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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Spring Karle, spring
Eingestellt am 30. 12. 2000 09:55


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Karl Reichert
Bl├╝mchendichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 37
Kommentare: 8
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Es war nicht nur einer dieser tr├╝ben Winternachmittage, den man besser im Bett verbringt, sondern auch eine g├╝nstige Gelegenheit, die Fl├╝gel in den Wind zu stellen und in den Himmel zu fliegen. Raus aus der verstaubten Enge des Alltags, raus aus den plattgetretenen W├╝nschen einer Begierde, die, wenn sie nicht befriedigt, sich ins Gegenteil verkehrt.
Die einzige Sicherheit, eine sch├Ąbige Einzimmerwohnung in Kreuzberg, ein paar Klamotten in einem rosa-roten Rucksack und die nebul├Âse Hoffnung, dass sich alles ├Ąndert.

Durch leichtes Anheben der Armst├╝tzen, unter gleichzeitigem Druck mit dem R├╝cken nach hinten, rastete die R├╝ckenlehne des Sitzes ein. Er blickte durch das Bullauge der viermotorigen Interflugmaschine ├╝ber die grauen Wolken Berlins. Da es nicht viel zu sehen gab, schloss er die Augen, um ein Nickerchen zu machen.
Seit Jahren hatte er Bettina nicht mehr gesehen und dass sie ihn einfach so einlud, war schon ein feiner Zug.
Ja, zugegeben, es war eine Marotte von ihr, M├Ąnner zum Tanzen aufzufordern, die nur laberten, und es kostete sie M├╝he, ihn zu ├╝berzeugen, aber sie schaffte es. Das sei ihre Ma-sche, fl├╝sterte sie ihm beim Blues ins Ohr und schmollte so s├╝├č dabei, dass er sie nur noch BB nannte. Es war nicht nur ein hei├čes Fest, sondern sie liebten sich wild und ungest├╝m ein ganzes Wochenende lang.
Trockene Lippen und ein ungeheurer Druck auf der Blase brachten ihn in die Realit├Ąt zur├╝ck. Auf dem Weg zur Toilette orderte er bei der Stewardess ein Glas Campus und verschwand in der engen Kabine.
Wieder auf seinem Platz brach es dann aus ihm heraus: "Prost, mein Alter, hast's ja weit gebracht". Sein Nachbar, ein schon etwas aus dem Leim geratener Mitf├╝nfziger, runzelte die Stirn und warf einen verwegenen Blick her├╝ber, rollte die Augen und dr├Âhnte: "Wat jibt et denn Mester, Jeburtstach?" "Erraten, wollen sie?" erwiderte Karl und hob das Glas. Die Frage er├╝brigte sich, denn er schien an nichts mehr Interesse zu haben. "Zwei Gl├Ąser bitte", rief er der gerade vorbeischwebenden Stewardess nach.
"Zum Wohl", fl├Âtete es nach wenigen Augenblicken aus dem Hintergrund. Sie neigte sich nach vorn, zeigte ihr Dekollet├ę und stellte mit routinierter L├Ąssigkeit die perlende Erfrischung ab.
"Prost", Karl M├╝├čiger, f├╝r dich Karl." "Prost, Alfred Paschulke, Atze jen├╝cht".
Karl war froh ein wenig plaudern zu k├Ânnen und schilderte ohne Umschweife, dass er Anarchist, in einer Kom-mu-ne gelebt und gerade noch mal davongekommen sei. Weil Atze nicht wusste, was er sagen sollte, versuchte er zu l├Ącheln, was ihm aber nur ungen├╝gend gelang. Karl be-schrieb weiter, wie er nach Berlin kam und die Stra├čen so breit fand, dass er beim Abbie-gen fast in den Gegenverkehr gefahren w├Ąre. Wie er zum erstenmal arbeitslos wurde, ├╝ber Freiheit nachzudenken begann und wie er mit der schwarz-roten Fahne vom Anarchisten zum Sponti konvertierte. Dann, die schwere Zeit der kurzen Jobs, als Lagerarbeiter oder Fahrer, als Karl Arsch, der nur wenig zu verlieren hatte. Die intensivste Erfahrung aber war die verr├╝ckte Zeit in der Theatergruppe. Es ging um ein anderes Lebensgef├╝hl, um Sex und die Erkenntnis, dass Selbstverwirkli-chung der Sch├╝ssel zur Freiheit ist.
Das sich aber vor Tagen die Kommune, mit den nettesten Menschen, die er bis dahin kennen gelernt hatte, im Streit um Nichtig-keiten aufl├Âste, wo die gro├čen W├╝rfe schon getan, machte ihn doch sehr nach-denk-lich.
"...in wenigen Augenblicken landen wir auf dem Flughafen Yesilk├Ây in Istanbul, bitte schnallen sie sich an und stellen sie das Rauchen ein".

Die Maschine setzte sanft auf und rollte aus. Die Gep├Ąckabfertigung zog sich in die L├Ąnge. So sind nun mal die Orientalen, bei den unwichtigen Dingen genau, dachte sich Karl und blickte auf die Uhr. Sein Magen grummelte.
├ťber eine K├╝stenstra├če fuhr er nach Istanbul hinein und bis auf einen kurzen Blick auf das Topkapi und die dunkel dahinfliesenden Wasser des Bosporus bekam er nicht viel mit.
In Etiler, einem Stadtteil Istanbuls, angekommen, bezahlte Karl den Taxifahrer und stieg eine Holztreppe hinunter. Im 2.Stock hing ein Zettel an der T├╝r: Bin bis Mittwoch weg; konnte dich leider nicht mehr erreichen; Schl├╝ssel liegt beim Hausmeister, eine Treppe tiefer; hei├čt Turan ├ťren. Der Hausmeister wusste zum Gl├╝ck Bescheid. M├Âge Allah ihn besch├╝tzen. Den Schl├╝ssel locker um den Mittelfinger drehend, nahm Karl den letzen Anstieg.
BB hatte in einem Zimmer alles f├╝rsorglich eingerichtet. Er stellte seinen Rucksack in die Ecke, zog die Klamotten aus und legte sich aufs Bett. Nach einer Zigarette, die er nach wenigen Z├╝gen wieder ausdr├╝ckte, war er auch schon weg.

Der erste Gang durch BB's Wohnung lies ihn erschaudern. Sah alles verdammt nach Ikea aus.
Als er an der Galata-Br├╝cke ankam hatte er tierischen Hunger, denn zum Fr├╝hst├╝ck gab es nur Jakobs Dr├Âhnung. Also, nichts wie irgendwo rein. Gierig verschlang er ein Kebab-Yogurtlu und sp├╝lte mit einem Tee nach. So gest├Ąrkt sah die Welt gleich ganz anders aus. Karl wischte sich mit dem Handr├╝cken das Fett von den Lippen und verlie├č das Lokal.
Wieder drau├čen sp├╝rte er die W├Ąrme. Er sah noch den Arbeitslosen zu, die von der Galata-Br├╝cke aus ein paar Fische f├╝rs Mittagessen angelten, dann machte er sich Richtung Alten Basar auf.
Je n├Ąher er kam, desto voller und lauter wurde es. Er sah Wasserverk├Ąufer mit Plastikkanistern auf dem Kopf und Lastentr├Ąger die aben-teuerlich-dimensionierte Ballen schleppen. Ebenso war er fasziniert von den Schuhputzern und den an Ecken stehenden Zigarettenverk├Ąufer, die l├Ąssig eine Kippe im Mundwinkel hielten und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit: "Malabarra-Malbarra-Malbarra" riefen und noch Zeit fan-den, Touristinnen hinterher zu pfeifen.
Apropos Frauen. Karl war aufgefallen, dass weder in Restaurants, noch in den Cafes Frauen zu sehen wa-ren. ├ľffentlichkeit war wohl reine M├Ąnnersache.
Am Basar angelangt hatte er keinen Bock mehr auf Gedr├Ąnge und entschied, zum Hafen runter zu gehen. Kaum war man einen Stra├čenzug von der Hektik weg, wurde es beschaulicher. Er sah, wie zwei verschleierte Sch├Ânheiten, von Stra├čenseite zu Stra├čenseite, ein munteres Schw├Ątzchen hielten. Sicher ├╝ber die Wehwehchen der Kinder oder ├╝ber ihre M├Ąnner, die wieder einmal weggegangen waren. Karl f├╝hlte sich wohl, hatte unendlich viel Zeit und lie├č sich gem├Ąchlich treiben.
Als er jedoch den Hafen erreichte hatte, fiel es ihm zusehends schwerer, sich f├╝r die Sch├Ânheiten dieser Stadt zu begeistern, denn die F├╝├če taten weh. Er wartete bis das n├Ąchste Taxi vorbeifuhr, hielt es an und stieg ein. Auf Sardine, wie auf der Herfahrt im Bus, hatte er keine Lust mehr.
Kaum angekommen setzte er sich auf die Terrasse, wickelte sich in eine Decke und genoss den herrlichen Blick ├╝ber Istanbul.
Am anderen Morgen ging es ihm sehr schlecht. Er hatte ├╝ber Nacht die Schei├čerei gekriegt und wollte nichts mehr von dieser Welt wissen. Mittwoch kam BB zur├╝ck. Beim Fr├╝hst├╝ck war sie sehr mitteilungsbed├╝rftig und erz├Ąhlte ├╝ber die Arbeit am Alman-Lisesi (deutschsprachiges Gymnasium) und ├╝ber die Gier nach Vollkornbrot und gutem Bier.
Doch sie hatten sich verquatscht, wollten l├Ąngst weg sein.
"Wei├čt du eigentlich wohin wir fahren?" fragt BB und beantwortete die rhetorische Frage gleich selbst: ".....in das Viertel der Gauner und Diebe."
Selbst die gut organisierte Istanbuler Polizei zollte diesem Viertel ihren Respekt. Es werden sagenhafte Geschichten erz├Ąhlt. Unter anderem von Osman dem Fasan, der in seiner Frechheit soweit gegangen sein soll, dass er sogar die Bosporusbr├╝cke an Touristen verscherbelte.
Sie bogen nach dem Park von der Dolapdere Caddesi ab und hielten vor einem unscheinbaren t├╝rkisches Teehaus mit einfachen St├╝hlen und Tischen aus Holz. Obwohl sie sp├Ąt dran waren, zeigten sich keine Anzeichen von Hektik. T├╝rken gehen mit ihrer Zeit gelassener um, geben ihr Leben in Allahs H├Ąnde.
Was kommt, das kommt, so oder so.
Durch die ge├Âffneten Fl├╝gelt├╝ren des Versammlungsraum sahen sie, wie Tische und St├╝hle zusammengeschoben, rote Fahnen und Wimpel aufgeh├Ąngt und B├╝cher und Brosch├╝ren ausgelegt wurden. Die Vorboten und Riten einer linken Veranstaltung, wie ├╝berall auf der Welt. T├╝ren werden geschlossen, Zigaretten angez├╝ndet, Unruhe macht sich breit und die Luft wird immer bei├čender.
"Bettina, Bettina, sch├Ân, dass du auch da bist". Die Leute kommen in Bewegung, die Menge teilt sich und eine Blonde f├Ąllt BB in die Arme. "Darf ich dir Karl vorstellen, Besuch aus Berlin", sagte BB zu Ayla, zu Karl, "das ist Ayla, eine ehemalige Alman-Lisesi-Sch├╝lerin."
Die Beiden hatten sich lange nicht gesehen und quatschten gleich los. Das gab Karl Gelegenheit ein wenig zu beobachten. Ayla war blond und gro├č, BB klein und schwarzhaarig. Die Welt schien durcheinander. Doch im Grunde war es egal, denn Ayla hatte Ausstrahlung und das sie blond war, machte sie nur zus├Ątzlich interessant.
Ein schnauzb├Ąrtiger Mann tauchte pl├Âtzlich aus der Menge auf, r├Ąusperte sich und meinte zu BB, dass sie kommen solle, Murrat sei da. Sie wirkte aufgeregt, kramte ihren Autoschl├╝ssel raus, steckte ihn Karl zu und sagte: "Bis zum Wochenende bin ich wieder zur├╝ck."
"Die hat es in Antalya ja ganz sch├Ân erwischt", tuschelte Ayla.
Deshalb war sie also nicht da. Aber so sind Frauen, trauen keinem Mann.

Es war noch w├Ąrmer geworden, BB in Sache Liebe unterwegs und Karl schon wieder auf der Terrasse.
Es klingelte und er ├Âffnete. Ayla stand vor der T├╝r und hatte Backlava, dieses s├╝├če, klebrige Zeug, mitgebracht. Schelmisch grienend, meinte sie: "Es ist 16 Uhr, Zeit zum Kaffeetrinken, oder nicht?" Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Er bat sie mit einer eleganten Bewegung herein.
Bei Kaffee und Backlava er├Âffnete sie Karl, dass er zum Abendessen eingeladen sei, ihr Vater best├╝nde darauf. Typisch t├╝rkisch, dachte Karl, man wird verplant, ehe man davon wei├č. Aber er nahm an, obwohl er erfahren hatte, dass ihr Vater bei der Kripo war, und wenn er ehrlich sein darf, Bammel hatte er schon, denn erfahrungsgem├Ą├č kam er mit Bullen nicht so gut klar. Egal, ├╝ber Bord mit Vorurteilen, sie schaden den Entwicklungen im allgemeinen und den Beziehungen der V├Âlker im besonderen. Und es ging gleich weiter. Sie hatte sich n├Ąmlich ├╝berlegt, schon am Wochenende nach Deutschland zu fahren. Aber nur, wenn er mitfahren w├╝rde, denn nur so k├Ânnte sie sich die Verwandtschaft in Berlin vom Halse halten. Dieser geballten Ladung Energie hatte er nichts entgegenzusetzen und sagte zu.
Gleich anschlie├čend wolle sie ├╝brigens r├╝ber ins "befreite Gebiet" nach ├ťsk├╝dar, dort tr├Ąfe sie sich mit Frauen zu w├Âchent-lichen Lesekursen. Karl wisse doch, wie wichtig die Arbeit an der Basis sei.
Zuerst einmal verstand Karl nur Bahn-hof. Befreites Gebiet und ├ťsk├╝dar sagten ihm nichts. Ayla do-zierte, dass Anfang der Siebziger Jahre die Industrialisierung in der T├╝rkei enorm zu-genommen hatte und gro├če Elendsviertel, sogenannte Gece-condus, um ganz Is-tan-bul herum entstanden waren. Gececondu hei├čt: "├╝ber Nacht gebaut" und besagt, dass, nach t├╝rkischem Recht, ein so gebautes Haus nicht abge-rissen werden darf. So nahmen viele aus Anatolien die M├Âglichkeit war, in die Stadt zu zie-hen und am relativen Wohlstand zu partizipieren.
Aus der Rivalit├Ąt zwischen Linken und Rechten, die die Wichtigkeit der Gececondus erkannten und politisch an sich binden wollten, kam es immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen. Die Situation spitzte sich so zu, dass der Ministerpr├Ąsident B├╝lent Ecevit, um einen B├╝rgerkrieg zu verhindern, das Milit├Ąr ein-set-zen musste.

├ťsk├╝dar war ein reines Wohnviertel und von Elend zuerst gar nichts zu sehen. Doch nach ein paar Anweisungen, rechts, links,...endete die befestigte Stra├če abrupt. Es begann eine von Regenf├Ąllen aufgeweichte und mit tiefen Schlagl├Âchern ges├Ąumte Berg- und Talfahrt ins Ungewisse. Diese H├╝tten, ges├Ąumt von Rinnsalen aus Exkrementen, ├╝bertraf alles, was Karl in seinem bisher so beh├╝teten Leben gesehen hatte. Sie hielten vor einem schuppenartigen Geb├Ąude. Sofort waren sie von Kindern um-ringt, die dreist ihren Tribut forderten. Sie riefen: "Cikolata, Cikolata", und Karl kam sich vor wie ein Weihnachtsmann ohne Sack.
W├Ąhrend Ayla Kurse durchf├╝hrte bekam Karl jemanden zur Seite gestellt. Ali sprach ein wenig deutsch. - Je weiter sie vordrangen, desto erb├Ąrmlicher wurde alles. Man sah nur noch Blechh├╝tten, oft provisorisch vernagelt, h├Ąufig ohne Fenster und T├╝ren und mit Decken verhangen. Es gab keine Heizung und kein fliesendes Wasser, aber wie Ali nicht ohne Stolz bemerkte, auch keine Polizei. Dann wurde es schnell dunkel und Karl nahm es zum Anlass umzukehren. Doch bis sie wegkamen dauerte es eine Weile, das Abschiedszeremoniell durfte nicht verletzt werden, es w├Ąre unh├Âf-lich.

Besiktas ist eine gutb├╝rgerliche Gegend, in der pr├Ąchtige H├Ąuser standen. Vor so einem hielt Karl an. Es war eine kleine Villa, umgeben von einem Garten mit altem Baumbestand und wundersch├Ânen Blumen. Schon nach wenigen Sekunden trat ein Mann aus der T├╝r und ging auf Ayla zu, k├╝sste sie und gab Karl mit einem L├Ącheln die Hand.
Beim Essen erfuhr er, dass ihr Vater der j├╝ngste Polizeichef der Istanbuler Kripo war. Ansonsten hatte er li-berale Ansichten, w├╝nschte sich westliche Demokratie und freie Meinungs├Ąu├čerung. Aylas Mutter arbeitete als Wirtschaftsprofessorin in den USA und kam nur sporadisch nach Hause. Aber er habe ja viel Freude an seiner Tochter.
Darauf hatte sie gewartet. Zwar wehrte sich der Vater, doch als sie ihm zuckers├╝├č einfl├Âsste, dass sie dann auch garantiert studieren w├╝rde, willigte er ein. Sie durfte nach Deutschland fahren. Kurz darauf verabschiedete sich Karl.
Karl hatte alles zusammengepackt. Zu guter Letzt schrieb er ein kleines Briefchen an BB, warf die Autoschl├╝ssel auf den Tisch und ging nach unten.
P├╝nktlich wie die Maurer bogen Ayla und ihr Vater in einem schneewei├čen Benz um die Ecke. Der Alte wollte es sich nicht nehmen lassen, sie pers├Ânlich abzuliefern.

Es d├Ąmmerte als sie auf dem Flughafen Sch├Ânefeld landeten. Es war kalt, Winter in Deutschland. Sie nahmen den Bus zur Grenze, stiegen in den 41 um und fuhren durch Rudow, Neuk├Âlln zum Kottbusser Tor. Bis zur Reichenberger nahmen sie dann ein Taxi.
Der Hinterhof lag ├Âde da und in dem T├╝mpel, der sich durch den Regen gebildet hatte, zogen Abf├Ąlle und Ratten friedlich ihre Kreise. Dann ging es durch eine kleine T├╝r des Seitenfl├╝gels bis in den 4. Stock. "Hier wohn ich", meinte Karl und deutete auf das ziemlich abgefingerte T├╝rschild.
Drinnen war's nat├╝rlich arschkalt und so musste er gleich wieder runter, Anz├╝nder und Kohlen holen. Als er zur├╝ckkam, hatte Ayla schon ausgepackt und Wasser aufgesetzt. Doch Karl winkte energisch ab, er hatte keine Lust auf kalte F├╝├če. So machte er nur schnell Feuer, legte noch mal nach und schon waren sie unterwegs zur n├Ąchsten Pizzeria. Wieder zuhause, rollten sie sich gleich in ihre Decken und schliefen ein.
Die n├Ąchsten Tage verbrachten sie mit Sightseeing und Kino. Unter anderen sahen sie den Film Yol, den Ayla in der T├╝rkei nicht sehen konnte, weil Yilmaz G├╝ney sich zu kritisch mit den gesellschaftlichen Verh├Ąltnissen in ihrer Heimat auseinander setzt. Es waren leichte Tage, die sie miteinander verbrachten und sie merkten nicht, wie die Zeit verging.

Da Fritz noch einen Schl├╝ssel hatte, stand er pl├Âtzlich in der Wohnung und grinste unversch├Ąmt, weil ihm die ├ťberraschung gelungen schien. An verabredeten Zeiten war er nicht interessiert, dass waren f├╝r ihn Zwangsneurosen. Spontaneit├Ąt hingegen w├Ąre die einzige M├Âglichkeit, sich ein wenig echtes Leben zu bewahren. Er war ein harter Vertreter der direkten Aktion, der seinen Bakunin gelesen und nat├╝rlich seine abgerissene Lederjacke, mit der Aufschrift: Rentnernotschlachtdienst, an hatte. Das sei ein Zugest├Ąndnis an die vielen Alten in Berlin. Er verst├╝nde es als humanen Akt, die Menschen nicht ihrem Schicksal zu ├╝berlassen, sondern sie schonungslos ├╝ber ihre Zukunft aufzukl├Ąren.
"Haste dir ne Haremsdame zugelegt", feixte er und warf Karl einen anerkennenden Blick zu. Er konnte ja nicht wissen, dass sie alles verstand. Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Doch Fritz, gar nicht b├Âse, rieb sich die Backe und meinte, dass man sich nur so nahe k├Ąme. Seine Hand fuhr in die ausgebeulte Jackentasche und zog eine B├╝chse Hansa Pils heraus. Der Verschluss knackte und nach einem langen Zug stellte er die leere B├╝chse auf den Tisch. Dann kam er ins Erz├Ąhlen. Lastwagen fahren sei wie das Leben, der Weg ist das Ziel und erst ab 20 Tonnen h├Ątte man das Gef├╝hl, dass ei-nem keiner was kann. Er war eben ein Mann der Tat und er hasste seine Kollegen, die bl├Âkenden Schafe, die den Sinn des Lebens im Recht auf Arbeit und die paar Mark am Monatsende sahen.
Im Monolog seines Freundes erkannte Karl sich wieder und sp├╝rte, dass ihn der kurze T├╝rkeiaufenthalt ver├Ąndert hatte. Zwischen dem Elendsviertel von ├ťsk├╝dar und dem romantischen Idealismus lagen Welten. Hier der hedonistische Anarchist mit Krankenversicherung und Rentenanspruch und dort das nackte ├ťberleben. Als der Tisch voll und die B├╝chsen leer waren, meinte Fritz: "Wollt ihr vielleicht in die Walde mitkommen?"
Die Walde, eine Fabriketage, in der zwielichtige Gestalten, M├╝ll und gro├če Haufen Leder lagen, war das Zentrum der Anarchisten Westberlins. Das Leder wurde, wenn einer Bock hatte, zu Klamotten verarbeitet, der M├╝ll und die Gestalten blieben in der Regel liegen. Hier lebte man nach dem Motto: "Jeder nach seinen Bed├╝rfnissen". Da man sich aber ├╝ber die Bed├╝rfnisse nicht einig war, wartete man lieber ab.
Als sie in der Walde ankamen, wurde gerade ein St├╝ck eingeprobt. Auf einer B├╝hne stand ein Zwinger, in dem Hunde blutiges Fleisch in St├╝cke rissen. Dann setzte laute Punkmusik ein. Dies sei Agitprop-Theater und wie Fritz hinzuf├╝gte, der Schluss eines St├╝ckes ├╝ber den Einsatz der GSG 9 in Somalia.
Hatten sie den H├Âhepunkt des Tages verpasst? Man konnte es glauben, denn kurz danach lief alles wieder in gewohnten Bahnen. Man trank Kaffee oder Bier, drehte Zigaretten, rauchte, h├Ârte Musik und sah den spielenden Hunden zu.
Die ganze Szenerie erinnerte Karl an die Filme von Bunuel, nur war es hier nicht die Bourgeoisie, sondern die Kinder der Kleinb├╝rger, die Langeweile als Avantgardismus zu verkaufen versuchen.

Das Telefon klingelte. "Welcher Idiot ruft jetzt an", fluchte Karl voll im Tran, wickelte sich aus seiner warmen Decke und schlurfte zum Telefon hin├╝ber. Aylas Vater war dran. "Ayla, dein Vater " - "Was?" Doch ohne sich darum zu k├╝mmern, lies sich Karl ins Bett fallen und schlief wieder ein.
Es musste Nachmittag sein, als er erwachte, denn nur um diese Zeit verirren sich ein paar Sonnenstrahlen in diese dunkle Ecke. Ayla sa├č stocksteif und angezogen auf dem Bett, hatte die Arme um ihre Beine geschlungen und starrte die Wand an. Sie hatte total aufgequollene Augen und weinte leise vor sich hin. "Was ist los?", fragte Karl. Es dauerte eine Weile bis Ayla reagierte. Ihre Mutter war auf einem Flug von New York nach Los Angeles an einem Herzschlag ums Leben gekommen. Karl versuchte den Arm um sie zu legen, doch sie entzog sich ihm, da sie wieder von einem Weinkrampf gesch├╝ttelt wurde. Dann richtete sie sich aber auf und sagte mit klarer Stimme, dass sie schon alles klar gemacht h├Ątte. Heute Abend noch fl├Âge sie nach Istanbul zur├╝ck.
Wieder in der Forsterstrasse f├╝hlte sich Karl sehr allein. Er hatte nichts gelernt und sein Girokonto zeigte ihm die Rote Karte. Karl war, wie so oft, keinen Schritt weiter.

Er hatte an diesem Vormittag schon ├Âfters versucht Ayla anzurufen. Endlich ging sie ran: "Oh, was f├╝r eine ├ťberraschung. Bist du in Istanbul?" Sie schien sich zu freuen, war aber kurz angebunden.
Sie waren f├╝r den Nachmittag verabredet. So hatte er gen├╝gend Zeit das St├╝ck nach Besiktas hinunter mit einem Spaziergang durch den herrlichen Park der Universit├Ąt zu verbinden. Alles war in voller Bl├╝te, es zwitscherte aus allen Ecken und es roch nach Blumen und fri-scher Erde.
Als er ankam, trug Ayla gerade eine Kanne Tee zu einem Tisch im Garten, auf dem sie einen kleinen Imbiss, bestehend aus Schafsk├Ąse, Zwiebeln, Oliven, Tomaten und Brot, zubereitet hatte. Nach herzlicher Begr├╝├čung, sie sah immer noch ziemlich blass aus, setzten sie sich und Ayla sprudelte gleich wieder los. Schilderte, dass ihr Vater f├╝r 14 Tage auf einer Tagung in Ankara sei und sie es sch├Ân f├Ąnde, wenn er so lange zu ihr z├Âge.
Auf der Schlusssitzung trafen sich noch einmal alle Delegierten in ├ťsk├╝dar. Einer der letzten noch zu kl├Ąrenden Punkte: Der Transport von Flugbl├Ąttern und Plakaten f├╝r die einzelnen Gruppierungen, die an den Maidemonstrationen teilnahmen. Vorsorglich hatte man sich in einer verlassenen Felsenwohnung in ├ťrg├╝p, in der sich fr├╝her die Christen versteckten, eine Druckerei eingerichtet. Nun brauchte man noch je-manden, der alles unauff├Ąllig nach Istanbul brachte. Wie so oft setzte sich Murrat mit seinem Vorschlag durch, dass Karl und Ayla ein gutes P├Ąrchen abgeben, da sie bei der Polizei noch nicht so bekannt und den Trip als touristischen Ausflug tarnen k├Ân-nen. Ayla hatte auch gleich eine gute Idee. Sie erw├Ąhnte, dass ihr Vater den Merce-des dagelassen h├Ątte. "Den nehmen wir", platzte sie heraus.
Obwohl sie bis sp├Ąt in die Nacht hinein gequatscht hatten, wachten sie sehr fr├╝h auf. Nach einem kurzen Fr├╝hst├╝ck fuhr Ayla den Wagen aus der Garage, tankte voll und nach einer halben Stunde waren sie auf dem Weg nach ├ťrg├╝p.
Sie kamen flott voran und f├╝hlten sich wie Bonney & Clyde vor ihrem gr├Â├čten Coup. Wie im Traum flogen St├Ądte und D├Ârfer, Menschen und Landschaften vorbei. Das leise Pfeifen der Reifen und das Schnurren des Sechszylinders unterst├╝tzen nicht nur die friedliche Stimmung, sondern vergegenw├Ąrtigten ihnen, dass ausschlie├člich Gl├╝ckmomente die Endlichkeit des Seins vergessen lassen.
Dann das Schild: ├ťrg├╝p 50 Km.
Eine faszinierende Mondlandschaft tat sich auf. Das ├╝ber Jahrtausende, durch Wind und Wetter, zerkl├╝ftete Vulkangebirge war das Bizarreste, was Karl je gesehen hatte.
"Hier musst du abbiegen", sagte Ayla. - Gerade wollte Karl das Lenkrad einschlagen, da musste er auch schon scharf abbremsen. Eine Staubwolke verdeckte alles. Durch einen Schleier aus Staub trieben Polizisten eine aufgebrachte Menschenmenge aus der Stra├če. Geistesgegenw├Ąrtig knallte Karl den R├╝ckw├Ąrtsgang rein und stie├č in die Hauptstra├če zur├╝ck, wendete und fuhr in eine Seitenstra├če.
Vor wenigen Minuten explodierte in der Druckerei eine Bombe. W├Ąren sie schneller gefahren - nicht auszudenken. Unf├Ąhig einen klaren Gedanken zu fassen, sa├čen sie im Auto und sahen dem gespenstischen Treiben zu.

Murrat verschwand im Gef├Ąngnis und BB wurde aus dem Schuldienst entlassen und ausgewiesen. Man wollte keine diplomatischen Verwicklungen mit dem Nato-Partner Bundesrepublik Deutschland.

16 Jahre sp├Ąter.
Karl ist inzwischen freier Journalist und seit einigen Jahren Europaabgeordneter, zust├Ąndig f├╝r Asyl- und Menschenrechtsfragen. Er bereitet sich auf eine Reise ins Kur-dengebiet vor. Aktueller Hindergrund sind die Panzerlieferungen der deutschen Re-gierung an das t├╝rkische Milit├Ąr. Sicher besser bekannt unter dem rei├čerischen Auf-macher: "Leoparden k├╝sst man nicht!"
Gerade eben hat er ein Telefongespr├Ąch mit einem kurdischen Journalisten beendet. Ein Blick ├╝ber den Schreibtisch zeigt ihm, dass er alles erledigt hat. Auch die gro├če Reisetasche ist gepackt. In knapp einer Stunde fliegt er mit einer Delegation von Abgeordneten des Bundestages, Europarates und diverser Menschenrechtsgruppen nach Diyarbakir.

Im Hotel in Diyarbakir staunt Karl nicht schlecht, als sie ├╝ber Lautsprecher in einen separaten Raum gebeten werden. Der Saal ist festlich mit Blumen geschm├╝ckt und ein opulentes Fr├╝hst├╝ck wartet darauf, verschlungen zu werden.
Doch bevor das B├╝ffet er├Âffnet wird, tritt ein Gardeuniformierter vor: "Meine Damen und Herren, ich begr├╝├če sie hiermit offiziell....und hoffe sehr, dass wir ihre W├╝nsche nach Informationen ├╝ber die Befriedung der gesamten s├╝d├Âstlichen T├╝rkei erf├╝llen k├Ânnen."
Alle steigen in einen Bus der Luxusklasse ein. Liege- Schlafsitze, Klimaanlage und Toiletten sollen wohl verw├Âhnen. Die Fahrt geht ├╝ber Basnik, Siirt und ├╝ber Midyat, Mardin nach Diyarbakir zur├╝ck. Doch von Panzer oder zerst├Ârter D├Ârfer ist weit und breit nichts zu sehen. "Wollen die uns verarschen", denkt Karl und schie├čt ein paar Landschaftsfotos.
Zur├╝ck im Hotel wird Unmut laut. Auf die Ausflugstour angesprochen, die ja auch von jedem Reiseb├╝ro veranstaltet werden k├Ânnte, bleibt der Pressesprecher ausgesucht h├Âflich und l├Ąchelt. So als ob er nicht versteht, was gemeint ist.
Karl hat die Schnauze voll und geht ins Restaurant ein Bier trinken. Wie er so dasitzt und b├Âse in sein Glas schaut, schnappt er ein paar Wortfetzen auf, die er zuerst gar nicht zuordnen kann: "Are you care? - Of course". Neugierig dreht er sich um und sieht, wie zwei Typen ├╝ber eine Landkarte gebeugt, hitzig miteinander diskutieren. Kurz entschlossen geht er r├╝ber, stellt sich vor und erf├Ąhrt, dass sie ins Sperrgebiet fahren wollen. Sie sind professionell ausger├╝stet, verf├╝gen ├╝ber Nachtsichtgl├Ąser, ei-nen allradgetrieben Jeep, eine gutsortierte Fotoausr├╝stung und vieles andere mehr. Beste Voraussetzungen f├╝r das Gelingen dieser Mission.
Sie rasen durch die Nacht. Aus der Ferne h├Âren sie eigenartige Ger├Ąusche. Ist das Donnergrollen? Dann werden die Stra├čen schlechter und sie kommen nur noch sehr lang-sam voran. Am Horizont sind Lichterketten von im Konvoi fahrenden Autos zu se-hen. Sie fahren noch eine steile Anh├Âhe hinauf, verstecken den Jeep, holen die Nachtsichtgl├Ąser heraus und schauen ├╝ber die vor ihnen liegende Ebene. - Nichts.
Auf der Heimfahrt taucht pl├Âtzlich eine Stra├čensperre aus dem Dunkel auf. Sie halten vor dem Schlagbaum. Auf Anweisung eines Offiziers m├╝ssen sie aussteigen und die P├Ąsse zeigen. Als ein Soldat bei der Durchsuchung des Wagens die Fotoausr├╝stung findet, ist es mit Nettigkeiten vorbei. Ohne Erkl├Ąrungen rei├čt einer die Fahrert├╝r auf und zieht den Z├╝ndschl├╝ssel ab, dann werden sie in ei-nen Milit├Ąrjeep geschoben und m├╝ssen warten.
Als die Sonne aufgeht, werden die Aufpasser abgezogen und zwei Offiziere steigen vorne ein. Nach endloser Fahrt tauchen die Au├čenbezirke einer Stadt auf, dann geht es an einem heruntergekommenen Industrieviertel vorbei und auf ein eingez├Ąumtes Areal zu. Der Jeep braust durch ein breites Tor, dass von Wachposten flankiert wird. Milit├Ąrfahrzeuge werfen Schatten voraus.
Karl kommt in eine Zelle. Sp├Ąt abends wird er aus der Zelle geholt und in ein gro├čes Dienstzimmer gebracht. Dort sitzt ein h├Âherer Offizier am Schreibtisch und f├Ą-chelt mit einem Pass die Luft.
Mit einem L├Ącheln und in akzentfreiem Deutsch legt er los: "Wissen sie Karl, als ich damals von der Tagung zur├╝ckgekommen bin und Ayla war nicht da, hatte ich einen Schock. Es war zuviel f├╝r mich. Zuerst stirbt meine Frau und dann ist meine Tochter verschwunden.
Ich habe dann sofort versucht etwas herauszubekommen. Aber ich stie├č bei den verschiedenen Dienststellen in ├ťrg├╝p und auch bei meinen Vorgesetzten in Ankara nur auf Unverst├Ąndnis und Schweigen. Bis eines Tages ein Anruf von einem hohen General, der Politische Polizei, Abteilung Terrorismus kam, der mir erkl├Ąrte, dass Murrat zur An-titerrorbrigade "Kemal Atat├╝rk" geh├Ârte.
Die ganze Geschichte war eine von langer Hand geplante Staatsschutzaktion gegen die Gewerkschaften. - Aber ├╝ber den Aufenthalt meiner Tochter konnten sie mir nicht sagen."
Karl steht am Fenster, nickt und sieht in den Gef├Ąngnishof hinunter.





















































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