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Leselupe.de > Erzählungen
Schön, schön
Eingestellt am 09. 07. 2006 18:52


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Anna Marie
Routinierter Autor
Registriert: May 2006

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„So, Kinder, schaut mal alle her!“ Energisch klatschte Schwester Irma in die Hände. „Wir haben einen Neuzugang. Das ist die Marie. Sie ist vierzehn, geht ins Gymnasium und stellt euch vor ...“ Bei den folgenden Worten überschlug sich ihre Stimme fast vor Begeisterung:
„Sie hat lauter Einser im Zeugnis.“

Oh, bitte, Frau Heimleiterin, vielen herzlichen aber auch, der Neuzugang dankt. Du dumme Pute dürfstest soeben den Grundstein für eine Unzahl an wert- und liebevollen Freundschaften gelegt haben.

Erst hatte die kleine gelangweilte Meute vor mir nur gleichgültig auf mich geschaut, nun grinsten sie. Erfreut.
Ich konnte es ihnen nicht mal verdenken. Im Gegenteil. Ich spürte die fruchtbare Saat bereits aufgehen und grinste überheblich zurück. In der Hoffnung, dass genau das ankam. Keinesfalls dieses kläglich Nervöse in mir, das nicht einmal einer Sechsjährigen zur Ehre gereicht hätte.

Schließlich und endlich beruhte meine Aufnahme ins Kinderheim einzig und allein auf meiner eigenen Entscheidung und einem gebrochenen kleinen Finger.
Dieser, wie nun mal so üblich, führte mich ins Krankenhaus und von dort direkt weiter zu einer freundlichen Fürsorgerin, die die vom Arzt entdeckten Misshandlungswunden und meinen Geburtstag zum Anlass nahm.
„Du musst nicht nach Hause zurück, wenn Du nicht willst. Ab vierzehn darf man bei uns selbst bestimmen. Ohne Mitspracherecht der Eltern. Die Alternative wäre halt ein Heim.“

Ein Heim wäre mal was anderes. Ein Zuhause. Ein richtiges. Nicht nur ein Essen, Schlafen, Arbeit, Punchingball Dasein.

Nun, da war ich. Das Haus war groß und beherbergte 5 gemischte Kinder-Jugendliche-Gruppen, jeweils betreut von einer ausgebildeten Erzieherin, genannt Tante und einer Gruppenhelferin, auch „Tante“. „Meine“ hieß Erna. Insgeheim nannte ich sie Ernsta.
Sie nahm alles ernst. Die Kinder, die Pflege des Gruppenraums, das Essen und meine kleinen Verfehlungen. Die besonders.
„Marie, wenn du abends noch einmal Hunger bekommst, musst du es mir sagen. Du darfst dir nicht einfach noch ein Brot holen. Wenn das jeder machen würde!“

Wenn das jeder machen würde, was dann? Wären wir wohl in Bälde brotlos? Oder was?

„Okay Tante, ich frag dich das nächste Mal.“

Und danke fürs Nichtschlagen.

Natürlich fragte ich nicht, das nächste Mal. Schließlich, so nahm ich an, hätte das ihre Geduld wohl überstrapaziert, denn ich holte mir jeden Abend still und leise, wenn die Kleineren längst schliefen, noch zu essen. Meine Heimlichtuerei war nicht böse gemeint, es war wirklich so, wie ich es gerade beschrieben habe. Ich hätte es lästig gefunden, wenn Tag für Tag die gleiche Frage an mich gestellt worden wäre. Es hätte mich gereizt.
Wütend sollte sie nicht auf mich werden, die Ernsta. Man konnte nie wissen, wie ein wütender Mensch reagierte, man konnte nicht einmal wissen, welch Art von Wut ein Mensch besaß. Zumindest nicht bei solchen wie Ernsta. Die so korrekt wirkte. Und nett. Ja nett. Irgendwie schon. Ihr entging nichts. Das war auch ein Vorteil. Schrieb man zum Beipiel gerade seine Hausübung und war auf der vorletzten Seite angelangt - Schwups, sie sprang schon auf, runter ins Sekretariat, wo der Kasten mit den Schulbedarfsvorräten stand und holte ein neues Heft. Wenn ich auf der vorletzten Seite schrieb, dachte ich nie daran. Immer erst bei der letzten. Und da nicht bevor der Stift die untersten Zeilen bekritzelte. Ich weiß nicht, war ich so komisch oder was, ich nahm immer wieder an, und ich beschrieb viele Hefte während meiner Schulzeit, das könnte sich noch ausgehen mit dem Aufsatz oder der Mathehausübung. Notfalls konnte man auch den Heftdeckel vollschreiben. Oder einen Zettel dazulegen. Oder im Schulübungsheft weiterschreiben. Oder kleinere Schrift ausprobieren. Oder so. Mir fielen da viele Möglichkeiten ein. Die offensichtliche meist zuletzt. Wenn ich überhaupt soweit kam mit meinen Überlegungen und Ernsta nicht schon die Stiege runterklackte in ihren Hausschuhen, die Clogs hießen und Holzsohlen besaßen. Passten nicht zu ihr und ihrer ansonsten faden Kleidung. Rock und Pullover. Immer. Meist Faltenrock. Dunkelblau oder beige braun gemustert oder schwarz. Wobei schwarz noch die aufregendste Farbe war. Fand ich halt. Egal. Warum ich mir soviele Gedanken um sie und über sie machte, lag nicht zuletzt daran, dass sie für Wochen eine der wenigen über zehn war, die mit mir sprach.
Von den Gleichaltrigen eigentlich nur Silvia. Silvia, die Anführerin der Jugendlichen, war groß für ihr Alter, trug ihr brünettes Haar kurzgeschoren und sagte manchmal: Depperte! zu mir. Aber nur so im Vorübergehen. Es ergab sich nichts weiter daraus. Mir fiel nie eine Antwort ein. Recht hatte sie. Aus ihrer Sicht. Gymnasium und Bestnoten machten einen wahrlich beliebt.
Dummerweise nicht bei Silvia. Auch nicht bei Rainer, Thomas oder Gerlinde. Der Rest der Gruppe fiel unter Kinder. Der Jüngste war drei, ein kleiner, wuzzelnder Wonneproppen und Liebling der Tanten. Mich mochte der auch. Besonders, wenn er mal in Ruhe sein Geschäft in die Windel bringen wollte. Da hockte er gerne neben mir. Da war’s am ruhigsten.
„He, du Stinker, verzieh dich!“ „Tinka!“ lachte Benny und blieb.
„Alles klar, bei dir, kleiner Düngemittelfabrikant?“ – „Klaaaaa!“ Weil sein Mund grade offenstand, schob er sich die Nuckelflasche rein. Und Stille. Benny war echt süß.
„Malie blööööd!“ gehörte zu seinen Lieblingssprüchen.
„Ja, Benny ich bin blöd. Du auch. Deshalb sind wir hier. Aber weißt du was, du Schlaumeier? Nein, das weißt du sicher nicht. In Wirklichkeit bin ich gar nicht blöd. In Wirklichkeit bin ich gar nicht da. Gelt, das glaubst du nicht. Du siehst mich und die anderen glauben mich zu sehen. Doch das ist nur sowas wie eine Fata Morgana. In Wirklichkeit bin ich längst gestorben. Tot! Ich bin ein Geist. Huuuuuh!“
Keine Ahnung, warum der Bennytropf und immer öfter auch die anderen Kleinen mir gerne zuhörten. Ich erzählte nur solchen Blödsinn. Ich war ein Gespenst, eine Hexe, eine Schurkin, die manchmal unwiderstehliche Lust auf zarte Ärmchen von Kleinkindern hatte, am liebsten gebraten und Ähnliches. Sie guckten betroffen, verschreckt, sie rannten heulend zur Tante und am nächsten Tag schienen sie meine Bösartigkeit vergessen zu haben und standen wieder vor mir. Begierig auf Neuigkeiten aus der Hölle. Und da fiel mir ein, ich könnte ihnen doch von mir Zuhause erzählen.
Immer nur Gruselgeschichten, das wurde mir selbst langweilig.
„Melly, Benny, könnt ihr euch noch an eure Mama erinnern? Oder du, Niko?“
„Mama!“ wiederholte Benny und zeigte auf Tante Ernsta. Dummkopf der!
„Meine Mama holt mich bald hier ab.“ sagte Melly. Hach, war die wirklich schon sieben?
Niko war sechs und sagte nichts. Gut so!
„Meine Mama sucht mich.“ begann ich ernst. „Aber sie darf mich auf keinen Fall finden. Wollt ihr wissen, warum?“ - „Jaaaa!“
„Also, passt auf und hört gut zu. Ich brauche nämlich eure Hilfe. Alleine schaff ich das auf Dauer nicht.“


„Hast du noch Keks?“ – „Selber Keks, Melly, ja, hier, gib Ruh, hör zu!“
„Heh, der Jakob nimmt soviel, der frisst uns alles weg!“
„ Jakob, meine Mama würde dich echt lieben. Könntet ihr euch jetzt mal alle was reinschieben von dem Schokokrümelzeug? Die Geschichte von meiner Mama, die hat’s nämlich in sich, das glaubt ihr nicht. Also, die Frau sieht aus, ganz normal, vielleicht sieht eine eurer Mamas ihr sogar ähnlich. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall hat sie einen Mann. Den Papa.“

„Mein Papa hat eine Honda. Da darf ich mal mitfahren.“

„Cool! Meiner nicht. Dafür hat meine Mama nicht nur den einen Mann. Die hat noch einen. Und der wohnt in ihrem Kopf. Das ist vielleicht einer. Die meiste Zeit merkt man den gar nicht. Da schläft er wahrscheinlich. Aber so zwei- dreimal am Tag wacht er auf. Dann schreit er. ‚Gib der Marie Süßes!’ schreit er. Ganz laut. Das merkt man gleich, weil dann meine ruhige Mama anfängt, mit dem Kopf zu schütteln. Zuerst nur ein bißchen. Aber der Mann schreit sehr laut. Dann schüttelt sie ihn etwas heftiger. So nach links, kurz Stop, Mitte, Stop, rechts. Sie denkt, das haut ihn um und er wird still, weil er auf’s Maul fällt. Vielleicht.
In Wirklichkeit macht es ihn natürlich wütend. Kann man sich gut vorstellen, wer will schon geschüttelt werden, nicht? Jedenfalls macht es seine Stimme seltsam schrill und er ruft sehr böse ‚Jetzt mach schon. Gib der Marie Süßes! Gib der Marie Süßes! Die muss Süßes essen. Dalli, dalli!’, sodass die Mama kleine Augen bekommt. Und wenn man genau reinschaut, sieht man darin das Böse vom Mann.
Ihr versteht sicher, dass sie jetzt zum Schrank geht und Süßes rausholt.
Der ist immer recht gut gefüllt, der Schrank. Weil meine Mam beim Einkaufen schon weiß, der Mann wird sich melden. Und sie will immer gut auf alles vorbereitet sein.
Deshalb kann sie jetzt einen ganzen Berg rausholen an Naschereien. Gummibären, Lollis, gefüllte Waffeln, Nussschokolade – apropos Nussschokalade: Seht ihr, da, in meinem Mund. Ist euch das schon aufgefallen?“

„Ja, dir fehlen vorne die Zähne!“
„Keine Sähne!“

„Eben. Das kommt von den verdammt harten Haselnüssen. Am Anfang mochte ich die Nussschokolade recht gerne, da aß ich so viel und so oft davon, da musste was passieren. Eines Tages biss ich auf so eine harte Nuss. Da schaut, die fehlen nicht, die sind nur ein Stück abgebrochen.“

„Iiiiiiiiiiiiiiiiih!“

„Na und. Wie findet ihr meine Nase? Verbogen? Platt? Gelt, sieht aus wie von einem Cowboy, der gern rauft und schlägt. Aber bei mir kommt’s vom Naschen. Da fiel ich hin, weil soviele Zuckerl auf dem Boden herumkullerten. Weil mir das Sackerl zerissen ist. Ich hatte aber keine Zeit die aufzuheben. Die Mama brachte gerade Marsriegel. Und die musste ich ihr gleich abnehmen.“

„Mir ist noch nie was passiert beim Süßigkeiten essen!“ warf Jakob kauend ein.

„Wart’s ab. Du siehst zwar aus, als ob du drei Kilo täglich verspeist. Aber, soviel kriegst du nie. Aber ich. Ich kriegte oft soviel, dass ich zwischendurch kotzen musste, um wieder Platz zu schaffen.“

„Kotzmarie!“
„Haha, Kotzmarie!“

„Nein, wirklich! Was hätte ich denn sonst machen sollen. Anders konnte ich meiner Mama nicht helfen. Und den kleinen Mann nicht beruhigen. Der sah nämlich zu. Der kroch ein Stück aus ihrem Ohr und verfolgte das Geschehen. Wehe, wenn wir uns widersetzt hätten. Der hätte solange im Kopf meiner Mam gewütet, bis sie durchgedreht wäre.“

„Blöde Geschichte!“
„Blöde Marie!“
"Blödmarie! Kotzmarie!"

„Wartet, die Geschichte ist noch nicht aus. Heh! Hallo!“

Die Kekse hatten sie alle aufgegessen.

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jon
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Davon hätte ich gern mehr …
Auch wenn ich – allerdings ganz unbegründet – das Gefühl habe, es nicht mit einer 14-Jährigen zu tun zu haben.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Anna Marie
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Danke, jon! Das motiviert mich sehr, weiter zu schreiben.
Nein, es erzählt keine 14-Jährige, sondern eine Erwachsene über ihr Leben damals. So soll es zumindest rüberkommen.
Grüße, A.

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GabiSils
???
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Ich schließe mich an; vor allem wüßte ich gern, wie es Marie weiter ergeht. Du schneidest da eine Menge Probleme an, fast zu viele für so ein kurzes Stück Text, in ausführlicherem Kontext könntest du sicher noch manches vertiefen.

Der Schluß ist klasse: weder verlogenes Happy-End noch weinerlich, einfach nur: So ist es.

(Vielleicht magst du ins Erzählungsforum damit?)

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Anna Marie
Routinierter Autor
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Danke für Dein Interesse und Dein Lob, Gabi!
Ins Erzählforum? Wenn Du meinst, das passt? Mich schüchtert die Qualität dort ein bißchen ein :-)

LG, A.

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Kein Grund, eingeschüchtert zu sein. Gute, lebensnahe Texte wie dieser sind immer lesenswert. Der Ton ist nicht "literarisch", aber das finde ich erfrischend

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