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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Silende (Teiltext 1)
Eingestellt am 02. 08. 2002 17:38


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Nyxon
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2001

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SILENCE

Gott war tot!
Das hatte sie sich inzwischen klargemacht. Gott war ein lausiger, kleiner Mann, der sich einen Dreck um seine Leute scherte. Wahrscheinlich saß er oben im Himmel, trank Bier, futterte sich einen dicken Bauch an und vögelte sich reihenweise durch seine sĂŒĂŸe Engelsschar. Irgendwann in seinem lausigen Leben hatte sich Gott mal ein paar Tage Arbeit geleistet und die Welt erschaffen, dann hatte er sich auf seinen fetten Arsch gesetzt, einmal laut gefurzt, um den Menschen Leben einzuhauchen und seitdem hatte er wahrscheinlich keinen Finger gerĂŒhrt. Er lebte von den Zinsen seiner Welt – den Millionen gottesfĂŒrchtigen Typen, die in die Kirche oder auf einen Berg rannten, um ihm zu huldigen; die lebten, um seine Macht zu spĂŒren und ihm am besten noch am Himmelstor einen krĂ€ftig zu blasen. Sie hatte nie zu dieser Gruppe gehören wollen. Sie hatte nie an irgendeinen Gott geglaubt und hatte sich nur ein paar Mal dazu hinreißen lassen, in die Kirche zu gehen. Wenn ihre Großmutter nicht gewesen wĂ€re, hĂ€tte sie bestimmt nie freiwillig eine Kirche von innen gesehen.
Ihre Großmutter hatte sie immer dazu bewegt, in das Gotteshaus mitzugehen. „Du brauchst nicht an Gott zu glauben, um in eine Kirche zu gehen. Du brauchst nicht einmal an irgendeine Macht zu glauben. Die einzige Überzeugung, die du brauchst, ist, dass du dein Leben richtig gestaltest. Gott ist nur eine Vokabel, die du gegen alles Mögliche ersetzen kannst, bist du dir dieser Sache sicher.“ Das hatte sie sich zu Herzen genommen und war mitgegangen. Jedes Mal, wenn ihre Großmutter die Familie besuchte und in die Kirche ging, begleitete sie die alte Dame. Nicht, weil sie es tatsĂ€chlich wollte, sondern in erster Linie, damit ihre Großmutter einen guten Eindruck von ihr hatte. An was sie selbst glaubte, was sie fĂŒr die Vokabel Gott einsetzte, war ihr manchmal selbst nicht klar.
In der Kirche war sie schon lange nicht mehr gewesen. Auch am Tag der Beerdigung ihrer Großmutter hatte sie sich verweigert und die Kirche nicht betreten. Ihre Ehrerweisung fand allein und auf dem Friedhof statt. Weinend am Grab ihrer Großmutter stehend, war sie zum ersten Mal davon ĂŒberzeugt, dass Gott – falls er ĂŒberhaupt existierte – ein mieses Schwein sein musste. Wie anders war es zu erklĂ€ren, dass er ihr den einzigen Menschen nahm, zu dem sie eine richtige und ehrliche Beziehung aufgebaut hatte? Der sie verstand und ihr in allen Lebenslagen helfen konnte oder es zumindest mit allen KrĂ€ften versuchte. Weshalb ließ dieser Gott einen guten und anstĂ€ndigen Menschen sterben, indem er ihm einen Herzschlag verpasste? Welchen Grund hatte er, wenn er nicht doch ein blöder Wichser war? Sie fand keine Antwort. Deshalb war Gott fĂŒr sie gestorben.

Gott ist tot!
Das hatte auch die Stimme stĂ€ndig gesagt, als sie vor dem Spiegel stand und sich tief in die Augen sah. Da stand sie. Ein schönes Gesicht, die grauen Augen mit schwarzem Eyeliner hervorgehoben, schimmernden Lippenstift aufgetragen, der schwarz umrahmt war. Einen Nasenstecker im rechten FlĂŒgel – silbrig glĂ€nzend. Schwarze StrĂ€hnen im langen dunkelblonden Haar. Ein mit Nieten besetztes Halsband um, ein Kreuz oberhalb der linken Brust tĂ€towiert. An diesem Tag trug sie ein enges, schwarzes Top mit SpaghettitrĂ€gern. Die Haut bleich und auf eine Art erotisch anziehend. Die Badezimmerlampe ĂŒber dem Spiegel ließ sie farblos und mĂŒde erscheinen. MĂŒde empfand sie sich auch. Tage hatte sie keine Nacht mehr durchgeschlafen, stĂ€ndig wachte sie schweißgebadet aus AlbtrĂ€umen auf, die ihr den Atem raubten und sie zu Tode Ă€ngstigten. Sie sprach mit niemanden ĂŒber diese TrĂ€ume. Kein Tagebuch, keine vertrauenerweckende Mutter oder beste Freundin. Mit ihren TrĂ€umen und Ängsten fĂŒhlte sie sich völlig allein.
Ihrer Großmutter hĂ€tte sie wahrscheinlich von den TrĂ€umen erzĂ€hlt. Ihr wĂ€re sicherlich eine Lösung eingefallen und wĂ€re es bloß Salz unter dem Kopfkissen oder Ă€hnlicher Humbug gewesen. Ihre Großmutter hatte immer stark an solche alternativen Methoden geglaubt. Medikamente hatte sie nur unter besonderen UmstĂ€nden genommen; schließlich gab es immer irgendeine Tee- oder KrĂ€utermischung, die gleichwertige Genesung brachte.
Auch fĂŒr die MĂŒdigkeit hĂ€tte ihre Großmutter eine Lösung gefunden, da war sie sich sicher.
Doch an diesem Tag konnte Großmutter keinen Ratschlag geben. An diesem Tag war sie, wie die Tage zuvor auch, allein mit ihren Problemen. Die Stimme in ihrem Kopf tauchte am Morgen auf und begleitete sie seitdem. Als sie aufwachte und sich nochmals im Bett umdrehte, hörte sie das FlĂŒstern zum ersten Mal. Erst dachte sie, draußen auf der Straße wĂŒrden Kinder spielen oder ihr kleiner Bruder stand vor ihrer TĂŒr und wollte sich etwas ausleihen. Doch als sie lauschte und lauschte und sich das FlĂŒstern fĂŒrs erste nicht wiederholte, gab sie es als Einbildung frei und dachte nicht mehr daran. Sie schĂ€lte sich aus dem Bett, streckte sich und ging dann ins Bad. Die Bodenplatten waren kalt und sie ging auf Zehenspitzen, um der KĂ€lte unter ihren nackten FĂŒĂŸen nicht allzu viel AngriffsflĂ€che zu bieten. Außerdem mochte sie es, etwas grĂ¶ĂŸer auszusehen, wenn sie vor dem Spiegel stand. Nach dem Standardprogramm Waschen-ZĂ€hneputzen, schlĂŒpfte sie aus der Boxershorts und dem T-Shirt und duschte ausgiebig. WĂ€hrend das heiße Wasser ĂŒber ihren Körper perlte und sie langsam aufwachte, kehrte das FlĂŒstern zurĂŒck. Sie lauschte erneut und wieder konnte sie keine Quelle ausmachen. Als die Stimme plötzlich verstummte und Sekunden darauf unvermittelt schrie, zuckte sie unter der Dusche zusammen und stieß gegen die Armaturen. „Hör mir zu!“, zischte die Stimme. Sie zitterte am ganzen Leib und als sie sich eigenermaßen beruhigt hatte, stellte sie das Wasser ab und trat aus der Dusche.
Im beschlagenen Spiegelglas stand krakelig geschrieben: „Hör mir zu!“. Es sah aus, als ob ein Kleinkind es notiert hĂ€tte.
Nachdem sie sich halbwegs angezogen hatte, stĂŒrmte sie barfuss und mit nassen Haaren in die KĂŒche hinunter, wo ihre Eltern und ihr kleiner Bruder am Tisch saßen. Der Kleine stocherte lustlos in seinen Cornflakes herum, wĂ€hrend ihr Vater in der Zeitung blĂ€tterte und ihre Mutter Schulbrote schmierte.
„Was fĂ€llt dir eigentlich ein, du kleiner Idiot?“, herrschte sie ihren Bruder an, der erschrocken zusammenzuckte. „Am liebsten wĂŒrde ich dir sofort eine scheuern!“
Ihre Mutter schaute sie fassungslos an. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie schĂŒttelte langsam den Kopf. „Was ist denn bloß in dich gefahren? Warum schreist du deinen Bruder bloß so an?“
„Weil er sich einen verdammt makaberen Scherz mit mir erlaubt, deshalb!“
„Was fĂŒr ein Scherz?“, fragte ihr Vater desinteressiert hinter der Zeitung.
„Als ich gerade unter der Dusche war, hat er sich irgendwo versteckt, etwas gebrabbelt und dann plötzlich losgeschrieen. Als ich aus der Dusche kam, stand „Hör mir zu!“ auf dem beschlagenen Spiegel.“
Ihre Mutter schaute ihren Sohn an, der stumm auf seinem Platz saß. „Stimmt das?“, fragte sie ihn, doch er schĂŒttelte bloß den Kopf. Anscheinend hatte seine Schwester in soweit eingeschĂŒchtert, dass er sich nicht traute, etwas laut zu sagen.
„Wann soll das gewesen sein?“, fragte die Stimme hinter der Zeitung lustlos.
„Na gerade, als ich geduscht habe. Vor ein paar Minuten“, bekrĂ€ftigte sie.
„Dann kann er es eh nicht gewesen sein“, meinte die Zeitung. „Dein Bruder sitzt seit ĂŒber einer halben Stunde mit uns am Tisch und grĂ€bt in seinen Cornflakes nach Gold.“
„Wie willst du das beurteilen, wenn du nicht einmal beim Reden aufschaust?“, fragte sie sarkastisch.
„Ich glaube, du kommst zu spĂ€t zur Arbeit, Schatz“, kam es scharf zurĂŒck. Ende.
Damit hatte ihr Vater Recht. Als sie zwanzig Minuten spĂ€ter in der Eisdiele erschien, die Haare immer noch feucht, kaum geschminkt, fand auch ihr Chef keine anderen Worte fĂŒr sie, als: „Du bist zu spĂ€t.“
„Du bist zu spĂ€t! Immer kommst du zu spĂ€t! Schlimm, schlimm, schlimm!“ Die Stimme in ihrem Kopf sĂ€uselte die Worte jetzt etwas deutlicher und in einer angenehmeren LautstĂ€rke. Sie begleitete sie wĂ€hrend der ganzen Arbeit. Mal war sie nur das bekannte FlĂŒstern – kaum verstĂ€ndlich, mal ein Zischen, das wie ein stĂ€ndiger Wasserlauf durch ihre Synopsen rauschte, mal ein laut schreiendes Horn, das Befehle gab oder sie beschimpfte. Sie war nie allein, immerzu hörte sie eine Art der Stimme. Nach vier gefallenen Eisbechern, zwei verschĂŒtteten Cappuccino und etlichen falsch servierten Bestellungen, schickte ihr Chef sie nach Hause. Es habe heute keinen Sinn mit ihr, sie solle erst nĂ€chste Woche wieder zur Arbeit erscheinen. WĂŒtend verließ sie die Eisdiele. Es war Dienstag.
Auf den Weg nach Hause wĂ€re sie fast von einem Auto ĂŒberfahren worden, hĂ€tte dies nicht rechtzeitig gebremst. Die Stimme sang ein Lied und frohlockte so laut, das sie fast alle anderen GerĂ€usche um sich herum nicht mehr wahrnehmen konnte. StĂ€ndig schreckte sie auf, wenn die Stimme abermals aufschrie oder das Zischen oder FlĂŒstern unertrĂ€glich laut wurde. Als sie ihr Rad in die Garage stellte, war sie so mit den Nerven fertig, dass sie nur noch ins Bett wollte.
Auch dort ließ die Stimme nicht von ihr ab. Sie entschied sich spontan um und machte sich fĂŒr einen Nachmittag mit sogenannten Freunden fertig. Schwarzes Top mit SpaghettitrĂ€gern, schwarzer Eyeliner, schwarz umrandeter Lippenstift. Feine Linien musste sie öfters nachziehen, weil die plötzlichen Schreie im Kopf sie aufschreckten und ihre FĂŒhrung mit einen tiefen Einschnitt unterbrachen. FĂŒr eine Prozedur, die normalerweise nicht mehr als fĂŒnf Minuten in Anspruch nahm, benötigte sie ĂŒber eine Viertel Stunde.
Sie schaute in den Spiegel. Blasse, mĂŒde Konturen blickten ihr entgegen. Ihre Augen waren glanzlos. Sie gefiel sich sonst gut. Heute hasste sie sich. Sie hasste ihr Aussehen, sie hasste ihr heutiges Leben und sie hasste die lĂ€stige Stimme hinter der Stirn. Und kaum war der Hass groß genug, vernahm auch die Stimme ihre Emotion, nahm sie auf und spuckte sie ihr ins Gesicht.
„HĂ€sslich. HĂ€sslicher Hass, der dir entgegenblickt. Sei nicht blöd, sondern beende den Hass. Großmutter wird’s schon richten.“ Plötzlich schrie die Stimme auf: „Großmutter ist tot! Gott ist tot! Gott ist tot! Gott! Gott! Gott ist tot! Mach ein Ende! Sei nicht dumm!“ Dann fuhr sie ruhig fort: „Großmutter wird sich freuen“, um dann lauthals erneut hinauszubrĂŒllen: „Gott ist tot!“
Sie konnte nicht mehr. Die Stimme war laut, wiederholte stĂ€ndig die SĂ€tze. Immer wieder aufs Neue hörte sie: „Gott ist tot! Großmutter wird sich freuen. Mach ein Ende!“ Kreischend schlug sie auf den Spiegel ein, verfluchte die Stimme hinter den SchlĂ€fen. Dann, sie hatte jegliche Gegenwehr verloren, kramte sie im SchrĂ€nkchen die Rasierklingen des Vaters heraus. Blitzend spiegelte sich ein graues Auge darin wider, als sie die Klinge betrachtete.
„Mach ein Ende! Gott ist tot!“, herrschte die Stimme sie ein letztes Mal an, als sie die Klinge zu ihrem Arm senkte und sich vom Handgelenk aus lĂ€ngst die Pulsader aufschnitt. Blut sprudelte aus der Wunde, ein paar Spritzer klatschten gegen den Spiegel und schienen dort eine Fratze zu bilden. Es dauerte nicht lange, bis ihr schwindelig wurde und sie sich auf dem Waschbecken abstĂŒtzen musste, das sich bereits blutrot verfĂ€rbt hatte. Ihre Finger entglitten dem schmierigen Rand, sie hatte nicht mehr genug Kraft, um sich zu halten. OhnmĂ€chtig sackte sie auf die kalten Fliesen, legte sich in ihr eigenes Blut, dessen Quelle nicht zu versiegen schien.
Die Stimme in ihrem Kopf lachte und verlor an Kraft, je mehr sie sich vom Bewusstsein verabschiedete.
„Gott ist tot“, keuchte sie. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie driftete in eine andere Welt.

Der stechende Geruch eines Desinfektionsmittels war die erste Wahrnehmung, die ihre Sinne erreichte. Um sie herum war alles dunkel. Der Geruch wurde unertrĂ€glich stark und sie zwang sich, eine aufkommende Übelkeit zu unterdrĂŒcken. Sie lauschte in die dunkle Welt. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn, gedĂ€mpfte Stimmen drangen an ihr Ohr. Als sie feststellte, dass die Stimme aus ihrem Kopf nicht dabei war, entspannte sie sich etwas. Ihre Nase begann zu jucken und als sie einen Arm heben wollte, um die Stelle zu erreichen, funktionierte das nicht.
Erschöpft machte sie die Augen einen Spalt weit auf. Mattes Licht flutete in ihre Linse und verursachte ihr Kopfschmerzen. Sie blinzelte und versuchte das Stechen in den Augen zu ignorieren. Eine gekalkte Decke starrte ihr entgegen. Direkt ĂŒber ihr hing eine nackte Neonröhre, die leise vor sich hinsurrte. Sie schaute an ihrem Körper herab. Eine weiße Decke lag ĂŒber ihr. Nach und nach registrierte sie mehr Details. Sie lag gerade in einem Bett, eine sterile Decke wĂ€rmte ihren Körper, der sich schwer und unbeweglich anfĂŒhlte. Ihre Arme lagen parallel zum Körper auf der Decke auf. Am linken Unterarm hatte sie einen dicken, weißen Verband, der sich an einem Punkt dunkelrot verfĂ€rbt hatte. Aus dem rechten ragte ein Schlauch. Beide Glieder waren mit Lederriemen festgezurrt; ein Versuch, ihre Beine zu bewegen, missglĂŒckte und sie nahm an, dass auch dort Riemen die Bewegung unterdrĂŒckten.
Langsam drehte sie ihren Kopf nach links. Durch eine orangerote Gardine strömte gedĂ€mpftes Licht. Ein leichter Wind wehte durch einen Spalt und wirbelte die Gardine auf. Ein Fenster stand schrĂ€g. Über dem Fenster saß in einer Ecke des Raumes eine dicke, schwarze Spinne und starrte sie an. AngsterfĂŒllt, schloss sie die Augen, um dem Blick der Spinne zu entgehen.
Ihr war schwindelig, der Mund trocken, der Körper steif. Mit geschlossenen Augen drehte sich ihre imaginÀre Umgebung. Das stetige Tropfen des Wasserhahns wiegte sie in den Schlaf.

Als sie das nÀchste Mal erwachte, hörte sie Stimmen. Sie bekam Angst, die Stimme aus dem Kopf könnte darunter sein, doch sie erkannte keine der Anwesenden wieder.
„Ein typischer Fall von Suizidversuch“, sagte ein monotoner Bariton. „Sie wurde vor achtundvierzig Stunden mit aufgeschnittener, linker Pulsader eingeliefert. Rascher und massiver Blutverlust. Die Infusion versorgt sie mit NĂ€hrstoffen, bis der Blutkreislauf das wieder selbst ĂŒbernehmen kann.“
„Die Riemen hat man ihr aus SicherheitsgrĂŒnden angelegt?“, fragte eine junge weibliche Stimme.
„Genau“, antwortete der Bariton. „Auch, wenn man davon ausgehen kann, dass sie zu schwach ist, um einen erneuten Versuch zu starten, mĂŒssen wir doch alle EventualitĂ€ten ausloten und auf Nummer sicher gehen. Die Fixierung ist also keine Disziplinar-, sondern eine Sicherheitsmaßnahme.“
„Wissen Sie, welche GrĂŒnde sie hatte, zu versuchen, sich das Leben zu nehmen?“ Einen Augenblick war es ganz ruhig, nachdem eine junge mĂ€nnliche Stimme die Frage gestellt hatte.
„Auf dieser Station interessieren uns die GrĂŒnde nicht“, entgegnete schließlich der Bariton ohne einen Anflug von Interesse. „Wir sind dafĂŒr zustĂ€ndig, den Körper wieder zu stabilisieren. Um die Psyche kĂŒmmern sich die Kollegen von der Psychiatrie oder die Windhunde vom Jugendamt.“
„Aber wĂ€re es nicht hilfreicher, wenn bereits hier eine anfĂ€ngliche, psychologische Analyse stattfinden wĂŒrde?“, fragte die weibliche Stimme.
„Sollen wir den Sesselpupsern die gesamte Arbeit abnehmen?“, polterte der Bariton. „Außerdem, sehen Sie sich das MĂ€dchen mal an! Entweder hatte sie enorme psychische Defizite oder sie stand unter Drogen oder sie gehörte einer religiösen Sekte an. Das Drogenscreenring fiel negativ aus. Psychischen Stress kann man nie ausschließen und ihre Aufmachung deutete auf einen Satanskult hin. Solch kleine Nutten kommen jeden Tag hierher, weil sie sich mal wieder Gott, dem Teufel oder sonst wem nahe fĂŒhlten und sich dafĂŒr etwas antaten. Wenn Sie sich ihr Krankenblatt ansehen, werden Sie feststellen, dass eine AchtzehnjĂ€hrige anfĂ€llig genug fĂŒr solche Schandtaten ist. Sie ist nur eine unter vielen.“ Einen Augenblick war es ganz ruhig, dann setzte der Bariton wieder ein. „Wenn Sie Lust verspĂŒren, können Sie gelegentlich vorbeischauen und die möglichen Fortschritte begutachten. Jetzt wĂŒrde ich gerne zu Herrn Janssen ĂŒbergehen. Eine seltene Art der Desorientierung im dritten Stadium. Er ist mein Liebling.“
Mit diesen Worten setzte ein Schlurfen auf dem Boden ein und eine kleine Gruppe entfernte sich vom Bett. Sie spĂŒrte, dass jemand am Bettrand zurĂŒckgeblieben war.
„Begleiten Sie uns, Herr Beelze?“, fragte der Bariton.
„Dann wirst du eben mein Liebling, Lana“, flĂŒsterte die junge mĂ€nnliche Stimme beruhigend. Dann hörte sie Schritte, die sich entfernten, eine TĂŒr, die sich schloss. Dann war alles ruhig. Sie sank zurĂŒck in die Bewusstlosigkeit.

Sie lag auf kalten Steinen. Ihr Atem ging schwer und unregelmĂ€ĂŸig. Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihr herab, ĂŒber und ĂŒber mit Blut besprenkelt. Fahles Sonnenlicht schien durch die Ritzen an der Decke und blendete sie. Leises Rauschen war zu hören. Sie hob ihren Kopf ein paar Zentimeter an und schaute ĂŒber den Rand des Ufers. Die Welle tĂŒrmte sich wie ein Monster auf und rollte bedrohlich auf sie zu. Sie wollte sich erheben und fortrennen, doch ihre Beine rĂŒhrten sich nicht. Hastig öffnete die Welle ihr Maul und verschluckte sie mit einem Happen. Sie wurde fortgerissen. Im dreckigen Strom sah sie, wie sie von der elenden BrĂŒcke getragen wurde und in den Fluten der Welle versank. Scharfe Klingen sprudelten aus dem Inneren des Wassers hervor und schlugen ihr tiefe Wunden ins Fleisch. Die Fetzen ihrer Kleider lösten sich auf. Nackt und schutzlos wurde sie von der Wucht der Strömung hin- und hergeworfen, sie schluckte Wasser und merkte, dass es in kleinen Rinnsalen wieder aus allen Körperöffnungen austrat und sich erneut mit der Welle vereinigte. Minutenlang kĂ€mpfte sie gegen die Macht des Wassers an, dann ertrank sie. Die Welle schĂ€ndete ihren schlaffen Körper und warf sie dann an der BrĂŒcke wieder aus. Bald kam sie wieder...

Lana öffnete schlagartig die Augen. Sie wollte sich aufsetzen und die Panikattacke unterdrĂŒcken, ihrer Angst Herr werden, doch die Riemen hinderten sie daran. Schweißtrocken rannen ihre Stirn herab, das Krankenhemd klebte an ihrer Haut. Stoßweise ließ sie ihren Atem entweichen, konzentrierte sich auf ihren unregelmĂ€ĂŸigen Herzschlag und versuchte, die Kontrolle ĂŒber ihren Geist wiederzuerlangen. Ein paar Minuten blieb sie reglos liegen, fixierte ihren Blick auf eine Stelle. Die Spinne ĂŒber dem Fenster starrte sie unverhohlen an.
„Geht es wieder?“
Lana zuckte erschrocken zusammen, als sie die Stimme hörte. Einen kurzen Augenblick dachte sie, die grĂ€ssliche Stimme hinter der Stirn wĂ€re wieder erwacht; einen Herzschlag lang wies sie sogar der Spinne die gehörten Worte zu. Dann ließ sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Manche Konturen blieben verschwommen. Sie erkannte einen Fernseher auf einem beweglichen Regal an der Wand, auf dessen Bildschirm sich ihr Bett widerspiegelte. Die Spinne saß etwa einen Meter daneben.
Ihr Blick blieb auf dem jungen Mann haften, der neben ihrem Bett stand. Er lĂ€chelte sie sanft an und hielt ihr einen Becher an den Mund. Sie reckte ihren Kopf vor, wĂ€hrend er den Becher leicht kippte und sie das Wasser darin trinken ließ.
„Nur kleine SchlĂŒcke nehmen, sonst wird dir schlecht.“ Seine Stimme war ruhig und strahlte eine Art mĂŒtterlicher FĂŒrsorge aus. WĂ€hrend sie trank, blickte sie ihn an. Er hatte einen Dreitagebart, der im fahlen Schein der Neonröhre wie Schmirgelpapier aussah. Seine Lippen waren rosig und fĂŒhlten sich bestimmt weich an, wĂŒrde man drĂŒbergleiten. Er hatte seine dunklen Haare kurz geschnitten. Sie waren nicht durch Gel oder Taft verklebt. Seine Haut war rein, die Backenknochen sanft geschwungen. Alles in einem ein hĂŒbscher Bursche, dachte sie.
Er nahm den Becher von ihrem Mund, steckte den Finger in das verbliebene Wasser und betupfte damit ihre rauen Lippen. Das kĂŒhle Nass fĂŒhlte sich wohltuend auf der trockenen Haut an. Er wiederholte den Vorgang ein zweites Mal und stellte dann den Becher auf einen kleinen Beistelltisch.
„FĂŒhlst du dich besser?“, fragte er leise.
Lana sah sich um. Es stand nur ihr Bett im Zimmer. Außer dem Jungen befand sich niemand sonst im Raum. Sie nickte langsam. „Wo bin ich?“, fragte sie mit schwacher Stimme. Ihre Kehle fĂŒhlte sich nach wie vor trocken an und die Worte kamen so leise aus ihrem Mund, dass sie vermutete, dass er sie nicht einmal verstanden hatte.
Er schraubte die KanĂŒle am Tropf auf und wechselte den Beutel aus. „Du wurdest vor etwa drei Tagen hier eingeliefert. Du hattest viel Blut verloren und wir hĂ€tten dich fast nicht mehr zurĂŒckgeholt. Gott muss dich wirklich mögen.“
Beim Wort Gott drehte sie ihren Kopf weg. „Drei Tage“, keuchte sie resignierend.
„Ja. Du hast fast die ganze Zeit geschlafen. Man hatte dich so stark mit Beruhigungs- und Blutgerinnungsmitteln vollgepumpt, dass selbst ein Elefant sich nicht mehr geregt hĂ€tte.“
„Meine Eltern?“
„Die waren vor zwei Stunden noch hier und haben sich nach dir erkundigt. Deine Mutter saß Stunden am Bett und hielt deine Hand.“ Er setzte sich neben Lana auf die Bettkante. „Dein kleiner Bruder hat sich VorwĂŒrfe gemacht, dass er Schuld an allem wĂ€re. Er soll dir einen Streich gespielt haben und du wĂ€rst daraufhin so durcheinander gewesen, dass du hierher kommen musstest. Ich habe ihm erklĂ€rt, dass ihn keine Schuld trifft. Er solle sich keine Sorgen machen, ich wĂŒrde mich um dich kĂŒmmern. Das hat ihn beruhigt.“ Er strich scheinbar unbeabsichtigt ĂŒber ihren HandrĂŒcken. „Hat er Schuld?“, fragte er dann unverblĂŒmt.
„Nein“, erwiderte sie nur.
„Gut, ich lĂŒge nicht gerne.“ Er lĂ€chelte sie an und stand dann auf. „Schlaf noch etwas. Ich sehe spĂ€ter noch mal nach dir.“ Er drehte sich um und ging auf die TĂŒr zu.
„Wie heißt du?“
Er schaute ĂŒber seine Schulter. „Jan“, sagte er kurz angebunden und verließ leise das Zimmer.
Lana ließ ihren Kopf zurĂŒck auf das Kopfkissen sinken. Die Spinne starrte sie mit weitaufgerissenen Augen an. Dann schlief Lana mit der Angst vor bösen TrĂ€umen wieder ein.

Das Sonnenlicht flutete ins Zimmer, als sie ein paar Augenblicke spÀter wieder die Augen öffnete. Vogelgezwitscher drang durch das geöffnete Fenster ins Zimmer. Sie sah sich um. Der Raum sah im hellen und ungehindert eindringenden Tageslicht noch trostloser aus, als im Schein der Neonröhre. Die Spinne hatte sich ein paar Zentimeter zum Fernseher hinbewegt. Neben ihr stand der kleine Beistelltisch. Der Becher, mit dem Jan sie hatte trinken lassen, war verschwunden. Der rote Fleck auf ihrem Verband war ebenfalls nicht mehr zu sehen. Man musste ihn ausgewechselt haben, wÀhrend sie geschlafen hatte.
Lana hatte jegliches ZeitgefĂŒhl verloren. Sie konnte nirgendwo eine Uhr ausmachen. Die ZimmertĂŒr stand weit auf. Im angrenzenden Badezimmer brannte Licht, Lana konnte das Wasser rauschen hören. Eine Minute spĂ€ter trat eine dicke, schnaufende Frau heraus. Sie trug ein Nachthemd ĂŒber dem Arm und starrte Lana an, als sie mit raschen Schritten auf das Bett zutrat.
„Aha, die kleine Prinzessin ist endlich aufgewacht“, raunte sie mit polnischen Akzent. „Hast du gut geschlafen?“, fragte sie der Höflichkeit halber und erwartete anscheinend keine Antwort, da sie gleich weitersprach. „Dann wollen wir dir mal dein neues Kleidchen anziehen.“ Sie zog die Decke zurĂŒck und ließ das Nachthemd auf den Bettrand fallen. Dann drehte sie sich um und verschwand im Badezimmer. Ihre raue, polnische Stimme klang wie ein Echo aus dem Nichts. „Eins stellen wir gleich mal klar, Liebes. Wenn ich dir gleich die Riemen löse, brauchst du erst gar nicht versuchen, dich irgendwie zu wehren. Selbst, wenn du schon wieder stark genug sein solltest, um dich selbststĂ€ndig zu bewegen, kommst du bei mir eh nicht weit.“ Sie kehrte aus dem Badezimmer zurĂŒck, eine SchĂŒssel mit Wasser in den HĂ€nden balancierend. „Ich bin die einzige Schwester, die solche NervenbĂŒndel wie dich alleine versorgen darf und dieses Privileg habe ich nicht umsonst, klar?“
Sie stellte die WasserschĂŒssel auf den Tisch ab. Lana sah einen Waschlappen darin schwimmen. Die Schwester machte sich an den Lederriemen zu schaffen und löste gleich alle vier auf einmal. Lanas Haut fĂŒhlte sich wund darunter an. Es war befreiend, von der Fixierung befreit zu sein.
„Hintern hoch, Prinzessin!“, schnauzte die Polin sie an. Lana hob ihren Hintern. Es ging leichter, als sie erwartet hatte. Die Schwester zupfte das Nachthemd an den Beinen hoch und stĂŒlpte es ĂŒber Lanas Po. Erst jetzt bemerkte diese, dass sie keine UnterwĂ€sche trug. Langsam ließ sie ihr Hinterteil wieder auf das Bettlaken sinken. Die Schwester schraubte die KanĂŒle am Arm ab und ließ den Schlauch am Tropf hinunterhĂ€ngen. „Arme hoch!“, befahl sie. Mit einem Zug entkleidete sie Lana, die nun nackt auf dem Bett saß.
Der Lappen, mit dem sie gewaschen wurde, war rau und scheuerte auf der Haut. Das Wasser war kalt und bei den ersten BerĂŒhrungen zuckte sie zusammen. „Mal nicht so zimperlich“, meinte die Polin sarkastisch und rubbelte ihr ĂŒber den RĂŒcken. „Oder vertrĂ€gst du etwa kein Wasser?“
In der TĂŒr stand Jan und starrte Lana unverblĂŒmt an. Als sich ihre Blicke trafen, schien er sich seinem nicht zu schĂ€men, sondern schaute sie weiter an. Seine Augen wanderten ĂŒber ihren Körper, der lieblos von der Schwester gewaschen wurde. Er folgte den Bewegungen des Lappens mit Argusaugen, wie er erst ĂŒber den RĂŒcken glitt, dann ĂŒber die Schultern und schließlich ihre BrĂŒste umspielte. Lanas Blick war mĂŒde und etwas angsterfĂŒllt. Die Tatsache, dass Jan den Waschvorgang so aufmerksam verfolgte, ließ sie innerlich erschauern. Auch als der Waschlappen ĂŒber den Bauch schrubbte und dann zwischen ihre Beine ging, hielt er seine Augen weiterhin auf sie gerichtet.
„Gott, mĂŒssen die Mittel bei dir noch wirken“, grunzte die Schwester. „Du bist ja völlig weggetreten, SchĂ€tzchen.“ Als Lana ohne Reaktion weiter auf die TĂŒr starrte, folgte ihr Blick dem ihren. „TĂŒren sind schon interessant“, höhnte sie und streifte Lana das Hemd ĂŒber.
Jan war verschwunden.
Die Schwester half Lana auf die Beine und ließ sie sich auf dem Bettrahmen abstĂŒtzen. WĂ€hrend sie das Bett machte, las Lana den Zettel, der am Fußende befestigt war: „Lana Richter. Achtzehn Jahre. Verdacht auf psychisches Trauma mit SuizidgefĂ€hrdung.“ Darunter standen ein paar Zahlen und einzelne Buchstaben. In einigen glaubte sie ihr Geburtsdatum und Blutgruppe wiederzuerkennen, doch sie war sich nicht sicher. Sie fĂŒhlte sich schwach und ausgelaugt, ihre Kehle war trocken, die Haut juckte am gesamten Körper. Sie begutachtete die Stelle am Arm, an der die KanĂŒle fĂŒr den Tropf in ihre Ader eingefĂŒhrt war.
„Denk nicht mal dran“, hörte sie die Schwester laut und drohend sagen.
Lana blickte sie mit mĂŒden Augen an. „Ich muss auf die Toilette“, sagte sie leise.
„Dann geh!“ Die Schwester warf einen Blick auf die ZimmertĂŒr. Sie war geschlossen worden. „Aber komm ja nicht auf dumme Gedanken. Im Bad gibt es keine scharfen GegenstĂ€nde und ich höre es, wenn die TĂŒr zum Flur geöffnet wird.“
Lana nickte kaum merklich und schlurfte auf das Badezimmer zu.
Es war ein Monster, was sie aus dem Spiegel anblickte. Seine Augen waren zusammengekniffen und dick umrandet. Die Haut war blasser als gewohnt und hing aschfahl an den Knochen herab. Die Lippen des Monsters waren farblos, gingen schon fast ein wenig ins Graue ĂŒber. Trockene Haut pellte stellenweise ab. Langes dunkelblondes Haar mit schwarzen StrĂ€hnen hing schlaff ĂŒber den Schultern und sah aus, als wĂ€re es ein paar Tage weder gewaschen noch gekĂ€mmt worden. Hat man dieses Monster wirklich drei Tage oder lĂ€nger einfach im Bett liegen lassen und nur gelegentlich den Verband und den Tropf gewechselt, fragte sie sich. Sie strich mit den Fingern ĂŒber ihre Wangen. Die Haut war trocken. Den Stecker hatte man aus ihrem NasenflĂŒgel entfernt, das Loch war kaum zu sehen. Lana fröstelte. Unter dem Krankenhemd zeichneten sich harte Nippel ab. Lana zog ein SchulterstĂŒck herunter und betrachtete das tĂ€towierte Kreuz ĂŒber ihrer linken Brust. Das schwarze Ding, auf dessen Querbalken mit feinen roten Stichen das lateinische Wort „Silentium“ geschrieben stand, hob sich durch die ungewöhnliche BlĂ€sse der Haut noch stĂ€rker als sonst ab. Es schien geradewegs aus der Brust herauszuspringen.
„Bist du langsam fertig, Prinzessin?“, kam es durch die TĂŒr gegrunzt.
Lana zog das Hemd wieder ĂŒber die Schulter, blickte ein letztes Mal in den Spiegel und trat dann aus dem Badezimmer. Trotz des dĂ€monĂ€hnlichen Anblicks, beschloss sie, sich heute nicht zu hassen. DafĂŒr entschied sie, die polnische Krankenschwester nicht zu mögen, die sie geradewegs zum Bett schubste.
Als sie die Riemen wieder um die Beine und Arme schlingen wollte, hörte man Jans Stimme im Zimmer.
„Ich denke, die Fixierung ist nicht mehr nötig, Schwester Nouschkñ“, sagte er so beilĂ€ufig, als wĂ€re er der diensthabende Chefarzt.
Sie blickte ihn spöttisch an. Er stand an den TĂŒrrahmen gelehnt, Ă€hnlich wie vor ein paar Minuten, als er Lanas nackten Körper betrachtet hatte. Seine Arme hatte er vor der Brust verschrĂ€nkt.
„Ich denke nicht, dass Sie das zu entscheiden haben, Herr Beelze“, sagte sie schnippisch. „Schließlich sind Sie nur Pfleger in der Ausbildung. Ich hingegen bin gelernte Krankenschwester. Und selbst, wenn es anders wĂ€re, mĂŒsste ein Arzt diese Entscheidung treffen.“ Sie zog den Riemen an Lanas linken Arm fest, dass es schmerzte.
Lana verzog ihr Gesicht.
Jan kam langsam in das Zimmer. Sein Blick fixierte Schwester NouschkĂą. Er war kalt und unnachgiebig. Er starrte die Schwester ein paar Sekunden an, bevor er mit einer autoritĂ€ren Stimme sagte: „Es ist aber gerade kein Arzt hier, der diese Entscheidung treffen kann, deshalb entscheide ich es.“ In diesen SĂ€tzen schwappte eine SchĂ€rfe mit, dass es Lana einen kalten Schauer ĂŒber den RĂŒcken jagte. Jan blickte noch immer fest in NouschkĂąs Augen, dann wandte er seinen Kopf und sah auf den festgezurrten Riemen. „Also?“, fragte er zischelnd.
Lana dachte einen Augenblick lang, die Stimme hinter ihrer Stirn in seiner mitklingen zu hören.
Schwester NouschkĂą schaute ihn immer noch an. Wie in Trance sagte sie: „Ich glaube, Sie haben Recht, Herr Beelze. Das Risiko eines weiteren Versuchs ist so gering, dass man auf die Fixierung verzichten kann.“ Jans Lippen bewegten sich synchron zu denen der Krankenschwester und sprachen ihre Worte lautlos mit. Diese beugte sich vor und löste den Riemen um Lanas Arm.
Jan begutachtete den Vorgang und nickte zustimmend. Dann verließ die Schwester wortlos den Raum.
„So siehst du doch schon viel besser aus, Lana“, sagte er mit einem LĂ€cheln im Gesicht. Eine weitere Minute blickte er sie stumm an. Dann verschwand er im Bad und kehrte mit einem Becher Wasser zurĂŒck, den er auf dem Tisch abstellte. „FĂŒr spĂ€ter“, flĂŒsterte er leise.
Dann verließ er das Zimmer gerĂ€uschlos und schloss die TĂŒr hinter sich.


...Teil 2 folgt bei Interesse an der Fortsetzung...
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Nyxon, gefallener Engel aus Leidenschaft

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stresa
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Hallo Nyxon!

Ich finde, das ist an vielen Stellen ein sehr vielversprechender Text, mir sind ein paar Dinge aufgefallen, die ich dir gerne schreiben möchte:
- die Großmutter hatten einen "Herzschlag" - das ist ein problematisches Wort, an einem Herzschlag stirbt man nicht, das ist vielleicht ein umgangssprachliches Wort (und in diesem Fall auch als solches ungenau) - Hirnschlag gibt es, Infarkt, Herzinfarkt - das Herz, das einfach stillsteht - da mĂŒĂŸtest du ausprobieren, was zum Text passt.
- "Tage hatte sie keine Nacht mehr durchgeschlafen" holpert sehr in meinen Ohren. Bsp. "Vier NÀchte nicht mehr durchgeschlafen" - oder: nur soundsoviel Stunden Schlaf, ansonsten nur Wachsein, Stöhnen - diese Richtung.

Zum Medizinischen - ich bin mir nicht sicher, ob man in einem solchen Fall Blutgerinnungsmittel verabreicht, ich glaube mal eher nicht, aber ich kann mich irren. Auch ob eine aufgeschnittene Pulsader eine solche Katastrophe auslöst - da solltest du dich vielleicht noch mal erkundigen - wird man relativ schnell nach so einem Suizidversuch gefunden, ist es mit Sicherheit nicht so dramatisch (was nichts damit zu tun hat, dass es nicht ernst genommen werden muß!)

Und wenn es der Heldin wirklich so schlecht geht - geht die Geschichte ein bißchen zu schnell in eine Liebesgeschichte ĂŒber (von der ich halt jetzt mal vermute, dass es das werden könnte.) (By the way, ein PflegeschĂŒler, der einer Patientin Blicke zuwirft, wie du sie beschreibst, fliegt schnell - aber das fĂ€llt mir vielleicht nur so auf, weil ich den Bereich ganz gut kenne.) (Fast gestorben und dann der erste Gedanke - was fĂŒr ein schöner Mann - denkbar, aber auch ein bißchen unrealistisch.)

Großartig gestaltet finde ich das Auftauchen der "Stimme", Menschen, die so etwas erleben, beschreiben es genauso. Mit dieser Macht, in dieser IntensitĂ€t. Auch der Dialog mit den Eltern ist sehr, sehr gut.

Viel GlĂŒck beim Weiterschreiben!

gruß
stresa

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Nyxon
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Hi stresa!
Danke fĂŒr deine Kritik und die RatschlĂ€ge.

Was die medizinische Seite angeht, hast du bestimmt Recht - ich bin in diesen Dingen nicht so sehr bewandert, aber als die Geschichte entstand, gab es wenig Möglichkeiten, ĂŒber solche Sachen etwas zu erfahren. Da die Medizin auch nicht Mittelpunkt der Geschichte, sondern nur eine Rahmenhandlung darstellen soll, habe ich darauf leider auch nicht soviel Wert gelegt, wie es vielleicht angemessen wĂ€re. Dass ĂŒberhaupt jemand einen Blick fĂŒr diesen Themenbereich erĂŒbrigt, finde ich klasse.

Deinen Einwand, die Geschichte gehe zu schnell - oder zumindest ansatzweise - in eine Liebesstory ĂŒber, lasse ich jetzt erstmal im Raum stehen, da es ja noch ein paar weitere Teile geben sollte, falls du und die anderen es gerne hĂ€tten.

Ich freue mich auch weiterhin auf Anregung und Kritik deinerseits.
Auf bald, Nyxon
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