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Leselupe.de > Erzählungen
System Methusalem
Eingestellt am 20. 01. 2008 13:03


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Raniero
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System Methusalem


Als Simon Laublöffel den Brief von der Versicherungsanstalt öffnete, erstarrte er zur Salzsäule.
Er wollte und konnte es nicht glauben, was er da las.

In schönstem Behördendeutsch teilte ihm die Versicherung mit, dass er aufgrund der allgemeinen demographischen Entwicklung im Lande mit der Auszahlung seiner ersten monatlichen Rentenzahlung laut beiliegendem Rentenbescheid nicht vor seinem ordnungsgemäß festgestellten und beurkundeten Tod zu rechnen hätte.
„Das kann doch nicht wahr sein“ stöhnte Simon, „da hat man quasi das ganze Leben lang gearbeitet und freut sich auf den Ruhestand, und da sagen die, dass man die Rente erst nach dem Tod erhält! Was sind das denn für Methoden?“

Erbost griff er zum Telefon und wählte die Nummer des Sachbearbeiters der Versicherung.
„Guten Tag“ erklang eine männliche Stimme im imperativem Tonfall am anderen Ende der Leitung, „Sie sind verbunden mit der Allgemeinen Rentenversicherungsanstalt, mein Name ist Olaf Lahnemann. Nennen Sie mir bitte Alter, Geschlecht und Versichertennummer, in dieser Reihenfolge.“
Simon zeigte sich nicht wenig verblĂĽfft, aber er gehorchte.
„Also, Herr Laublöffel“ klang es nach einigen Sekunden erneut, „Sie sind’s. Ich habe hier Ihre Daten vor mir. Was kann ich für Sie tun?“
„Ja, Herr Lahnemann, ich bin ganz außer mir“ antwortete Simon Laublöffel, „ich habe soeben meinen Rentenbescheid mit einem Begleitschreiben erhalten, da steht ja etwas Entsetzliches drin!“
„Etwas Entsetzliches? Ich verstehe Sie nicht. Was steht denn da drin?“
„Na, ja, dass ich meine Rente erst nach meinem Tod erhalte.“
„Ach so, das meinen Sie. Das ist doch nicht entsetzlich, Herr Laublöffel. So einen Brief haben unzählige Versicherte in den letzten Tagen erhalten.“
„Wie bitte?“
„Nun ja, Herr Laublöffel, das verhält sich so. Nachdem in der letzten Zeit immer wieder Versuche gestartet wurden, seitens unserer Regierung aber auch seitens einer Unmenge von sogenannten Spezialisten, durch immer weiter nach hinten geschobene Renteneintrittsaltersdaten dem demographischen Wandel gerecht zu werden, haben wir Rentenversicherer uns zusammengesetzt und gesagt: Schluss mit dem Unsinn, wir verunsichern die Menschen ja immer mehr, dabei ist es doch unsere Aufgabe, sie zu versichern statt zu verunsichern, nicht wahr, hahaha. Kleiner Scherz meinerseits. Sind Sie noch dran?“
„Ich höre, Herr Lahnemann.“
„Das ist gut. Doch im Ernst, so konnte es ja nicht weitergehen, mit dem ständig verlängerten Renteneintrittsalter, der letzte Stand war, wenn ich mich recht erinnere, bei einhundertzehn Jahren. Aus diesem Grunde haben wir unseren fähigsten Mathematiker beauftragt, einmal eine Gegenrechnung aufzustellen.“
„Eine Gegenrechnung? Wie meinen Sie das?“
„Nun ja, wir haben uns gedacht, statt weiterhin das Renteneintrittsalter linear zu erhöhen, dieses Eintrittsalter individuell zu gestalten.“
„Individuell zu gestalten?“ freute sich Simon, „heißt das, ich kann selbst wählen, wann ich in Rente gehe?“
„Im Prinzip ja, Herr Laublöffel, doch mit dem Selbstwählen, das ist so eine Sache. Sie können praktisch sofort in Rente gehe, wenn Sie, na, ja, den hinteren Teil Ihres Nachnamens abgegeben haben; kleiner Scherz meinerseits.“
„Den hinteren Teil meines Nachnamens? Über so einen Scherz kann ich nicht lachen.“
„Entschuldigen Sie, Herr Laublöffel, ich wollte damit nur sagen, dass Sie, salopp ausgedrückt, sofort in Rente gehen können, wenn Sie Ihren Löffel abgegeben haben. Wenn es sein muss, noch am gleichen Tage. Sagen Sie selbst, individueller geht’s wirklich nicht.“
„Aber was habe ich denn dann noch von meiner Rente“, begehrte Simon Laublöffel auf, „wenn ich gestorben bin?“
„Diese Frage, lieber Herr Laublöffel, ist durchaus berechtigt, und wir haben uns damit hinreichend beschäftigt, und nach reiflicher Überlegung kamen wir zu dem Schluss, dass diese Frage falsch gestellt ist und man sie so auch nicht beantworten soll. Die Frage muss nicht lauten, was habe ich von meiner Rente, wenn ich gestorben bin, sondern was brauche ich eigentlich noch, wenn ich tot bin? Und ehrlich gesagt, die Antwort fiel uns relativ leicht, denn, seien wir mal ehrlich, brauche ich denn dann überhaupt noch etwas? Sie müssen die ganze Angelegenheit von dieser Perspektive aus betrachten, dann haben Sie die Lösung. Eine Lösung, zu der unser glorreicher Mathematiker auch erst nach Wochen intensivsten Brainstormings gelangt ist, wir nennen sie das System Methusalem.“
„Das System Methusalem?“
„Exakt! Die Menschen können alt werden, wie Methusalem, doch sie kriegen keine Rente, zumindest zu Lebzeiten nicht.“

Simon Laublöffel wurde nachdenklich.
„Von dieser Seite habe ich die Sache, ehrlich gesagt, noch nicht betrachtet. Grundsätzlich ist das sicher keine schlechte Idee.“
„Keine schlechte Idee? Na, hören sie mal, das ist die Idee des Jahrhunderts, unser Mathematiker erhält dafür in Kürze den Nobel-Preis für Ökonomie.“
„Donnerwetter! Eine Frage hätte ich da noch, so ganz pragmatisch, zum Procedere des Ganzen.“
„Bitte.“
„Wie läuft denn der Eintritt in die Rente bei Ihrem System ab?“
„Nichts einfacher als das, guter Mann. Sobald Sie verstorben sind, kommen Sie zu uns und füllen das erforderliche Formular aus. Sie können das ruhig sofort machen, Sie brauchen nicht bis zu Ihrer Beerdigung zu warten. Im Gegenteil, kommen Sie lieber vorher, denn wie man aus Erfahrung weiß, ist man bei der eigenen Beerdigung zu sehr abgelenkt und hat den Kopf nicht frei. Kommen Sie aber bitte in gedeckter Kleidung, dem Anlass entsprechend.“
„Ich bedanke mich für die freundliche Auskunft, Herr Lahnemann, eine letzte Frage hätte ich aber noch.“
„Fragen Sie, mein Lieber, fragen Sie.“
„Gesetzt den Fall, ich werde sehr alt. Was soll ich eigentlich so lange machen, bis zu meinem Renteneintritt?“
„Na, arbeiten, mein Bester, was sonst. Arbeit hat wirklich noch keinem geschadet.“


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