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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Sheenas Roti House -reloaded-
Eingestellt am 30. 12. 2008 20:27


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HO
Hobbydichter
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An diesen Morgen weckten uns Dorfbewohner nicht die aufdringlichen Schreie von Nachbar Shashwat Pfauen, sondern ein eigent├╝mlicher, mit kehliger Stimme vorgetragenen Singsang.
Ich lag im Bett in meinem dunklen Zimmer und lauschte angestrengt, vermochte jedoch aus dem Gesang keinen mir bekannten Dialekt herauszuh├Âren.
Unten im Erdgeschoss, in der K├╝che, rumorte es, St├╝hle r├╝ckten, Schrankt├╝ren klapperten.
ÔÇ×Ruhe da drau├čenÔÇť, rief meine Schwester Sheena lachend.
┬╗Dass muss der Teufel sein┬ź, ulkte Mutter.
Sheena bezweifelte das lachend, und Mutter stimmte mit ihrer sch├Ânen Stimme ein. Die beiden r├Ąumten auf, wie immer also.
Ich steckte Stopfen in meine Ohren und schlief weiter.
Als ich sp├Ąter aufwachte und die Stopfen aus den Ohren nahm h├Ârte ich nichts. Niemals in meinem Leben hatte ich eine intensivere Stille erlebt als in jener Minute, und das in Kerala, die Heimat der Stille.
Die wenigen Sonnenstrahlen, die durch feine L├Âcher im Vorhang drangen, waren nicht stark genug, um das Zimmer zu erhellen. Wie sp├Ąt war es? Ich tastete nach dem Wecker, dr├╝ckte seinen Lichttaster. Inzwischen war es kurz nach ein Uhr. F├╝r mich keine ungew├Âhnliche Zeit aufzustehen; ich hatte mich der Wissenschaft verschrieben, und nichts genoss ich mehr als in der Stille der Nacht zu arbeiten.
Mehrere Atemz├╝ge lang starrte ich an die Decke, deren Umrisse ich langsam erkennen konnte. Am liebsten h├Ątte ich noch ged├Âst, aber mein Magen knurrte. Ich stieg aus dem Bett und ├Âffnete die T├╝r zum Flur. Niemand war da. Wann hatte es das zuletzt gegeben? In unserem Haus verkehrten t├Ąglich so viele Nachbarn und Freundinnen und Freunde, dass ich es mir angew├Âhnt hatte, mit Ohrenstopfen zu schlafen.
In der K├╝che w├Ąre ich fast ├╝ber den Wassereimer gestolpert, der neben dem Tisch stand. Das Wasser darin war kalt. In der Sp├╝le stand Geschirr, jemand hatte es wohl in gro├čer Hast da hineingestellt, denn von einer Tasse war ein Henkel abgebrochen. Ich nahm ihn und die Tasse und trocknete sie mit einem Tuch.
Durch das K├╝chenfenster schaute ich auf die Stra├če ÔÇô niemand zu sehen.
Und das gab es selten.
Sogar die Hunde unseres Nachbarn waren fort. ├ťblicherweise d├Âsten die unter einer Palme im Vorgarten.
Wo steckte Mutter, wo meine Schwestern? Hatte ihr Verschwinden etwas mit dem Singsang vom Morgen zu tun?
Und wo versteckten sich die Dorfbewohner?
Auf der Stra├če sp├╝rte ich einen Hauch k├╝hler Luft, obgleich kein W├Âlkchen den Himmel tr├╝bte.
Aus keinem Haus in der Nachbarschaft drangen Stimmen, str├Âmte der Geruch von Essen, nirgendwo l├Ąrmten Kinder.
Das einzige Ger├Ąusch war das Knirschen von Kieseln und Sand unter meinen Schuhen. Rasch erreichte ich den s├╝dlichen Rand des Dorfes. Dort, wo sich der Weg in Richtung n├Ąchstes Dorf oder zu den Plantagen gabelt, tauchten zwei Frauen auf.

Sie hatten ihren K├Âpfe zusammen gesteckt, umklammerten einander und bewegten sich schwankend: Mutter und Sheena. Meine anderen drei Schwestern Anusha, Alisha und Nanda folgten ihnen wie Schatten.
Als wir uns erreichten blieben Mutter und Sheena stehen. Anusha, Alisha und Nanda huschten an mir vorbei, suchten hinter meinem R├╝cken Schutz.
Mutter starrte mit leerem Blick in die Ferne, etwas hatte sie so entsetzt, dass sie nicht einmal zu weinen vermochte. In Sheenas Augen pulsierten rote ├äderchen, ihre Wangen gl├Ąnzten vor Tr├Ąnen. Sie bewegte die Lippen, als ob sie etwas sagen wollte, doch mehr als ein heiseres R├Âcheln brachte sie nicht hervor.
Jemanden musste etwas zugesto├čen sein. Dem Entsetzen nach konnte es sich nur um ein Familienmitglied handeln
ÔÇ×Was ist geschehen? ┬ź, fragte ich ├Ąngstlich.. ┬╗Vater?┬ź
Weder Mutter noch Sheena gingen auf die Frage ein. Sie gingen auf gar nichts ein. Vermutlich hatten sie mich einfach nicht bemerkt. Ich legte die Arme um Sheena. Sie f├╝hlte sich an wie ein St├╝ck Treibholz: feucht, kalt, hart.
Ihre Tr├Ąnen klebten unsere Gesichter zusammen. ┬╗Was ist los, Sheena, was? ┬ź, fl├╝sterte ich.
Meine Worte schienen sie dieses Mal zu erreichen. Das St├╝ck Treibholz regte sich zaghaft. ┬╗Da . . . ┬ź st├Âhnte sie.
┬╗Was? Wo? ┬ź
┬╗Mandelb├Ąume ┬ź, fl├╝sterte sie. Dann l├Âste sie sich, torkelte einen Meter zur├╝ck in die Richtung der Mandelb├Ąume. Mutter st├╝rzte ihr nach und umklammerte sie. Ihr gemeinsamer Gleichgewichtssinn hielt das Konstrukt aus zwei Leibern auf vier Beinen.

Mandelb├Ąume, Mandelb├Ąume. Ja, da hinten lag Ranjeev Chuckos Mangelbaumplantage, die aus siebenunddrei├čig B├Ąumen bestand. Sie war nach der gro├čen Landreform in den Besitz der Familie Chucko ├╝bergegangen, weil Ashvin Chucko, Ranjeev Chuckos Vater, besondere Verdienste im Widerstand gegen die Briten erlangt hatte, die einst neben dem Dorf eine kleine Station betrieben. Die war zu dem Zweck errichtet worden, die Pl├╝nderung unserer Tee- und Pfefferfelder zu koordinieren.
Ich brachte Mutter und Sheena - sie lie├čen sich widerstandslos f├╝hren ÔÇô ins Haus, ins Wohnzimmer. Auch auf der Couch sitzend umklammerten sie einander sofort. Anusha, Alisha und Nanda standen verloren im Raum und schauten einander unsicher an.
Inzwischen weinte Mutter. Sie tat das mit dem ihr eigenen Stolz. Die Tr├Ąnen liefen in B├Ąchen ├╝ber die Wangen, aber sie beugte nicht das Haupt. Sheenas Widerstand hingegen l├Âste sich auf wie eine Sandbank, die von einer Welle fort gesp├╝lt wird. Sie schluchzte, weinte, klagte, schrie, vergrub die H├Ąnde in Mutters H├Ąnden, den H├Ąnden, die sie einst ins Leben gehoben hatten. Warum das alles?
Irgendwo drau├čen vor dem Dorf gab es die Antwort.
Also verlie├č ich das Haus und rannte zu Ranjeev Chuckos Mangelbaumplantage.
An die Strecke kann ich mich nicht mehr erinnern, ich wei├č nur, dass ich st├╝rzte und mir die Knie aufschlug. Blutkruste klebte auf ihnen, und sie schmerzten, als ich mich sp├Ąter auf dem Heimweg begab.
Die Dorfler sa├čen dort im Kreis um einen alten Mann. Alle, auch die Hunde, starrten gebannt auf den Alten. Niemand beachtete mich.
Der Mann, kaum gr├Â├čer als einen Meter und sechzig, drahtig, ausgezehrt, sehnig, nur einen Lendenschurz tragend und vollst├Ąndig eingerieben mit einer Mischung aus Asche und Reismehl, vollf├╝hrte mit einer Lanze Verteidigungsrituale, die offensichtlich dazu taugen sollten, sich eines angreifenden Tigers zu erwehren. Seine Brauen waren so tief abgesenkt, dass man von den Augen nicht mehr sehen konnte zwei Streifen tiefrotes Feuer. Er wirkte hochkonzentriert und entr├╝ckt zugleich.
Die Dorfbewohner beobachteten ihn mit gro├čer Ehrfurcht, aber mich konnte die Darstellung nicht ├╝berzeugen. Mit der d├╝nnen Bambusstange und ihrer stumpfen, kupfernen Spitze hatte er keine Chance gegen einen Tiger, der ihm mit einem Prankenhieb das knochige R├╝ckgrat h├Ątten brechen k├Ânnen. Ich setzte mich und beschloss, das Ende des Spektakels abzuwarten. Wohl auf ein geheimes Zeichen hin wurden die Bewegungen des Alten ekstatischer, sein K├Ârper spannte sich, die z├Ąhen Muskeln tanzten unter der faltigen, trockenen Haut, die Pupillen klappten nach oben, ohne das Feuer zu l├Âschen, und nun begann er, laut auf den Boden stampfend, mit dem ganzen K├Ârper sch├╝ttelnd und vibrierend in meine Richtung sich zu bewegen. Als er den Speer in den Himmel stie├č, erhob sich aus den Kronen der Mandelb├Ąume um uns herum vielstimmiges Gesumme. Ich schaute nach oben und entdeckte ein Dutzend ebenfalls nur mit Lendensch├╝rzen bekleideter und mit Asche und Reismehl eingeriebener M├Ąnner, die sich mit Hanfseilen zwischen den ├ästen befestigt hatten. Einer hing an unz├Ąhligen Haken aufgespie├čt in der Luft. Ein anderer, dem ein langes Messer, das offensichtlich aus der Kolonialzeit stammte, durch beide Wangen gestochen war, tr├Âpfelte etwas ├ľl auf den R├╝cken des aufgespie├čten. Vermutlich verf├╝gte dieser Mann ├╝ber wenig Geschick, denn trotz des gewei├čten Gesichtes konnte man anhand von wulstigen Narben sehen, dass ihm das Messer nach dem Reinigen und dem Wiedereinf├╝hren in die Wangen gelegentlich abgerutscht sein musste.
Nirgendwo entdeckte ich das Zeichen eines Asketenordens. Eine kupferne Speerspitze riss mich aus meinen Gedanken. Der Anf├╝hrer, er hie├č Akhilesh, wie ich sp├Ąter erfuhr, fuchtelte mir mit dem vermeintlichen Tigert├Âter vor der Nase herum.
Die Dorfbewohner sprangen auf, starrten mich mit aufgerissenen Augen an, wie ich links und rechts sehen konnte.
In ihren Gesichtern las ich Mitleid, Scham und Genugtuung.
┬╗Du bist Rahul┬ź, fl├╝sterte Akhilesh. Ich nickte und l├Ąchelte ihm unerschrocken zu. Er schien das nicht zu m├Âgen, denn nun dr├╝ckte sein Speer hart gegen meine Stirn. ┬╗Ich habe dir etwas zu sagen, Rahul! ┬ź
┬╗Ich bin hier, um zu erfahren, was du mit meiner Mutter angestellt hast┬ź, antwortete ich w├╝tend. Meine Muskeln zuckten, ich war bereit, mich auf den Kerl zu st├╝rzen, auch wenn ich damit den Zorn der Dorfbewohner auf mich gezogen h├Ątte. Akhilesh hob die Augenbrauen. ┬╗Sie werden es dir erz├Ąhlen. H├Âre nun, was ich zu sagen habe, es ist wichtig f├╝r deine Zukunft. ┬ź
┬╗Ich bin Christ, ich vertraue der Bibel, nicht . . . ┬ź Das war ehrlich gesagt etwas ├╝bertrieben, ich glaubte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.
Um mich herum entstand Tumult. Die Dorfbewohner, eine Mischung aus Hindus, Moslems und wenigen Christen, starrten mich an, als ob ich sie beleidigt h├Ątte. ┬╗Nun gut, was hast du zu sagen? ┬ź, fragte ich bes├Ąnftigend.
Der Alte beugte sich hinab zu mir. ┬╗Das, was ich zu sagen habe kostet dich den Preis von acht Ziegen!┬ź
┬╗Acht Ziegen? Was f├╝r eine hohe Summe. Geht es um mein Leben? ┬ź, fl├╝sterte ich dem Alten ins Ohr. Akhilesh schleuderte den Oberk├Ârper zur├╝ck, stampfte w├╝tend auf den Boden. Nach einem tiefen Atemzug dr├╝ckte er die Speerspitze fester gegen meine Stirn.
┬╗Ich belege dich mit einem Fluch, Rahul, der dir deine Arroganz austreibt! ┬ź
┬╗Zwei Ziegen, mein letztes Wort┬ź, schlug ich vor. Einen Fluch wollte ich nicht leichtfertig riskieren, Aberglaube hin oder her. Die Augen des Alten funkelten zornig, den Mund verzog er angewidert. Endlich griff er mit der rechten Hand an meine Schulter, zog mein Gesicht etwas nach vorne und antwortete so leise, dass nur ich es h├Âren konnte: ┬╗Vier Ziegen, heute noch zu zahlen! ┬ź
Ich schlug ein. ┬╗Und jetzt m├Âchte ich h├Âren, was so wichtig ist┬ź, sagte ich herausfordernd.
Der Alte richtete sich auf, atmete tief in seinen schm├Ąchtigen Brustkorb hinein, die ledrige Haut spannte sich straff auf den Rippen, in denen man jede Kerbe sehen konnte.
┬╗Du wirst in ein Land gehen, in dem noch keiner aus eurem Dorf jemals gewesen ist. ┬ź
Ich war weder ├╝berrascht noch entt├Ąuscht. Gut, jeder wusste, dass ich in Cambridge Philosophie studiert hatte und nun nach einem ausgezeichneten Abschluss ├╝ber das Thema Religion im gesellschaftlichen Spiegel des Patriarchat hier zwischen den Plantagen lebte.
Lange konnte es nicht dauern ÔÇô das war die Meinung des Dorfes - bis mich das Fernweh packte und ich irgendwo in der Ferne mein Gl├╝ck versuchte.
Akhilesh musste das erfahren haben, vielleicht sogar von Mutter oder Sheena, obwohl sie es bis heute abstreiten.
┬╗Und was soll ich da? In die B├Ąume klettern?┬ź Warum sollte ich dem Alten nicht zu verstehen geben, dass ich nichts von seinen K├╝nsten hielt?
Akhilesh lie├č den Speer fallen. War er w├╝tend? Bluffte er nur? Er kniete nieder, griff nach meinen H├Ąnden und fl├╝sterte beschw├Ârend: ┬╗Es wird dir dort gut gehen, und du wirst dort leiden. Wenn du stark bleibst, gewinnt deine Familie.┬ź
Warum mochte ich den Kerl nicht?
┬╗Das kann man . . . ┬ź Ich sah ein, dass es nichts brachte, mit dem Alten zu diskutieren. Ich hatte den Gegenwert von vier Ziegen in Bar verloren und beschloss, es dabei bewenden zu lassen. Da ich nicht davon ├╝berzeugt war, dass mir der Alte erz├Ąhlen w├╝rde, was Mutter und Sheena schockiert hatte, faltete ich brav die H├Ąnde, gr├╝├čte zum Abschied und ging. Die Idee, dass die beiden vielleicht wegen meiner Reise in das Land, das noch niemand von uns betreten hatte, so verzweifelt waren, verwarf ich sofort. Nein, etwas Anderes, Schlimmeres, musste geschehen sein.

Sheena schluchzte unver├Ąndert, und Mutter stand in der K├╝che und knetete gedankenverloren Teig. Tr├Ąnen liefen ├╝ber ihre Wangen; sie strich sie mit dem Handr├╝cken fort. Die eine oder andere Tr├Ąne fand wohl ihren Weg in das Essen, denn niemals hatte es in unserem Haus so nach Verbitterung geschmeckt wie in den folgenden Tagen.
┬╗Was ist es? ┬ź fragte ich sie. ┬╗Sag mir nicht, dieser Alte hat euch mit einer d├╝steren Prophezeiung . . . ┬ź
┬╗Rede nicht in diesem Ton ├╝ber ihn! ┬ź, fuhr mich Mutter an.
┬╗Das sind mir sch├Âne Wanderasketen, wenn ich k├Ânnte, w├╝rde ich ..."
Mutter sah mich streng an.
ÔÇ×Entschuldigung. Darf ich wissen, was los ist, Mom?┬ź
┬╗Ich habe schon deinen Vater angerufen. Er kehrt heute Abend zur├╝ck. ┬ź
Das war neu. Vater verbrachte ├╝blicherweise die Woche in Cochin. Dort betrieb er mit zwei Gesch├Ąftspartnern eine Fabrik, die Druckmaschinen herstellte. Er arbeitete t├Ąglich sechszehn Stunden, auch am Wochenende, nur dann bei uns im Haus, entweder im Schlafzimmer, oder mit dem Laptop auf dem Schoss im Wohnzimmer sitzend. Wenn er an einem Donnerstag heimkehren wollte, musste etwas Furchtbares geschehen sein. ┬ź
┬╗Was ist los? Geht die Welt unter?┬ź
Mutter stellte die Sch├╝ssel mit den klein gesto├čenen Kichererbsen beiseite und wandte mir ihr Gesicht zu. ┬╗Es ist viel schlimmer. Geh zu Sheena, sie erz├Ąhlt es dir. ┬ź
Ich widerstand dem Impuls, Mutter zu tr├Âsten. Die Neugier war gr├Â├čer. Also lief ich sofort zu Sheena, die auf der Couch sa├č, weinte und nasse Taschent├╝cher auf den Boden gleiten lie├č.
┬╗Was ist los, meine S├╝├če? ┬ź
Sanft streichelte ich ihre Wange.
Sie starrte mich an, ├Âffnete den Mund, doch bevor sie ein Wort hervorbrachte begann sie lauter und verzweifelter zu schluchzen. Ich dr├╝ckte sie an mich und streichelte ihr Gesicht.
Ohne mir das Gesicht zuzuwenden sagte sie: ┬╗Es geht um meine Heirat. Der Brahmane hat keine Hochzeit gesehen.┬ź
Ich konnte es nicht fassen. Der Tigert├Âter begann mir immer unsympathischer zu werden. ┬╗Hat er das in diesem Wortlaut gesagt? ┬ź
┬╗Ja. Ich habe gefragt, ob wir eine sch├Âne Hochzeit haben, und wie viele Kinder wir bekommen, und er hat nur geantwortet, dass er keine Hochzeit sehe. ┬ź
┬╗Das hei├čt doch nichts! Au├čerdem, wer ist schon dieser Kerl? ┬ź
┬╗Rahul, verbrenn` dir nicht den Mund. Es ist schon genug Ungl├╝ck ├╝ber uns hereingebrochen. ┬ź
┬╗Und warum muss Vater aus Cochin zur├╝ckkommen? ┬ź
┬╗Mama hat ihn angerufen. Erst sagte er, alles w├Ąre in Ordnung. Doch sp├Ąter rief er zur├╝ck. Anscheinend gibt es wirklich ein Problem. ┬ź
Ich streichelte Sheenas H├Ąnde. Sie war ein wundersch├Ânes M├Ądchen, noch keine achtzehn Jahre alt. Meine Freunde sagten mir oft, wie h├╝bsch sie sei, naja, als Bruder sieht man das nicht. Sie war immer die Kleine, und sie ist es noch heute.
An geeigneten Verehrern mangelte es nicht. Leider war mein Vater besessen von der Idee, sie mit dem begehrtesten Mann aus Cochin zu verm├Ąhlen: Mukunda Abraham, den Sohn von Baybu Abraham, dem Herausgeber von zwei Zeitungen und einem politischen Magazin von ├╝berregionaler Bedeutung.
Au├čerdem hatte er sein Geld so geschickt in Industriebeteiligungen und Softwarefirmen investiert, dass er zu den reichsten M├Ąnnern S├╝dindiens aufstieg. Mein Vater hatte beruflich mit ihm zu tun, er belieferte ihn mit Druckmaschinen. Vater hatte gr├╝ndlich kalkuliert: Nicht nur Sheena w├Ąre gl├╝cklich, auch f├╝r ihn w├╝rde die Verbindung Vorteile bringen. Sein Gesch├Ąft mit Baybu Abraham st├╝nde auf solideren F├╝├čen, und mit etwas Geduld k├Ânnte er die Kontakte Abrahams nutzen, um mehr Maschinen au├čerhalb von Kerala, Karnataka, Tamil Nadu und Andrah Pradesh zu verkaufen.
Nach Vaters Model h├Ątte er im schlechtesten Fall nach ungef├Ąhr zehn Jahren die Summe zur├╝ckerwirtschaftet, welche die Differenz bildete zwischen einem guten Ehemann und einem hervorragenden wie Mukunda. Im ├ťbrigen sparte Vater schon seit Sheenas Geburt auf gute Schwiegers├Âhne.
Ferner bestand er darauf, die H├Âhe der Mitgift geheim zu halten, um den Preis f├╝r die zuk├╝nftigen Ehem├Ąnner meiner anderen drei Schwestern nicht zu verderben.
Vom sozialen Standpunkt aus betrachtet war Sheena einige Nummern zu unbedeutend f├╝r eine Familie wie die der Abrahams. Wir alle waren zu unbedeutend. Doch Vater hatte sich von Standesd├╝nkel noch nie von seinen Pl├Ąnen abbringen lassen.
Bei einem Kricketspiel - Mukunda Abraham war ein sportlicher Draufg├Ąnger, der sogar in die Juniorenauswahl unseres Landes berufen worden war ÔÇô hatte er eine Begegnung zwischen dem Jungen und Sheena arrangiert. Vaters Plan funktionierte, Mukunda Abraham und Sheena verliebten sich auf kindliche, aber intensive Weise ineinander. Der alte Abraham hatte sich dem Flehen seiner Familie gebeugt. Er akzeptierte die Verbindung, jedoch nur unter allen Geboten der guten Sitte und ohne Garantie auf eine gemeinsame Zukunft.
Mukunda und Sheena hatten sich seit jener Stunde selten und nur in Anwesenheit von einer der M├╝tter gesehen, doch ihre Gef├╝hle lie├čen sie ├╝ber jeden Stein fliegen, den andere ihnen vor die F├╝├če legte.
Die beiden schrieben sich t├Ąglich Briefe oder telefonierten miteinander, um ihre Sehnsucht zu lindern.
Nach Vaters Wunsch sollte im Dezember des Jahres 2000, wenn beide vollj├Ąhrig w├Ąren, die Hochzeit in Cochin stattfinden. Also zu jenem Zeitpunkt in knapp einem halben Jahr.
Der alte Abraham war auf den Heiratswunsch eingegangen, forderte aber die gigantische Summe von zw├Âlf Millionen Indische Rupien als Mitgift, also etwas weniger als dreihunderttausend Euro. Mutter begann zu weinen, als sie davon erfuhr. F├╝r meine Schwestern und mich stand fest, dass der alte Abraham uns auf diese Weise zu verstehen geben wollte, wie wenig er eine Verbindung zwischen unseren Familien w├╝nschte. Vater hingegen nahm ihm beim Wort.

Am Abend kehrte ich zu den Mandelb├Ąumen zur├╝ck. Akhilesh lag mit geschlossenen Augen in seiner H├Ąngematte. Mit dem linken Fu├č auf den Boden schaukelte er sich sanft. Es stank nach den Ausscheidungen der Wanderasketen, die ihre Notdurft von den B├Ąumen herab verrichteten. Akhilesh schien weder der Gestank noch das aufgeregte Summen der Fliegen zu st├Âren. Ohne die Augen ge├Âffnet zu haben sagte er: ÔÇ×Komm her, Sohn, und setzt dich zu mir."
Der Kerl war mir unsympathisch. Seine zur Schau gestellte Selbstsicherheit widerte mich an.
ÔÇ×Ich bin gekommen, um die Ziegen zu bezahlen."
ÔÇ×Das wei├č ich doch. Jetzt komm schon her. "
Das Geld lag in meiner Hand, fast neue Banknoten. Ich legte sie ihm auf den Bauch, und er griff zielsicher nach dem B├╝ndel, tastete es ab und steckte es sich dann unter den R├╝cken.
ÔÇ×Von woher kommen Sie? Aus Cochin? "
ÔÇ×Wir kommen von ├╝berall her. Warum willst du das wissen, Sohn? "
├ťber mir in den B├Ąumen raschelte es. Ich guckte nach oben. Vielleicht mochten die Asketen es nicht, wenn man ihren Anf├╝hrer direkte ansprach. Der Hintergrund meiner Frage war die Vermutung, dass es sich nicht um Wanderasketen, sondern um Wanderbanditen handelte, die in Cochin von der Hochzeit der Abraham-Familie geh├Ârt hatten, und die nun gekommen waren, um sich ihr Wissen mit ├╝blen Taschenspielertricks zu vergolden.
ÔÇ×Du misstraust mir, Sohn, aber ich bin dein Freund."
Ich f├╝hlte mich ertappt und wurde w├╝tender.
ÔÇ×Ich muss jetzt gehen, gleich kommt mein Vater nach Hause."
Der Alte l├Ąchelte mit geschlossenen Lippen. ÔÇ×Bestell ihm sch├Âne Gr├╝├če von mir, Sohn, er lernt uns bald kennen.ÔÇť
Unter der H├Ąngematte stand ein Rucksack. Er war nicht richtig verschlossen. Wenn er umgefallen w├Ąre, h├Ątte er seinen Inhalt ├╝ber den Boden zerstreut.
ÔÇ×Ich w├╝nsche Ihnen Gesundheit", sagte ich und trat gleichzeitig gegen den Rucksack. Er neigte sich langsam nach hinten, sank dann zusammen wie ein angeschlagener Boxer, fiel aber nicht um. Das einzige, was er preisgab war der Zipfel einer platinfarbenen Kreditkarte.
Der Alte grinste mit geschlossenen Augen. Ich ging.
ÔÇ×Sei nicht zu stolz, um vom Leben zu lernen, Sohn. Wenn du fortgehst, wie es dir prophezeit ist, dann denke immer daran, denen zu dienen, die du liebst. "
Ich wandte mich um. Wieder so ein Spruch, wie er beliebiger nicht h├Ątte sein k├Ânnen. Er h├Ątte ├╝berall gepasst. Die Antwort verkniff ich mir und ging.

Mittlerweile war das ganze Dorf auf den Beinen, und unser Haus drohte vor Menschen zu platzen. Sheena hing am Telefon und beriet sich mit unserem kaschmirischen Gro├čvater. Die Familie meiner Mutter lebt dort.
Mutter stand in der K├╝che und r├╝hrte in ihren gr├Â├čten T├Âpfen und Sch├╝sseln. Anusha, Alisha und Nanda, meine Schwestern, in dieser Reihenfolge j├╝nger als Sheena, schleppten von unseren unmittelbaren Nachbarn, den Sreedharans, St├╝hle und Sitzkissen herbei, leider auch die Familie, welche die Bitte meiner Schwestern als allgemeinen Hilferuf verstehen wollte. Ich zog mich in mein Zimmer zur├╝ck, festentschlossen, mich dem albernen Trubel fern zu halten. Das Handy piepte. Nisha, meine Freundin, hatte mir eine SMS geschickt. Ihr Bruder war mit seiner Familie vor einigen Monaten nach Kalkutta gezogen, um dort eine Stelle bei der Regierung anzutreten. Sein Haus stand leer, weil noch nicht sicher war, ob Nishas Vater es verkaufen oder selber hinein ziehen wollte. Nisha hatte den Schl├╝ssel des Hauses ergattert, und das bedeutete f├╝r uns, einen ungest├Ârten Abend zu verleben. Das Beste, was mir passieren konnte war dem Jammer der Familie f├╝r ein paar Stunden zu entkommen.
Im Badezimmer spielten zwei Jungen aus dem Dorf, der kleine, dicke Arun und der hagere, knochige Sunil, mit einem St├╝ck Holz in der von Vater nach langem Suchen gefundenen franz├Âsischen Edeldusche. Im Abfluss steckte ein Tuch, Wasser rann ├╝ber den Wannenrand.
In der Hoffnung, Antrieb zu erzeugen, hatten die Jungs Vaters Nass-Trockenrasierer mit einem Schn├╝rsenkel unter das kleine Holzbrett gebunden und ihn eingeschaltet.
Arun, kaum siebenj├Ąhrig, sah mich mit seinen gro├čen, runden Augen an. Die H├Ąnde faltete er brav vor dem Bauch. Er wirkte ebenso unschuldig wie drollig. Sunil, etwas j├╝nger, tat es ihm gleich.
ÔÇ×Raus hier!" befahl ich. Die Jungen st├╝rmten aus dem Badezimmer. Als ich sp├Ąter, geduscht und parf├╝miert, mein schweres Haar mit Gel geb├Ąndigt, in den Flur trat, kam Vater gerade zur T├╝r herein.
Vater ist einen Meter und siebzig gro├č, also zehn Zentimeter kleiner als ich. Als an ihm ist breit und kantig, das Gesicht, der Oberk├Ârper, die H├╝ften, die Beine, sogar die H├Ąnde und die F├╝├če. Seit seiner Kindheit tr├Ągt er einen Scheitel, der immer so korrekt aussieht, als z├Âge er ihn jeden Morgen mit dem Lineal. Wer mit Vater schwimmen geht sieht, dass sein Haar sogar unter Wasser gescheitelt auf dem Kopf liegt. Seine Gesch├Ąftsfreunde nennen ihn den Terrier, weil er sich so lange in ein Problem verbei├čt, bis er es l├Âst.
Zu seinem vierzigsten Geburtstag, das war vor sieben Jahren, hatten sie ihm aus diesem Grund einen Bulldog geschenkt. Einen tyrannischen Kl├Ąffer mit einem quadratischen Brustkorb und einem ebensolchen Kopf, der, wenn Vater ihn am Wochenende mitbrachte, sofort begann, den Garten umzugraben und mit seinem Gebiss Steine zu zermahlen. Im Erwachsenenalter entwickelte der Hund die unangenehme Eigenart, auf Ziegen aufzureiten. Vater hat den Hund deswegen ├╝ber Nacht abgeschafft, und seitdem wurde im Haus nie wieder ├╝ber den Terrier noch ├╝ber Vaters Spitznamen gesprochen.
Sofort umringte die Meute Vater. Sheena warf sich ihm weinend um den Hals. Vater war hocherregt. Sein kleiner Schnurrbart zitterte, und seine Augen, scharf und stechend, traten etwas hervor. ÔÇ×Alles wird gut, mein T├Ąubchen", suchte er Sheena zu beruhigen. Dann machte er etwas, das ich bei ihm selten erlebt hatte. Er sah sich mit einem unsicheren Blick um, als ob ihn die vielen Menschen ver├Ąngstigten. Pl├Âtzlich wirkte er m├╝de.
Wenn er mich gesehen h├Ątte w├Ąre ich zu ihm gelaufen um ihn zu begr├╝├čen. Aber dann w├Ąre es mir schwer gefallen, mich von der Familie zu l├Âsen. Vater h├Ątte meine Flucht nicht geduldet, er h├Ątte darauf bestanden, mit mir Sheena und Mutter zu tr├Âsten, oder unseren Gastgeberpflichten nachzukommen. Rasch verschwand ich in meinem Zimmer und verriegelte es. Das Zimmer lag von der Stra├če aus gesehen zur linken Seite des Hauses. Drau├čen, auf der Wiese vor dem Fenster, ├╝bten M├Ądchen eine neue Choreografie ein, ich meinte einige Schritte zu erkennen aus dem letzten, gro├čen Kino-Kassenschlager aus Mumbai: Wenn aus Freundschaft Liebe wird.
ÔÇ×Weg mit euch!", rief ich hinab. Die M├Ądchen verharrten, schauten eine Sekunde hoch zu mir und liefen fort. Mittlerweile war ich darin ge├╝bt, das Haus durch das Fenster zu verlassen, in dem ich mich auf den mittleren der drei Wassertanks fallen lie├č, die unmittelbar vor der Hauswand standen. Unbehelligt gelangte ich in meinen Jeep. Als unser Haus im R├╝ckspiegel kleiner zu werden begann atmete ich erleichtert auf. Der Abend war gerettet.
Wieder auf die Stra├če schauend entdeckte ich Onkel Dinesh am Wegesrand. Ich bremste und stecke den Kopf aus dem Seitenfenster. ÔÇ×Onkelchen, du hier? Was gibt es? "
Onkel Dinesh l├Ąchelte, die kleinen, wei├čen Z├Ąhne blitzten. Statt zu antworten hob er nur seinen Wanderstab. Wir schauten uns in die Augen. Seine waren matt und tr├╝be. Onkel Dinesh hatte den Lebensmut verloren, als seine Frau Madhu vor sieben Jahren starb. ÔÇ×Wir sehen uns", murmelte ich schlie├člich.
Er lachte stumm.
Onkel Dinesh wandte sich ab und hinkte davon. Nach dem Tod seiner Frau war er in eine Einsiedlerh├╝tte in die Westghats gezogen, um dort ungest├Ârt beten und meditieren zu k├Ânnen. Niemand hatte ihm am Fortgehen gehindert. Der Grund daf├╝r war ein l├Ąngst verstorbener Gro├čonkel meines Vaters, Ajatashatru, ein Betr├╝ger und mutma├člicher M├Ârder. Eines Nachts hatten ihm Freundes seines letzten Opfer aufgelauert und erschlagen. Onkel Dineshs schwere Schuld bestand nun darin, dass er mit seiner Frau Madhu zwei S├Âhne, Zwillinge, gezeugt hatte, die aussahen wie Miniaturkopien von Gro├čonkel Ajatashatru.
ÔÇ×Der M├Ârder ist gleich doppelt zur├╝ckgekehrt", sagten die Menschen im Dorf.
Die Jungen, Ambar und Chittaranjan, waren den t├Ąglichen Anfeindungen nicht gewachsen. Sie entwickelten sich deutlich unter ihren M├Âglichkeiten, Ambar, der um einige Minuten j├╝ngere, machte sich noch im Alter von f├╝nf Jahren in die Hosen, und Chittaranjan hatte sich in eine Scheinwelt gefl├╝chtet, in der nur seine Familie und Tiere existierten.
Als die Jungen das schulf├Ąhige Alter erreichten bestand Mutter darauf, dass Vater - Onkel Dinesh fehlte das Geld - sie in ein Internat in Delhi schickte. Die beiden Jungen sind mittlerweile erwachsen.
Anders als mein kr├Ąftiger, energischer Vater ist Onkel Dinesh schm├Ąchtig und gleich um einen Kopf kleiner als er. Onkel Dinesh hatte sich in seiner besten Zeit einen Namen als Teeexperte gemacht. Angeblich trinkt man noch heute zwei seiner Kreationen in Warschau. Auf jeden Fall hat er schon immer wesentlich ├Ąlter ausgesehen als er war. An jenem Tag, mit f├╝nfzig, glich er einem Mann jenseits der sechzig. Er trug einen wei├čen Schnurrbart, und gegen die Sonne sch├╝tzte ihn schwarze Melone, wie sie Englische Lords aufzusetzen pflegen.
Seine urspr├╝nglich wei├čen Hosen und Hemden, die er aus Trauer trug, hatten sich im Laufe der Zeit tabakfarben gef├Ąrbt.
Vor einigen Jahren war er bei seinen einsamen Wanderungen durch die Westghats dem Nest einer K├Ânigskobra zu Nahe getreten. Die Kobramutter hatte Onkel Dinesh durch den Urwald verfolgt und ihn schlie├člich in die Wade gebissen. Zu jener Zeit befand sich eine Wissenschaftlergruppe aus Bangalore mit der Absicht in der Gegend, unsere endemischen Schlangen- und Amphibienarten zu untersuchen und neu zu kategorisieren. Als Onkel Dinesh, wie von h├Âherer Gewalt gef├╝hrt, ohnm├Ąchtig vor ihren F├╝├čen zusammen brach handelten sie sofort und verabreichten ihm ein Gegengift. Was wiederum nicht jedem im Dorf recht war, Onkel Dinesh wohl auch nicht. Als inoffizielle Lesart gilt, dass ihm das Schicksaal einen sch├Ânen und ehrenhaften Tod angeboten hatte, den er aus Boshaftigkeit und Arroganz verweigerte.
Vom Schlangenbiss blieb nichts zur├╝ck au├čer einem hinkenden Bein und einem wissenschaftlichen Artikel ├╝ber die Wirkung von Gegengiften in einer Fachzeitschrift in Bangalore, illustriert mit einem Foto, welches den unsicher l├Ąchelnden Onkel Dinesh im Kreise seiner Retter zeigt.
Zu besonderen Anl├Ąssen kehrte Onkel Dinesh zur├╝ck ins Dorf.
Ich kann mich an keine Hochzeit, hinduistische, moslemische oder christliche erinnern, auf der er nicht - der Prozession hinterherhinkend - getrommelt hatte.
Er war immer da, wenn man ihn braucht, und er verstand es meisterhaft, wie unsichtbar im Hintergrund die F├Ąden zu ziehen.

Die zwanzig Kilometer zu Nisha legte ich in Windeseile zur├╝ck. Wie immer parkte ich den Jeep etwas abseits vom Haus und wartete, bis es dunkel war. Nisha empfing mich mit ihrem entz├╝ckendsten L├Ącheln. Wir schlossen rasch die Haust├╝r hinter uns und k├╝ssten einander. Nisha war ein wundersch├Ânes M├Ądchen. Vor einigen Monaten, kurz nachdem ich aus England zur├╝ckgekehrt war, sa├č sie mit Sheena in unserem Garten. Die beiden kennen sich schon lange, aber mir war sie bis dahin nicht aufgefallen. Wir haben uns sofort ineinander verliebt. Ich genoss alles an ihr. Sie ist so anders ist als die M├Ądchen in London, die gleich mit der T├╝r ins Haus fallen. Wir beschlossen zun├Ąchst, unsere Beziehung zu verheimlichen. Das war ehrlich gesagt mein Vorschlag, denn es gab noch einige Schwierigkeiten, die mich an einer ├ľffentlichmachung unserer Gef├╝hle hinderten.

Nisha hatte gekocht.
Mit fiebriger Unruhe n├Ąherten wir uns dem Abschluss des Essens, und als es dann endlich so weit war trug ich sie ins Schlafzimmer, und dort liebten wir uns.
Irgendwann lagen wir gl├╝cklich umschlungen im Bett. Zwei Ventilatoren, einer stand neben dem Nachttisch, der andere war unter der Zimmerdecke montiert, sorgten f├╝r K├╝hlung.
Nisha konnte nicht schlafen, sie w├Ąlzte sich im Bett.
ÔÇ×Du Rahul", begann sie das Gespr├Ąch, ÔÇ×bald heiratet doch deine Schwester. "
ÔÇ×Schon wieder dieses Thema", fl├╝sterte ich ihr ins Ohr.
Sie lachte. ÔÇ×Ja, schon wieder dieses Thema. Ich kann mir vorstellen, dass bei euch Zuhause ├╝ber nichts anderes gesprochen wird. "
Sie streichelte ├╝ber meinen R├╝cken.
ÔÇ×Ich kann das nicht mehr h├Âren. Sheena und Mutter treiben alle in den Wahnsinn. Ich bin froh, wenn es vorbei ist. "
Sie knuffte mich in die Seite. ÔÇ×Sei nicht so unromantisch. Kannst du dir nicht vorstellen . . . "
ÔÇ×Nat├╝rlich kann ich mir vorstellen, wie viele Kleinigkeiten und Details noch erledigt werden m├╝ssen. Allein die Bewirtung... Au├čerdem m├╝ssen wir f├╝r den Transport unserer G├Ąste aus dem Dorf und die Unterkunft in Cochin sorgen. Die Heiraterei wird Vater noch ruinieren. "
ÔÇ×Das meine ich nicht. F├╝r diese Dinge ist gesorgt, schlie├člich ist dein Vater ein erfolgreicher Gesch├Ąftsmann. Eigentlich . . . "
Ich dr├╝ckte ihr einen Kuss auf den Mund. Sie befreite sich sanft von mir, schaltete die Nachttischlampe an. Sie wirkte hellwach.
ÔÇ×Schau mich an, Rahul."
Ihre Fingerspitzen streichelten meine Wange.
Ich verdrehte die Augen.
ÔÇ×Sie nicht so albern. Schau mich an. "
ÔÇ×Gut, und jetzt? ", fragte ich neugierig und vorsichtig zugleich.
ÔÇ×Rahul, wie sieht deine Zukunft aus? Ich meine, du hast in London studiert, bist zur├╝ckgekehrt. Warum? Was findest du hier, das es in England nicht gibt? M├Âglicherweise eine Frau? "
Der Unterton war nicht zu ├╝berh├Âren. Trotzdem ging ich nicht drauf ein.
H├Ątte ich ihr die Wahrheit sagen sollen? Ich hatte nach Kerala zur├╝ckkehren m├╝ssen, weil Vater bef├╝rchtete, dass ich meine indische Kultur verlieren w├╝rde? Sein ├╝berzeugendstes
Argument war sein Scheckbuch.
ÔÇ×Darum habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, Nisha. "
Ihre Augen weiteten sich. Sie konnte zugleich die Stirn krausen und l├Ącheln und dabei gut aussehen. ÔÇ×Rahul, du bist vierundzwanzig. In diesem Alter ern├Ąhren andere M├Ąnner eine Familie. Und du k├Ânntest das auch. Verstehst du, was ich meine? "
Ich rutschte etwas zur├╝ck. Diese Art der Diskussion f├╝rchtete ich, denn ├Ąhnliche Gespr├Ąche hatte Mutter oft mit mir f├╝hren wollen, was ihr aber nicht gelang, weil ich mich dann immer zur├╝ckzog.
Tats├Ąchlich hatte ich zu jenem Zeitpunkt keine konkreten Zukunftspl├Ąne. Ich war vierundzwanzig Jahre alt und wollte nach den Jahren des Studierens in England mein Leben genie├čen. Das war meine Philosophie. Irgendwann wollte ich nach London zur├╝ckkehren oder vielleicht nach Delhi gehen, um Doktor zu werden und, wenn das eines Tages notwendig werden sollte, mir meinen Lebensunterhalt vielleicht als Dozent oder so verdienen. Praktische Arbeit betrachtete ich kritisch, an meinem beklagenswerten Vater sah man ja, wozu die f├╝hrte. Dieser schaffensw├╝tige, kurz schlafende, immer gr├╝belnde Mann war paradoxer Weise mein gr├Â├čter Verb├╝ndeter. Er vertrat die Meinung, dass seine Kinder es nicht so schwer haben sollten wie er, der mit Schulden in Cochin angefangen und es nun zum Teilhaber einer Fabrik mit fast dreihundert Mitarbeitern geschafft hatte.
ÔÇ×Was soll ich machen?", fragte er Mutter immer, wenn die ihm vorwarf, meine Flausen zu unterst├╝tzen, ÔÇ×Wenn man bedenkt, was ich f├╝r die T├Âchter ausgeben muss, ist mein Sohn nahezu billig."
Genau das war auch mein Standpunkt, denn wenn ich eines als Philosoph verstanden hatte dann die Tatsache, dass das Leben und erst recht die Jugend, zu sch├Ân und kurz waren, um sie mit Arbeit zu ruinieren.
ÔÇ×So eine Hochzeit, vor allem mit einem geliebten Mann, ist nun einmal der H├Âhepunkt im Leben einer Frau", riss mich Nisha aus den Gedanken.
ÔÇ×In erster Linie handelt es sich doch um einen Formalismus", antwortete ich ihr.
Sie schaute mich stumm an. In ihren gro├čen, braunen, etwas gr├╝nstichigen Augen zogen Wolken auf. Mir war nur zu bewusst, worauf sie hinaus wollte, aber ich f├╝hlte mich wohl mit meinem Junggesellenstatus. Au├čerdem gab es einige Dinge, die ich dringend kl├Ąren musste. Zun├Ąchst wollte ich beobachten, wie unsere Beziehung sich entwickelte. Und dann waren da noch drei andere Frauen, die ich ebenfalls in Herz geschlossen hatte. Susan und Meg warteten in London auf meine R├╝ckkehr, und in Cochin pflegte ich vertraulichen Umgang mit Seema, der Tochter eines Mitarbeiters meines Vaters. Als Seema erfuhr, dass ich aus London zur├╝ckgekehrt war, hatte sie mich eingeladen, um ├╝ber England zu sprechen. Wir kennen uns, seit wir drei sind, doch wir hatten uns niemals f├╝reinander aus Liebe interessiert. Manchmal werden Menschen erwachsen, aber man sieht sie trotzdem als Kind an. So war das auch mit Seema, das hei├čt, bis zu diesem Treffen. Donnerwetter, war mein erster Gedanken, als ich ihre Verwandlung in eine h├╝bsche, attraktive Frau begriff.
Wir kamen uns nahe, sehr.
In ihr gl├╝hte die unterdr├╝ckte Sehnsucht nach Abenteuern aller Art ÔÇô und da kam ihr ein Mann recht, der sich die Provinzialit├Ąt Keralas in London aus den Kleidern hatte l├╝ften lassen.
So gesehen sa├č ich zwischen allen St├╝hlen. Eigentlich liebte ich Nisha, Seema, Susan und Meg zugleich. Warum sollte auch die Liebe zu einer Frau die zu den anderen ausschlie├čen? Nisha liebte ich wegen ihres scheuen Wesens, ihrer Sanftheit, wegen ihrer Z├Ąrtlichkeit. Sie ist die h├╝bscheste von allen. Ein spontanes, kumpelhaftes Wesen mit lachenden Augen. Meg ist damenhaft und hei├čbl├╝tig zugleich, mit ihr besuchte ich Theater und Museen, sie lehrte mich britische Kultur.
Susan ist verr├╝ckt und chaotisch, und sie ist auf eine wunderbare, grundanst├Ąndige Weise verdorben und frivol. Mit ihr arbeitete ich an einem wissenschaftlichen Projekt. Sie hatte vorgeschlagen, das Buch des Kamasutra durch eine moderne Fassung zu erg├Ąnzen, die auf viele unpraktizierbare Verrenkungen verzichtete und gleichzeitig der Liebe die Romantik zur├╝ckgab, die ihr neuzeitliche Gesch├Ąftemacher gestohlen hatten.
So gesehen standen auch unsere gemeinsamen N├Ąchte ganz im Zeichen der Revolution und der Wissenschaft.
Mit einer Videokamera zeichneten wir vieles auf. Die Filme halfen uns, die Erinnerungen an unsere sch├Ânen Stunden in Farbe zu verewigen.
Zu jener Zeit schrieben wir uns E-Mails, arbeiteten an unserem interkontinentalen Kamasutra, der damals zu einem Viertel fertig war. Meine Aufgabe war die Illustrationen und der philosophische Unterbau, Susans St├Ąrke waren anregende, aber niveauvolle Texte. Susan meinte, dass wir das Werk eines Tages ins Internet br├Ąchten und damit eine neue, romantisch-sexuelle Revolution ausl├Âsen k├Ânnten.
ÔÇ×Unsere Namen, unsere Liebe, unsere K├Ârper, unsere Genitalien werden unsterblich im Netz. Das, was wir machen ist so etwas ├ähnliches wie H├Âllenmalerei in 3D.ÔÇť
Naja, so weit wollte ich nicht gehen, aber ich muss zugegeben, dass mir die Arbeit gro├čen Spa├č bereitete.
Leider endeten die N├Ąchte mit Nisha immer zu fr├╝h. Ich hasste es, im Morgengrauen das Haus wie ein Dieb zu verlassen. An diesem Tag war es anderes. Ich war bereits um drei Uhr wach geworden. Warum war Vater gekommen? Die Frage ging mir nicht aus dem Kopf.
Der Wanderasketenf├╝hrer Akhilesh lag vielleicht doch nicht so falsch mit seiner Prophezeiung. Um f├╝nf Uhr weckte ich Nisha und verabschiedete mich. Sie sah so unwiderstehlich aus mit ihrem aufgel├Âstem Haar.
ÔÇ×Mitten in der Nacht?ÔÇť, murmelte sie.
ÔÇ×Vater ist zur├╝ckgekehrt, er steht immer fr├╝h auf, sicher wartet er bereits auf mich.ÔÇť
ÔÇ×Bestell ihm Gr├╝├če von mir.ÔÇť
Sie wusste, dass ich das nicht wollte. Ich l├Ąchelte und dr├╝ckte ihr einen Kuss auf den Mund.


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