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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Schattenweg
Eingestellt am 02. 05. 2001 11:12


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Omar Chajjam
???
Registriert: Feb 2001

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Schattenweg

Goldbetupft mit Sonnenschein
ist noch der Weg.
Doch die HĂ€nde suchen schon
nach dem Geleit,
weil die Schattenbilder greifen
nach den Spuren
derer die voraus gegangen sind
durchs Tal.

Die Auffahrt greift in den Wald am Hang. Darunter glĂ€nzt der Fluß herauf, der seinen Weg in die Ebene sucht.

Das Taxi folgt den Serpentinen zur Pforte. "FrĂ€ulein, wir sind da!", sagt der Taxifahrer. Er ĂŒberlegt: "Was will die denn im Krankenhaus? Ist höchstens Mitte zwanzig. Hat ja einen scharfen Pulli an. Also, die HĂ€nde. Das ist nie ne Krankenschwester - eher ne Ärztin, angehend. Scharfe Frau. Aber nix fĂŒr AuslĂ€nder." Mehmed ist schon lange hier. Eigentlich wollte er Arzt werden. Das ist aber sein anderes Leben vor der Flucht gewesen. Jetzt ist er Taxifahrer und verheiratet. Kinder? Ja, auch die - drei. "Das auf dem Bild, FrĂ€ulein, das ist meine Frau und da sind die Kinder. Zwei Söhne." Sie hat die Fotografie ĂŒber dem Tachometer betrachtet.

Hier fĂ€hrt er oft her. Das Krankenhaus ist berĂŒhmt - ein orthopĂ€disches Krankenhaus - und die Passagiere nehmen immer das Taxi vom Bahnhof zur Klinik. Mehmed sprichtt mit ihnen. Er kennt die Geschichten der Kranken und die Namen der Ärzte. Aber mit jungen Frauen spricht man nicht.

Mehmet blickt in den RĂŒckspiegel. Sie hat langes, brĂŒnettes Haar, dunkelbraune Augen, ein schmales, blasses Gesicht, und ĂŒber den geschwungenen Lippen liegt ein selbstverstĂ€ndliches, belangloses LĂ€cheln. "FrĂ€ulein, wir sind da." Mehmed steigt aus, die Frau steht bereits neben ihm, drĂŒckt im die 15 Mark in die Hand. Aus dem Kofferraum reicht er ihr die kleine, braune Reisetasche. Sie ist hoch gewachsen. Mehmed muß zu ihr aufblicken. Gegen solche Frauen hat er eine unwillkĂŒrliche Abneigung, darum beeilt er sich, wieder hinter sein Steuer zu kommen. Eine kurze Weile blickt er ihr hinterher, wie sie durch die beginnende DĂ€mmerung zum erleuchteten Eingang geht. Er ist fasziniert von ihrem geraden Gang und dem Po, der sich unter der langen braunen Hose des Anzugs abzeichnet.

Die Patientin blickt auf das Kunstwerk auf dem gepflasterten Vorplatz. Eine Stahlschiene durchbricht eine Betonwand. Dahinter öffnet sich der Eingang, GlastĂŒren, GebĂ€ude, ockergelb, unter geschwungenen, gegliederten DĂ€chern. Die Fassaden bewahren die Zeiten, als die Welt noch ihre Ordnung hatte. Hier war vielleicht schon die Großmutter in Behandlung gewesen. Sie hatte sie nicht mehr kennen gelernt. Aber sie war an der Krankheit gestorben.

Was wird sie hier erwarten? Sie fĂŒhlt das Alter dieser WĂ€nde auf ihrer Jugend. Die EingangstĂŒren schließen sich hinter ihr mit einem leichten asthmatischen Ausatmen, befreit von dem Druck der Hebel, so als wollten sie nicht mehr hergeben, was sich einmal hinter sie geflĂŒchtet hatte. War es eine Flucht? Wirklich das? War es nicht vielmehr ein Abenteuer? Die Frage hatte sich schon in sie gebohrt, damals, als sie von ihrer Krankheit erfahren hatte.

Auf den Fluren warten Menschen. Es ist eine orthopĂ€dische Klinik, daher sieht man ihre Krankheiten, verbundene Arme und HĂ€nde, Menschen in RollstĂŒhlen, mit Drahtgestellen, mit Binden ĂŒber Schultern. Sie tragen ihre Krankheit wie AushĂ€ngeschilder vor sich her.
Der Blick der Frau gleitet hinĂŒber zu einem jungen Mann, der mit dem Bauch auf einer Art fahrbarem GerĂŒst liegt , dessen RĂ€der er mit den HĂ€nden antreiben kann. Die Arme sind nach hinten gekrĂŒmmt. Den Blick richtet er vor sich auf den Boden, aber er spĂŒrt die Augen der anderen auf seinem Körper, wie sie nach der Sensation tasten, hinunter, dort, wo einmal seine Beine waren. Er weicht den Menschen und Blicken aus und ist doch hier zu Hause. Denn er fĂŒhlt in den andern die gleichen Schmerzen, das gleiche Leiden.
Mit den Gedanken der anderen entsteht eine Gemeinsamkeit, die das Leben ertrÀglich macht.

Durch dieses geheime EinverstĂ€ndnis hindurch geht die Patientin, ohne es in dem von Desinfektionsmitteln gebleichten Gang zu spĂŒren. Sie fĂŒhlt sich nur einsam. Ihr Gesund Sein wehrt wehrt sich gegen die möglichen GefĂ€hrdungen, die dieser Ort ausstrahlt. Auch der schmerzende Punkt in ihrem Nacken beginnt sich aufzulösen.. Nur der Zwang der GesetzmĂ€ĂŸigkeit fĂŒhrt sie weiter hinein in das kalte Weiß, das hinter den psychologisierenden Farbspielen schimmert, die die Innenarchitekten wie eine Tarnkappe ĂŒber die WĂ€nde gelegt haben.

"Der Empfang? Links, den Wegweisern nach," deutet das MĂ€dchen am Schalter, lange, blonde Haare, Dauerwelle? - Nein, Natur. Aber warum trĂ€gt sie einen weißen Kittel? Muß sie das? Sie wirkt auf MĂ€nner. Die Gedanken an Paul wandern mit ihren Schritten zum Empfang. Paul, das hĂ€lt sie am Leben, das weiß sie. Da ist die Erinnerung an seine HĂ€nde, die ĂŒber ihren BrĂŒsten liegen, die Fingerspitzen, die in Spiralen sanft zu ihrem Schoß hinuntergleiten. Ihr Mittelpunkt dreht sich um diese Hand, bis der Schmerz durch sie hindurchgreift und sanft von ihm wegzieht und zurĂŒckfĂŒhrt in das Abenteuer.

Da sitzt sie, dem Empfang gegenĂŒber und hĂ€lt sich an dieser lĂ€cherlichen Modezeitschrift fest. Los lassen - Paul, das Zuhause, die kleine Wohnung. Wie alte Fotografien legt sie die Bilder zurĂŒck in das Album aus Erinnerungen.

Das Dach des Atriums faltet ĂŒber ihr die AbenddĂ€mmerung auf. Durch das Glas wird das Licht der untergehenden Sonne tausendfach gebrochen und fĂ€llt in mattroten Spiralen auf den Marmor. Weiße Metallrahmen trennen den Stein von der Erde. Die dĂ€mmernde Kunstwelt schließt sich vom Garten aus, der allmĂ€hlich zum Dunkelblau des Waldes ĂŒbergeht, durch den sie vorher mit dem Taxi gekommen war.

Sie ist aufgenommen.


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Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

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Der Kreis schließt sich um die Protagonistin und versinnbildlicht ihre Gefangenschaft.

Perfekt erzÀhlt.
Bin betroffen.

Bravo!

Liebe GrĂŒĂŸe
Chrissie
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

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Omar Chajjam
???
Registriert: Feb 2001

Werke: 83
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Ich empfand beim Schreiben den Abschluß nicht als Gefangenschaft. Wohl wars aber ein GefĂŒhl von Neugier und Traurigkeit.

Gruß
Omar

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