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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Selbstmordversuch
Eingestellt am 15. 06. 2006 11:26


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Jan Balu
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2006

Werke: 5
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Der Otter
Ein hei├čer, sonniger Sp├Ątfr├╝hlingstag im Mai 2003 in Hamburg.
Sie duscht ausgiebig, pflegt sich, k├Ąmmt und f├Âhnt ihre widerspenstige, nat├╝rliche, rote Lockenpracht mit gr├Â├čter Sorgfalt.
Erwartet sie ein kribbelndes Rendezvous?
Will sie an dem bereits sommerlichen Strand der Elbe in ihrem Bikini in den warmen Tag hineintr├Ąumen?
Erwartet sie dort ein Picknick mit lustigen Freunden?
Sie nimmt den kleinen, leichten Rucksack, wenn sie an die Elbe f├Ąhrt. Er passt sich ideal ihrem schmalen R├╝cken an und sie hat beide H├Ąnde frei.
Doch was packt sie da in ihren Rucksack?
Eine halbe Flasche Cognac, abgef├╝llt in eine Mineralwasserflasche und gemischt mit f├╝nfzig kleinen, wei├čen Tabletten.
Alle Tabletten wurden im Krankenhaus geschickt angesammelt.
Sie kennt sich aus und wei├č, wie man so etwas anstellt.
Keiner in der psychosomatischen Abteilung hat etwas davon mitbekommen.
Sie darf jederzeit das Krankenhaus verlassen.
Ihr erlernter Beruf ist Krankenschwester. Sie wei├č um die Routine eines Krankenhausbetriebes. Sie f├╝hlte sich immer berufen zu ihrer manchmal verkannten T├Ątigkeit. Heilen, tr├Âsten, versorgen, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Tod, Freude an der Genesung - alle Kontraste des Lebens waren ihre st├Ąndigen Begleiter.
Doch nun ist sie selbst Patient!
Seit vier Wochen hilflos gefangen in scheinbar un├╝berwindbarer tiefer Verzweiflung.
Was war geschehen mit dieser lebensfrohen, quirligen, bemerkenswerten Frau?
Sie ist in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen.
Sechzehn Jahre ist sie nun verheiratet.
Sechzehn Jahre geborgene Zweisamkeit.
Auch wenn Wunschkinder nicht herbeigezaubert werden konnten, so sind sie doch eingeschworen, eingebunden in dem Streben nach lebens- und liebenswerter Gestaltung ihres gemeinsamen Lebens.
Er hat einen verantwortungsvollen Job, muss hart arbeiten, oft ist er einige Tage der Woche auf Reisen. Die finanziellen Vorteile erm├Âglichen ihnen beiden ein gem├╝tliches Zuhause und ein sorgenfreies Leben.
Ohne Kinder darf man die Welt bereisen, zu Zeiten da nicht so viele Menschen unterwegs sind. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, reisen zwei Gleichgesinnte in viele interessante L├Ąnder unseres blauen Planeten. Bildb├Ąnde, Fotos und Videos zeugen von fremden Kulturen.
Jedes exotische Land wird erfahren, erlebt und nicht nur oberfl├Ąchlich besucht.
Sie ist die Triebfeder dieser Taten, er scheint die Impulse zu ben├Âtigen, um sie dann mit ihr zu genie├čen.
Sie hat nach gemeinsamer Absprache ihren Job aufgegeben, die Handwerker beim Umbau ihres kleinen, geschmackvollen Reihenhauses betreut und das Zuhause liebevoll eingerichtet.
Nach einigen seiner Karriere f├Ârderlichen Umz├╝gen von Nord nach S├╝d und wieder zur├╝ck, sollte nun dieses Haus in Hamburg ihre endg├╝ltige Heimat werden.
Dann der Donnerschlag!
Er hat sich in eine Arbeitskollegin verliebt und will sich von seiner Frau trennen.
Auf ihrer letzten gemeinsamen Urlaubsreise in Thailand gesteht er ihr gequ├Ąlt, dass er bereits seit l├Ąngerer Zeit in gro├čer Liebe zu dieser Frau entbrannt sei.
Sie erstarrt!
Ungl├Ąubig, fassungslos sitzt sie ihm gegen├╝ber.
Blitzschnell jagen verdr├Ąngte Ahnungen und ├ängste durch ihren Kopf. Bevor sie etwas erwidern oder fragen kann, entsteht in Bruchteilen von Sekunden ein Kaleidoskop tausender Bilder.
Verlustangst, Angst vor der Zukunft, Angst, allein zu sein.
Sie wird im n├Ąchsten Monat 46 Jahre alt. Ihre Eltern sind fr├╝h gestorben, sie hat keine Geschwister. Die wenigen Freunde aus der lange zur├╝ckliegenden Zeit vor der Ehe, die auch nach diversen Ortswechseln noch zu ihr stehen, haben Kinder und sind in ihren Familienstrukturen, ihren eigenen Sorgen und N├Âten, verhaftet.
Er ist ihr Leben, seine Existenz die ihre. Seine Familie, gemeinsame Freunde, Nachbarn - eine Welt bricht im Platzregen an einem der sch├Ânsten Str├Ąnde Thailands zusammen.
Jetzt erst Versuche von Fragen an ihren Mann, Trauer, Vorw├╝rfe, Wut, Verzweiflung, Unsachlichkeit. Ihre getrocknete Kehle, sie greift nach Wasser, ringt nach Halt.
Nat├╝rlich hat er ihre tiefe Ersch├╝tterung in Schrecken registriert.
Er weicht aus.
Er ahnt, was er ausgel├Âst hat.
Er wei├č, dass sie sein treuester, aufopferungsvollster, liebevollster Partner ist.
Er gibt ihr Hoffnung.
Mit dieser kleinen Flamme treten sie gemeinsam die R├╝ckreise nach Hamburg an.
Der Zusammenbruch naht. Ihre kleine, gl├╝cklich gezimmerte Welt existiert nicht mehr.
Er ist nicht mehr ihr Mann.
Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat wird die Entfremdung gr├Â├čer.
Er glaubt, sich mit Hilfe der anderen Frau neu entdeckt zu haben.
Er kommt nicht von ihr los.
Depressionen kannte sie bislang nicht. In ihrem Beruf am Rande miterlebt, f├╝hlt sie jetzt selbst dieses engmaschige, graue Netz, in das sie unentrinnbar eingefangen scheint. So mag ein Fisch f├╝hlen, wenn der Angler das Netz nach oben zieht und der bet├Ąubende Schlag herbeigesehnt wird.
Er ging.
Gnadenlos lie├č er sie zur├╝ck.
Allein im Krankenhaus.
Sie, die immer anderen half, wei├č sich selbst nicht zu helfen.
Sein k├╝hler Rat: ÔÇ×LassÔÇÖ dir im Krankenhaus eine Beruhigungsspritze geben!ÔÇť, ist sein fortgeworfenes Gewissen.
Ihr Rucksack ist gepackt.
Wie ferngesteuert geht sie zu ihrem kleinen Fiat und platziert alles wie immer ordentlich in ihrem Wagen. Sie legt den Anschnallgurt an und f├Ąhrt gewissenhaft wie ein guter Verkehrsteilnehmer an ihre geliebte Elbe. Heute f├Ąhrt sie etwas weiter hinaus, da steht ein hoher Sendemast.
Sie parkt ihren Wagen korrekt am Stra├čenrand und verschlie├čt ihn.
Papiere, Schl├╝ssel und Geldb├Ârse steckt sie seitlich in den Rucksack und macht sich auf den Weg zum Strand.
Es ist ein Werktag und trotz des herrlichen Fr├╝hlingswetters sind nur wenige Menschen unterwegs.
Da geht sie, ihre leuchtenden roten, wundersch├Ânen Haare scheinen wie die Sonne.
Dieses zierliche, h├╝bsche Weib in ihren besten Jahren, wer sollte ahnen, was sie vorhat.
Wie in Trance zieht es sie Richtung Sendemast. Kann sie da die Stahltreppe hinaufsteigen, die nur f├╝r das Wartungspersonal gedacht ist?
Da oben von der Plattform k├Ânnte sie hinunterspringen. Aber nein, selbst wenn der Aufstieg ihr gel├Ąnge, jemand w├╝rde sie sehen und im ├╝brigen, was w├Ąre, wenn sie sich beim Aufprall nur schwer verletzen w├╝rde?
Verletzt wurde sie genug, sie will sterben.
Schluss soll sein, sie will, sie kann nicht mehr.
Wer sollte sie auch vermissen?
Langsam geht sie zur├╝ck.
Wohin?
Schon kommt ihr Auto wieder in ihr Blickfeld. Da steht er, ihr kleiner, stummer Gef├Ąhrte wartet auf sie, er k├Ânnte sie fortbringen, zur├╝ck ins Leben.
Nein! Gleich gegen├╝ber klettert sie ├╝ber einen Zaun und setzt sich an einen kleinen Wasserlauf in das hohe Gras. Ein dichter gro├čer Busch verhindert den Einblick von der nur ein paar Meter entfernten Stra├če, an der ihr kleiner Fiat parkt.
Sie packt den Rucksack aus.
Die Pillen in der Cognacflasche haben sich nicht wie erwartet aufgel├Âst.
Es schaudert sie bei dem Gedanken, dieses Gebr├Ąu zu trinken.
Sie sch├╝ttelt die Flasche mit dem rotbraunwei├člichen Inhalt.
ÔÇ×Wenn ich das jetzt trinke, gro├če, tiefe Schlucke, werde ich mich nach ein paar Minuten ins Wasser legen und mir dann mit den scharfen Rasierklingen die Pulsadern aufschneiden.ÔÇť
Sie wei├č, wie man das richtig machen muss.
Der Bauer, der unweit ahnungslos seine Wiese m├Ąht, w├╝rde sie finden, wenn sie tot im Wasser liegt.
Sie m├Âchte nicht h├Ąsslich aussehen, wenn sie gefunden wird.
Das Wasser ist nur einen halben Meter tief, man m├╝sste sie alsbald entdecken.
Vier Stunden sitzt sie bereits an dem Kanal, vier Stunden im Hader mit Leben und Tod.
Keinem ist sie bisher aufgefallen.
Und wenn schon, eine h├╝bsche Frau sitzt allein bei herrlichem Wetter am Wasser.
Das monotone Ger├Ąusch des Rasenm├Ąhers ist verstummt, der Bauer hat seine Arbeit erledigt.
Der Tablettencocktail ist inzwischen lauwarm.
Unglaublich, in den vielen Stunden hat sie nur wenig Konkretes gedacht.
Da pl├Âtzlich!
Was ist das?
Ein Otter?
Ja, ein Fischotter besucht sie, er schwimmt gem├Ąchlich vor ihren Augen nur wenig entfernt vom Ufer.
Wann hat sie zuletzt einen Otter gesehen?
Wieso erscheint dieses Tier hier bei ihr?
Sollte sie jetzt sogar gel├Ąchelt haben?
Ein Ansatz ihres mitrei├čenden Lachens, als sie so gern vergn├╝gt war?
Possierlich spielt der Otter in seinem Element. Frech und lebensfroh tummelt er sich direkt unter ihren Augen und akzeptiert sie als selbstverst├Ąndlichen Bestandteil seiner Umwelt.
Sie studiert ihn, noch nie durfte sie dieses Tier so ausgiebig beobachten. Ein Ausbund an Lebensfreude.
Der Otter!
Ihr Schutzengel?
Er holt sie zur├╝ck ins Leben.
Noch dreht er sich vergn├╝gt im Wasser, Kopf und Schwanzflosse tauchen auf und unter.
So wie mal eben aufgetaucht so ist er wieder verschwunden.
Auf Wiedersehen, lieber Otter!
Unsere verzauberte, dem Leben abgewandte, kleine Frau hat sich besonnen, sie packt alles zur├╝ck in den Rucksack.
Sie steht auf, reckt sich nach dem langen Sitzen und sch├╝ttelt ihre Naturlockenpracht. Sie ordnet ihre Kleidung und geht zur├╝ck zu ihrem Auto.
Eine Stunde sp├Ąter sitzt sie mit anderen Patienten beim Abendessen an einem langen Tisch und sagt kein Wort.
Hat jemand etwas bemerkt?
Nein!
Ein jeder hat seine eigenen Sorgen und Belange.
Der Patient kann machen was er will, solange er vorgeschriebene Normen einh├Ąlt und den Ablauf der Routine nicht ├╝ber die Ma├čen st├Ârt.
Gott sei Dank, dass du kleiner Otter zur Stelle warst!

Wie ging es wohl weiter mit unserer, von einem kleinen Tier ins Leben zur├╝ckgerufenen, Heldin?
Sie lebt heute aufgebl├╝ht und um viele Erkenntnisse reicher unter uns.
Liebe, Lust und Freude am Leben haben erneut Einzug gehalten.
Die Wunden in ihrer Seele rei├čen zwar hin und wieder auf, doch sie schlie├čen sich immer schneller.
Ihr Trauma von einst wird kompensiert durch ein neues Lebensgef├╝hl.

Jan Blu

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Jan Balu
Hamburg

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HFleiss
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Registriert: Jan 2006

Werke: 99
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Selbstmordversuch

Lieber Jan, dies scheint mir eine misslungene Geschichte. Du kannst dich nicht entscheiden zwischen Parodie und Trag├Âdie.
Der Otter bietet sich doch nun wahrlich als Parodie an.

Gru├č
Hanna

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