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Leselupe.de > Humor und Satire
Skifahrer Klaus
Eingestellt am 23. 02. 2010 19:11


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cutter
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Feb 2010

Werke: 2
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Als Staplerfahrer war er es gewohnt, den ganzen Tag am Lenkrad zu verbringen, da sollte die lang ersehnte Fahrt in die österreichischen Berge wohl kein Problem darstellen. Ein wenig überrascht war Klaus jedoch, dass die nagelneuen Sommerreifen nicht mit den paar Zentimetern Neuschnee auf der Autobahn zurechtkamen. Nicht wirklich ein Problem, denn ein Berufskraftfahrer vom Format eines Klaus weiß sich zu helfen. Er wechselte auf die linke Spur, hielt die vorgeschriebene bzw. empfohlene Geschwindigkeit exakt ein und bremste damit den nachfolgenden Verkehr aus, um sich so genügend Luft nach vorn für Bremsmanöver zu verschaffen. Seinem Sohn gab er den Auftrag, die Drängler und Rechtsüberholer zu filmen. Die vor Wut völlig entstellten Gesichter würde er in sein Urlaubsvideo als besonderes Highlight einbauen.

Wieso seine Verfolger schlagartig von ihm abgelassen hatten wurde Klaus erst beim nächsten Tankstopp klar: die Skibox mitsamt Trägern hatte sich vom Dach gelöst. Aber wie war es möglich, dass die nagelneue Skibox eigene Wege ging? Hätte er tatsächlich die mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms aus dem Chinesischen über das Englische ins Deutsche übersetzte Befestigungsanleitung sklavisch einhalten sollen? Es war ihm spanisch vorgekommen, dass er die asiatischen Skiboxträger zusätzlich zur direkten Verleimung AUF, auch noch mit selbstschneidenden Blechschrauben IM Autodach befestigen sollte.

Zu spät. Wieder auf der linken Spur, griff er zum Handy und telefonierte mit seinem Versicherungsagenten. Dieser versicherte ihm (wozu sind Versicherungsagenten denn sonst da), dass er wohl den ganzen Schaden ersetzt bekäme. Klaus beendete abrupt das Gespräch, als ihm Rettungs- und Polizeifahrzeuge entgegenkamen. Interessiert verfolgte er im Radio die neusten Staumeldungen. Irgendwo hinter ihm war es zum Massencrash wegen herumfliegender Skiausrüstung gekommen. Was für ein Glück, dass er dieses Stück der Strecke schon hinter sich gebracht hatte!

Von nun an wurde es eine gemütliche Fahrt, wenn man mal von den paar Drehern wegen Glätte und den ständigen Beschwerden seiner Frau absah, die immer und immer wieder zu einer neuen Kotztüte greifen musste. Keiner war mehr da, der drängeln oder gar rechts überholen konnte und Klaus hatte nun Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Trübsinnigen Gedanken, denn eigentlich hätten sie sich diesen Urlaub gar nicht leisten können. Hinter ihm nervten die Kinder, indem sie sich gegenseitig die FIS-Pistenregeln abfragten. Wer braucht denn Regeln auf einer Skipiste? Klaus jedenfalls nicht. Oder - vielleicht doch? Plötzlich wurde ihm klar, wie er aus seiner angespannten finanziellen Lage herauskommen konnte. Nun hörte er genauer hin, als seine Kinder wieder und wieder die Regeln herbeteten.

Die ersten Skitage lagen mittlerweile hinter ihm. Super Wetter, super Pisten, verhältnismäßig wenige Holländer, an den Liften keine Wartezeiten - also keine Chance auf irgendwelche Geld-zurück-Aktionen. Seine auf der Fahrt gereiften Pläne zwecks finanzieller Entspannung hatte Klaus ebenfalls noch nicht in die Tat umgesetzt, denn sie enthielten auch für ihn ein gewisses gesundheitliches Risiko. Heute aber war es soweit. Die Sicht hatte sich verschlechtert und etliche Skifahrer machten einen sehr erschöpften Eindruck. Die schlimmsten \"Patienten\" - seine heißeste Zielgruppe - zeigten Jagertee-bedingte Lähmungserscheinungen.

Klaus stellte sich an den Rand der Piste und wartete auf die nächsten Ski- und Snowboardfahrer. Mit einem flauen Gefühl im Magen begann er den Countdown: 3-2-1-Start! Er fuhr so schnell es ging in Richtung Mitte der Piste los, auf einen Zusammenstoß hoffend. Aber es war wie verhext - sie kriegten alle die Kurve. Und alle, die noch fluchen konnten, fluchten wie die Bierkutscher! Mit welchem Recht eigentlich? Laut FIS-Regeln hat der von oben Kommende die Schuld. Und genau darauf hatte Klaus gebaut, es wäre ein Kinderspiel für den von der Rechtsschutzversicherung bezahlten Anwalt.

Aber noch hatte Klaus seinen Traum vom fetten Schmerzensgeld nicht ausgeträumt. Allerdings brachte auch der Hügeltrick (hinter einem schlecht einzusehenden Schneehügel auf den Zusammenstoß warten) keine zählbaren Erfolge. Kurz kam ihm der Gedanke, die wüsten Beschimpfungen der Fast-Gegner auf Video zu bannen, um sie dann mit Hilfe des Anwalts zu Geld zu machen (man munkelt, ein während des unfreiwilligen Fluges gezeigter Stinkefinger, verbunden mit einem verzweifelt ausgestoßenen \"Du Pistensau\", bringe schlappe 1000 Euro ein). Ihm wurde aber schnell klar, dass es unmöglich sein würde, die vermummten Gestalten zu identifizieren.

Abends lag Klaus sehr niedergeschlagen im Bett. Seine potenziellen Gegner hatten sich als zu clever erwiesen. Noch dazu zeigte seine Familie keinerlei Verständnis für die aktuelle finanzielle Lage. Ständig nervten die Kinder zwecks Ausleihe immer neuer Funsportgeräte. Abends musste Pizza auf den Tisch und immer wieder wurde bemängelt, dass es dieses Jahr nur zu einer Ferienwohnung gereicht hatte. Nun drängte seine Frau auch noch auf Teilnahme an einem Skischulkurs. Offiziell, um endlich wenigstens einmal im Urlaub eine hellblaue Piste ohne dunkelblaue Flecke zu überstehen, inoffiziell aber sicher wegen des feschen Skilehrers Franz. Morgen musste dringend eine Lösung für all die Probleme her. Und er wusste auch schon, wie.

Neuer Tag, neues Glück - hoffte Klaus.
Neben blauen Pisten (für Anfänger und Leute, die es nie lernen) und roten Pisten (für Fortgeschrittene und Parteisoldaten) gibt es Pisten, die sind schwarz gekennzeichnet. Die extremsten unter ihnen haben ein Gefälle von 70% und tragen den Hinweis \"Only experts\". Und vor genau so einem Hinweisschild stand Klaus gerade und blickte ehrfurchtsvoll in die Tiefe.

Eine Wolke waberte über die Piste und ließ die Sichtweite auf weniger als 10 Meter schrumpfen. Einige Skifahrer hatten bereits die falsche Seite der Orientierungsstangen gewählt, was man an den langgezogenen Entsetzensschreien erkennen konnte, gefolgt von dumpfen Aufprallgeräuschen aus der Tiefe. \"Wieder eine Spaßbremse weniger\", dachte Klaus jedesmal, konzentrierte sich aber schnell wieder auf seine eigenen Probleme. Begünstigt durch die schlechte Sicht war es einfach, die Kinder auf die schwarze Piste zu leiten. Klaus musste gar nicht lange warten, bis er schemenhaft einen wild mit den Armen rudernden Anfänger entdeckte, der eindeutig noch nicht einmal Fähigkeiten für blaue Pisten besaß, aber schon mal eine schwarze probieren wollte. Natürlich entdeckte dieser viel zu spät die Kinder, versuchte verzweifelt, die Kurve zu kriegen, sich auf die eisige Piste zu werfen, sich mit Zähnen, Finger- und Fußnägeln in der Piste einzuhaken. Klaus beobachtete, wie diese Witzfigur mit Hilfe des nächsten Schneehaufens abhob. Kurz überlegte Klaus, ob es die richtige Entscheidung war, aber in Anbetracht weiterer drei Tage Skifahren mit oder ohne nervige und vor allem kostspielige Kinder, wusste er: JA! In dem Moment zerstückelten die scharfen Stahlkanten der nagelneuen Skier die Kinder. Klaus bog auf die blaue Piste ab, übte einen betroffenen Gesichtsausdruck und diktierte schon mal in Gedanken den Brief an seinen Anwalt. Aber das hatte Zeit bis nach dem Urlaub.

Als nächstes fokussierte Klaus auf seine Frau, die von der Zerstücklung der Kinder noch nichts wusste. Gerade stand er an der Kreuzung zweier Pisten. Einer blauen und einer schwarzen. Er stand da mit dem Auftrag, seiner von der blauen Piste kommenden Frau ein Winkzeichen zu geben, sollte die schwarze Piste frei sein. Oder sollte er ein Zeichen geben, wenn die Piste NICHT frei wäre?

Das Gelingen seiner perfiden Pläne ergab ein beeindruckendes Farbenspiel: Gerade als seine Frau die sichere blaue Piste verlassen hatte, fiel der fesche Franz mit Greenhorns im Gefolge von der schwarzen. Am Ort der unsanften Begegnung färbte sich der weiß glitzernde Schnee schlagartig rot. Überlebende Greenhorns verteilten unverdaute Jagertee-, Germknödel- und Kaiserschmarrnreste auf beliebige Stellen der Piste. Das Zusammentreffen mit dem feschen Franz hatte sich seine Frau sicher romantischer vorgestellt.

Der Rettungshubschrauber brauchte an diesem denkwürdigen Tag sehr lange, hatte sich letztlich aber doch den Weg durch den Nebel gebahnt. Klaus verhandelte mit dem Notarzt über einen Mengenrabatt für den Abtransport seiner Familie. Dies hätte er nun eigentlich nicht mehr nötig gehabt, denn der von Klaus informierte Privatsender würde sicher stattlich für die von Klaus bereitgestellten Foto- und Videoaufnahmen der schrecklichen Unfälle zahlen.

Ein bemerkenswert harter Tag lag hinter Klaus. Umso mehr sehnte er den Abend herbei, den ersten seit langer Zeit, an dem er sein eigener Herr sein durfte. Aber was sollte er damit anfangen? An den Abendkassen der Theater-, Opern- und Operettenhäuser des 119-einhalb-Seelen-Bergdorfs (die halbe Seele ist der scheintote Holzmichel) waren so kurzfristig sicher keine Tickets mehr erhältlich. So blieb ihm nur die Apres-Ski-Party. Die entsprach zwar überhaupt nicht seinen schöngeistigen Idealen, aber vielleicht gelänge es ihm mit eigenen Beiträgen, das kulturelle Niveau dieser Skistiefel-beschlagenen Tiefflieger anzuheben.

Und wie es ihm gelang! Klaus hatte so oft \"Ich hab ´ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner, denn Döner macht schöner...\" gesungen, bis er schließlich selbst dran glaubte. Schon seit einigen Drinks tauschte er immer heißere Blicke mit einer langhaarigen Blondine aus, die zu einer Gruppe Holländer gehörte. Oh, wie ihm ihr Augenaufschlag elektrische Stöße in längst verstorben geglaubte Regionen seines Körpers schickte! Wie er selbst ohne Pizza immer spitza wurde! Jeder neue Drink verdampfte immer schneller, weil Klaus kontinuierlich näher an diesen unglaublich heißen holländischen Pistenfeger rückte. Die anderen Holländer der Gruppe hatten bereits einen respektvollen Abstand eingeräumt. Sie mussten erkannt haben, dass sie bei Bernhardine - diesen Namen hatte Klaus inzwischen aufgeschnappt - gegen die Wucht dieser deutschen Eiche namens Klaus nichts mehr ausrichten würden. Schon hörte er Bernhardines rauchige Marlene-Dietrich-Stimme, die ihm vibrierend durch Mark und Mittelbein drang. Letzteres Organ hatte die Form, Ausrichtung und Funktion einer Antenne übernommen. Sein Kontakt zur Außenwelt fand hauptsächlich darüber statt, andere Sinnesorgane spielten nur noch eine Nebenrolle. Nun hielt es auch Bernhardine nicht mehr auf ihrem Barhocker, sie schien ihren Prachtkörper in Richtung Klaus zu werfen. Klaus spürte, wie seine Antenne pulsierende Signale aussandte, wie seine rechte Hand, Halt suchend, Bernhardines Zopf ergriff, bevor es zur explosionsartigen Entspannung seines Körpers kam.

Das letzte Bild in seinem Leben zeigte eine blonde Perücke, neben einem verschwitzten holländischen Männerkopf schwebend, gehalten von einer sterbenden Hand.
Skifahrer Klaus hatte die letzte Abfahrt seines Lebens hinter sich gebracht. Er starb an Herzversagen. Der herbeieilende Bernhard, Sanitäter aus Holland, der Klaus schon den ganzen Abend besorgte Blicke zugeworfen hatte, konnte ihm auch nicht mehr helfen.

Vier Monate später.
Auf einer Tiroler Bergwiese spazierten vier Menschen, die man leicht als eine Familie deuten konnte. Die Kinder fütterten Ziegen, die Frau schaute den Kindern zu und ergriff verliebt die Hand des Mannes.
Der fesche Franz, zu dieser Jahreszeit \"Bauer Franz\" genannt, war glücklich. Er hatte schon länger eine Frau gesucht, war drauf und dran gewesen, sich in einer Castingshow zu bewerben. Dann war ihm die Frau von Skifahrer Klaus auf der Piste in die Quere gekommen und beide hatten sich im Krankenhaus kennen und lieben gelernt. Die Schnittverletzungen der Kinder waren weniger dramatisch gewesen, als von Klaus angenommen.

Und wenn sie nicht auf einer Skipiste gestorben sind (Typen vom Schlage eines Klaus gibt es viele), dann leben sie noch heute.


Version vom 23. 02. 2010 19:11
Version vom 01. 03. 2010 22:14

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