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Leselupe.de > Erzählungen
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Eingestellt am 04. 03. 2004 16:19


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Danwalker
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

Werke: 3
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Wenn ich Ihr doch nur hätte helfen können. Ich habs versucht. Doch es hat nicht sein sollen. Ich weiß nicht wie es passieren konnte. Vor einer Woche waren wir noch auf der Party. Und nun steh ich an Ihrem Grab. Sie ist tot. Sie ist tot. Sie ist tot.





Wir lernten uns in der ersten Klasse kennen. Sie wohnte nicht weit von mir entfernt. Gleich um die Ecke. Doch Sie war mir bis dahin nie aufgefallen. Erst in der Grundschule.
Schnell freundeten wir uns an, auch wenn ich Sie da nicht zu meinen besten Freunden gezählt hätte.
Wir hatten den gleichen Heimweg und gingen wir auch jeden Tag zusammen nachhause. Dabei sangen wir Lieder aus „Der König der Löwen“, dem Zeichentrickfilm. Das war der erste wichtige Film in meinem Leben. Filme haben später einen immer größeren Stellenwert eingenommen. „Der König der Löwen“ war dann der erste Film der mich wirklich beeinflusst hat. Die Musik. Diese Musik. Ich werde sie wohl nie vergessen können. „Hakuna Matata Diesen Spruch sag ich gern!“ Toll! „Ich will jetzt gleich König sein!“ Fantastisch! „Kann es wirklich Liebe sein?“ Das erste Liebeslied, welches ich mochte.
Immer wenn sie und ich von der Schule nachhause gingen, sangen wir lauthals diese Lieder. Es kam nicht selten vor, dass uns Passanten mit etwas merkwürdigen Blicken bedachten. Aber das war uns egal. Einem Kind ist so vieles egal. Was macht es schon wenn einer kuckt? Man sang einfach weiter, immer weiter. Denn als Kind lebt man in seiner eigenen Welt. Und in der Welt ist man glücklich. Doch es gibt Ausnahmen. Sie war eine. Nach außen hin gab Sie das glückliche Kind, in Wirklichkeit war Sie schon als kleines Kind gebrochen.
Wie hätte ich Ihr helfen können? Ich war doch ein Kind, das böseste, was ich mir vorstellen konnte, war Kater Karlo. Mich wunderte es nicht, dass Sie hin und wieder nicht zur Schule kam. Das ging ja jedem so. Doch ihre Erklärungen, im Nachhinein, hätten sie mich nicht ein wenig aufhorchen lassen sollen?
„Ich bin von der Schaukel gefallen.“
„Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt.“
Nur ein kleiner Teil ihres Unfallrepertoires. Es war an und für sich doch sehr verdächtig, wie oft Sie sich verletzte.
Einmal kam Sie mit einer dicken Schramme im Gesicht in die Schule. Unter uns neugierigen Grundschülern war Sie natürlich die Attraktion. Schrammen im Gesicht oder ähnliches waren immer ein Highlight. Kinder…
„Och, ich bin gegen eine Tür gelaufen, doof was?“
Wir haben es alle geschluckt. Drehten uns danach wieder um und malten weiter.
Jahre später sollte ich die Wahrheit erfahren.
Es war an einem Spätsommertag gewesen. Kurz nachdem die Schule wieder angefangen hatte. Die Sonne ging erst ein wenig später unter. Sie fragte, ob Sie nicht noch rüber zur Nachbarin könnte, ein bisschen spielen. Ihre Mutter hatte nichts einzuwenden gehabt, der Vater war bei der Arbeit. Und so ging Sie also spielen.
„Der Paul ist total doof, der sagt immer, dass er mich heiraten will!“
„Ihhhh! Is’ ja ekelig!“
„Genau finde ich den ja so doof.“
Das Telefon klingelt.
„Ich geh mal ans Telefon.“
„Ok“
Die Freundin geht zum Telefon meldet sich, sagt zweimal ja und ruft Sie zu sich. Sie geht und nimmt den Hörer.
„Du kommst auf der Stelle nachhause! Hast du verstanden? Trödel nicht rum!“
„Ja, is’ gut.“
„Auf der Stelle!“
Sie legt auf und schluckt. Sie beginnt zu schwitzen. Es war der Vater gewesen. Und er war sehr wütend. Sie verabschiedet sich schnell von der Freundin und rennt so schnell sie kann nachhause.
Er wartet schon an der Tür. Kein Hallo, kein gar nichts, er zerrt Sie ins Haus knallt erst die Tür zu und dann knallt er Ihr eine.
„Was treibst du dich anderswo rum, obwohl es doch Schulzeit ist?“
„Mama hat gesagt…“
„Gar nichts hat Mama gesagt! Ich habe hier das Sagen, wenn hier einer was sagt, dann bin ich das!
Dann schlägt er sie ins Gesicht. Sie weint nicht. Der Schock ist noch zu groß.
Der Vater schubst seine Tochter um, Sie fällt mit dem Rücken auf die Treppe. Jetzt bilden sich Tränen in Ihren Augen.
„Fang jetzt nicht an zu heulen! Man heult nicht! Das ist schwach! Jungs heulen auch nicht.“
Jetzt zerrt er Sie hoch zieht Sie an den Haaren und schubst Sie gegen eine Kommode. Sie stolpert und stößt mit dem Gesicht gegen einen Griff, das wird die Schramme.
Er hat noch nicht genug. Sein Gesicht ist jetzt ganz rot angelaufen und er schreit, Sie kann ihn aber nicht verstehen, weil seine Stimme springt. Sie rappelt sich auf und rennt zur Treppe und läuft hoch. Auf dem Weg in Ihr Zimmer muss Sie am Zimmer Ihres kleinen Bruders vorbei, an der der Tür steht Ihre Mutter. Die Mutter weint, Sie noch mehr.
So hat Sie es mir im Großen und Ganzen später erzählt, als unsere Freundschaft dann auf Vertrauen aufgebaut war und nicht mehr auf kindlicher Naivität.
Und so hat es sich oft zugetragen, fast jedes Mal, wenn Sie nicht zur Schule kam, denn Sie fehlte selten wegen einer Erkältung.







Es ist immer schön Geburtstag zu feiern. Entweder seinen eigenen, oder den von anderen, Freunde oder Familie. Man ist im Kreis derer, die man liebt, man hat Spaß und wer findet es nicht spannend, was andere Leute so geschenkt kriegen?
Man ist im Kreis derer, die man liebt. Davon kann bei Kindern wohl kaum die Rede sein, es ist ein einziges Einladen des anderen, weil man den nett findet, einen tieferen Grund hat das nicht. Und so haben das alle gehandhabt, Sie auch.
Es war wohl Ihr 10.Geburtstag. Ich erinnere mich, dass es am letzten Spieltag der Bundesliga gewesen ist. Fußball ist nämlich neben Filmen meine andere große Leidenschaft. Jedenfalls kann ich erinnern, dass der Karlsruher SC an diesem Samstag irgendwann im Mai abgestiegen war. Ich war den ganzen Tag sehr nervös, denn Sie hatte mich zum Geburtstag eingeladen, und so konnte ich nicht die Berichterstattung im Radio verfolgen. Und doch wusste ich, dass der KSC abgestiegen war. Woher? Er sagte es mir. Ihr Vater.
Er war sehr groß, wirklich sehr groß, was sicherlich auch daran liegt, dass ich als 10-jähriger noch so klein war. Er hatte längere, bereits ergraute Haare. Über seiner großen runden Nase lagen hellblaue Augen. Für mich sah er doch recht faszinierend aus. In meiner Familie gab es niemanden, der blaue Augen hatte. In meiner Umgebung schon, aber nicht solche blauen Augen.
Sie feierte ihren Geburtstag auf einer Minigolfanlage. Ihre Eltern hatten einen Kleinbus gechartert und die ganze laute Kindermeute zum endlosen Minigolf spielen und Pommes essen zur Anlage verfrachtet. Da ich immer sehr von Erwachsenen fasziniert gewesen war, spielte ich meine Runden in der Nähe von ihm. Und wir redeten ein bisschen.
„Was glaubst du denn wer heute absteigt?“
„Ich denke Rostock.“
„Meinst du? Wieso?“
„Weiß nicht, einfach so?“
Er sah mich mit diesen blauen Augen an und lachte. Dann wuschelte er mir mit der Hand durch die Haare und sagte:
„Du bist ein guter Junge.“
Dann ging er zum Bus und schaltete das Radio an. Ich beobachtete ihn vom Minigolfplatz aus. Er blieb nur kurze Zeit beim Bus, dann kam er wieder.
„Der KSC ist weg! 2-4 gegen Rostock.“
„Boah! Das’s ja ’Ding.“
Danach verließ ich ihn und rannte zu einem anderen Jungen und erzählte ihm die Neuigkeit.
Abends, als ich wieder zuhause war, erzählte ich meiner Mutter, wie nett Ihr Vater doch gewesen sei, er hatte doch extra herausgefunden, wie Fußball ausgegangen war. Ich war schwer beeindruckt. Heute wundere ich mich darüber, dass ich so naiv gewesen war. Ich hatte mich von so einer Kleinigkeit blenden lassen. Aber wiederum, warum sollte ich mir Vorwürfe machen? Ich hatte ja zu der Zeit nicht gewusst, was sich bei Ihr zuhause abspielte, wenn keiner zusah. Und wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich wohl nichts getan. Ich war ein Kind, ich hätte wohl die ganze Situation gar nicht begriffen.
Wie Sie mir später mal in einem Brief geschrieben hatte, war Ihre Geburtstagsfeier noch kräftig weitergegangen, Sie hatte Bekanntschaft mit seinem Gürtel gemacht.




Sie wurde oft geschlagen. Aber niemals wich darüber ein Wort an andere Personen, die nicht im Haus lebten. Keiner wusste etwas, es war eine Sache zwischen Ihr, Ihrem Vater und Ihrer Mutter. Der kleine Bruder sei mal außen vor, der war entweder noch nicht auf der Welt oder viel zu klein. Die Mutter unternahm nichts, sie liebte ihren Mann und sah nicht, wie er Ihre gemeinsame Tochter zu Grunde gerichtet hatte.
Sie wurde immer mehr zu einem Wrack. Heute sehe ich das genauer als damals. Wenn ich mir alte Fotos von Ihr ansehe, dann sieht Sie glücklich aus, Sie lächelt meistens. Doch Sie sieht nicht gut aus. Unter den Augen hat Sie große Ringe. Immer. Und kuckt man sich die Fotos an und vergleicht sie, dann sieht man, dass Sie immer das gleiche Lächeln hat. Es ist schwer zu beschreiben, aber es ähnelt doch sehr dem Lächeln einer Person, die in eine Zitrone gebissen hat und versucht zu lächeln. Es wirkt nicht ehrlich. Oder besser, es kommt nicht von Herzen.






Ich verlasse nun den Friedhof und denke nach.
„Es ist nicht gut, wenn man über sich selbst nachdenkt.“, hatte Sie immer gesagt. Und Sie hat Recht. Es ist schlecht, nein es ist beschissen. Hinterher fühlt man sich schlecht, sehr schlecht. Warum fällt es so schwer was Gutes an sich selbst zu sehen?
Ich gehe vom Friedhof zu Fuß nachhause. Ich denke nach. Über mich. Ich mache mir Vorwürfe. Wer würde das nicht tun, wenn er gerade von der Beerdigung seiner besten Freundin kommen würde, die sich umgebracht hat, weil sie in Ihrer Kindheit die Hölle erlebt hat und damit nicht klarkommt? Eigentlich hätte ich es doch verhindern sollen, müssen. Aber wie? Ich war doch an Ihrer Seite gewesen, hatte ihr immer zugehört, hatte Sie nach bestem Gewissen beraten, hatte sie besucht wenn es Ihr schlecht gegangen war. Ich hatte getan, was ich konnte, und doch hätte ich mehr tun sollen. Es trifft mich einfach ein Mitschuld. So muss es sein. Wenn ich Sie besser verstanden hätte, dann wäre das nie passiert. Doch ich habe Sie nie verstehen können, als Kind nicht und auch nicht als Jugendlicher. Ich hatte Sie einfach nicht verstehen können.




Sie und ich gingen von der Schule ab und wechselten auf ein Gymnasium. Wir gingen weiterhin in dieselbe Klasse. Und doch trennten sich unsere Wege. Ich war der einzige Junge, der aus meiner alten Klasse aufs Gymnasium ging. Die anderen Jungs kannten sich alle. Ich war der einzige neue. Doch ich integrierte mich schnell. Sie tat das ebenfalls.Vielleicht aber auch nicht, ich kann das einfach nicht mehr so genau sagen. Wir waren zwar immer noch Freunde, quatschten hin und wieder miteinander, ich hatte aber nun andere Prioritäten.



So verging die 5.Klasse. Ich bekam in jedem Jahr mehr Taschengeld, Sie in jedem Jahr mehr Prügel.
Genauso verging auch die 6. Klasse. Dann in der 7. Klasse wurden die Klassen neu durchgemischt. (klasse Idee). Ich wurde von all meinen Freunden getrennt, nur Sie war mit mir in einer Klasse. Aber es war nicht so, als das wir unsere Freundschaft wieder aufgewärmt hätten. Sie stagnierte weiterhin. Warum?
Die 7. Klasse war das schlimmste Jahr meines Lebens. Jeder Tag in der Schule war ein Spießrutenlauf. Ich war der Inbegriff eines Außenseiters. So richtig kann ich mir das nicht erklären. Es war halt so, dass ich ein wenig den Anschluss an meinen alten Freundeskreis verlor, und neue Freunde fand ich in der neuen Klasse einfach nicht. Es wollte nicht klappen.
Ich erinnere mich an einer Begebenheit, die mir besonders zusetzte. Einer der wenigen, der mich beachtete war ein asiatischer Junge. Wie saßen nebeneinander und entdeckten einige Gemeinsamkeiten. Wie das halt so ist. Der Junge war mit einem anderen Jungen befreundet. Der Begriff „Streber“ bezeichnet diese Type schon sehr gut.
Jedenfalls stand nicht lange nach Wiederbeginn der Schule der Geburtstag des asiatischen Jungen an. Wir waren im Umkleideraum und zogen uns für den Sportunterricht um. Es war zu der Zeit, als der Film „An jedem verdammten Sonntag“ im Kino lief.
„Magst du eigentlich gerne ins Kino gehen? Und chinesisches Essen?“
„Ja! Sogar sehr gern!“
In der Millisekunde, in der ich das gesagt hatte drehte ich mich aus irgendeinem Impuls um uns hinter mir stand der Streber uns schüttelte wild den Kopf. Das war’s Wieso hatte er das getan, was hatte er denn gegen mich? Wenn ich irgendwas getan hatte, was ihm gestört hatte, dann hätte er mir das doch sagen können. Das tat er aber nicht.
Ich wurde nicht auf den Geburtstag des asiatischen Jungen eingeladen. Diese kleine Episode der täglichen Sticheleien ist aber nur eine von vielen, die ich noch berichten könnte. Der Höhepunkt des Jahres war sowieso etwas anderes. Meine Mutter. Sie war schwer herzkrank. So dachten wir es alle, sie auch. Zuhause musste immer eine lautlose Atmosphäre herrschen. Mir war gesagt worden, dass die kleinste Aufregung sie hätte einen Herzinfarkt bekommen können. Dass man sich nicht so ausleben darf, wie man will ist sehr schlimm.
Natürlich blieb ich in diesem Höllenjahr sitzen. Sie blieb es nicht, Sie kam weiter. Und so kamen neue Probleme auf mich zu. Wieder musste ich mich in einer neuen Klasse zurechtfinden, meine Angst alles würde wieder von vorne losgehen war wohl mehr als berechtigt. Mit Ihr hatte ich nur noch sporadisch Kontakt.
Alles sollte ganz anders kommen. Zu meiner eigenen Überraschung fand ich mich in der neuen Klasse mehr als zurecht. Ich fand schnell ein, zwei wirklich gute Freunde. Die Krankheit meiner Mutter stellte sich als ein gepflegtes Nichts heraus. Wir sahen davon ab den Arzt zu verklagen, so was hat nie einen Sinn. Die sind unantastbar.




Ja, es war wirklich einiges in meinem Leben geschehen, dass ich nebenbei in 5 Jahren 6-mal umgezogen war (allerdings in der Nähe meines bisherigen Lebensgebietes) habe ich bis hierhin noch gar nicht erwähnt.
Ich bin doch ein Mensch, der immer vergleichen muss. Das neue Album einer Band mit dem alten, die Fortsetzung mit dem Original usw. Und mein Leben mit Ihrem. Ich hatte meine Schwierigkeiten gehabt. Und Sie? Vielleicht wäre Sie über einen Problemtausch nicht unglücklich gewesen.
Wenn wir bei Vergleichen sind, dann hier gleich noch einer. Wenn ich Ohrenschmerzen hatte, ging ich zu meiner Mutter und sie gab mir irgendwas dagegen oder ging mit mir zum Arzt. Wenn Sie Ohrenschmerzen hatte, dann hatte Sie ein größeres Problem.
Einmal hatte Sie beim Essen nicht stillsitzen können. Sie hatte Ohrenschmerzen. Die ganze Familie saß am Tisch. Die Mutter, der Vater und der kleine Bruder, der sich mehr schlecht als recht auf einem Stuhl halten konnte. Die Mutter blätterte in einer Zeitschrift, der Vater fütterte seinen Sohn. Sie aß vor sich hin, als Sie Ohrenschmerzen bekam. Sie beklagte sich über Schmerzen. Der Vater:
„Stell dich nicht so an, dass geht gleich vorbei.“
Doch es ging nicht vorbei. Sie fing an vor Schmerzen zu weinen. Was folgte war ein Akt der Barbarei. Der Vater erhob sich stellte sich neben die Tochter und sagte:
„Zeig’ mir doch einmal das Ohr.“
Sie tat wie ihr befohlen.
Der Vater:
„VERDAMMT, WAS SOLL DAS??? WAS HAST DU NUR WIEDER ANGESTELLT, DU KLEINE SCHLAMPE!?!?!?“
Sie fiel vom Stuhl und fiel unglücklich auf den Arm. Und weinte noch mehr. Der Vater packte Sie und rüttelte Sie. Dann schlug er Sie auf das Ohr. Auf das schmerzende natürlich.
„DA ARBEITET MAN DEN GANZEN TAG HART, UND FREUT SICH ABENDS AUF SEINEN SOHN UND DU MACHST ALLES MIT DEINEM VERDAMMTEN GESCHREI KAPUTT!!! WAS FÄLLT DIR EIN??? WAS VERDAMMT NOCHMAL FÄLLT DIR EIN???“
Sie kann nicht antworten, Sie kann nur noch weinen. Er nimmt Sie und sperrt Sie auf der Toilette ein.
Der kleine Bruder beobachtet das alles nur mit großen Augen. Er kann gar nicht realisieren, was da geschieht. Die Mutter hat auch alles beobachtet, äußerlich ist sie ganz ruhig und sagt nichts, als der Vater sich wieder an den Tisch setzt. Innerlich zerbricht auch sie endlich und sie fasst einen Entschluss.


In der darauffolgenden Nacht befinden sich vier Menschen im Haus der Familie. Der kleine Sohn, der friedlich in seinem Bett schläft, neben ihm der Vater, nachdem er sein Kind ins Bett gebracht hat, auf einem Sofa im Zimmer des Juniors. Gegenüber das Zimmer der Eltern. Die Mutter liegt zwar im Bett, aber hat noch keine Sekunde in dieser Nacht geschlafen. Sie starrt an die Decke. In einem Gespräch, das sie und ich einmal danach führten erzählte sie mir, was sie in der Nacht gedacht hatte:
„ Ich hatte schon lange darunter gelitten, dass er Sie schlug. Welche Mutter hätte das nicht?
Ich wollte ja einschreiten. Aber das ist alles nicht so einfach. Wenn du erwachsen bist, dann wirst ja vielleicht auch einmal verheiratet sein, dann wirst du sehen, dass das alles nicht so einfach sein wird. Wenn man verheiratet ist kann man sich nicht einfach so trennen. Dann zerstört man unter Umständen deine ganze Existenz.
Wie geht es denn weiter dann? Schaff ich das dann? Einerseits, Ihr wäre es dann besser gegangen, aber…, .aber, nun ich konnte mich einfacj nicht dazu überwinden, diesen Schritt zu wagen. Ich konnte es einfach nicht. Ich mein, heute weiß ich hätte das tun müssen, aber ich hatte da nicht die Kraft zu. Bis zu dieser einen Nacht. Das war so, dass er Sie…ich sag mal misshandelt hat, wegen Ohrenschmerzen! Kannst du dir das vorstellen? In der Nacht entschloss ich mich dazu dem ein Ende zu setzen.“




Bevor es in der Nacht zu jenem Ende gekommen war, gab es ein anderes Ende. Das Ende des Mädchens, das alles ohne für andere sichtbar geschluckt hatte.
Nachdem Ihr Vater Sie aus der Toilette geholt und ins Bett geschickt hatte, war Sie wach geblieben. Die Ohrenschmerzen waren weg. Sie war ganz ruhig gewesen. Sehr ruhig. Sie saß auf ihrem Bett und machte nichts. Sie hatte einen glasigen Blick aufgesetzt. Ihre Gedanken schweiften immer wieder um ihren Vater. Früher hatte sie noch gedacht Sie wäre ein böses Mädchen gewesen, doch mittlerweile verlor Sie das Verständnis.
Was sollte Sie tun? Sie wollte nicht, dass es so weiterging. Sie wollte nicht, dass die Schläge weitergingen. Sie wollte…nicht. Sie wollte einfach nicht. Die Lösung war ganz leicht und wartete im Badezimmerschrank.




Die Mutter im anderen Zimmer war kurz eingeschlafen. Aber nachdem sie aufgewacht war, hatte sie ihren Entschluss noch nicht vergessen. Sie würde sich von ihrem Mann trennen, der Kinder, dem Sohn weniger, mehr der Tochter wegen. Sie würde sich trennen. Und sie würde es sofort tun.
Sie stand auf und verließ langsam das Zimmer. Er hatte wahrscheinlich wie jeden Abend den Sohn, den er irgendwie vorzog zu Bett gebracht. Auf dem Weh ins Zimmer des Sohnes, fiel ihr auf, dass das Licht im Badezimmer an war. Sie ging und wollte es ausmachen.



„Die Lösung ist gefunden. Besser geht’s nicht. Auf keinen Fall. Wie schon? Nein, das ist die beste Lösung. Aufstehen und raus aus dem Zimmer. Leise, damit einen keiner hört. Ganz leise. Langsam. Zeit ist ja genug. Da ist das Badezimmer. Tür auf. Wo..sind sie? Ah, da! Leise…Hinsetzen. Die sind echt scharf. Wow! Bin ich das etwa im Spiegel? Kein Wunder“ Bin ja Fett! Hinsetzen. Ärmel hoch. Wo am besten? Da! Ruhig. Ade du schnöde Welt!
Geschafft! Wie lange es jetzt wohl dauert? …….Es ist besser so. Wirklich, ich wird ja wohl kaum vermisste werden. Komisch. Mein Arm wird ja ganz warm. Ah, das ist wohl das Blut. So viel! Mist! Ich habe keinen Abschiedsbrief geschrieben. (Feuchte Augen). Tut ja gar nicht weh. Macht man doch in Büchern immer so. (Eine Träne) Warum fang ich denn jetzt an zu heulen? Es tut doch gar nicht mal weh, da bin ich doch „besseres“ gewohnt. (Noch eine Träne) Was werden die kucken! (Mehr Tränen) Och, jetzt wird mir doch kalt. Und…schwum…schumm…er…ig. Ade, Ade Ade, es ist so weit.“




Die Mutter öffnete die Tür. Eine Gefühlsbeschreibung einer Mutter, die gerade ihre Tochter sieht, die sich mit einer Rasierklinge den Arm aufgeschlitzt hat, spare ich mir, das sei dem Leser selbst überlassen, wie er sich das vorstellt.
Ich will nur sagen, dass die Mutter in dieser Nacht ihren Entschluss noch nicht in die Tat umsetzte. Das Mädchen kam gerade noch rechtzeitig in ein Krankenhaus, und wurde gerettet. Erfahren habe ich erst viel später davon. Was war ich doch für ein guter Freund, Sie war zwei Wochen nicht in der Schule und ich hab nicht einmal angerufen.





Ich ließ mir sagen, dass einem Wunder gleichkam, dass Sie überlebt hatte.
Der Vater hatte die letzte Nacht neben seinem Sohn geschlafen, die Mutter warf ihn am Tage nach dieser dramatischen Nacht mit all seinen Sachen raus. Seine Klamotten fand er, immerhin in Koffern, im Vorgarten wieder, seine wertvollster Besitz, neben Haus und Sohn, eine bunte Musicbox im Stil der 50er wurde ihm hinterhergeschickt, sehr zum späteren Verdruss aller Besucher, denn diese Musicbox war doch etwas sehr besonderes gewesen.
Ich erfuhr, wie bereits erwähnt, wesentlich später von all dem. Mein Problem war eine Klassenfahrt an die Mühritz. Wir zelteten, wir schliefen in Schlafsäcken, wie bereiteten unser Essen selbst zu. Für mich als Stadtmenschen eine Tortur, aber ich überstand es.
Es war am ersten Schultag nach meiner Rückkehr, als ich von den Ereignissen erfuhr. Ich traf Ihre beste Freundin im Gang, die Freundin, die damals unweit von Ihr lebte und die ich bereits erwähnte, und diese berichtete mir, wobei berichten vielleicht das falsche Wort ist.
„Hast du Sie eigentlich schon besucht?“
„Wen?“
„Na Sie!“
„Wieso besucht?“
„Ach du weißt das wohl noch gar nicht!“
„Was denn?“
„Du warst ja auf Klassenfahrt und alles, stimmt!“
„Verdammt, was denn!“
Die Freundin zog mich etwas an den Rand des Ganges (nicht des Flusses) und ließ die Bombe platzen.
„Sie hat versucht sich umzubringen.“
„…“
„Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.“
„Wi…wie?“
„Mit Rasierklingen!“
„Nein, was hat sie gemacht?“
„Sie hat versucht sich umzubringen.“
„Oh mein Gott!“

Danach ging die Freundin noch auf Einzelheiten ein, wie wo Sie liegt und so weiter, aber ich war nicht mehr ganz bei der Sache. Außer:
„Und wann hat sie das gemacht?“
„Hmmm, lass mich überlegen…am 7., nein am 8.“
„Aber das war doch eine Woche vor meiner Klassenfahrt!“
„Äh, ja, war es wohl.“
„Scheiße, ich hab gar nix mitbekommen. Äh, wo liegt sie noch mal?“
„Sie ist seit 2 Tagen wieder zu Hause und versucht nächste Woche schon wieder zur Schule zu kommen.“




Wenn jemand versucht, sich umzubringen, dann will das schon was heißen, deswegen gibt es Leute, die sich als Ärzte ansehen und versuchen zu helfen, dass dieser betreffende jemand das nicht wieder tut. Diese Ärzte arbeiten unter dem Pseudonym „Psychologen“. So einer wurde auch Ihr schnell zur Seite gestellt. Schon an dem Tag, an dem Sie wieder aufwachte. Der Psychologe bombardierte Sie äußerst motorisch mit Fragen. Peinlichen Fragen. Wieso Sie das getan habe oder wie sie das Verhältnis zu ihrem Vater sehe. Sie sträubte sich die Fragen zu beantworten, doch letztendlich „gestand“ Sie doch.
Der Psychologe meinte, Ihr Problem, sei was ganz alltägliches, was er Ihr natürlich nicht miteilte und verschrieb Ihr Antidepressiva und so Zeugs. Die Wirkung kannte Sie nicht und was der Psychologe wusste, aber Sie nicht, der Psychologe auch nicht.





Mein Vater, der sich in seinem Leben auch nicht mit Ruhm bekleckert hatte, wobei er gar kein Vergleich zu Ihrem Vater war, war immer auf Ihr Haus neidisch gewesen Es war äußerlich irgendwie rund, das ist das treffendste Wort. Und vor diesem runden Haus stand ich dann eines Tages. Zweck: Besuch
Ich klingelte an der Tür und wurde reingebeten, von der Mutter, Sie war in ihrem Zimmer und las wie so oft, sie entschuldigte sich für das Chaos, dass so groß war, dass man schon völlig blind sein musste um es nicht zu erkennen, es habe große Veränderungen gegeben. So richtig wusste ich immer noch nicht, was Sie damit meinte, deswegen verzog ich mich die Treppe rauf, in Ihr Zimmer.
Wenn man in Ihr Zimmer trat, sah man nichts Ungewöhnliches außer Unmengen von Büchern. Bücher im Regal, Bücher auf dem Boden, Bücher auf dem Schreibtisch, Bücher auf dem Bett, Bücher auf der Fensterbank, ja sogar Bücher im Wäschekorb. Sie saß auf dem Boden und sah hoch.




„Hi! Hab’ dich ja lange nicht gesehen!“ (Sie hatte Recht)
„Na ja, ich dich auch nicht!“ (Welch fantastische Antwort)
„Ja, stimmt, setz dich doch.“ (Wohin denn, es liegen überall Bücher!)
„Äm, Moment, ich schaff mal Platz.“

Sie stand auf und ich sah Ihre lange lange Narbe auf dem Arm. Sie war auf der Unterseite des Armes. Sie war einige Millimeter breit, Bordeaux rot und ging direkt unter der Hand los und führte bis zum Musikknochen. Ich starrte die Narbe an, alles, was ich dachte war: „Scheiße!“



Es entwickelte sich nicht wirklich ein Gespräch. Sie tat mir leid, obwohl ich das nicht wollte. Mitleid ist das schlimmste, was man Menschen mit Problemen entgegenbringen kann. Es ist in keinster Weise eine Hilfe. Ein Bemitleideter fühlt sich dann nur noch schlechter. Das hat jeder am eigenen Leib schon einmal erfahren. Aber die meisten wohl in weniger schlimmen Zuständen.
Sie versuchte ein Gespräch aufzubauen, Sie fragte was denn so auf Schule passiert sei und tat mir noch mehr leid. Ich glaubte Ihr nicht, dass sie Interesse daran hatte, was auf der Schule passiert war, zumindest glaubte ich nicht, dass mich das interessieren würde in so einer Situation. Und deshalb schloss ich auf Sie. Weil ich Sie mit mir vergleichte. Aber ich habe mich nicht umgebracht.



Ich ging schließlich nach kurzer Zeit, die mir aber wie eine Ewigkeit vorgekommen war. Innerlich nahm ich mir fest vor, dass ich die Freundschaft wieder verstärken würde. Doch es sollte zumindest nicht in der nächsten Zeit dazu kommen.




So ging alles wieder seinen gewohnten Weg, ich hatte meine Problemchen, Sie schien sich wieder ins normale Leben einzufügen und Bayern wurde wie jedes Jahr Meister.
Doch es war nicht wirklich so, dass Sie ein normales Leben führen konnte. Wenn sich ein Paar trennt und auch noch Kinder hat, dann kann es schon zu Problemen kommen. Meine Eltern haben sich auch getrennt, aber Sie verzichteten auf einen Rosenkrieg, so dass ich nicht ungewöhnlich belastet wurde. Anders bei Ihr.




Die Scheidung war in ziemlich kurzer Zeit über die Bühne gegangen. Das Gericht hatte der Mutter die Kinder zugesprochen. Auch das Haus. Das Haus gab der Vater mehr oder weniger freiwillig ab. Doch auf die Kinder wollte er nicht verzichten, ja, auch nicht auf die Tochter. Um sein Ziel zu erreichen bediente er sich unlauterer Behauptungen, die er über seinen Anwalt verlauten ließ. Einmal später zeigte Sie mit ein paar Briefe, ich weiß gar nicht warum ich sie las, eigentlich hätte mir schlecht werden sollen bei dem, was er behauptete.




Die Mutter sei „in ihrer Kindheit bereits anfällig für Medikamente antidepressiver Wirkung anfällig“ gewesen.


Sie sei „nicht umsichtig mit der Hygiene im Haushalt“ und „setze den Kindern keine Grenzen“, so könne der Junge den „ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen“. Die Tochter bleibe „bis tief in die Nacht von zu Hause weg“ und hätte „freien Zugang zu Medikamenten und Alkohol“.




Und es stand noch vielmehr von diesem Müll in den Briefen. Die blieben nicht ohne Konsequenzen. Mitten in der Nacht stand die Polizei vor der Tür um zu überprüfen, ob auch alle brav daheim waren.
Nach der Schule wurde den Kindern von wildfremden Menschen aufgelauert, diese Menschen belästigten sie dann mit Geschwätz über die Mutter, sie sei eine Hure, sie sei eine Nutte und ähnliches.
Der Sohn blieb von alldem relativ unbeeindruckt, er wusste teilweise nicht, was die Wörter bedeuteten, ihm war es nur ein wenig unangenehm, dass wildfremde Menschen ihn ansprachen.
Bei der Tochter sah das nicht ganz so aus. Zu der Zeit weinte Sie oft. Für Sie war es nicht leicht das alles zu verkraften.
Ihre Eltern hatten sich getrennt, wegen Ihr. Das war zwar einerseits gut, weil der Terror zu Hause nicht mehr da war, doch nun hatte sie einen anderen Terror. Den, den Ihr Vater mit der Post kommen ließ. Den, den Sie nun nach der Schule erlebte. Und in der Schule lief es einfach nicht, am Ende des Schuljahres stand fest, dass Sie das 10.Schuljahr nicht erreichen würde. Sie war sitzengeblieben, in der 9. Klasse. 2 Jahre nach mir.





All das war zwar schrecklich, Sie erzählte später immer wieder, dass Sie das alles sehr belastete. Und ich musste mich dann immer fragen, was eigentlich mit Ihr los war. Denn Sie hatte ein ganz anderes, in meinen Augen viel größeres Problem. Die eine Nacht, in der so viele Entscheidungen getroffen wurden, war kein Einzelfall geblieben. Sie schnitt weiter. Erst schnitt Sie sich die Arme auf, dann kamen sogar die Beine hinzu. Und ich stand daneben und konnte nichts tun.





Sie war also sitzengeblieben. In dem Schuljahr nachdem Sie sich entschlossen hatte eine Extrarunde zu drehen feierte unsere Schule ihr 100-jähriges Jubiläum. Zur Feier reiste die ganze Schule am Anfang des neuen Schuljahres auf eine deutsche Urlaubsinsel um dort drei Tage zu verbringen. 700 Menschen drängten sich in eine schöne Jugendherberge, die aber leider nur Platz für 300 bot. Also waren wir alle schön dicht gedrängt.
Ich war den ganzen Sommer in meiner „Heimat“ Portugal gewesen und freute mich noch ein paar Tage ohne Unterricht mit meinen Freunden, die ich inzwischen hatte, zu verbringen. Doch es waren nicht meine „Homies“ mit denen ich meine Zeit verschwendete, ich redete fast drei Tage lang ununterbrochen mit Ihr.

Es war sehr schön mit Ihr zu reden, aber gleichzeitig auch bedrückend. Sie erzählte mir alles. Dass Ihr Vater Sie schon als kleines Kind geschlagen hatte, dass Sie versucht hatte sich umzubringen, weil Sie es nicht mehr ertragen konnte. Oder dass Ihr der Druck, den Ihr Vater nun auf die verbleibenden drei Mitglieder der Familie ausübte zu schaffen machte. Und so vieles mehr.




„Manchmal ist es so…, wie soll ich es sagen, ohne dass du mich für verrückt erklärst? Ähm, ich sehe so was wie Schatten.“
„Wie Bitte, was siehst du?“
„Ich sehe Schatten, so ´ne Art Dämonen, weißt du?“
„…und was…machst du dann?“
„Nun, meistens…ne eigentlich immer…schneide ich mir dann in den Arm oder so, dann treibt der Schmerz die Schatten irgendwann weg.“
„Mhmm, was meinst du, wieso hast du diese…Erscheinungen?“
„Ich denke doch mal, dass liegt auf der Hand!“
„Nun ja, ja stimmt, hast Recht, war ´ne dumme Frage.“
„Das war sie in der Tat!“
Tut mir leid. Ähem, wenn du diese Schatten, Dämonen, wie du sagst siehst, kannst du da nicht irgendwie etwas zu jemandem sagen?“
„Nee, das geht nicht, weißt du, ich gerate dann in so eine Panik, da sehe ich kaum noch jemanden, auch wenn ich weiß, dass sie da sind, aber ich schaff es einfach nicht irgendwie ein Zeichen von mir zu geben.“
„Bist du dann eingeschlossen, oder so was?“
„So doof es sich anhört, ja!“
„Hört’ sich gar nicht so doof an, ich mein’ wenn du mir so was erzählst, dann machst du das ja sicherlich nicht so zum Spaß, ich denk’ mal, dass du dir das nicht ausgedacht hast, denn schließlich hast du die Beweise an den Armen.“
„Schön, dass mir wenigstens einer glaubt.“
„Wieso? Glaubt dir denn sonst keiner, oder was?“
„Nö, nicht wirklich. Außer meiner Mutter und meinem Bruder denken die alle, ich bin verrückt oder so was.“
„Na ja, ein bisschen…“
„Hey, wer hat dich denn gefragt, du fetter Portugiese?“
„Ja, nee, im Ernst, es glaubt dir keiner? Wer denn so?“
„Nun, ich merk’s doch, wie andere hinter meinem Rücken über mich schnacken, das ist doch teilweise auch ganz offensichtlich.“
„Echt? Das hab’ ich gar nicht so empfunden. Obwohl wenn ich es recht bedenke…es gibt da schon 4, 5 Leute, bei denen ich mich frage, ob sie ganz ehrlich mit dir sind.“
„Ach, lassen wir das, das interessiert mich gar nicht.“ (ICH GLAUBTE IHR SCHON DAMALS KEIN WORT!!!)
„Na, wenn du meinst.“
„Ja, meine ich.“
„Mhm. Sag mal, was denkst du, wie du aus der Scheiße rauskommst?“
„Nun 1. Danke, dass du es so liebevoll ausdrückst, 2. was weiß ich, ich muss halt versuchen, das Beste draus zu machen. Ich habe 13 Jahre gehört, wie scheiße ich bin, in den letzten beiden Jahren habe einigermaßen versucht zu leben.“
„Äh Leben? Sorry, aber hast du nicht versucht dich umzubringen?“
„Ja, das ist aber an schlechten Tagen, es ist ja nicht so, dass ich ständig versuche mich umzubringen.“
„Na, wer weiß?“
„Fetter Portugiese!“





Wir reisten schließlich ab und am darauffolgenden Montag begann der Trott dann wieder, diesmal in Klassenstufe 9. In meiner Klasse gab es einen Neuzugang. Sie. Sie saß am ersten Schultag ganz allein in der Ecke, denn Sie kannte ja niemanden, Sie konnte einem fast leidtun.
Doch Sie brachte sich schnell ins Klassengefüge ein. Um ehrlich zu sein, Sie schaffte es fast mich in der Beliebtheit an der Spitze abzulösen. Aber was diese Beliebtheit wert war, zeigte sich ein paar Monate später.




Nach ein paar Wochen im neuen Schuljahr, bekamen wir im Musikunterricht die Aufgabe uns in kleineren Gruppen zusammen zu tun und ein Musical vorzustellen. Sie und ich taten uns zusammen und wählten das Musical „Tanz der Vampire“, basierend auf dem gleichnamigen Film von Roman Polanski. Eines Nachmittags waren wir verabredet, Sie wollte zu mir kommen, damit wir im Internet nach Informationen recherchierten und gegebenenfalls schon ein Handout erstellten. Sie kam eine halbe Stunde zu spät.



„Tschuldige, dass ich zu spät bin…“
„Was in Gottes Namen ist das an deinem Arm?“
„Äh, darf ich erst reinkommen?“
„Ja! Komm! Was ist los?“
„Nun…“
„Keine falsche Scheu, raus mit der Sprache, ich sehe einen blutenden Arm und das gefällt mir überhaupt nicht!“
„Also, wie soll ich sagen…?“
„So, wie es gewesen ist!“
„Also, ich war auf dem Weg zu dir, da…da habe ich halt wieder so eine Panikattacke bekommen und musste anhalten.“
„Vom Anhalten kriegt man aber keine Streifen, aus denen literweise Blut fließt!“
„Ich hab mich auf ´ne Bank gesetzt, das lag ein kaputtes Uhrenarmband und…“
„Hör bloß auf, ich ertrag das nicht, komm, wir verbinden das jetzt!“



Ich war wirklich geschockt. Zum ersten Mal hatte ich Sie unmittelbar nach so einer Aktion gesehen. Davor sah ich immer nur ältere Wunden, doch diesmal waren sie frisch. Für jeden stellt es ja eine gewisse Unbehaglichkeit ein, wenn man Blut sieht. Doch diese Unbehaglichkeit war nicht das einzige. Vor allem war ich auch wütend. Auf Sie! All unsere Gespräche, all die Unterstützung, die Sie bekam, ja nicht nur von mir, auch von anderen, alles half Ihr nicht aufzuhören. Auch wütend machte mich, dass Sie es in alles Öffentlichkeit getan hatte und keiner hatte Ihr geholfen! Ich meine, um zu mir zu kommen, musste Sie quer durch die ganze Stadt. Fahren, da konnte doch keiner übersehen, wie ein jugendliches Mädchen an ihrem Arm rumschnitt.
Der Wut folgte natürlich Frustration. Was konnte ich schon tun? Ich wollte ja helfen, aber ich wusste nicht wie, was konnte ich mehr tun, als Ihr einfach ein Freund zu sein? Das einzige, was ich machen konnte, war einfach zu versuchen, ein noch besserer Freund zu sein. Denn schließlich kam ich zu dem Schluss, dass Sie die einzige war, die sich helfen konnte.
An Arbeiten für unser Referat war nicht zu denken, deswegen trafen wir uns einen Tag später wieder, dann mit mehr Erfolg. Stattdessen hörte ich Ihr stundenlang zu, wie Sie erzählte, dabei versuchte ich zu ignorieren, dass mich Ihre Fröhlichkeit, die Sie so beim Erzählen an den Tag legte, störte, denn die konnte ich Ihr einfach nicht abnehmen.




Ich bin zuhause. Von außen ein hässliches Reihenhaus, nicht so schön wie Ihr Haus, aber innen kann man ganz gut leben.
Meine Mutter ist nicht da. Das ist sie selten, meistens weiß ich gar nicht, wo sie ist, aber das stört mich nicht besonders. Nicht weil ich sie hassen würde, nein, es ist nur so, dass sie das südländische Temperament hat, während ich, obwohl (keinesfalls fett) Portugiese, eher die Ruhe eines kühlen Norddeutschen mag.
Ich gehe in mein Zimmer und entdecke meine Katze auf meinem Bett, sie schläft, wie immer, wenn sie nicht gerade frisst. Ich setze mich neben sie aufs Bett und streichle sie, schau mich dabei in meinem Zimmer um. Überall hängen Filmposter. „Matrix“, „Pulp Fiction“ oder „Der Pate“. Alles Klassiker. So ziemlich meine Lieblingsfilme. Ich liebe Filme, denn sie bringen mir Zerstreuung. Die brauche ich oft, obwohl mein Leben bis heute gar nicht mal so schlecht verlaufen ist. Ich habe einen gefestigten Freundeskreis (minus eine ganz wichtige Person), meine Schulleistungen stimmen und sehe hammermäßig aus. Man kann sagen, ich hatte Glück mit meinem bisherigen Lebensverlauf, ein Glück, dass nicht allen Menschen vergönnt ist. Ich höre Regen gegen mein Fenster prasseln.




Ich weiß, dass an dem Tag auch geregnet hatte. Sie ging mit ihrer besten Freundin spazieren. Warum sie das im Regen taten, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Die beiden Mädchen gingen in einem Neubaugebiet entlang. Sie führten eine ganz normale Mädchenunterhaltung, insofern normal, dass Sie über ihren neuen Psychologen sprach und die Freundin zuhörte. Hätte jemand beide beobachtet, wäre ihm nichts aufgefallen.
Doch die Situation änderte sich. Sie nahm Abstand von ihrer Freundin, in ihrem Gesicht hatte sich neben dem Regen auch eine andere, salzige, Flüssigkeit angesammelt. Als ich die Freundin später mal fragte, worum es denn gegangen sei, sagte diese mir nur, dass Sie erzählt hatte wie der Psychologe Sie dazu gebracht hatte, über Ihren Vater zu reden. Dann habe Sie angefangen zu zittern und sei in Tränen ausgebrochen, sie war selbst überrascht, denn davor hatte Sie noch so gefasst berichtet.
Sie begann zu laufen, Ihre Freundin lief Ihr hinterher, doch sie konnte Sie nicht einholen.
Sie lief auf einen Baugrund zu, der bereits mit festem Beton ausgelegt war und…sprang.




„Jetzt ist es vorbei!“





War es aber nicht, denn in dem Augenblick wo Sie abgesprungen war, stieß Sie mit einem Bauheini zusammen, der sich als einziger auf dem Bau befand. Dieser Bauheini rettete Ihr wohl das Leben.
Er fragte Sie anschließend, was denn los sei, ob Sie noch bei Sinnen wäre, ihre Antwort war:
„Das weiß ich selbst nicht mehr so genau.“



Dieser erneute Selbstmordversuch war der letzte, der ohne ernsthafte Folgen (äußerlich) blieb. Am Abend, nachdem Sie sich hatte von Ihrer Mutter im Neubaugebiet abholen lassen, hatte es ein ernsthaftes Gespräch gegeben. Das Ergebnis war, dass man beschloss, dass Sie für einige Zeit die Psychiatrie ging. Die Mutter wusste nicht weiter, hier draußen war Sie immer den Angriffen des Vaters ausgesetzt, vielleicht würde die Psychiatrie neben der Therapie für die Seele, auch einen Schutz erzeugen, jedenfalls hoffte die Mutter so was in der Art.
Und so machten sie sich noch in derselben Nacht zur nächstliegenden Psychiatrie auf, die 70 Kilometer entfernt war. Ich erfuhr von nichts.
Um ehrlich zu sein, mir wurde erzählt, dass Sie ein Magengeschwür hatte und deswegen in eine Spezialklinik eingeliefert worden sei. Erst später wurde ich eingeweiht. Damals wie heute kann ich kaum Verständnis dafür aufbringen, dass man mich nicht eingeweiht hatte, immerhin sah ich mich doch als Freund. Aber das ist alles ganz nebensächlich.
Sie war nun in einer Psychiatrie. Im Volksmund als „Klapsmühle“ bekannt. Als ich erfuhr, wo Sie war, gingen mir die Bilder von Jack Nicholson durch den Kopf, wie er in „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit Elektroschocks gefoltert wurde.
Viele können sich, wie ich anfangs, gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Das sollte der letzte Schritt sein, wenn jemand da landet, dann heißt das, dass er ganz unten angekommen ist. Und das ist schrecklich, dann haben alle versagt, besonders die Menschen, die für den betroffenen da sein sollten. In dem Fall also unter anderem ich.




So erfuhr ich, wo Sie war: (Es war Samstag, als mich der Brief erreichte)


High …..! (So war Sie immer, ich hasste das!)
Na, wie geht’s? (Ist ja wohl nebensächlich!) Danke für deinen Anruf und deine SMS. Wenigstens du hast mich nicht vergessen. Ich weiß nicht, was meine Mutter oder mein Bruder dir erzählt haben, aber Fakt ist: Ich bin in der Psychiatrie, wo darf ich leider nicht verraten.
(Das war der Satz, bei dem mein Herzschlag für einige lange Augenblicke aussetzte.)
(…)
Du kannst dir wahrscheinlich denken, warum ich hier bin. Wenn nicht, sag Bescheid, ich erkär’s dir irgendwann mal. (Für wie blöd…)
Auf unserer Station sind ein paar wirklich durchgeknallte Leute. ( Ach, nee)
Ein Mädel mit Tourettesyndrom, 2 Schizophrene, 1 Borderliner und ein paar essgestörte Mädels. (…)
Und wie läuft die Schule so für dich? Versetzt bist du ja jetzt hoffentlich??? Grüß bitte die ganze Klasse von mir. (Einen Teufel werd ich tun, die haben das gar nicht verdient)
Ach, und bitte erzähl ihnen nicht, dass ich in der „Klapsmühle“ bin, das möchte ich selber klarstellen! (Schade, ich wollte es doch ans schwarze Brett hängen)
(…)
Lots of Love

Sie


Nach diesem Brief ging es mir schlecht, sehr schlecht. Sie schrieb aus der Psychiatrie und dann auch noch so locker. Dass war mir einfach unbegreiflich. Ich hätte das so nicht gekonnt.




Sie blieb eine ganze Weile fort. Außer mir, vermisste Sie eigentlich keiner so sehr, was aber weniger an Ihr sondern an der Selbstsucht und Arroganz vieler Menschen lag. Besuchen konnte ich Sie nicht, denn ich wusste ja nicht, wo Sie war. Und das sagte mir auch keiner, die Mutter nicht, was ich mit ganz viel gutem Willen nachvollziehen kann. Doch auch Ihre Freunde, die die mit mir auf die gleiche Schule gingen sagten mir nichts. Ganz besonders eine machte sich zu der Zeit besonders wichtig und steigerte so meine Abneigung gegen sie.





Die Konzerte der Schulorchester waren mir immer ziemlich egal gewesen. Wirklich. Doch zu diesem Sommerabschlusskonzert kam ich. Denn Sie feierte ihr Comeback unter den Lebenden. Nach drei Monaten war Sie wieder da. Endlich!
Ich empfand tiefe Freude und vor allem Freundschaft, als ich Sie wiedersah. Es war so, als sei Sie von den Toten wiederauferstanden.
Und doch wurde meine Freude getrübt durch die vielen schlechten falschen Menschen die ebenfalls anwesend waren. Alle machten Sie ein großes Trara um Sie, doch keiner hatte Sie besucht, Ihr geschrieben oder Ihr eine SMS zukommen lassen. Niemand. Sie war einfach nicht dagewesen und nun waren alle Ihre besten Freunde. Irgendwas daran war doch einfach falsch. Aber Sie störte das alles nicht. Sie war nur froh, dass Sie wieder in ihrem normalen Umfeld war. Sie freute sich auf den Sommer. Den Winter würde Sie nicht mehr erleben.









Mein Sommer war äußerst langweilig gewesen. Ich hatte ihn einmal mehr in Portugal verbracht. Sie war in Schweden gewesen. Mit dem DLRG. Dort war Sie immer begeistertes Mitglied gewesen. Es hatte schon viele Reisen mit dem DLRG gegeben und nie war es Ihr schlecht gegangen, Sie erzählte mir mal, dass Sie die Gesellschaft der Anderen mehr als nur genoss.
Doch in diesem Sommer war es nicht so schön gewesen. Ihre Gedanken waren von Dunkelheit erfüllt gewesen. Immerzu musste Sie an das denken, was Sie in der Psychiatrie erlebt hatte. Hätte Sie einer gefragt, dann hätte Sie es abgestritten. Doch einige vermuteten immer was, andere gaben haltlose Gerüchte von sich und wiederum andere scherten sich einfach einen Dreck, was Sie tat oder was Sie nicht tat.
An einem Abend versammelte sich die ganze Truppe auf einem Lagerplatz um ganz traditionell und kitschig Lieder zu singen. Anfangs bemerkte keiner, dass Sie fehlte, denn alle waren irgendwie mit Singen beschäftigt. Doch irgendwann machte sich schließlich doch einer auf die Suche nach Ihr. Sie war nicht im Jugendheim auf dem Zimmer, Sie war nicht im Bad, Sie war auch sonst nicht im ganzen Gebäude zu finden. Der Eine, der Sie gesucht hatte suchte noch ein paar andere zusammen und sie bildeten kleinere Suchtrupps. Doch Sie wurde immer noch nicht gefunden. Die Nacht kam, es wurde immer später. Inzwischen waren alle auf den Beinen um Sie zu suchen.
Und Sie wurde auch gefunden. Morgens um 5 Uhr. Sie war in einem Gebüsch. Dort lag Sie zusammengerollt wie ein Embryo und stammelte: „Ge…geh…geht weg!“




Sie wurde umgehend nachhause geschickt. Und es war wie immer. Rein äußerlich war Sie gelassen wie immer. So sah man davon ab, Sie erneut in die Psychiatrie einzuliefern. Man hoffte, man ging davon aus, dass Sie sich besser in Freiheit wieder finden könne.





Die Schule ging wieder los. Alle heuchelten große Wiedersehensfreude, sogar bei den Unbeliebten in der Klasse, so wie das halt ist, nach dem Ende der Sommerferien. Auch Sie wurde wieder von Hundertschaften von Freunden umarmt und geherzt.
In den nächsten beiden Monaten geschah nichts Besonderes und sogar ich dachte, dass sich nun alles zum Besten wenden würde.




Ein mittelprächtig beliebter Junge aus ihrer und meiner Klasse schmiss eine Party. Er nutzte dazu seinen großen Garten, er sollte gegrillt werden, der vergleichsweise warme Herbstanfang sollte genutzt werden. Ich ging mit Ihr hin.
Insgesamt waren bestimmt 50 Leute da. Es war laut, es gab viel zu Essen, noch mehr zu trinken, die ganze Clique war da, einfach alle. Die Stimmung war sehr ausgelassen. Alle feierten. Fast alle.
Der Junge hatte am hinteren Ende seines Gartens einen Fischteich, der eher an den Bodensee erinnerte, als an einen Fischteich. Im Laufe des Abends hatte ich Sie irgendwie aus den Augen verloren. Doch dann erblickte ich Sie, wie Sie am Teich saß und setzte mich zu Ihr.

„Na, was machst du denn hier? Hast du Paul mal geahnt? Der ist so was von breit!“
„Hast du eigentlich schon einmal über das Sterben nachgedacht?“
„Ja, mir gefällt die Party auch gut, was ist das denn für eine Frage?“
„Ich mein’ das ganz ernst. Hast du schon einmal darüber nachgedacht zu sterben?“
„Nein, warum sollte ich das denn tun, dafür gibt es doch viel zu viel Lebenswertes.“
„Nicht für alle.“
„Doch, jeder hat doch was, für das er gerne lebt! Du doch auch, du hast dein Schwimmen, dein Singen, dein Tanzen, dein…“
„Ich weiß, was ich alles mache! Aber das erscheint mir alles wertlos!“
„Aber wieso das denn? Was hast du denn auf einmal?“
„Nicht auf einmal, es ist nur so…“
„Ja?!“
„Es ist seit einiger Zeit irgendwie schlimmer!“
„Was denn verdammt?“
„Nun, ich muss immer wieder überlegen, wie es wäre zu sterben. Dann wäre alles vorbei, kein Scheißerzeuger mehr, der mich, meine Mutter und meinen Bruder tyrannisiert, keine Schatten mehr, kein gar nichts, es wäre vorbei.“
„(Name), das ist doch Müll, wie kannst du so was sagen?“
„Kein Müll, ich bin sicher das so was Freiheit ist. Frei, das heißt nichts belastet einen mehr, wünscht du dir das nicht auch ab und an?“
„Schon„aber doch nicht so krass, ich spiel doch nicht das Opferlamm für meine Freiheit! Da muss es doch einen andern Weg geben.“
„Dann sag’ mir welchen!“
„Was weiß ich, alles andere, aber doch kein Scheißsuizid!“
„Aber was gibt es denn dann? Drogen oder was? Das wär’ doch kein Leben, da kann ich dem ganzen doch gleich ein Ende setzen.“
„Nein!“
„Ach egal!“
„Das ist doch nicht egal, Mensch, es geht um ein Leben, um dein Leben, soweit ich informiert bin, hat man doch nur eins. Und da kann man sich doch nicht einfach von seinen Problemen erdrücken lassen!“
„Du bist süß, wenn du dich aufregst.“
„Was hat das denn damit zu tun? Lenk nicht ab!“
„Will ich aber!“
„Hey!“


Dann stand Sie auf uns tummelte sich unter das Partyvolk, als sei nichts gewesen. Einfach so. Als sei nichts los. Eben hatte Sie mir noch den Suizid angekündigt und nun tanzte Sie Limbo. Unbegreiflich, das wollte alles einfach nicht in meinen Kopf rein. Deswegen begab ich mich auch wieder unter die Feiernden und vergaß mit steigendem Alkoholkonsum auch irgendwie wieder alles. Aber ich gewann den Limbowettbewerb.









Am nächsten Montag kam Sie dann nicht zur Schule. Und ich wusste es. Letztendlich hatte Sie es getan. Sie war von Bord gegangen. Nach der Schule fuhr ich nicht nach Hause, sondern zu Ihr, ich wollte Bestätigung. Nachdem ich geklingelt hatte, öffnete mir die Mutter. Ihr verweintes Gesicht sagte alles. Einfach alles. Später erfuhr ich: Schlaftabletten. Einhundert. Sie hatte Sie über die Zeit zusammengesammelt.
Ich ging ohne mich zu verabschieden. Auf dem Weg nach Hause war ich ganz ruhig, dachte an gar nichts, grüßte sogar einen Bekannten, den ich zufällig traf. Zu Hause aß ich ganz normal mit meiner Mutter zu Mittag. Über irgendetwas Belangloses haben wir bestimmt geredet. Ich verbrachte den ganzen Tag ganz normal. Ging schließlich zu Bett. Schlief ein.

Doch in der Nacht erwachte ich dann. Ich war schweißgebadet. Ich stand auf und ging ins Bad um mir ein wenig Wasser ins Gesicht zu klatschen. Ich stand über dem Waschbecken und blickte in den Spiegel. Ich sah aber nicht mein Gesicht. Ich sah Ihrs. Immer wieder spülte ich mir neues Wasser ins Gesicht, doch ich sah immer nur Ihr Gesicht.
Geweint hatte ich nie viel, deswegen war ich fast überrascht, als mir Tränen kamen. Ich musste mich auf den Rand der Badewanne setzen. Und so saß ich einige Zeit auf dem Rand der Badewanne und weinte. Bis der nächste Tag kam.



In dieser Nacht war natürlich nicht an Schlaf zu denken gewesen. Morgens, so gegen halb 7 Uhr, kam ich langsam zu mir. Ich begab mich in mein Zimmer, holte Klamotten und duschte danach. Gedacht habe ich zu dem Zeitpunkt immer noch nicht viel.
An dem Tag ging ich zur Schule, aber nur mein Körper war anwesend. Mein Geist war weg, weit weg, ohne jedoch einen klaren Gedanken zu hinterlassen. Das ging eine ganze Weile so. Bis jetzt. Ich sitze auf dem Bett und bin mir nach einer Woche, die Sie jetzt schon tot ist wieder eines Gedankens bewusst. Ich bin aus der ersten Trauer erwacht.
Meine Mutter oder mein Freundeskreis konnten mir nicht helfen, nicht weil sie es nicht gewollt hätten, sondern weil ich gar nicht ansprechbar war. Doch das soll nun vorbei sein. Ich sehe in Licht am Ende des Tunnels. Mir ist jetzt klar, dass Sie das getan hat was Sie für richtig hielt. Und dabei konnte Sie keine Rücksicht auf andere nehmen. Das ist zwar schade und ich bleibe wohl ewig enttäuscht, doch letztendlich muss ich mich doch fragen, was hätte ich denn tun sollen? Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Ich gab mir Mühe ein Freund zu sein. Ich habe zugehört. Niemand kann mir einen Vorwurf machen. Ich auch nicht. Sie hat getan, was Sie als einzige Lösung empfand. Dass mir das nicht gefällt, spielt hierbei keine Rolle. Denn es ging ja um Sie und nicht um mich. Und trotzdem denke ich, dass Sie im Irrtum war. Ihr hätte doch geholfen werden können. Wenn nicht, wäre dies eine mehr als traurige Welt und in so einer Welt würde ich nicht leben wollen. Aber ich habe die Welt anders kannengelernt, ich hatte Glück. Auch Sie suchte wohl nach diesem Glück, doch auf dem Weg zum Glück nahm Sie eine falsche Abzweigung. Sie lag falsch und das ist tragisch. Ich hoffe, dort wo immer es Ihre gebeutelte Seele hingetragen hat geht es Ihr jetzt besser. Mein Leben muss weitergehen. Mit Ihr, denn Ihr Tod bedeutet ja nicht Ihr Ende. Ich werde Ihr Andenken ehren.







19. Oktober 2003 bis 9. Dezember 2003



















































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"Schweigen ist ein Argument, dass kaum zu widerlegen ist."
Heinrich Böll (1917-1985)

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