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Leselupe.de > Erzählungen
Spätherbsterwachen
Eingestellt am 26. 10. 2002 01:59


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Calistra
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 2
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Franz Rabe war 76 Jahre alt, als sein Herz erwachte. Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des alten Mannes, so voller Lebensfreude, das es mit einem Mal all die Jahre ungeschehen machte, in denen er nur ein zynisches Grinsen übrig hatte für das, was die Anderen „das Leben“ nannten.

Franz legte die vergilbte Skizze beiseite, die er in der hintersten Ecke einer Schublade gefunden hatte, wo sie, absichtlich vergessen, viel zu lange darauf gewartet hatte, dass er sie wieder hervorholen möge. Mit einem Mal kehrte die unbändige Freude zurück, die er empfunden hatte, als er dieses Stück Papier mit seinen Bleistiftstrichen zum Leben erweckt hatte...

Franz Gesicht begann zu leuchten, und als er in den kleinen Spiegel auf der Kommode blickte, kannte er kein Halten mehr: Hinaus musste er, hinaus, um diesen wunderschönen Spätherbstnachmittag zu feiern, um ihn zu riechen und der Sonne zuzusehen, wie sie immer wieder veruchte, ihre Strahlen durch das bunte Laub zu schicken.

Die alten Beine vermochten sein junges Herz nicht schnell genug herauszutragen, zu groß war die Ungeduld, zu unbändig die Gier, die in ihm schlummerte. "Was so ein Bild alles anzurichten vermag", lächelte er still in sich hinein und freute sich an der Kälte, die ihm bis in alle Glieder fuhr, erlaubte dem Wind, an ihm zu reißen, empfing die niederprasselnden Regentropfen wie eine Schar alter Freunde.

Da stand er nun, der „alte Kauz“, wie die Anderen ihn zu nennen pflegten, die Arme ausgebreitet, das Gesicht in die Höhe gestreckt, ohne Mantel, ohne Schirm und wiegte sich mit geschlossenen Augen sanft im Takt einer uralten Melodie, tanzte mit der Natur den eigenwilligen Tanz des Regens, des Sturmes und der unbändigen Lust zu leben.

Plötzlich konnte er sie wieder vor sich sehen, die dunklen Locken, die blitzenden braunen Augen, die zarten kleinen Hände. Er hörte ihre Stimme, wie sie, selbstvergessen, ein Liedchen vor sich hinsummte, hörte, wie sie nach ihm rief, wenn es Zeit war für den Nachmittagstee. Er sah sie eine ungebärdige Haarsträhne fortstreichen, wie sie das jeden Tag wohl tausendmal getan hatte. Und er hörte ihr Lachen. Emmas Lachen. Ein Lachen, das so voller Freude war, dass sie damit jeden Krieg hätte beenden können...

Bäche flossen endlich über das faltige Gesicht, aber Franz wischte sie nicht ab; er ließ die Tränen des Himmels sich mit den seinen vereinigen und erinnerte sich wieder. Emma. Er hatte gehofft, sie sich aus dem Herzen gerissen zu haben, hatte geglaubt, er hätte ihr Gesicht so weit von sich fortgeschoben, dass er es nicht mehr erkennen konnte. Jetzt erst, nach Jahren voller Kälte, Wut und Bitterkeit, erkannte er, dass es nicht nötig war, sie zu vergessen. Und ein Ding der Unmöglichkeit war es selbstredend, denn waren es nicht IHR Lebensmut und IHRE Stärke gewesen, von denen er gezehrt hatte in der endlos langen Zeit, die sie nun fort war?

Der Alte ließ die triefenden Arme sinken und öffnete die Augen. "Verzeih mir, mein Engel", flüsterte er vor sich hin und begann endlich damit, ihr, die ihn mit Kraft und Leben erfüllt hatte, den einzigen Wunsch zu erfüllen, den sie jemals an ihn herangetragen hatte.

"Lebe, Franz", hatte sie geflüstert, "begrüße jeden Tag mit einem Lächeln, auch, wenn es Dir vielleicht schwerfällt. Das Leben ist so etwas wunderbares, Du musst es nur sehen wollen. Sag mir, Liebling, willst Du das für mich tun?". Natürlich hatte er, Franz, mit tränenerstickter Stimme ein "Ja" herausgebracht und es war auch sein fester Wille gewesen, sein Versprechen zu erfüllen, für seine Liebe weiterzuleben. Aber hatte er auch noch nicht wissen können, dass sein junges, leichtes Herz nach Emmas Tod schwer und uralt werden würde...

So stand er im Regen, der alte Mann mit dem jungen Herzen, und murmelte leise vor sich hin. Er begrüßte die Sonne, den Wind und den Regen, sprach mit den Tauben und hörte dem Jammern des regenschweren Rasens voller Verständnis zu. Er betrachtete von weitem die Bank, die am Wegrand stand und die ihn einlud, sich einen Moment zu setzen. Franz nahm die Einladung dankend an und untersuchte die Kieselsteine, die den Weg bevölkerten. Er nahm einen Stein auf, betrachtete ihn eingehend und erklärte ihm: "Du allein kannst vielleicht nichts ausrichten, aber wenn mehr von Deiner Sorte zusammentreffen, entsteht ein gut begehbarer Untergrund und das, mein Lieber, ist eine gute Sache, wenn man so alt ist wie ich".

Als schließlich die Dämmerung einsetzte, machte der Alte sich auf den Rückweg; er wusste aus Erfahrung, dass der Weg in seine Wohnung einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Bei jedem Schritt auf den nassen Kieselsteinen machte er sich bewusst, dass keiner dieser kleinen Steine unnütz war und musste unwillkürlich lachen, als er fast das Gleichgewicht verlor und ausrutschte. "Kein Wunder bei diesen wirren Gedanken", schalt er sich selbst und setzte seinen Weg gemesseneren Schrittes fort.

Endlich vor dem kleinen Wohnhaus angekommen, grüßte er freundlich Herrn Reuner, der –wie jeden Tag – am Fenster saß und beobachtete, was draußen so vor sich ging. Herr Reuner grüßte, erstaunt über die Freundlichkeit, zurück und schüttelte ungläubig den Kopf.

Herr Reuner war es auch, der den "alten Kauz", wie er ihn bislang immer genannt hatte, am nächsten Tag fand, ein rätselhaftes Lächeln im Gesicht.

Franz’ Herz hingegen hatte sich, während er Emmas Portrait betrachtete, klammheimlich auf den Weg zu ihr gemacht.

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
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schade!

hallo Calistra,
die idee der geschichte gefällt mir gut, aber ich hab was auszusetzen.
im dritten absatz beschreibst du einen wunderschönen spätherbstnachmittag mit sonne und buntem laub, das volle pogramm also.
in den beiden nächsten absätzen prasseln tropfen nieder und im sturm wird ein regentanz aufgeführt.
noch weiter unten steht er im regen und begrüßt die sonne. der "regenschwere rasen" weist auf lang anhaltendes schlechtwetter hin, also nicht gerade die einladung für ein längeres verweilen auf der bestimmt klatschnassen parkbank.
selbst wenn die wetterumschwünge als metaphern gedacht waren, ist es mir in diesem fall zu verwirrend.
aber wie gesagt, die idee gefällt mir gut.
gruß knychen
__________________
kny

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Arkona
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
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Hallo Calistra,

Aaaaaaach, ist das eine herzzerreißende Geschichte !!!
Es gibt tausende Geschichten, die uns schmunzeln lassen, aber die wenigsten bringen uns zum Weinen.
Diese hier, ist so eine.
Vielen Dank dafür und
herzl. Grüße
__________________
Arkona

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 277
Kommentare: 8126
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einfach

zum heulen schön! bei einem so tollen inhalt fallen mir keine fehler auf. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Spätherbsterwachen

Hallo Calistra,

was die Wetterumschwünge betrifft, stimme ich Knychen zu, aber das sind Fehler, die einem beim Schreiben unterlaufen können und die sich leicht ausbessern lassen. Wichtiger ist, daß hier etwas thematisiert wird, was im Zeitalter der Coolness ganz aus der Mode gekommen scheint: das Beglückende der Liebe, auch über den Tod hinaus. Es ist traurig genug, daß wir uns unserer Gefühle schämen und sie einer „Mode“ unterwerfen.
Danke!
Parsifal

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