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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Spurlos
Eingestellt am 15. 11. 2002 20:57


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JennyP.
Hobbydichter
Registriert: Nov 2002

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Spurlos

Ich erinnere mich kaum mehr daran, wie wir uns kennen lernten. Es war irgendwann in der Schule. Sie war eine leichte Außenseiterin. Nicht, weil sie dumm oder ĂŒbermĂ€ĂŸig hĂ€sslich war. Sie passte einfach nicht in das Bild unserer Klasse. Ihr voluminöser Busen und ihr markantes Gesicht waren in ihrem Leben stets ein Hindernis.
Ich war ihre Freundin. Ich verstand sie und ich respektierte sie. Auf anderer Kritik und Kommentare gab ich nicht viel. Wir waren Freundinnen.
Es war unglaublich, welch Tatendrang wir entwickeln konnten um uns die Zeit zu vertreiben und unserer Umwelt etwas beweisen wollten. Das Einstudieren einer Choreographie und die gesangliche Abstimmung war wenig problematisch. Hindernisse stellten sich uns erst in den Weg, als wir unsere Performance vor Publikum vortragen sollten.
Auch audio-visuell ließen wir unserem schöpferischen Einfallsreichtum keine Grenzen. Drei Stunden geballte MĂ€dchen-Power auf einer Video-Kassette konnten sich schon sehen lassen. Angefangen mit dem modernen Kasperletheater (In den Hauptrollen: Poldi der Zahnlose Drache, Rumburack der schwarze Rabe, Muuh die weiße Milchkuh, nicht zu vergessen Barbie), kommerzielles Marketing (in Form von Hundefutter-Werbung: „Froot Loops fĂŒr Vierbeiner“), ĂŒber spannende und actionreiche Spielfilme (Homevideo presents: „Barbie auf dem Planeten Korsch“ oder „Weihnachtszeit im Schlumpfenwald“), bis hin zu fesselnden Horrorstreifen (proudly presents: „Messermord durch Schattenkampf“ und „Ketchup mit Biss“), gab es nichts, was wir nicht umsetzen konnten.
Egal wie schief und locker die Kamera auf dem Stativ stand. Ob nun ein Kopf oder zwei fehlten, war eher Nebensache. Conny in den Ausschnitt zu starren, taten sowieso alle viel lieber.
Mit einer Familienpackung Popcorn war dieses Meisterwerk mit viel Humor gut anzuschauen. Je mehr Zeit vergangen war, umso besser wurde unser Streifen. Ohne ein vor Lachen schmerzverzerrtes Gesicht konnte niemand mehr den Raum verlassen.
Ich ĂŒbernachtete oft bei ihr. Immer wieder wollte sie mich bei sich haben. Es war jedes Mal ein Spaß fĂŒr mich, wenn sie sagte, „ich habe fĂŒr dich extra mein Zimmer aufgerĂ€umt“.
Ich konnte stets erahnen, was mich erwartete, wenn ich die TĂŒr zu ihrem GemĂ€uer öffnete.
Das Fenster war geschlossen und die Jalousie heruntergezogen. Und doch war es nicht dunkel genug, dass ich das Chaos nicht erkennen konnte.
Ohne Pantoffel, war ihr Zimmer nicht zu betreten. Lauter SĂ€gespĂ€ne von ihrer WĂŒstenmaus, kleine Figuren aus Überraschungseiern und Essensreste mit und ohne Teller, bei denen das Verhaltsdatum seit Monaten abgelaufen war lag auf dem Teppich verstreut. Ihr großer lederner Sessel war nicht aufzufinden. Scheinbar schwebend hing ein riesiger Berg schmutziger WĂ€sche in der Luft. Das Bett, direkt daneben, war bezogen und glattgestrichen. TrĂŒgerisch. Darunter befand sich all das, was sich in kĂŒrzester Zeit schlecht entfernen lies.
Ich betrat ihr Zimmer mit einem lÀcheln, aber es erleichterte mich, es wieder zu verlassen.
Ihre Familie war liebevoll, nett und im allgemeinen durchschnittlich. Eine krĂ€ftig gebaute Mutter mit dem Sinn fĂŒr das Herzhafte und einem drahtigen Vater mit einem Diplom und der Lust des Bergsteigens. Sie hatte ebenfalls zwei Ă€ltere Schwestern. Beide liiert, bei denen die Kinder schon unterwegs waren. Conny war das NesthĂ€kchen.
Wir lernten gemeinsam fĂŒr die Schule. Ich half ihr und sie half mir. Wir wurden beide die Besten in der Klasse und ich somit zum Außenseiter.
Wieder holte sie die Vergangenheit ein, in der sie zuvor ein Außenseiter war. Conny wurde krank, immer wieder fehlte sie in der Schule und kapselte sich von mir ab. Ihr Aussehen verĂ€nderte sich ins Negative. Sie trug schwarz, nur noch schwarz und ließ sich ein Piercing in die Augenbraue stechen. Ihre Leistungen ließen nach und ihr Wille zerbrach.
Seit dem sind einige Jahre vergangen.
Ich bin im Moment dabei, mein Abitur zu machen. Als Nebenjob arbeite ich bei Veranstaltungen als Kellnerin und Barkeeperin. Ich habe meinen FĂŒhrerschein gemacht und möchte Publizistik in Berlin studieren. An meinen freien Wochenenden, schreibe ich, oder suche meine Geschichten auf der Strasse. Ich finde sie in Bars, in Discotheken und in meinem Freundeskreis.
Conny. Wo sie nun ist, weiß ich nicht. Sie scheint in ihrem Leben nicht voran gekommen zu sein.
Ihre Mutter rief mich an, „sie ist weg, spurlos verschwunden, ohne Abschied. Niemand weiß, wo sie hin ist.“
Ich verstand nicht. Weg?
All die Jahre dachte ich, ich hÀtte sie verstanden.
Ihre Mutter nahm mich ins Verhör, „hatte sie einen Freund? Hatte sie Probleme? Hatte sie Geldschulden? War sie schwanger? Nahm sie Drogen?“
Nicht eine dieser Fragen konnte ich beantworten. Und das war es nun. Die Freundin, die ich dachte zu kennen, war spurlos verschwunden, vielleicht schon nicht mehr am Leben und ich wusste nichts ĂŒber sie. Ich habe sie nie wirklich kennen gelernt. Alles was ich von ihr erfahren habe war oberflĂ€chlich und unwichtig gewesen. Es hatte keine Bedeutung mehr, denn ich war nicht in der Lage gewesen, in sie hineinzublicken und ihr zu helfen.

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damaskus
Guest
Registriert: Not Yet

Hmmm ... das ist es. Damaskus hat es gewusst. Er war auf der Suche und wurde fĂŒndig: Ein Jenny Text, der mir von hinten bis vorne gefallen hat. Bin ja so stolz, eine Kritik fĂŒr dich schreiben zu dĂŒrfen *schleim*
Aber im Ernst, die Geschichte hat Potential und Tiefgang. Da sind ein paar AllgemeinsÀtze drin, manche Stellen wirken ein bisschen abgehackt ("Ich war ihre Freundin.") Das steht irgendwie so plump und unbeholfen drin, scheinbar nutzlos implantiert, aber das ist nicht so schlimm. Die Geschichte sollte vielleicht ein bisschen abgerundet werden, aber insgesamt ein Text aus dem eigenen Erfahrungsbereich, der rundum verstÀndlich ist (was meiner Erfahrung nach so gut wie nie der Fall ist bei persönlichen Aufschrieben) und schön zu lesen ist er auch, *freu*

GrĂŒĂŸle
Damaskus

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visco
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Hallo JennyP.!

Auch mir gefĂ€llt Deine Geschichte richtig gut - zumindest bis »Ihre Leistungen ließen nach [..]«. Die Aussage, daß Connys Wille gebrochen sei, erscheint mir dann aber nicht schlĂŒssig, ebenso die geĂ€ußerte Vermutung, Conny sei in ihrem Leben nicht voran gekommen. Beides wĂŒrde ich weglassen.

Auch mit dem Schluß habe ich - zumindest in dieser Form - so meine Probleme. Die Gewissensbisse, welche die Ich-ErzĂ€hlerin nach Connys Verschwinden zu haben scheint (»[..] ich war nicht in der Lage gewesen, [..] ihr zu helfen.«), erscheinen wenig plausibel, denn ihre Freundschaft liegt doch inzwischen einige Jahre zurĂŒck (»Seit dem sind einige Jahre vergangen.«), und es ist wohl anzunehmen, daß beide schon lange keinen Kontakt mehr hatten (»Conny [..] kapselte sich von mir ab.«).
      Conny hat sich durch ihre VerĂ€nderung immer mehr von ihrer vormaligen Freundin entfremdet. Da wirkt es auf mich einfach unglaubwĂŒrdig, wenn diese viel spĂ€ter behauptet: »All die Jahre dachte ich, ich hĂ€tte sie verstanden.«. Das kann sie unmöglich annehmen, wenn sie die (fĂŒr sie abstoßende) Entwicklung ihrer Freundin schon nicht nachvollziehen konnte.
      Wirklich vermißt habe ich die ganz natĂŒrliche Sorge, Conny könne etwas zugestoßen sein. Durch das eher beilĂ€ufige »vielleicht schon nicht mehr am Leben« kommt mir das einfach zu kurz. Die Ich-ErzĂ€hlerin scheint Connys Verschwinden statt dessen sofort und ausschließlich auf deren Lebenswandel zurĂŒckzufĂŒhren, und das wirkt auf mich mangels dafĂŒr nötiger Hinweise oder Andeutungen (z.B. GerĂŒchte) wenig ĂŒberzeugend.
      Der an sich selbst gerichtete Vorwurf, sie hĂ€tte Conny eine bessere Freundin sein und damit vielleicht verhindern können, was unter UmstĂ€nden absehbar war, wĂ€re grundsĂ€tzlich ein prima Schluß, aber in dieser Form bleibt mir das einfach zu undeutlich. Schwarze Klamotten und ein Piercing sind zuwenig, um etwas anderes zu vermuten als das Naheliegenste, nĂ€mlich daß Conny das Opfer eines Gewaltverbrechens wurde.

Mein Vorschlag:
Liefere ein paar Anhaltspunkte, die die Gewissensbisse der Ich-ErzÀhlerin rechtfertigten.

Viele GrĂŒĂŸe,
      Viktoria

__________________
Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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damaskus
Guest
Registriert: Not Yet

Hmmm ... Viktoria, du hast dich wirklich mit dem Text auseinandergesetzt, in manchen Punkten stimme ich mit dir ĂŒberein. Aber ich denke, es verleiht dem Text an WĂŒrze, dass sie das Ende offen lĂ€sst. Das es undeutlich ist, Jenny hĂ€tte auch schreiben können: "Nach ein paar Jahren fand ich raus, dass sie gestorben ist" oder sonst einen Schwachsinn. Aber das offene Ende lĂ€sst mehr Raum fĂŒr eigene Gedanken. FĂŒr Menschen, denen vielleicht Ă€hnliches passiert ist.
Dem kurzen Text hĂ€tte es unnötige FĂŒlle gegeben, wenn sie weiter ausgeschweift wĂ€re und dargestellt hĂ€tte, dass der Verlust von Conny ihr was-weiß-ich-wie-viele Schmerzen bereitet hĂ€tte. Der Text lĂ€sst viel offen und ich finde, genau das sind seine StĂ€rken. Aber das ist nur meine Ansicht. Irgendwie kann ich deine Meinung auch verstehen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Damaskus

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