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Leselupe.de > Erzählungen
Schöner Vogel Jugend
Eingestellt am 13. 01. 2003 17:29


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Ankurei
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2002

Werke: 7
Kommentare: 1
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Gitti hat sich mal wieder gemeldet. Früher konnte man uns Busenfreundinnen nennen, doch in den letzten Jahren lief nicht mehr viel zwischen uns, was man gemeinsame Interessen nennen könnte. Gitti war schon immer leidenschaftliche Mutter, während ich glücklich und zufrieden bin, das Thema Kindererziehung längst hinter mir zu haben. Jetzt ist Gitti vollauf damit beschäftigt, sich für ihre Enkel aufzuopfern, ich hingegeben mache drei Kreuze, noch keine präsentiert bekommen zu haben.

Im Laufe unseres Gesprächs erzählte Gitti von ihrer neuesten Leidenschaft, der Psychotherapie. Woche für Woche legt sie sich auf die Couch eines begnadeten Therapeuten und lässt sich in den Tiefen ihrer Seele rumwühlen, um anschließend wie frisch gebadet ihrer Wege zu ziehen. Momentan wird mit ihrer Kindheit abgerechnet, die, wie Gitti mir immer wieder versicherte, die glücklichste und unbeschwerteste war.

Unser Gespräch will nicht aus meinem Kopf verschwinden. Das geht jetzt seit Tagen so, und ich weiß schon vor dem Zu-Bett-Gehen, dass es mich wieder stundenlang beschäftigen wird, bis ich endlich einschlafen kann. Imaginär liege auch ich auf einer Therapeuten-Couch und werde wie eine Zitrone ausgequetscht. Warum, wieso, weshalb. Müsste es nicht umgekehrt sein? Soll der Kerl mir doch sagen, woher meine Höhenangst stammt, warum ich vor jedem Flug Angst habe, aus welchem Grund ich mehr Phobien als Hobbies habe. Ganz sicher habe ich nicht vor, mir hinter die Fassade sehen zu lassen, doch ist mir klar, es käme mehr dabei heraus, als mir lieb ist.

„Bei Muttern schmeckt’s am besten“. Ha, angefangen mit diesem Satz, den man immer wieder zu hören bekommt und mit dem ich beim besten Willen nichts anzufangen weiß. Die Küche meiner Mutter überlebt zu haben, ist sowieso das Allergrößte. Gekocht hat sie, steht außer Frage, aber ihr war stets anzumerken, wie ungern sie das tat.

Wenn ich meine Eltern heute als Raffkes bezeichne, ist es sicher zutreffend. Mein Vater führte viele Jahre ein Restaurant, das so viel abwarf, aus uns eine wohlsituierte Familie zu machen. Ich wurde in eine Privatschule gesteckt und von katholischen Nonnen erzogen, obwohl ich meine Eltern zu gegebenen Anlässen auf Knien bitten musste, endlich mal an meiner Seite in der Kirche zu erscheinen. Mutter kam dann im schicksten Kleid, dem man ansah, wie teuer es war, doch bei näherer Betrachtung, wenn sie sich z.B. bückte, entdeckte man hinten die ausgeleierte Sicherheitsnadel, die sie regelmäßig benutzte, um zu weite Kragen in den Griff zu kriegen. Ganz besonders peinlich wirkte sie im Sommer, wenn Sandalenzeit angesagt war, in denen man ihre dreckigen Fußnägel sah. In Grund und Boden habe ich mich geschämt und immer öfter Ausreden erfunden, um sie von mir fern zu halten.

Die Schulzeit war zum kotzen. Es gab sogar zu Hause noch eins auf die Mütze, als bekannt wurde, wie ich von einer der Nonnen behandelt wurde. Schläge waren zwar an der Schultagesordnung, doch die absolute Härte stellte für mich der Tag dar, an dem Schwester Gerburg ihre Geige auf meinem Kopf zertrümmerte und den Schaden bei meinen Eltern anmeldete. Noch heute bin ich stolz darauf, mit 14 klammheimlich aus der Kirche ausgetreten zu sein, weniger stolz jedoch, viel zu früh geheiratet zu haben, natürlich, um dem Elternhaus zu entkommen.

Hatten wir mal Gäste oder wurden selbst von Freunden oder Verwandten eingeladen, achtete meine Mutter stets darauf, einen möglichst großen Zuhörerkreis um sich zu versammeln, bevor sie von den Untaten ihrer Putzfrau berichtete, wie diese undankbare Frau zu faul war, Mutters Haare aus der Bürste zu klauben. Glücklich war sie, wenn die Gesprächspartner ebenfalls von den Missetaten ihrer Putze zu erzählen hatten.

Vater hat sich aus der Erziehung insofern herausgehalten, als dass er sich nur um mich kümmerte, wenn es mal wieder um schlechte Zeugnisnoten ging. Das lief so ab, dass er mir blitzschnell einige Fragen, z.B. mathematische, stellte, die ich so gut wie nie beantworten konnte, so wie ich mich in die Enge getrieben fühlte. Quittiert wurde das mit Stubenarrest und nochmals Stubenarrest.

Ich hatte niemals Großeltern, weiß nur, dass sie irgendwann vor meiner Geburt gestorben sind, jedoch nicht den Grund. Darüber wurde auch nie gesprochen, so als müsse ein Familiengeheimnis gewahrt werden. Es hieß manchmal, wenn man mich mal wieder maßregeln musste, dass die Eltern meiner Eltern mit Sicherheit anders durchgegriffen hätten, um mich in den Griff zu kriegen. Es gibt kein Patentrezept, das Eltern über Nacht zu erfahrenen Erziehern macht, doch habe zumindest ich mich bemüht, bei der Erziehung meines Kindes nicht die gleichen Fehler zu begehen, wie meine Eltern bei mir. In diesem Zusammenhang denke ich insbesondere an das tägliche Drama am Esstisch. Da konnte ich mich noch so abmühen, um Fett vom Fleisch oder Wirsing von der Suppe zu trennen. Letztendlich wurde die Ausbeute nämlich gnadenlos in den geleerten Teller geschoben, und es hieß: „Du stehst nicht eher auf, bis aufgegessen wurde“. Mein Ekel war dermaßen groß, dass ich es glatt bis zum nächsten Tag am Tisch hockend ausgehalten hätte, wäre meine Mutter nicht so gnädig gewesen, mich ins Kinderzimmer zu sperren, mit Teller versteht sich, um mich dort so lange schmoren zu lassen, bis Gras über die Angelegenheit gewachsen ist. Vor jeder Mahlzeit hieß es deshalb von ihr: „Versau mir bloß nicht wieder das Mittagessen“.

Meine Eltern prahlen bis heute damit, noch immer verheiratet zu sein, obwohl sie es seit über 50 Jahren sind. Mit einem Kompliment von mir können sie nicht rechnen, wenn ich dran denke, wie sie sich sogar in meinem Beisein gefetzt haben und es mitunter sogar zu Handgreiflichkeiten kam. Ihre Auseinandersetzungen fanden erst ein Ende, nachdem sie mich miteinbezogen haben, d.h., mein Vater stürmte urplötzlich in mein Zimmer, durchwühlte Kleiderschrank und Spielzeugkiste, schmiss mir mal ein Stofftier, mal die Schulmappe an den Kopf und machte mich dafür verantwortlich, wie meine Mutter das Geld aus dem Fenster schmeißt.

Für meine künstlerische Begabung wurde ich in der Schule mehrmals gelobt. Ich hatte Spaß daran, zu zeichnen und ließ meine Eltern daher wissen, dass ich mir zum nächsten Geburtstag Malutensilien wünsche. Eines Tages wurde ich von meiner Mutter am Tisch überrascht, als ich Bleistiftskizzen auf ein Blatt Papier zauberte. Der Kommentar meiner Mutter: „Dir schenke ich noch mal Malzeug. Meinst Du, der Stift kostet nichts, den Du so leer kritzelst?“. Von diesem Tag an habe ich zu Hause nie wieder gemalt.

Ja, meine Freundin Gitti. Sie vertraut ihre Seele einem Psychologen an, ich dem Papier.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo ankurei,

ich bin der meinung, daß dein text keine kurzgeschichte ist.
sprachlich/orthographisch erfreulich in ordnung, ist es doch vom inhalt her etwas schwach. etwas intensiver ausgearbeitet, mit verknüpfungen zwischen den einzelereignissen, ergäbe der plot eine treffliche erzählung.
das sind alles nur meine persönlichen meinungen, andere werden es möglicherweise anders sehen. da es für mich nicht ins kurzgeschichtenforum passt, werde ich auch nicht bewerten.

gruß

rainer

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Haselblatt
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2002

Werke: 2
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...kann ich dir, liebe Ankurei, und mehr als das.
Es ist immer wieder erstaunlich zu erfahren, dass es Menschen geschafft haben, trotz einer solchen Kindheit ein Leben abseits von psychotischer Überdrehtheit zu führen.
Schreiben kann in der Tat eine vorzügliche Therapie sein. Alleine schon zu wissen, dass irgendjemand zuhört und sich dazu Gedanken machen wird. Ob das jetzt eine "Erzählung" oder eine "Kurzgeschichte" ist, halte ich zwar für einen höchst interessanten und diskussionsschwangeren Formalismus, aber für dich als Schreiberin (und mich als Leser) ist das einigermaßen piep-egal, fürwahr. Dass du deine Sprache beherrschst, halte jedenfalls auch ich für ein sehr erfreuliches Zeichen. Nur weiter so!


__________________
Auf bald - Heimo B.
As long as you continue to do what you always did, you will continue to get what you always got. (Abraham Lincoln)

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