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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Sarahs Sarah
Eingestellt am 23. 08. 2006 18:40


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Ein Junge!? Jedenfalls lĂ€chelte sie so und war allerdings nicht etwa gertenschlank wie ein Knabe sondern ĂŒberall an den Stellen wohl gerundet, an denen es ĂŒbliche MĂ€nner bei ĂŒblichen Frauen besonders gern sehen. Nur ihr LĂ€cheln und ihre etwas eckig-ruckartige Art, Arme und Beine zu gebrauchen, erinnerten mich an Bewegungen meiner Spielkameraden, mit denen ich in Kinderzeiten meinen Alltag verbrachte. Als richtiger Junge spielte ich selbstverstĂ€ndlich nie mit MĂ€dchen.

Vor gut einem Monat, es war ein Mittwoch, geriet ich, mĂŒde und deswegen angewiesen auf starken Kaffee, zufĂ€llig in dieses altmodische CafĂ© Sielmann am Markt. Alle Tische waren mit PĂ€rchen besetzt, die sich Kaffee-, und Kakaotassen, Kuchen- und TortenstĂŒcken und sich selbst zuwandten. Nur eine beobachtete durch das Fenster das Geschehen auf der Straße, blickte sich zu mir um, als habe sie mich erwartet und nickte lĂ€chelnd auf meine Frage, ob ich mich zu ihr setzen dĂŒrfe.
Sie mochte etwa dreißig sein und damit gut dreißig Jahre jĂŒnger als ich.
Auf meinen besonderen Wunsch brachte mir die Kellnerin einen extra starken Kaffee und ein besonders großes StĂŒck Marzipantorte. FrĂŒher – selbst als Jugendlicher noch - durfte Marzipan weder Ostern als Marzipan-Ei in meinem Oster-Nest oder Weihnachten als Marzipan-Kartoffeln auf meinem Teller unter dem Christbaum fehlen.
Meine Tischnachbarin trug ein weißes, einen Knopf weit geöffnetes Hemd, ihr schulterlanges blondes Haar offen und begann, als ich mich zu ihr setzte, demonstrativ zu lesen. Da das Buch in einen mit roter Wolle bestickten Schutzumschlag aus braunen Leinen eingehĂŒllt war, konnte ich den Titel nicht erkennen, dafĂŒr den auf gestickten Spruch „Wer liest, lebt anders.“ Irgendwann legte sie das Buch zur Seite, lĂ€chelte mich an und wollte wissen, ob mir die Marzipantorte auch so gut schmecke.
Als ich die Torte ĂŒberschwĂ€nglich zu loben begann, las sie weiter.
Bevor ich ging, fragte ich, ob sie öfter hier sei. „Mittwochs und donnerstags nachmittags“, antwortete sie mit klarer Jungenstimme.

Am nÀchsten Mittwoch war sie nicht bei Sielmann und donnerstags fand ich keine Zeit, ins Café zu gehen.
Am darauf folgenden Donnerstag saß sie wieder am Tisch am Fenster, sah hinaus und als ich neben ihr stand, blickte sie lĂ€chelnd zu mir auf. Diesmal hatte sie kein Buch dabei, trug einen dĂŒnnen roten, tief ausgeschnittenen Pullover und ihr offenbar hauchdĂŒnner BH hinderte ihre Brustwarzen kaum daran sich aufzurichten. Da sie den Bewegungen meiner Augen mit ihren lĂ€chelnden weit geöffneten stĂ€ndig folgte, erlaubte ich meinen lĂŒstern umherschweifenden Blicken nur eine ganz kurze Pause an jener Stelle, die ich allzu gern lĂ€nger nicht nur angesehen hĂ€tte.
„Na?“ Ihr LĂ€cheln kam mir diesmal keineswegs jungenhaft vor. Mit weit ausholend vereinnahmender Geste lud sie mich ein, bei ihr Platz zu nehmen.
Zögernd setzte ich mich neben sie. Ihr gegenĂŒber zu sitzen wĂ€re mir zu nah gewesen.
„Sie schielen mich lieber unauffĂ€llig von der Seite an.“ Ihre unerwartet laute und hohe Stimme klirrte einen Moment lang im CafĂ©. GĂ€ste sahen sich nach uns um.
Sie lĂ€chelte. Jedoch wieder nicht ihr JungenlĂ€cheln, nein, das siegesbewusst verĂ€chtliche fast schon Grinsen einer Fallenstellerin, der jemand in die FĂ€nge ging, der sich immer noch fĂŒr zu schlau hielt, in eine Falle zu tappen.
Um sie in ein möglichst unverfÀngliches GesprÀch zu verwickeln, fiel mir nichts Aussprechbares ein. Immer wieder wandte sie mir ihr volles makellos glattes Gesicht zu, mit einer Nase in der Mitte, die ein antiker Bildhauer modelliert haben könnte. Und jedes Mal hielt ich ihren Blicken nur Bruchteile von Momenten stand.
Wir sprachen schließlich – und das war mir besonders peinlich – nur ĂŒber das Wetter und die nicht sehr umfĂ€ngliche GetrĂ€nkekarte.
HĂ€tte ich das CafĂ© vor ihr verlassen, wĂ€re ich mir wie ein FlĂŒchtender vorgekommen. Einige Male nahm sie sich viel Zeit, unverschĂ€mt viel Zeit, mich in aller Ruhe anzusehen, trommelte dabei leicht mit ihren ungewöhnlich schlanken Fingern auf die Tischplatte, rĂ€usperte sich, betupfte ihre Lippen mit der Serviette und schwieg lĂ€chelnd weiter.
Mir schmerzten die Beine. Viel zu lange und viel zu weit hatte ich sie unter meinen Stuhl zurĂŒckgezogen. MĂŒhsam versuchte ich mich zu entspannen, holte Luft, atmete seufzend aus, erntete einen Fingertrommelwirbel und einen ihrer ungemein spöttischen Mitleidsblicke.
Schließlich verließ ich das CafĂ© doch vor ihr, nachdem ich mich von ihr verabschiedet hatte und einen letzten ihrer Spottblicke einfing.

Als ich Wochen spĂ€ter an einem Mittwoch wieder am CafĂ© Sielmann vorbei ging, winkte sie mir hinter dem Fenster. Drinnen empfing sie mich mit ihrem JungenlĂ€cheln. Ich setzte mich auf den Stuhl ihr gegenĂŒber. Diesmal trug sie ein weites, einem Fußballtrikot Ă€hnelndes T-Shirt mit der RĂŒcknummer 8.
Wir sprachen ĂŒber Fußball. Sie kannte sich wesentlich besser im deutschen Fußball aus als ich. Und auf meine Frage, weshalb sie ein Trikot mit der RĂŒcknummer 8 trage, lachte sie und gestand leise, als verrate sie ein Geheimnis, dass ihr nicht wirklich peinlich war, diese Acht stehe bei ihr ausschließlich fĂŒr Unendlichkeit.
Danach begannen wir ĂŒber das Leben zu philosophieren und sie verriet mir, sie wolle eigentlich ewig leben. Von ihr aus könne die Zeit abwechselnd an einem Mittwoch oder Donnerstag stehen bleiben, am liebsten an einen frĂŒhen lauen SpĂ€tsommerabend, wie es heute wieder einen geben werde. Auf keinen Fall jedoch im November oder Februar. Diese Monate seien ihr mit Abstand zu grau. Der Hochsommer aber sei ihr zu heiß.
Selbst der heftige Kopfschwung, mit dem sie ihre blonden Haare zurĂŒckwarf, geriet ihr eckig. Lachend streichelte sie mir hastig und zugleich behutsam die Hand, blickte vor sich auf die Tischplatte und schwieg einen Moment, um dann besonders leise zu sagen, sie hĂ€tte ĂŒberhaupt nichts dagegen, wenn ich an solchen SpĂ€tsommerabenden bei ihr wĂ€re. Dabei senkte sie den Kopf, wartete, sah mich wieder an, lĂ€chelte ihr JungenlĂ€cheln und fragte mich nach meinem Vornamen.
„Georg“.
„Georg, der Drachentöter. Hab mir schon so was gedacht. Der Name passt zu dir. Wirklich! Ich heiße Sarah.“

Als ich gehen wollte, sagte sie fast verlegen lĂ€chelnd, Zeit könne sich natĂŒrlich nicht selbst vermehren, Zeit sei eigentlich zeitlos. Und dann bat sie mich, sie zu ihrer Wohnung zu begleiten. „Oder musst du nach Hause, Georg?“
Ich schĂŒttelte den Kopf heftiger, als ich wollte. In meinem Appartement im 14. Stockwerk, das ich, seit ich bei Helma auszog, bewohne, wartet niemand auf mich.
„Du nimmst mich einfach mit zu dir und weißt ĂŒberhaupt noch nichts von mir. Außerdem bin ich mindestens doppelt so alt wie du. “
Sie zuckte mit den Schultern. „Weißt du denn schon viel ĂŒber mich?“
„Immerhin weiß ich, wenn es einen ewigen lauen SpĂ€tsommerabend gĂ€be, möchtest du eine Zeitlose sein.“
Sie lachte. „Zeit ist das ewig Weibliche. Das ist aus sich heraus auch nicht in der Lage, sich zu vervielfĂ€ltigen. Muss es auch nicht, denn es ist schon ewig.“
Ich runzelte die Stirn und nickte verstehend, obwohl ich nicht wirklich begriff, was sie mir sagen wollte.

Vom Wohnzimmer ihrer Dachgeschosswohnung fĂŒhrte Sarah mich durch eine GlastĂŒr und ĂŒber einen schmalen Steg auf das mit hellgrĂŒnen Fliesen gedeckte Flachdach des Nachbarhauses. Dicht wachsendes Efeu und wilder Wein hinderten die Nachbarn der umliegenden HĂ€user daran, uns zu beobachten. Ein offenes rotes Steilwandzelt, ausgelegt mit Schaffellen und hohen roten Kissen verfĂŒhrte zum Hinlegen.
Sarah setzte sich auf eines der Kissen und wies mit der Hand auf ein weiteres, das in gehörigem Abstand zu dem ihren auf dem Boden lag.
Eine Zeit lang beobachtete sie mich lĂ€chelnd und wortlos und wollte ich etwas sagen, legte sie sich den Zeigefinger auf die geschwungenen leicht vor gewölbten Lippen und versuchte mir in die Augen zu sehen. Als ich ihrem Blick auswich, stand sie auf. „Ich hol uns was zu trinken. Was hĂ€ltst du von Rotwein?“
Ohne auf meine Antwort zu warten, verschwand sie hinter der Wand aus Efeu und wildem Wein.
Leichter kĂŒhler Wind bewegte die BlĂ€tter, wehte in das Zelt und entlockte kleineren und grĂ¶ĂŸeren Schellen, die ĂŒber dem Zelteingang hingen, das GelĂ€ute einer vorbeiziehenden Schafherde. Irgendwoher von weit unten schallte StraßenlĂ€rm herauf. Ein Martinshorn heulte. Kurz darauf noch eins.

Sarah kam nicht nur mit Rotwein zurĂŒck.
„Darf ich dir meine Mitbewohnerin vorstellen. Sie heißt auch Sarah!“
Diese Sarah hatte lĂ€ngere, dunklere Haare, trug ein schulterfreies, tief ausgeschnittenes dĂŒnnes schwarz glĂ€nzendes Kleid und setzte sich neben mich auf das rote Kissen, auf dem die blonde Sarah vorher gesessen hatte. Die schenkte Rotwein ein, drĂŒckte uns beiden je ein Glas in die Hand, schob sich mit dem Fuß ein Kissen heran, setzte sich zwischen uns und prostete uns zu.
Der Wein war schwer, nicht zu sĂŒĂŸ und hatte genau die richtige Temperatur.
Noch einmal stand die blonde Sarah auf, holte aus einem kleinen Schrank in der hinteren Ecke des Zeltes eine GebÀckdose und stellt sie vor uns auf einen kleinen runden Tisch.
Das GebĂ€ck, weder Pralinen noch eigentlich Kekse, schmeckte frisch und zugleich herb sĂŒĂŸlich. Als ich Sarah nach der Herkunft des GebĂ€cks fragte, antwortete sie mir mit einem JungenlĂ€cheln, sah ihre Nachbarin an und strich ihr mit beiden HĂ€nden langsam und zĂ€rtlich ĂŒber Kopf und Haare. Die ließ es lĂ€chelnd geschehen, streifte sich die langen schwarzen Haare aus der Stirn, nahm die HĂ€nde ihrer blonden Mitbewohnerin in die ihren und kĂŒsste mit spitzen Lippen deren Fingerspitzen.
Anschließend lĂ€chelten mich die beiden etwa gleichaltrigen Frauen an.
„Mittwochs“, sagte Sarah und warf ihre blonden Haare in den Nacken, „mittwochs fange immer ich an. Donnerstag ist ihr Tag.“ Und sie nahm ihre Mitbewohnerin in den Arm, kĂŒsste sie auf die nackte runde leicht gebrĂ€unte Schulter, begann ihr die bloßen Arme zu streicheln und strich mit dem HandrĂŒcken, als geschehe es ohne jede Absicht, ĂŒber deren Brust.
Sarah lĂ€chelte ihr JungenlĂ€cheln und sah mich fragend an. „Warum mögen MĂ€nner Frauen gern bei der Liebe zusehen? Warum?“
Ich zuckte leicht mit den Achseln und spĂŒrte meine Erregung. „Es macht irgendwie besonders geil!“
Die Dunkelhaarige nickte. „Warum?“
Wieder zuckte ich mit den Achseln. Die beiden Frauen unterbrachen ihre ZĂ€rtlichkeiten und sahen mich an. „Wir können es dir sagen!“ Die blonde Sarah legte den Arm um die Schulter ihrer Mitbewohnerin und offensichtlichen Geliebten. „MĂ€nner sind Techniker. Meinen uns mit besonders raffinierten Liebestechniken zu immer höheren Höhepunkten bringen zu mĂŒssen. Technik ist nicht alles, Georg. Sie gibt den Rhythmus vor. Aber Rhythmus zerhackt die Zeit. Die Melodie lĂ€sst mitschwingen.“
Und sie begann leise zu summen, wurde lauter und streichelte wieder die nackte Schulter der dunkelhaarigen Sarah. Die summte mit, sagte schließlich leise, Rhythmen zerhacken die Zeit, Melodien tragen, wer liebt will tragen und getragen werden.“ Und dann fiel sie wieder in das Summen ihrer Liebhaberin ein.
Die gab mir einen Kuss auf die Wange, summte mir ins Ohr, fuhr mir mit der Hand durch mein Haar und raunte schließlich ihrer Geliebten zu: „Er wird glauben, verstanden zu haben. Aber er wird beim Rhythmus bleiben. Er ist ein Mann.“
Die beiden ließen unter Streicheln voneinander ab und prosteten mir mit Rotwein zu. Wir tranken in aller Ruhe schweigend eine Rotweinflasche leer, dann baten mich die Beiden, sie allein zu lassen.

Heute Morgen erwachte ich in meinem Appartement aus traumlos tiefem Schlaf. Am Nachmittag traf ich Sarah im CafĂ© Sielmann. Und da Donnerstag war, lĂ€chelte sie nicht, wie Jungen lĂ€cheln, sondern umarmte mich zur BegrĂŒĂŸung. Sie hatte mir bereits ein großes StĂŒck Marzipantorte bestellt, trug einen engen diesmal hellgrĂŒnen Pullover und lud mich ein, am Abend mit in ihre Wohnung zu kommen.
„Es wird nur eine Sarah da sein.“ Sie begann leise zu summen. Und als ich mitsummen wollte, traf ich den Ton nicht.
„Komm trotzdem“, sagte sie lĂ€chelnd. „Heute ist Donnerstag und morgen beginnt der Herbst.“

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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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