą├čt ihn schlie├člich doch nur f├╝r einen kurzen Augenblick seine Rede vergessen. Ich ziehe und bin die Sekunde ganz bei mir.

"Wissen sie", beginnt er, "Eine ganze Weile lang bin ich schon nicht mehr hier gewesen, habe mich ein wenig in der Welt herumgetrieben, hiervon ein wenig und davon, Brasilien, Venezuela und noch ein paar mehr. Wie die Welt eben so ist, gro├č und dreckig und beinahe rund!" Betrunken ist er und fr├Âhlich, seine Zunge locker, offensichtlich. Die kurze Zeit, seit ihn seine Kumpanen hier zur├╝ckgelassen haben, scheint ihn wieder mit Worten angef├╝llt zu haben, so scheint es mir, und aus einem Loch in seinem Kopf, presst er sie heraus. Ein tiefes, vergn├╝gtes Lachen schallt aus seiner Kehle, er klopft mir auf die Schulter und ich zucke zusammen. Noch bevor ich mich winden kann, nimmt er sie zur├╝ck, beugt sich, noch immer mit seinem fliegenden Grinsen im Gesicht, zu mir her├╝ber und erz├Ąhlt weiter seine Worte.

"Sehen sie die Narbe an meiner Hand?"

Tats├Ąchlich, seine rechte Handfl├Ąche ziert eine l├Ąngliche Narbe, von beinahe dem Fingeransatz bis hinunter zum Gelenk.

"Sie ist wie eine Troph├Ąe f├╝r mich, eine Belohnung und ein Andenken f├╝r alle Reisen, die ich gemacht habe. - Wissen Sie, woher ich sie habe? - Von Buenos Aires mit dem Zug nach Santiago. Kleiner Teil der Reise. Ich setzte mich gegen├╝ber einer jungen Frau ans Fenster. Nicht, da├č nicht noch andere Pl├Ątze frei gewesen w├Ąren, in die ich mich h├Ątte niederlassen k├Ânnen, aber mir gefiel ihr Gesicht, eigentlich der Ausdruck darin, ein wenig traurig und versunken, aber stolz; als sei sie der einzige Mensch im Zug, und die Welt da drau├čen nur Kulisse; eine Str├Ąhne ihreres schwarzen Haares fiel ihr ins Gesicht und ├╝ber das linke Auge, das fand ich irgendwie auch keck - nein, das ist das falsche Wort - es war fremd, und wirkte wie ein Gitterstab vor ihrer blassen Haut. Sie hatte mehrere gro├če Taschen bei sich, recht schmal waren sie und lehnten zwischen den Sitzen. Was wohl darin sei, habe ich mich gefragt. - Wie auch immer, wir sa├čen uns eine ganze Weile lang gegen├╝ber und sie mu├č es wohl mit der Zeit bemerkt haben, da├č ich sie angesehen habe, nur ganz leicht, ohne meinen Kopf vom Fenster zu wenden, zumeist habe ich ja tats├Ąchlich die vorbeiziehende Landschaft betrachtet. Sie dreht sich also zu mir und l├Ąchelt fest und sagt: 'A beautiful view, isn't it?' Ein wenig ├╝berrascht war ich, von ihrer Initiative, aber auch erfreut, auf einer so langen Zugfahrt mit jemandem, besonders einem h├╝bschen M├Ądchen, ins Gespr├Ąch zu kommen; der Landschaft bei der Flucht zuschauen ist eine Weile lang ganz angenehm, erm├╝det aber auf Dauer doch die Augen, zumindest meine. Nun, wissen sie was? Ihr Akzent kam mir doch sehr vertraut vor, und auch auf das Risiko hin, nur einen fragenden Blick von ihr zu ernten, antwortete ich: 'Ja. Das ist er in der Tat.' Jetzt verwandelten sich ihre etwas streng dreinblickenden Lippen in ein echtes L├Ącheln. 'Sie sprechen deutsch?' sagte sie erfreut. - Das ist schon ein sch├Âner Zufall, nicht wahr?"

Ich nicke.

"Wir haben uns also ein wenig unterhalten. Wie sich herausstellte, war sie eine Fotographin, auf dem Weg zu ihrer ersten Ausstellung nach Santiago. Bewundernswert, wie ich finde, und ein bischen neidisch bin ich auch gewesen. Das ganze Abenteuer noch vor sich zu haben! Jetzt war es auch klar, was in den Taschen befand; ihre Fotographien n├Ąmlich, und, wie sie mir sagte, in der gr├Â├čten von ihnen bef├Ąnde sich ihre liebste. 'Sie ist noch in ihrem Rahmen, nicht lose wie die anderen. Ich habe sie direkt von der Wand genommen und bin ehrlich gesagt etwas besorgt, irgendwie zumindest, weil es mir von allen meinen Fotos das Teuerste ist.' Ihr Kopf war zur Seite geneigt. 'M├Âchten sie es sehen?' Nat├╝rlich wollte ich. Sie ├Âffnete die Tasche an beiden Seiten und legte das flache, in Gla├č gefa├čte Etwas frei. 'Herausholen m├╝ssen sie es selbst, das geh├Ârt dazu; aber seien sie vorsichtig und lassen sie es nicht fallen.' Sie sah mich erwartend an, an die Wand des Zuges gelehnt, das Gesicht noch immer geneigt, spielte sie, den Ellenbogen weit von sich gespreizt, mit den hinter ihrem Kopf zusammengebundenen Haaren. 'Na los, keine Furcht!' Begierig darauf, das Foto zu sehen war ich, sicherlich, aber sie hatte mein Z├Âgeren bemerkt, das sich in meine Bewegungen geschlichen hatte; Z├Âgern, warum, fragen sie sich - aber was, sagen sie mir, wie h├Ątte ich mich verhalten m├╝ssen, was getan, wenn ich dies Bild gesehen und nicht von ihm begeistert gewesen w├Ąre? Auch ein geringes Heucheln h├Ątte jeder Ignorant bemerkt; wenn man Erwartungen sch├╝rt, ist es leicht, tief zu fallen, nicht wahr? - Ach! Binsenweisheiten sind leider viel zu h├Ąufig wahr, ├Âfter als man es ertragen m├Âchte!"

"Das sind sie wohl, denke ich."

"Ich wischte jedes Innehalten weg - doch gerade als ich meine Hand auf das Bild legte um es aus der Tasche zu ziehen, bremst der Zug heftig, wie ein Blitz durchzuckt es mich. Das Glas h├Ątte nicht scharf sein d├╝rfen, doch das war es, wie ein Messer."

Im Augenwinkel sehe ich die Narbe wieder, betrachte sie verstohlen, ein fast gerader Schnitt, beinahe sch├Ân ist sie.

"Der Zug mu├čte bremsen weil wohl etwas, wie ich sp├Ąter erfahren habe, auf den Gleisen lag; ich habe den Schaffner gefragt, und das in meinem gebrochenen Spanisch. - Nun, das M├Ądchen ist erschrocken und verbindet mir, unter einigen Entschuldigungen, die Wunde mit einem Taschentuch, das sie aus ihrer Tasche gezogen hat. Mich hat ihre F├╝rsorglichkeit ber├╝hrt und den Schmerz vergessen lassen; ein wenig hat es mir auch gefallen, von ihr umsorgt zu werden. Es hat sich doch also fast gelohnt, w├╝rde ich sagen!"

Er lacht, und ich beneide ihn.

"Schlie├člich ziehe ich das Bild doch noch aus der Tasche und sehe es mir an. Und Heucheln, das mu├čte ich wirklich nicht. Sie sagt zu mir - wir beide lachen schon wieder, das war so sch├Ân - da├č sie das Blut, falls ich nicht dagegen haben sollte, auf dem Glas belassen m├Âchte." Er sieht mein verdutztes Gesicht. "Das ├╝berrascht sie?" fragt er mich.

"Auf gewisse Weise."

"Nun, vielleicht haben sie mit ihrem Erstaunen recht. Aber ich sage ihnen, warum sie das getan hat."

"Warum also?"

"Weil es das Bild echt gemacht hat. Also ob - wie soll ich das sagen? - als ob diese Fotografie wieder zu dem werden w├╝rde, was sie vor ihrer Verwandlung gewesen ist. Wieder zu Fleisch, und eben wieder zu Blut - mit meinem Blut, verstehen sie?"

"Was ist auf dem Foto gewesen?"

"K├Ânnen sie sich das nicht ausmalen?"

"Sagen sie es mir trotzdem."

Er sieht mich zun├Ąchst ein wenig mitliedig an, doch dann sagt er still, als habe er das Bild lebendig vor Augen: "Ein Akt von exquister Sch├Ânheit; in Ebenma├č von K├Ârper und Symmetrie. - Nun war es so, als habe man ihm das Leben zur├╝ckgegeben."

Obwohl ich von seiner offensichtlichen ├ťberspitzung wenig halte, finde ich mich dennoch geneigt, etwas Wahres darin zu finden; die Essenz seiner Worte ist unzweifelhaft echt und ich entdecke ich mich bei dem Wunsch, die Leibhaftigkeit dieser Erfahrung ebenso in mir zu sp├╝ren, wie er es offensichtlich getan hatte; und erneut vor einem Augenblick, als er nur davon sprach.

"Die Worte mit ihr sind mir bis heute teuer geblieben, die fruchtbaren Stunden bis Santiago, wo wir gemeinsam den Zug verlassen haben und schlie├člich jeder seiner Wege gegangen ist; ihre Ausstellung zu sehen blieb mir keine Zeit, aber es war nichts verloren daran, schlie├člich hatte ich ihr Meisterwerk bereits erblickt und alles andere w├Ąre doch nur wenig mehr als eine Ermahnung an ihr wirkliches K├Ânnen gewesen. Nat├╝rlich habe ich sie niemals wieder gesehen, aber solche Begegnungen behalten ihre W├╝rze eben nur, wenn sie einmalig bleiben; sie zu strecken oder ihren Zauber wiederholen zu wollen, l├Ą├čt sie in der Erinnerung nur schrumpfen und in ihrer Bedeutung verw├Ąssern."

Seine Hand behutsam wendend, als sei sie ein Spiegel und man k├Ânne alles darin sehen, wonach man nur begehre, wenn das Licht nur im rechten Winkel darauf schiene, sagt er: "Im Grunde ist es nichts Besonderes f├╝r eine Narbe. Aber es erinnert mich an diese Reise. Und daran, wie frei ich war, wie ich immer wieder darum k├Ąmpfen mu├č, aber auch wie wichtig das Bewahren ist. - Aber auch an den angenehmen Zufall, den man Gl├╝ck nennt."

Er l├Ąchelt. ├ťberhaupt scheint L├Ącheln mir, in diesem Moment, wie etwas, das man zu inflation├Ąr gebraucht.

"Ich nehme an", f├Ąhrt er fort, doch sagt es, als spr├Ąche er nicht zu mir, sondern nur zu sich selbst, "Die Ferne hat f├╝r mich immer den gr├Â├čeren Reiz gehabt. Gegen├╝ber allem, was um mich war, meine ich. Als habe man das Nahe, ein jedes, das einem beinahe penetrant auf den Augen klebt, so da├č man es nur unscharf sehen kann, gerade deshalb, gerade wegen seiner geringen Distanz, nicht im Blick. Man bemerkt es nicht. - Und wissen sie warum? Weil es tats├Ąchlich kaum etwas ist! Aus der Ferne ergie├čt sich so viel mehr auf uns. Was alles zu entdecken und was alles zu erfahren ist, wie viel mehr davon mu├č es geben - und das tut es, das tut es f├╝rwahr - als nur das Wenige, das fast an unseren Sch├Ądel st├Â├čt! Was bleibt einem anderes ├╝brig, als zu fl├╝chten und zu entdecken, zu forschen und zu sehen. Alle L├Ąnder m├Âchte man bereisen; wie schade nur, da├č er gar so viele sind! Aber ein paar zumindest, vielleicht auch einige mehr, m├Âchte man sicht doch nicht entgehen lassen."

Stille einen Augenblick.

"Und?" Er sieht mich an und fischt dabei eine Zigarette aus der Schachtel. "Ist es bei ihnen nicht so?"

Ich sch├╝ttle langsam den Kopf. "Ich glaube nicht."

Was denn gibt es zu entdecken in der Ferne? Sie scheint so verlockend zu sein, sie mag rufen wie das Echo, das zu uns zur├╝ckfindet, aber es ist ein falsches Wort, eine L├╝ge die uns Neues verspricht, Unbekanntes enth├╝llen, Unentdecktes erforschen, f├╝r uns, die eigene Hand, die nur vertrautes greift; und doch mu├č die Ferne augenblicklich verschwinden, wenn man sich ihr n├Ąhert, und alles, was man hinter ihr zur├╝ckgelassen hat, mu├č zur neuen Fremde, zur neuen Ferne werden. Wie k├Ânnte man aus einem Kreis ausbrechen, wie seine Dimensionen ├╝bertreten? Nur nach oben oder unten; doch diesen Weg kann ich nicht gehen, ohne den Keis zuvor in etwas anderes zu wandeln.

"Das tut mir leid f├╝r sie", erwidert er und z├╝ndet die Zigarette an.

Reinecke, und ich hasse es, seinen Namen nennen, erz├Ąhlt mir noch eine Weile lang von seinen Reisen, ausufernd, detailverliebt, und ironischerweise bl├╝ht in mir jetzt ein eigener Drang zu fliehen auf; nach Hause, das nun das Neue ist, das wieder Unbekannte unter der wohlvertrauten Farbe des Tresens und dem furchigen Gesicht des Fremden, der mir, nach all seinen Ausf├╝hrungen, so widerlich vertraut vorkommt. Mit jedem Satz den er sagt und jedem Nicken, das er von mir zu erwarten scheint, versuche ich, desinteressierter zu wirken und ihn nicht, durch eine Frage vielleicht, oder einen fragenden Blick bereits, zu einem neuerlichen Ausbruch zu ermuntern. Und ich wundere mich, wie au├čerordentlich gut es mir gelingt, trotz allem h├Âflich zu bleiben; denn wenn schon er den Anstand nicht hat, meinen Widerwillen zu bemerken, so will doch wenigstens ich mir meine Integrit├Ąt bewahren, und nicht, durch eine schroffe Bemerkung vielleicht oder eine allzu offensichtliche Geste, ihn vor den Kopf zu sto├čen und meinen Widerwillen in den Sch├Ądel zu schlagen. - Wie eine Ausrede klingt das, und nichts mehr als das ist es auch. An Mut hat es mir immer gefehlt.

Irgendwann schlie├člich entschlie├čt er sich, da├č es Zeit sei zu gehen. Er klopft mir ein letztes Mal auf die Schulter, als seien wir alte Freunde. Mein gequ├Ąltes L├Ącheln sieht er schon nicht mehr, er geht Richtung T├╝r und ist so schnell verschwunden, da├č nun beinahe eine Leere neben mir klafft. Elisabeth und ich sehen uns mit verstehenden Blicken an. Vielleicht hat sich, denke ich, das ganze Ertragen doch gelohnt, f├╝r so einen Blick.

Am Ende ist alles so einfach. Verwischt, als sei seine Schwere ein L├Ącheln gewesen. Ich trinke meinen letzten Schluck aus dem Glas. Wenn der Trinker gegangen ist, so will auch ich nicht l├Ąnger bleiben! Wer bin ich denn, ihm seinen Platz im Leben streitig machen zu wollen?

Das Geld lege ich auf den Tresen und stehe auf. Ich schwanke nicht, nein, ich schwanke nicht.

"Sei vorsichtig", sagt Elisabeth und klingt dabei ein wenig zerbrechlich, "Dir scheint es heute nicht so pr├Ąchtig zu gehen."

Ich nicke ihr zu und bin dankbar. Erst der Blick, dann die Sorge und sie hat recht, ich schwanke ein wenig und versuche, schlie├člich zur T├╝r hinaus, die laut hinter mir zuf├Ąllt, mich von der Wand die Treppen hinuntergeleiten zu lassen. Schritt auf Schritt, nicht m├╝hsam, aber unbeholfen. Meine Hand auf der T├╝r zur Stra├če, ich trete hinaus.

Wie angenehm die K├╝hle der Nacht mir wieder um die Nase schl├Ągt und der leichte Wind mir frohe Kunde des Tropfens Freiheit ist, die W├Ąnde hinter mir, und T├╝ren und Fremde, und das erhabene Gef├╝hl, zumindest einen bekannten Menschen, Elisabeth, hinter mir zu lassen, sie meiner Ferne auszuliefern; was sicher keine Strafe ist, doch der Gedanke daran bereits vers├╝├čt mir die Reise und auch das bi├čchen Stille der n├Ąchtlichen Stadt auf meinem Weg nach Hause. - Ich schwanke nicht.

Meine Bank zieht an mir vorr├╝ber.

Ein schlafendes Raubtier ist die Stadt, dessen Ohren sich, trotz allem, bei jedem Ger├Ąusch argw├Âhnisch in jene Richung wenden, aus der die St├Ârung zu ihnen dringt; es ist ein leichter Schlaf und Stille herrscht doch nie f├╝r sie, es bleibt immer ein Rauschen, ein Oberton der H├Ąusermasse ├╝brig, der sich sich niemals ├╝berdecken lie├če.

Meine Bahnen, m├╝hevoll um diese Zeit, und langsam wie ich es sonst nicht von mir kenne; doch weit ist es nun nicht mehr, schon biege ich in die schmale Gasse ein, die Enge zwischen den hohen H├Ąuserkl├Âtzen scheint mich wie mit gro├čen Klauen gegen ihr schmales Ende hin hineinzuziehen. Hier kann man jeden meiner Schritt h├Âren.

Die Dunkelheit beschreiben. Die besondere Struktur der Farbe des Nachtblaues zu Worten destillieren - wie es, einem gefr├Ą├čigen Untier gleich, das Licht zu sich seiner Gewalt entgegenstemmenden Punkten zusammenhetzt, die wir Sterne nennen. Ich sehe nach oben, bleibe nicht stehen. Ein Streifen dieser Sterne in den H├Ąuserschluchten. Trotz aller unverr├╝ckter Schw├Ąrze der D├Ącher ├╝ber mir, bewegen sie sich doch vorm nachtblauen Hintergrund des Firmamentes. Mir kommt der Gedanke, da├č, k├Ânnte ich tief genug in die klaffende Weite blicken, s├Ąhe ich am Ende nur das eine, mich selbst; mit erhobenem Kopf in die Sterne schauend.

Pl├Âtzlich falle ich.

Noch w├Ąhrend des Fallens werde ich mir meines Schrecks gewahr, betrachte ihn, bemitleide ihn; und der schwarze Asphalt dringt wie ein Blitz in meine Augen. - Ein Reflex hat sie geschlossen. Ein Schlag. Ich liege am Boden.

Hat man mich heruntergesto├čen? Ich sehe auf mich herab, auf meinen R├╝cken, wie er vor mir liegt, und fauche, pah!, ein Mensch, die Hunde, sie bellen.

Ihr Lachen schallt aus den Hinterh├Âfen, ich habe sie aufgeschreckt, wie ein dissonanter Chor schallt ihr Spott zu mir her├╝ber.

Ein Schmerz.

Als ich meine Augen ├Âffne, den Kopf m├╝hsam hebe, sehe ich einen blutenden Stein vor mir liegen. Ich richte mich ein wenig auf, betrachte ihn, bewundere seine St├Ąrke, seinen Mut. Wie gemei├čelt liegt er, scheinbar unverr├╝ckt.

Ein kitzeldes Etwas an meinem Kopf. Die Hand, meine Finger fahren zitternd ├╝ber meine Stirn. Rechts ist die Haut aufgeschlagen, ich f├╝hle es, das Blut, die Wunde.

Die H├Ąnde aufgesch├╝rft in feinen roten Linien.

Mir ist, als habe ich Stunden so gelegen, meine Glieder sind fest, ich erhebe mich, es ist schwer und m├╝hsam meinen K├Ârper zu stellen, zur├╝ck auf die Beine. Noch immer l├Ąrmen heiser die Hunde und auch ich zittere. "K├Âter!" belle ich ihnen zu, "Seid doch still!"

Wor├╝ber bin ich gefallen? ├ťber meine eigenen Beine? Am Boden kann ich nichts entdecken. Keinen Grund, keinen Abgrund, nichts. Wie eine glatte tote Schlangenhaut liegt die Gasse vor mir, schmutzig, na├č, aber makellos. Ich finde doch an allem Grund zu scheitern, und sei es nur der Weg nach hause. Jeder Schritt, jeder Schnitt im Fleisch ist Camouflage.

Ich putze mir dem Schmutz von den Kleidern, doch Medizin ist es nicht.

Einige Minuten lang h├Âre ich meinem unruhigen Atmen zu, jedem Ein, jedem Aus - das Blut als Rinnsal ├╝ber meiner Schl├Ąfe scheint nur langsam zu trocknen.

Ich mu├č hier weg; doch der Stein - den Stein nehme ich mit. Noch einmal kehre ich mich zur Erde zur├╝ck, hebe ihn auf, lasse ihn wie einen Edelstein in meine Tasche gleiten, als sei er lupenrein, kostbar, niemand sieht ihn, ich, sein Bewahrer und Besch├╝tzer.

So schreite ich die letzten Meter, jedem meiner Schritte achtend, nach Hause. Es sind die selben H├Ąuser, dieselben Stra├čen und dennoch scheint mir jede Mauer, jeder Stein wie ausgewechselt. Wie eine l├Ąchelnde Maske, auf den Kopf gestellt. Ein Taschentuch aus dem Mantel gekramt, halte ich mir auf die Wunde. Da├č mich nur niemand sieht, noch mehr Spott m├Âchte ich nicht kennen, wie sehe ich aus? Ein k├╝mmerliches Bild. - Aber wer kann den Sand halten, der durch seine Finger rinnt.

Beinah angekommen. Und niemand scheint mich bemerkt zu haben, ein wenig froh bin ich, wie Galgenhumor ist es wohl, denke ich, und hebe schon die linke Hand, die Eingangst├╝r zum Haus zu ├Âffnen, als ein Unbekannter es als erster tut, er tritt eilig aus dem Haus, ich stocke, lasse ihn passieren, er streift mich nicht. Durch die zufallende T├╝r schl├╝pfe ich in das schwarze Loch nach innen.

Wie Stiche mit Nadeln ist das Echo meiner Schritte durch den Flur zum Treppenhaus. Leise mu├č ich sein. Wer mich h├Ârt, der kennt mich auch.

Jeder Schritt die knarrenden, schwarzen Stufen der Treppe hinauf ist wie ein Wagnis und mit jedem Zentimeter der mich weiter hinauff├╝hrt zu den Mauern meiner Wohnung, lastet eine immer gr├Â├čer werdende, irre Schwere auf mir. Innehalten, das m├Âchte ich jetzt wie nichts anderes, mich niederlassen auf einer dieser Stufen, ruhen, schlafen; und wenn morgen in der Fr├╝h die ersten Hausbewohner aus ihren T├╝ren durch das Treppenhaus eilen, werde ich, wenn ich Gl├╝ck habe, noch immer schlafend, bereits verschwunden sein.

Ich ├Âffne die T├╝r und trete hinein. Nur den Geruch empfange ich mit Gunst. Es ist dunkel, still, wie eingefroren. Jetzt erst bemerke ich die Stille der Nacht, das Sinken des L├Ąrmes, jetzt erst bin ich allein. Um so vieles lauter scheint mein Atmen zu sein. Licht; grell ist es und durchscheindet die Stille ein wenig, ist auch grausam in seiner W├Ąrme, die sp├Ąrlich ist, da├č man nach mehr verlangt, durstig wird wie in der W├╝ste.

Nicht nur den Mantel werfe ich ab, ich entkleide mich ganz, lasse alle Sachen auf den selben Haufen neben der T├╝r fallen und trete, nun ganz nackt, in mein kleines Badezimmer neben der K├╝che. Im Flur l├Âsche ich das Licht wieder, kurz ist es wieder leer; dann erhellt mir die kleine Birne am Spiegel ├╝ber dem Waschbecken das Gesicht, so pl├Âtzlich, ich erschrecke; ein Geist sticht hervor, m├Âchte mir Angst einjagen, mich vertreiben, bleich, blutrot, doch ich bin es selbst, nat├╝rlich, blicke, starre mich an, noch immer das Taschentuch an die Stirn, auf die Wunde gepresst.

Vor mir die Gasse, der Blick auf die stolzen Hinterh├Âfe.

Vorsichtig nehme ich das Tuch herunter, l├Âse es behutsam von dem bereits verkrusteten Blut. Nichts bricht wieder auf. Jetzt erst sehe ich sie richtig, in ihrer ganzen Pracht, dunkles Rot, von eigenartiger Struktur.

Meine Finger ├╝ber der rauhen Wunde.

Ein Bild, wieder, in Worten.

Meine Troph├Ąe f├╝hlt sich an wie etwas Fremdes, das sich auf meiner Haut niedergelassen hat, ein Parasit, eine Zeichnung. Ich l├Âsche das Licht, die Wohnung f├Ąllt wieder in Dunkelheit. Als m├╝sse ich leise sein, als k├Ânne ich jemanden wecken, schleiche ich in mein Bett. Niemanden kann ich aufschrecken, mit keinem meiner Schritte. Ich lasse mich in die Kissen fallen und sinke nach wenigen Minuten bereits in einen unruhigen Schlaf. Ich denke an Santiago und den Zug, an die Anden und an rohe, ungeschliffene Berge.

Und pl├Âtzlich auch, denke ich wieder an Livia.

Es ist so einfach. Es ist gew├Âhnlich, ganz und gar. - Ich vermisse sie. Ich treibe den Flu├č hinab, weiter und weiter weg von ihrer N├Ąhe, sinke tiefer, jeden Tag tiefer und vermag mich nicht zu halten, nicht zu schwimmen, also sinke ich, unaufh├Ârlich, schweigsam auf den Grund.


__________________
Live Long and Prosper!

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!