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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Strahlentherapie
Eingestellt am 14. 05. 2007 19:52


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HansSchnier
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Registriert: Mar 2007

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Das ganze Haus war mit Kaninchendraht ĂŒberzogen, fĂŒnf Meter hohe BambuswĂ€nde ersetzen die dorfĂŒblichen Hecken oder HolzzĂ€une. Herr MĂ€urer stand in der TĂŒr.
„Herr Schreiber, schön, dass sie hier sind. Und so pĂŒnktlich. Das kenne ich ja gar nicht von Ihnen.“
Der Mann am Treppenabsatz lachte jovial und streckte ihm bereits die Hand entgegen, obwohl Felix noch fĂŒnf Meter von seinem ehemaligen Klassenlehrer trennten. So oft war er wĂ€hrend seiner Schulzeit gar nicht zu spĂ€t gekommen, dachte er und beschleunigte seinen Schritt. Die hilfesuchende Haltung des Mannes, der jahrelang AutoritĂ€t ĂŒber ihn besaß, beschĂ€mte ihn.
„Guten Tag Herr MĂ€urer“, rief Felix in seine Richtung und folgte zĂŒgig dem Schall seiner Worte. Endlich hatte er die TĂŒr erreicht. Er wollte die BegrĂŒĂŸung schnell hinter sich bringen und ergriff die Hand seines GegenĂŒbers.
„Na dann mal rein in die gute Stube. Oder sollen wir direkt zum Mast gehen?“, fragte MĂ€urer.
„Das können wir spĂ€ter noch machen.“

Der Flur war dunkel. StaubmĂ€use zogen sich die Fußleiste entlang. Eine verdörrte Topfpflanze stand auf einem SchrĂ€nkchen.
„Mein Wohnzimmer ist quasi das Hauptquartier“, sagte MĂ€urer beim Eintritt in den gerĂ€umigen Raum, in dem die Deckenlampe fĂŒr steriles Licht sorgte. Die Fenster waren mit schwerem Stoff verhĂ€ngt, ein Computertisch stand in der Ecke. Auf dem Monitor prangte ein Aufkleber: www.mastbruch.de.
„SpezialvorhĂ€nge, die die Strahlung absorbieren“, referierte MĂ€urer, der den Blick seines ehemaligen SchĂŒlers bemerkt hatte. „Dass Sie mal Journalist werden wĂŒrden, hĂ€tte damals auch niemand gedacht. Aber gefallen mir gut Ihre Artikel. Lese ich gerne.“
Felix wusste nicht recht wie er antworten sollte. „Danke. Freut mich zu hören“.

Rund neun Jahre war es her, dass er das erste Mal in dem Haus war. Herr MĂ€urer hatte die ganze Klasse eingeladen, die Abschlussfahrt sollte geplant werden. Frau MĂ€urer hatte gekocht. Obwohl die Möbel, bis auf den Computertisch, damals die selben waren wie heute, war das Zimmer ein anderes. Damals erschien es Felix ĂŒberraschend wohnlich, die AtmosphĂ€re den Abend ĂŒber war gelöst, wofĂŒr in erster Linie Frau MĂ€urer verantwortlich war. Jetzt erschien ihm der dunkle Raum lebensfeindlich. Ihm war unbehaglich. Er wollte die Geschichte so schnell wie möglich hinter sich bringen.

„Sie scheinen ja recht gut geschĂŒtzt zu sein. Kommt in diesen Raum ĂŒberhaupt noch Strahlung rein? “, fragte er, um schnell zum Thema zu kommen.
„NatĂŒrlich. Daran Ă€ndern auch die Schutzmaßnahmen nichts. Sie nehmen zwar Strahlung auf, aber ganz verhindert werden kann sie nicht. Ich zeige es Ihnen.“
Hektisch begann er sich umzuschauen und leise „Wo habe ich es nur?“ zu murmeln. Verloren stand er im Raum, und erst jetzt bemerkte Felix, wie stark sein ehemaliger Lehrer gealtert war. Die Spuren der Zeit hatten sich nicht langsam und anschmiegsam wie ein feines Tuch ĂŒber MĂ€urer gelegt, sondern das Alter schien ihn erbarmungslos und hinterrĂŒcks heimgesucht zu haben.
„Kleinen Moment, Herr Schreiber. Bin gleich wieder da.“

Felix schaute sich ein wenig im Raum um. Seine Augen flogen ĂŒber die eingestaubte Bibliothek, in der ihm eine ledergebundene Ausgabe von Kleists „Michael Kohlhaas“ auffiel. Mit diesem Text hatte MĂ€urer ihn in der achten Klasse gequĂ€lt. Damals hasste er den Text. Erst im Studium begann er, dem alles zefressenden Kampf zwischen Kohlhaas und dem Rest der Welt etwas abzugewinnen. Heute zĂ€hlte Kleists ErzĂ€hlung zu seinen Lieblingstexten.

Mechanisches Tocken weckte ihn aus seiner Erinnerung. MĂ€urer hielt ein weißes GerĂ€t mit kleinem Display in den HĂ€nden, an dem eine grĂŒne Antenne angebracht war, die Felix an einen Weihnachtsbaum erinnerte. Das GerĂ€t war Ursprung des anstrengenden GeigerzĂ€hler-Getockes.
„Sehen Sie. 423!“, rief MĂ€urer triumphierend und zeigte auf das Display.
„423? Ist das die Strahlung, der wir hier ausgesetzt sind? Ist das hoch?“
Felix begann nun seinen Notizblock aus der Tasche zu kramen.
„Ein 100stel von der Strahlung, der Sie draußen ausgesetzt sind. Aber immer noch schlimm genug. Schlafen wĂŒrde ich hier nicht mehr. Aber warten Sie nur, bis ich Ihnen die Werte im ersten Stock gezeigt habe.“
MĂ€urer hielt das GerĂ€t vor sich wie eine WĂŒnschelrute und verließ den Raum. Das Tocken nahm zu. Felix folgte ihm die Treppe hinauf.

„1280“, rief der alte Mann am Treppenabsatz. „5020“, auf halbem Weg und „11924“ am Schlafzimmerfenster, das durch die Maschen des Kaninchendrahtes direkten Blick auf eine Sendeantenne bot, die auf dem Dach eines grauen QuadratgebĂ€udes montiert war.
Der Raum war hell, die Sonne schien herein und Staub tanzte im Licht. Obwohl die Luft stickig war, hatte das Zimmer etwas Freundliches. Das Bett war gemacht und mit einer Tagesdecke ĂŒberzogen. Auf den Kommoden zur Linken und zur Rechten des Bettes standen Bilder von Herr und Frau MĂ€urer, mal einzelne PortrĂ€taufnahmen, mal Bilder, die beide zeigten. Felix verglich den Mann auf den Bildern mit dem erheblich dĂŒnneren MĂ€nnlein, das vor ihm stand und bemerkte mit Schrecken dessen Verwahrlosung. Die zu große braune Cordhose war speckig. Auf dem abgetragenen Hemd lagerten sich Schuppen ab, und das ins Weiße ĂŒbergehende Haar war fettig und zerzaust.

„11924. Die Gleiche Strahlung wie in einer Mikrowelle. Innerhalb von einer Stunde erhöht sich Ihre Körpertemperatur um 0,3 Grad.“, sagte MĂ€urer und zeigte auf die Antenne gegenĂŒber. „Alles wegen der da!“
„Sie bewohnen den ersten Stock gar nicht mehr?“, fragte Felix.
„Sie haben den Wert doch gesehen. Undenkbar. Und Sie wissen schließlich, was die Strahlung mit meiner Frau angerichtet hat.“

MĂ€urers Frau war seit einem Jahr tot. Sie war an Krebs gestorben. In den ersten Monaten nach ihrem Tod hatte MĂ€urer kaum das Haus verlassen, bis er plötzlich mit einer Petition von TĂŒr zu TĂŒr ging und Unterschriften gegen den Handymast sammelte, selbsternannte Experten einlud und Infoabende veranstaltete. Felix Mutter, die etwas abseits des Dorfes wohnte, hatte ihm die Geschichte kĂŒrzlich erzĂ€hlt. Wenige Tage spĂ€ter meldete sich MĂ€urer in der Redaktion. Felix hatte eigentlich keine Lust, die Geschichte zu ĂŒbernehmen. Doch dem Ressortleiter gefiel sie. Da stecken Emotionen drin, klein gegen groß, sowas brauchen wir - und die Diskussion war beendet.

„Die Ärzte waren sicher, dass sie sich vom GebĂ€rdmutterkrebs erholen wĂŒrde,“ setzte MĂ€urer seinen Gedanken fort. „Die Therapie war gerade beendet. Und dann wurde der Mast aufgestellt. Ein halbes Jahre spĂ€ter...“ MĂ€urer schwieg einen Moment und schaute durch seinen StrahlenkĂ€fig.
„Das die Strahlung Krebs fördert ist mittlerweile unwiderlegbar bewiesen“, fuhr es aus ihm hervor. „Und ich habe es ja an mir selber gemerkt, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit. Sowas bildet man sich ja nicht ein. Und wenn Sie sich mal umhören in der Nachbarschaft. Herr Steiners Kaninchen fressen urplötzlich ihre Jungen. Der JĂŒngste von Austs hat massive Konzentrations- und LernschwĂ€chen. Und Frau Schmidt von nebenan, Hautauschlag. Haben Sie zufĂ€llig auf die ObstbĂ€ume in der Nachbarschaft geachtet? Tragen alle kaum noch FrĂŒchte. Und Vögel, Vögel hört man auch keine mehr. Das ist doch kein Zufall!“

MĂ€urer holte einen Hefter hervor, den er unter den Arm geklemmt die ganze Zeit mit sich herumschleppte.
„Sehen Sie. Ich habe das untersuchen lassen. Eine Expertin, Frau Dr. Beisam, war hier. Sie hat bestĂ€tigt, dass der Mast fĂŒr all das verantwortlich ist.“
Felix wunderte sich nicht, gerade diesen Namen zu hören. In seiner Vorabrecherche war er regelmĂ€ĂŸig auf den Namen gestoßen. Die Medizinerin war einer von wenigen Menschen mit Doktor-Titel, auf den sich Strahlenopfer stĂŒtzen konnten. Zwischen titelfreien Naturheilpraktikern und Seelenkundlern war sie eine Art Schutzpratonin der Verstrahlten. Sie zog von Dorf zu Dorf und bestĂ€tigte verĂ€ngstigte Anwohner in ihrer Angst. Auf ihrer Homepage konnte man sie auch fĂŒr VortrĂ€ge buchen und SpezialgerĂ€tschaften, vermutlich auch den Tannenbaum-GeigerzĂ€hler, kaufen.

„Wenn Sie weder hier, noch im Wohnzimmer schlafen, wo dann?“, fragte Felix.
„Im Keller. Hier oben schlafe ich seit Hildas Tod nicht mehr. Langsam merke ich, wie mein Körper sich von der Strahlung erholt. Mittlerweile schlafe ich nachts wieder durch und fĂŒhle mich auch wieder aktiver. Das ist auch bitter nötig, schließlich habe ich eine Aufgabe.“
„Den Kampf gegen Handymasten?“
„Dabei geht es ja gar nicht um mich. Es kann doch nicht sein, dass ein paar Weltkonzerne, Yuppies und Politiker uns alle krank machen. Nur fĂŒr den Profit und nichtsagendes BlaBla vor Kaffeebuden. Und wir Opfer sind meist zu schwach, uns zu wehren. Das ist ja das Perfide.“

„Können die Erkrankungen keine anderen GrĂŒnde haben?“, wagte sich Felix vorsichtig hervor.
„Jetzt fangen Sie ja schon an wie die. Glauben Sie, wir bilden uns das alles ein? Schauen Sie mal. 30 Familien aus der Nachbarschaft haben die Petition unterschrieben. Und hier: Die Symptome. Alles ordentlichst aufgefĂŒhrt.“
„Aber die staatlichen Richtwerte werden von der Antenne nicht ĂŒberschritten, das habe ich vorab in Erfahrung bringen können.“
„Richtwerte! Haben Sie sich mal gefragt, wer diese Richtwerte aufstellt? Fragen stellen ist doch Ihr Beruf. Genau die selben, die die UMTS-Rechte fĂŒr 50 Milliarden verkauft haben und denen Anteile an T-Mobile gehören. Und wer finanziert denn die Forschung? Glauben Sie unsere Initiative könnte sich ein Gutachten leisten. Nein. Das können nur die großen Unternehmen. Unser Gutachten ist unser Leid.“

Felix merkte, dass es keinen Zweck gehabt hÀtte, zu diskutieren. Genau so gut hÀtte er versuchen können, dem Dorfpfarrer den Glauben an Gott auszureden.

„MĂŒssen noch mehr Menschen sterben, bis endlich gehandelt wird?“ Das MessgerĂ€t pochte fortwĂ€hrend, als applaudierte es MĂ€urer. Felix wollte antworten. Setzte an, ohne zu wissen, was er sagen sollte und verstummte plötzlich. Das Zittern in seiner Hosentasche bemerkte er als erstes, vernahm dann das Brummen des Vibrationsalarms, und schließlich ertönte die Klingel-Fanfare seines Handys.

MĂ€urer betrachtete ihn fassungslos. Felix versuchte den Anruf umstĂ€ndlich wegzudrĂŒcken. Doch so oft er auf die Taste mit dem roten Telefon seinen Finger presste, es half nicht. Sie klemmte mal wieder. Er musste warten, bis die Mailbox endlich ansprang.
MĂ€urer verfolgte die Szenerie mit angewidertem Entsetzen. Das verlegen genuschelte „Äh, Verzeihung“ konnte er jetzt genau so wenig akzeptieren wie vor zehn Jahren Störungen des Unterrichts. MĂ€urer zeigte wutentbrandt in Richtung Treppe. „Felix, raus!“


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maerchenhexe
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hallo Hans Schnier,

eine ErzĂ€hlung die, mit Schmunzeleffekt geschrieben, doch einen ganz traurigen Hintergrund hat. Denn wie sollte MĂ€urer wohl den Tod seiner Frau ĂŒberwinden und seinem restlichen Leben noch einmal ein Ziel geben, wenn er nicht einen "Schuldigen" gefunden hĂ€tte: den Funkmast! Deine ErzĂ€hlung hat mir sehr gefallen.

lieber Gruß
maerchenhexe
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be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

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