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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Schattenspiel
Eingestellt am 25. 08. 2008 14:18


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kata
One-Hit-Wonder-Autor
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Nur ein paar Monate war Anna mit einem Uhrmacher verheiratet, mit einem blassen Mann von kleinem Wuchs, der au├čer Uhren nichts weiter im Kopf hatte. F├╝r alles andere war er zu tr├Ąge und desinteressiert, denn nur seine tickenden Uhren besa├čen f├╝r ihn wirkliches Leben, hatten eine gewisse Lebendigkeit in sich: ein Leben voller Melodie und pr├Ąziser Harmonie.

Viele Ehefrauen sind zufrieden und ohne Mysterium, ausgef├╝llt von hausfraulicher Sorgen und gesellschaftlichen Belangen. Nur zwei Wochen lang war Anna in Gregor verliebt; sie hatte nicht gewu├čt, wie schwer es war, wirklich zu lieben. Liebe l├Ą├čt sich nicht kaufen, alle wirklichen Werte lassen sich nicht kaufen, es gibt zwar einen k├Ąuflichen Genu├č, doch keine k├Ąufliche Liebe.

F├╝r Anna bedeutete die Ehe, wie sich herausstellte, etwas Lebloses und Bedeutungsloses. Und diese Langweile f├╝hrte zum Abbruch jeglicher Beziehung. Sie f├╝hlte sich mehr tot als lebendig. Ha├čte Anna M├Ąnner? Ihr Vater Markus und ihr Mann Gregor sorgten lediglich daf├╝r, da├č sie sich nach ihrer wirklichen weiblichen Identit├Ąt fragte.

Eines Abends, als sie in ihren bescheidenen Heim wortlos nebeneinander sa├čen und sie das Gef├╝hl hatte, platzten zu m├╝ssen, stand sie wie ein Soldat auf, streckte die Brust raus und sagte mit unterdr├╝ckter Erregung zu Gregor: „ Mein lieber Schatz, ich kann dein bleiches und schweigsames Gesicht nicht mehr ertragen, deinen Spielzeug von Uhren ebensowenig. Es ist keine verr├╝ckte Weiberlaune, wenn ich dir sage, da├č du nie anders werden kannst, und ich werde ebenfalls nicht versuchen, eine andere zu werden. Unsere Musik stimmt einfach nicht mehr, und ich kann mich nicht daran erinnern, da├č sie jemals gestimmt h├Ątte. Ich glaube, ich werde dich verlassen.“
„Tu, was du f├╝r richtig h├Ąltst“, erwiderte er desinteressiert und ohne sie ├╝berhaupt zu verstehen, mit gesenktem Kopf und ohne jeden Gesichtsausdruck.
„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“
„Ich hatte nie was zu sagen und habe mich deswegen auch nie beklagt. Ich bin gut besch├Ąftigt, und du bist eine wundervolle K├Âchin. Nie wollte ich mehr vom Leben“.
Anna sprang auf. Hysterisch war ihre Erwiderung: „ Und was ist mit mir? Wo bleiben meine Bed├╝rfnisse, meine Befriedigung?“

Aufgew├╝hlt vor Wut begann sie mit seinem feinen Werkzeug rumzuschmei├čen, weil sie wu├čte, da├č ihm das weh tun w├╝rde. Ruhig stand Gregor auf und sammelte seine kleinen Schraubenzieher vom Boden auf. Je mehr sie um sich schmi├č, desto eifriger sammelte er seine Siebensachen und war anscheinend nicht bereit, den Streit fortzusetzen. Statt dessen fing er, an wie ein kleiner Hund zu wimmern, und Tr├Ąnen zeigten sich in seinen hellblauen, w├Ą├črigen Augen. „Anna, bitte tu mir nicht weh!“ flehte er wie ein kleiner Junge, ver├Ąngstigt und unsicher. Auf allen vieren kroch er unter einen riesigen Holztisch und blieb, eine ganze Weile unter ihm, bewegungslos und mit starren Blick. Z├Ąrtlich begannen seine Finger die kleinen Werkzeuge zu streicheln, von oben bis unten, von unten nach oben.

„Du bist ein lebender Toter. La├č dich endlich begraben. Vergi├č deine Uhren und deine Utensilien nicht. Ich bin auf gar keinen Fall bereit, mich auch noch begraben zu lassen. - Hast du das verstanden Gregor?“ sagte sie in etwas sanfterem Ton zu ihm, w├Ąhrend sie ihren Koffer packte und sich umsah. Er schwieg die ganze Zeit. Reichtum w├╝rde sie nicht verlassen, blo├č ein sch├Ąbiges, muffig stinkendes H├Ąuschen, in dem sie sich nie zu Hause f├╝hlte. Sie hatte nicht mal eine einzige Erinnerung an dieses Haus oder an einen heiteren Abend mit Freunden in geselliger Runde. Das Haus vermi├čte Lachen und Unbeschwertheit, W├Ąrme und Musik, Liebe und Spontaneit├Ąt. Es vermi├čte herumtollende Kinder, zufriedene Lebenslust und eben alles, was ein Haus zu bieten haben sollte. Es vermi├čte Blumen und Geborgenheit, etwas Buntes und Verspieltes. In dem Haus waren kein Leben und kein Mittelpunkt zu finden, alles war trostlos, ohne den lebendigen Funken eines guten Feuers. Nun wollte sie das graue Haus verlassen und schnell vergessen, da├č sie jemals mit jemandem darin gewohnt hatte und da├č sie mit Gregor nur die ├╝ppigen Mahlzeiten geteilt hatte, sonst nichts. Mit dem auf einer Seite eingerissenen Koffer in der Hand sagte sie voller Erleichterung: „Lebe wohl, Gregor! Versuche, gl├╝cklich und lebendig zu werden!“.

„Anna, ich vermisse dich jetzt schon!“ erwiderte er mit zittriger Stimme.
„Nein, Gregor, du wirst nur das regelm├Ą├čige Essen um drei vermissen, sonst nichts. Denn au├čer den Teller und womit er jeden Tag gef├╝hlt war, hast du sowieso nichts anderes bemerkt. Nicht meine Laune, nicht mein Aussehen, rein gar nichts. Ich war ein Drei-Uhr-Schatten f├╝r dich, eine Bedienung, die jeden Tag p├╝nktlich um drei wie eine Uhr zu schlagen anfing. Ein armseliger Blinder bist du: Ich bin erst dreiundzwanzig, f├╝hle mich aber neben dir wie achtzig. Leb wohl, Gregor!“

Die undichte T├╝r fiel ins Schlo├č. Anna war fort. Sie drehte sich nicht um, wu├čte aber, da├č Gregor ihr vom Fenster aus, mit seinem Blick folgte, mit dem traurigen, verlassenen Blick eines unreifen Kindes, dem in diesen Augenblick etwas beraubt wurde. Das Kind hat es auch zugelassen, beraubt zu werden, das Kind in Gregor konnte nicht anders, es war nichts Mutiges vorhanden in ihm, nur Melancholie und Gleichg├╝ltigkeit.
„Schade, Anna, es war sch├Ân mit dir zusammen zu speisen“ dachte Gregor ernsthaft und laut vor sich hin und widmete sich wieder der Reparatur seiner Uhren.
Das Graue wurde noch grauer.
Durch die stillen Stra├čen strich ein frischer, k├╝hler Wind und lie├č alle Spuren verschwinden.

In Anna reifte schon seit l├Ąngerem ein Wusch: Sie wollte nach Australien auswandern. Da g├Ąbe es keine Langeweile, glaubte sie fest. A├čen Adam und Eva im Paradies von der verbotenen Frucht aus Langweile? Erschlug Kain den Abel, weil dieser ihn langweilte? Auch Religion war f├╝r Anna langweilig. Das Beten ├╝brigens auch. Sie konnte sich nicht vorstellen, eines Tages ein Bed├╝rfnis nach Religion zu empfinden, denn diese war f├╝r sie etwas ├ťberfl├╝ssiges, als ob sie meinen w├╝rde: “Mit Religion sind die Dinge so – und ohne sie sind sie genauso. Nichts ├Ąndert sich.“ Die gleiche Meinung hatte sie ├╝ber Politik.

Als sie klein war, mu├čte sie zur Beichte gehen. Da war sie aber noch ein braves M├Ądchen. Um nicht von sich reden zu m├╝ssen, erfand sie manchmal S├╝nden, die sie gar nicht begangen hatte. So stellte sie jedesmal den Geistlichen zufrieden, mu├čte aber bereuen und viele Gebete an die Muttergottes und an den heiligen Joseph richten. Da sie aber nichts B├Âses getan hatte und nichts zu bereuen brauchte, tat sie nichts von dem, was der Priester ihr aufgetragen hatte. Aus Langweile und wegen Mangels an Liebe verlie├č Anna ihren gleichg├╝ltigen Mann und w├Ąhlte eine neue „Kunst“ des Lebens. Sie war K├Âchin vom Beruf, arbeitete tags├╝ber in einer Kaserne. Jeden Tag nach der Arbeit ging sie etwas „pummeliger“ als zuvor nach Hause. Um das Geld f├╝r die Reise zu sparen, stahl sie Lebensmittel und band sie fachm├Ąnnisch um die H├╝ften. Die R├Âcke wurden sowieso zu breit f├╝r ihre schmale, knabenhafte Figur. Das Leben ist etwas so Einfaches und es ist keine besondere Anstrengung n├Âtig, um es zu erlernen. Jeder lebt auf irgendeine „Weise“, und man sieht das Leben als etwas an, das jeden berechtigt, sich als Lebensk├╝nstler zu bezeichnen. Ja, das Leben ist Kunst, die wichtigste, vielf├Ąltigste und schwierigste, die der Mensch auszu├╝ben vermag. In der „Kunst“ des Lebens ist der Mensch „K├╝nstler“ und ist gleichzeitig der „Gegenstand“ seiner Kunst.

Anna wollte ihre anderen Seiten zeigen. Als Abwechslung vom Job f├╝hrte sie, was niemand auch nur h├Ątte ahnen k├Ânnen, ein Doppelleben. Am Rande der Stadt lag ein kleines Hotel, das gegen Bezahlung jedermann geh├Ârte und in dem es jeden Abend eine neue Vorstellung mit st├Ąndig wechselten Protagonisten gab. Anna wurde eine Hure. Nicht aus Leidenschaft, nicht aus Trotz. Sie w├Ąhlte diesen billig-glitzernden Arbeitsplatz nicht, um begehrt zu werden; nein, das Geld zog sie magisch an.

Das traurige ist, da├č Geld kompromi├člos alle L├╝gen und jeden Selbstbetrug verdeckte. Wie man das Gewicht des eigenen K├Ârper tr├Ągt, ohne es zu f├╝hlen, so bemerkt man nicht die eigenen Fehler und Laster, sonder nur die den anderen. Daf├╝r aber hat jeder am anderen einen Spiegel, in dem er seine eigenen Laster, Fehler, Unarten und Widerlichkeiten jeder Art deutlich erblickt. Allein, meistens verh├Ąlt er sich dabei wie jener Hund, der gegen den Spiegel bellt, weil er nicht wei├č, da├č er sich selbst sieht, sondern meint, es sei ein anderer Hund.

Welches war ihr heimliches Motiv, das ihre Handlung rechtfertigen k├Ânnte? Nicht jeder Mensch hat ein Gewissen. Viele haben ihre Seele in der Welt des Geldes, der Maschinen und des Mi├čtrauens verloren; und immer wieder machen sie nerv├Âse, gequ├Ąlte und b├Âse Gesichter; sie sind es, deren Seele nicht zufrieden ist. Es sind nicht immer die Schwachen und Armen, die krank werden und die F├Ąhigkeit zum Gl├╝ck verlieren. Auch die Guten leben in ihren Angsttr├Ąumen und verletzen sich selbst.

Anna war in einer streng katholischen Dorfgemeinde zu einer naiven, aber auch eigenwilligen jungen Frau herangewachsen. Dieses naive Leben aber war l├Ąngst vorbei. Alle Skrupel hatte sie abgelegt, das Geld stand im Vordergrund. Die ├Âffentliche Moral war ihr nicht besonders wichtig, es ging ihr darum, f├╝r sich den besten Weg zu finden. In besagtem Hotel traf sich alles, was Geld und Lebenslust hatte. Anna brauchte das weite Spektrum der Menschheit; es war nicht sch├Ân, was sie machte, es war nicht angenehm und vor allem nicht bequem. Die Wahrheit tr├Ągt selten ein sch├Ânes Kleid, tut sehr oft weh, verwirrt und ist unlogisch. Das Leben ist wie ein wilder Ritt. Die Wilden fressen einander, und die Zahmen betr├╝gen einander, und das nennt man den Lauf der Welt. Jemand sagte einmal: „Die Moral ist f├╝r Sklaven geschaffen, f├╝r Wesen ohne Geist“. Wer war dieser Redner?

Annas Irrweg war offensichtlich. Doch auch wenn sie den Respekt vor sich selbst verloren hatte, k├Ąmpfte sie vielleicht trotzdem jeden Tag um ein gl├╝ckliches Leben. Ihre Darstellung war etwas Besonderes. Sie nannte sich k├╝nstlerisch Fatima und arbeitete nur verschleiert, sozusagen inkognito. Als Novizin hatte sie ein Trainingsprogramm absolviert und f├╝hlte sich mit ihrem noch robusten Gem├╝t offenbar schnell wohl in dieser neuen Welt.

Anna wollte nicht wie ihre Mutter werden, nicht jedes Jahr schwanger sein und sich auf einem Bauernhof zu Tode schuften. Schnell mu├čte sie an ihr Ziel kommen. Australien wartete. Es war ehrlichste und eintr├Ąglichste Arbeit, die sie bisher gemacht hatte. Und bewu├čt w├Ąhlte sie die neue Arbeit, sie war keine zw├Âlf, keine f├╝nfzehn mehr und keiner zwang sie dazu. Als Lehrling der Lust betrachtete sie dies als eine reine Gesch├Ąftsbeziehung ohne jede Intimit├Ąt; und sie sah sich nicht als armen, bemitleidenswerten Opfers der Gesellschaft.
Wie sah ihr Alltag aus? Wie denkt, f├╝hlt und lebt man als Hure? Welche Emotionen bewegen sich da? Gibt es welche? Kannte Anna ├╝berhaupt Gef├╝hle und Sinnlichkeit, oder lie├č sie sich einfach nur passiv treiben wie in einem Traum, also im Zustand v├Âlliger Unbewu├čtheit und apathischer Regungslosigkeit?

Ein Pakt mit dem Teufel war geschlossen. Nun wurde ihre Seele verkauft. Die Verdammnis war vielleicht mit einem Gef├╝hl der Hoffnung verkn├╝pft, der Hoffnung auf Erl├Âsung, die Anna sich zu erreichen einbildete, wenn es ihr gelingen w├╝rde, Australien zu sehen. Immer wenn Anna f├╝r das angenommene Geld etwas bieten sollte, versetzte sie sich in eine andere Welt, in eine andere Geschichte und versuchte, alles in Musik zu verwandeln. Sie war regelrecht auf der Flucht, und ihr Weg f├╝hrte sie immer nach Australien, in weite Landschaften voller Gegens├Ątze. Sie fliegt in einem Luftballon ├╝ber T├Ąler und Berge, dreht sich neugierig nach allen Seiten, wobei unbekannte in ihr schlummernde Leidenschaften geweckt werden, saugt alles in sich auf, was sich bewegt und nicht bewegt, sp├╝rt jedes Lebewesen unter der glitzernden Sandoberfl├Ąche und schaut regelm├Ą├čig in die lodernde Flamme ├╝ber ihrem Kopf, um Vergleiche mit diesem hei├čen Gasfeuer zu ziehen. Wie das Feuer lebendig ist, so f├╝hlt auch sie sich lebendig und voller Kraft und wird eins mit dieser einmaligen, atemberaubenden Landschaft. Wenn es Gott nicht g├Ąbe, man m├╝├čte ihn erfinden, aber die ganze Natur ruft uns zu, da├č er existiert. Nicht Anna - Voltaire sagte das.

Ein anderes Mal, um fleischlichen Begierden zu entfliehen, stellt sie sich vor, sie w├Ąre eine Buschfrau, halbnackt, barfu├č, mit dunkler, bemalter Haut. Sie wandert mit anderen umher, lernt mit der Natur zu leben, lernt die Natur zu deuten. Sie ist eine Mutter, f├╝hrt ein kleines M├Ądchen an der Hand, und sie ist eine stolze Ehefrau, v├Âllig frei, bar jeder Konvention, durch kein modernes Gesellschaftsgesetz erfa├čbar, weit weg von jedem Klischee entfernt, von jeder trivialen Gewohnheit. Sie ist eine Nomadin, wechselt st├Ąndig ihre Behausung und Umgebung, ist ewig in Bewegung, und ihr Blick ist wach und auf die Sterne gerichtet. Da sind die Sterne eben anders als irgendwo sonst auf der Welt, denn da folgt sie ihrem eigenen silbernen Stern, unter dem sie sich nie gering f├╝hlen w├╝rde und unter dem es nichts zu bereuen g├Ąbe. Jeder Wanderer hat einen eigenen Stern, dachte sie, und diese Sterne sind miteinander verbunden und f├╝reinander verantwortlich. Und vor allem: Unter diesen Sternen gibt es keinen zwingenden Grund, mit sich selbst zu streiten. Sie wechselt ihre Rollen, je nachdem, wie sie gelaunt ist.

Ein Kunde ist in das nachtblau gestrichene Zimmer Nr. 8 eingetreten. Indirektes Licht f├Ąllt auf das breite Metallbett, das mit einem brokat├Ąhnlichen Stoff bezogen ist. Anna tr├Ągt einen wundersch├Ânes Gewand aus hellblauer Seide, das in mehreren ├╝bereinander fallenden Stoffbahnen flie├čend bis zum Boden reicht, ; ihr Kopf ist in einen Schleier geh├╝llt, so da├č man nur ihren Augen sieht, in denen sich Abscheu und Ekel verbergen. ├ťbrigens stammen die prachtvollen Kost├╝me von einer T├Ąnzerin, und da es hier nichts umsonst gibt, m├╝ssen sie „abgearbeitet“ werden. Die wundersch├Âne Fatima erblickt den kleinen Mann mit der Glatze und dem Ballonbauch, riecht seinen schwei├čigen K├Ârper, sieht die kalte Gier in seinen Glotzaugen, atmet zweimal tief durch - und befindet sich wieder auf der unausweichlichen Flucht. Etwas dr├╝ckt ihre Kehle fest zu, schreien will sie, einen Urwald will sie in sich sp├╝ren, aber die Schreie der verletzten Seele wollen nicht herausfliegen, stumm folgen sie den Geschehnissen.

Der Verstand wird zur Intervention gerufen, und es folgt eine tiefgr├╝ndige Frage: „Wer bin ich? Wer bin ich au├čer dem, was ich ohnehin von mir selbst wei├č?“ Wie eine kriechende Schlange entfernte sie sich in ihren Gedanken lautlos vom Schauplatz, als sie merkte, da├č der, nach Liebeslust hungernde Mann sich mit seinem schweren, stinkigen Atem ihr n├Ąherte. Sie ist nerv├Âs, ihr gelingt es nicht ihre Angst durch ein L├Ącheln zu ├╝berspielen. „Wer hat den hier reingelassen?“ denkt sie entr├╝stet. Seufzend rei├čt sie den Klettverschlu├č ihrer Haremshose auf und zeigte f├╝r den Anfang ein bi├čchen Bein. Die Witzfigur von Mann mustert sie, betrachtet ihre Augen und fixiert sie quer durch den Raum. Er und sie – die beiden einzigen im Raum, die stockn├╝chtern sind, und beide wissen was sie wollen. Und obwohl sich Anna bei der ganzen Sache ekelte und im Grunde zutiefst sch├Ąmte und am liebsten verkriechen wollte, sah sie in den Augen ihres „Arbeitgebers“ deutlich eine neugierige Frage: „Was machst du hier in diesem tr├╝gerischen Leben, wie kannst du es blo├č ertragen?“

Jeden Abend schwor sich Anna erneut: „Sobald ich in meinen breiten Rock und meiner wei├čen Bluse drau├čen auf dem B├╝rgersteig stehe, werde ich diese Nacht aus meinem Ged├Ąchtnis streichen, als h├Ątte es sie nie gegeben.“ Und sie hatte ein wenig Gl├╝ck, sie wurde nie bespuckt, beleidigt, verpr├╝gelt oder sonstwie mi├čhandelt. Trotzdem, Anna konnte nicht mehr in den Spiegel schauen, eine zarte, feminine und romantische Frau w├Ąre darin nicht zu sehen. Das Spiegelbild w├╝rde eine andere zeigen, eine, die wie Wasser aussieht, das weder Geschmack noch Farbe hat. Fr├╝her stand sie gern vor dem Spiegel und betrachtete ihr kupfergl├Ąnzendes Haar, ihre ehrlichen und vertr├Ąumten Augen, ihren Mund voller brillantwei├čer Z├Ąhne, ihren langen Hals und ihre kleinen aber festen Br├╝ste. Heute w├╝rde sie sich am liebsten f├╝r jeden Spiegel unsichtbar machen. Weiter auf der Flucht und aus diesem Moment heraus will sie heute einmal versuchen, in die Rolle einer Farmersfrau zu schl├╝pfen. Die Sonne strahlt mit so einer dr├╝ckenden Hitze, das man meinen k├Ânnte, sie wolle die Verdammten bestrafen. Kein bunter Vogel ist auf dem wolkenlosen Himmel zu sehen. Die Erde verbrennt, aber Anna ist gl├╝cklich. Sie ist wieder f├╝r ein paar Augenblicke weit weg, auf einem Plateau, wo nur starke ├╝berleben k├Ânnen. Zwischen sp├Ąrlichen B├Ąumen, die sich ├╝ber Durst nicht beklagen, zeichnet sich die Silhouette ihrer kleinen Farm ab, neben der ein riesiges Windrad hoch emporragt.

Anna tr├Ągt einen breiten Strohhut, einen sch├Ąbigen Karohemd aus Flanell, eine zerfranste Jeanslatzhose und Cowboystiefel. Sie ist gutgelaunt und pfeift vor sich hin, denn sie hat mehr als einen Grund, zufrieden zu sein. Ihre gro├če Schafsherde ist gesund, Wolle, Fleisch, Milch und K├Ąse bringen ihr einen beneidenswerten Gewinn. Keine Sorgen plagen sie, nur die Einsamkeit macht ihr manchmal zu schaffen. Nur selten entschlie├čt sie sich, weit entfernte Nachbarn zu besuchen. Stundenlanges Fahren macht sie wahnsinnig, und au├čerdem hat sie ja nie Zeit, sie arbeitet von fr├╝h bis sp├Ąt und ist regelrecht verliebt in den eigenen Schwei├čgeruch. Zugleich ist sie in ihre Selbstbest├Ątigung und Ausdauer, in ihren Mut, aber auch in ihre Dickk├Âpfigkeit verliebt. Was m├╝├čte geschehen, da├č sie zum Aufgeben gezwungen w├Ąre? Wie s├Ąhe ein solches Hindernis aus?

Tausende von Rollen und Ortschaften wechselten sich von ihren Augen ab. Nach Westen und Norden ist Australien durch den Indischen Ozean, die Timorsee und die Arafurasee begrenzt. Im Osten erstrecken sich K├╝stengebirge, die Blauen Berge und die Australischen Alpen. Weiter westlich befinden sich Victoria –und Gro├če Sandw├╝ste. Und, und, und….. Anna atmet nicht. Und trotzdem lebt sie. Sie ist eine Aboriginesfrau und wird besch├╝tzt von Eukalyptusb├Ąumen, mit ihren stark nach Pfefferminze duftenden blauen Bl├Ąttern und von Feuerpflanzen. Viele Freunde gewinnt sie auf ihrer Reise: Beuteltiere, Koalas, K├Ąnguruhs. Soviel Pracht und Sicherheit auf dem kleinsten Erdteil auf der s├╝dlichen Halbkugel! Nicht mal vor den S├╝mpfen m├╝├čte sie Angst haben oder sich von ihnen bedroht f├╝hlen. Nur ihre Gegenwart, irgendwo in Europa, macht sie ├Ąngstlich. In ihren Abenteuern hatte sie nicht mehr diesen ekligen Geruch von fremden, dreckigen M├Ąnner in der Nase, hatte sie keine Angst versp├╝rt und keine Schmerzen der Seele und des K├Ârpers. Da war alles friedlich, alles duftete angenehm und frisch, und vor allem gab es keine erniedrigenden Erinnerungen, keine aufgezwungenen Grenzen und keine Zeit, in der man nur zu funktionieren hat, in der man nur ja sagen mu├č, ohne Widerrede und ohne Widerstand. So lernte Anna fliegen. Emu und Kiwi w├Ąren bestimmt neidisch auf sie. Mit diesen Bildern vor Augen war sie zu Hause. Da, wo sie sich jetzt befindet, war nur ihr K├Ârper anwesend, ein K├Ârper, der wie ein St├╝ck Fleisch behandelt wurde. Aber das Innere geh├Ârte ihr; nicht nur der Magen, die Leber, die Galle, da war noch etwas, wo das wirkliche Leben stattfand: in Tr├Ąumen, Illusionen, Vorstellungen und in ihrer Phantasie.

Das war ein nicht sichtbarer Abdruck ihres Wesens. Der Gedanke, keine Heimat mehr zu haben, war unertr├Ąglich in dem Sinne, da├č sie in ihrer Heimat keine Liebe fand, Liebe, die sie n├Ąhren k├Ânnte und aus der sich nichts Trostloses ergeben w├╝rde. Und gerade in Australien gibt es mehr Fremde als Einheimische, in diesem Land, das so viele Menschen von zu Hause wegzulocken vermochte. So wie die Himmelswelt immer in Bewegung ist, so versucht auch der Mensch sich st├Ąndig fortzubewegen. Ein unruhiger Geist l├Ą├čt nicht zu, da├č es irgendwo lange aush├Ąlt. Die Menschheit ist st├Ąndig in Bewegung, und tagt├Ąglich ver├Ąndert sich etwas auf dieser weiten Erde. Das Wunderbarste dabei ist, da├č man von ├╝berallher den Blick zum Himmel erheben darf und da├č uns freisteht, Sonne und Mond zu betrachten, ihre Auf- und Unterg├Ąnge, das ganze Schauspiel, an dem wir so uners├Ąttlich h├Ąngen.

Solange uns das erlaubt ist, ist es doch unwichtig, wo wir stehen und wo wir hintreten. Nirgendwo auf der Welt mu├č man auf diese Bilder und diese Naturber├╝hrungen verzichten, und wenn wir in Freundschaft mit unseren Tugenden leben, dann wird jede elende H├╝tte sch├Âner sein als ein prachtvoller Tempel. So gesehen gibt es kein Exil, keine Verbannung, nur eben eine Reise. Und doch, ein unschuldiger Duft, der fr├╝her in der Welt war, ist verlorengegangen

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Kata

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kata
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Danke Dir sehr f├╝rs Lesen

Das Ende habe ich absichtlich offen gelassen.
Ob der Traum von Anna in Erf├╝llung gegangen ist, bleibt dem Leser ├╝berlassen

Einen sch├Ânen Tag
und lieben Gru├č

__________________
Kata

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