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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Seelenbild
Eingestellt am 25. 12. 2004 18:57


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Tochter des Ozeans
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2003

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Seelenbild


Und nun sitz ich hier. Alleine, vor meinem Malblock. Er ist gro├č, ich habe das gr├Â├čte im Gesch├Ąft angebotene Format gew├Ąhlt. Ich wollte Platz haben. Viel Platz; f├╝r mich, meine Gedanken und Gef├╝hle... Ich wollte mein Seelenchaos, meinen inneren Nordpol, der an die Sahara st├Â├čt, bildlich darstellen. Grobe, dicke Pinselstriche sollten ├╝berwiegen, federleichte Z├╝ge sollten im Hintergrund stehen. Mein Bild sollte den Betrachter erschrecken, er sollte die Hand vor den Mund legen und verwirrt zur├╝cktreten. Nein, mein Bild sollte nicht "leicht verdaulich" sein!
Ich wollte mit dem Pinsel in Farbe tauchen, ihn im Blau und Schwarz ertr├Ąnken und anschlie├čend mit Sonnenstrahlen gegen die bedrohliche Tiefe ank├Ąmpften. Das Gelb sollte das Dunkle nicht verdr├Ąngen. Es sollte k├Ąmpfen, dabei aber ganz klar der schw├Ąchere Spieler sein.
Ich wollte kein St├╝ckchen Papier durchschimmern lassen, das Blatt sollte sich mit Wasser voll saugen. Immer mehr Farbe wollte ich auf den Bogen klatschen, Zentimeterdick sollten die Farbschichten aufeinander liegen.
Der Rahmen steht neben der T├╝r. Ein neuer Glasrahmen, noch in Styropor und Plastikfolie eingepackt. Und mein Blatt ist leer. Wei├č. G├Ąhnende Leere.
Das Wei├č ist so wei├č, so leer, so hell - es ist aggressiv! Es kl├Ąfft mich an, bedroht mich fast.
Andererseits l├Ądt es mich ein, es zu gestalten. Schlie├člich ist es dazu da, bemalt zu werden.



Ich f├╝hle mich leicht, leicht wie eine Feder die vom Flussufer, an dem die Schwanenfamilie ihre Jungen vorf├╝hrt, ├╝ber die Fr├╝hlingswiesen, auf der erste Krokusse ihre K├Âpfe aus der Erde strecken, fliegt.



Besteht also doch noch Hoffnung? Werde ich doch etwas malen k├Ânnen? Gef├╝hle sind der Schl├╝ssel zum Unterbewusstsein, zur Seele - oder nicht?

Mutig nehme ich einen Pinsel in die Hand. Den Gr├Â├čten von allen, den mit den meisten und l├Ąngsten Haaren. Er hat keine Borsten, er hat Haare. Weiche Haare, die sich den H├Âhen und Tiefen des Untergrundes anpassen, ├╝ber den sie streichen. Schwanenfedern sind auch weich. Nicht alle, aber die kleinen.
Ich streichle mit dem Pinsel mein Gesicht, schlie├če dabei die Augen. Ein leichtes Kribbeln durchf├Ąhrt meinen K├Ârper, ich zucke zusammen und l├Ąchle. Noch einmal streiche ich die sauberen Pinselhaare ├╝ber meine Haut und erstaune, wie sensibel ich bin!
Mit der Erinnerung an dieses Gef├╝hl, tunke ich den Pinsel in die blaue Farbe. Ich halte ihn eine Weile ├╝ber den Farbtopf, sodass ├ťbersch├╝ssiges wieder zur├╝ck perlen kann.
Ich will nicht sehen, was ich male - schlie├člich soll meine Seele sprechen, oder besser gesagt, malen. In der rechen Hand halte ich den Pinsel, mit der linken halte ich den Block. Vorsichtig lege ich den Kopf in den Nacken, gerade so, dass es nicht weh tut, und starre an die Decke. Ich atme tief ein und aus. Beim n├Ąchsten Atemzug werde ich den Pinsel ├╝ber das Papier gleiten lassen.
Einatmen, Augen zu und ... wusch, saust der Pinsel ├╝ber den Block.
Erleichtert atme ich auf: Ein zwei Finger breiter, blauer Strich teilt das Blatt quer entzwei. Der erste Schritt sei geschafft.
Aber er gef├Ąllt mir nicht. Nein, der ozeanblaue Strich auf meinem Blatt gef├Ąllt mir nicht! Verdammt! Er wirkt mickrig, schwach - und gerade ist er auch nicht!
Ich bin w├╝tend auf mich. Nicht mal einen Strich kann ich malen! Das, was ich gemalt habe, sieht eher wie die Wasseroberfl├Ąche eines siffigen Moores aus, auf dem Auto├Âl schwimmt und in dessen Grund l├Âchrige Gummistiefel versunken sind. Am Ufer ist das Gras zertrampelt, schon ganz braun, weil es auf dem Gebiet einer gro├čen Automobilfirma liegt. Und dort achtet keiner darauf, ob er mit dem LKW f├╝nf Meter zu weit zur├╝cksetzt.


OK, im Leben hat man immer zwei Chancen. Also auf ein Neues! Woher der Optimismus kommt? Die Sonne wirft ihre Strahlen gerade durch das Fenster auf mein wei├čes Blatt...
Ich rei├če das Blatt, mit dem verhunzten Strich vom Block, atme tief ein und aus, Augen zu und: Ah, das ist gut! Ja, das f├╝hlt sich gut an.
Die Augen immer noch geschlossen, wei├č ich, dass ich diesmal zufrieden sein werde. Ich male nicht, ich tupfe! Immer wieder tupfe ich blaue Punkte auf den Bogen. Gro├če und kleine.
nach einer Weile ├Âffne ich die Augen wieder. Der Pinsel muss wieder in Farbe getunkt werden. Und das Bild?
Ja, das Bild ... sieht irgendwie ... komisch aus... So unregelm├Ą├čig, aber auch nicht wirr genug um als verworren gelten zu k├Ânnen.


Vielleicht muss man erst lernen nach der Seele zu malen...?
Nein, ich frage jetzt NICHT, WAS eine Seele ist. Das "kann" und "will" ich jetzt verstehen. Wozu auch?
Fest steht: Ich glaube, eine Seele zu haben. Und die will ich jetzt malen, beziehungsweise ich will sie malen lassen.
Bin ich jetzt einen Schritt weiter, oder nur vier zur├╝ck und vier vorw├Ąrts?


Schwindelig nehme ich ein neues Bild, wasche den Pinsel aus, nehme etwas von der Schwarz und male. Ich summe ein Lied und male schwarz auf wei├č. Mein Handballen streicht ├╝ber das Blatt, die Pinselhaare biegen sich oder schweben ├╝ber dem Papier - auf meinem Bild wird getanzt! Von Walzer und Cha Cha Cha ├╝ber Flamenco, Ballett und Derwischt├Ąnze - mein Pinsel kann alles! Ich kann alles!
Schon bald bemerke ich ein L├Ącheln, stelle fest, es f├╝hlt sich gut an. Es ist sch├Ân zu l├Ącheln und ich male und male und irgendwann ist das Bild voll. Kein wei├čes Pl├Ątzchen auf dem ein Einzeller Platz h├Ątte ist mehr zu entdecken. Das wei├če Blatt Papier ist verschwunden - ein Bild, das vor Blumen, Jonglierb├Ąllen und Weihnachtsb├Ąumen nur so strotzt ist entstanden.
Ich kann weder Regeln, noch Regelm├Ą├čigkeiten oder Wiederholungen feststellen. Auch sind keine geometrischen Figuren zu entdecken. Nein, es gibt nicht, was mich an irgendetwas erinnert.

So wollte ich es! Genau so und nicht anders.
Zwar kann ich weder den Nordpol, noch die Sahara entdecken. Aber die Krokusse, die kann ich riechen.

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