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Leselupe.de > Erzählungen
Sawatzki, der DDR-Millionär
Eingestellt am 29. 08. 2006 09:09


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HFleiss
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Ich habe eben Mumpsens "Gefängnis2" gelesen, und da fiel mir ein, dass ich mal zum selben Thema eine Geschichte geschrieben hatte, noch in der DDR. Ich will sie euch nicht vorenthalten, obwohl sie thematisch ein bisschen überholt ist. Habe sie bloß ein bisschen überarbeitet, auch, damit ihr erfahrt, um welche Typen es sich handelte, die mit § 48 Bekanntschaft machen mussten in dem Unrechtsregime DDR. (d.A.)


Sawatzki, der DDR-Millionär

Achim Sawatzki war Schweißer und erst seit kurzem im Betrieb. „Ein guter Schweißer“, sagte schnaufend Brigadier Poppi gerade, den alle so nannten, weil er zweihundertfünfzig Kilo wog, aber flink wie ein Wiesel durch die Werkhalle flitzen konnte. Mal hier nach dem Rechten sehen, mal dort, auch mal einen Kollegen zusammendonnern. Poppi war beliebt und gefürchtet.

Parteisekretär Niebergall grinste. „Immer?“

„Na ja“, Poppi rieb sich die Nase. „Nich immer. Aber immer öfter.“

„Lass den Witz. Hat er Fehlstunden?“

„Hm, ja. Gestern. Aber er holt alles nach. Schuftet wie der Gottseibeiuns. Heute.“

Niebergall schwieg. Die Anweisung, sich um Sawatzki zu kümmern, war von der Werkleitung gekommen. „Keinen Kollegen zurücklassen, schon gar nicht den Sawatzki.“ Keine dankbare Aufgabe und mit wenig Aussicht auf Erfolg bei diesem Typen. Niebergall hatte keine Ausrede gewusst und die Patenschaft für Sawatzki übernehmen müssen.

Jetzt erkundigte er sich bei Sawatzkis Brigadier, wie der sich so mache in der Brigade, wo es klemmte und ob er die nächsten drei Wochen in Urlaub gehen könne und danach den Sawatzki noch im Betrieb vorfinden würde.

Sawatzki kam aus Rummelsburg. Ein halbes Jahr Knast, wegen asozialen Verhaltens. Saufereien, Prügeleien, mehrmals die Arbeit geschmissen. Vor einem Monat erst entlassen. Das nächste Mal drohte ihm mehr als ein halbes Jahr, Sawatzki wusste das. Die DDR duldete nicht, dass einer unter die Räder kam, und nun sollte er, Niebergall, ausgerechnet er, dafür sorgen, dass der verluderte Kerl nicht rückfällig wurde. Sawatzki war nicht der einzige in Poppis Brigade, der wegen dieses Delikts aus dem Knast kam. Gottseidank aber, Niebergall hätte beinahe ein Kreuz geschlagen, als er daran dachte, lief es mit den anderen gut. Wenn auch Poppi hinter seinen Leuten stand, alles erzählte er seinem Parteisekretär nun mal nicht.

„Denk dran, ich mache Urlaub. Und wenn was ist, musst du allein klarkommen, Poppi.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Niebergall.

Als Niebergall nach den drei Wochen Heiligendamm gleich am ersten Morgen zu Sawatzkis Brigade ging, mit gemischten Gefühlen zwar, aber ausgeruht und braungebrannt, war gerade Frühstückspause.

„Morgen, Kollegen.“ Niebergall stand in der Tür, abwartend, das Schlimmste befürchtend, Sawatzki saß nicht mit am Tisch, er war nirgends zu sehen.

„Hau dich hin!“ Poppi machte eine einladende Geste. Niebergall setzte sich auf den Rand der Bank, die anderen waren ein bisschen zusammengerückt. Er sah Poppi fragend an: „Und? Wo ist er? Der Sawatzki?“

„Nie sollst du mich befragen.“ Poppi grinste. „Wo schon? Frag den da oben.“ Er wies an die Decke des Frühstückskabuffs.

Eddi, den Niebergall vom Sehen kannte, schon seit Jahren im Betrieb, guter Dreher, ein bisschen wirr im Kopf, was den Klassenstandpunkt betraf – Eddi saß neben ihm und buffte ihn in die Seite. „Schwein gehabt.“

„Wer? Was?“

„Na, der Sawatzki. Riesenerbschaft. Aus’m Westen. Den seine Alten hatten im Westen so eine Firma von Ickweeßnichwat, kieken sich jetzt die Welt von unten an. Und die hat er jeerbt. Verstehste?“

Niebergall verstand nichts. „Und da“, plötzlich begriff er, „und da glaubt das Arschloch, er muss nicht mehr arbeiten?“

„Schnellmerker.“ Eddi buffte noch einmal. „Muss er doch nich. Hat doch ausjesorgt. Oder? Verträgt sich wohl nich mit deiner sozialistischen Moral?“

„Seit wann ... Seit wann ist er denn nicht mehr im Betrieb?“

„Müsste ich nachsehen. So zwei Wochen etwa.“ Poppi wollte aufspringen, Niebergall winkte ab. „Hat noch nicht mal gekündigt, einfach den nächsten Tag nicht mehr aufgetaucht. Und ich wüsste auch gar nichts von seinem Glück, wenn ich ihn nicht neulich im Ochsen getroffen hätte – hackevoll. Sehr freigiebig, aus vollen Händen, der Sawatzki. Der Ochse war proppenvoll, und die ganze versoffene Mannschaft ließ sich vollaufen auf Sawatzkis Kosten. Da hat er mir die Story erzählt von seinen Alten. Kriegt aber im Monat nur zwei Mille West und kann nur im Intershop oder Genex einkaufen. Na, so viel Schwein müsste unsereiner haben. Der rubelt die Knete um, eins zu zehn, sagt er, und lebt wie Jott in Frankreich. Seitdem isser Tag und Nacht blau wie drei Maate im Rettungsboot. Nur den Skoda, den kriegt er nich aus’m Shop, sagt er. Er is nich fahrtüchtig, haben die Bullen gesagt, weil er gefragt hat, wegen dem Führerschein.“

„Tja.“ Niebergall war ratlos. „Aber er hat doch die Auflage, die Arbeitsplatzbindung. Da ist er doch gleich wieder drin.“

„Bei so viel Moos?“ Eddi grinste. „Da jeh ick jerne mal in’n Knast.“

Niebergall wollte gehen. „Na denn, gutes Frühstück. Und macht nicht so lange Pause.“

Poppi stürzte ihm auf dem Gang hinterher. „Warte mal. Also, da ist noch was. Gestern kam Besuch, von der Staatsanwaltschaft. Wird wohl wieder was im Busche sein mit Sawatzki. Wirst ja hören. Gib mir dann Bescheid. Interessiert mich, wie einer in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat mit so ein paar Millionen West zurechtkommt. Ob er dann überhaupt noch ackern muss. Ich spiel Lotto, weeßte?“

Niebergall versprach es. Na, die Neuigkeit haute ihn um. Er hatte versagt, sie werden ihm ordentlich den Kopf waschen. Kein Zuckerschlecken, wenn einer in der Partei war. Wenn was gut war, die Brigade mal ihren Plan erfüllte, waren es die anderen, wenn aber nicht, war es die Partei. Die Partei, die Partei hat immer Schuld. Und wo ein Genosse war, war die Partei. Er war Genosse, sogar ein exponierter, und er hatte versagt.

Sawatzki bekam diesmal zwei Jahre. Niebergall erfuhr es hintenrum, nicht offiziell als ehemaliger Pate. Aus der „Berliner“. Zwei Jahre. Zwei Jahre vertanenen Lebens. Niebergall seufzte. Poppi musste das lesen, gerade war wieder Frühstückspause.

Poppi las selbst. „Na, das ist doch ...! Der Sawatzki! Der Hurenbock!“

Eddi riss Poppi die Zeitung aus der Hand und stürzte sich auf die kleine Meldung.

„Der Sawatzki“, Eddi hob warnend den Finger und blieb todernst dabei, „ich sage euch, wenn er so weitermacht, kann er seine Millionen noch nicht mal ausgeben. Und Kinder hat er nicht. Dann kriegt der Staat den Geldsegen. Na, die legen es doch tatsächlich drauf an hier in diesem Hurenstaat.“

„Scheiß DDR, wat?“ Niebergall buffte ihn in die Seite.

(1987)



















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