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Leselupe.de > Erzählungen
Seewindträume
Eingestellt am 22. 10. 2000 15:57


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Reinhard Dowe
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Seewindträume

Wir wohnten im Drift-Wood-Club während unseres Urlaubs. Es war schon recht abenteuerlich, die milden Tropennächte in rechteckigen Einzelhütten zu verbringen. Fast zwei Meter hoch ragten die aus dünnen Baumstämmen gezimmerten Außenwände aus dem feinen Sand heraus. Die dicht aneinander gereihte Stecken versperrten jeden Durchblick. An den vier Ecken waren wuchtige Pfähle eingerammt, das spitze Grasdach tragend, das selbst bei allerschwerstem Platzregen sicheren Schutz bot. Zwischen Dach und Wänden wehte ununterbrochen die sanfte Brise vom Indischen Ozean her und sorgte für wohltuende Kühle. Dieser leichte Hauch vertrieb die Moskitos; aber gleichwohl überspannten Schutz bietende Gewebe die Nächtigenden. Der Boden war mit Bastmatten ausgelegt und die Zimmertür mit einem leichten Drahthaken gesichert. Toiletten und Waschanlagen befanden sich nahe dem Hauptgebäude.
Hier hatte ich schon ein Jahr zuvor für die ganze Familie den Urlaub geplant. Der Club war immer ausgebucht, weil die meisten der abreisenden Gäste schon ihren nächsten Aufenthalt buchten. Daher hatte ich auf einer meiner Dienstreisen angehalten und eine Anzahlung auf die Buchung geleistet, um auch ganz sicherzugehen.
Die ersten zwei Tage hatten wir am Strand und am Swimmingpool verbracht. Heute befanden wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück auf dem Weg nach Malindi, der von deutschen Urlaubern favorisierten Stadt im Nordosten Kenias. Wir stampften durch den tiefen, trockenen, herrlich weißen Sandstrand der nahen Stadt zu. Das etwa zweihundert Meter entfernte Riff trat mehr und mehr aus dem ablaufenden, glasklaren Wasser hervor. Die Sonne hatte den Zenit überschritten und nicht ein Wölkchen trübte den stahlblauen Himmel. Andrea und Markus sammelten leere Muschelgehäuse und freuten sich, dabei Seeigel und Seesterne zu entdecken. Andrea wurde wegen ihrer Größe und ihres anmutigen Aussehens oft schon als erwachsen eingestuft. Das hellblonde Haar, das ihr sonst bis zu den Hüften wallte, zauste in der Brise. Sie trug über ihrem Bikini ein im Windhauch flatterndes, weißes Kleid ohne Ärmel. Es unterstrich die Sonnenbräune der Haut und das Leuchten der großen, blauen Augen. Wir Eltern waren sehr angetan von unseren Kindern, aber die Tochter war ein besonderes Juwel, das bereits die männliche Aufmerksamkeit arg erregte.
In der Nähe der Hafenanlagen vor der Stadt hatten Fischer mit einfachem Fanggerät einen Hai und einen Rochen über das Riff gezogen. Sie mühten sich jetzt, die schwere Beute vor der bereits steigenden Flut in Sicherheit zu bringen. Es roch abscheulich nach verdorbenem Fisch, nach geronnenem Blut und Meersalz. Besonders Andrea empfand große Abscheu und wir folgten ihr ohne Zögern zur belebten Asphaltstraße am Ortseingang.
Aus einer kleinen, dort wartenden Gruppe Leute indischer Abstammung löste sich ein stattlicher, junger Mann und schritt sehr selbstsicher auf mich zu. Adrett gekleidet war der Bursche und wirkte überaus sympathisch. Der verbeugte sich höflich, grüßte und stellte sich als Mirza Jawal vor. Dann entschuldigte er sich für seine Aufdringlichkeit damit, dass er eine nicht wiederkehrende Chance nicht ungenutzt lassen wolle. Alles sagte er zu meiner Überraschung in einem fast akzentfreien Deutsch, das er beim Reiseservice erworben hatte, und fuhr fort:
„Ihre Tochter ist wunderschön. Ich möchte um ihre Hand anhalten - ich möchte sie heiraten. Sie wird es bei mir bestimmt sehr gut haben. Ich bin der Sohn reicher Eltern und mein Vater besitzt eine Ladenkette hier in Malindi und weitere Läden in Mombasa, Nairobi und Daressalam. Ich bin bereit, für Ihre Tochter zwanzig Kamele und mehr zu zahlen.“
Ich wollte den Verehrer nicht beleidigen und antwortete ernst bleibend: „Ich finde Sie sehr nett! Aber abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was ich hier mit zwanzig Kamelen anfangen soll, muß ich Sie aufklären, dass es in Deutschland üblich ist, die Tochter geradewegs zu fragen. Bei uns werden die Kinder nicht von ihren Eltern verheiratet.“
Der junge Mann war keinesfalls irritiert, vielmehr antwortete er ebenso selbstsicher wie zuvor: „Aber natürlich! Ich meine den Gegenwert von zwanzig Kamelen oder eben mehr. Aber ich freue mich darüber, dass es Ihnen recht ist, wenn ich Ihre Tochter frage.“
Jetzt wandte er sich um und ging zu Andrea. Sie hatte dem ganzen Gespräch zugehört und schien sich schon auf den Antrag eingestellt zu haben.
Mirza Jawal wiederholte seinen Wunsch. Gefaßt und ebenso kess antwortete die junge Dame: „Ich bin erst fünfzehn Jahre und gehe noch zur Schule. Ich denke noch nicht ans Heiraten. Das ist noch viel zu früh für mich. Ich meine, ich sollte mindestens noch drei oder gar fünf Jahre warten. Und außerdem werden meine Eltern irgendwann wieder nach Deutschland zurückkehren. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, ob ich für immer in Kenia bleiben möchte. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich noch nicht entscheiden möchte.“
Der Bewunderer zeigte Feingefühl und erläuterte: „Wenn ich jetzt nicht gefragt hätte, dann hätte ich mir bestimmt lange Zeit selbst Vorwürfe gemacht. So aber weiß ich, dass es eben noch nicht sein soll. Aber wenn Sie sich entscheiden können, dann steht für Sie die Tür immer offen! Ich werde hoffen und warten.“ Mirza Jawal überreichte der Angebeteten seine Visitenkarte, verabschiedete sich und kehrte mit sichtbarem Stolz zur neugierig wartenden Gruppe zurück.
Andrea wandte sich mir verunsichert zu, weil ich es ja war, der es zu dieser Situation hatte kommen lassen und sie fragte: „Pa, ich bin Dir doch mehr wert als 20 Kamele, oder ..?“
„Ja, doch!“, antwortete ich sehr liebevoll lächelnd: „Mindestens 30!“

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Reinhard Dowe

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Svalin
???
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Hallo Reinhard

Eine nette Erzählung, die jedoch auch kürzer hätte ausfallen können. Den ganzen ersten Absatz mit der detailierten Beschreibung der Gebäude finde ich überflüssig. Auch sonst schreibst du sehr detailreich, das allerdings sehr gekonnt, für mich bleibt da leider wenig Platz für meine eigene Vorstellungskraft. Das finde ich etwas schade. Velleicht sehen es ja andere anders :-)

Martin
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Lyrik ist Logopädie im Zeitalter der Sprachlosigkeit. [Alexander Eilers]

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Reinhard Dowe
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Hallo Martin

Das ist eine treffliche Kritik, die ich auch schon von anderer Seite erfuhr. Sie muss also richtig sein, wenn sie jetzt völlig unabhängig von dir kommt. Auch mit dem Hinweis, dass der erste Absatz entfallen kann, bestätigst du andere Aussagen.
Mit dieser Kritik kann ich etwas anfangen. Zugleich bestätigst du damit, dass eine Kurzgeschichte nicht „ungestraft“ aus einem langen Text herausgenommen werden kann.
Danke für den wertvollen Beitrag.

Beste Grüße
Reinhard

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Reinhard Dowe

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