Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87725
Momentan online:
201 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Scharlachrot schwarz
Eingestellt am 15. 11. 2000 08:53


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
Kommentare: 81
Die besten Werke
 
Email senden
Profil


"Hast du Vertrauen zu mir?" fragte er sie.
"Ja", sagte sie.
Er ├Âffnete eine Schublade und holte einen scharlachroten Schal heraus.
"Du kennst mich erst seit gestern", gab er zu bedenken.
Sie l├Ąchelte. "Ich wei├č", hauchte sie nur. Dann verband das Scharlachrot ihr die Sicht zu einer schwarzen Nacht.
Sie f├╝hlte sich bei der Hand genommen und gef├╝hrt. Sie sp├╝rte den k├Ârnigen Schmutz auf der Stra├če. Das Echo der Stadt, wie akustisch aufgemalt auf den hohen H├Ąuserw├Ąnden. Sie konnte sie zwar nicht sehen, jedoch schrien sie sich wie W├Ąnde einer Schlucht zu vielen Seiten empor. Sie h├Ârte und f├╝hlte das Profil der rollenden Motoren, roch ihren ├Âligen Atem, wie er sich aus ihren eisernen Lungen st├Âhnte und sich entfernte.
Sie belauschte im Vorbeigehen das Geschw├Ątz der Passanten und das Kichern, wenn sie deren Augen auf den ihren, scharlachrot blinden sp├╝rte. Das spielende Gejauchze und Gequieke junger Kehlen. L├Ąchelnd erriet sie ihre Spiele und h├Ârte, da├č viele von ihnen wundersch├Âne, dunkelbraune Augen haben mu├čten.
Er lie├č sie sich behutsam auf etwas couchig quietschendes setzen, das schon einmal na├č und dann vom Staub der Stra├če getrocknet worden war und springfederrund an ihrem Ges├Ą├č dr├╝ckte. Und immer war da seine z├Ąrtlich haltende Hand bei ihr.
Sie roch die H├Ąuserecken und die Bordsteinkanten, schmeckte den dunstigen Sonnenschein und den Autodachtau. Sie verzog und r├╝mpfte ihren Geruch und freute sich, ihndoch nun endlich kennenzulernen.
Die T├Âne, in die sie gef├╝hrt wurde, wurden bald gr├╝n und rauschend. Um sie herum pfiff und sang es. Es kr├Ąchzte, kratzte und schubberte. Er lie├č sie warten und brachte ihr die sch├Ânsten Ger├╝che und F├╝hlbarkeiten. Mal roch es braun und weich, mal alt und dumpf, mal jung und frisch. Flatterndes Fl├╝geln und zwitscherndes Ger├Ąuschgewimmel stob umher wie ein Schneeflockenwind und blies ihr die Sch├Ânheiten ins Gesicht.
Oft entfaltete er ihre Hand f├╝r ein Etwas, das zerrieselte und pl├Âtzlich fort war. F├╝r ein anderes Etwas, das glatt ihre Finger umlief oder umkroch oder umkribbelte oder weich oder behaart oder flink oder langsam war.
Er stellte ihr R├Ątsel. Fragte sie, welche Farbe dieser Duft, welchen Namen dieses Gef├╝hl habe.
Da war ein kribbeliges, fein gepudertes Gelb, ein splitterndes Braun, ein flaumiges, federleichtes Wei├č und ein breites, feuchtes, springendes Gr├╝nbraun. Und einmal gab er ihr etwas Schwarzes, Beeriges, K├Ârniges zu schmecken.
Er brachte ihr so viel. Ihre Nase war bald vollgesogen, ihre Haut war stellenweise ein gro├čfl├Ąchiges Kribbeln. Und sie sp├╝rte den Schwarm von Schmetterlingen und Hummeln in ihrem Bauch, wenn sie die haltende Hand in der ihren dr├╝ckte.
Sie lauschte der beginnenden Nacht. Wie sie sich in aller Munde verabschiedete und sich hier und da der m├╝den Welt verschlo├č. Und wie ihre Schritte ├╝ber den Gehweg trotteten.
Er hat seltsame Schritte, dachte sie. Sie klangen so, als g├Ąben sie sich selbst Antwort, wobei sie sich gegenseitig in ihre Stimme trampelten.
Es war sehr schw├╝l. Sie roch den metallischen Geschmack dunkler Wolken ├╝ber sich. Es grollte erst nur ein bi├čchen, und f├╝r einen Moment glaubte sie, die Welt scharlachrot erleuchtet zu sehen, als mit einem Male kalt und eisig kleine Stellen auf ihr explodierten und sich krachende Schleusen ├╝ber ihnen ├Âffneten.
Und sie lachte. Sie h├Ârte sich laut und ├╝berschwenglich lachen.
"Warte", sagte sie da und hob ihre H├Ąnde an sein Gesicht. Sie f├╝hlte seine Stirn und den Haaransatz. Eine Nase, gerade und nicht zu lang. Die kleine, schmale Rinne unter den Nasenl├Âchern, die sie zu den Lippen f├╝hrte. Seine Lippen, die sie gerne ...
Doch die sich jetzt seltsam verkniffen anf├╝hlten. Sie merkte ihre H├Ąnde umschlossen und ganz kurz nur gek├╝├čt.
"Du wei├čt doch, wie ich aussehe", lachte seine Stimme und versagte f├╝r einen kurzen Moment, machte ein k├╝nstliches Ger├Ąusch, um sich wieder zu befeuchten und machte einen Scherz, ├╝ber den sie lachte.
Er f├╝hrte sie springend und spritzend durch die Pf├╝tzen, die die Stra├čen hinter ihren Augen wie zerplatschende Spiegel schm├╝ckten. Und der niederfallende Regen durchn├Ą├čte das scharlachrote Tuch, machte sie ├╝bergl├╝cklich weinend.
Die T├╝r wurde ins Schlo├č gezogen.
"Hast du immer noch Vertrauen zu mir?" fragte die Stimme bei ihr.
"Mehr denn je", fl├╝sterte sie liebevoll und f├╝hlte sich zu Boden gezogen. Hart und glatt war der und ein kaltes Fiepen streifte sie an der Seite.
"Hast du Hunger?" h├Ârte sie sein lockendes Fragen und wurde sich in diesem Moment dem s├╝├čen Duft gewahr, der sie unter ihrer Nase liebkoste. Erdbeerig bi├č sie zu und war begeistert von der S├╝├če.
Und es kam Marmelade, Schokolade, Wurstiges und Orangendurstiges, K├Ąsegeobstes und Honigbrot, Eier, Rohe und Gekochte. Doch keinen Senf, kein Fett und Zwiebelverbot, weil sie's nicht mochte.
Zum Schlu├č nur noch Honig. Vom Finger. Und dann ... von seiner Zunge. Und es schmeckte ihr ... oh, wie schmeckte es ihr. Als sie pl├Âtzlich zusammenfuhr.
"Was war das?"
"Was denn?"
"Da war ein ... Grunzen. Von dort."
"Es ... tut mir leid ...", sagte er nur.
"Das warst du?"
Seine Stimme z├Âgerte. Sie lauschte, ob das Grunzen immer noch da war.
"Ja ...", sagte seine Stimme endlich. "... Ich konnte nicht anders ... Ich wollte das nicht ... Es tut mir leid."
"Das macht doch nichts", l├Ąchelte sie blind, obwohl sie nicht genau wu├čte, was er meinte.
Sie tastete nach seinem Honigfinger. Befreite diesen von dem Rest seiner s├╝├čen Last. Und dann tat seine Zunge es der ihren gleich. Von ihrem Finger. ... Von ihrer Haut.
"Bist du dir auch sicher, da├č du mir vertraust?" fragte seine Stimme ganz nah bei ihr. Die Pause, die in dem Schweigen entstand, lie├č es in ihrem Bauch flimmern. Es dauerte. Dann sp├╝rte sie sich nicken und fragte sich, ob sie wirklich nicken wollte.
Sie wurde aufgehoben. Das machte ihr Spa├č. Behutsam wurde sie in weichen Pl├╝sch und Daunenkissen gelegt. Z├Ąrtliche Finger nestelten an ihrer scharlachroten Blindheit und heilten sie von ihr. Doch zeigte die Heilung keinen Unterschied. Es war stockdunkel in dem Zimmer. Angenehme bedrohliche Finsternis, in der sie nicht einmal Schatten erkennen konnte.
Sie sp├╝rte warme, noch leicht klebrige Ber├╝hrung auf ihrer Kleidung, ihren Verschl├╝ssen, ihrer kribbelnden Haut.
Sie sp├╝rte, wie sich sein Tasten leicht feucht anf├╝hlte, suchte, griff und sehnte. Eine Zungenraupe zw├Ąngte sich ihr in den irritierten Mund. Sie schmeckte glatt und hart, weich und verspielt beweglich. Doch sie schmeckte nicht s├╝├č ...
Schade, wie schnell Geschmack vergehen kann.
Sie sp├╝rte diese Raupe in sich und sie sich in ihm. Und doch fragte sie sich, ob sie richtig sei. Sie h├Ârte und roch Atem und war sich gar nicht mehr sicher. Es war ein Gemisch aus schwerem Schaben und rotwundem Rauch. Ihre H├Ąnde ber├╝hrten kurze, krausgebogene Haare auf dicker, schwei├čfeucht riechender Haut. Ber├╝hrten, und trauten sich erst nicht.
Die kauende Raupe lie├č von ihrem empfindlich und reich benervten Ohrl├Ąppchen ab und war pl├Âtzlich fort.
"Wo bist du?" fragte sie in die Dunkelheit.
"Ich bin hier", sagte seine Stimme in der Entfernung eines halben Zimmers. Ger├Ąuschlos, nur von ihrem Instinkt wahrgenommen, war er pl├Âtzlich wieder da.
H├Ąnde umgriffen ihre Gelenke. Banden sie einzeln an etwas geschliffen H├Âlzernes. Z├Ąrtlich, jedoch unnachgiebig. Und sie glaubte an scharlachrote Schleifen.
Sie sp├╝rte die K├Ąlte von Stahl, die ihr f├╝r einen Augenblick das Blut gefrieren lie├č und dann vorsichtig den letzten Stoff an ihr zerschnitt.
Warm und feucht waren seine H├Ąnde. Wohlig warm seine N├Ąhe und wundervoll einf├╝hlend und z├Ąrtlich seine Ber├╝hrungen. Sie geno├č nun die Dunkelheit, in der ihr ihre Erinnerung sein Gesicht ├╝ber das ihre zauberte. Wie er die Augen geschlossen hatte. Seinen Mund leicht ge├Âffnet, um den kratzigen Atem ├╝ber ihr zu ergie├čen. Leise st├Âhnend. Zu ergie├čen. Seine Haare. Kitzelten sie.
Die feuchte Raupe kroch ├╝berall an ihr. Sie liebte ihren Weg und gab sich ihr hin. Sie ├Âffnete sich ihr und hinter ihren Augen entflammten die Farben.
Wenn sie seine K├╝sse in ihrem Mund sp├╝rte, wenn sich diese Raupe in ihr wand, versuchte sie ihm auszuweichen. Ihre H├Ąnde wollten ihr behilflich sein, doch erinnerten sie sich nun ihrer gefesselten Unbeweglichkeit. Sie wollte seine Stirn, sein Gesicht, alles an ihm ihre K├╝sse kosten lassen, seinen ganzen K├Ârper dort in der Finsternis mit ihnen ├╝berdecken und sich f├╝r alles, f├╝r die ganze momentane Lust bedanken. Doch lie├č er sie nicht. Sie hielt es f├╝r ein Spiel und kicherte. Doch sein Ausweichen wurde immer vehementer. Er lie├č keinen ihrer K├╝sse an sich heran. Verwirrt gab sie auf.
"Was ist denn los?" seufzte sie zu dem, was sich da ├╝ber ihr und in ihr im Akt bewegte und vernahm es pl├Âtzlich wieder, jenes Grunzen, das dort st├Âhnte und nun wilder wurde. Viel wilder. So wild, wie sie es nicht wollte.
"Du tust mir weh", brachte aufkommende Angst aus ihr heraus. "H├Âr auf."
"Du solltest kein Vertrauen zu mir haben", sagte da seine ruhige Stimme. St├Âhnengetrennt von dem wilder werdenden Grunzen ├╝ber ihr. Und immer noch ein halbes Zimmer von ihr entfernt. Seine sch├Âne ruhige Stimme, die das, was sie sah, zu bedauern schien.
Da h├Ârte sie sich schreien.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 28
Kommentare: 280
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Die langsame, aber unaufhaltsame Zerst├Ârung des m├╝hsam aufgebauten Idylls. Am Anfang Poesie, am Ende die Ern├╝chterung, hier: der Schrecken. Fantastisch.
__________________
Die H├Âlle sind wir selbst.

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!