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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Sheraton in Flammen
Eingestellt am 08. 09. 2003 18:09


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habibi
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Registriert: Mar 2003

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Sheraton in Flammen!

In der Arab News war die Anzeige auf zwei ganzen Seiten. „We cut the ribbon!“ In einer Woche sollte die große Eröffnung des ersten fĂŒnf Sterne Hotels in Saudi Arabien stattfinden. In einer gewaltigen Anstrengung, mit Tag- und Nachtschichten und mit dem Einsatz von unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig viel Geld war ein fĂŒr ein Appartementhaus konzipierter 17 Stockwerke Hochbau in ein Hotel umgebaut worden. Das klingt eigentlich einfach, aber ganz so simpel war diese Aktion nicht. Die existierenden zwei TĂŒrme wurden verbunden und die Wohneinheiten entkernt und neu geteilt. Irgendwann, nach mehr als zwei Jahren Umbauarbeiten mit einheimischen Baufirmen, bekam der Eigner arge Bedenken, ob der Bau letztendlich auch sicher sein wĂŒrde und nicht wĂ€hrend des Umbaues kollabieren wĂŒrde. Die Sheraton Organisation , die nur den Namen und den Betrieb stellte und die Bedingungen fĂŒr des Bau festlegte, war nicht EigentĂŒmer oder Besitzer des Bauwerkes. Sheraton war ohne Risikobeteiligung. Der Bauherr, ein frĂŒherer Geheimdienstchef, war mit seinem „geheimen“ Wissen ĂŒber die Prinzen zu Geld gekommen und rechnete sich mit dem Namen Sheraton einen guten Gewinn mit den auslĂ€ndischen GeschĂ€ftsreisenden aus. So war es zum Kauf des Appartementhauses und dem Umbau gekommen. GerĂŒchte machten den Umlauf, durch die Umbauten wĂ€re das Bauwerk wesentlich schwerer geworden und sacke allmĂ€hlich in den sandigen Boden. Vermesser wurden beauftragt, aber die Toleranzen in den NivelliergerĂ€ten und die Ablesefehler konnten weder das Gegenteil noch die Annahme bestĂ€tigen. Ein deutsches IngenieurbĂŒro sollte die statische Sicherheit nachweisen, die Bestandsaufnahmen zogen sich hin und das Resultat waren umfangreiche VerstĂ€rkungen an SĂ€ulen und WĂ€nden, die Fundamente waren ausreichend. Es bestand demnach eher eine Gefahr, dass der Bau zusammenkrachte und nicht, dass er in den Boden versank.
Nach den Sheraton Spezifikationen wurden KĂŒchen und Einrichtungen eingebaut, die Klimaanlagen auf das 17. Stockwerk gehievt, wobei dazu ein Kran aus Zypern eingeschifft wurde. Eine deutsche Einrichtungsfirma erledigte den Innenausbau der Zimmer und der Lobby und eine griechische SanitĂ€rfirma Wasser und Abwasser, Boiler und KĂŒhlung. Mehr als 8oo Personen arbeiteten in dieser letzten Phase auf der Baustelle.
Freitag, Tag des Propheten, allgemeiner Ruhetag, auch bei Terminarbeiten unbedingt einzuhalten. Der Projektleiter, Hermann Leitner, war mit seiner Familie am Strand zum Schnorcheln und Surfen, als ein libanesischer Vorarbeiter an den Strand gerast kam und aufgeregt schnaufte:
„Das Sheraton brennt!“
Leitner fuhr zum Hotel wie in Trance. Blackout wĂŒrde ein Politiker seinen Zustand bezeichnen. Das Hotel konnte nicht brennen. Beton brennt nicht! Alles ein Irrtum. Seine Gedanken kreisten im Irrationalen.
Am Hotel alles gesperrt. Aber ĂŒber die Nebenstraße kam er in das Haus und mit seinen Lokalkenntnissen auch in das HauptgebĂ€ude, in dem der Brand war. Die anwesenden WĂ€chter und die im Bau nĂ€chtigenden Hilfsarbeiter wussten, wo der Brandherd war. In der Lobby im ersten Stock. Nichts zu sehen, nur der Widerschein eines Feuers durch die geschoßhohen Scheiben auf das gegenĂŒberliegende Haus. Leitner stand im dritten Stock ĂŒber der Straße, auf der die Feuerwehrfahrzeuge hintereinander aufgefahren waren. Unentschlossenheit, was zu tun sei. Die Tanklaster kamen vom Meer bereits mit dem Löschwasser angefahren, der Feuerwehrleiter war gezwungen eine Entscheidung zu treffen. Er schrie einen Befehl in Arabisch. SchlĂ€uche wurden ausgerollt und verbunden. Die MĂ€nner stellten sich wirksam fĂŒr die zahlreichen Zuschauer in Positur. Dann wurde Druck auf die Leitungen gegeben und mit der Kraft des Wasserstrahles schossen die Feuerwehrleute die Scheiben im ersten Stock ein, hinter denen das Feuer vermutet wurde. Das fĂŒhrte nahezu zu einer Explosion. Die plötzliche Sauerstoffzufuhr brachte das Feuer erst richtig zum Brennen. Die Feuerwehr war verblĂŒfft und erst ratlos. Dann zerschlugen die BrandbekĂ€mpfer die Verglasung des Erdgeschosses mit ihren Äxten und drangen in das GebĂ€ude ein. Aber nicht bis zum Brandherd, nur einige Schritte wagten sie sich in das Innere und rannten sofort wieder hinaus um mehr materielle Hilfe anzufordern. Der Kamineffekt fĂŒhrte inzwischen dazu, dass der Brand sich ĂŒber die KabelschĂ€chte in die oberen Stockwerke ausdehnte. Da die Kabel Feuer gefangen hatten und auch die Deckenverkleidungen aus Kunststoff, beide sonderten SchwefelsĂ€ure bei ihrer Verbrennung ab, musste Leitner von seinem Beobachtungsposten weg. Er versuchte mit brendender Kehle den Feuerwehrleuten begreiflich zu machen, dass mit Löschschaum und nicht mit Wasser der Brand der Kunststoffteile zu bekĂ€mpfen sei. Er sah, wie ein Feuerwehrmann den Verschluss fĂŒr den Foam an einem Speziallöschfahrzeug nicht öffnen konnte und letztlich seinen Schuh auszog und in Wut auf dem Verschluss herum hĂ€mmerte. Völlig resigniert ging Leitner auf den Vorhof und traf dort deutsche Handwerker, die die Innenverkleidungen und Schreinerarbeiten im Hotel gemacht hatten. Einige von ihnen weinten.
Über den beiden TĂŒrmen stand eine schwarze Wolke. Durch die beiden TreppenhĂ€user zog der Rauch mit unglaublicher Gewalt nach oben und schoss auf dem Flachdach durch die AufzugshĂ€user wie aus einem Schornstein in den Himmel. Etwa dreißig Leute, die sich in den oberen Stockwerken zum AufrĂ€umen und Saubermachen der Zimmer aufgehalten hatten, waren in Panik oder Neugierde auf das Dach geflĂŒchtet und standen nun abgeschnitten dort. Sie winkten um Hilfe. Ein Begehen der TreppenhĂ€user war unmöglich, nicht nur wegen des Rauches, auch wegen der hohen Temperaturen. Und eine Evakuierung durch Hubschrauber war unmöglich, da per Gesetz ein Befliegen von StĂ€dten generell verboten war.
Um es kurz zu machen. Der Brand war nach fĂŒnf Stunden im Groben gelöscht. Die Personen vom Dach konnten nach weiteren drei Stunden geborgen werden, wobei der Beton in den unteren Etagen so heiß war, dass man sich Brandwunden bei der BerĂŒhrung zuzog. Der Schaden durch das Salzwasser der Löscharbeiten ĂŒberstieg den des Brandes. Die unteren Teile des Hotels, Eingang, Lobby, Restaurants und BĂŒros waren völlig zerstört, die Bettenetagen durch den Rauch und die Hitze schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die armdicken Elektrokabel schmorten noch tagelang weiter und erst das völlige Entfernen dieser Installation beendete die Gefahr endgĂŒltig. Es war der grĂ¶ĂŸte zivile Brandschaden in der Geschichte Saudi Arabiens. Höhere SchĂ€den gab es nur bei zwei RaffineriebrĂ€nden. Das stellte sich aber erst einige Wochen spĂ€ter heraus.
Am folgenden Tag, die Spekulationen ĂŒber die Ursache des Brandes schossen ins Kraut und auch ĂŒber die BekĂ€mpfung des UnglĂŒcks oder der Brandstiftung gingen die Meinungen weit auseinander. Jede Spekulation war erlaubt und jeder Besucher war ein Experte.
Der Chef der Firebrigade kam zur BrandstĂ€tte, mit großem Gefolge und wohl wissend um seine Wichtigkeit. Er wollte die Brandursache feststellen und tat dies mit eindeutiger Zielrichtung. Leitner war verantwortlich! Beim gemeinsamen Rundgang entdeckte er ein Starkstromkabel, das im Anbau, zweihundert Meter vom eigentlichen Brandgeschehen ohne Isolierung auf dem Betonboden lag. Triumphierend deutete er darauf. Mit einem schnalzenden Laut zog er die Luft durch die Nase, schnell hintereinander, mehrmals. Er entschied:
„Hier, dieses Kabel!“
Leitner entgegnete:
„Das ist ohne Strom!“
obwohl er sich dabei nicht sicher war. Er blickte zum pakistanischen Elektriker hin, um von dem Gewissheit zu erhalten, aber der schaute weg.
Der Feuerwehrchef forderte ihn auf:
„das glaube ich nicht!“
Leitner nahm das Kabel in die Hand, sicher, dass er es nicht spĂŒren wĂŒrde, hĂ€tte das Kabel Strom in den DrĂ€hten. Der Chef der Feuerbrigade war damit ĂŒberzeugt und gab Leitner zum Abschied die Hand. Leitner wusste nicht, ob aus Hochachtung fĂŒr seien Mut, als Anerkennung fĂŒr seine GlaubwĂŒrdigkeit oder als Mitleid fĂŒr so viel Blödheit.
Die Versicherungen hatten innerhalb der nĂ€chsten zwei Tage den Schaden grob geschĂ€tzt und an die RĂŒckversicherungen gemeldet. Der Londoner Versicherungsmarkt reagierte umgehend und die MĂŒnchener RĂŒck, einer der Hauptbetroffenen, einigte sich mit den anderen Beteiligten, umgehend eine gemischte Expertengruppe nach Jeddah zu entsenden. Diese traf bereits fĂŒnf Tage nach dem Brand ein, bestehend aus BrandsachverstĂ€ndigen von Scotland Yard, Deutscher Kriminalpolizei und der NiederlĂ€ndischen und Französischen Polizei. Sie nahmen umgehend ihre Arbeit auf und konnten bereits am folgenden Tag, dem Donnerstag, die Stelle definieren, an der der Brand entstanden war. Es war eine Ledersitzgruppe in der Lobby im ersten Stock, weitab von jeder elektrischen Leitung. Damit war Brandstiftung definiert. Stolz, ob dieser schnellen Lösung, prĂ€sentierten die vier Experten das Ergebnis dem Hoteleigner, der darum bat, dieses Ergebnis dem lokalen Experten, dem Chef der Feuerwehr, mitzuteilen. Der kam auch umgehend auf die Baustelle und ließ sich die Stelle zeigen und die ErklĂ€rungen vortragen. Die Reaktion verblĂŒffte die europĂ€ischen Experten.
„Das kann nicht sein! Ich bin nach wie vor ĂŒberzeugt, nein, ich bin sicher, dass es ein Kurzschluss war!“
Er nahm Leitner bei der Hand und fragte ihn:
„Was meinst Du? War es Brandstiftung oder ein Kurzschluss?“
Wie vom Feuerwehrmann erwartet antwortete Leitner
„ Wenn Sie, als Experte sagen, es war Kurzschluss, wie kann ich als Laie sagen, es war etwas anderes?!“
Der Feuerwehrexperte triumphierte in die Runde:
„Sehen Sie, auch er, der doch am Besten die Situation in diesem Hotel kennt, er sagt, dass es Kurzschluss war!“
Und er ergÀnzte:
„PrĂŒfen Sie nochmals Ihre Untersuchungen, Sie werden sehen, sie kommen auf dasselbe Ergebnis!“
Damit wendete er sich zum Gehen, nahm Leitner zur Seite und meinte:
„Das ist doch völlig irre von diesen Leuten! Wenn ich mit denen ĂŒbereinstimme, dass es Brandstiftung war, dann verlangt der Prinz, dass ich ihm den Brandstifter liefere. Dazu bin ich, wie auch diese Herren, nicht in der Lage. Bei Kurzschluss gibt es niemanden zu prĂ€sentieren, das ist Gottgewollt. Damit bleibt nur Kurzschluss! Sagen Sie das den Leuten!“
Die europĂ€ischen Experten waren keineswegs zu ĂŒberzeugen. Recht bleibt Recht! Und es kam ĂŒberhaupt nicht in Frage hier in irgendeiner Weise zu manipulieren. Sie wollten in ihr Hotel zurĂŒck und dort eine endgĂŒltige gemeinsame Formulierung erarbeiten. Am nĂ€chsten Arbeitstag, also am Samstag, wollten sie diesen Text dann offiziell vorlegen.
Bis der Schaden endgĂŒltig erhoben war konnten die Reparaturarbeiten und die Neubeschaffung nicht beginnen. Darum war der Freitag der „Trauerarbeit“ gewidmet. Jeder blieb zu Hause und erholte sich von den nervlichen Strapazen der vergangenen Woche. Auch Leitner, als am Nachmittag stĂŒrmisch an seiner Wohnung geklingelt wurde.
„Wieder Feuer im Sheraton!“
Was konnte dort noch brennen? Warum wieder an einem Freitag. Nun war es eindeutig! Leitner kam zum Hotel. Die Feuerwehr war schon da, diesmal sehr viel mehr routinierter. Der Chef begrĂŒĂŸte Leitner schon wie einen alten Bekannten und schien fast vergnĂŒgt zu sein. Auch die Polizeiexperten trafen ein. Die Saudis sprachen nur Arabisch, kein englisches Wort. Das fiel auf. Als Leitner zu den Experten gehen wollte hielt ihn der Feuerwehrchef zurĂŒck.
„Du gehörst nicht zu denen. Bleib weg!“
Leitner verstand dies nicht und fragte einen jemenitischen Vorarbeiter neben ihm, was denn los sei.
„Die EuropĂ€er haben das Feuer gelegt! Das sagt der Feuerwehrchef.“
Leitner konnte es nicht glauben und er suchte den Hoteleigner. Den Saudi hatte er ebenfalls vor dem Hotel gesehen. Der Brand war innerhalb einer halben Stunde gelöscht, der Schaden war begrenzt, es war in diesem Bereich bereits alles zerstört gewesen vom Brand, der eine Woche vorher hier gewĂŒtet hatte. Der Hotelbesitzer erklĂ€rte Leitner nun, was Sache war.
„Der Chef der Firebrigade ist der Meinung, die Experten wollten nicht wahrhaben, dass er Recht hatte mit seiner Behauptung, dass der erste Brand auf einen Kurzschluss zurĂŒck zu fĂŒhren ist. Er kennt das Land und weiß, dass fast alle BrĂ€nde in letzter Zeit wegen Kurzschluss entstanden sind. Aber die Experten wollten ihre Theorie, dass es Brandstiftung war, nun mit der neuerlichen Brandstiftung beweisen!“
Leitner war nicht sicher:
„Was bedeutet das?“
„Das bedeutet, dass die EuropĂ€er verhaftet werden und angeklagt, zumindest den zweiten Brand, heute, vorsĂ€tzlich gelegt zu haben!“ und nach einer Pause
„es sei denn, wir bringen sie rechtzeitig aus dem Land!“
Leitner sollte dies den Polizeiexperten mitteilen.
Die vier Brandspezialisten waren fassungslos. Sie protestierten und lamentierten, aber dann besannen sie sich auf ihre eigene Sicherheit und taktierten. Sie wollten die Versicherungen entsprechend informieren wenn sie erst aus dem Land wĂ€ren. Das Mitglied von Scottland Yard hatte TrĂ€nen in den Augen und schwor, nie mehr einen Fuß in dieses Land zu setzen.
Die vier BrandprĂŒfer wurden aufgefordert, innerhalb von 6 Stunden das Land zu verlassen. Sie sollten das als großes Entgegenkommen werten und als Zeichen der GroßzĂŒgigkeit. Sie waren bereits nach drei Stunden auf dem ersten verfĂŒgbaren Flug.
Um die Sache noch zum Ende zu bringen:
Das Hotel wurde wiederhergestellt, die Kosten entsprechend mit befreundeten lokalen Unternehmen manipuliert und damit die Versicherungssumme voll in Anspruch genommen. Leitner, der maßgeblich an dieser Aktion beteiligt war, wurde von den Vertretern der RĂŒckversicherung gewarnt, dass bei seiner RĂŒckkehr in ein europĂ€isches Land er umgehend verhaftet wĂŒrde. Trotzdem war der Schaden durch die um ein halbes Jahr verzögerte Öffnung des Hotels wesentlich höher als die Versicherungssumme. Darum waren weder der Hoteleigner noch die Versicherung mit dem Ausgang zufrieden.
Leitner war der eigentliche Verlierer.
Wenn ein Saudi dies auch nicht so empfinden mag. FĂŒr einen EuropĂ€er sind die klimatischen VerhĂ€ltnisse nicht gerade einladend, seinen Lebensabend in diesem Land zu verbringen!

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