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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Schwarzgrell
Eingestellt am 11. 09. 2002 09:39


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Schwarzgrell

Die undurchsichtige Kapuze ├╝ber seinem Kopf st├Ârte ihn nicht so sehr wie der st├Ąndig in seiner Wirbels├Ąule stechende Zeigefinger des f├╝r ihn unsichtbaren Bewachers. Das eint├Ânige Tack-Tack ihrer Schritte, die durch einen imagin├Ąren Befehlshaber in einen perfekten Gleichschritt gezwungen wurden, pochte schmerzhaft in seinen Schl├Ąfen. Es schien, als w├╝rde dieser Gang niemals ein Ende nehmen. Als er sich zu fragen begann, ob er nicht vielleicht schon tot war und dieses in verh├╝llter Dunkelheit dahinmarschieren durch einen unendlichen Korridor etwa sein Fegefeuer bedeutete, riss ihn j├Ąh eine brutale Hand aus diesem Gleichschritt heraus. Diese Bewegung war einem gesprochenen Befehl gleich. Hart, heftig und Gehorsam erwartend. Sie war verlangend und drohend zugleich und der auf so schmerzhafte Art in die Wirklichkeit Zur├╝ckgeholte verstand sofort: Bleib stehen - r├╝hr Dich nicht - sonst..!

Er verfiel sofort in eine selbstsuggestive Starre. Er war ein Brett. Er war unbeweglich. Er war ein totes Monument, hier hingestellt f├╝r die Ewigkeit oder solange sein Sch├Âpfer ihn hier stehen lie├č. Sein Bewacher lie├č ein anerkennendes Grunzen h├Âren. Au├čer dem harten Tack-Tack der Schritte, dem leisen Knistern der Plastikjacke um seinen Oberk├Ârper und dem aus Schmerzen zusammengesetzten Gongschlag, erzeugt durch einen menschlichen Zeigefingerschlegel, der seinen K├Ârper als Glocke benutzte, war dies die erste Abwechslung in dem ihm endlos scheinenden Ger├Ąuschgang. Er sog diese Abwechslung als etwas Neues, Unbekanntes, gerade erst Entdecktes tief in sich ein, kostete es aus wie ein siebeng├Ąngiges Men├╝ im besten Restaurant einer Stadt, an deren Namen er sich nicht mehr erinnern durfte.

Sein K├Ârper stand still. Sein Geist dagegen gaukelte ihm die Fortf├╝hrung der bisherigen Bewegung vor. Bevor ihm dieser Zwiespalt zum Verh├Ąngnis wurde, drehte ihn die brutale Hand herum. Ein schwacher Lufthauch schwebte wie ein Geist ├╝ber seine rechte Hand. Dann stie├č ihn sein unsichtbarer Bewacher l├Ąssig nach vorne.
Er stolperte einige Schritte, blieb stehen, wartete wie gewohnt auf ein Signal, ein Zeichen, einen Befehl. Die Sekunden des Wartens dehnten sich wie Schwingungen in seinem Kopf. Doch je n├Ąher sie sich seinem Sch├Ądelknochen n├Ąherten, desto weiter wurde seine Innenwelt. Dieses sich N├Ąhern und doch nicht Erreichen lie├č ihn taumeln. Dieses Taumeln und doch nicht Fallen lie├č ihn auf eine Reaktion seines Bewachers warten. Dieses Erwarten und dann doch nicht Geschehende erzeugte in ihm eine langsam aufsteigende Angst, die sich, je mehr sie sich seinem Bewusstsein n├Ąherte, in eine Panik steigerte, die ihn nach Luft schnappen lie├č. Je schneller er atmete, desto weniger Sauerstoff erreichte seine Lungen. Den eingebildeten Erstickungstod vor Augen, riss er sich ohne nachzudenken die Kapuze vom Kopf.

Mit einem befreienden Schrei warf er sie weit von sich, nur um unmittelbar darauf beinahe wieder in denselben panischen Zustand zu geraten. Die undurchsichtige Kapuze hatte ihm eine begrenzte, endliche und dadurch begreifbare Schw├Ąrze aufgezwungen, nun verschwand sie ungesehen in einer unendlichen, von allen Seiten auf ihn einst├╝rmenden massiven Schw├Ąrze, deren pl├Âtzliche Existenz ihn ohne einen Laut in sich aufnahm. Aber etwas war anders.

Das Erkennen der Andersartigkeit brachte die wiederaufkeimende Panik und seine Vernunft in ein ausgewogenes Verh├Ąltnis. Er konnte wieder klar denken. Zum erstenmal seit, er ├╝berlegte, seit, seit, ach egal, jedenfalls seit seine Augen nichts mehr gesehen hatten.

Mit gro├čer Erleichterung registrierte er sein Alleinsein in diesem Albtraum und die Gewissheit, diesmal von niemandem einen Befehl zu erhalten. Vorsichtig ging er in die Hocke. Seine H├Ąnde tasteten ├╝ber einen ebenen Boden und mit einem zufriedenen Seufzen setzte er sich hin. Wer immer beschlossen hatte, ihm diese Minuten, dieses Erlebnis zu schenken, er war ihm zutiefst dankbar. Langsam, unendlich langsam lie├č er sich nach hinten sinken. Er schlief mit einem L├Ącheln ein.

Aufwachen! Nein, nicht aufwachen! Aufwachen! Auf dem Bauch liegend, den Kopf auf seinen Unterarmen gebettet, lauschte er seiner inneren Stimme. Mit freudigem Erstaunen registrierte er den von keiner Gewalt unterbrochenen Gedankenfluss. Hellwach, mit immer noch geschlossenen Augen, konzentrierte er sich auf die Welt au├čerhalb seines Bewusstseins. Doch da war nichts. Lediglich sein K├Ârperkontakt mit dem Boden verhinderte das aufkommende Gef├╝hl, in einem unendlichen Raum zu schweben. Was hinderte ihn also daran, fragte er sich, jetzt einfach aufzustehen und die Augen zu ├Âffnen? Seine Augen, die ge├Âffnet oder geschlossen bisher nur in ein absolutes Schwarz gesehen hatten, sahen durch die Haut seiner Lider etwas Helles. Jetzt, wo das so lange Ersehnte kurz bevorstand, begann er sich davor zu f├╝rchten.

Nach einer Weile holte er entschlossen tief Luft. Diesen Augenblick wollte er genie├čen, auskosten, sich und seinen Sinnen selber schenken. Mit immer noch geschlossenen Augen erhob er sich langsam, legte den Kopf in den Nacken und breitete beschw├Ârend die Arme aus. In der zur├╝ckliegenden Zeit der Dunkelheit und der Qualen hatte ihm sein Unterbewusstsein sch├╝tzend gelehrt, wie er die unz├Ąhligen miteinander verkn├╝pften Ebenen seines inneren Selbst vom Jetzt trennen konnte, um nur noch auf einer einzigen, der schmerzfreien Ebene zu sein. Mit einer leichten Handbewegung verscheuchte er die aufkeimenden Gedanken ├╝ber seine Folterer, die Dunkelheit, die Spritzen, die Verh├Âre. Er war bereit. Mit einem Jubelschrei ├Âffnete er weit seine Augen.

Wei├č! Blendendes Reinwei├č. Glei├čend, bohrend, brennend. Sein euphorischer Schrei verwandelte sich ├╝bergangslos in einen Ton des Entsetzens. Mit der Wucht des gesamten Universum prallte er in ein gl├╝hendes Zentrum komprimierten reinsten Wei├č, dessen ├╝berm├Ąchtige Masse sekundenschnell von seinem K├Ârper und Geist Besitz ergriff. Mit unbeschreiblichen Schmerzen prallten zuerst sein Ges├Ą├č, unmittelbar darauf seine Handr├╝cken und Schulterbl├Ątter gegen ein massives Hindernis.

Es dauerte lange, bis er sich auf seine einzige schmerzfreie Ebene und dadurch auf sich selbst konzentrieren konnte. Auf dem R├╝cken liegend registrierte er die durch den Aufprall gel├Ąhmten Arme und H├Ąnde, die deshalb seine stummen Befehle gef├╝hllos ignorierten sowie schwere Prellungen am Ges├Ą├č. Schlimmer, er hatte einen Schock erlitten, der ihm seine selbstsuggestive starre Haltung aufzwang. Gleichzeitig legten blockierte Nervenbahnen die Gesichts- und Beinmuskeln lahm. Schutzlos hatte er das unbehinderte Eindringen der wei├čgl├╝henden Strahlung durch seine weit aufgerissenen Augen hinnehmen m├╝ssen.

Nachdem er sich ├╝ber seinen Zustand im Klaren war, klangen die Schockwirkungen zwar rasch ab, doch die Intensit├Ąt des Lichts war selbst bei den nun wieder geschlossenen Augen noch unangenehm. Mit gro├čer Anstrengung schaffte er es, seinen Oberk├Ârper aufzurichten und sich mit seinen Beinen solange nach hinten abzusto├čen, bis er in seinem R├╝cken eine st├╝tzende Wand sp├╝rte. Die Arme hingen immer noch nutzlos an ihm herunter, doch ein leichtes Kribbeln in ihnen deutete er als ersten Hinweis auf den R├╝ckgang der Gef├╝hllosigkeit und L├Ąhmung. Die Knie in seine Augenh├Âhlen pressend, verharrte er solange in dieser Stellung, bis es ihm gelang, die Arme anzuheben und als zus├Ątzlichen Schutz gegen das anst├╝rmende Wei├č einzusetzen.

Trotz des flimmernden Wei├č nickte er immer wieder ein. Als er sich schlie├člich kr├Ąftig genug f├╝hlte, begann er seine Suche nach der weggeschleuderten Kapuze. Auf den Knien langsam an der f├╝r ihn unsichtbaren Wand entlangrutschend, tastete er jeden aus dieser Position erreichbaren Fleck ab. Bei der f├╝nften gez├Ąhlten Ecke beendete er seine ergebnislose Suche. Er hatte den Raum einmal umrundet und in dieser Zeit die wenigen Fakten geordnet, Schl├╝sse gezogen und nach einem Ausweg gesucht. Seufzend legte er sich wieder auf den Bauch, presste seinen Kopf in die Ecke, sch├╝tzte mit seinen Armen die Augen und schlief tats├Ąchlich ein.

Dank der antrainierten Disziplin in der Zeit der Dunkelheit bewegte er sich nicht einmal im Schlaf. Nach dem Aufwachen blieb er so liegen und gestand sich die Wahrheit ein. Entweder sie holten ihn irgendwann wieder hier raus oder er w├╝rde verdursten. Seit drei Tagen hatte er nichts mehr zu sich genommen, viel Zeit verblieb ihm also nicht.

Die Augen fest geschlossen lehnte er sich wieder mit dem R├╝cken an die Wand. So blieb er sitzen, Minute f├╝r Minute, Stunde f├╝r Stunde. Zun├Ąchst gr├╝belte er noch zielgerichtet. Doch je mehr Stunden vergingen, desto ├Âfter schweiften seine Gedanken ab. Bis er keine Kraft mehr besa├č, sie zur├╝ckzuholen. Sein Geist machte sich selbst├Ąndig. Ihm war es gleichg├╝ltig. Irgendwann sp├Ąter stellte er mit leichtem Erschrecken fest, schon l├Ąnger ohne Probleme mit offenen Augen dazusitzen. So wie er fr├╝her die Dunkelheit zu einem Teil seiner Existenz machte, f├╝llte diese L├╝cke jetzt die wei├če Lichtflut aus. Im Gegensatz zu seinen bisherigen Erfahrungen allerdings wurde er so allm├Ąhlich ein Teil dieser Umgebung.

Sein ungelenkter freier Geist entdeckte in dem glei├čenden Flimmern eine chaotische Ordnung, die ihn aufzufordern schien, in diesem Reigen mitzumachen. Satzgebilde wie Das unbewusst Wollende h├Ąlt das bewusst Seiende am Leben und Die Realisation kann nicht st├Ąrker als der urspr├╝ngliche Gedanke sein, da dieser bereits deren Grenzen bestimmt tauchten urpl├Âtzlich auf und nisteten sich in einer unbegreiflichen Ordnung bei ihm ein.

Seine Augen durchschweiften die Unendlichkeit der wabernden Helle, er ritt auf sonnenhellen Flimmerteilchen und pl├Âtzlich begriff er die Gesetze der chaotischen Ordnung. Voller Ekstase reihte er sich irgendwo ein, machte seine ersten Erfahrungen noch mit einer naiven Freude an dieser Form des Seins. Immer mehr identifizierte er sich als einen Teil davon, immer schneller lie├č er ├ťberholtes zur├╝ck. Mit einem orgiastischen Schrei, hier ein Abschied, dort eine Begr├╝├čung, ├╝berwand er die Grenzlinie. Unendlichfach h├Ârte er: WILLKOMMEN .


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