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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Spucke der Verachtung
Eingestellt am 11. 05. 2009 16:44


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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Olaf erschien als letzter unserer Clique, den Kopf eingezogen gegen den einsetzenden Regen. Mit grimmigen Augen blickte er sich um. Eine junge Frau im zerschlissenen Bluejeansanzug hautnah an seinen Fersen. Die smaragdgrĂŒnen Augen in ihrem hohlwangigen Vamp-Gesicht in anklagendem Zorn, die blaugefĂ€rbten Lippen hysterisch verkniffen. Über unserem Treffpunkt zog eine dĂŒstere Gewitterfront auf, den warmen Sommerwind auffrischend. Nach einem Monat der Abstinenz hatten wir uns wieder versammelt. Maik, Enzo und Kalli tollten bereits johlend auf dem kurzgemĂ€htem Rasen der Parkanlage herum. Dann eintrĂ€chtig, mit roten Miniröcken gekleidet, unsere drei Girls im Gleichschritt herbei, mitten durch die kleine Stadt, gemeinsam die Arme untergehakt.

Olaf strich sich mit einer fahrigen Handbewegung den feuchten, strubbeligen Blondschopf zurecht, schmauchte hastig an seiner Zigarette. Seine schlanke, entschlossene Verfolgerin, diese Steffi, war uns anderen unbekannt gewesen. „Bleib bei mir. Ich werde mich Ă€ndern. Bestimmt!“ Sie umarmte ihn. Er schubste sie von sich, eilte mit langen Schritten zu seinem VW-Bus, sie hetzte schluchzend hinterher, rutschte aus, stĂŒrzte zu Boden, erwischte noch sein linkes Bein, heftete sich mit beiden Armen daran, hartnĂ€ckig wie ein Tasmanischer Teufel. Nur mĂŒhsam konnte Olaf sie abschĂŒtteln, schleifte sie ein StĂŒck mit, bevor sie sich resignierend aus der Anklammerung löste. Erschöpft glitt ihr Kopf in eine WasserpfĂŒtze, ihre seidigen, schwarzen Haare verwandelten sich in schmutzige WollfĂ€den.

Unsere Girls signalisierten entrĂŒstet, dass ihnen diese Szene furchtbar peinlich war und wendeten sich gleich ab. Maik meinte: „Man, ist die Tante Ă€tzend.“ Enzo und Kalli spĂ€hten fragend zu Olaf hinĂŒber, der inzwischen an sein Auto gelehnt mit trotziger Miene dastand. Olaf winkte stumm und beschwichtigend ab.

Erste Blitze zuckten, der Regen nun in SchnĂŒren. Wir liefen geschwind zu Olafs Pkw, ohne Steffi noch eines Blickes zu wĂŒrdigen. Hatte keiner ihre Verzweiflung erkannt oder war sie nur hysterisch?

Tanja erwartete uns in ihrem Partykeller; beklemmendes Schweigen wĂ€hrend der Fahrt dorthin. Höflich lĂ€chelnd begrĂŒĂŸte sie uns. DĂŒrr wie ein Laufsteg-Modell war sie. Ihre blonde Kurzhaarfrisur ließ sie noch kesser und intelligenter aussehen. Spaßeshalber hatte ich einmal ihren Stirn-NasenrĂŒckenwinkel und den Oberlippen-Nasenstegwinkel gemessen. Die Werte entsprachen genau dem heutigen Schönheitsideal. Tanja kleidete sich elegant, war voller Erotik. Ihr abgeklĂ€rter, scharfer Geist und ihre Distanziertheit schreckten aber viele MĂ€nner.

Tanja und ich fanden uns auf Anhieb sympathisch, und so ist es geblieben. Man betrachtete uns als Paar. Wir hockten viel miteinander zusammen, betrieben gemeinsam die Hobbymalerei und kĂŒssten uns, an besonders glĂŒcklichen Tagen. Mit ihr hĂ€tte man ohne Schwierigkeiten eine Familie grĂŒnden können. Ihr konnte man unbedingt vertrauen, sie hatte keine Launen, ihre Fröhlichkeit jeden Morgen, wenn ich mit ihr aufwachen wĂŒrde. Aber wie lange könnte ich so ein Eheleben ertragen? Damals war ich neunzehn und hatte Bedenken, vor Langeweile zu verstauben.

Im Partykeller erzĂ€hlte Olaf uns dann endlich von seiner Verfolgerin im Park: „Steffi heißt sie. Ich lernte sie im „Joy“ in Hannover vor einer Woche kennen. Sie hatte gerade ihr Designstudium geschmissen und war ganz schön zugedröhnt gewesen. Ich ließ mich mit ihr ein. Kurz darauf merkte ich, dass sie Heroin nahm und sich prostituierte. Da war natĂŒrlich Trennung angesagt. Aber diese Klette will es nicht kapieren. Ich hĂ€tte ihr nicht von unserem Treffen berichten dĂŒrfen. Sie hatte schon versteckt auf mich gelauert; muss wohl hergetrampt sein.“

Und wieder ersteht vor mir das Bild dieser Steffi, trostlos ihr Gesichtsausdruck beim Abschied im Park, wie eine öde Polarlandschaft, aus welcher der eisige Wind jedes Leben vertrieben hatte. Ob sie noch in der PfĂŒtze verharrte? Ich musste immerzu an sie denken. Das Unfassbare ihres Wesens fassbar machen, das war es an ihr, was reizte. An Tanja war alles glatt, im Voraus zu berechnen, denn sie folgte stur den gesellschaftlichen Regeln, mit unerschĂŒtterlicher Vernunft. Doch Steffi erschien wild, unbeherrscht und unberechenbar. Ich konnte sie nicht mehr aus meinem Kopf verbannen, zu neugierig war ich, sie kennen zu lernen, ihre Motive zur Sucht zum Beispiel, fĂŒr mich Fremdland, und alles andere an ihr stellte ich mir damals abenteuerlich, geheimnisvoll vor, wie das Erforschen eines unbekannten Dschungels.

Ich sagte zu Tanja, ich hĂ€tte noch wichtige Arbeiten zu erledigen. Sie reagierte konsterniert und gekrĂ€nkt, hatte sie doch mit mir einen schönen Abend erwartet. Sie hoffte immer noch, dass wir ein echtes Paar wĂŒrden. Ich beeilte mich auf meinem Fußweg zur Parkanlage. Steffi kauerte in sich zusammengesunken auf einer Sitzbank, nahe der PfĂŒtze. Ihr buntes, ausgefallenes Hippie-outfit klebte von der NĂ€sse eng an ihrer gebrĂ€unten Haut, so dass ihre leichten weiblichen Rundungen unbeabsichtigt lockten. Die Haare schlingerten wie Wasserpflanzen vor ihrem Gesicht. Endlich ließ der Regen etwas nach. Ich tippte ihr auf die Schulter. TrĂ€ge schaute sie auf. Ihre Augen starrten verstört an mir vorbei; der Blick schien sich in einer Welt voller Entsetzen zu verlieren. Ihr Schluchzen klang bitter, wie ein letztes Seufzen vorm Sterben, ein ohnmĂ€chtiges Sich-Ausliefern in einen Psychotod, ein Eingefrorensein der Lebensfunktionen, wie bei geschockten Kaninchen kurz vor dem vernichtenden Zugriff des Bussards.

Es war zwar ein lauer Sommerabend, aber ein bisschen Wind und die durchnĂ€sste Kleidung, so was fĂŒhrt leicht zu einer ErkĂ€ltung. Mit bebender Stimme sagte sie mir, dass sie zehn Kilometer entfernt wohne, in Bargstedt. In dem Zustand hĂ€tte sie sicherlich keiner mitgenommen, und Busse fuhren um diese Zeit an Wochenenden hier nicht. So holte ich mein Auto von Zuhause, kramte eine Wolldecke daraus hervor und legte sie ihr um, schob meinen Arm behutsam unter Steffis und zog diesen feinen, störrischen Körper sanft zu meinem Wagen.

Stufe fĂŒr Stufe schob ich sie die Treppe zu ihrer Dachgeschosswohnung hoch, setzte sie dann in ihre Dusche. Wie ein braves Baby ließ sie sich von mir waschen. Ich sah ihre Einstiche am Arm. Nachdem ich sie trocken gerubbelt hatte, suchte ich ein paar KleidungsstĂŒcke aus den SchrĂ€nken zusammen, ein mĂŒhsames Unterfangen, weil alles durcheinander lag; so lag ein Socken eines zusammengehörigen Paares im KĂŒchenschrank, wĂ€hrend der andere sich im Nachttisch versteckt hielt.

Steffi saß leblos auf der Kante ihres breiten, französischen Bettes. Plötzlich riss sie ihren Slip herunter, warf die Beine auseinander und ließ ihren Oberkörper schlapp ins Bett fallen. „Gib mir fĂŒnfzig Mark, und du kannst mit mir machen, was du willst!“ Wie konnte sie sich nur derart entwĂŒrdigen. Pausenlos redete ich auf sie ein, dass ich ihr einen Therapieplatz besorgen wollte und sonstige Dinge, denn die Sucht war an allem Schuld. Es perlte sinnlos ab von ihr wie Regenwasser an einer Böschung.

Sie flehte mich an, nur dieses einzige Mal Stoff fĂŒr sie zu besorgen. Dann wĂŒrde sie Ruhe finden, und wir könnten ernsthaft ĂŒber eine Therapie sprechen. Der Schmerz in ihren traurigen Augen, das Zittern und Zucken ihres zerbrechlichen Körpers, der Anblick grenzenlosen Leidens, erzwangen mein Mitleid. Sie litt an erbĂ€rmlichen SchĂŒttelfrost, doch es war schwĂŒl und draußen blĂŒhten die Linden. Ich sagte schließlich, wir fĂŒhren in die Stadt, und der willenlose Körper setzte sich auf einmal energisch in Bewegung, galoppierte die Treppe hinunter zu meinem Pkw, dass ich MĂŒhe hatte, gleichauf zu folgen.

Die Lichter von Hannovers City rĂŒckten nĂ€her. Ich gab ihr 250 DM. In diesem Augenblick erschien sie mir ruhig; hĂ€tte ich ihn doch einfangen, stoppen können, die BuchenbĂ€ume hĂ€tten Äpfel getragen. Aber ich wartete im Auto, wĂ€hrend sie ihr SuchtbedĂŒrfnis mit Heroin befriedigte. Nach einer halben Stunde kam Steffi wieder, eine beschwingte, junge adrette Frau, ohne Sorgen, hĂ€tte man meinen mögen. Was war sie doch jetzt fĂŒr ein sĂŒĂŸes, agiles Geschöpf, sie wirkte nun entspannt, ihre wunderschönen Augen sehr vertrĂ€umt.

Ich war erstaunt, ĂŒber was man sich alles mit ihr unterhalten konnte, vom Zen-Buddhismus ĂŒber dadaistische Malerei bis hin zum Humeschen Induktionsproblem, und alles mit bereichernd verspielter Tiefe. AmĂŒsant fand ich auch ihren verrĂŒckten Versuch, mit Worten das Besondere des LĂ€chelns der Mona Lisa darzustellen. Und ich wusste, ich hatte eine SchwĂ€che fĂŒr solche Frauen, denn irgendwo in meiner Seele ist ein verstecktes, sehr individuelles KĂ€mmerlein mit einem bestimmten Code, und so eben nicht fĂŒr jeden zugĂ€nglich. Ich stellte ihr einige Fragen, die mein eigenstes VerstĂ€ndnis dieser Welt gegenĂŒber betrafen, und ihre Antworten trafen mich unerwartet wie Blitze; sie hatte den Code in mir geknackt.

Ein GefĂŒhl stellte sich ein, dass ich mit ihr eins wĂ€re, dass nur ein Herzschlag in uns erklingt; ein BedĂŒrfnis, sich ihr völlig auszuliefern, völlig hinzugeben, jede Kluft des Anderssein, die uns einsam vor den Mitmenschen einschließt, zu ihr aufzulösen. War es das, was man Verlieben nennt?

Am ĂŒbernĂ€chsten Tag ging ihr wieder der Stoff aus, ohne dass wir ĂŒber Therapie geredet hĂ€tten. Es war so schön mit ihr, dass ich auch wohl unbewusst dieses Thema mied. Sie wurde unausstehlich gereizt, schlug panisch auf mich ein, um gleich darauf wie ein Kleinkind zu jammern, dann schmiss sie eine Tasse durch den Raum. Ich konnte ihren stupiden, widerlichen Minotaurusblick nicht lĂ€nger ertragen und flĂŒchtete ins Bad, ließ Wasser in die Wanne ein, um bei einem entspannenden Bad ĂŒber unsere weitere Zukunft nachzudenken.

Plötzlich stĂŒrmte sie das Badezimmer und ĂŒberfiel mich in der Wanne, kratzte meinen RĂŒcken blutig. Ihre AugĂ€pfel wirkten steif und auch die Körperhaltung glich der einer Spastikerin, und abermals gebĂ€rdete sie sich wie eine Furie. Endlich erwischte ich sie, packte in ihre weichen Haare und zog sie in die Wanne, grub krampfhaft meine FingernĂ€gel in ihren zarten Nacken und riss ihr ruckartig das Fleisch auf. Blutschwaden von ihr und mir zogen in der Wanne umher, ihr Blick war immer noch leer. Ihr Körper schien wie ein unbewohntes Schneckenhaus, von ihr verlassen, wie der einer Mumie, und mir wurde plötzlich beklemmend klar, wie einsam ich ohne sie sein wĂŒrde. Ich ließ eiskaltes Wasser ĂŒber ihr Haupt laufen und schlug ihr mit der flachen Hand hart ins Gesicht, um sie zurĂŒckzuholen.

Erstaunt gaffte sie mich an, wie jemand, der gerade aus einer Ohnmacht erwacht. Sie schaute auf das in der Wanne treibende Blut. Ich merkte schmerzhaft, wie das Schaumbad in meinen Wunden brannte. „Was hab` ich getan? Was hab’ ich nur getan?“ stieß sie wimmernd heraus. Sie umarmte mich gierig. „Verzeih’ mir! Verzeih’ mir Liebling, bitte! Hilf mir! Ich brauche dich doch. Sei mir nicht böse!“ Ich zog sie ungestĂŒm an mich. Wir liebten uns rasch und mit voller Leidenschaft.

Wieder und wieder kaufte ich ihr Stoff. Nie mehr wollte ich sie in diesem Zustand sehen. So gingen einige Wochenenden mit ihr dahin. Dann hatte ich ausnahmsweise frĂŒher Feierabend und hörte sie und eine MĂ€nnerstimme in ihrem Schlafzimmer stöhnen und schreien, wie aus sexueller Lust. Leise schlich ich ins Wohnzimmer. Ein unbĂ€ndiges GefĂŒhl von Hass stieg bei jedem der lauten LiebesgerĂ€usche in mir auf. Wutentbrannt griff ich zu einem KĂŒchenmesser, trat mit einem gewaltigen Tritt die SchlafzimmertĂŒr ein, die mitten im Raum vor dem verdorbenen Bett landete. Sie hatte es mit einem hĂ€sslichen, alten Herren getrieben. Der Kerl sauste sofort zu dem Stuhl, auf den er sorgfĂ€ltig seine Sachen gelegt hatte, ergriff seine Schuhe und verschwand mit angsterfĂŒlltem Blick im Treppenhaus.

Da stand ich nun vor ihrem Bett, drĂŒckte den Messergriff so fest, als wollte ich Saft aus ihm herausquetschen. „Hast du es dir wenigstens gut bezahlen lassen?“ „Ja“, heulte sie. „Ich wollte nicht nur dein Geld.“ „Und deine Lustschreie, hat er dafĂŒr extra gezahlt?“ Sie glotzte mich verstĂ€ndnislos an, ließ sich vor mir auf den Boden gleiten, umfasste meine Fersen und winselte um Vergebung. HĂ€tte sie doch gesagt, sie habe kein Empfinden bei dem anderen gehabt, sie hĂ€tte etwa den Preis damit hochtreiben wollen. Ich schreckte vor meinem sich steigernden Hass zurĂŒck und mir wurde klar, dass ich sie mehr liebte, als ich mir eingestehen wollte und war unfĂ€hig, es einfach abzustellen. Die Nacht verbrachte ich unruhig hin und herwĂ€lzend auf dem Sofa.

Köstlicher Kaffeeduft und ein zarter Kuss von Steffi weckten mich am nĂ€chsten Morgen. Sonst hatte ich immer das FrĂŒhstĂŒck bereitet und Steffi nur mĂŒhsam aus den Federn bewegen können. Und jetzt stand auf einmal das tollste HippiemĂ€dchen der Welt vor mir, mit Flower-Mini, schwarzen NetzstrĂŒmpfen, Margeriten im Haar und einem faszinierenden LĂ€cheln um ihren sinnlichen Mund. Wenn sie eine Indianerin gewesen wĂ€re, hĂ€tte man sie bestimmt die „Kleine Morgenfrische“ genannt. Meine Eifersuchts- und EkelgefĂŒhle vom Vorabend waren abgeflaut. Ohne Worte schlĂŒrften wir besinnlich unseren Kaffee aus. Danach ĂŒberraschte sie mich mit einem kleinen Geschenk, einer drolligen, pummeligen Stoffeule in der GrĂ¶ĂŸe einer ausgewachsenen Ananasfrucht. Sie sagte: „Das von gestern tut mir leid. Aber es gibt so einiges in mir, was ich selbst nicht verstehe. Die Eule soll dir als Fetisch dienen, wie die Kugel einer Wahrsagerin, um dich zum konzentrierten Nachdenken anzuregen. Und ich hoffe, du erkennst, warum ich nur mit dir zusammenleben will und niemals etwa mit diesem Mann von gestern.“

Sie ging hinaus. Ich betrachtete eine Zeitlang das Kuscheltier. Ja, warum mochte sie mich eigentlich? Es mochte meine ZĂ€rtlichkeit, mein VerstĂ€ndnis und die unermĂŒdliche GemĂŒtswĂ€rme sein, die mich fĂŒr sie attraktiv machte. Und ich begriff plötzlich, wie Eifersucht all dieses verstĂŒmmeln wĂŒrde. Es mĂŒsste unertrĂ€glich fĂŒr sie sein, wenn ich als Gehörnter auftreten, nörgelnd einen Wall um sie mauern, nach Moral und Sitte schreien und mich in SelbstbeweihrĂ€ucherung und SelbstgefĂ€lligkeit ihr gegenĂŒber brĂŒsten wĂŒrde. Vieles wĂŒrde ich verlieren, was sie an mir geliebt hatte. Ich hatte keine Berechtigung, Rechenschaft von ihr zu verlangen fĂŒr ihre Taten; und betrogene MĂ€nner, die GefĂ€ngnisse um ihre Frauen errichten, werden zu deren meistverachteten GefĂ€ngniswĂ€rtern, und alle GefĂŒhle erlöschen.

Hatte mich die Kontemplation mit der Eule wirklich zu einer schlĂŒssigen Einsicht gefĂŒhrt, oder war es nur eine Art Schutzlösung, um die peinigende Eifersucht in mir zu neutralisieren? Ich war mir sicher. Zweifelsfrei war ich auf eine Lebensweisheit gestoßen, kĂŒsste die PlĂŒscheule, atmete erleichtert auf, rannte zu Steffi und nahm sie herzlich in die Arme. Was wĂŒrde ich denn tun, wenn sie mich nur noch passiv eifersĂŒchtig bewachen, ihren Charme, ihre Fröhlichkeit, ihre frivole NatĂŒrlichkeit, ja selbst ihren Wahn dagegen eintauschen wĂŒrde? Ich wĂŒrde sie natĂŒrlich verlassen. So blieb mir nichts ĂŒbrig, als diese Eifersucht in mir zu besiegen, nur so hoffte ich, Steffi fĂŒr ewig zu gewinnen, und begriff, wie sehr ich sie liebte.

Hinausschreien wollte ich mein GlĂŒck. Alle sollten es wissen. Abends lud ich sie in die hiesige Disco ein, betrachtete sie, wie sie sich am Spiegeltisch zurecht machte. Hatte ich nicht ein SupermĂ€dchen, mit der ich jeden Tag genießen sollte, an dem sie mich noch begehrte? Ich rauchte eine Pfeife voll „grass“ und konnte den Blick nicht von Steffi lassen. Wie sehr war ich ihr doch schon verfallen?!

Etwas angetörnt stĂŒrmten wir die Diskothek. Tanja verließ entrĂŒstet, mit vor Zorn sprĂŒhenden Augen, die RĂ€umlichkeiten, die anderen aus der Clique ebenfalls. Olaf sagte mir, dass ich ihm Leid tĂ€te. Aber es werde der Tag kommen, wo ich es einsehen wĂŒrde. Doch ich konnte Steffi nicht mehr loslassen. Und Tanja hĂ€tte den Schmutz einer Hure nicht ertragen können, der an mir unwiderruflich wie eine TĂ€towierung eingeĂ€tzt war. Steffi und ich tanzten ekstatisch bis zur Seligkeit. Völlig berauscht und erschöpft fielen wir gegen Morgen in ihr Bett. Selten habe ich so gut geschlafen.

Die nĂ€chsten Wochenenden war sie erneut ĂŒberflutet von reizbarer Unruhe und Zerfahrenheit in ihren Gedanken. Diese ZustĂ€nde hĂ€uften sich mehr und mehr. Ihr Verhalten wurde unertrĂ€glich. Es umfasste ein Spektrum von einem störrischen, trotzigen Kleinkind bis hin zu einer hektisch um sich schlagenden Bestie. Tassen und Teller gingen abermals zu Bruch. Und die Liebe zu Steffi forderte aufs Neue von mir Versuche, sie vom lebensbedrohlichen Heroin abzubringen. Die Folge meiner BedrĂ€ngnisse war, dass sie sich gĂ€nzlich von mir abwendete, und einen „Freund“ aus der Drogenszene kennen lernte. Ich erahnte ihren Untergang. Dann begegnete ich ihm mit Superschlitten, typischer ZuhĂ€ltertyp, groß, schlank, harte GesichtszĂŒge, schwarze Lederklamotten. Zwei etwas kleinere Herren in MaßanzĂŒgen begleiteten ihn, offenbar seine Gorillas.

Steffi wollte gerade zu ihnen in den Cadillac steigen, da ergriff ich sie am Arm, hielt sie zurĂŒck und redete beschwichtigend auf sie ein. Ich spĂŒrte, wenn sie mitfĂŒhre, wĂŒrde ich sie nicht wieder sehen, und sie wĂŒrden nicht nur ihren Körper vergiften, sondern auch ihre Seele weiter zerstören. Doch Steffi riss sich von mir los, die drei stiegen aus, schimpften mich einen Sozialprediger, der sich um seine Angelegenheiten kĂŒmmern solle. Krampfhaft umklammerte ich Steffi und flehte sie an, zu bleiben. Nun ergriffen mich die drei, zerrten und schleiften mich auf den breiten GrĂŒnstreifen am Straßenrand. Ich spĂŒrte ihre harten SchuhabsĂ€tze in meinem Gesicht, wieder und wieder immer hĂ€rter werdend. Regungslos blieb ich auf dem Bauch liegen. Endlich ließen sie von mir ab. Ich hörte wie sich ihre Schritte entfernten, dann das Schlagen der AutotĂŒren, hob vorsichtig meinen Kopf.

Warm rann mir das Blut aus einer Stirnwunde an der Nase vorbei, ich schmeckte es auf meinem Mund, dann tropfte es zwischen meine gespreizten Finger. Ich empfand keinerlei Schmerzen, registrierte das Geschehen kalt wie ein Roboter, blickte zwischen ein paar lĂ€ngeren Grashalmen hindurch gegen die untergehende Abendsonne auf die vier Meter vor mir entfernte Silhouette von Steffis Körper. Breitbeinig fordernd stand sie da, beschimpfte mich: „Du denkst wohl, du bist was besseres. Ich habe die Schnauze voll, nach deiner Pfeife zu tanzen. Geh` doch zu deiner Tanja, du Mistkerl!“ Und in ihren Augen war fĂŒr Sekunden wieder jene traurige Verzweiflung, wie damals, als sie in der PfĂŒtze zurĂŒckblieb, nur jetzt lag ich da unten am Boden. Ihr Gesicht verzog sich kurz zu einer Fratze, sie spuckte nach mir aus, dann hastete sie schluchzend weg, verschwand im Inneren des Cadillacs, der darauf davonbrauste.

Der Blutstrom aus meiner Wunde floss schon sachter, war aber immer noch warm und beruhigend. Steffis Spucke hatte sich nicht weit von mir an zwei schwÀchlichen Grashalmen gehÀngt, die sich unter der Last durchbogen. Ich beobachtete gebannt, wie die einzelnen BlÀschen, schillernde Facetten, eine nach der anderen zerplatzten. Das letzte, was mir von Steffi jetzt geblieben war - die Spucke ihrer Verachtung. Nein, ich wusste, sie liebte mich. Die Spucke galt ihr selbst.

Etwas Luftbewegung kam auf. Ein kleiner Teil der Spucke wurde hinweggerissen, ein winziges StĂŒck Gestalt gewordener Selbstverachtung, ertrinkend in einem gigantischen Kosmos.

Steffi habe ich nicht wieder gesehen. Ich hörte bald, sie sei an einer Überdosis Heroin auf einer schmutzigen, zugig-kalten Bahnhofstoilette elendig verreckt. Und alle Geborgenheit, die ich ihr geben wollte, alles Liebe, was ich ihr hĂ€tte noch sagen wollen, es bohrt unerfĂŒllt, wĂŒhlt und gĂ€rt rastlos in meinen Eingeweiden, solange ich lebe. Aber wenn mir jetzt mal eine Dame Verachtung entgegenbringt, dann ĂŒberwinde ich es mit Gelassenheit, weiß ich doch von der Bedeutung der Spucke meines MĂ€dchens, meines HippiemĂ€dchens, der Einzigen, die ich wirklich geliebt habe.

*


Version vom 11. 05. 2009 16:44

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