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Sie
Als recyceltes Plastikteil hast du wirklich nichts zu lachen. Manchmal hängst du jahrelang an der Wand als Steckdose und bekommst lauter Sachen in dich reingestopft. Neuerdings hört man auch Horrorgeschichten von den Wechselkopfzahnbürsten, die eine wirklich eklige Arbeit zu erledigen haben.
„Diesmal habe ich es aber mit meiner Inkarnation gut getroffen“, sage ich zum benachbarten Seifenhalter, der, schon etwas verschleimt, mir nicht so recht zustimmen will.
Ich bin zwar nur ein handelsüblicher Duschkopf für 24,95 DM bei Obi, aber manchmal hat man auch Glück. Zwar hänge ich die meiste Zeit nur dumm rum, aber dann erscheint sie ... schiebt den Kollegen Plaststür mit einer resoluten Handbewegung zur Seite, der in Anbetracht des zu erwartenden Schauspiels (also dafür beneide ich ihn wirklich!) anfängt, lustvoll zu quietschen. Na, jedenfalls konnte er das bis vor kurzem. Ein paar Tropfen Salatöl haben ihn zum Schweigen gebracht. Nun wirft er mir mit seinen tausend kleinen Kalkaugen immer sehr bedeutungsvolle Blicke zu. Gut, dass er nicht zwinkern kann ... da würde mir sicher schwindlig werden. Aber das kommt spätestens dann, wenn die Hitze in mir aufzusteigen beginnt. Es ist jedes Mal ein einzigartiges Empfinden, das all die Jahre des langweiligen und stupiden Plastdaseins schlagartig hinfort spült.
Sie ist ein sehr zärtliches Wesen. Gönnt mir, anmutig an den Armaturen drehend, ein kurzes Vorspiel, mit ersten kaltkitzelnden Tropfen, die verwirbelnd zu einem benetzenden Strom wohliger Wärme anschwellen, bis es mich ganz ausfüllt. Wer einmal diesen langsam ansteigenden Wasserdruck gefühlt hat, der auf jedem Quadratmillimeter lastend, sich weiter drängt und sich, fast schmerzhaft rauschend, durch meinen Kopf hindurch dunstschreiend den Weg nach draußen bahnt ... meistens kommt sie mir aber mit dem Stöhnen zuvor.
Da fällt mir ein, ich kenne bis heute ihre Augenfarbe nicht. Solange ich noch die Fassung behalte und von oben herab beobachten kann, wie sie ihre langen schwarzen Haare mit beiden Händen sanft hinter die Ohren nach hinten streicht und von den letzten Ausläufern der Haarspitzen das Wasser herabströmt, ein sich kräuselnder kleiner Bach, der an die Wirbelsäule gebettet, sich irgendwo da unten verläuft ... solange kenne ich nur diesen Gesichtsausdruck von Seligkeit. Ich glaube, selbst Engel könnten nicht emphatischer duschen.
Als wäre ich eine Sonne, deren Strahlen es einzeln zu genießen gilt, streckt sie sich mir entgegen, bis ihre Nasenspitze mich fast zu berühren scheint.
Und dann dieses leise Stöhnen! Unbeschreiblich! Manchmal erinnert es auch mehr an ein Brummen. Niedlich! Ich mag sie sehr gerne.
Nachdem sie so, mit geschlossenen Augen lächelnd, eine Minute regungslos in meinem Wasserschein verharrt hat, ist Kollege Seifenhalter an der Reihe. Eigentlich ja nur insofern, dass er nach der Einseifprozedur, nun noch verschleimter, ein resignierendes Grummeln von sich gibt. Armer Kerl!
Sie stiehlt sich dazu aus meinem Wasserstrahl, und zur Strafe erwachsen fast augenblicklich überall auf ihrer Haut hauchzarte kindliche Erhebungen, durchbrechen den Film von Nässe, und auf jeder Brust, umgeben von einer Aura in zarten Rosa, wölben sich erhaben und um vieles größer… Hm. Das muss wohl die Mutter von ihnen allen sein. Oder die Königin? ... Aber warum dann zwei?
Ich folge dem Spiel ihrer Hände, die einen geschmeidig feuchten Mantel von Seife auf ihrer Haut in fast schon verwirrenden Schlangenlinien hinterlassen, ihren Konturen entlang: die Arme, über die Rundungen der Schulter, die hervortretenden Wölbungen der Schlüsselbeine, zu den Brüsten, die etwas ausweichend reagieren, bevor sie mit einer seltsamen Erschütterung wieder ihren ursprünglichen Zustand einnehmen. Ähnliches passiert auch weiter unten ... hinten. Doch so genau kann ich das von hier aus nicht erkennen. Es muss etwas sehr Weiches sein. Aber ich bin noch nicht dahintergekommen. Das geht über meinen Plasthorizont.
Wenn sie sich fertig mit Seife bekleidet hat, naht der interessanteste Teil. Sie greift mit glitschigen Händen nach mir und entreißt mich der Halterung, erwählt mich dazu, sie wieder ausziehen, und ich tue mein Bestes. Ich zerreiße förmlich die herabgleitenden Seifenvorhänge, bis sie in plätschernden Strömen bodenwärts rinnen und erschaffe mit aller mir gebotenen Kraft ihre Nacktheit neu, tobe auf ihrer Haut mit Mustern meiner unzähligen Strahlen.
An manchen Stellen - ich weiß nicht warum- verharrt sie länger, obwohl die Seife schon fort ist. Auch die dunkle Verschattung zwischen ihren Beinen hat sie trotz intensivster Bemühungen nie wegwaschen können. Und ich weiß, wie sie das quält. Immer, wenn sie dort zugange ist, verändert sich ihr Gesicht. Zwar bleiben die Augen geschlossen, aber das Lächeln entschwindet und es erscheint ein Ausdruck erhöhter Konzentration, als gelte es, eine komplizierte Bedienungsanleitung in Blindenschrift zu lesen. Ich weiß nicht, ob sie verstand, was sie da las. Aber es muss sie sehr beschäftigt haben. Jedes Mal auf’s neue.
Kurz bevor es mir dann zu langweilig wird, stöpselt sie mich wieder auf die Halterung zurück. Rechtzeitig genug für uns beide, um zu verschnaufen. Schlagartig erlischt der Wasserdruck und mit einem Ausatmen verlassen sie und der Dunst die Dusche. Ich sehe noch kurz ihr wippendes Hinterteil und freue mich auf Morgen. Kollege Plasttür wird mich dann aus tausend neuen Augen bedeutungsvoll ansehen, und der Seifenhalter grummelt wie eh und je.
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